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Neuronale Resonanz und Habitus: Probleme des Verhältnisses zwischen neuro- und kultur-wissenschaftlichen Kommunikationsmodellen

Bachelorarbeit 2006 46 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition: Kommunikation
1.1. Etymologische Wurzeln
1.2. Kommunikationstechnische Definition
1.3. Vorschlag einer Definition für den Zusammenhang dieser Arbeit

2. Definition: Resonanz
2.1. Etymologische Wurzeln
2.2. Naturwissenschaftliche Definition
2.3. Resonanz in autopoietischen Systemen
2.4. Neuronale Resonanz

3. Spiegelneurone – ein neurowissen-
schaftliches Kommunikationsmodell

3.1. Handlungserkennen durch Spiegelneurone
3.2. Vokale Gesten und Spiegelneurone
3.3. Spiegelneurone und das Erkennen

4. Habitus als generative Grammatik der Handlungen
4.1. Habitus – Erkenntnisinstrument zwischen Subjekt und Objekt
4.2. Körper als Erkenntnisinstrument im Habitusmodell
4.3. Spiegelneurone und Habitus

5. Verkörperte Kognition
5.1. Inszenierung einer nicht vorhandenen Welt
5.1.1. Farbe als Wahrnehmungsproblem
5.1.2. Farbe als Problem der Kognition
5.2. Verkörpertes Handeln als Basis der Kognition
5.3. Körperlichkeit der Wahrnehmung und Kognition

6. Spiegelneurone, Habitus und verkörpertes Handeln

7. Autopoietische Systeme, Neuronale Resonanz und Habitus

8. Literatur

Bemerkung zur neuen Rechtschreibung

1. Einleitung

In einer Seminararbeit des Seminars „Kommunikation – kulturwissenschaftlich“ bin ich zum ersten Mal auf die sog. Spiegelneuronen aufmerksam geworden. Im Anschluss an meine Beschäftigung mit diesem Modell Neuronaler Resonanz haben sich viele Fragen aufgetan. In dieser Arbeit möchte ich mich einem Aspekt annähern, der aus diesen Fragen erwachsen ist. Ich möchte versuchen das neurowissenschaftliche Kommunikationsmodell „Neuronale Resonanz“ mit dem soziologischen Habitusmodell Bourdieus als Modell der Kommunikation in Verbindung zu bringen. Dabei möchte ich zeigen, wie Spiegelneurone und der Habitus zusammenhängen.

Zu klären ist, inwieweit die vorgeschlagenen Modelle als Kommunikationsmodelle gedacht werden können.

Zunächst ist es dazu erforderlich, eine für diese Betrachtung relevante Definition von Kommunikation zu Verfügung zu stellen. Dazu werden nach einer etymologischen Herleitung des Begriffs u.a. Watzlawick und Mead herangezogen.

Des Weiteren ist es erforderlich, den Begriff Resonanz nach einer ähnlichen Herangehensweise herzuleiten, um dann Neuronale Resonanz mit ihrer Implikation eines Kommunikationsmodells erklären zu können. Die etymologische und naturwissenschaftliche Definition legen die Grundlage für das Verständnis von Resonanz in autopoietischen Systemen (Luhmann, Maturana/Varela). Im Rahmen dieser Arbeit kann nicht näher ergründet werden, wie sich ein System, wie Luhmann es versteht, und der sozialen Raum mit seinen Feldern bei Bourdieu, in Verdingung gebracht werden kann, wenngleich die Möglichkeit einer Verbindung angenommen wird.

Danach werden die neurobiologischen Forschungsergebnisse, die die Spiegelneuronen entdeckt haben, nachgezeichnet, die Neuronale Resonanz als Mechanismus identifiziert haben, mit dem der Beobachter das Handeln anderer erkennt.

Bevor Neuronale Resonanz und Habitus in Verbindung gebracht werden können, ist es erforderlich, das Habitusmodell Bourdieus nachzuzeichnen und das Medium Körper in diesem Zusammenhang zu erläutern.

Das Modell der Verkörperten Kognition bei Maturana und Varela verortert Kognition nicht in einem übergeordneten Bewusstsein, das losgelöst vom Körper funktioniert, sondern verortet Kognition in Zusammenhang mit Wahrnehmung im und am Körper. Dieses Modell soll im Rahmen dieser Arbeit nachgezeichnet werden und mit den beiden vorherigen Aspekten in Zusammenhang gebraucht werden.

