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Post-Strukturalismus und Materialistische Sozialisationstheorie

Seminararbeit 2000 43 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Prolog

2. Kritische Subjekt-Konzeptionen
2.1. Historischer Materialismus und Psychoanalyse
2.1.1. Karl Marx („das Individuum als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“)
2.1.2. Sigmund Freud (Psychoanalyse als „Hermeneutik des Leibes“)
2.1.3. Erich Fromm („der Sozialcharakter als Revision der Freudschen Triebtheorie“)
2.1.4. Herbert Marcuse („der eindimensionale Mensch“)
2.1.5. Theodor W. Adorno („die Kunst als Ort des Nichtidentischen“)
2.1.6. Résumé
2.2. (Post-)Strukturalismus, Diskurs, Subjektivität & Gesellschaft
2.2.1. Louis Althusser (Ideologie als „Ordnung des Symbolischen“)
2.2.2. Michel Foucault („Sexualitätsdiskurs“ & „(Bio-)Macht“)
2.2.3. Judith Butler (Kritik der „kohärenten Identität“)
2.2.4. Résumé

3. Natur, Diskurs und soziale Verhältnisse
3.1. Konturen der kritischen Subjekttheorie
3.2. Konturen der kritischen Gesellschaftstheorie
3.3. Zur Interdisziplinarität von kritischer Subjekt- und kritischer Gesellschaftstheorie

4. Materialistische Sozialisationstheorie
4.1. Theorie der Interaktionsformen
4.2. Der psychische Apparat und das Unbewußte
4.3. Die psychische Entwicklung: Objekt, Narzißmus und Intersubjektivität
4.4. Postinfantile Sozialisation

5. Zur Anschlußfähigkeit von materialistischer Sozialisationstheorie und Regulationstheorie
5.1. Methodologie
5.2. Institutionen und Diskurse

6. Epilog

7. Bibliographie

1. Prolog

Aus hegemonialer Sicht ist Subjektivität immer herrschaftlich ambivalent: einerseits dienen die Subjekte zur Reproduktion herrschaftlicher Verhältnisse, andererseits ist Subjektivität simultan immer auch ein subversiv-emanzipatives Moment inhärent. Herrschaft bedarf notwendig der Subjektivierung in ideologisch materiellen Praktiken, welche sozial und psychologisch funktional wirken. Dies findet in einem institutionell-diskursiven Kontext statt, welcher den Subjekten nicht apriori vorgängig ist und diese subordiniert, sondern er bietet zugleich das Potential für gegenhegemoniale Bestrebungen. Somit ist Subjektivität nicht rein ideologisch besetzt oder konstruiert, sondern impliziert immer zugleich ein emphatisch emanzipatorisches Moment.

Den vorherrschenden bürgerlich-ideologischen Subjektivitätsvorstellungen[1] steht die kritische Theorie des Subjekts gegenüber, welche in Anlehnung auf Klaus Horn und Alfred Lorenzer formuliert wurde. Sie besitzt den Anspruch sowohl objektivistische als auch subjektivistische, Verkürzungen zu vermeiden und somit einerseits dem Leiden und den Wünschen der Individuen, sowie andererseits den sie verursachenden Vergesellschaftungsbedingungen, Rechnung zu tragen. Sie will Reflexions- und Handlungskapazitäten emanzipatorisch erweitern, kulturelle Bedeutungen und Grenzen performativ verschieben.

Die bereits in ihrer klinischen Praxis als intersubjektiv angelegte Psychoanalyse [2] bedarf hierfür einer Konzeptualisierung als Sozialwissenschaft, sowie der Überwindung des Freudschen Biologismus und Familialismus. Dadurch könnte die von Freud betonte Spannung von Sinnlichkeit und Bewußtsein - im Zuge der Subjektbildung - für eine emanzipatorische Erweiterung von Reflexions- und Handlungs-kapazitäten fruchtbar gemacht werden: im Sinne einer hermeneutischen Sozialwissenschaft der Vergesellschaftung menschlicher Natur.

Eine Verflechtung von Subjekt- und Gesellschaftstheorie erscheint schon deshalb sinnvoll, da sich beide an der institutionellen und diskursiven Praxis der Subjekte überschneiden. Auch wenn beide ihre je eigene Perspektiven besitzen, so entfalten sie erst in wechselseitiger Kooperation ihre vollen Erkenntnispotentiale. Doch dafür müßte die Psychoanalyse notwendiger Weise ihren gesellschafts-theoretischen Bezugsrahmen explizieren, welcher die Perspektive auf die soziale Funktionalität der subjektivierenden Institutionen und Diskurse bildet.

Im Folgenden nun, werde ich die historische Entwicklung kritischer Subjektkonzeptionen skizzieren, welche ihre Wurzeln in Marx‘ Historischem Materialismus und Freuds triebtheoretischer Psychoanalyse haben. Hierbei gilt mein Erkenntnisinteresse den verschiedenartigen Modifikations-versuchen dieser beiden Ansätze, insbesondere den (post-)strukturalistischen Einflüssen, sowie den jeweiligen erkenntnistheoretischen und analytischen Problemen im Hinblick auf die Konzeptualisierung emanzipativer Kräfte. Erklärtes Ziel hierbei ist die Veranschaulichung der Notwendigkeit der Verknüpfung von kritischer Subjekt- und kritischer Gesellschaftstheorie, deren Verbindung erst in der Lage erscheint, das institutionell-diskursiv erzeugte, in den Subjekten materialisierte, Leid analytisch zugänglich zu machen. Als prädestiniert für ein derartiges interdisziplinäres Unterfangen bieten sich einerseits die Materialistische Sozialisationstheorie, als kritische Subjekttheorie, und andererseits die Regulationstheorie, als kritische Gesellschaftstheorie, an. Im Laufe dieses Exposés soll nun vor allem die Materialistische Sozialisationstheorie in Anlehnung an Alfred Lorenzer entwickelt werden. Eine umfassende Darstellung der Regulationstheorie kann an dieser Stelle zwar nicht geleistet werden, dennoch werde ich Anschlußmöglichkeiten für eine kritische Subjekttheorie explizieren, da beide die Gemeinsamkeit eint, ihren jeweiligen Erkenntnisgegenstand unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung als ein historisches Ensemble in sich widersprüchlicher Verhältnisse zu begreifen.

2. Kritische Subjekt-Konzeptionen

2.1. Historischer Materialismus und Psychoanalyse

2.1.1. Karl Marx („das Individuum als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“)

Für Marx herrscht ein dialektischer Widerspruch zwischen Individuum und Gesellschaft. Der Mensch wird als Mensch erst durch soziale Verhältnisse konstituiert, welche wiederum bedingt sind durch das wechselseitige Verhalten der Subjekte. Trotzdem räumt er den gesellschaftlichen Verhältnissen den Vorrang vor der menschlichen Konstitution ein: als Folge der notwendigen Selbsterhaltung gehen die Menschen von ihrem Willen unabhängige Produktionsverhältnisse ein, welche in ihrer Gesamtheit die ökonomische Struktur einer Gesellschaft ausmachen. Auf dieser realen Basis erhebt sich ein juristischer und politischer Überbau, dem bestimmte soziale Bewußtseinsformen entsprechen. „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, daß ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt“ (Marx; MEW 13, 8f.). In seiner berühmt berüchtigten 6. Feuerbachthese formuliert er es folgendermaßen: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Marx; MEW 3, 6).

Sein Subjektbegriff ist ein emphatischer und das Resultat einer >> Objektivierung des Subjekts im Namen des Subjekts <<, im Sinne einer Dekonstruktion des autonomen und transzendentalen Subjektbegriffs Kantscher Prägung. Menschliche Praxis ist absoluter Selbstzweck und Resultat einer lustvollen Notwendigkeit. Diesem Subjektbegriff entnimmt Marx auch den Maßstab seiner Kritik, „der die gesellschaftlichen Verhältnisse und deren historisch entstandene Institutionen im Hinblick auf die Entfaltung oder die Brechung menschlicher Sinne und Fähigkeiten bewertet“ (Naumann; 13).

Unter den Bedingungen der kapitalistischen Vergesellschaftung werden die menschlichen Entfaltungspotentiale beschnitten. Sie führen zur „Entfremdung“ der Menschen von ihren materiellen Lebensgrundlagen und gipfeln in der „Warenförmigkeit“ der produzierten Güter. Ihr wohnt der Widerspruch zwischen dem „Gebrauchswert“ (qualitativ verschiedener, konkreter Arbeit) und dem „Tauschwert“ (qualitativ gleichartiger, abstrakter Arbeit) inne. Dies führt letztendlich zu einer Versachlichung sozialer Verhältnisse, dazu daß Gesellschaftlichkeit unter dem Primat des verallgemeinerten Tauschwertes vollzogen wird. Mit der verhängnisvollen Folge, daß die Menschen ein ideologisches Bewußtsein dahin gehend entwickeln, daß sie die herrschenden Verhältnisse, jenseits von Geschichte und Herrschaft, als naturwüchsige verkennen und sich als monadologisch warentauschende „Charaktermasken“ auf dem Markt begegnen.

Trotz allem gibt Marx seine Emanzipationshoffnung nicht auf. „Er geht davon aus, daß die ungeheure kapitalistische Produktivkraftentwicklung den LohnarbeiterInnen ein Bewußtsein ihrer Ausbeutung und ihrer universalen Macht als ProduzentInnen verschaffen wird. Dieses Bewußtsein soll eine sozialistische Revolution befördern, die die ausbeuterischen Produktionsverhältnisse samt ihrer politischen und ideologischen Gebilde hinwegfegen wird, um schließlich die allseitige Entfaltung menschlicher Wesenskräfte freizugeben“ (Naumann; 14).

