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Konjunkturen der Totalitarismustheorie - Zwischen politischer Instrumentalisierung und wissenschaftlicher Erkenntnis

Seminararbeit 2006 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Totalitarismustheorien im Wandel des 20. jh.
2.1. Die Entdeckung des neuen Phänomens
2.2. Die „Klassiker“ der Totalitarismustheorie
2.3. Die Soziologisierung des Totalitarismusansatzes
2.4. Das Wiederaufleben des Totalitarismuskonzepts

3. Die Aktuelle Diskussion

Fazit

1. Einleitung

Kaum ein Streit wurde erbitterter geführt, als der Streit um die Vergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Kommunismus. Vor allem Anhänger Marxismus wehrten sich heftigst dagegen, mit ihrem Feindbild verglichen oder gar gleichgesetzt zu werden. Der Totalitarismusansatz behandelt aber Faschismus und Kommunismus gleichermaßen, da beide auffällige Gemeinsamkeiten aufweisen und die Demokratie inklusiver ihrer Werte ablehnt. Steffen Kailitz zeichnet das Bild wie folgt:

„Die beiden tragenden Säulen der demokratischen Verfassungsstaaten, die Akzeptanz des Pluralismus und die unbedingte Achtung der Menschenrechte, werden bewusst negiert. Der Glaube im Besitz der objektiven Wahrheit zu sein, bedingt den Versuch einer ideologischen ‚Gleichschaltung’ der Bevölkerung; damit wird der Pluralismus zerstört. Totalitarismen bedeutet der einzelne Mensch nichts und das Kollektiv alles; das ermöglicht rücksichtslose Verletzung der Menschenrechte im Namen der ‚guten’ Sache.“[1]

Das 20. Jahrhundert ist das Zeitalter, in dem totalitäre Systeme in Europa entstanden und wieder untergegangen sind. Damit ist es auch das Zeitalter der Theorien über den Totalitarismus. Hierbei ist zu beachten, dass es nicht „die“ erkenntnistheoretische Theorie gibt, gleichzeitig aber viele verschiedene Ansätze, die während dieser Zeit verschiedene Phasen zwischen hoher Akzeptanz und kategorischer Ablehnung durchliefen.

Diese Arbeit stellt die einzelne theoretische Ansätze im Zeitverlauf vor und versucht darzustellen, welche Stadien das Totalitarismuskonzept durchlaufen hat und welche Mechanismen dabei gewirkt haben. Im Anschluss daran soll ein Überblick über die aktuelle Diskussion gegeben werden, in der sich der Totalitarismusansatz der teilweise berechtigten Kritik stellen muss, um schließlich herauszufinden, ob und unter welchen Voraussetzungen ein Festhalten am Konzept der Totalitarismustheorien sinnvoll ist.

2. Totalitarismustheorien im Wandel des 20. Jh.

2.1. Die Entdeckung eines neuen Phänomens

Bereits 1919 charakterisierte der Moskauer Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ Alfons Pacquet den neuentstandenen Bolschewismus in Russland als „revolutionären Totalismus Lenins“. Der Begriff fand zu dieser Zeit aber noch keine weitere Verwendung.[2] Dieses änderte sich jedoch mit der faschistischen Machtübernahme in Italien. Der Liberale Giovanni Amendola bezeichnete 1923 das als neuartig empfundene System Mussolinis als „sistema totalitario“. Mussolini selbst übernahm diesen Begriff 1925 für sein Herrschaftssystem und konnte ihm anfangs damit auch eine positive Bedeutung verleihen.[3]

Ab Mitte der zwanziger Jahre zeigten sich vereinzelt erste vergleichende Betrachtungen von Bolschewismus und italienischem Faschismus, anfangs eher politischer Natur waren. Doch hob bereits 1926 der Liberaldemokrat Francesco Nitti neben den untrüglichen ideologischen Differenzen zwischen Bolschewismus und italienischem Faschismus die Gleichartigkeit der beiden Systeme hervor und bezeichnete sie als die „zwei vollkommenen Verleugnungen des liberalen Systems und der Demokratie.“[4]

Nach der Machtübernahme Hitlers wurde auch in wissenschaftlichen Studien vermehrt die Gleichartigkeit zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus erkannt und untersucht. So stellte beispielsweise Eric Voegelin bereits 1938 in „Die politischen Religionen“ fest, dass totalitäre Ideologien religionsähnliche Elemente aufwiesen. Mit Hilfe dieser „Ersatzreligion“, verbunden mit den zugehörigen pseudoreligiösen Riten, konnten Nationalsozialismus sowie Bolschewismus die Massen der säkularisierten Gesellschaft vereinnahmen.[5]

