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Identitätsentwicklung in der Adoleszenz - Eine empirische Untersuchung an Berufskollegs

Hausarbeit 2006 35 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Exkurs: „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ im Alltag

2. Wie bildet sich Identität auf Selbstkonzept und Selbstwertgefühl ab?
2.1 Historische Entwicklung
2.2 Dimensionen der Identität

3. Theoretische Grundlagen
3.1 Prolog: Die psychosozialen Entwicklungsstufen nach Erikson
3.2 Das Modell James E. Marcias
3.3 Identitätsentwicklung bei Jugendlichen

4. Operationalisierung der Identitätszustände
4.1 Allgemeine Forschungsergebnisse
4.2 Operationalisierung für die empirische Untersuchung

5. Vorbereitungen zur Datenerhebung
5.1 Erstellung des Fragebogens mithilfe der Computersoftware GrafStat
5.2 Kontakt zum Lehrer
5.3 Gültigkeit der Daten

6. Auswertung
6.1 Allgemeine statistische Angaben
6.2 Beurteilung des Selbstkonzeptes und des Selbstwertgefühls
6.3 Beurteilung der Charaktereigenschaften
6.4 Berufswahl
6.5 Bezug zu den vier Identitätsstadien

7. Fazit

8. Anhang
8.1 Operationalisierung und Erstellung des Fragenkatalogs
8.2 Grundauswertung zur Identitätsbefragung

9. Literatur

1. Einleitung

In dem Seminar „Selbstkonzept und Selbstwertgefühl“ aus dem Bereich der pädagogischen Psychologie haben wir uns intensiv mit den Begriffen sowie Dimensionen von „Selbstkon- zept“ und „Selbstwertgefühl“ beschäftigt. Ausgehend von den theoretischen Grundlagen zum „Sozialen Selbst“ durch den Psychologen William James haben wir uns um ein erstes inhaltli- ches Begriffsverständ nis bemüht. Mehrere theoretische Modellannahmen von Sigrun-Heide Filipp über Astrid Schütz bis hin zu James E. Marcia haben uns später begleitet. Ab der Mitte des Seminars haben wir dann die Entwicklung und Beeinflussung des Selbstkonzeptes respek- tive Selbstwertgefühls in den Lebensabschnitten „Kleinkindalter“, „Kindesalter“ und - be- sonders umfassend - „Jugendalter“ diskutiert.

Wie später genauer beschrieben wird, stehen die beiden oben genannten Begriffe in engem Zusammenhang zu dem Begriff „Identität“. Diese Wechselbeziehung habe ich zum Anlass genommen, herauszufinden, wie die Identitätsentwicklung in der Adoleszenz1verläuft. Theo- retische Grundlage in den nächsten Abschnitten soll das Identitätsmodell nach Marcia sowie grob das Stufenmodell nach Erikson sein. Das schafft den wissenschaftlichen „Sockel“ für eine empirische Untersuchung, die ich in Berufskolleg-Klassen durchgeführt habe. Ich möch- te prüfen, inwieweit sich die theoretischen Modellannahmen hier wieder finden lassen.

Nach der Operationalisierung der Variablen habe ich mit dem kostenlosen PC-Programm „GrafStat“ einen quantitativen Fragenbogen entworfen. Der Fragenbogen konnte von den Schülern über das Internet ausgefüllt werden. Eine genauere Beschreibung dazu folgt weiter unten.

Daran anknüpfen sollen sich der Versuch einer Auswertung und der Vergleich mit den bisherigen theoretischen und allgemeinen empirischen Ergebnissen. Ein Fazit soll die Arbeit schließlich abrunden.

1.1 Exkurs: „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ im Alltag

Welche Tragweite haben eigentlich „Selbst“, „Selbstkonzept“, „Selbstwert“ oder „Identität“? Gerade im Zusammenhang mit der psychosozialen Beschreibung der Adoleszenz sind die Begriffe stark frequentiert. Der Grund liegt darin, dass der lebenslange Prozess der Identitätsentwicklung im Jugendalter stärker als in anderen Lebensphasen „auf den Prüfstand gestellt“ wird. In dieser Phase wird vieles ausprobiert und vieles verworfen.