Doch auch die Marxsche Theorie ist nicht frei von Widersprüchen. Aus seinem Ökonomismus folgt der Widerspruch zwischen der Perpetuierung des kapitalistischen Vergesellschaftung mit all seinen Begleiterscheinungen und der teleologischen Umwälzung der kapitalistischen Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse durch das Proletariat. Ebenso besteht ein Widerspruch zwischen diesem ökonomistischen Determinismus und seiner Annahme der historischen Offenheit der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen. Auf gesellschaftstheoretischer Ebene finden die institutionellen und symbolischen Verhältnisse, welche von fundamentaler Bedeutung für die Reproduktion kapitalistischer Gesellschaftsstrukturen sind, keine ausreichende Berücksichtigung[3]. Weiterhin abstrahiert Marx die subjektive Verankerung von Herrschaftsverhältnissen und arbeitet mit der Vorstellung einer ursprünglichen, unterdrückten, aber auf Befreiung drängenden Subjektivität. Hier liegt auch die Ursache für seine „praktisch-politischen Fehleinschätzungen der weltgeschichtlichen Tat einer kollektiven Selbstbefreiung des Proletariats“ (Naumann; 15) begraben.

Vielmehr sind (gewaltsame) Sozialisations- und Arbeitsbedingungen verantwortlich für eine regressiv-defensive Identifikation mit den bestehenden Verhältnissen. Historisch war nicht die Überwindung kapitalistischer Produktions- und Herrschaftsverhältnisse, sondern die ideologische Partizipation an bürgerlich-patriarchalischen Privilegien stets das leitende Motiv sozialer Kämpfe.

2.1.2. Sigmund Freud (Psychoanalyse als „Hermeneutik des Leibes“)

Dem Selbstverständnis der Psychoanalyse nach, dient ihre klinische Praxis der Transzendierung der artifiziellen Trennung von Individuum und Gesellschaft im Arzt-Patienten-Verhältnis, sowie der Überführung von Leidens- in Lebensgeschichte.

Historisch jedoch war die Psychologie, im weitesten Sinne, geprägt von Irrtümern und Mißver-ständnissen. Erst im Laufe der Zeit fand eine Humanisierung von Seelenleiden und Geisteskrankheiten, über die Stufen der Säkularisierung des Unglücks, der Medizinisierung als Leiden, sowie der Szientifizierung und d.h. der naturwissenschaftlichen Durchleuchtung der Krankheit, statt. Dennoch ist auch diese Entwicklung ambivalent: die staatlich organisierte, institutionalisierte Gewalt wurde durch disziplinierende Verhaltensanweisungen ärztlicher Autorität substituiert[4]. Die psychoanalytische Praxis war subjektverachtend und diente lediglich der Verhaltensabrichtung der Subjekte. Foucault zufolge, läßt sich eine „Apotheose der ärztlichen Person“[5] (Foucault; 527) selbst bei Freud festmachen. Demnach verliert sich der Kranke immer mehr im Arzt „weil er schon im voraus dessen ganze Zauberkraft annimmt und sich dadurch von Anbeginn einem Willen ausliefert, den er als magisch empfindet, und einem Wissen, das er als Voraussetzung und Divination vermutet“. Freud habe „die Struktur, die die ärztliche Gestalt einhüllte, ausgebeutet, indem er deren thaumaturgische Kräfte erweitert und dem Arzt den quasi göttlichen Status der Allmächtigkeit verliehen hat“ (Foucault; 533).

Fraglich bleibt nun, ob Foucault nicht einem Irrtum unterliegt, wenn er der Differenz zwischen Charcots Hypnose, auf welche er sich explizit bezieht, und Freuds Assoziationstechnik und Traumdeutung nicht Rechnung trägt. Wie sich am Krankenbericht des „Fräulein Anna O.“[6] nachzeichnen läßt, vollzog sich hierbei eine revolutionäre Veränderung im Arzt-Patienten-Verhältnis, bei welcher eine Aktivitäts-umgewichtung (im Sinne einer Umkehrung) der Beteiligten stattfand. „Hatte sich ehedem der Patient einem vorab festgelegten medizinisch-diagnostischen Schema zu fügen und bestimmte der Arzt die Behandlung, so kehrte sich nun die diagnostisch-therapeutische Situation um“[7]. War ursprünglich dem Patienten lediglich gestattet sein Leiden darzustellen, so nahm sich hier erstmalig eine Patientin das Recht freier Themenwahl heraus, transzendierte dadurch das tradierte Patientin-Arzt-Verhältnis und verwies den Arzt in die Rolle eines interpretierenden und nicht mehr nur formal registrierenden Zuhörers. Die von den Erzählungen der „Anna O.“ ausgehende Entwicklung, welche sich mit Freuds Entfaltung der Methode der freien Assoziation voll realisierte, kam einem Paradigmenwechsel gleich: weg vom „aktiven Erforschen, der wissenschaftlich üblichen Datenerhebung im Lichte einer Theorie, zur Rezeption von Erzählungen, von Novellen, deren Autor der Patient ist“ (Lorenzer (1986); 1056). Sie zeichnet sich durch „eine Dialektik von Methodenbewußtheit, Theoriestrenge und abweichlerischem Wagemut“ (ibid.; 1054) aus.

Trotz des „faustischen Drangs“ Freuds (Lorenzer), seines spekulativen Ausschweifens ins Irrational-Abenteuerliche, darf nie seine naturwissenschaftliche Grundausrichtung vergessen werden, welche stets als Matrix seiner Umstellfähigkeit mitzudenken ist. Habermas unterzog dieses „szientistische Selbstmiß-verständnis“ Freuds einst einer eingehenden Kritik. Lorenzer zufolge ist gerade diese Naturwissen-schaftlichkeit der ausschlaggebende Urgrund der Freudschen Erkenntnis. Die Methode der Psychoanalyse konnte nur „als hermeneutisches Verfahren den Bemühungen der Patienten, ihr Leiden in Worte zu fassen, gerecht werden. Dem Erzählen mußte notwendig ein Verstehen entsprechen, und das Verstehen mußte in ein Begreifen übergehen, das von allen Merkmalen naturwissenschaftlichen Erklärens gereinigt wurde“ (ebd.; 1057f.).

Auf seiner Ursachensuche (über den Weg der interpretierenden Erlebnisanalyse) stieß Freud auf die Strukturen des Unbewußten, formulierte die Mechanismen des Unbewußt-Machens und entwarf das Gerüst seiner Metapsychologie. Indem er das Verstehen in physiologisch-physikalischen Kategorien organisierte, entzog er die Psychoanalyse der Sphäre des Mystisch-Irrationalem. Damit einhergehend wurde die „hermeneutisch angelegte Analyse des Erlebnissinnes“ (a.a.O.; 1058) sowie die Formulierung der Psychoanalyse als Strukturlehre möglich. „Indem Freud physikalisch handfest nach den hinter den Symptomen liegenden Kräften suchte, entdeckte er die Tiefenstruktur von Texten, enthüllte sich ihm die Hintergründigkeit der Bedeutungen, fand er durch die Verstellungen der Rede hindurch den >>Sinn der Symptome<< im Bereich der Wünsche als unbewußter Sinnstruktur (...)[8]. Für den Naturwissenschaftler Freud war dieses Unbewußte ein Wirkungspotential und damit von vornherein ein eigenständiges und wirksames System“ (Lorenzer; 1059).

Biographisch läßt sich bei Freud feststellen, daß er nie vollkommen den Wechsel zu einer handlungstheoretischen Grundlegung der psychoanalytischen Theorie vollzog. Gerade in seinen späten metapsychologischen Schriften wird die Durchdringung seiner psychologischen Begriffsfiguren mit naturwissenschaftlichen evident. „Indem Freud an der naturwissenschaftlichen Ausrichtung unnach-sichtig festhielt, hob er auf eine lautlose, aber folgenreiche Weise die Grenze zwischen Naturwissen-schaften und Kulturwissenschaften auf, stiftete er das neue Paradigma einer Wissenschaft, die man mit dem Titel einer >>Hermeneutik des Leibes<< versehen kann“ (a.a.O.; 1059f.). In seinen metapsycho-logischen Begriffsfiguren kommt es zu einer Überschneidung von kultur- und naturwissenschaftlichen Erkenntnisperspektiven. Einerseits ist dies von sozialwissenschaftlicher Bedeutung, da mit dieser Begrifflichkeit soziale Sinnstrukturen reflektiert werden. Andererseits stehen sie in Einklang mit aktuellen neurophysiologischen Erkenntnissen, wodurch ihnen naturwissenschaftlich-physiologische Bedeutsamkeit beigemessen werden kann.

Sämtliche psychoanalytischen Schlüsselbegriffe Freuds entstanden in einer eigentümlichen Dialektik zwischen einem „verstehenden Eingehen, einem Nachvollziehen sozialer Konflikte und einer naturwissenschaftlich angeleiteten Ausrichtung auf Körperprozesse“ (a.a.O.; 1060). Zum Verständnis der „Sexualität“, jenem zentralen Konstituens der Persönlichkeit, bedurfte es der Anerkennung der sozialen Bezogenheit dieses Phänomens: der Einheit von Leiblichkeit und Sozialität[9]. Für die zentrale Formulierung der Beziehungsproblematik auf leibliche Erfahrung, war eine insistente Ausrichtung auf die Körperprozesse notwendig. „Die Bedeutung dieses Insistierens erhöhte sich dazu hin noch von dem Moment an, da mit dem Verwerfen der Lehre vom Sexualtrauma als Grund der Neurose die Psychoanalyse den Irrtum abstreifen mußte, Ursachen im Realitätsgefüge der Patienten ausmachen zu können. Sie mußt sich als Erlebnisanalyse verstehen lernen, und d.h., sie mußte sich auf die Erkenntnis der inneren Welt der Patienten konzentrieren“ (ebd.; 1060f.).

