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Die Prototypen- und Stereotypensemantik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 23 Seiten

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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil
II.1. Die klassische Kategorisierungsmethode- Das Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen
II.2. Die Standardversion der Prototypensemantik
II.3. Die erweiterte Version der Prototypensemantik
II.4. Vergleich: Standardversion- erweiterte Version
II.5. Kritik an der Prototypensemantik
II.6. Die Stereotypensemantik nach Putnam

III. Zusammenfassung

IV. Bibliographie

I. Einleitung

„Es ist schwer vorstellbar, wie unser Verhalten in unserer Umgebung sowohl in physischer als auch in sozialer und intellektueller Hinsicht aussähe ohne die Existenz von Kategorien, wenn also jede irgendwie wahrgenommene Entität einzigartig bliebe.“[1]

Seit Mitte der 1970er Jahre spielt die Prototypensemantik eine wichtige Rolle in der Linguistik und leitete mitunter einen Paradigmenwechsel in der Sprachwissenschaft ein.[2] Ausschlaggebend hierfür waren Untersuchungen, die Kognitionsprozesse im menschlichen Gehirn beim Denken und Verstehen näher betrachtet haben, da dem Menschen seit jeher die kognitive Fähigkeit zur Kategorisierung zugesprochen wird, wie auch Kleiber in oben angeführtem Zitat ausdrückt. Ohne diese mentale und meistens auch gleichzeitig unbewusste Fähigkeit, unser Denken zu kategorisieren, wäre das menschliche Gedächtnis überfordert, Informationen geordnet „abzuspeichern“ und zu verwerten. Doch in diesem Zusammenhang stellen sich elementare Fragen: Nach welchen Prinzipien erfolgt die Kategorisierung? Welche Kriterien sind ausschlaggebend für die Kategorisierung einer Sache? In dieser Arbeit können nicht alle Erkenntnisse, Überlegungen und auch Kritik an der Prototypensemantik erwähnt werden. Dennoch versuche ich, die oben genannten Fragen in dieser Arbeit zu beantworten und die grundlegenen Bestandteile der Prototypensemantik näher zu bringen, zunächst durch die Abhandlung der klassischen Kategorisierungstheorie nach Aristoteles bzw. dem Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen, anschließend durch die revolutionäre Theorie der Prototypensemantik nach Rosch und Lakoff in den 1970er Jahren. Auch die erweiterte Version der Standardversion wird erwähnt. Zum Schluss werde ich noch auf die grundlegenden Bestandteile der Stereotypensemantik nach Putnam eingehen.

II. Hauptteil

II.1. Die klassische Kategorisierungsmethode- Das Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen

Kleiber nennt hier auf die Frage, wie man kategorisiert, die „aristotelische“ Antwort, „(..)an die man unwillkürlich denkt: Die Kategorisierung erfolgt auf der Grundlage gemeinsamer Eigenschaften.“[3]

Kleiber führt an, dass verschiedene Objekte, die zu einer Kategorie gehören sollen, zumeist über ein gemeinsames Attribut verfügen. Demzufolge muss zunächst festgestellt werden, welches als Attribut gelten soll, das die verschiedenen Objekte miteinander in Beziehung setzt. Die so konzipierte Kategorisierung geht auf ein Modell von Langacker[4] zurück, das sich Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen nennt, kurz NHB- Modell. Bei diesem Modell läuft das Erlernen einer Kategorisierung auf die Suche nach einer Kategorisierungsregel hinaus. Die betreffenden Beispiele und auch Gegenbeispiele werden analytisch und logisch betrachtet und liegen in der Merkmaltheorie begründet. Die Notwendigkeit bezieht sich dabei auf jede einzelne Bedingung, die hinreichenden Bedingungen betreffen die Gesamtheit der notwendigen Bedingungen, die Merkmale sind jeweils unabhängig voneinander. Hierbei ergaben sich folgende Schlüsse aufgrund der analytischen Wahrheit für die Klassifikationsregel, wann beispielsweise ein Hund auch als solcher identifiziert werden kann: Ein Hund ist ein Tier, wenn „Tier“ eine notwendige Bedingung ist. Dieser Schluss gilt aufgrund seiner Bedeutung als wahr. Unter anderem ergaben sich für dieses NHB- Modell vier aristotelische Klassifikationsregeln, nach denen semantische Kategorien gebildet werden:

1. Kategorien werden durch die Verbindung von notwendigen und hinreichenden Bedingungen definiert.
2. Merkmale sind binär, d.h. sie treffen nur nach dem „entweder- oder“- Prinzip zu.
3. Kategorien verfügen über klar definierte Grenzen.
4. Alle Mitglieder einer Theorie sind äquivalent.[5]

