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Vorstellung und Vergleich von Verfahren zur Messung von Kontraproduktivität im Rahmen der Personalauswahl

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 22 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

1. Einleitung

2. Kontraproduktivität: Definition und Abgrenzung von verwandten Begriffen

3. Gottfredson und Hirschis (1990) Theorie der Selbstkontrolle

4. Integrity Tests
4.1. Ursprünge und Entwicklung
4.2. Kriteriumsvalidität
4.3. Konstruktvalidität
4.4 Beziehungen zu anderen Konstrukten
4.5. Grenzen von Integrity Tests

5. Konstruktion eines Fragebogens zur Messung von Kontraproduktivität
5.1. Ziel der Untersuchung
5.2. Fragebogenentwicklung
5.3. Methode
5.4. Messinstrumente
5.5. Ergebnisse
5.6. Diskussion

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Die vorliegende Arbeit stellt das Konstrukt und die Messung der Kontraproduktivität im Rahmen der Personalauswahl vor, und versucht Erklärungsansätze für kontraproduktives oder schädliches Verhalten von Mitarbeitern zu liefern. Der Fokus richtet sich dabei auf die individuellen Merkmale des Mitarbeiters als Ursache derartiger Handlungen. Gestützt wird diese Sichtweise u.a. aufgrund einer Theorie von Gottfredson und Hirschi (1990) aus der kriminologischen Forschung, die deviantes Verhalten durch eine stabile Eigenschaft mangelnder Selbstkontrolle erklärt, und auf Erkenntnissen aus dem in den USA weit verbreiteten Einsatz sogenannter Integrity Tests bei der Personalauswahl. Im zweiten Teil der Arbeit wird die Entwicklung eines Fragebogens zur Messung von Kontraproduktivität, Ergebnisse einer empirischen Studie zur Konstruktvalidität dieses Instruments und die praktische Relevanz der Befunde dargestellt.

1. Einleitung

In dieser Arbeit wird das Phänomen Kontraproduktivität am Arbeitsplatz vorgestellt. Darunter fallen Verhaltensweisen wie Personaldiebstahl, unentschuldigte Fehlzeiten, Alkoholmissbrauch am Arbeitsplatz, unkooperatives Verhalten gegenüber Kollegen und anderes mehr. Obwohl die Ursachen von Kontraproduktivität vielschichtiger Natur sind und äussere Gegebenheiten eine bedeutende Rolle spielen, soll hier der Schwerpunkt auf eine personalistische Erklärung gelegt werden, die stabile Dispositionen des Mitarbeiters in den Vordergrund stellt, die mit Hilfe eignungsdiagnostischer Tests erfasst werden können und damit eine Intervention bereits im Prozess der Personalauswahl möglich machen.

Im ersten Teil der Arbeit wird das Konstrukt vorgestellt und von verwandten Begriffen abgegrenzt. Darauf folgend wird eine neuere kriminologische Theorie von Gottfredson und Hirschi (1990) vorgestellt, die deviantes Verhalten durch eine stabile Eigenschaft mangelnder Selbstkontrolle erklärt. Den dritten Stützpfeiler der vorliegenden Arbeit bildet ein aus den USA stammender psychologischer Eignungstests mit der Bezeichnung Integrity Test. Dieser wurde explizit zur Vorhersage kontraproduktiven Verhaltens unterschiedlicher Art entwickelt. Anschliessend wird auf die Konstruktion eines Fragebogens zur Messung von Kontraproduktivität eingegangen. Vorrangiges Ziel dieser Untersuchung von Marcus et al. (2002) war, neben der Entwicklung eines Messinstruments, die innere Struktur des Konstrukts aufzudecken und die Beziehungen zu Persönlichkeits- und Leistungsvariablen darzustellen. Abschliessend werden die Ergebnisse der Studie diskutiert und in Zusammenhang zu Integrity Tests, Selbstkontrolle und beruflicher Leistung gestellt.

2. Kontraproduktivität: Definition und Abgrenzung von verwandten Begriffen

Marcus et al. (2002) definieren Kontraproduktivität als jeden Akt eines Organisationsmitglieds, der darauf abzielt, die Organisation oder deren Mitglieder zu schädigen. Ausgenommen von dieser Definition sind Fahrlässigkeiten, Unachtsamkeiten oder Fehler, deren Folgen nicht vorhersehbar waren sowie Handlungen, die ambivalente Folgen für unterschiedliche Mitglieder der Organisation haben. Die Handlungsfolgen können also unmittelbar die Organisation bzw. den Arbeitgeber, andere Organisationsmitglieder oder (seltener) Aussenstehende betreffen, während gleichzeitig ein unmittelbarer Anreiz für die Tat besteht. Es kommt nicht notwendigerweise darauf an, dass der Organisation tatsächlich ein Schaden entsteht und wie dieser wertmässig zu beziffern ist. Insbesondere kann es bei „psychologischen“ Schädigungen (bspw. einem über Verhaltensmodelle vermittelten Motivationsverlust) zu schwierig lösbaren Be- und Zurechnungsproblemen kommen. Entscheidend ist, dass zumindest mittelbar, vermittelt über die Sanktionsgewalt der Geschädigten wie auch interner psychischer und physischer Prozesse, die Schädigung auf die handelnde Person zurückfallen kann, mit Konsequenzen, die den kurzfristigen Nutzen deutlich übersteigen, und dass diese Folgen zum Zeitpunkt der Handlung absehbar sind.

