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Die Religion in der Moderne - Ein Vergleich der religionstheoretischen Ansätze von Sigmund Freud und Thomas Luckmann

Hausarbeit 2006 20 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Religion als Zwangsneurose – Die Religionskritik Freuds
2.1. Der Mensch und die Kultur
2.2. Der Mensch und die Religion
2.3. Die Macht der Religion und ihr Problem
2.4. Religion als allgemein menschliche Zwangsneurose

3. Thomas Luckmanns These von der „unsichtbaren Religion“
3.1. Anthropologische Grundlagen der Religion
3.2. Die Weltansicht als unspezifische Sozialform der Religion
3.3. Der „Heilige Kosmos“ als spezifische Sozialform der Religion
3.4. Die Ausbildung von spezialisierten Sozialformen der Religion
3.5. Die Privatisierung der Religion in der Moderne

4. Vergleich der beiden Auffassungen
4.1. Kultur, Weltanschauung und Religion
4.2. Die Zeitdiagnosen Freuds und Luckmanns und ihre Erwartungen für die Zukunft

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage danach, was Religion ist, nach ihrer Funktion, ihrer gegenwärtigen Verfassung und nicht zuletzt nach ihrer weiteren Zukunft beschäftigt nicht nur die Theologie, sondern auch andere Wissenschaften, wie beispielsweise die Psychologie und Soziologie. Bei den verschiedenen Disziplinen und Ansätzen kommt es freilich zu höchst unterschiedlichen Antworten bzw. Antwortversuchen. Zwei dieser Antworten sollen in der vorliegenden Arbeit dargestellt und miteinander ins Gespräch gebracht werden. Da wäre zum einen die Sicht Sigmund Freuds, der meinte, mit den Mitteln der Psychoanalyse der Religion auf die Schliche gekommen zu sein. Die Darstellung seiner Religionsauffassung in dieser Arbeit stützt sich vor allem auf seine religionskritische Hauptschrift „Die Zukunft einer Illusion“ von 1927. Der psychoanalytischen Untersuchung Freuds (2) soll dann zum anderen die religionssoziologische Betrachtung von Thomas Luckmann gegenübergestellt werden (3). Hauptquelle für dessen Sicht ist sein Essay „Die unsichtbare Religion“, in der deutschen Ausgabe von 1991. Im vierten Punkt der Arbeit erfolgt dann ein Vergleich der beiden Auffassungen und Zeitdiagnosen.

2. Religion als Zwangsneurose - Die Religionskritik Freuds

In seiner religionskritischen Hauptschrift „Die Zukunft einer Illusion“ entfaltet Freud in zehn Kapiteln seine Theorie der Religion. In Anlehnung an die Ergebnisse seiner psychoanalytischen Forschungen rechnet er die Entwicklung der religiösen Vorstellungen der Kindheitsgeschichte der Menschheit zu. Der Verlauf seiner Argumentation, sowie seine Schlussfolgerungen sind das Thema der folgenden Punkte. Gegenstand der Untersuchung sind zunächst die Beziehungen von Mensch und Kultur (2.1), und von Mensch und Religion (2.2). Nachdem einer kurzen Betrachtung der These vom Illusionscharakter der religiösen Vorstellungen (2.3) folgt im letzten Punkt eine Darstellung der Diagnose Freuds für seine Zeit. (2.4)

2.1 Der Mensch und die Kultur

Nach Freud umfasst die menschliche Kultur „einerseits all das Wissen und Können, das die Menschen erworben haben, um die Kräfte der Natur zu beherrschen und ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse abzugewinnen, andererseits alle die Einrichtungen, die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen zueinander, und besonders die Verteilung der erreichbaren Güter zu regeln.“[1] Wenn der Mensch auch nicht in der Vereinzelung leben kann, so ist er doch von Natur aus eher ein Feind der Kultur, da diese vor allem auf „Zwang und Triebverzicht“[2] aufbaut. Vom Einzelnen wird dies als „schwer drückend“ empfunden, weswegen er gegen die Zwänge der Kultur aufbegehrt. Die Kultur wiederum muss sich gegen eine solche Auflehnung wehren, um weiter existieren zu können. Diese Verteidigungsfunktionen übernehmen einerseits „ihre Einrichtungen, Institutionen und Gebote“[3], indem diese für eine gewisse Güterverteilung sorgen und diese aufrechterhalten. So soll gewährleistet werden, dass die Triebopfer der Mehrheit sich in Maßen halten. Andererseits verfügt die Kultur aber auch über „seelische“ Besitztümer, die den Menschen für seine Triebopfer entschädigen sollen[4]. Freud nennt hier zunächst die allmähliche Internalisierung der Gebote, d.h. die Ausbildung und Erstarkung des Über-Ichs des Menschen. Diese ist ein „höchst wertvoller psychologischer Kulturbesitz“[5] und sorgt dafür, dass Einzelne von Kulturfeinden zu Kulturträgern werden können. Je größer wiederum die Anzahl der Kulturträger ist, desto eher ist auch der Erhalt der Kultur gewährleistet.