So ist es nicht verwunderlich, dass die angeführten Begriffe im Zusammenhang mit Adole s- zenz die am meisten verwendeten und diskutierten Begriffe sind. Ein Richtmaß: „Im Jahr 1982 zählt Rosenberg [, Morris; amerikanischer Forscher, T.S.] ungefähr 7000 Studien zu Selbstkonzept und Selbstwert.“2

Das darf aber auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die inhaltliche Deutung von „Selbst“ im Alltag oft missbräuchlich verwendet wird. Denn mit dem Präfix „Selbst“ sind viele Begriffe bekannt: „Selbstbewusstsein“, „Selbstbild“, „Selbstwahrnehmung“, „Selbstkontrolle“, „Selbstkritik“, „Selbsteinschätzung“, oder eben „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“. Ebenso kann es dazu kommen, dass Selbstwert und Selbstkonzept synonym verwendet werden. Wie im späteren Verlauf deutlich wird, ist die kognitive Komponente der Identität das Selbstkonzept und gibt Auskunft über die Selbstwahrnehmung. Diese Beschreibungen in der Öffentlichkeit sind selten neutral, so wie beim Selbstwertgefühl. Das wiederum gibt Auskunft über die Selbstbewertung, die nie objektiv sein kann.3

Deshalb werde ich dem Leser jetzt einen umfassenden Überblick geben, indem die Begriffe „Selbstkonzept“ und „Selbstwertgefühl“ erklärt und - vor allem - in den Zusammenhang mit „Identität“ gebracht werden.

2. Wie bildet sich Identität auf Selbstkonzept und Selbstwertgefühl ab?

An die Begriffe Selbstkonzept und Selbstwertgefühl und deren Ausprägungen möchte ich mich über die Identitätspsychologie nähern. Wenn Psychologie als Wissenschaft verstanden wird, ist es problematisch Identität als Begriff zu fassen, „nicht selten wegen seines komple- xen Charakters.“4

2.1 Historische Entwicklung

Bereits gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts hat William James (1842-1910), amerikani- scher Psychologie und Philosoph, das „I“ (Ich) und „Me“ (Mich) definiert (James, 1890) und damit auf die Identitätsentwicklung beim Menschen hingewiesen. Das „Me“ steht für das Er- kannte und das „I“ steht für das Erkennende. Der Zusammenhang zwischen beiden Formen besteht darin, dass „der Erkennende (Wissende), das Ich, die Aufgabe und zugleich das kogni- tive Bedürfnis hat, ein klares Bild vom Gegenstand seines Erkennens, dem ‚Mich’, zu gewin- nen.“5Eine weitere Unterscheidung besteht darin, dass das „I“ das wissende und erfahrende Selbst ist, das „Me“ hingegen das Anderen bekannte Selbst.

Neben James war Charles Horton Cooley (1864-1929), amerikanischer Soziologe, ein Vorreiter auf dem Gebiet der Identitätsforschung. Er hat den Begriff „looking- glass self“ (Cooley, 1902) geprägt. Das bedeutet, dass sich die Person anhand der Reaktion Anderer selbst betrachten und erfahren kann, wie die Umwelt sie wahrnimmt.

Zur Identitätspsychologie hat auch Erik H. Erikson (1902-1994), deutsch-amerikanischer Psychoanalytiker, viel beigetragen. Er hat letztlich den Identitätsbegriff für die Psychologie „relevant“ gemacht. Diesen legt er wie folgt aus:

„Identität bedeutet die Fähigkeit, sein Selbst als etwas zu erleben, das Kontinuität bei- sitzt, das‚das Gleiche’bleibt, und dementsprechend handeln zu können.“6 Identität bedeutet für ihn also etwas Stabiles. Eine zweckmäßige Definition des Begriffs „I- dentität“ stammt auch von James E. Marcia, einem noch lebenden Schüler Eriksons:

