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Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie von Roman Jakobson - Am Beispiel des Gedichtes "Die Jungfraunballade" von Bertolt Brecht

Seminararbeit 2006 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Autor

3. Arbeit am Gedicht
3.1 Zur Auswahl des Gedichtes
3.2 Darstellung der Thesen anhand der „ Jungfraunballade
3.2.1 Grammatischer Parallelismus
3.2.2 Bilderlose Poesie
3.2.4 Grammatische Eigenart

4. Schluss

5. Verwendete Literatur
5.1 Primärliteratur
5.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Zur Darstellung der Thesen Roman Jakobsons aus dem Aufsatz „ Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie “ musste ich einen entsprechenden Text von Bertolt Brecht auswählen, was sich recht schwierig gestaltete, da Brecht eine Vielzahl an Gedichten geschrieben hat, in denen die grammatischen Strukturen im Sinne Jakobsons vorkommen. Allein das Zitat Brechts „ Ego, poeta Germanus, super grammaticos[1] (Ich, der deutsche Dichter, stehe über der Grammatik), lässt bereits vermuten, dass ihm die grammatischen Strukturen nicht fremd waren und er sie folglich in seinen Gedichten bewusst und auch reichlich einsetzt. Zur Textauswahl kam noch erschwerend hinzu, dass Jakobson eine klare Begrenzung hinsichtlich der zu untersuchenden Textgröße anführt. Demnach können die Strukturgesetze nur an relativ kurzen Gedichten angewendet werden, da längere poetische Texte von einer anderen strukturalen Organisation beherrscht werden.[2] Aus dieser Fülle – und im Rahmen dieser Einschränkung – nun ein einziges Gedicht herauszusuchen, das meinen Vorstellungen entsprach, das heißt, durch das Jakobsons Thesen untermauert werden können und seine Einstellung zu poetischen Gedichten und Grammatik dargestellt werden kann, war nicht ganz einfach. Warum meine Wahl letztlich auf das Gedicht „ Die Jungfraunballade “ fiel, versuche ich dann am Anfang des dritten Punktes meiner Arbeit zu verdeutlichen. Nach der Auswahl konnte ich mich dann der Untersuchung des Gedichts auf seine grammatischen Strukturen hin widmen, was somit den größten Teil meiner Arbeit ausmacht. Unter 3.2 wird jeweils eine knappe Zusammenfassung des Aufsatzes „ Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie “ vorangestellt, danach werden die Thesen, unter Berücksichtigung der systematischen Untersuchung nach Jakobson, dargelegt.

Im Laufe meiner Untersuchung komme ich insofern vom Allgemeinen auf das speziell Jakobson Betreffende. Fremdsprachige Ausdrücke und Zitate aus den jeweiligen Gedichten habe ich in meiner Arbeit kursiv geschrieben, um sie besser hervorzuheben.

2. Zum Autor

Roman Jakobson, ein russischer Jude, wurde am 23. Oktober 1896 in Moskau geboren. Er studierte Slawistik in seiner Heimatstadt Moskau und schloss sich bald dem Moskauer Linguistenkreis an. Sein Ziel war das Studium der Linguistik, der Poetik, der Metrik und der Folklore. Zusammen mit einer ähnlichen Vereinigung in Petersburg, dem OPOJAZ, ist der Moskauer Kreis unter dem Titel „Russischer Formalismus“ in die Geschichte der Literaturwissenschaft eingegangen. 1920 ging Jakobson nach Prag, wo er ab 1926 als Mitbegründer des Prager Linguistenkreises wirkte. Er untersuchte vor allem die Phonologie, die Morphologie, die Poetik sowie die Geschichte der slawischen Sprachen. Das Hauptcharakteristikum des Prager Strukturalismus bildeten Thesen der sprachlichen Struktur: mit dem Aspekt der Funktionalität und der Feststellung, dass Synchronie und Diachronie eine untrennbare dynamische Einheit bilden und die Sprache deswegen als zweidimensional zu betrachten ist. Roman Jakobson gehörte somit in seiner Jugend dem Kreis der russischen Formalisten an, schloss sich später aber den Strukturalisten an. Jakobsons größter Verdienst war, dass durch seine konsequente Anwendung eines binären Systems aus dem ursprünglich linguistischen Strukturalismus eine weltweit anerkannte, interdisziplinär anwendbare Erkenntnismethode wurde.[3] 1933 erhielt er eine Professur an der Universität Brünn. 1939 floh er als Jude aus der Tschechoslowakei nach Dänemark, dann nach Schweden. 1941 folgte er einem Ruf an die École Libre des Hautes Études, einer französischen Exil-Universität in New York. Dort traf er Claude Lévi-Strauss, den er nachhaltig beeinflusste. 1943 erhielt er eine Professur an der Columbia-Universität; 1949 wurde er nach Harvard berufen. Ab 1957 lehrte er, als erster Harvard-Professor allgemein, zugleich auch am benachbarten M.I.T. 1967 wurde er emeritiert.[4]

