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William James: Einige metaphysische Probleme in pragmatischer Beleuchtung. Ausarbeitung zur dritten Vorlesung - Der Begriff der 'Substanz' - Materialismus vs. Theismus

Referat (Ausarbeitung) 2005 15 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsangabe

II. Einleitung: Thematik, Problem, Struktur der Ausarbeitung

III. Hauptteil
1. Der Begriff der Substanz
2. George Berkeleys Begriff der Materie
3 Die Materialisten und die ‚metaphysische Frage’
4. Die Theisten und die ‚metaphysische Frage’
5. Anwendung der pragmatischen Methode auf metaphysische Probleme

IV. ‚Überlappungsbereich’: Ende von Teil I und Ausblick auf Teil II

V. Schlussteil: Kritische Stellungnahme

VI. Anhang: Literaturangaben

II. Einleitung: Thematik, Problem, Struktur der Ausarbeitung

Der philosophische Pragmatismus wurde im 19. Jahrhundert von den amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (1839-1914), William James (1841-1910) und anderen begründet.[1] Nach ihrer Lehre beweist sich die Wahrheit einer Aussage allein durch ihren praktischen Nutzen. Hauptabsicht des Denkens ist es dieser Theorie zufolge, das Handeln zu leiten – die Wirkung einer Idee ist wichtiger als ihre Ursache. Der Pragmatismus entstand als erste unabhängige amerikanische Strömung der Philosophie. Er lehnt es ab, über Fragen zu spekulieren, für die kein praktischer Nutzen abzusehen ist. Außerdem betont er, dass Wahrheit sich in Relation zu Zeit, Ort und dem jeweils verfolgten Ziel verhält und dass sowohl Zwecke als auch Mittel einen Wert in sich selber tragen.

Nach den Ansichten der Pragmatisten sollen sich alle Urteile, Anschauungen, Vorstellungen und Begriffe der handelnden Menschen als Regeln für das Tätigsein und das Verhalten erweisen. Aus der Haltung des Skeptizismus heraus, nach der es dem Menschen nie glaubhaft gelungen sei, die objektive Realität wirklich hinreichend so abzubilden, dass es zur Übereinstimmung mit der Realität gekommen wäre, wird auch die bisherige Erkenntnis und das erkannte Wahre nur als Metapher betrachtet. Somit ist die Erkenntnis über die objektive Realität nicht in Übereinstimmung mit den darüber getroffenen Aussagen als Wahrheit aufzufassen, sondern nur aus der praktischen Nutzanwendung zu folgern. Damit wird das Kriterium der Wahrheit zum Kriterium der Nützlichkeit, des Nutzens, des Erfolges.

Letztere Frage nach dem Erfolg, d.h. der Bedeutung des betrachteten Problems samt einer ‚Lösung’ für das Handeln der Menschen findet sich bei James oft beschrieben mit dem Begriff des „Kassenwertes“[2] oder „Barwertes“ (z.B. James 1994: 53), im Original: ‚cash-value’.

Eine Kritik, der Pragmatismus des William James sei eine reine Methode, nicht aber zugleich eine Wahrheitstheorie kann sich vor diesem Hintergrund nicht bekräftigen:

Nach James ist das wahr, was sich durch seine praktischen Konsequenzen bewährt, bzw. mit dem Verweis auf die dritte Vorlesung, mit der sich diese Ausarbeitung beschäftigen will:

Eine Vorstellung darf, kann oder gar muss so lange als ‚wahr’ angesehen werden, wie es für das Leben des Menschen nützlich ist, daran zu glauben.

Mit dieser Denkrichtung versucht sich James, oder besser gesagt der James’sche Pragmatismus[3], als Bindeglied zwischen Rationalismus und Empirismus[4] in der Frage nach ‚Wahrheit’ und Nutzen. Will man die Vorgehensweise der dritten Vorlesung, in der es um die Anwendung der besagten Methode auf metaphysische Probleme geht, besser verstehen, ist nochmals der Rückverweis auf die vorherige Vorlesung sinnvoll, wenn es heißt:

„ Kurz, der Pragmatismus erweitert das Gebiet auf dem man Gott suchen kann. Der Rationalismus klebt an der Logik und am Himmelreich. Der Empirismus klebt an den äußern [sic!] Sinnen. Der Pragmatismus ist zu allem bereit, er folgt der Logik oder den Sinnen und lässt auch die bescheidenste und persönlichste Erfahrung gelten. Er würde auch mystische Erfahrungen gelten lassen, wenn sie praktische Folgen hätten.