„Identität ist eine innere, selbst konstruierte, dynamische Organisation von Trieben,Fähigkeiten,Überzeugungen und individueller Geschichte.“7

Etwas allgemeiner fassen Oerter und Dreher die Beschreibung von Identität:

„Der Begriff Identität bezieht sich zunächst in einem allgemeinen Sinn auf die einzigartige Kombination von persönlichen, unverwechselbaren Daten des Individuums wie Namen, Alter, Geschlecht und Beruf, durch welche das Individuum gekennzeichnet istund von allen anderen Person unterschieden werden kann.“8

Dabei kann nur das Individuum Aussagen zu „seiner“ Identität treffen; anders als bei den Begriffen „Ro lle“ (Bündel von Verhaltenserwartungen in der Gesellschaft) und Persönlichkeit (Summe der individuellen psychischen Merkmale).

2.2 Dimensionen der Identität

Identität hat eine kognitive, emotionale und handlungsbezogene Dimension. Die kognitive Komponente ist so etwas wie Selbstaufmerksamkeit („self-awareness“) in einem Moment. Dieses verbindet das Individuum mit gespeicherter Erfahrung.9Die emotionale Komponente wird durch Selbstbewertung berührt. Das geschieht durch sozialen und individuellen Ver- gleich. Wenn eine kognitive und/oder emotionale Auseinandersetzung über einen längeren Zeitraumgeneralisiertstattfindet, hat das Einfluss auf die Identität. Generalisiert wird über die Zeit - von momentan nach stabil - und über Lebensbereiche - von bereichsspezifisch nach global. „Was einen emotional nicht berührt und kalt lässt, wird auch nicht identitätsrele- vant.“10

Dieses Zitat lässt schon darauf schließen, dass Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung ein Teil der Identität sind.11Subjektive Betroffenheit stellt sozusagen einen Identitätsfilter dar. Ein Beispiel: „Von der Schließung eines Großbetriebs ist ‚existentiell’ betroffen, wer arbeit s- los wird, und ‚ideell’, wer als Beschäftigter einer anderen Firma aus Solidarität auf eine entsprechende Protestkundgebung geht.“12Der Filter sorgt also dafür, dass situative Erfahrungen, mit denen sich eine Person besonders beschä ftigt hat, gespeichert werden und daraufhin als Selbstkonzept (generalisierte Selbstwahrnehmung) und Selbstwertgefühl (generalisierte Selbstbewertung) die Identität als übersituative Instanz erreichen.13

Das Selbstkonzept lässt sich weiter differenzieren: Z.B. ist da das schulische Selbstkonzept, oder das körperliche Selbstkonzept, oder auch das soziale Selbstkonzept zu nennen. Das schu- lische Selbstkonzept wiederum kann das sprachliche Selbstkonzept mit seinen Subkategorien Englisch, Deutsch oder das naturwissenschaftliche Selbstkonzept mit seinen Subkategorien Physik, Chemie, Biologie umfassen. Somit ist das menschliche Selbstkonzept hierarchisch gegliedert.14

Das Selbstwertgefühl baut sich quasi aus der Bewertung von Selbstkonzepten auf. Optima- lerweise bewegt es sich fernab der Pole Narzissmus und Selbstverachtung. Die Komponenten eines stabilen positiven, nicht überschwänglichen Selbstwertgefühls sind: Wohlbefinden und Selbstzufriedenheit, Selbstakzeptierung und Selbstachtung sowie Selbstständigkeit und Unab- hängigkeit. Die Gegenteile dieser Charakterisierungen implizieren ein negatives Selbstwert- gefühl. William James definiert sodann Selbstwertgefühl auch als Erfolge pro Anzahl der Versuche.15