3. Arbeit am Gedicht

3.1 Zur Auswahl des Gedichtes

Es ist nicht ganz einfach, sich für ein Gedicht von Bertolt Brecht zu entscheiden, wenn man die Thesen von Roman Jakobson darstellen will, da das Thema recht komplex ist. Da ich mich aber nun entscheiden musste, habe ich dies getan, und zu meiner Auswahl möchte ich hier einige Anmerkungen geben, um diese etwas zu verdeutlichen. Ich habe mich für das Gedicht „ Die Jungfraunballade “ entschieden, welches sich aus acht Verszeilen zusammensetzt. Zu dieser Entscheidung bin ich gelangt, weil ich finde, dass dieses Gedicht eine strukturelle Einheit bildet, deren wirkliche Aussage nur in einer grammatischen Gesamtbetrachtung herausgestellt werden kann. Auch eignet sich dieses Gedicht gut zu einer relativ umfassenden Darstellung, da der Achtzeiler mit grammatischen Figuren gesättigt ist, und es mir daher möglich ist, Jakobsons Thesen daran exemplarisch darzustellen. Außerdem wird in diesem Gedicht einerseits die Intention Jakobsons klar ersichtlich, andererseits wird aber auch die Möglichkeit der Anwendung an originaler, deutschsprachiger Lyrik deutlich.

3.2 Darstellung der Thesen anhand der „ Jungfraunballade“

Im Folgenden soll nun einerseits der Versuch unternommen werden, anhand der Brecht’schen „ Jungfraunballade “ Roman Jakobsons Ansichten über „ Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie “ etwas zu verdeutlichen, andererseits auf Basis der Thesen eine grammatische Analyse durchzuführen. Jakobson hat den Aufsatz in verschiedene Kapitel gegliedert: I. Grammatischer Parallelismus, II. Bilderlose Poesie und III. Grammatische Eigenart. Diese Gliederung habe ich für meine Arbeit übernommen und gebe daher zu jeder Kapitelüberschrift kurz den Inhalt wieder. Danach wende ich mich den Thesen des jeweiligen Kapitels zu, die für die grammatische Analyse des Gedichtes notwendig sind. Zum Schluss bearbeite ich die „ Jungfraunballade “ im Sinne der dargestellten Thesen Jakobsons.

3.2.1 Grammatischer Parallelismus

Jakobson war als Herausgeber mit einer Übersetzung von Puškins Versen vom Russischen ins Tschechische beschäftigt. Dabei gewann er den Eindruck, dass sich bestimmte Kategorien einer natürlichen Sprache nicht in eine andere Sprache übersetzen ließen, weil sich die Übersetzungen irgendwie spießten (obwohl sie von den besten tschechischen Dichtern des Landes übersetzt wurden). Er fand, dass die Bilder und die Lautharmonie in der Übersetzung dem Originaltext sehr nahe kamen, es aber dennoch keine ‚grammatische Übereinstimmung’ gab. Er spricht dabei von so genannten ‚grammatischen Kategorien’, auf die später noch genauer eingegangen wird. Jakobson begründet diese ‚grammatischen Unregelmäßigkeiten’ damit, dass die Übersetzer entweder den grammatischen Bau nicht erfasst haben oder ihn überhaupt nicht wiedergeben konnten. Die ‚grammatischen Kategorien’ spielten aber bei Puškins Versen eine übergeordnete Rolle, sodass das Fehlen einer ‚grammatischen Ordnung’ von Jakobson als ein schwerer Verlust angesehen wurde.