Jedoch weist dieses System der Kategorisierung einige Schwachstellen und Lücken auf bezüglich nicht seltener Grenzfälle. Denn nicht jede Sache lässt sich nur zu einer Kategorie zuordnen ohne auch vielleicht Element einer anderen zu sein. Gerade im Sprachgebrauch des Alltags kommt es zu diesen „Problemfällen“, wie beispielsweise bei der Behandlung von Mehrdeutigkeiten: Das französische Wort „ voler“ kann sowohl im deutschen als auch im französischen Sprachgebrauch einerseits für „fliegen“ als auch für „stehlen“ stehen. Bei Überschneidungen der notwendigen und hinreichenden Bedingungen kann es jedoch auch zu Schwierigkeiten kommen, die nicht ohne weiteres behoben werden können: Das französische Wort „veau“ kann einerseits für das Kalb an sich, das „lebende Kalb“, stehen, andererseits jedoch auch für „Kalbfleisch“[6]. Hierbei wird klar, dass das NHB- Modell Unzulänglichkeiten aufweist und der Kategorisierung nach diesem Modell Grenzen gesetzt sind. Denn wenn es notwendige Merkmale gibt, die alle Exemplare zur Kategorisierung aufweisen müssen, so entsteht das Problem der Verifikation. Weiterhin kategorisiert das NHB- Modell, aber was ist, wenn mehrere Kategorien bzw. Ausdrücke zur Verfügung stehen? Denn das NHB- Modell erklärt zwar, warum ein Hund beispielsweise zur Kategorie „Tier“ gezählt wird, aber nicht, warum ausgerechnet diese Kategorie gewählt wird. Weiterhin gibt es auch Unterschiede bei der Frage, warum ein Hund dann manchmal eher zur Kategorie „Tier“ gerechnet wird und manchmal wiederum zur Kategorie „Säuger“ oder „Säugetier“. Das NHB- Modell weist daher auf, dass es keine Bevorzugung spezieller Kategorien gibt und alle gleichrangig sind. Darüber hinaus weist das NHB- Modell ein Mangel an Flexibilität auf und kann sich nicht an Grenzfälle anpassen. Im Gegenteil- das NHB- Modell hindert uns daran, so Kleiber, Dinge einer bestimmten Kategorie zuzuordnen und sie demnach auch zu bezeichnen, wenn sie nicht gänzlich die nötigen Definitionen erfüllen um laut des NHB- Modells zu einer bestimmten Kategorie zugerechnet werden zu können. Dies zeigt sich besonders am Beispiel des französischen „chaise“ („Stuhl“): Notwendige Bedingungen wären hier „vier Beine“, „aus steifem Material“, „Rückenlehne“ usw. Man dürfte dann nur solche Sitzgelegenheiten als „chaise“ bezeichnen, die auch diesen Kriterien entsprächen. Jedoch gibt es auch Sitzgelegenheiten, denen eventuell eine dieser Kriterien fehlt und aber dennoch als „chaise“ bzw. „Stuhl“ zu bezeichnen wäre[7]. Eine ebenso schwierige Kategorisierung in alltagssprachlichen Situationen zeigt sich am viel zitierten Beispiel der Tasse, das von Monika Schwarz und Jeanette Chur[8] aufgegriffen wurde. In ihrem Beispiel gibt es kein einziges, wirklich maßgebliches Merkmal für die Kategorisierung einer Tasse. Gefragt nach den wohl typischsten Merkmalen, die eine Tasse definieren, würde man wohl sagen, dass sie einen Henkel haben muss, zum Trinken dient und aus Porzellan der Keramik besteht. Dennoch gibt es mittlerweile unzählige Tassen, die henkellos sind, nur als Ziertasse dienen und/ oder sogar aus Plastik sind. Diese „Tassen“ würde man dennoch unweigerlich zu der Kategorie „Tasse“ zählen bzw. die Frage aufwerfen, inwiefern diese „Grenzfälle“ nicht schon bereits eine „Schale“ oder „Becher“ sind. Das NHB- Modell lässt diese Grenzfälle mit seinen oftmals recht verschwommenen und nicht klar zu definierenden Grenzen weitestgehend außer Acht und ist daher nicht mehr aktuell. Dennoch kann dieser klassische Ansatz als Grundlage für weitere Forschungen gelten, die in den 1970er Jahren vor allem von den Kognitionswissenschaften aufgenommen wurden, um den Prozess der Kategorisierung weiter beschreiben zu können.

II.2. Die Standardversion der Prototypensemantik

Die von Kleiber so genannte Standardversion der Prototypentheorie entspricht der von Eleanor Rosch, George Lakoff und anderen Wissenschaftlern ihres Umfelds entwickelten Theorie in den 1970er Jahren. Später jedoch wurde diese Version der Prototypentheorie von ihren Entwicklern revidiert. Diese neuere Version nennt Kleiber die „erweiterte Version“ auf die ich später in dieser Arbeit zu sprechen kommen möchte. Zunächst soll jedoch die „Standardversion“ näher erklärt werden.