Summarisch kann festgehalten werden, daß die Psychoanalyse Naturwissenschaft und simultan Analyse von Sinnstrukturen ist. Freud leistete die Verbindung von Hermeneutik und Energetik, indem er die Triebbiologie im Bereich der unbewußten Sinnstruktur ansiedelte. Indem Freud die Selbstdarstellungen seiner Patienten interpretierend aufnahm um sie in ihrem sozio-physischen Doppelsinn zu begreifen, erhob der das Unbewußte zur eigenständigen Wirkungsmacht mit eigenständig wirksamen Sinn. Dadurch überführte er Leid- in Lebensgeschichte. „Als Gegensinn zu den herrschenden Normen, die nach einem scharfsinnigen Marxwort stets die Normen der Herrschenden sind, wird diese untrennbare Einheit von Leib und Seele, von Lebenstrieb und Sinn im Unbewußten zum Fundament eines emanzipatorischen Widerstandes gegen das schlecht Bestehende“ (ibid.; 1061).

Für die Aufhebung der oben skizzierten Defizite in der Marxschen Konzeption bietet sich folglich die Freudsche Psychoanalyse an, welche versucht ist jene subjektiven Verhältnisse zu explizieren[10]. An die Stelle der Produktionsbedingungen setzt Freud die Dynamik der Kulturentwicklung. Sie ist geprägt von dem Antagonismus zwischen Lebenstrieb (Eros) und Todestrieb (Thanatos), welche beide genuin nicht kulturfähig sind aber angesichts der Lebensnot (Anake) für die Kulturentwicklung fruchtbar gemacht, ergo sublimiert, werden müssen[11]. Während die aggressiven Energien darauf verwendet werden die Natur zu unterwerfen, die erotischen Energien um die Individuen als Kulturgemeinschaft libidinös aneinander zu binden, wird der Verzicht eines nicht geringen Anteils auf unmittelbare Triebbefriedigung dahingehend kompensiert, „daß ein Teil der sublimierten Aggression auf das Subjekt zurückgewendet wird und dort im >>Über-Ich<< zum Ursprung von Moral und Gesetz avanciert“ (Naumann; 16).

Die Imperative des Realitätsprinzips sind für diese Sublimierung der Primärtriebe, der Unterwerfung jeden Subjekts unter Moral und Gesetz, verantwortlich. Die Intrasubjektivität dieses Vorgangs kann anhand der Analyse des ödipalen Konflikts rekonstruiert werden, bei welchem der libidinöse Wunsch nach alleinigem Besitz der Mutter unter der Kastrationsdrohung des Vaters verdrängt werden muß[12]. Im Unbewußten wirkt dieser allerdings weiter und gerät unter das Diktat des Primärvorgangs, welcher einerseits eine Abfuhr psychischer Energien gemäß des Lustprinzips anstrebt, aber andererseits auch keine Normierung kennt. Dies führt zur einer Idealisierung der verbietenden Instanz des Vaters und zur Internalisierung der von ihm verkörperten Gesetze und schließlich zur Unterwerfung unter gesellschaftliche Autoritäten.

Freud verdeutlichte die Dialektik von Gesetz und Begehren, Bewußtsein und Sinnlichkeit. Allerdings erachtete er die Subjekt- und Kulturentwicklung als durch die Dynamik ontogenetischer und phylogenetischer Triebe determiniert. Dieses szientistische Selbstmißverständnis der Psychoanalyse allerdings arbeitet einer „ideologischen Legitimation herrschender Subjektivitätsformen“ zu. Freud mißdeutet die „konkurrenz-kapitalistisch und patriarchalisch zugerichteten Subjektivitätsformen seiner Zeit mit ihren aggressiven, lustfeindlichen und autoritären Tendenzen, wie sie sich in seinem Modell der ödipalen Entwicklung niederschlagen, als eine anthropologische Notwendigkeit“. Seinem Blickwinkel entzogen sind „die historisch-spezifischen, widersprüchlichen sozialen Verhältnisse, die die institutionellen und symbolischen Bedingungen der Subjektivitätskonstitution bestimmen“ (Naumann; 17f.).

2.1.3. Erich Fromm („der Sozialcharakter als Revision der Freudschen Triebtheorie“)

In den 30er Jahren unternahm das Frankfurter Institut für Sozialforschung den Versuch der Zusammenführung von Historischem Materialismus und Psychoanalyse in ihrem Arbeitsprogramm der Kritischen Theorie. Vorrangig sollte sie er Erklärung der subjektiven Herrschaftsverankerung angesichts des aufkommenden Faschismus dienen. Erich Fromm unterzog dafür die Psychoanalyse einer radikalen Ideologiekritik um sie als kritische Sozialwissenschaft konzeptualisierbar zu machen. Seiner Triebtheorie zufolge ist die Familie jene „Sozialisationsagentur“, welche die Triebstruktur im Sinne der Reproduktion kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse zurichtet. Gesellschaft zeichnet sich demnach nicht nur durch eine sozialökonomische und ideologische, sondern ebenfalls durch eine als sozialem Kitt fungierende „libidinöse Struktur“ aus.

Die biologistischen Implikationen Freuds waren jedoch verantwortlich, daß Fromm im Laufe der Zeit seine eigene Charaktertheorie entwickelte. Dieser substantielle Bruch mit der Freudschen Triebtheorie, bei welchem Fromm dem ödipalen Konflikt nicht länger ausschließlich als solchen zwischen Triebwunsch und kulturellem Tabu, sondern bereits als historisch-spezifische Konstellation von Objektbeziehungen begriff, führte schließlich zur Trennung vom IfS. In seiner Arbeit „Escape from Freedom“[13] kam es dann zur groß angelegten Revision der Freudschen Theorie, welche seiner Auffassung nach die kapitalistischen Zweckrationalität ideologisch legitimiert, indem sie das Bild des Menschen skizziert, der (gleichsam einer Maschine) nur in Interaktion zu anderen Menschen tritt, um sie für seine Triebbefriedigung zu benutzen. Fromm ersetzt den vormaligen Begriff der „ libidinösen Struktur “ durch den des „ Sozialcharakters “, welcher „die gemeinsamen Haltungen und Ideale der vergesellschafteten Subjekte zum Ausdruck bringen soll“ (Naumann; 20).

Damit ging eine Absage an die Vorstellung der Existenz eines „nicht zur sozialisierenden Anteils des menschlichen Triebreservoirs als Kraft der Befreiung von repressiven Verhältnissen“ (a.a.O.; 21) einher, auf welchem bis dato die Emanzipationshoffnung der Kritischen Theorie geruht hatte. Um den Vorwurf der kulturistischen Reduktion des Subjekts zu entgehen, postulierte Fromm die menschliche Natur als eine von physiologischen Bedürfnissen losgelöste Größe. Dies erlaubte ihm das kritische Moment seiner Theorie beizubehalten und historisch-spezifische Charaktere als regressive oder progressive zu beschreiben.

Dadurch, daß Fromm Sinnlichkeit und Sexualität als unproblematisch voraussetzt, gibt er jedoch die Erkenntnis Freuds auf, daß jedes Erleben eine leibliche Dimension besitzt, daß Sinnlichkeit und Bewußtsein im Prozeß der Subjektbildung Niederschlag finden. Er löst die Dialektik von innerer Natur und Gesellschaft zugunsten der sozialen Seite auf und provoziert dadurch den Vorwurf der subjektiven Reduktion auf eine bloße Funktionsgröße sozialer Verhältnisse.

2.1.4. Herbert Marcuse („der eindimensionale Mensch“)

Im Gegensatz zur Fromm rückt Marcuse die Freudsche Triebtheorie explizit ins Zentrum seiner Argumentation und unterzieht sie, um ihren emanzipatorischen Gehalt zu retten, einer Historisierung. Wie Freud sieht auch Marcuse die Kulturentwicklung als Resultat der durch das Realitätsprinzip erzwungenen Sublimierung der menschlichen Primärtriebe an. Allerdings weicht er von Freuds Prophezeiung ab, „daß die Kulturentwicklung unweigerlich in die Barbarei münden wird, weil jede Sublimierung eine Reduktion der Lebenstriebe und ein Anwachsen der destruktiven Energien bewirke“ (Naumann; 22). Diese Form der Triebunterdrückung ist für Marcuse weniger biologisch determiniert, als vielmehr durch die repressiv-instrumentelle Rationalität historisch-spezifischer Herrschaftsverhältnisse bedingt, welche infolge ihrer Gesellschaftlichkeit und Historizität in sozialen Kämpfen verändert werden kann.

In seiner Arbeit „Der eindimensionale Mensch“[14] skizziert er das Bild einer bis in Alltag, Sprache und Triebstruktur warenförmig zugerichteten und der kapitalistischen Zweckrationalität unterworfenen Gesellschaft. Die Individuen werden durch die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, der Totalisierung des Tauschprinzips, libidinös und aggressiv aneinander gebunden. Andererseits werden sie einem „Leistungsprinzip“ unterworfen, da sie durch die warenförmig ausgerichteten Bedürfnisse zur Reproduktion durch Lohnarbeit gezwungen sind.