Als annehmbare Wahrheit gilt ihm einzig und allein das, was uns am besten führt, was für jeden Teil des Lebens am besten passt , was sich mit der Gesamtheit der Erfahrungen am besten vereinigen lässt“ (James 1994: 51).

Mit diesen einführenden Gedanken schließt die Exposition dieser Ausarbeitung und bildet zugleich die Überleitung zum Aufbau der dritten Vorlesung, die im folgenden dargestellt werden wird.

Am Aufbau der Vorlesung selbst orientiert sich demnach auch die Struktur der vorliegenden Arbeit (Hauptteil).

Es geht James darum die pragmatische Methode zu erläutern, indem sie auf vier konkrete metaphysische Problemstellungen angewendet wird.[5] Dabei arbeitet James dialektisch, d.h. er setzt These gegen Antithese und gelangt zu einer Synthese. Das erste Problem ist das Problem der ‚Substanz’. James beleuchtet seine Einbettung in die von ihm vertretene Trias ‚Attribut-Substanz-Materie’ und diskutiert seine Begrifflichkeit vor dem Hintergrund des Nominalismus’ bzw. der Scholastik.

Anschließend schlägt er den Bogen zur Immaterialismusthese von Charles Berkeley, an die er das zweite Problem, den Gegensatz von Materialisten und Theisten im Streit um die metaphysische Frage[6], anknüpft. Dieses Problem ist es, auf das er am deutlichsten (und nachhaltigsten) die schon oben theoretisch beschriebene ‚Pragmatische Methode’ anwendet. Das dritte Problem, als Rekurs auf das zweite, stellt sich dar als Frage nach dem Zweck der Natur, das vierte und letzte als Frage nach dem freien Willen des Menschen.

III. Hauptteil

Der Hauptteil setzt an bei dem Begriff der Substanz (1), der sich James zu aller erst widmet, um an ihm zu demonstrieren, wie sich der stark theoretisierte philosophische Fachterminus in der praktischen Anwendung bei Nominalisten (2) oder Scholastikern (3) zeigt. Danach erst wird auf die Position Berkeleys im Disput um die Existenz einer metaphysischen Materie einzugehen sein (4).

Es wurde bereits gesagt, dass als Kern der James’schen Ausführungen, seine Ausein- andersetzung mit der praktischen Konsequenz auf menschliches Verhalten gelten kann, auf die hin er das Problem befragt, ob die Welt von freien, physischen Kräften oder aber von einem höheren, meta-physischen Geist gelenkt wird (5): Hat dieses Problem eine praktische Konsequenz, ist es in der Tat bedeutsam und wert, betrachtet zu werden. Andernfalls ist es eine Betrachtung nicht wert, weil in ihr eben kein „praktischer Kassenwert“ (a.a.O.) enthalten ist.