Die Standardversion beschäftigt sich vornehmlich mit zwei Fragestellungen: Welche innere Struktur weisen die Kategorien auf und welche Beziehung gehen sie untereinander ein? Die Standardversion bietet hierfür zwei verschiedene Aspekte der Betrachtung nach Rosch.[9] Dort wird eine zweifache Gliederung von Kategorie und Kategorisierung vorgeschlagen, indem einerseits die innere Struktur der Kategorien aufgezeigt wird- die horizontale Dimension- und andererseits die Darlegung der Grundzüge der interkategoriellen Strukturierung- die vertikale Dimension. Bei der horizontalen Ebene kann man davon ausgehen, dass die zugrunde liegende Idee eine Kategorie ist, die nicht- wie beim klassischen Modell der notwendigen und hinreichenden Bedingungen- aus aneinander gereihten Mitgliedern besteht, sondern sich vielmehr um ein im Zentrum stehendes Mitglied gruppiert, an dem die anderen Mitglieder gemessen werden hinsichtlich ihrer Kategoriezugehörigkeit. Die vertikale Ebene stellt hierbei die innere Strukturierung einer Kategorie dar, d.h. inwieweit die einzelnen Mitglieder einem Prototyp mehr oder weniger ähnlich sind und sich je nach Prägnanz um diesen anordnen. Prototypische Vertreter einer Kategorie weisen die meisten jener prägnanten Eigenschaften auf, die einem beim Gedanken an diese Kategorie in den Sinn kommen. Nach Rosch stellt ein Prototyp „einen zentralen, repräsentativen, d.h. besonders typischen Vertreter einer Kategorie dar, der Prototyp steht als bestes Exemplar bzw. Beispiel (Prototyp= griechisch für „Urbild“, „Original“).[10]

Am Beispiel des Vogels lässt sich das sehr gut veranschaulichen: In unserem Kulturkreis würde man beim Gedanken an einen prototypischen Vertreter eines Vogels am ehesten an einen Spatz oder eine Amsel denken, wohingegen man einen Pinguin oder einen Vogel Strauß eher weniger als prototypischen Vertreter dieser Tierart anerkennen würde. In Afrika wiederum würde man in der Steppe aufgrund seiner Frequenz eher an einen Vogel Strauß denken als an einen Spatz oder auch eine Taube, die im afrikanischen Kulturkreis zu den randständigen Vertretern gehören würden. Es folgt also die Erkenntnis, dass es in einer Kategorie Mitglieder mit höherem und auch niedrigerem Grad an Prototypikalität gibt und diese somit anfällig dafür sind, zu einer anderen Kategorie zugeordnet zu werden. Es lassen sich somit verschiedene Repräsentativitätsgrade angeben, inwiefern ein Vertreter einer Kategorie dessen Kriterien erfüllt, um als repräsentatives Mitglied dieser Kategorie angesehen zu werden. Es können somit für jede Kategorie auch Prototypizitätsskalen[11] gebildet werden. Der Prototyp gilt als besonders typisches Mitglied seiner Kategorie, er besitzt die Merkmale mit der höchsten „cue validity“[12], dem „Wiedererkennungswert“, d.h. die Merkmale können nach ihrer cue validity, also ihrer Wichtigkeit für diese Kategorie, auf- oder abgestuft werden. Gehört ein Mitglied aufgrund einer niedrigen cue validity nicht zu den „besten Vertretern“ einer Kategorie- in meinem Beispiel im hiesigen Kulturkreis wäre das beispielsweise der Pinguin, da dieser zwar zu den Vögeln zählt, aber beispielsweise nicht fliegen kann, was wiederum als wichtiges Kriterium für diese Kategorie gilt- so gehört dieser Vertreter eher an den Rand, es besteht eine Art Abgrenzung zu den übrigen Vertretern. Dieser Vertreter gehört zu den „fuzzy edges“, den „unscharfen Rändern“ jener Kategorie, da die Grenzen hier verschwommen und nicht klar definiert erscheinen. Kleiber verweist hier auf Lakoff, der sagt, die „Frage nach der Zugehörigkeit zu einer Kategorie lässt sich nicht einfach mit ja oder nein beantworten, sondern eher graduell“[13]. D.h. für das „Vogel- Beispiel“, dass die Frage nach den Vertretern nicht nur mit „wahr“ oder „falsch“ beantwortet werden kann, sondern auch mit einzelnen Abstufungen:


[...]

[1] Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik. S.4

[2] Vgl. Blank, Andreas (2001): Einführung in die lexikalische Semantik. S.44

[3] Kleiber, Georges: Prototypensemantik. S. 11

[4] Langacker, R.W. (1987): Foundations of Cognitive Grammar (Vol. 1).

[5] Mangasser- Wahl, Martina (2000): Von der Prototypentheorie zur empirischen Semantik. S.11

[6] Alle Beispiele aus: Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik. S. 15

[7] Siehe Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik. S. 22

[8] Schwarz, Monika/ Chur, Jeanette (1993): Semantik. Ein Arbeitsbuch. S.48

[9] Rosch, Eleanor (1973): Natural Categories. Cognitive Psychlogies Bd. 4, S.328- 350

[10] Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik. S. 31

[11] Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik. S. 33

[12] Blank, Andreas (2001): Einführung in die lexikalische Semantik. S.47

[13] Kleiber, Georges (1993): Prototypensemantik. S. 35

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638542692
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60644
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Anglistik, Amerikanistik und Anglophonie
Note
1,7
Schlagworte
Prototypen- Stereotypensemantik

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