Unter ‚grammatischem Parallelismus’ versteht Jakobson ein „Set von rhetorischen Phänomenen, die den syntaktischen wie den semantischen Parallelismus, aber auch den syllabischen und phonologischen Parallelismus umfassen.“[5] Nach Jakobson ist der grammatische Parallelismus das wichtigste Element der Dichtkunst schlechthin.[6] Bereits vor Jakobson stellt schon Gerald Hopkins die Behauptung auf, dass die ‚grammatische Figur’ in der Poetik dieselbe Bedeutung besitzt wie die Lautfigur.[7] Wenn wir uns nun auf die Suche nach einem grammatischen Parallelismus im Gedicht Brechts „ Die Jungfraunballade “ machen, müssen wir zuerst wissen, wonach wir überhaupt suchen sollen. Jakobson definiert daher genauer, was unter einer ‚grammatischen Kategorie’ verstanden wird, damit wir diese mit einer anderen ‚grammatischen Kategorie’ parallelisieren können. Per definitionem fallen unter ‚grammatische Kategorien’ alle flektierten und unflektierten Redeteile, Numeri, Genera, Kasus, Tempora, Genera verbi, Negationen, Klassen der abstrakten und konkreten Wörter, Artikel, Pronomen, Partikel etc. Aber auch alle finiten und infiniten Verbformen sowie alle syntaktischen Einheiten und Konstruktionen gehören in diese Kategorie. Also alles, was in irgendeiner Form als ‚grammatisch’ bezeichnet werden kann. Wichtig für die Analyse ist hierbei, ob, wie weit und worin sich die grammatischen Kategorien gleichen und welche der Kategorien innerhalb eines gegebenen Musters als äquivalent gelten.[8]

Sehet die Jungfraun und seht die Blüte!

Seht sie am Morgen im herrlichen Mai!

Betet zu Gott, daß er sie behüte

Ist sie gepflückt, dann ist sie vorbei.

Bist du gepflückt, dann laß dich begraben

Denn jetzt verfaulst du. Ach, wenn’s ihr gelingt

Ist sie für 7 Pennies zu haben

Vor sie zertreten wird, faul wird und stinkt.[9]

[...]


[1] Jakobson, Roman: Hölderlin – Brecht – Klee. Zur Wortkunst dreier Gedichte. Hg. und eingel. von Elmar Holenstein. Frankfurt am Main: Surkamp 1976 (surkamp taschenbuch wissenschaft 162). Seite: 109.

[2] Jakobson, Roman/Krystina Pomorska: Poesie und Grammatik. Dialoge; mit einem Verzeichnis der Veröffentlichungen Roman Jakobsons in deutscher Sprache 1921-1982. Übersetzt von Horst Brühmann, 1. Aufl., Frankfurt am Main: Surkamp 1982 (surkamp taschenbuch wissenschaft 386). Seite: 101.

[3] Vgl. Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Ansätze – Personen – Grundbegriffe. Hg. von Ansgar Nünning. 2., überarb. und erw. Aufl., Stuttgart; Weimar: Verlag J.B. Metzler 2001. Seite: 293.

[4] Vgl. Holenstein, Elmar/Jakobson, Roman: Phänomenologischer Strukturalismus. Frankfurt am Main: Surkamp 1975 (surkamp taschenbuch wissenschaft 116) Seite: 18-20.

[5] Czoik/Lauer, Gerhard: Parallelismus und Poetizität. In: Roman Jakobson Gedichtanalysen. Eine Herausforderung an die Philologen. Hg. von Hendrik Birus, Sebastian Donat und Burkhard Meyer-Sickendiek. Göttingen: Wallstein Verlag 2003 (Münchner Universitätsschriften Band 3). Seite: 232-249, hier Seite: 237.

[6] Vgl. Jakobson, Roman/Krystina Pomorska: Poesie und Grammatik. Dialoge; mit einem Verzeichnis der Veröffentlichungen Roman Jakobsons in deutscher Sprache 1921-1982. Übersetzt von Horst Brühmann, 1. Aufl., Frankfurt am Main: Surkamp 1982 (surkamp taschenbuch wissenschaft 386). Seite: 89.

[7] Vgl. Roman Jakobson: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Hg. von Elmar Holenstein und Tarcisius Schelbert, Frankfurt am Main: Surkamp 1979 (surkamp taschenbuch wissenschaft 262). Seite: 233-263, hier Seite: 237.

[8] Vgl. Jakobson, Roman: Hölderlin – Brecht – Klee. Zur Wortkunst dreier Gedichte. Hg. und eingel. von Elmar Holenstein. Frankfurt am Main: Surkamp 1976 (surkamp taschenbuch wissenschaft 162). Seite: 111.

[9] Brecht, Bertolt: Gedichte über die Liebe. Hg. von Werner Hecht. Frankfurt am Main: Surkamp 1984 (surkamp taschenbuch 1001). Seite: 20.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638543972
ISBN (Buch)
9783640529896
Dateigröße
541 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60817
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
Sehr gut
Schlagworte
Poesie Grammatik Roman Jakobson Beispiel Gedichtes Jungfraunballade Bertolt Brecht

Autor

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Titel: Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie von Roman Jakobson - Am Beispiel des Gedichtes "Die Jungfraunballade" von Bertolt Brecht