Zusammenfassend handelt es sich bei kontraproduktivem Verhalten nach Marcus (2000) um eine Gruppe einzelner Handlungen wie Diebstahl, unbegründete Fehlzeiten, Alkoholmissbrauch oder aggressives Verhalten von Mitarbeitern, die zwar unerwünscht sind und deshalb in empirischen Untersuchungen Probleme „heikler“ oder „sensitiver“ Fragen aufwerfen, als Einzelfall betrachtet aber in aller Regel wenig spektakulär sind und deshalb nicht immer als Problem wahrgenommen werden. Weder die Absicht der Schädigung ist notwendig noch wird ein anderes bestimmtes Handlungsmotiv, die strafrechtliche Relevanz oder auch nur ethische Verwerflichkeit des Handelns oder ein durch besondere Qualitäten gekennzeichnetes Täterbild unterstellt, obwohl alle diese Elemente vorliegen können. Darin unterscheidet sich das Konzept der Kontraproduktivität von mehr oder weniger verwandten Begriffen wie antisozialem Verhalten, Aggression, Sabotage, (betrieblicher) Delinquenz, Managementethik oder Wirtschaftskriminalität.

Am ähnlichsten, und im folgenden weitgehend synonym verwendet ist der Begriff Devianz am Arbeitsplatz (bspw. Robinson & Bennett, 1995). Die Autoren verstehen darunter eine Abweichung von einer Norm. Schwierigkeiten bereitet diese Definition dort, wo Normen als Personenvariable erhoben werden und dann von individuellen Einstellungen faktisch nicht mehr zu unterscheiden sind (Marcus et al. 2002). Versteht man unter „Norm“ eine überindividuell gültige Verhaltensregel und unter „Devianz“ eine Verletzung dieser Regel, die potenziell Sanktionen nach sich zieht, so stimmt dies weitgehend mit den von Marcus et al. (2002) vertretenen Verständnis von Kontraproduktivität überein.

3. Gottfredson und Hirschis (1990) Theorie der Selbstkontrolle

Gottfredson und Hirschis (1990) A General Theory of Crime stellt den Versuch dar, fast alle kriminellen und viele nichtkriminellen Handlungen durch einen einzigen theoretischen Ansatz zu erklären. Die Autoren entwickelten ihre personalistische Theorie des Verbrechens, indem sie zunächst von der Person des Verbrechers abstrahierten. Sie gingen dabei von einem allgemeinen (im Gegensatz zu differentiellen) Menschenbild aus, das der Klassischen Ökonomie ebenso zugrunde liegt, wie der Klassischen Kriminologie – dem aus purem Eigeninteresse handelnden Nutzenmaximierer und Kostenminimierer. Auf der Suche nach dem Wesen des Verbrechens untersuchten sie anschliessend eine Vielzahl krimineller Handlungen (nicht Täter) unter dem Gesichtspunkt des Nutzenkalküls und identifizierten eine Reihe konstitutiver Merkmale, die diesen gemeinsam, aber keineswegs auf gesetzeswidrige Akte beschränkt waren. Auf der Grundlage dieser Gemeinsamkeiten kamen sie zu einer Theorie, in der praktisch sämtliche kriminellen und zahlreiche nichtkriminellen („analoge“) Handlungen als Manifestationen einer einzigen Verhaltenstendenz im
Sinne eines Persönlichkeitsmerkmals angesehen werden, während externe Variablen vorwiegend die Auftretenswahrscheinlichkeit bei einer konkreten Verhaltensgelegenheit beeinflussen. Nichtkriminelle, aber theoretisch äquivalente bzw. „analoge“ Handlungen sind etwa kindliche Verhaltensauffälligkeiten, exzessiver Fernseh-, Alkohol- und Zigarettenkonsum, instabile Beziehungen oder Beschäftigungsverhältnisse und die Häufigkeit von Unfällen oder der Viktimisierung bei Straftaten.