Doch Nationalsozialismus und Kommunismus wurden nicht nur als gleichartig, sondern auch als zunehmende Bedrohung für demokratische Staaten, empfunden. Auf dem ersten großen Symposium über den „totalitären Staat“ hielt Carlton J.H. Hayes die Merkmale dieses neuen Phänomens - des „Totalitarismus“ – fest: Danach zeichneten sich sowohl Faschismus als auch Kommunismus durch die Monopolisierung aller Gewalten, die Einbindung der Massen, neue Formen der Propaganda, die missionarische Kraft der Ideologie, sowie die Eigendynamik der Gewalt aus.[6] Zuvor hatten Hitler und Stalin einen Nicht-Angriffspakt geschlossen, was den Teilnehmern des Symposiums als Beweis für die Verwandtschaft der beiden Systeme und ihrer Verbrüderung gegen den liberalen Westen gleichkam.[7] Bezeichnend für diese Auffassung stellte der Sozialforscher Franz Borkenau in seiner 1940 erschienenen Schrift „The Totalitarian Enemy“ den liberalen Staaten die totalitären Kräfte Deutschland und Sowjetunion gegenüber. Hier tritt nun auch die „polare Verwendung des Totalitarismusbegriffs am deutlichsten […] hervor“.[8]

Diese stark negative Verwendung des Totalitarismusbegriffs ist so auch der Grund warum es nach dem Angriff Deutschlands auf Russland im Jahre 1941 eine Zeitlang still um die vergleichende Totalitarismustheorie wurde. Aus Rücksicht auf den neuen Verbündeten im gemeinsamen Kampf gegen den Nationalsozialismus vermied man einen Vergleich zwischen Faschismus und Kommunismus. Der Fokus richtete sich nun auf Deutschland, wobei vor allem deutsche Emigranten, wie Franz Neumann und Ernst Fraenkel, den Totalitarismusbegriff zur Untersuchung des Nationalsozialismus benutzten. Während für Franz Neumann das NS-System jegliche Form der Staatsordnung ablehnt, bezeichnet Ernst Fraenkel das Dritte Reich als „Doppelstaat“. Hierbei steht ein nach Gesetzen ausrichtender „Normenstaat“ einem nach politischer Zweckmäßigkeit handelnden „Maßnahmenstaat“ gegenüber.[9]

In dieser ersten Phase wurden also die Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und Bolschewismus, die mit Hilfe ihrer vom Inhalt her unterschiedlichen Ideologie die Freiheit ihrer Bürger unterdrücken und dennoch von den Massen getragen werden, erkannt und mit dem Begriff des „Totalitarismus“ gekennzeichnet. Gleichzeitig wurde das „neuartige“ Phänomen als Bedrohung für das (bevorzugte) System der liberalen Demokratie empfunden, was vor allem im imperialistischen Verhalten des Nationalsozialismus begründet ist. Der Begriff des Totalitarismus erhält hierdurch seine stark negative Besetzung, die er auch im weiteren Verlauf nicht mehr ablegen kann. Dies brachte ihm den Vorwurf des „politischen Kampfbegriffs“[10] ein, welcher in Kapitel 3 ausführlicher behandelt wird.

Nachfolgend soll erläutert werden, wie sich die Hauptströmungen der Totalitarismustheorien im Laufe der Zeit entwickelt haben und wie sie auf die sich wandelnde politische Entwicklung reagierten.

2.2. Die „Klassiker“ der Totalitarismustheorien

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs endete auch das Zweckbündnis mit Russland. Nachdem der eine Feind besiegt war, konnte man sich wieder verstärkt dem anderen widmen. So wird die Zeit nach 1945 in der Hochphase des Kalten Kriegs als die Blütezeit der Totalitarismustheorien bezeichnet.[11] Es war die Geburtsstunde der sogenannten „klassischen Totalitarismustheorien“ von Hannah Arendt und Carl J. Friedrich. Ebenso wie Neumann und Fraenkel waren auch sie deutsche Emigranten, die ihre Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus gemacht hatten. Jedoch verarbeiten sie diese auf unterschiedliche Weise: Während der Ansatz von Hannah Arendt eher die revolutionäre Dynamik totalitärer Herrschaft in den Vordergrund rückte, analysierte Friedrichs Konzept die Herrschaftsstruktur totalitärer Staaten.