Dabei wird sich zeigen, dass die hier exemplarisch gewählten Modelle, die als Kommunikationsmodelle verstanden werden sollen, Übereinstimmungen haben. Es soll gezeigt werden, dass das als kulturwissenschaftliches Modell verstandene Bourdieu’sche Habitusmodell mit dem neurowissenschaftlichen Spiegelneuronenmodell als Neuronale Resonanz und der biologischen Erkenntnistheorie Maturana und Varelas am Beispiel Verkörperte Kognition anschlussfähig sind und versuche ein Kommunikationsmodell zu ermitteln, dass alle drei Aspekte beinhaltet und in einen systematischen Zusammenhang bringt.

1. Definition: Kommunikation

Um eine Arbeit über neuro- und kulturwissenschaftliche Kommunikationsmodelle zu schreiben, ist zunächst eine Definition von Kommunikation erforderlich.

1.1. Etymologische Wurzeln

Der Duden (2001) definiert Kommunikation als „Verständigung untereinander“ und „zwischenmenschlichen Verkehr […]“. Hergeleitet wird es vom lateinischen Wort communicatio, das sowohl Mitteilung, als auch Teilhabe, Gemeinschaft und Verbindung, Gemeinsamkeit bedeuten kann (Stowasser).

Das Etymologische Wörterbuch des Deutschen leitet das Wort von dem lateinischen Verb communicare ab: „etwas gemeinsam, gemeinschaftlich machen, Informationen austauschen“.

An dieser Stelle sei auch auf den Begriff Kommune hingewiesen, der auf den gleichen Ursprung zurückgeht. Weiter sei auch auf den Begriff exkommunizieren hingewiesen, mit der Bedeutung aus der katholischen Kirche ausschließen. Verstehen wir Kirche als soziale Gemeinschaft, bedeutet die Exkommunikation den sozialen Tod des Exkommunizierten, der fortan nicht mehr Teil der Kommune Kirche ist.

1.2. Kommunikationstechnische Definition

Technisch wird Kommunikation als Informationsaustausch so definiert, dass „einer (den wir Sender nennen wollen) da ist, der etwas (das wir als Botschaft […] bezeichnen werden) an jemanden anderen (der Adressat heißen soll), übermittelt’“ (Volli: 7, 9ff. Hervorhebungen Volli). Der Adressat hat dabei die Aufgabe, den Sinn zu erschließen und die Botschaft zu deuten. Dies kann nur erfolgreich sein – in dem Sinne, dass der Empfänger versteht, was vom Sender gemeint wurde – wenn der Kode, der zur Kodierung auf der Seite des Senders benutzt wurde, dem des Empfängers zur Dekodierung entspricht. Stuart Hall weist daraufhin, dass es „keine zwangsläufige Korrespondenz zwischen Kodieren und Dekodieren gibt“ (Hall: 106, 3ff.). Der Empfänger kann eine Mitteilung mitunter mit einem Kode dekodieren, der die Nachricht sinnvoll macht, ohne den vom Empfänger intendierten Sinn zu erschließen. Vielmehr ist fraglich, inwieweit zwei soziale Akteure einen identischen Kode anwenden können.

1.3. Vorschlag einer Definition für den Zusammenhang dieser Arbeit

Paul Watzlawick definiert mit seinem „ersten Axiom der Kommunikation“ mit einem einfachen aber bedeutungsschweren Satz, dass Nicht-Kommunikation unmöglich ist: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ (Watzlawick: 53, 9). Weiter definiert er eine einzelne Mitteilung (message), „ eine Kommunikation“ (Watzlawick: 50, 24), mehrere Kommunikationen zwischen zwei oder mehreren Personen nennt er „Interaktion“ (vgl. Watzlawick: 50, 25ff.). Er macht deutlich, dass nicht nur sprachliche Zeichen Kommunikation sind, sondern jegliches Verhalten Kommunikation ist (vgl. Watzlawick: 51, 7ff.). Deswegen gelangt er über diese Definition zu seinem Axiom über die Unmöglichkeit des Nicht-Verhaltens: „Man kann sich nicht nicht verhalten“ (Watzlawick: 51, 15f.).

