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Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus am Beispiel der Roten Kapelle

Welche Motivation und soziale Herkunft hatten die Frauen?

Hausarbeit 2006 29 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Quellen und verwendete Literatur
1.2. Frauen im Nationalsozialismus und im Widerstand

2. Arbeiterwiderstand und die Rote Kapelle
2.1 Kommunistischer Widerstand
2.2 Rote Kapelle

3. Die Frauen der Roten Kapelle
3.1 Die soziale Herkunft
3.2 Motivation zum Widerstand

4. Die Rote Kapelle nach 1945

5. Schluss

6. Literaturliste
6.1 Bücher
6.2 Zeitschrift
6.3 Internet

1. Einleitung

„Am Ende des Hofes stand ein kleines Backsteingebäude, in dem an einer schweren Eisentrosse unter der Decke fünf schwarze Fleischerhaken befestigt waren, die massiver aussahen als die blanken Haken, an denen in Schlachthäusern Rinder aufgehängt werden.“[1]

Das Bild mit den fünf Fleischerhaken ist uns allen bekannt. Diese Haken wurden 15. Dezember 1942[2] auf Befehl der Führung der Nationalsozialisten montiert, um an einer Widerstandsgruppe ein Exempel zu statuieren. Am 22. Dezember 1942 starben hier die Schlüsselfiguren der Harnack/Schulze-Boysen Organisation - in der Folge Rote Kapelle genannt - Arvid Harnack, Harro Schulze-Boysen, John Graudenz, Kurt Schumacher und Rudolf von Scheliha durch Erhängen. Am gleichen Tag starben durch das Fallbeil Libertas Schulze-Boysen, Elisabeth Schumacher, Ilse Stöbe, Hans Coppi, Kurt Schulze und Horst Heilmann. Alle wurden am 19. Dezember 1942 durch den Chefankläger des Reichsgerichtshofs Manfred Roeder wegen Hochverrats zum Tode verurteilt.

Diese Arbeit untersucht am Beispiel der Roten Kapelle den Widerstand von Frauen im Dritten Reich. Sie geht der Frage nach der sozialen Herkunft und der Motivation der Widerstandskämpferinnen nach. Neben diesen beiden zentralen Fragen geht sie noch der Frage nach, in wie weit die Rote Kapelle mit dem sowjetischen Nachrichtendienst verbunden war.

Im ersten Teil der Arbeit geht es um die Frauen und ihre Arbeitssituation gegen Ende der Weimarer Republik, die NS-Ideologie im Bezug auf die weibliche Bevölkerung Deutschlands und den Frauenwiderstand.

Dann folgt ein Abschnitt über den Arbeiterwiderstand. Hier stehen der kommunistische Widerstand und die Rote Kapelle im Vordergrund. In diesem grossen Bereich des Widerstandes kann in dieser Hausarbeit nur der Bereich untersucht werden, der im Zusammenhang mit der Roten Kapelle stehen.

Der Hauptteil der Arbeit erforscht die Frauen der Roten Kapelle. Neben der sozialen Herkunft und Motivation gehe ich auf die Arbeit der Frauen innerhalb der Gruppe ein und darauf, in wie weit sie sich mit dem kommunistischen Widerstand decken. Im zweitletzten Kapitel betrachte ich dann die Rote Kapelle nach 1945, auch hier mit dem Blick auf die Frauen.

1.1 Quellen und verwendete Literatur

Die meisten Unterlagen der Gestapo über die Rote Kapelle sowie die Prozessakten galten als verschollen oder vernichtet. „Überlebende und Angehörige stellten nach 1945 Erinnerungsberichte zusammen, die bei der Forschungsstelle der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes gesammelt und in einer ersten historiographischen Darstellung zusammengefasst wurden.“[3] 1992 erschien das Buch „Erfasst? Das Gestapo - Album zur Roten Kapelle, eine Foto-Dokumentation“ von Regina Griebel, Marlies Coburger und Heinrich Scheel. Darin sind sämtliche von der Gestapo fotografierten Personen, die in Verbindung oder vermutlicher Verbindung mit der Roten Kapelle standen, erfasst. Im ersten Teil sind alle Original-Gestapo-Aufnahmen zu sehen, der zweite Teil ist biographisch aufgebaut. Diese Hausarbeit stützt sich in erster Linie auf dieses Album und auf die Veröffentlichungen von Hans Coppi zum Thema Rote Kapelle und Christl Wickert zum Frauenwiderstand.

1.2. Frauen im Nationalsozialismus und im Widerstand

Wenn man sich mit dem Frauen-Widerstand beschäftigt, kommt man nicht darum herum, die Lebenssituation der Frauen in der ausgehenden Weimarer Republik und dem Dritten Reich sowie die NS-Frauenideologie genauer zu betrachten.