In ihrem 1951 veröffentlichten Werk „Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft“ versuchte Hannah Arendt das Phänomen des Totalitarismus ideengeschichtlich zu begreifen. Diese neuartige Staatsform zeichnete sich durch eine Ideologie aus, die den „Anspruch auf totale Welterklärung“ erhob und damit die Vernichtung des Unerwünschten rechtfertigte. Diese Ideologie wurde mit Hilfe des allgegenwärtigen Terrors durchgesetzt, wobei Gewaltverbrechen mit einer unerbittlichen Systematik begangen wurden. Dabei diente der Terror nicht nur als Mittel zum Zweck, stattdessen „wird die vollkommene Herrschaft des Terrors erst dann losgelassen, wenn jegliche Opposition […] erloschen ist.“[12]

Carl J. Friedrich stellte auf der zweiten großen Konferenz zur Totalitarismusforschung 1953 fest, dass sich zum einen Faschismus und Kommunismus in den Grundzügen gleichen und dass zum anderen das Phänomen totalitärer Herrschaft historisch einzigartig ist. Das Wesen totalitärer Herrschaft machte er an fünf Merkmalen fest: Ideologie, Ein-Parteien-Herrschaft, terroristisch operierende Geheimpolizei, Nachrichten- und Waffenmonopol. Später wurde in Zusammenarbeit mit Zbigniew Brzezinski die zentral gelenkte Wirtschaft als weiteres Merkmal hinzugefügt. Zur Abgrenzung von anderen Herrschaftsformen müssten Diktaturen alle sechs Wesenszüge aufweisen, um als totalitär zu gelten.[13]


[...]

[1] Kailitz, Steffen, Der Streit um den Totalitarismusbegriff. Ein Spiegelbild der politischen Entwicklung, in: Jesse, Eckhard/ Kailitz Steffen (Hg.), 1997: Prägekräfte des 20.Jahrhunderts. Demokratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden, S. 219.

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. Jesse, Eckhard, 1998: Die Totalitarismusforschung und ihre Repräsentanten. Konzeptionen von Carl J. Friedrich, Hannah Arendt, Eric Voegelin, Ernst Nolte und Karl Dietrich Bracher, in: ApuZ, Bd. 20, S. 4 f.

[4] Nitti, Francesco, 1926: Bolschewismus, Faschismus und Demokratie, München, S. 69, zit. in: Kailitz, Steffen, 1997, S.222.

[5] Wippermann, Wolfgang (Hg.), 1997: Totalitarismustheorien. Die Entwicklung der Diskussion von den Anfängen bis heute, Darmstadt, S. 22 f.; Jesse, 1998, S. 12 f.

[6] Vgl. Jesse, 1998, S. 5.

[7] Vgl. Backes, Uwe/ Jesse, Eckhard, Totalitarismus und Totalitarismusforschung. Zur Renaissance einer lange tabuisierten Konzeption, in: Jesse, E. /Kailitz, St. (Hg.), 1997: Prägekräfte des 20.Jahrhunderts. Demokratie – Extremismus – Totalitarismus, Baden-Baden, S. 85 f.

[8] Vgl. Kraushaar, Wolfgang, Sich aufs Eis wagen.Plädoyer für eine Auseinandersetzung mit der Totalitarismustheorie, in: Jesse, Eckhard (Hg.), 1999: Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. Aufl., Bonn, S. 493.;

[9] Vgl. Jesse, Eckhard, Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen, in: Jesse, Eckhard, 1999, S. 14.

[10] Vgl. Wippermann, S. 20.

[11] Vgl. Kailitz, S.224.

[12] Arendt, Hannah, 1951: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, zit. in: Jesse, Eckhard, 1998, S. 11.; Vgl. außerdem Backes, Uwe, Totalitarismus – Ein Phänomen des 20. Jahrhunderts?, in: Jesse, Eckhard (Hg.), 1999: Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, 2. Aufl., Bonn, S. 345.

[13] Vgl. Kailitz, S. 225; Jesse, 1998, S. 9.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638543293
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60737
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Note
1,0
Schlagworte
Konjunkturen Totalitarismustheorie Zwischen Instrumentalisierung Erkenntnis Vergleichende Extremismusforschung

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