Da auch die LohnarbeiterInnen zu einem integralen Bestandteil dieser „eindimensionalen Gesellschaft“ geworden sind, wird die Marxsche Vorstellung einer proletarischen Revolution obsolet. Obwohl für Marcuse klar ist, daß „selbst die Triebrevolte noch zur Herrschaftssicherung beiträgt, indem sie in Formen >>repressiver Entsublimierung<< warenförmig kanalisiert und privatistisch ausagiert wird, um den Menschen schließlich das Bild einer liberalen, vernünftigen und befriedigenden Gesellschaft vorzugaukeln“ (Naumann; 23), sieht er die Triebdynamik als eine nicht vollständig warenförmig korrumpierbare Kraft an. Demnach äußert sich selbst im Todestrieb nicht Destruktionslust, sondern vielmehr der Wunsch nach Abwesenheit von Leid. Der Eros soll durch die Reaktivierung polymorph-perverser Sexualität die Haltung einer „große Weigerung“ und ein Bewußtsein „neuer Sensibilität“ schaffen, die sich der herrschenden Instrumentalität entgegenstellt um letztendlich die Erotisierung aller Lebensbereiche im Namen eines nicht-repressiven Realitätsprinzips herbeizuführen.

Der Versuch der triebtheoretisch und sozialpsychologischen Wendung Freuds offenbart allerdings einen logischen Widerspruch Marcuses: wie ist es zu denken, daß der Eros zu einem transhistorischen, emanzipatorischen Moment wird, obwohl er unter dem Diktat des Leistungsprinzips - der Gleich-schaltung von Mensch und Gesellschaft, der warenförmigen Zurichtung selbst bis in die Triebstruktur hinein - selbst der Eindimensionalität unterliegen müßte?[15]

2.1.5. Theodor W. Adorno („die Kunst als Ort des Nichtidentischen“)

Adorno teilt mit Marcuse die düstere Einschätzung der spätkapitalistischen Vergesellschaftung, allerdings differieren hierbei ihre emanzipatorischen Einschätzungen. Für Adorno ist die menschliche Aufklärung ein dialektischer Prozeß, in welchem sich die Individuen von den Zwängen innerer und äußerer Natur befreien, sich als Subjekte konstituieren und die Natur unterwerfen[16]. Die Unterwerfung verkehrt sich allerdings in einen instrumentellen Umgang der Menschen miteinander, fällt in Form gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse und Entfremdung auf sie zurück. Unter der Totalität der spätkapitalistischen Vergesellschaftung und dem allumfassenden Diktat des Tauschprinzips, sind die Subjekte geprägt durch eine innere Dialektik zwischen den in der subjektiven Identität materialisierten sozialen Normierungen und jenem Bereich des Unbewußten, Heterogenen, Spontanen, des „Nichtidentischen“, in welchem Adorno die emanzipatorischen Potentiale lokalisiert. Lediglich ein starkes Ich könnte die „Reintegration des Nichtidentischen in die Erfahrungsfähigkeit des Subjekts“ leisten, „das in bewußter Distanzierung von den gesellschaftlichen Normierungen die Anwesenheit des Nichtidentischen zu reflektieren vermag“ (Naumann; 25).

Geld dient als abstraktes Äquivalent dazu „Ungleichnamiges komparabel“ zu machen. Durch die kulturindustrielle Repräsentanz dieses Faktums bis in die letzten Lebensbereiche hinein, wird die Identität der Subjekte warenförmig zugerichtet. Unterminiert werden die „familialen und ödipalen Bastionen bürgerlicher Resistenz“ (a.a.O.; 25), indem den Vätern ihre relativ rationale Autorität und somit den Söhnen die ödipale Identifikationsfigur genommen wird. Die dadurch bedingten „autoritären Charaktere“ bedürfen der Unterwerfung unter einen irrationalen Führer. „Forciert durch diese politische Totalität bricht die warenförmige Totalität in die Menschen unterhalb ihrer Individuation ein, um diese letztlich zu verhindern“ (a.a.O.; 25).

Treu seinem dialektischen Denken entwickelt Adorno seine Idee einer Emanzipation ex negativo. Eine Idee der Aussöhnung von Allgemeinem und Besonderem, der Transzendierung des gleichmach-erischen Tauschprinzips, die dadurch dem Besonderen in seiner Viel- und Verschiedenheit Rechnung trägt. Adorno mißt unter den Bedingungen der totalitären spätkapitalistischen Vergesellschaftung einzig der Kunst diese Kompetenz zu. Sie repräsentiert das „Kontingente, Sinnliche, Nichtidentische“ (Eagleton; zit.n. Naumann; 26) und fungiert als „Statthalterin nicht-repressiver Naturverhältnisse“ (Ritsert; zit.n. Naumann; 26).

Diese gleichsam als Flaschenpost formulierte Botschaft bleibt letztendlich solange eine ex negativo, solange nicht ein totaler Bruch mit dem allumfassenden Tauschprinzip herbeigeführt, und somit ein selbstidentisches, über seine/ihre Sinne frei verfügendes Subjekt konstituiert wird. Bis dahin bleibt sie selbst „Komplize der Ideologie“ (Adorno; zit.n. Naumann; 26).

2.1.6. Résumé

Marx‘ und Freuds Ansätze können als der Versuch gelesen werden, das „selbstidentische und autonome Subjekt bürgerlicher Ideologie als Gebilde zu dekonstruieren, das ökonomischen und unbewußten Zwängen unterliegt, die sich aus der Vergesellschaftung äußerer und innerer Natur ergeben, sich als Ware und Symptom auf kritische Begriffe bringen lassen und sich der bewußten Verfügung der Subjekte entziehen“ (Naumann; 18). In den ökonomistischen und biologistischen Verkürzungen der Autoren, der artifiziellen Trennung von determinierendem Zwang und Handlungs-kapazitäten, einerseits im Historischen Materialismus und der Psychoanalyse andererseits, wird die Verkennung des widersprüchlichen Zusammenhangs von Subjektivität und Gesellschaft evident.

Marx steht kein „adäquater Subjektbegriff zur Verfügung, der die subjektive Einsomatisierung sozialer Herrschaftsverhältnisse mit ihren repressiven und transgressiven Dimensionen zu beschreiben wüßte“ (a.a.O.; 18f.). Und Freud vernachlässigt die Sozialität und Historizität jeglicher Subjektivitätsformen. Beide Denker eint die Gemeinsamkeit des selben Erkenntnisgegenstands: das Leiden der kapitalistisch vergesellschafteten Menschen. Hier bietet sich geradezu eine Kooperation beider Theorieansätze an. Auf gesellschaftstheoretischer Ebene könnte sie die Benennung der institutionellen und symbolischen Bedingungen der Subjektbildung, der über Vergesellschaftung äußerer Natur organisierten zwischen-menschlichen Verhältnisse, leisten. Eine sozialwissenschaftlich organisierte Psychoanalyse könnte die „über die Vergesellschaftung innerer Natur produzierten subjektiven Verhältnisse benennen, die die Subjekte wiederum in die Bearbeitung ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse einbringen“ (ebd.; 19).

Die von Fromm, Marcuse und Adorno angestrengten Unternehmungen können nun als Versuch der Verbindung beider Theoriestränge verstanden werden. Dennoch wird die von ihnen konstatierte hegemoniale Tendenz der „ Durchkapitalisierung “ aller Lebensbereiche den Widersprüchlichkeiten des „ Fordismus “ nicht gerecht. Die Dialektik dieser Durchkapitalisierung ist eine zwischen gewaltförmiger Ausbeutung und warenförmiger Monadologisierung der Menschen, sowie der Befreiung aus personalen Abhängigkeiten und tradierten Bindungen. Der fordistische Sicherheitsstaat organisiert nicht nur die soziale Kontrolle und Überwachung, sondern gewährleistet zugleich ein Minimum sozialer Sicherheit in Form verbriefter Rechte. Ein weiteres Merkmal fordistischer Vergesellschaftung besteht in seiner Ideologie des autoritären Konformismus, Individualismus und Egalitarismus. Es ist ein „historisch geglücktes“, aber dennoch widersprüchliches Zusammenspiel der in sich widersprüchlichen Sphären der Ökonomie, Politik und Ideologie. Dieser Entwicklung werden die „spätkapitalistischen“ Konzeptionen Fromms, Marcuses und Adornos jedoch nicht gerecht. Nicht nur daß sie dem Irrtum eines eigentümlichen Ökonomismus, implizit einer teleologischen Geschichts-auffassung, unterliegen, sie reduzieren ebenso jegliche Formen sozialen Handelns auf Variationen der grundlegend warenförmigen Konstituiertheit der Subjekte. Naumann zufolge übersieht ihr auf das Tauschprinzip beschränkte Blick, „daß die Ware, in ihrer Promiskuität, nicht nur menschliche Verhältnisse kommerzialisiert, sondern auch überkommene Distinktionen ruiniert. Er übersieht weiterhin, daß die Ware den dialektischen Widerspruch von Gebrauchswert und Tauschwert in sich trägt und er unterbelichtet schließlich, daß im Warenverhältnis auch Ausbeutungsverhältnisse zum Ausdruck kommen“ (Naumann; 28)[17].

Sowohl der ästhetische Rückzug Adornos in die Kunst, als auch Marcuses Überschätzung des Eros und Fromms normativ-ethischer Subjektbegriff sowie die daraus abgeleiteten transhistorischen subjektiven Prinzipien, welche als emanzipatorisches Potential postuliert werden, weisen einen essentialistisch anmutenden Charakter auf. „Auf diesem Wege der Konfrontation der letztlich ökonomistischen Vorstellung einer totalitären warenförmigen Vergesellschaftung mit essentialistisch anmutenden Subjektkonzeptionen können die Widersprüchlichkeit kapitalistischer Vergesellschaftung, ihre widersprüchlichen subjektiven Resultate sowie der widersprüchliche Zusammenhang von Subjekt und Gesellschaft nicht systematisch reflektiert werden“ (Naumann; 28).