Als dritte und letzte Komponente der Identität ist die handlungsbezogene Komponente zu nennen. Personale Kontrolle meint, dass Personen auf Ereignisse der Umwelt Einfluss ne h- men können - entweder als interne oder externe personale Kontrolle. Als Beispiel dazu ließe sich die personale Kontrolle beim Lehrer nennen: Schreibt ein Schüler schlechte Schulnoten, wirkt sich das auf die externe Kontrolle beim Lehrer aus. Er behauptet nichts dafür zu kön- nen, da er annimmt, dass sich der Schüler beispielsweise falsch oder zu wenig auf die Prüfung vorbereitet hat. Er nimmt also nicht an, dass er die prüfungsrelevanten Inhalte falsch vermit- telt hat.16Wird die personale Kontrolle über einen Zeitraum generalisiert, führt das zur Kon- trollüberzeugung. Hier hat dann auch wieder die Filterfunktion gegriffen. „Unter der Kon- trollüberzeugung wird dann die generalisierte subjektive Erklärbarkeit, Vorhersehbarkeit und Beeinflussbarkeit verstanden. “17

Zusammenfassend sei eine Tabelle angeführt:18

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Theoretische Grundlagen

Wie bereits angedeutet, stellt Identität ein komplexes Konstrukt dar, über das im Prinzip nur das Ind ividuum urteilen kann. „Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit sind ja Wesensmerkmale von Identität.“19

3.1 Prolog: Die psychosozialen Entwicklungsstufen nach Erikson

Zu Beginn möchte ich den Erikson´schen Identitätsbegriff näher beleuchten. Identitätsent- wicklung setzt er gleich der psychosozialen Entwicklung, die ein Leben lang anhält. Für ihn ist die Identitätsentwicklung immer ein Wechselwirkungsprozess zwischen Individuum und Umwelt; zwar stabil, aber nicht starr. „Kontinuität“ ist vielleicht ein passender Begriff, der in den Kontext von Identität gestellt werden kann.

Es gibt bestimmte Alterstrukturen, in denen die Pole des Wechselwirkungsprozesses stärker zum Tragen kommen. Das resultiert zu einem Konflikt, bzw. zu einer Krise und das Indivi- duum steht zwischen beiden ambivalenten Polen. Doch dieser Prozess ist normal, erst die Bewältigung der Krise führt zum Austritt aus der momentanen Phase und bedeutet den Ein- tritt in eine neue Phase.

Hier die Zusammenstellung aller Phasen sowie deren Pole:20

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für Erikson war die Adoleszenz-Phase von besonderer Bedeutung: Er „war der Auffa ssung, die hauptsächliche Krise des Jugendlichen bestehe darin, dass er die wahre eigene Identität inmitten eines verwirrenden Lebensabschnittes entdecken müsse.“21

Dabei ist etwa die Entscheidung für einen Beruf im Kontext einer Unwissenheit über Alternativen zu nennen.

Wenn die Krise im jungen Erwachsenenalter positiv überwunden wird, führt das zur Fähig- keit, Nähe und Bindung mit jemand anderem einzugehen. Eine entwickelte Identität ist dabei zwingende Voraussetzung. Falls nicht erreicht, resultiert daraus ein Gefühl der Einsamkeit, des Abgetrenntseins. Das junge Erwachsenenalter ist also umrahmt von der sich auftuenden Partnerschaft.

3.2 Das Modell James E. Marcias

James E. Marcia, ein Schüler Eriksons hat dessen Stufenmodell weitergeführt. Er will die Identitätsforschung der Empirie zugänglicher machen und damit wissenschaftliches Arbeiten stärker in den Vordergrund rücken. Er ist „nicht von Vornherein auf altersgebundene Phasenthematiken und irreversible Krisenlösungen fixiert.“22Aus seinen Arbeiten hat er ein Instrument zur Ermittlung von Identitätszuständen generiert. Die verschiedenen Stadien, die er postuliert, sind kein Stufenmodell wie bei Erikson. Während der gesamten Lebensspanne kann das Individuum zwischen vier Stadien hin- und herschwenken:23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