Zum seelischen Eigentum gehören zudem sowohl die „ Kulturideale“, welche die narzisstische Natur des Menschen durch „Stolz auf die bereits geglückte Leistung“[6] befriedigen, als auch die „ Kunstschöpfungen“, welche als Ersatzbefriedigungen für „die ältesten, immer noch am tiefsten empfundenen Kulturverzichte“[7] wirken. Das jedoch „vielleicht bedeutsamste Stück des psychischen Inventars“[8] stellen die religiösen Vorstellungen dar.

2.2 Der Mensch und die Religion

Nach Freud ist es „die Hauptaufgabe der Kultur, ihr eigentlicher Daseinsgrund, uns gegen die Natur zu verteidigen“[9]. Über ihre zivilisierende Funktion hinaus ist es aber auch ihre Aufgabe das bedrohte Selbstwertgefühl des Menschen zu trösten, der Welt und dem menschlichen Leben den Schrecken zu nehmen, sowie auch seinen Wissensdurst zu stillen[10]. Von Anbeginn seiner Existenz fühlt sich der Mensch durch die Gewalt der Natur bedroht. Zwar hat er es geschafft Teile von ihr unter Kontrolle zu bringen, aber die Hoffnung auf vollständige Beherrschung der Naturkräfte hat bisher keine Erfüllung erfahren. Um die „sinnlose Angst“, die ihn deswegen immer wieder befiel, „psychisch bearbeiten“[11] zu können, war es daher nötig, die Natur ihrer Unpersönlichkeit zu berauben und sie zu vermenschlichen. Zwar änderte sich durch diesen Vorgang die äußere Situation des Menschen nicht, aber zumindest war er durch diesen Schritt in der Lage wieder zu reagieren anstatt „hilflos gelähmt“[12] seinem Schicksal entgegenzusehen. Freud sieht in diesem Vorgang eine Wiederholung bzw. Weiterführung dessen, was bereits in der frühen Kindheit des Menschen geschehen ist, denn „in solcher Hilflosigkeit hatte man sich schon einmal befunden, als kleines Kind einem Elternpaar gegenüber, das man Grund hatte zu fürchten, zumal den Vater, dessen Schutzes man aber auch sicher war gegen die Gefahren, die man damals kannte.“[13] In Anbetracht der verbliebenen größeren Macht der Naturkräfte verleiht er ihnen „Vatercharakter“ und macht sie damit zu Göttern.

Im Laufe der Zeit, als die Menschen immer mehr die Gesetz- und Regelmäßigkeiten der Natur beobachten, tritt die ursprüngliche Funktion der Götter, die Natur zu beherrschen in den Hintergrund und die moralische Stellung gewinnt an Bedeutung. Die Aufgabe der Götter ist es nunmehr die Mängel und Schäden der Kultur auszugleichen, mit den erzwungenen Triebverzichten zu versöhnen und nicht zuletzt auch der Verzweiflung des Menschen hinsichtlich der Unerbittlichkeit des Schicksals (vor allem des Todes) entgegen zu wirken[14]: „Alles Gute findet endlich seinen Lohn, alles Böse seine Strafe, wenn nicht schon in dieser Form des Lebens, so in den späteren Existenzen, die nach dem Tod beginnen.“[15] Mit diesen Vorstellungen verliert das Leben wenigstens einen Teil seines Schreckens und die Existenz des Menschen wird erträglicher. Darüber hinaus regeln sie auch den Verkehr der Menschen untereinander und verleihen den kulturellen Geboten göttliche Autorität und Würde, indem diesen nunmehr selbst ein göttlicher Ursprung nachgesagt wird[16].