In der Darlegung des Standpunktes des Sozialbehaviorismus betont George Herbert Mead die Wichtigkeit der Geste, als Grundhandlung der Kommunikation. Aus Beobachtungen verschiedener Interaktionen zwischen Tieren (vgl. Hundebeispiel: Mead: 53) wird deutlich dass die Geste schon vor der bewussten Kommunikation[1] nach einem Reiz-Reaktions-Mechanismus soziale Tatsachen schafft[2].

Sinnhaft werden die Gesten durch ihren Kontext und nicht erst durch Bewusstsein[3].

Die Lautgebärde (vokale Geste), als „Medium sozialer Organisation“ (Mead) ist der Ausgangspunkt für die Definition einer signifikanten Geste:

„Wo eine von einem Individuum geäußerte vokale Geste bei einem anderen Individuum zu einer Reaktion führt, können wir von ihr als Symbol dieser Handlung sprechen; wenn sie in dem, der sie äußert, die Tendenz zur gleichen Reaktion hervorruft, sprechen wir von einer signifikanten Geste“ (Mead: 94f.).

Mead stellt sich Gesellschaft auf der Grundlage dieses Modells als Spiel vor, in dem Kommunikation zum größeren Teil unbewusst abläuft, dadurch, dass bestimmte Handlungen bestimmten anderen Handlungen folgen müssen. Genauer stellt sich die Frage, ob in diesem Modell von Handeln gesprochen werden kann, da Handeln Intentionalität voraussetzt, im beschriebenen Reiz-Reaktion-Schema Handlungen aber als Reagieren erscheinen.[4]

Unabhängig von dieser Fragestellung beinhaltet diese Kommunikationstheorie die implizite Annahme, dass Reaktionen eines bestimmten Akteurs wegen der Bedingtheit nach einem Reiz-Reaktion-Schema – unabhängig von der jeweiligen sozialen Rolle des Akteurs in der spezifischen Interaktion – wenn nicht gleich, so doch ähnlich ist.

Alle Handlungen, bewusste wie unbewusste, sind Gesten. Selbst körperliche Haltungen müssen als Gesten verstanden werden. Zweifellos kommuniziert der Akteur durch seine Körperhaltung (nicht ohne Grund muss der Soldat einer Armee in einer bestimmten Art laufen) und seine Haltung oder Position zu anderen und im Raum. Dies ist weniger fragwürdig, als es auf den ersten Blick scheint, in unserer Alltagssprache finden wir viele Belege, dass dies unsere Erfahrungswelt durchdrungen hat: eine Position einnehmen (als Übertragung der Bedeutung von Position als räumliche Bestimmung auf innere Positionen), Haltung bewahren (als implizite Äußerung innerer Vorgänge durch körperliche Haltungen/Gesten). Die Liste ließe sich fortsetzen.

Der Akteur informiert seine Umwelt ständig über sich und seine inneren Haltungen durch das Medium Körper, der die Oberfläche der Innenwelt, die Schnittstelle zur Außenwelt darstellt. Die Gesten lösen in anderen Reaktionen hervor, die sich wiederum in Gesten äußern, die wiederum gestische Reaktionen provozieren, wobei im Sinne Watzlawicks eine Nicht-Reaktion unmöglich ist, da eine Nicht-Reaktion ihrerseits eine Reaktion darstellt.

Die Interaktion, das Spiel der Gesten, konstituiert eine soziale Gesamthandlung zwischen kommunizierenden, Gesten austauschenden Individuen über das Medium Körper.

Kommunikation – verstanden als Spiel der Gesten – ist nicht ort- und zeitlos. Bei Alfred Schütz ist der Ort der Kommunikation die „Welt des Alltags“, die „immer schon eine intersubjektive geschichtliche Kulturwelt“ ist (Krallmann/Zie-mann: 188, 9ff.)[5]. Schütz betont das Medium Körper, welches dem Beobachter bzw. dem Empfänger der Kommunikation Fremdverstehen durch Rückbezüge auf die eigenen Denkschemata und eigenes Vorwissen, selbst Erlebtes ermöglicht.[6] Die „Gesamtheit an Grundregeln und erwartbaren Verhaltensweisen“ (Krallmann/Ziemann: 241, 17ff.) sind für Erving Goffman die soziale Ordnung, die die zwischenmenschlichen Interaktionen, also die Kommunikation beeinflusst. Goffman versteht diese Regeln aber nicht als unbedingt einzuhaltende Regeln, sondern als Regeln, die sich durch deren Einhaltung oder nicht Einhaltung oder Modifikationen in den konkreten Situationen perpetuieren, eliminieren oder erneuern (vgl. Krallmann/Ziemann: 242-243).