2.2. (Post-)Strukturalismus, Diskurs, Subjektivität & Gesellschaft

Der Einfluß des französischen Strukturalisten Jacques Lacan auf den sich mit der Psychoanalyse beschäftigenden nicht-psychoanalytischen Diskurs, beschränkt sich nicht nur auf den französischen Raum. Auch in Deutschland ist seine Theoriebildung von großer Bedeutsamkeit für alle Humanwissenschaften, welche entscheidend durch Sprache konstituiert, zumindest aber in ihr fundiert sind. Sein Wirken steht in direktem Zusammenhang mit der Genese der Linguistik als Wissenschaft und wäre ohne Martin Heideggers Wirken undenkbar. Doch Lacans Theorieansatz reicht über die Psychoanalyse hinaus: er vermittelt emphatisch zwischen Psychoanalyse und historischem Materialismus[18]. Als problematisch jedoch sind solche Versuche zu betrachten, welche Lacan kritiklos zu einem historisch-materialistischen Denker umzustilisieren trachten, um ihn dadurch „links-kompatibel“ zu machen. Sein begrifflicher Rekurs auf Heidegger sollte nicht leichtfertig als leidige Einschüchterungstaktik fehlinterpretiert werden. Aus diesem Grunde ist es unerläßlich, bevor man den Versuch unternimmt die Lacanschen Denkfiguren in Beziehung zum historischen Materialismus zu setzen, das Ausmaß und die Bedeutung der sich einer eindeutigen Vermittlung widersetzenden begrifflichen Grundelemente seiner Konzeption zu rekonstruieren. Als wegweisend dafür kann die elaborierte und nicht ideologische Arbeit Hermann Langs[19] angesehen werden, welche einen fundamentalen Beitrag zur Bezogenheit des Lacanschen Denkens auf Heidegger leistet. Es ist Langs Verdienst die bestehenden Differenzen zwischen Lacan und einer historisch-materialistischen Position aufgezeigt zu haben. Auch wenn Lacan die Wahrheit nur in kritischer Destruktion des Bestehend-Unwahren zugänglich erscheint, so ist es dennoch unsinnig ihn kritiklos im Geiste einer Marxschen Kritik des Bestehenden zu deuten. Vielmehr unternimmt Lang den Versuch die idealistischen Momenten der Lacanschen Sprachphilosophie und jenen praxisfernen Rationalismus seiner psychoanalytischen Irrationalität (welcher in seiner Konzeption des Unbewußten latent mitschwingt) aufzudecken. Durch diese kritische Analyse könnten Lacans strukturalistischen Einflüsse auf die Psychoanalyse für eine kritische Theorie des Subjekts, wie sie beispielsweise durch Lorenzer und seine Materialistische Sozialisationstheorie repräsentiert wird, fruchtbar gemacht werden.

Lang zufolge ist Lacans Theorie des Ich eine genetische, als sie ihren Ausgang von der Beziehung des Subjekts zu seinem Leib nimmt und er diese Relation als „Identifikation mit einer Imago“ (Lang; 47) beschreibt. Der Illustration mag die Metapher von „Spiegelstudium“ des Kindes dienlich sein, bei welchem sich die „ursprüngliche Identifikation mit der sichtbar gewordenen Gestalt des eigenen Leibes“ vollzieht und sich der kindliche Mensch seiner „als der im Spiegel repräsentierten Gestalt, als Einheit, als Ich“ (Lang; 48) bewußt wird. Weiter noch, „das Subjekt oder >Je< entfremdet(e) sich in ein >moi<, macht(e) sich selbst zum Objekt, sofern es die Frage nach seiner Existenz und Wahrheit dadurch zu beantworten sucht(e), daß es sich in ein Bild fixiert(e). Der Anfang für ein >méconnaître< in allem >me connaître<“ (Lang; 246) ist dadurch gegeben. Dies führt letztendlich zur kognitiven Perzeption einer vermeintlichen Äquivalenz zwischen Meinen („sujet de signifiant“) und Gemeintem („sujet de signifié“) und dem Bestreben sich selbst zum Erkenntnisgegenstand zu nehmen[20].

Diese Beziehung ist also demnach der Ausgangspunkt psychoanalytischer Erkenntnis und zugleich eine anthropologische Aussage, insofern die Persönlichkeitsbildung als ein Akt des „In-Beziehung-tretens“ eines Subjekts zu seinem Leib verstanden werden soll. Man könnte diesen Ansatz als subjektivistisch in beiderlei Hinsicht bezeichnen, da die Frage nach der Konstitution von Subjektivität nicht der nach dem individuellen Bildungsprozeß vorangestellt wird. Vielmehr geht Lacan apriori von einer der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen vorangehenden, vorgegebenen Subjektivität aus[21].

Offen bleibt nun die berechtigte Frage nach der Existenzweise jenes Subjekts oder >Je<, ehe es durch Sprache (ihren Termini und Prädikationen) sich seiner selbst entfremdet. Die Rolle der Sprache ist hierbei dialektisch, einerseits ist sie Bedingung dieser Vergegenständlichung und terminologischen Konkretisierung. Andererseits stellt sie simultan Mittel für die Dekonstruktion dieser imaginären Verfestigung bereit deren sich die Psychoanalyse bedient.

Die Vermittlung von Psychoanalyse und historischem Materialismus, sofern sie sich für die Dialektik von Individuum und Sozietät als fruchtbar erweisen soll, muß sich also an der Frage der Herstellung des sinnlich-konkreten Subjekts orientieren. Zwar läßt sich die gesellschaftliche Herstellung der individuellen Struktur aus einer materialistischen Gesellschaftstheorie deduzieren, doch bleibt bei Lacan offen, wie diese Herstellung „praktiziert“ wird, wie sie über physiologische Prozesse läuft und gleichwohl alle Handlungs- und Denkfiguren umfaßt. Unklar bleibt ferner, wie sich die vermittelnden Sozialisationsagenturen, i.e. die konkreten intersubjektiven Verhältnisse, in der Persönlichkeits-struktur niederschlagen. Auch die Frage nach der Rückwirkung zwischenmenschlicher Beziehungen auf soziale Verhältnisse läßt sich mit Lacan nur unzureichend beantworten. Ebenso bietet er keine konzeptuelle Möglichkeit an, wie die Herstellung individueller Struktur als eine beschädigende zu begreifen ist.

Die Korrelation zwischen Subjektivität und Objektivität ist für ihn an Sprache gebunden und somit in die empirischen Individuen eingelagert. „Der Mensch denkt nicht, er wird gedacht, so wie er für bestimmte Linguisten gesprochen wird“ (Lang; 156). Auf dem Gipfel eines >>extremen Subjektivismus<< schlägt Lacans Denkfigur in einen >>extremem Objektivismus<< um. Die Konstitution und Existenz der Subjektivität ist bedingt durch den Vollzug von Sprache, ergo gesellschaftlicher Praxis. Das daraus folgende Problem der Ahistorizität rekurriert weniger auf die Tatsache, daß Unbewußtes und Gelebtes der Geschichtlichkeit unterliegen, als vielmehr auf die >>abstrakte Geschichtlichkeit<< Heideggers, dessen denkerischer Einfluß sich an dieser Stelle bei Lacan offenbart. Gerade hier liegt die grundsätzliche Problematik begraben, welche Lacan von einem historisch-materialistischen Geschichtsverständnis fundamental trennt. „Lacan ist subjektivistisch, eben weil der die Konstitution des Subjekts nicht in konkreten objektiven Prozessen verankert denkt (bzw. denkbar macht), sondern als abstrakte Konstitution unterstellt; er ist objektivistisch in der Weise, daß ihm zufolge nicht objektive gesellschaftliche Prozesse (dieser Gesellschaft auf diesem geschichtlichen Stand) die Form subjektiver Praxisfiguren bestimmen, sondern in den Individuen die abstrakte Objektivität einer Sprache >>spricht<<“[22].

Die Erkenntnis, daß das Unterbewußtsein des Individuums nicht instinktbezogen sondern sprachlich strukturiert ist, muß jedoch auf die Ebene gesellschaftlicher Verhältnisse bezogen werden. Um die Verankerung von Lebensgeschichte in Geschichte konkret denkbar zu machen, bedarf es eines Verständnisses der subjektiven Konstitutionsprozesse. D.h. es muß danach gefragt werden, wie bei der Herstellung subjektiver Praxisfiguren der Widerspruch von Produktivkräften und Produktions-verhältnissen in „Figuren >>beschädigter Herstellung<< der individuellen Struktur“ (a.a.O.; 171) Niederschlag findet. Dafür ist es wichtig die Ebenen der Praxisfiguren in ihrer sensomotorischen Unmittelbarkeit (und nicht in ihrer Sprachlichkeit) zu berücksichtigen. Der erkenntnistheoretische Paradigmenwechsel in der Transzendentalphilosophie von einem mentalistischen zu einem sprachanalytischen darf nicht dahingehend mißverstanden werden, daß der Gegensatz von Idealismus und historischem Materialismus von der Geschichte überholt worden sei und sich der Zusammenhang von Lebenspraxis und Sprache sprachphilosophisch einholen ließe. Vielmehr ist darauf zu achten, daß mit der Annahme einer Praxisregulierung durch ein sprachlich strukturiertes Unbewußtes nicht „die Konstitution des menschlichen Wesens >>sprachidealistisch<< aus dem Zusammenhang konkreter geschichtlicher Praxis herausgelöst wird“ (Lorenzer (1977); 171). Ansonsten würden die Möglichkeiten der Befriedigung oder Verfehlung menschlicher Bedürfnisse zu einem von konkreten sozialen Konflikten unabhängigen Sprachspiel relativiert. Lacan übersieht ferner, daß die basalen Elemente subjektiver Praxis einem praktisch-dialektischen Prozeß zwischen mütterlicher Praxis und infantiler „innerer Natur“ unterliegen. Sie sind unmittelbarer Niederschlag einer Praxisvermittlung und nicht auf der Ebene eines symbolischen Gefüges verortet. Dadurch werden die Pathologien subjektiver Deformationen den wesentlichen Momenten der historischen Aktualität enthoben.