2.3 Die Macht der Religion und ihr Problem

Religiöse Vorstellungen sind Freud zufolge also vor allem ein Produkt des Menschen: „So wird ein Schatz von Vorstellungen geschaffen, geboren aus dem Bedürfnis, die menschliche Hilflosigkeit erträglich zu machen, erbaut aus dem Material der Erinnerungen an die Hilflosigkeit der eigenen und der Kindheit des Menschengeschlechts.“[17] Ihre Stärke ist vornehmlich auf ihren Illusionscharakter zurückzuführen, denn Illusionen sind „Erfüllungen der ältesten, stärksten, dringendsten Wünsche der Menschheit.“[18] Die Macht dieser Wunscherfüllungen hängt mit der Mächtigkeit ihrer Wünsche zusammen. Das Problem an den religiösen Vorstellungen ist jedoch, dass sie aufgrund ihres Illusionscharakters nicht nur unwiderlegbar, sondern zugleich auch unbeweisbar sind[19]. Man kann ihnen also Glauben schenken – oder auch nicht. Letzteres wiederum kann zu einer gesellschaftlichen Schwierigkeit werden: Durch die Abhängigkeit der Moral und des Triebopfers der Einzelnen vom Götterglauben, läuft die Kultur Gefahr in starke Bedrängnis zu kommen, sollte der Götterglaube schwächer werden bzw. sogar ganz aufhören. Wendet man sich nämlich den Begründungen der religiösen Vorstellungen zu, so ist erstaunlicherweise festzustellen, „daß gerade diejenigen Mitteilungen unseres Kulturbesitzes, die die größte Bedeutung für uns haben könnten, [...] die allerschwächste Beglaubigung haben.“[20] Sämtliche Begründungen halten Freud zufolge einer objektiven wissenschaftlichen Untersuchung nicht stand, was ihn zu der Behauptung veranlasst, dass es gefährlicher wäre das bisherige Verhältnis von Religion und Kultur beizubehalten, als es gänzlich aufzulösen[21].

Freuds Urteil über die Religion fällt daher eindeutig aus: Zwar habe sie der Kultur große Dienste erwiesen, jedoch habe sich eben auch im weiteren Zeitverlauf gezeigt, dass sie nicht imstande ist die Mehrheit der Menschen mit der Wirklichkeit auszusöhnen und sie zu sittlicheren Menschen zu machen[22].

[...]


[1] FREUD 1927, S. 140.

[2] FREUD 1927, S. 144.

[3] FREUD 1927, S. 140.

[4] Vgl. FREUD 1927, S. 144.

[5] FREUD 1927, S. 145.

[6] FREUD 1927, S. 147.

[7] FREUD 1927, S. 147.

[8] FREUD 1927, S. 148.

[9] FREUD 1927, S. 149.

[10] Vgl. FREUD 1927, S. 150.

[11] FREUD 1927, S. 151.

[12] FREUD 1927, S. 151.

[13] FREUD 1927, S. 151.

[14] Vgl. FREUD 1927, S. 152.

[15] FREUD 1927, S. 153.

[16] Vgl. FREUD 1927, S. 152.

[17] FREUD 1927, S. 152.

[18] FREUD 1927, S. 164.

[19] Dies stellt Freud im fünften Kapitel seiner Schrift dar. Hier grenzt er auch deutlich den Begriff der Illusion von dem des Irrtums ab, welche er auf keinen Fall gleichgesetzt wissen will. (Vgl. FREUD 1927, S. 159f) Auf eine Untersuchung der freudschen These von den hinter den religiösen Vorstellungen verborgenen historischen Reminiszenzen muss hier aus Platzgründen verzichtet werden.

[20] FREUD 1927, S. 161.

[21] Vgl. FREUD 1927, S. 169, 173.

[22] Vgl. FREUD 1927, S. 171. Vgl. auch BIRK 1970, S. 45.

Details

Seiten
20
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638544214
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60849
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Schlagworte
Religion Moderne Vergleich Ansätze Sigmund Freud Thomas Luckmann Persönlichkeit Identität“

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