Auf innere Vorgänge des Anderen schließen wir also nur auf der Grundlage eigener Vorerfahrungen, die durch die soziale Ordnung in die Kommunikationssituation eingelagert sind und durch sie wiederum erzeugend wiederholt werden.

Bei Gerold Ungeheuer finden wir weitere Hinweise dafür, das durch das Medium Körper der Kanal geschaffen wird, innere Vorgänge des anderen nachvollziehen zu können:

„Da es […] aus dem Inneren einer Person in das Innere einer anderen keinen direkten Weg des Kontaktes gibt, müssen äußere Handlungen dazwischen geschoben werden, die ja gerade durch die Eigenschaft der Wahrnehmbarkeit, d.h. durch die einzige Form direkten Kontaktes zwischen Menschen, gekennzeichnet sind.“ (Ungeheuer: 18)

Zwischen zwei Akteuren bildet sich durch Interaktion, verstanden als Form der Kommunikation durch das Austauschen von Gesten, ein gemeinsamer Bedeutungsraum, der eine gewisse Entstehungsgeschichte hat, die unbewusst durch die Beteiligten der Interaktion wirken und von diesen wiederum beeinflusst werden, sogar durch die konventionelle Wiederholung erzeugt werden. Dabei ist der gemeinsame Bedeutungsraum streng genommen kein gemeinsamer, sondern von beiden Seiten nur eine Projektion eigener Denkschemata sozialer Ordnungen in den anderen, wobei Zeichen des Mediums Körper eine wichtige Rolle spielen.

Zusammenfassend geht diese Arbeit davon aus, dass Kommunikation auf dem interaktiven Austauschen von Gesten beruht, welches ständig stattfindet, ohne dass es bewusst sein müsste, noch dass es bewusst nicht getan werden könnte. Darüber hinaus geht diese Arbeit davon aus, dass Interaktion als Kommunikation eine Geschichte hat, die durch sie selbst erzeugt und reproduziert wird. Ein Ansatzpunkt ist die Frage, wo oder wie eine solche Geschichte der Interaktionen eingeschrieben, wie sie erzeugt und erhalten wird.

2. Definition: Resonanz

Im Titel der Arbeit wurde als Modell eines neurowissenschaftlichen Kommunikationsmodells „Neuronale Resonanz“ vorgeschlagen. Zunächst ist es erforderlich den Begriff Resonanz herzuleiten. Dazu werden im Folgenden Definitionen aus verschiedenen Bereichen herangezogen.

2.1. Etymologische Wurzeln

Das Wort Resonanz geht auf das lateinische Wort resonatio zurück, das vom Verb resonare abgeleitet ist. Es bedeutet: (1.) widerhallen, widerschallen und (2.) widerhallen lassen (vgl. Stowasser). Es kann also für intransitive sowie transitive Bedeutungszusammenhänge genutzt werden.

Entsprechende Einträge in deutschen Wörterbüchern weisen auf den gleichen Zusammenhang hin.

2.2. Naturwissenschaftliche Definition

Physikalisch versteht man unter Resonanz das „durch Wellen gleicher Frequenz angeregtes Mitschwingen eines anderen Körpers“ (Langenscheidt). Auch die Definition von Resonanz in der Musik ist ähnlich: „tonverstärkendes und/oder -veredelndes Mitschwingen im Eigenton oder in Obertönen“ (Langenscheidt).