24Es gibt keine konkrete Reihenfolge bei der Abfolge der Stadien. Man könnte meinen, die er- arbeitete Identität wäre der absolut wünschenswerte Zustand, da hier die Identitätskrise sozu- sagen überwunden ist. Identität wäre selbst erarbeitet und man fühlt sich innerlich verpflich- tet. Im Sinne Marcias ist das nicht unbedingt wünschenswert. Der Mensch durchläuft nach seiner Vorstellung im ganzen Leben eine ständige Identitätsentwicklung. Zu verschiedenen Lebensbereichen lassen sich je eine der vier Identitätskategorien zuordne n. Aber: „‚Erarbeite- te Identität in womöglich allen subjektiv bedeutsamen Lebensbereichen würde nicht nur den einzelnen mit seiner begrenzten psychischen Energie überfordern, ihn in einer enormen Bandbreite innerer Verpflichtungen festlegen und damit die Weiterentwicklung und Neuori- entierung seiner Identität verbauen.“25D.h., Identität ist nie vollkommen, das Individuum wird „immer reale Reste an Diskontinuität, Inkonsistenz, Inkonsequenz, Unechtheit, Aus- tauschbarkeit und Minderwertigkeit erkennen.“26

Rainer Watermann differenziert hier nach verschieden Identitätsverläufen: „Progressive Verläufe erreichen über das Moratorium die erarbeitete Identität, regressive Verläufe enden bei einer diffusen Identität und stagnierende Verläufe entweder bei der übernommene n oder bei der diffusen Identität.“27

Die Stadien können durch drei verschiedene Dimensionen unterschieden werden. Dazu zählen Krise, Verpflichtung und Exploration. Eine genauere Betrachtung der Begriffe liefert folgen- des:28

- Krise: eine Art von Auseinandersetzung, des Weiteren ein Maß an Unsicherheit, Beunru- higung oder Rebellion,
- Verpflichtung: Engagement und Bindung gegenüber anderen,
- Exploration: ein Maß für Erkundung mit der Absicht, eine bessere Orientierung und Ent- scheidungsfindung zu erreichen (wird in der Forschung neuerdings stärker betont).

3.3 Identitätsentwicklung bei Jugendlichen

Besonders geeignet ist das Modell für die psychosoziale Beschreiung der Adoleszenz, da hier Strukturen, die seit der Geburt erlernt wurden, hinterfragt werden. Wie bereits Flammer und Alsaker schreiben: „Selbstkonzept und Identität besitzen gerade im der Entwicklung der Adoleszenz eine Sonderstellung.“29

Hier sind Eindrücke besonders und müssen neu integriert werden. Vieles wird ausprobiert und verworfen. Allerdings ist im Vorfeld bereits festzustellen: „Keineswegs ist damit zu rechnen, dass alle Jugendlichen auch alle vier Identitätszustände durchlaufen und dass die Identitätsausprägung in der Entwicklung zwangsläufig bei der erarbeiteten Identität endet.“30Als relativ sicher gilt, dass im Laufe des Jugendalters der Weg in Richtung „Erarbeiteter Identität“ verläuft. Im Modell Eriksons würde der hypothetische Identitätsverlauf von der elterlich ü- bernommenen Identität klar über die diffuse und kritische Identität zur erarbeiteten Identität verlaufen. Damit wäre die Krise erfolgreich bewältigt.

Ein Beispiel (unabhängig von den Erikson´schen Annahmen), wie eine Identitätsentwicklung während der Adoleszenz verlaufen könnte: Beim Eintritt in das Jugendalter kann die Person noch nicht abstrahieren und hat weitgehend die Orientierungen und Überze ugungen der Eltern übernommen. Das ist keine Krise, dafür aber eine innere Verpflichtung gegenüber den Eltern. Wenn die Abstraktion weiterhin behindert ist, also eine Festlegung auf berufliche, ethische, partnerschaftliche oder politische Standpunkte noch nicht möglich ist, aber die elterlich über- nommene Identität hinterfragt wird, kommt es zu einer Diffusion. Eine Krise findet zwar noch nicht statt, jedoch hat sich die Person der elterlichen Verpflichtung entzogen. Alternativen können jetzt bewusst werden (die Person abstrahiert) und es folgt ein krisenhaftes Moratori- um. Die Krise wird darüber gelöst, dass eine klare eigene Orientierung, jedoch mit innerer Verpflichtung erreicht worden ist.