Nach dem Ende des ersten Weltkrieges lag der Frauenanteil in der deutschen Bevölkerung bei 54 Prozent[4]. Sie waren in den Arbeitsprozess eingebunden und hatten seit 1919 das aktive und passive Wahlrecht. In der Weimarer Republik waren viele Frauen in der sozialdemokratischen oder in der kommunistischen Partei aktiv. Diese Politikerinnen waren den Nationalsozialisten schon während dieser Zeit ein Dorn im Auge. Denn die NSDAP war eine reine Männerpartei, Frauen spielten darin keine tragende Rolle. Neben den politisch aktiven Frauen waren viele in den Arbeitsmarkt integriert. 1925 lag der Anteil der arbeitenden weiblichen Angestellten bei 51,5 Prozent, dieser sank dann infolge der Wirtschaftskrise auf 49,3 Prozent[5]. Während des Dritten Reiches stieg der Anteil der arbeitenden Frauen. Vor allem die Rüstungsindustrie beschäftigte einen grossen Teil der Frauen.

Die Vorstellung über die Frauenpolitik der Nationalsozialisten fasste Hitler am Reichsparteitag der NSDAP vom 8. September 1934 in Nürnberg vor der NS-Frauenschaft zusammen:

"Wenn früher die liberalen intellektualistischen Frauenbewegungen in ihren Programmen viele, viele Punkte enthielten, die ihren Ausgang vom so genannten Geiste nahmen, dann enthält das Programm unserer nationalsozialistischen Frauenbewegung nur einen einzigen Punkt, und dieser Punkt heißt das Kind. (...) Was der Mann an Opfern bringt im Ringen seines Volkes, bringt die Frau an Opfern im Ringen um die Erhaltung dieses Volkes in den einzelnen Zellen. (...) Jedes Kind, das sie zur Welt bringt, ist eine Schlacht, die sie besteht für das Sein oder Nichtsein ihres Volkes."[6]

Die Nationalsozialisten sahen in einem weiblichen Wesen nicht die Frau, sondern die Mutter, die sich um Mann, Familie, Kinder und Haushalt kümmern muss, um so dem Volkswohl zu dienen. Die Mutterschaft wurde überbetont, um so zu verdeutlichen, dass das weibliche Geschlecht für verantwortliche Positionen in Beruf und Gesellschaft nicht taugte. Sie verloren das passive Wahlrecht, wurden aus dem öffentlichen Dienst herausgedrängt, und der Zugang zu den Universitäten wurde auf 10 Prozent für Neuimmatrikulationen beschränkt.[7] Zahlreiche Berufe waren für die Frauen nicht mehr zugänglich. Dazu gehörten juristische Berufe und leitende Stellungen im Gesundheitswesen. Mit diesen Massnahmen versuchten die Nationalsozialisten, das Familienleben zu politisieren. In der Propaganda wurde die Mutter als der Inbegriff des Frauseins dargestellt, und viele Frauen fanden es reizvoll, propagandistisch umworben zu werden und passten sich den nationalsozialistischen Normen an.

Nach dem Beginn des zweiten Weltkrieges, im September 1939, änderten sich diese Einschränkungen. Jetzt mussten die Frauen dort einspringen, wo die Männer, die eingezogen worden waren, fehlten. Sie wurden zu militärischen Hilfeleistungen verpflichtet, und ab 1940/41 kamen Ausbildungen als Telefonistinnen, Fernschreiberinnen und Funkerinnen dazu.

Trotz der Gefahren, die vom Regime ausgingen, beteiligten sich einige Frauen am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Der Frauenanteil am gesamten Widerstand im Dritten Reich lag bei schätzungsweise 15 Prozent[8]. Diese Frauen hatten nicht die Möglichkeit, das Regime zu stürzen oder den Krieg zu verhindern, dennoch sahen die Nationalsozialisten in ihnen eine Gefahr für die Volksgemeinschaft.[9] Sobald ihre Namen bekannt wurden, waren sie der Verfolgung durch die Gestapo ausgesetzt.

Wenn man zwischen verschiedenen Milieus und möglichen Gründen für die Verfolgung durch die Gestapo unterscheidet, sieht die Beteiligung von Frauen wie folgt aus: Laut Gestapoakten waren fünf bis zehn Prozent politisch Verfolgte, 20 bis 25 Prozent wurden aus religiösen Motiven verfolgt, davon der grösste Anteil Zeugen Jehovas (Jüdinnen sind in dieser Zahl nicht enthalten), und 15 bis 22 Prozent wurden aus Alltagskonflikten heraus verfolgt. Viele der Frauen, die am Widerstand teilnahmen, wurden durch die Arbeiterbewegung geprägt. Sie waren in der Sozialdemokratischen oder Kommunistischen Partei organisiert und stammten vorwiegend aus der Unter- oder Mittelschicht.

Das politische Leben spielte sich ohne grossen Einfluss von Frauen ab, viele von ihnen waren unpolitisch. Das widerspiegelt sich ebenfalls in der Widerstandsarbeit wieder. Ihre Haupttätigkeit beschränkte sich auf das Verteilen von Flugblättern, Sammeln von Geldern, Übersetzungen von Flugblättern und Predigten sowie das Abhören von ausländischen Sendern. Eine spezifische Form von Frauenwiderstand lag laut Ludwig Eiber[10] „vor allem im weiten Bereich der Hilfe für Verfolgte.“ Sie unterstützen die Familien von verhafteten Freunden mit Lebensmittelkarten oder der Betreuung ihrer Kinder.