2.3. Resonanz in autopoietischen Systemen

Ähnlich dem naturwissenschaftlichen Verständnisses von Resonanz, beschreibt Niklas Luhmann mit Resonanz, „das Verhältnis von System und Umwelt“ (Luhmann 1986: 40, 8), das dadurch bestimmt wird, dass das System

„seine Selbstreproduktion durch intern zirkuläre Strukturen gegen die Umwelt abschließt und nur ausnahmsweise, nur auf anderen Realitätsebenen, durch Faktoren der Umwelt irritiert, aufgeschaukelt, in Schwingung versetzt werden kann“ (Luhmann 1986: 40, 41ff.).

Genauer definiert Detlef Krause Resonanz im Luhmann’schen Sinne wie folgt:

„Im Falle von Resonanz tastet ein autopoietisches System seine Umwelt nicht wie eine Trivialmaschine nach Informationen ab. Es besitzt in seinen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien unterschiedlich schwingungsfähige codierte Sensoren, die eigenselektiv auf Umweltreize ansprechen“ (Krause: 217).

Nach Luhmann sind autopoietische Systeme, Systeme, „die die Elemente, aus denen sie bestehen, durch die Elemente, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren“ (Luhmann 1985: 56). Der Begriff Autopoiesis wurde von den chilenischen Neurophysiologen Humberto Maturana und Francisco Varela eingeführt, die damit „das allgemeine Prinzip der Organisation aller Lebewesen als rückkoppelnde Selbstherstellung und Selbstaufrechterhaltung ihrer Bestandteile aus der rückbindenden Tätigkeit dieser Bestandteile selbst“ (Biti: 81, 2ff.; vgl. Maturana/Varela) beschreiben.

Die Resultate eines Prozesses werden in denselben Prozess wiedereingeführt. Für Maturana und Varela sind alle autopoietischen Systeme lebendige Systeme[7]. Luhmann deutet in seinen Werken auch die sozialen, sowie psychischen und neuronalen Systeme als autopoietische Systeme (vgl. Biti: 81, 17ff.).

Demnach ist Resonanz die Anregung von Zonen oder Bereichen eines selbstreferentiellen Systems durch Umweltreize. Irritationen von außen regen Systemteile zum Schwingen an. Das System und das Milieu interagieren miteinander. Von einem unbeteiligten Beobachter aus betrachtet könnte man sagen: Das System wird mittels Resonanz informiert, Mitteilungen von außen werden durch systeminterne Prozesse abgebildet.

Darin liegt für Maturana (1972) die Grundlage von Kommunikation: „the orienting behavior becomes a representation of the interactions toward which it orients, and a unit of interactions in its own terms“ (Maturana 1972: 14, 5ff.), wodurch sich eine paradoxe Situation ergibt:

„There are organisms that generate representations of their own interactions in its own interactions by specifying entities with which they interact as if these belonged to an independent domain, while as representations they only map their own interactions” (Maturana 1972: 14, 8ff.).

Ein Nervensystem als sensomotorisches Netzwerk, das sensorische Flächen mit motorischen Flächen verknüpft, ist ein autopoietisches System, da in diesem „Netzwerk aktiver Komponenten, in dem jeder Wandel von Aktivitätsrelationen zwischen den Komponenten zu weiterem Wandel zwischen ihnen führt“ (Maturana/Varela 1987: 180, 5), trotz fortdauernder Irritationen aus der Umwelt[8], bestimme interne Relationen aufrecht zu erhalten, bzw. wieder herzustellen.

2.4. Neuronale Resonanz

Für Andreas Goppold[9] ist Neuronale Resonanz ein Grundprinzip der Kommunikation, indem Kommunikation als „neuronales Resonanz-Phänomen“ (Goppoldb: 4.2.[10] ) aufgefasst werden kann, da die Nervensysteme von kommunizierenden Organismen „in einem wechselseitigen Stimulationsprozess stehen“ (Goppoldb: 4.2.).

Neuronale Resonanz (die „unbewusste Hintergrund-Hülle aller Kommunikation“ (Goppoldb: 4.2.)) erklärt die Prozesse, die in einem Akteur ablaufen, wenn er in Interaktion mit anderen Akteuren steht. Der gemeinsame Bedeutungsraum wird durch Neuronale Resonanz erzeugt.

In der autopoietischen Einheit Neuronales System des Menschen werden Neurone zum Schwingen gebracht, wenn sie durch Irritationen der Umwelt angeregt werden. Die autopoietische Einheit interagiert mit ihrem Milieu.