Lang zufolge gilt es das Es an die Stelle des Ich zu setzen und somit jenen Bereich neu zur öffnen, „der nicht mit der Omnikommunikation der Herrschaft der Öffentlichkeit verwechselt werden darf, sondern vielmehr durch deren Gerede verdunkelt wurde“ (Lang; 94). Das Unbewußte repräsentiert in gewisser Weise das Andere, woher das Subjekt seine „eigene >vergessene Botschaft< in entstellter, >inverser< Form erhält“ (Lang; 123). Doch darf dieses „große Andere“ nicht mit dem Nicht-Identischen eines praktisch-dialektischen Systems verwechselt werden. Dialektik - so Lorenzer - ist wie Lacans Wahrheitsbedingung auf eine idealistische Position zurückgefallen, jeglichen historischen Transformationsprozessen enthoben. Dennoch muß betont werden, daß Lacan nicht der Verdinglichung einer „positiven Anthropologie“ huldigt, sondern mit seinem Ansatz die „insgeheim kulturistische Absage der positivistischen Ichpsychologie an die psychoanalytische Triebtheorie, wie den Freudschen Biologismus“ (Lorenzer (1977); 174) überwindet.

Allerdings expliziert Lacan nicht die gesellschaftliche Bedingtheit subjektiver Strukturen und die Geschichtlichkeit der Kategorien ihrer Analyse, sondern bedient sich seinerseits der mystischen Figur einer „Leerstelle“ des „leeren Grab Moses“ (Lacan; 818) und verfällt somit ebenfalls dem Schleier der Ideologie. Für Lacan ist der Sinn von Sprache wesentlich „verschiebende Verbergung“, als im Vollzug der Sprache stets der Urvatermord wiederholt wird. „Er wird zur mystischen Handlung, die nur in der Apparenz ihrer Wirkungen, in der Sprache als solcher, als eine sich entziehende da ist. (...) Dieser Akt ist somit, sofern der Mensch überhaupt spricht, bewahrt, aber als ein fundamental abwesender. Der Mythos vom Urvater wird dergestalt zur imaginär verkleideten Phantasie, die hier etwas ausdrücken will, das im Wesen unausdrückbar bleibt. Der eigentliche Vater ist der tote Vater (..)“ (Lang; 164f.).

Diese von ihm postulierte „anfängliche Zusammengehörigkeit von Tod und Sprache“ läßt ihrerseits das Verleugnete in der Verleugnung unmittelbar zum Vorschein kommen. Lacan bedient sich wie die positivistische Psychoanalyse des letzterklärenden Logos der Endlichkeit, des Todestriebes, als für die Konstitution von Subjektivität verantwortlich. Hierin liegt Lacans ideologische Verschleierung der sozialen (beschädigenden) Herstellung menschlichen Lebens begründet.

Der Verdienst Lacans liegt resümierend nun darin „die Psychoanalyse innerhalb ihres Theorierahmens vor jeder Auseinandersetzung mit der Marxschen Gesellschaftstheorie bis ans Ende“ und dabei die „Problematik von Sprache und psychoanalytischem Gegenstand erfaßt und als Einheit gedacht zu haben“ (Lorenzer (1977); 178). Diese Einheit bringt es jedoch mit sich, daß das Unbewußte gänzlich jedem Zusammenhang mit gesellschaftlicher Praxis enthoben wird. Die Psychoanalyse muß vielmehr Sprache transzendieren, muß begreifen, daß das Unbewußte Ergebnis einer beschädigenden sozialen Herstellung (auf einem konkreten historischen Stand) ist. „Der letzte Gegenstand der Psychoanalyse muß >>hinter<< Sprache in der freilich ohne Sprache nicht denkbaren praktisch-dialektischen Auseinandersetzung des Menschen mit Natur begriffen werden“ (Lorenzer (1977); 178).

2.2.1. Louis Althusser (Ideologie als „Ordnung des Symbolischen“)

Althusser stellt den subjektiven und ökonomistischen Determinismen der Kritischen Theorie sein Konzept der „strukturalen Kausalität“ gegenüber. Er versteht die kapitalistische Produktionsweise als „historisch konstituierte Struktur der historisch konstituierten Strukturen der Ökonomie, der Politik und der Ideologie“ (Naumann; 29). Sein strukturalistischer Blick auf die Marxsche Theorie, läßt ihm das Basis-Überbau-Verhältnis nicht als ein kausalistisches, sondern als ein reziprokes erscheinen. Die Sphären der Politik und Ideologie besitzen eine je eigenständige Autonomie sowie Materialität und wirken auf die ökonomische Basis zurück. Aus diesem Grund können ideologische und politische Widersprüche nicht ohne weiteres aus dem Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital deduziert werden. Vielmehr bilden sie erst dessen Existenzbedingung. „Unter dem Zwang zur Kapitalver-wertung, die schließlich das materielle Überleben der Gesellschaft sicherstellt, besteht zwar die Tendenz zur >>Überdetermination<< (Althusser) politischer und ideologischer Prozesse durch die Ökonomie, doch umgekehrt kann der Verlauf der ökonomischen, politischen und ideologischen Kämpfe potentiell auch dazu führen, daß die verschiedenen Widersprüche an einen strategischen Ort der Gesellschaft verschoben und dort verdichtet werden, von dem aus die tiefgreifende Veränderung auch der ökonomischen Struktur möglich wird“ (ebd.; 30). Trotzdem hält Althusser an der Ökonomie als „Determinante in letzter Instanz“ fest, im Sinne einer logisch - für das materielle Überleben kapitalistischer Gesellschaften - notwendigen Wirksamkeit ökonomischer Reproduktionszyklen.

Mit diesem nicht-ökonomistischen gesellschaftstheoretischen Ansatz geht auch ein differenzierter Subjektivitätsbegriff einher. Da sich das gesellschaftlich Konkrete aus dem historisch-konkreten Wechselspiel von ökonomischen, politischen und ideologischen Prozessen ableiten läßt, besteht die Notwendigkeit die relativ autonome Teilhabe der letzten beiden Bereiche auch als solche zu analysieren. Dafür bedarf es einer nicht-ökonomistisch verkürzten Ideologietheorie. In Tradition zur strukturalistischen Psychoanalyse Jacques Lacans, begreift Althusser Subjektivität als substanziell der Ideologie nicht vorausgehend. Vielmehr ist sie das Resultat von Signifikanten mit einer spezifischen Materialität. „Diese Signifikanten strukturieren die alltägliche und unweigerliche Praxis innerhalb jener >>ideologischen Staatsapparate<< wie der Familie, der Schule, der Kirchen, des Gesetzes, der Parteien und der kulturellen Institutionen etc., die, neben dem >>repressiven Staatsapparat<< notwendig sind, um die Reproduktion kapitalistischer Gesellschaften zu gewährleisten“ (a.a.O.; 31). Das ideologische Moment dieser Ideen besteht nun darin, daß durch diesen symbolischen Prozeß ihrer Konstitution, sowie der alltäglichen intersubjektiven und institutionellen Wiedererkennung als solche, die Subjekte vermeinen jene Verhältnisse (die ihnen historisch vorausgesetzt sind und welche die Subjekte als ideologisches Produkt erst konstruiert) selbst zu generieren. „Infolge dieser Selbstverkennung als schöpferische freie Subjekte entwickeln die Individuen letztlich ein imaginäres Verhältnis zu ihren realen Existenzgrundlagen – sie unterwerfen sich als freie Subjekte freiwillig den kapitalistischen Produktionsverhältnissen“ (a.a.O.; 31f.).

Althussers Argumentation erlaubt auf sehr plausible Weise die Erklärung, wie bis in die 60er Jahre Ideologie als Massenintegrationsprozeß, gleichsam einer globalen „Ordnung des Symbolischen“, alle Lebensbereiche mit strukturellen Netzen überzog. Allerdings wird bei ihm eine funktionalistische Reduktion von Ideologie evident, welche schlicht die Reproduktion der Produktionsbedingungen sichert. Dabei übersieht er die relative Autonomie von Ideologie, daß sie die differenten sozialen Anomien in sich trägt und widersprüchlich auf die materiellen Bedürfnisse der Subjekte verweisen muß. Die „Hypostasierung der Reproduktion“ als widerspruchsfreier Entität entwindet den Begriffen Subjektivität und Widerspruch jeglichen emanzipatorischen Gehalt. Sein Begriff des „ideologischen Staatsapparates“ läßt keine Differenzierung zwischen repressiv-ideologischen Instanzen und jenen zu, die den status quo zu verändern trachten. Somit verfehlt Althusser sein erklärtes gesellschafts-theoretisches Ziel und verkürzt ebenfalls das Verhältnis von Ökonomie, Politik und Ideologie zugunsten der Ökonomie.

Subjekttheoretisch leistet er die Erkenntnis der gesellschaftlich-institutionellen Konstitution der grund-legenden Handlungs-, Sprach- und Wahrnehmungsmuster. Mit seinem Rekurs auf Lacans Strukturalismus unterliegt er aber ebenfalls seinem „Logozentrismus“: der vollständig symbolischen Auslieferung des Subjekts. Subjektivität erscheint demnach lediglich als tabula rasa, in welche die Signifikanten ideologisch-praktisch eingeschrieben werden. „Er (Lacan) bekommt somit weder die Widersprüchlichkeit der institutionellen Vergesellschaftungsprozesse in den Blick, die doch mit sich historisch verändernden widersprüchlichen Signifikanten daherkommen, noch kann er die Widersprüchlichkeit der Subjektanrufung mit ihren offenen Verarbeitungsweisen und durchaus widerständigen Praktiken begreifen“ (ibid.; 33).