1. Der Begriff der Substanz

Substanz (von lat. substantia, griech. hypostasis, hypokeimenon, ousia) kann mit ‚das zu Grunde liegende’ übersetzt werden und meinte ursprünglich das Subjekt in einem Satz. Das Subjekt ist Träger einer bestimmten Eigenschaft. Ein skizzenhafter Exkurs in die Philosophiegeschichte kann verdeutlichen, in welchem Sinne James den Begriff in seiner dritten Vorlesung verwendet. Nach Aristoteles ist Substanz das, was im eigentlichen Sinne seiend ist (Metaphysik VII.1). Die aristotelische Tradition unterscheidet zwischen primärer und sekundärer Substanz. Bei der primären Substanz handelt es sich um das konkrete individuelle Ding (z. B. ein Mensch), bei der sekundären Substanz um eine Art (i. B. der Mensch) oder eine Gattung (z. B. Lebewesen). Eine primäre Substanz vermag durch sich selbst zu existieren, unabhängig von allem anderen. Dies unterscheidet sie von Eigenschaften und Relationen, die als Eigenschaften nur an oder als Relationen nur zwischen primären Substanzen existieren können. Die sekundäre Substanz ist eine Essenz (ein Wesen). Descartes bestimmt die Substanz als etwas, das existiert und zu seiner Existenz nichts anderes benötigt. In diesem Sinn ist Gott für Descartes die einzige Substanz. Allerdings begreift er auch das materielle Ding und die Seele als Substanz, weil sie als Geschaffene für ihre Existenz nur Gott benötigen. Descartes differenziert zwischen wesentlicher und zufälliger Eigenschaft, Attribut (Essenz) und Modus (Akzidens). Seiner Meinung nach kann man ein Attribut nicht bestimmen, ohne es zugleich einer Substanz zuzuschreiben. Wenn es ein Attribut gibt, muss es auch eine Substanz geben, der es angehört. Umgekehrt lässt sich eine Substanz nicht ohne ihre Eigenschaften auffassen, weil die Unterscheidung von Substanz und Attribut eine Distinktion der Vernunft ist. Die wesentliche Eigenschaft der Seele liegt im Denken. Die wesentliche Eigenschaft oder das Attribut der materiellen Dinge liegt in der Ausdehnung; denn um sie als materielle Dinge überhaupt identifizieren zu können, ist Ausdehnung notwendig. Auf diese Weise will auch James den Substanzbegriff verstanden wissen, wenn er verdeutlicht, dass z.B. ein Stück Kreide (James 1994: 52-54) Attribute wie Sprödigkeit, weiße Farbe oder eine zylindrische Form in sich vereint, diese Attribute aber so wahrgenommen werden, dass sie auf die Substanz, den Kalk als sinnlich erfahrbaren ‚Rohstoff’, verweisen. Die Substanz der Kreide ist nur über die Attribute wahrnehmbar. Würden die Attribute fehlen, könne die Substanz nicht wahrgenommen werden. Jede Substanz wiederum – und so schließt James sein triadisches Modell ab – inhäriert in einer quasi noch primäreren Substanz, der Materie. Ihre Eigenschaften, es klang bei Descartes als ‚Ausdehnung’ an, sind „Raumerfüllung und Undurchdringlichkeit“ (James 1994: 52). Der ‚Cash-value’ jeglicher Substanz ist folglich die jeweilige Gruppe ihrer Attribute, die wir Menschen sinnlich erfahren (können). Die Frage, die James im Folgenden eigentlich beschäftigt ist folgende: Gibt es eine Substanz im ontologischen Sinne? Und viel wichtiger erscheint hier die Frage: Welchen Unterschied machte es für den Menschen, wenn es eine solche gäbe, oder wenn es – vorwegnehmend gesagt – aus der Sicht der Nominalisten gesprochen keine gibt, sondern nur Worte, die Substanz bezeichnen? James konkretisiert dieses Problem später bei den Scholastikern am Beispiel des Abendmahls. Zu erst aber stellt er sich der Auffassung der Nominalisten, nur Namen würden als eigentliche Träger der Attribute fungieren, weil es eine „uralte[ ] menschliche[ ] Gewohnheit [sei] die Namen in Dinge zu verwandeln“ (James 1994: S. 53). Weil aber, laut James, die phänomenalen Dinge keinem Namen inhärieren, müsse der Begriff der Substanz hier aufgegeben werden. Die einzige pragmatische Behandlung des Substanzbegriffes, auf die es James ja im Grunde ankommt,[7] findet sich bei den Scholastikern in einem Fall: dem Abendmahl Christi. Die Eigenschaften der Oblate ändern sich nicht und doch wird sie zum Leib Christi wenn der Gläubige diese empfängt. Der Wandel muss sich also in der Substanz vollzogen haben, ohne dass sich sinnliche Eigenschaften, die Akzidenzien/ Attribute geändert hätten. Die Substanz kann sich also von ihren Attributen trennen und diese verändern, wenn man gläubig ist. Ein Nicht-Gläubiger würde sagen: nur der Name hätte sich verändert. Der Zusatz, dass sich der Wandel für den Gläubigen[8] vollzogen hat, ist ein zentraler und wird später in der Auseinandersetzung der Materialisten und Theisten um die Frage, welche Kraft die Welt lenkt (s.o.) noch einmal von großer Bedeutung sein.