Ohne explizit einen Begriff Neuronale Resonanz zu verwenden definiert Gerhard Roth sie als Bedingung für Kommunikation:

„Kommunikation ist in dem Maße möglich, in dem – zufällig oder aufgrund verschiedener Mechanismen – in zwei oder mehr Gehirnen bestimmten Kommunikationssignalen bestimmte interne Bedeutungszustände zugeordnet werden. Kommunikation ist daher zu verstehen als wechselseitige Konstruktion von Bedeutung zwischen zwei oder mehr Partnern. Verstehen funktioniert also in dem Maße, in dem in den Gehirnen der Partner dieselben oder ähnliche Erfahrungskontexte, konsensuelle Bereiche – wie sie von Humberto Maturana (1982)[11] genannt wurden – existieren oder aktuell konstruiert werden, was meist unbewusst geschieht. In diese konsensuellen Bereiche[12] hinein geraten die ausgetauschten Kommunikationssignale und erhalten dann dieselben oder zumindest sehr ähnliche Bedeutungen.“ (Roth 2001b: 364, 20ff.)

[...]


[1] Für Mead ist bewusste Kommunikation die Kommunikation mit Symbolen, wie etwa der Sprache, zur Erzeugung bestimmter Reaktionen bei anderen.

[2] „Der Begriff ‚Geste’ kann mit jenen Anfängen gesellschaftlicher Handlungen gleichgesetzt werden, die als Reize für die Reaktionen anderer Lebewesen dienen“ (Mead: 82, 37f).

[3] Mead verdeutlicht dies in seinen Untersuchungen bei Tieren. Ein Beispiel ist die Geste des Knurrens eines Hundes, das als Reiz zu einer Verhaltensanpassung beim zweiten Hund führt, der bellt, erwidert oder flüchtet (vgl. Krallmann/Ziemann: 213). Der Sinn dieser sozialen Situation ergibt sich aus dem Kontext nach einem Reiz-Reaktions-Schema.

[4] Nicht dargestellt wird im Rahmen dieser Arbeit die Kontroverse, die teilweise aus den Reihen der Behavioristen getragen wurde, und das mechanische Reiz-Reaktions-Muster hinterfragt, da es die individuellen Einflussnahmen eines Akteurs außer acht lässt und Verhalten nur als bloßes bedingtes Reagieren darstellt.

[5] „Ich lebe und handle nicht allein in meiner privaten Welt, sondern gemeinsam mit Anderen in der gegenwärtigen Lebenswelt, in der gleichen gesellschaftlichen Wirklichkeit. Zudem ist meine Biographie von einer Vor- und Nachwelt gerahmt. Und es haben sich vor und unabhängig von mir bestimmte Traditionen abgelagert, Sinnbezüge verfestigt und gesellschaftliche Einrichtungen herausgebildet, die allesamt Kultur ausmachen und das Ganze des gesellschaftlich objektivierten Wissensvorrat bilden.“ (Krallmann/Ziemann: 188, 11ff.)

[6] „Wesentlich für diese Erfahrungsweise fremder Erlebnisse ist also, dass Bewegungen des fremden Leibes als Anzeichen für Erlebnisse des Anderen aufgefasst werden […]. Die beobachtete fremde Leibesbewegung ist daher ein Signum nicht nur für ein Erlebnis des Anderen schlechtweg, sondern für ein solches, mit welchem der Andere ‚gemeinten Sinn verbindet’. […] [Es ist] wichtig, hervorzuheben, dass es sich bei der signitiven Erfassung des fremden Leibes als Ausdrucksfeld der fremden Erlebnisse keineswegs um ein wie immer geartetes Schließen oder Urteilen handelt, sondern vielmehr um den besonderen intentionalen Akt eines fundierten Auffassens, bei welchem wir nicht auf das Angeschaute, nämlich den Leib, sondern durch dessen Medium auf die fremden Erlebnisse selbst gerichtet ist.“ (Schütz: 142)