Auf gesellschaftstheoretischer Ebene leistet Althussers also die Erkenntnis, daß kapitalistische Gesellschaftsformationen stets als ökonomisch-politisch-ideologische Konstellationen zu begreifen sind, welche in zeitlich und räumlich heterogenen und überdeterminierten sozialen Auseinander-setzungen konstituiert werden. Diese objektive Analyse der stets als Resultat einer widersprüchlichen institutionellen und symbolischen Praxis zu denkenden Subjektivität, bedarf allerdings einer weitergehenden subjektiven Modifizierung: die historisch-spezifischen Subjektivitätsformen müssen als überdeterminierte und überdeterminierende Größen begriffen werden. Indem Althusser dies unterläßt und auf einen Begriff subjektiven Leidens und subjektiver Widerständigkeit verzichtet, fällt er „sowohl hinter die Einsicht der auch psychischen Integration der ArbeiterInnen in den fordistischen Vergesellschaftungsmodus zurück als auch hinter seine eigene Ökonomismus-Kritik“ (ebd.; 34), und setzt seine emanzipatorische Hoffnung wieder ausschließlich auf den Klassenkampf.

2.2.2. Michel Foucault („Sexualitätsdiskurs“ & „(Bio-)Macht“)

Foucault versuchte dieses ungelöste Problem des Verhältnisses von Ökonomie und Ideologie zu lösen, indem er nicht länger von objektiver Subjektivierung spricht, sondern sein Hauptaugenmerk auf die symbolische, aber immer auch leiblich zu verstehende, Konstitution der Subjekte als Untertanen einer omnipräsenten Macht richtet. Die kapitalistische Durchstaatlichung ist primär keine institutionalisierte Staatsgewalt als vielmehr eine alle Lebensbereiche durchdringende und „sich produktiv im Inneren der Subjekte selbst und durch deren willentliche Selbsttätigkeit hindurch“ (Naumann; 34) entfaltende Macht. Dies geschieht vor allem über die normierend und disziplinierend wirkende symbolische Praxis von Diskursen. Über sie wird den Individuen ideologisch vorgetäuscht eine vermeintlich autonome und sinnstiftende Existenz zu führen. „Die diskursiv konstituierte Subjektivität erhält gleichsam einen Körper, gewinnt dadurch materielle Evidenz und erlaubt schließlich die Naturalisierung und Vereinheitlichung der Subjekte im Rahmen eines >>sozialen Körpers<<“ (a.a.O.; 34). Von besonderer Bedeutung hierfür sind die Sexualitätsdiskurse, welche auf eine Disziplinierung des einzelnen Körpers ausgerichtet sind, mit dem Ziel der Normierung und Substantialisierung von Lust. Diese „ Bio-Macht “ organisiert Sexualität und dient letztendlich der Assimilation der Subjekte, samt ihrer Körper, in die kapitalistische Arbeitsorganisation und gesellschaftliche Reproduktion. Sie ermöglicht die Zusammenfassung der Subjekte in Gattungskörper, welche qua Bevölkerungspolitiken regulierbar werden. Sowohl die Konstruktion des individuellen Körpers als auch die des Gattungs-körpers haben eine Biologisierung des Politischen im Sinne einer „politischen Technologie des Lebens“ zum Ziel.

Aus der Ausdehnung des Althusserschen Subjektbegriffs auf die leibliche Dimension der Subjekt-konstitution, zieht Foucault die weitreichende politische Konsequenz, daß sämtliche auf die Befreiung des Subjekts oder seiner/ihrer Sexualität abzielende Politiken als Unterwerfungstechniken der Macht angesehen werden müssen, welche die freiwillige Unterwerfung der Menschen anstreben. Der Produktivität und Omnipräsenz der Macht ist es geschuldet, daß sich gegen sie gerichtete Politiken an ihren „ Öffnungen und Bruchstellen orientieren (müssen), die zwangsläufig aus der Funktionsweise der Macht, aus den >>Gefahren des Diskurses<< resultieren, nämlich einerseits Prozesse zu kanalisieren und Verbote zu setzen, um damit aber andererseits das Verbotene unweigerlich ins Spiel zu bringen, Umbesetzungen und Widerstand zu provozieren“ (ibid.; 36). Foucaults Hoffnung gilt einer minoritären, partikularen, am Alltag orientierten „Mikropolitik“, welche sich explizit in Differenz zur Macht verortet. Seine Zielvorstellung gilt der Schaffung einer Vielzahl von autonomen Existenzen, „die ihr Leben, einem Kunstwerk gleich, in der Differenz zur Macht gestalten, um sich nicht zuletzt auch dem Sexualitätsdispositiv durch die Vieldeutigkeit ihrer >>Sprache des Körpers und der Lüste<< zu entwinden“ (a.a.O.; 36).

In Foucaults weitreichendem Machtbegriff (demzufolge die kapitalistische Ausbeutung nur als eine Spielart der Macht anzusehen ist) wird ein grundlegender Widerspruch zwischen der subjektiven Handlungsfähigkeit - im emanzipativen Sinne - und der Konstruktion des Subjekts - als Effekt der Macht - evident. Er versucht dies durch seine „Existenzästhetik“ zu retten, fällt jedoch hinter den Anspruch zurück „kapitalistische Gesellschaften als ökonomisch-politisch-ideologische Konfigura-tionen zu analysieren und begreift Macht stattdessen als monistische und organizistische Größe, die mit produktiver Potenz Gesellschaft und Subjektivität erst konstituiert“ (a.a.O.; 36). Kritik am Machtregime wird daher sinnlos, da sich die Macht ohnehin nicht abschaffen läßt.

Ähnlich wie der Kritischen Theorie liegt dem Foucaultschen Machtbegriff eine Vorstellung eindimensionaler Zurichtung der Subjekte zugrunde. Beiden geht dadurch die Sensibilität für die „Widersprüchlichkeit und (...) Ungleichzeitigkeit der Vergesellschaftung, bzw. der gesellschaftlichen Diskurse und sonstigen Praktiken abhanden“. Während in der Kritischen Theorie diese Wider-sprüchlichkeit noch Berücksichtigung findet, „wenn sie die kapitalistischen Verhältnisse als Ausdruck von Herrschaft begreift, die durch subjektive, in Protestgruppen oder in der Kunst verankerte Potentiale abgeschafft werden kann, fehlt Foucault schon das kategoriale Rüstzeug, um Herrschaft zwischen ermächtigender und beschränkender Macht einerseits und Herrschaft andererseits zu differenzieren“ (ebd.; 37). Seine existenzästhetische Konzeption kann somit als der Versuch angesehen werden sich aus dieser theoretischen Sackgasse herauszuwinden. Offen bleibt allerdings, warum die geforderte „Sprache des Körpers“ die Subjekte dem Sexualitätsdispositiv der Macht zu entziehen in der Lage sein soll und welchen Nutzen die Subjekte selbst daraus ziehen[23].

Sowohl Foucaults Konzeption der Sprache des Körpers als auch die der Existenzästhetik können als Versuch gelesen werden hegemoniale und disziplinierende Diskurse zu unterminieren. Auf der anderen Seite erscheinen sie wie der „narzißtisch motivierte Versuch, dem Subjekt die Scham ob seiner/ihrer Ohnmacht zu ersparen, indem die Macht nach innen genommen und ein idealiter totale Unabhängigkeit gestiftet wird“ (a.a.O.; 38). Dies wiederum würde einer Verleugnung sämtlicher Beziehungen und Abhängigkeiten gleichkommen.

Die Aporie in Foucaults Konzeption gründet darin, daß er mit der Annahme des Leidens der Subjekte (an ihrer unweigerlichen Disziplinierung) operiert, während er andererseits dieses Leiden nicht expliziert und somit eine Begründung für den geforderten Widerstand liefern könnte.

2.2.3. Judith Butler (Kritik der „kohärenten Identität“)

Das Foucaultsche Defizit, die Unhintergehbarkeit seines Machtbegriffs und Althussers Ordnung des Symbolischen, welche eine Explikation subjektiven Leidens und eine daraus abgeleitete Kritik nicht zulassen, wird von Judith Butler poststrukturalistisch zu wenden versucht, indem sie das immer auch diskursiv produzierte Leiden der Subjekte aufzeigt.

Demnach werden Subjekte durch „die performative, also die diskursiv transportierte, geregelte und restringierte Subjektivierung gesellschaftlich hegemonialer Normen“ (Naumann; 39) konstituiert. Die Normativität des Symbolischen besteht in „Forderungen, Tabus, Sanktionen, Einschärfungen, Verboten, unmöglichen Idealisierungen und Drohungen“ (Butler, zit.n. Naumann; 39).

Subjekte sind grundsätzlich vielfältig konstituiert und erhalten ihre „ kohärente Identität “ durch die „Verwerfung“[24] jener, die Kohärenz ihrer dem Gesetz entsprechenden Identität in Frage stellenden Identifikationen. Der Begriff der „Verwerfung“ erlaubt wiederum die Integration der Psychoanalyse in die Subjekttheorie und ermöglicht dadurch begründbare Kategorien des Leids und der Kritik ins Spiel einzuführen. Indem der Identifikationszwang internalisiert wird, erfährt das Subjekt eine „innere Lähmung“, welche zur Bekämpfung aller die eigene Kohärenz gefährdenden Bedrohungen führt.

Butlers Kritik der kohärenten Identität darf nicht als eine der Unvermeidbarkeit von Identität verstanden werden, da beispielsweise Identifikation mit einem gemeinsamen Interesse für eine emanzipative Politik notwendige Voraussetzung ist. Es geht vielmehr um die Transzendierung der „Logik des ausgeschlossenen Widerspruchs“, der stetigen Infragestellung von Identität, um nicht in den Formen der diskursiven Zurichtung zu erstarren. Die hegemonialen Subjektformen müssen dekonstruiert, das Verworfene und Ausgeschlossene durch „Resignifikation“ wieder in den Horizont subjektiver Erfahrungsfähigkeit gerückt werden. Die fundamentale Dynamik der Verwerfung und Ausschließung selbst, welche repressiv die kohärente Identität schaffen, muß überwunden werden.