2. George Berkeleys Begriff der Materie

Wer so denkt, schließt (über die Attribute) auf die Existenz von etwas Zugrundeliegendem[9], das die jeweiligen Eigenschaften trägt und zusammenhält. Und dieses Unbekannte nennt er Substanz. Dass sich eine Substanz in diesem Sinn findet, also etwas, das bei aller Veränderung konstant bleibt, lehnt Berkeley ab. Von einer solchen Größe kann der Mensch keine Erfahrung besitzen, und deshalb kann es keine Substanz geben. Wenn James im weiteren Verlauf seiner Vorlesung auf Charles Berkeley eingeht, dann über den direktesten Weg, nämlich über den Weg, dass er voraussetzt, der Hörer/ Leser wüsste um die Immaterialismusthese seines ‚Kollegen’. Denn darum geht es: James verschiebt den Blickwinkel und legt den Fokus weniger auf den Substanz- als mehr auf den Materiebegriff, von wo aus er, seine Strategie der Unterwerfung jeglicher Probleme unter die ‚Pragmatische Methode’ nie verlassend, auf den schon oft genannten ‚metaphysischen Streit’ der Materialisten mit den Theisten eingeht. Berkeley vertritt die These des ‚esse est percipi vel percipere’ (Sein ist wahrgenommen werden oder wahrnehmen): Das heißt, dass der Begriff der Materie bei Berkeley, verstanden als Materie „einer uns unzugänglichen materialen Welt“ (James 1994: 55) nach Art der Scholastiker, nicht haltbar ist: die metaphysische Welt wird hier geleugnet, weil nur das ist, was wahrgenommen wird. Diese Argumentation nennt James eine „durchaus pragmatisch[e]“ (a.a.O. S. 55) Kritik der Materie, die Berkeley - in diesem Sinne gelesen als physische Materie im Gegensatz zur meta-physischen Materie - nicht leugnet. Im Gegenteil: Sie ist für James vielmehr „der richtige Begriff für unsere Wahrnehmungsinhalte“(James1994:55). So steht es auch Metzler: „I[mmaterialismus] nennt G. Berkeley seine philosophische Grundposition, derzufolge eine räumliche Außenwelt nicht existiert und es widersinnig ist, materielle Dinge als bewußtseinsunabhängige Korrelate entsprechender Vorstellungsinhalte anzunehmen. Ihr sein besteht im Wahrgenommenwerden“ (Metzler Philosophie Lexikon 1996: 230).


[...]

[1] Andreas Graeser weist darauf hin, dass auch der Name John Dewey mit der Denkrichtung des Pragmatismus’ eng verbunden sei. Zudem nennt er als seinen heutigen „prominenten Anwalt“ den Namen Richard Rorty (Graeser 2002: 18).

[2] Vgl. die zweite Vorlesung: „Wenn Sie aber der pragmatischen Methode folgen, dann können Sie solch ein Wort [gemeint ist „Gott“, „Materie“, „Vernunft“, „Das Absolute“ oder „Energie“, S.E.] niemals als den Abschluss Ihrer Untersuchungen ansehen. Sie müssen aus jedem solchen Wort seinen praktischen Kassenwert herausbringen, müssen es innerhalb des Stromes Ihrer Erfahrungen arbeiten lassen. Dann erscheint es nicht mehr als Lösung, sondern vielmehr (...) als ein Hinweis auf die Mittel, durch welche existierende Realitäten verändert werden können “ (S. 33)

[3] Graeser stellt heraus, dass es den Pragmatismus in der Tat gar nicht gibt, sondern dass er ein Überbegriff ist für viele ähnliche Denkrichtungen. So hätten allein schon Peirce und James unterschiedliche Auffassungen von Pragmatismus. Vgl. Graeser 2002: 20f.

[4] James beschreibt seine ‚pragmatische Methode’ als „Korridor in einem Hotel“ (S. 34), der viele Zimmer, d. h. viele philosophische Denkrichtungen vor dem Hintergrund der Suche nach einem „praktikabeln Weg“ (S. 34) zueinander verbindet, wobei der Pragmatismus, d.h. ‚seine’ Methode allen „zu eigen“ (S. 34) ist.

[5] Von den vier angesprochenen Problemen wird diese Ausarbeitung nur die ersten beiden (samt Unterpunkten) behandeln.

[6] Wer oder was lenkt die Welt – physische Kräfte oder ein höherer Geist?

[7] An dieser praktischen Konsequenz, so vorhanden, bemisst sich ja gerade in James’ Augen die Relevanz eines Problems

[8] „(...) und es ist klar, dass dies nur von denjenigen ernst genommen wird, die aus anderen Gründen bereits an die wirkliche Gegenwart Christi in der Hostie glauben“ (James 1994: 54f.).

[9] vgl. Etymologie

Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638543248
ISBN (Buch)
9783638925730
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60731
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
1,3 (sehr gut)
Schlagworte
William James Einige Probleme Beleuchtung Ausarbeitung Vorlesung Begriff Substanz Materialismus Theismus Pragmatismus Name Denkmethoden

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