Zusammengefasst kann man sagen, der Widerstand der Frauen reichte vom Verweigern des Hitlergrusses bis hin zur aktiven Teilnahme an der Verteilung von Flugblättern an öffentlichen Plätzen oder Gebäuden.

2. Arbeiterwiderstand und die Rote Kapelle

Bevor die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, gab es schon einen Widerstand aus der Arbeiterbewegung heraus. Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Kommunisten und Sozialisten setzten sich gegen die Ideen Hitlers zur Wehr. Ein gemeinsamer Widerstand konnte aber nicht zustande kommen, weil sich die Sozialdemokratische und die Kommunistische Partei gegenseitig anfeindeten.

Nach der Machtergreifung vom 30. Januar 1933 und dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 wurde die Verfolgung gegen Kommunisten und Sozialdemokraten intensiver. Zahlreiche Menschen wurden inhaftiert, nur einigen gelang die Flucht ins Ausland, wo sie ihren Kampf gegen das Regime fortzusetzen versuchten.

2.1 Kommunistischer Widerstand

Nach dem 30. Januar 1933 rief die Kommunistische Partei zum offenen Protest auf. Da sie nur mit einer kurzen NS-Herrschaft rechnete, versuchte sie, mit Demonstrationen und Flugblättern gegen die NSDAP vorzugehen. Diese Aktionen führten zu Festnahmen und zu der Lahmlegung der kommunistischen Führung. Nach dem Reichstagsbrand verstärkten die Nationalsozialisten die Verfolgung. Nach den ersten Verfolgungswellen nahmen die übrig gebliebenen Kommunisten ihre Widerstandstätigkeit wieder auf. Sie versuchten mit propagandistischen Aufklärungsschriften die Bevölkerung über die neuen Machthaber aufzuklären. Zahlreiche Flugblätter zu aktuellen Ereignissen, Zeitungen in Kleinformat und Streuzettel wurden produziert und verteilt.[11] Die Kommunisten waren meist langjährige Mitglieder der Partei, ihre politischen Vorbilder lagen in der Sowjetunion. Viele der Widerstandsgruppe Rote Kapelle waren in der Weimarer Republik schon Mitglieder der Kommunistischen Partei oder des Kommunistischen Jugendverbands Deutschlands. Trotz dieser politischen Haltung passten die Mitglieder der Roten Kapelle nicht in das klassische Bild eines Kommunisten. Sie gehörten eher dem Bildungsbürgertum an als dem Arbeiter- oder Handwerkermilieu, welches einen großen Teil der Klientel der KPD ausmachte. Walter Küchenmeister zum Beispiel wurde 1926 aus der KPD ausgeschlossen und war eher der Typus des Bildungsversessenen Arbeiters, der sich über seine Tätigkeit als Parteijournalist hinaus ausführlich mit kunst- und kulturhistorischen Arbeiten beschäftigte[12].

[...]


[1] Stefan Roloff. Die Rote Kapelle, Die Widerstandsgruppe im Dritten Reich und die Geschichte Helmut Roloffs, Ullstein, München, 2004, S. 7

[2] Ebd., S. 252

[3] Hans Coppi, Die Rote Kapelle im Spannungsfeld von Widerstand und Nachrichtendienstlicher Tätigkeit, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 44, 1996, S. 433 – 458. S. 431

[4] Christl Wickert, Widerstand und Dissens von Frauen, in: Christl Wickert Frauen gegen die Diktatur – Widerstand und Verfolgung im nationalsozialistischen Deutschland, Schriften der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin, 1995, S. 19

[5] Ebd.

[6] Informationen zur politischen Bildung (Heft 254), Frauen in Deutschland, Online Ausgabe, Stand 28. Februar 2006: http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,7,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html#art

[7] Informationen zur politischen Bildung (Heft 254), Frauen in Deutschland Online Ausgabe, Stand 28. Februar 2006:

http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,7,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html

[8] Wickert , Widerstand und Dissens von Frauen, S.18

[9] Ebd.

[10] Ludwig Eiber, Widerstand der „kleinen Leute“ 1938/1939 bis 1945, in Karl Heinz Roth/Angelika Ebbinghaus (Hrsg.), Rote Kapelle – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen, Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938 – 1945, VSA-Verlag, Hamburg, 2004, S. 279

[11] Beatrix Herlemann, Kommunistischer Widerstand, in: Wolfgang Benz/Walter H. Pehle (Hrsg.) Lexikon des deutschen Widerstandes, Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2001, S. 30

[12] Beatrix Herlemann, Die Rote Kapelle und der kommunistische Widerstand, in: Hans Coppi, Jürgen Danyel, Johannes Tuchel, Die Rote Kapelle im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, 1. Aufl, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, 1994, S. 83

Details

Seiten
29
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638540070
ISBN (Buch)
9783656662747
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60299
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2
Schlagworte
Frauen Widerstand Nationalsozialismus Beispiel Roten Kapelle Welche Motivation Herkunft

Autor

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