[7] „Wenn wir von Lebewesen sprechen, haben wir bereits angenommen, dass es etwas Gemeinsames zwischen ihnen gibt, andererseits würden wir sie nicht zu der einen Klasse [im biologischen Verständnis, Anm. d. Autors] zählen, die wir ‚das Lebendige’ nennen. Damit ist allerdings nicht gesagt, worin die Organisation besteht, die sie als Klasse definiert. Unser Vorschlag ist, dass Lebewesen sich dadurch charakterisieren, dass sie sich – buchstäblich – andauernd selbst erzeugen. Darauf beziehen wir uns, wenn wir die sie definierende Organisation autopoietische Organisation nenne (griech. autos = selbst; poiein = machen).“ (Maturana/Varela 1987: 50, 28- 51, 2)

[8] Irritationen können dabei nicht ausschließlich aus der Umwelt des Körper stammen. Auch sensorische Fläche innerhalb der Organe schicken Signale ins sensomotorische Nervensystem, sodass Umwelt in diesem Zusammenhang bedeutet, dass auch innere Organe für das Nervensystem dessen Umwelt ist.

[9] Da der Autor relativ unbekannt ist, eine kurze Vita:
Goppold, Prof. Dr. phil. (1999), Diplom-Informatiker (1977), Master of Science in Electrical Engineering and Computer Science (1974). Er studierte Informatik an der Universität Hamburg und Electrical Engineering an der University of California, Santa Barbara und Berkeley. Er machte 1978-1980 einen Arbeitsaufenthalt in der S.F. Bay Area, wo er Einblicke in die Microcomputerindustrie bekam. 1984-1993 entwickelte er mit LPL Hypertext SW Engeneering Systems das größte funktionierende und erste Ein-Mann-Stand-Alone-Software-System. 1999 promovierte er an der Bergischen Universität Wuppertal mit der Dissertation „Design und Zeit – eine Systematik der Formen kultureller Transmissionen“. 1990-1994 forschte er am Institut für Informatik an der Universität der Bundeswehr München zu Hypertext und Multimedia. Danach war er weiterhin wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität der Bundeswehr München. Von 1995 bis 2001 forschte er an der FAW in Ulm über die kulturelle und neuronale Basis der „Knowledge“ Technologien.
Quellen: Universität Ulm. www.uni-ulm.de/uni/intgruppen/memosys/ag-pos01.htm. 24.04.2006.
MUCH Personen. much.iicm.edu:88/much/people/by_name_g/goppold-andreas/index.htm. 24.04.2006.

[10] Zu Zitationen aus Internetquellen, die nicht in zeilengetreuen Formaten (pdf) vorliegen, sondern als Hypertext gebe ich keine Zeilenzahlen an, um Irritationen bei unterschiedlichen Darstellungsweisen vorzubeugen. Stattdessen gebe ich nur die vorhandenen Kapitelnummerierungen an.

[11] Roth bezieht sich auf: Maturana, Humberto: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit. Braunschweig, 1982.

[12] Maturana bestimmt vier konsensuelle Bereiche: der erste Bereich umfasst das intuitive Verstehen von vielen Aspekten der Mimik, Gestik, des sprachlichen Duktus’, aber auch Handlungen und Gebräuche. Der zweite Bereich konstituiert sich durch das Hineingeboren sein in eine bestimmte Gesellschaft, wodurch sich unbewusst „bestimmte Denk-, Sprach- und Verhaltensschemata […] tief in uns hineingraben“ (Roth: 365, 3f.). Der dritte Bereich wird durch die gemeinsame Erziehung (soziale Umgebung, Ausbildung in der Schule, des Berufs) konstituiert. Der vierte Bereich konstituiert sich aus den anderen drei Bereichen, sodass es selten möglich ist, durch diesen Bereich „identische individuelle Erfahrungen zu machen. (vgl. Roth: 364-365)

Details

Seiten
46
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638544856
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60921
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Institut für Kultur und Medien
Note
1,0
Schlagworte
Neuronale Resonanz Habitus Probleme Verhältnisses Kommunikationsmodellen Bachelor Thesis Spiegelneurone mirror neuron bourdieu neurologie Kulturwissenschaft Kommunikation Kommunikationsmodell Spiegelneuronen Empathie Einfühlung Mitgefühl Wahrnehmung Gehirn Cortex Rizzolatti

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Titel: Neuronale Resonanz und Habitus: Probleme des Verhältnisses zwischen neuro- und kultur-wissenschaftlichen Kommunikationsmodellen