Das wesentliche Charakteristikum krimineller Handlungen besteht für Gottfredson und Hirschi in ihrer Ähnlichkeit. Als wichtigstes Kennzeichen aller untersuchten Verhaltensweisen identifizieren sie die Diskrepanz zwischen dem unmittelbaren, aber geringfügigen Nutzen der Handlungen und dem Risiko langfristiger, aber bedeutsamer Kosten für das Individuum selbst. Sie schliessen aus ihren empirischen Befunden, dass nur eine stabile individuelle Disposition von hoher Generalität als Erklärung für das gemeinsame Element dieser Handlungen in Frage kommt. Sie geben diesem Trait die Bezeichnung „Selbstkontrolle“ und verstehen ihn als die Tendenz, Handlungen zu vermeiden, deren langfristige Kosten den kurzfristigen Nutzen übersteigen. Selbstkontrolle ist ein durch Sozialisation, vorwiegend im Kindesalter, anerzogenes Persönlichkeitsmerkmal, das als „Barriere“ zwischen dem kriminellen Akt und der natürlichen hedonistischen Tendenz des Individuums steht, der Versuchung zu unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung nachzugeben. Als weitere Einflussfaktoren kriminellen und analogen Verhaltens nennen die Autoren das Vorliegen eines attraktiven Ziels, die Günstigkeit der Gelegenheit und die empirisch aufgezeigte Altersverteilung dieser Handlungen.

4. Integrity Tests

In den letzten Jahrzehnten haben sich in Nordamerika Integrity Tests als eine Verfahrensgruppe der psychologischen Eignungsdiagnostik durchgesetzt. Für die prädiktive Validität bzgl. der angestrebten Kriterien liegt inzwischen umfangreiche Bestätigung vor (Ones, Viswesvaran & Schmidt, 1993). Klärungsbedarf besteht jedoch bei Fragen, die im Zusammenhang mit dem Konzept der Konstruktvalidität stehen. Die Namensgebung und Definition der zugrundegelegten Konstrukte erfolgte häufig ohne jeden Bezug zu theoretischen Grundlagen (Marcus, Funke & Schuler, 1997). Marcus et al. (1997) schlagen daher vor, die Begriffe „Eigenschaft“ und „Einstellung“ zur Kennzeichnung der jeweiligen Verfahrensgruppe heranzuziehen. Für das Verständnis des Themengebietes ist es hilfreich, die historischen Entwicklungslinien nachzuzeichnen, die das heutige Bild dieser eignungsdiagnostischen Verfahren geprägt haben.

4.1. Ursprünge und Entwicklung

Seit den 40er und 50er Jahren lassen sich zwei Entwicklungslinien unterscheiden, welche die Grundlage für eine konsensfähige Phänomenologie bilden. Während des zweiten Weltkriegs entwickelte der amerikanische Armeepsychologe G.L. Betts ein Verfahren, das Rekruten mit kriminellem Hintergrund identifizieren sollte (Ash, 1991b). Er bediente sich hierbei der empirischen Itemselektion mittels Kontrastgruppen, wobei sich hier die Itembeantwortungen möglichst stark zwischen Strafgefangenen und denen von Armeesoldaten unterscheiden sollten. Die 67 Items mit hinreichender Differenz bildeten das 1947 (Betts; nach Ash, 1991a) veröffentlichte „Biographical Case History“ (BCH), welches neben Eingeständnissen abweichenden Verhaltens (z.B. „Wie oft haben Sie Sachen gestohlen, bevor Sie 12 Jahre alt waren?“) auch Einstellungen (z.B. „Wie weit kann man den meisten Menschen trauen?“) enthielt und für das Diskriminanzkriterium eine biseriale Korrelation von r = .43 erzielte.

Als Stammvater der Gattung der einstellungsorientierten Integrity Tests gilt der daraus abgeleitete, 1951 vorgestellte und noch heute weit verbreitete „Reid Report“ (Brooks & Arnold, 1989), der Items mit relativ offenkundigem Bezug zum Thema „Ehrlichkeit am Arbeitsplatz“ verwendet und größtenteils nach Einstellungen und Werthaltungen, aber auch biographischen Details fragt. Der Jurist Reid, vor allem als Pionier der Polygraphie bekannt, leitete die Items des Reid Reports aus Fragen der von ihm entwickelten Kontrollfragetechnik mit ihren relativ allgemein gehaltenen Kontrollfragen (z.B. „Haben Sie jemals daran gedacht, etwas zu stehlen?“) ab. Obwohl schon früh für die Personalauswahl angewandt, begann Reid erst Ende der 60er Jahre, systematische Forschung zu den psychometrischen Eigenschaften seines Tests zu initiieren (Ash, 1991). Mit seinem Kriterium, den Ergebnissen seiner polygraphischen Sitzungen, wurde eine hohe Übereinstimmung erzielt (Ash, 1971). Der Reid Report wird nach wie vor vertrieben und zählt heute, nach mehrfachen Revisionen, zu den verbreitetsten Integrity Tests.

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Details

Seiten
22
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638544849
ISBN (Buch)
9783638667661
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60920
Institution / Hochschule
Universität Basel
Note
1 (sehr gut)
Schlagworte
Vorstellung Vergleich Verfahren Messung Kontraproduktivität Rahmen Personalauswahl

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Titel: Vorstellung und Vergleich von Verfahren zur Messung von Kontraproduktivität im Rahmen der Personalauswahl