4. Operationalisierung der Identitätszustä nde

4.1 Allgemeine Forschungsergebnisse

Marcia hat eine eigene Methode entwickelt, Identität empirisch messbar zu machen, und zwar die des „Identity-Status-Interview“. Dabei wird ein qualitatives Interview mit dem Probanden aufgenommen und „anhand eines umfassenden Manuals ausgewertet.“31Um das Datenauf- kommen zu überblicken, hat sich Marcia auf die unabhängigen Bereiche Beruf, Religion und Politik konzentriert. Marcia hat hauptsächlich an amerikanischen College-Studenten ge- forscht.

Welche Merkmale haben die einzelnen Stadien, um diese in einer eigenen empirischen Unter- suchung operationalisieren zu können? Marcia beschreibt das in einer 5x6-Matrix wie folgt:32

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1Die Adoleszenzphase wird zwischen Kindheit und Erwachsenenalter eingeordnet. In der BRD wird dabei der Zeitraum vom 17. bis 24. Lebensjahr betrachtet (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Adoleszenz mit Stand vom 12. April 2006).

2Flammer/Alsaker 2002, S. 142

3vgl. Flammer/Alsaker 2002, S. 143

4Haußer 1995, S. 2

5Oerter/Montada 1998, S. 347

6Haußer 1995, S. 28f

7Marcia 1980, S. 159 in Haußer 1995, S. 3

8Oerter/Dreher in Oerter/Montada 1998, S. 346

9vgl. Haußer 1995, S. 12f

10Haußer 1995, S. 9

11Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung stehen immer unter dem Einfluss von Fremdbewertung und Fremdwahrnehmung (siehe das „I“ und „Me“ bei James). Bei dem Prozess des Aufbaus und der Differenzierung menschlicher Identität spielen also Einfluss und Rückmeldung durch den „sozialen Spiegel“ eine große Rolle (vgl. Haußer 1995, S.39).

12Haußer 1995, S. 9

13Identitätsgeneralisierungen sind auch umkehrbar. Dieser Prozess heißt Spezifizierung. Z.B.: Eine gute Note kann ggfs. ein negatives Selbstkonzept hinsichtlich des Schulerfolgs aufbrechen. Ein momentanes negatives Selbstwertgefühl kann durch positive Erfahrungen andernorts oder zu anderer Zeit entlastet werden.

14vgl. Flammer/Alsaker 2002, S. 147

15vgl. Haußer 1995, S. 35ff

16Zwei weitere Beispiele illustrieren dies außerdem: Interne personale Kontrolle meint: „Wenn man als Schüler gut vorbereitet ist, kann man selten oder nie eine Klassenarbeit als unfair bezeichnen.“ Externe personale Kontrolle meint: „Oft haben Prüfungsfragen so wenig mit dem durchgenommenen Stoff zu tun, dass es wirklich nutzlos ist, wenn man sich vorbereitet.“ (vgl. Haußer 1995, S. 19)

17Haußer 1995, S. 42

18vgl. Abbildung in Haußer 1995, S. 26

19Oerter/Montada 1998, S. 351

20Zimbardo/Gerring 1999

21Zimbardo/Gerring 1999

22Haußer 1995, S. 79

23Haußer 1995, S. 81

24Im weiteren Verlauf der Arbeit kann Moratorium als Äquivalent zur kritischen Identität angesehen werden.

25Haußer 1995, S. 140

26Haußer 1995, S.141

27Oerter/Dreher in Oerter/Montada 1998, S. 353

28vgl. Oerter/Dreher in Oerter/Montada 1998, S. 351f

29Flammer/Alsaker 2002, S. 142

30Oerter/Dreher in Oerter/Montada 1998, S. 352

31Haußer 1995, S. 126

32vgl. Oerter/Dreher in Oerter/Montada 1998, S. 353

Details

Seiten
35
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638541497
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60478
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Lehramt an Berufskollegs
Note
1.0
Schlagworte
Identitätsentwicklung Adoleszenz Eine Untersuchung Berufskollegs Selbstkonzept Selbstwertgefühl Münster

Autor

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