Da Butler die Analyse sozialer und subjektiver Prozesse nur noch als eine der diskursiven Identitäts-konstruktion betreibt, übersieht sie gesellschaftstheoretisch die zwar auch diskursiv hergestellte, „doch institutionell materialisierte historische, politisch-ökonomische Situation der Signifikation und somit den Umstand, daß die Signifikation nur einen, wenn auch konstitutiven Aspekt der Vergesell-schaftung abgibt“ (ebd.; 41). Sie wird den sozialen Rahmenbedingungen dieser Subjektpositionen nicht gerecht. Sogar positivistische Lesarten wären die Folge wenn dieser politisch-ökonomisch-ideologische Kontext nicht Berücksichtigung fände[25].

Auf subjekttheoretischer Ebene unterliegt sie einer „idealistischen Zuspitzung der Diskursanalyse“ (Demirovic), da bei Butler der Körper auf etwas Immaterielles, Intelligibles, beinahe Fiktives reduziert wird. Dadurch entgeht ihr, daß der herrschende Geschlechterdiskurs nicht nur ein umfangreiches Set an >männlich< oder >weiblich< konnotierten Denk- und Gefühlspraxen, sondern auch ein vielfältiges Repertoire an Körperpraxen und –gefühlen bis hin zu spezifischen Körperformen“ (Maihofer, zit.n. Naumann; 42) umfaßt. Sie unterschlägt die mit der diskursivistische Subjektbildung einhergehende Einsomatisierung mit ihrer spezifischen Eigenlogik. Diese unbewußten libidinösen, narzißtischen und aggressiven Anteile können nur in „semiologischen Codes“ (Demirovic) erfaßt werden, wie sie beispielsweise von der Psychoanalyse als einer „Hermeneutik des Leibes“ (Lorenzer) zur Verfügung gestellt werden. Durch ihren Rückgriff auf die logozentrische Vorstellung Lacans wie sich die sprachliche und vorsprachliche Vergesellschaftung körperlich niederschlägt, verstrickt sich Butler in einen Widerspruch zwischen ihrem Konzept diskursiver Subjektkonstitution und der potentiellen Resignifikation von Verwerfungen und Ausschließungen. Dadurch wird nicht plausibel, wie die ohnehin diskursiv konstituierten Subjekte an der Ausschließung und Verwerfung leiden und wie durch Re-Signifikation dieses Leiden gemindert werden soll.

Zwar kann die Dekonstruktion hegemonialer Subjektivitätsformen deren soziale und subjektive Realität und Funktionalität nicht aufheben, aber es ermöglicht die Veränderung ihres Selbstver-ständnisses und das Aufzeigen von Handlungsalternativen.

2.2.4. Résumé

Die Erkenntnis, daß Sprache nicht eine apriorische Realität einfach abbildet, sondern produktiven, materialisierenden Charakter aufweist, bildet die gemeinsame Grundlage von Althusser, Foucault und Butler. Sie versuchen die bürgerlich-hegemoniale Vorstellung eines freien und selbstbestimmten Subjekts als Ideologie zu dekonstruieren, indem sie seine Konstitution in alltäglichen, diskursiven Praktiken nachweisen. Durch die Benennung der Ideologie (Althusser), der Macht (Foucault) oder des Gesetzes (Butler) als verantwortlicher Instanz versuchen sie die essentialistischen Verkürzungen in der Gesellschafts- und Subjekttheorie zu überwinden. Allerdings bleibt dabei der Zusammenhang von Diskursen und institutioneller bzw. subjektiver Materialität unbeleuchtet.

Althussers Theorie der ideologischen Staatsapparate erlaubt zwar die Analyse kapitalistischer Gesellschaften als ökonomisch-politisch-ideologische Konfigurationen, wird aber der institutionellen und subjektiven Widersprüchlichkeit nicht gerecht. „Die propagierte relative Autonomie der Ideologie, die auch den Subjekten eine relative Eigenständigkeit einräumen müßte, wird theoretisch aufgegeben und Ideologie der Tendenz nach funktionalistisch verkürzt“ (Naumann; 44). Foucault bleibt die spezifische, widersprüchliche Dynamik der Disziplinierung des menschlichen Körpers verschlossen. Ihm muß Sexualität als bloßes Resultat der Macht erscheinen, welcher er dann die Sprache des Körpers und der Lüste entgegensetzt. Butler versucht dieses theoretische Defizit mit ihrem post-strukturalistischem Ansatz zu überwinden. Demnach unterliegt das Individuum vielfältigen Subjektivierungsprozessen, welche durch die hegemonialen Zurichtungen und Verwerfungen des Gesetzes zugerichtet und durch Resignifikation wieder aufgehoben werden können. Allerdings ist es ihren diskursivistischen Verkürzungen geschuldet, daß sie körperliche Sedimentierungen dieser widersprüchlichen subjektkonstituierenden Praktiken nicht erfassen kann. Sie begreift nicht, daß diese diskursiven Praktiken ebenfalls im Hinblick auf ihren historisch-spezifischen, sozioökonomischen Kontext verstanden werden müssen.

Alle drei Autoren sind nicht in der Lage den Ausgangspunkt ihrer kritisch ausgerichteten Theorien zu benennen: das subjektive Leiden. Es mangelt ihnen an der Kompetenz zur Differenzierung „zwischen der objektiven Bedeutung, die Diskurse als Bestandteil sozialer Verhältnisse transportieren, und dem subjektiven Sinn, den die gesellschaftlich und lebensgeschichtlich unterschiedlich situierten Subjekte diesen Diskursen beimessen“ (a.a.O.; 45). Für die Dekonstruktion hegemonialer Diskurse bedarf es einer materialistischen Rekonstruktion subjektiver und sozialer Verhältnisse sowie deren sinnhaften Verknüpfungen. „Dazu gilt es, diskurstheoretische Erkenntnisse in ein elaboriertes interdisziplinäres Konzept zu integrieren, das einerseits kapitalistische Vergesellschaftung als historisch-spezifische Bearbeitung äußerer Natur auszuweisen weiß, die ein institutionell-diskursives Gefüge materialisiert, und das andererseits die institutionelle und diskursive Vergesellschaftung des menschlichen Körpers auf kritische Begriffe zu bringen mag“ (Naumann; 45).

3. Natur, Diskurs und soziale Verhältnisse

Die Konzeptualisierung einer kritischen Theorie des Subjekts bedarf also der Berücksichtigung der Effekte der Vergesellschaftung innerer und äußerer Natur, welche sich erst durch die Interdisziplinari-tät von Subjekt- und Gesellschaftstheorie erschließen lassen. Ebenso muß sie dem immanenten Zusammenhang der diskursiven Konstitution von Gesellschaft Rechnung tragen. Bei all dem gilt es die bereits erwähnten ökonomistischen, biologistischen und diskursivistischen Verkürzungen, sowie transhistorisch-teleologische Apriori zu vermeiden.

Im Folgenden soll dem Zusammenhang von Natur, Diskurs und Vergesellschaftung nachgegangen werden. Natur bildet den Ausgangspunkt von Vergesellschaftung, tritt uns aber zugleich immer als vergesellschaftete gegenüber, „in Form historisch-spezifischer, gesellschaftlicher und subjektiver Verhältnisse mit eigener institutioneller, diskursiver und subjektiver Materialität“ (Naumann; 46).

Bedingt durch seine phylogenetische Ausstattung, muß der Mensch Natur in zweierlei Hinsicht bearbeiten. Einerseits besteht die Notwendigkeit zur Produktion der zur evolutionären Reproduktion notwendigen Güter und andererseits muß die Natur eines jeden Menschen subjektiviert, d.h. gesellschaftsfähig gemacht werden. Da Menschen immer gesellschaftlich aneinander gebunden sind, tritt ihnen Natur somit entweder als gesellschaftlich bearbeitete oder gesellschaftlich zu bearbeitende Natur gegenüber. Dies ermöglicht die Analyse der gesellschaftlichen Praxis der Naturaneignung, welche sich innerhalb jener historisch konkreten Verhältnisse entfaltet.

Besondere Bedeutung für die gesellschaftliche Reproduktion kann den Diskursen beigemessen werde. Sie entstammen der menschlichen Fähigkeit zu bewußten Symbolisierungsakten und dienen der Objektivation menschlicher Praxis. Indem sie Praxisdeutungen und –anweisungen vermitteln, gehen sie als konstitutives Moment in die sozialen Verhältnisse ein[26]. In ihnen materialisiert sich symbolische Praxis in Form sozialer Institutionen, welche die bestehenden Machtverhältnisse widerspiegeln und reproduzieren. Diskurse sind „immanente Voraussetzung, Bestandteil und Resultat der Lebenspraxis sozialer Akteure, die als kontingent situierte Subjekte und in institutionalisierten, sozialen Auseinandersetzungen komplexe gesellschaftliche Verhältnisse als historisch-spezifische Form der Naturaneignung hervorbringen“ (ibid.; 49).

Stabilität wird hierbei durch Ideologie erreicht, welche es erlaubt, über die herrschenden Widersprüche hinweg, ein Kollektiv zu konstituieren und die Individuen aneinander zu binden. Die diskursive Materialisierung von Wissen und Bedeutung ist auch bei der Ideologie wirksam. Ideologie ist nicht einfach falsches Bewußtsein im Sinne einer subjektiv verdinglichten Form eines Abstraktums, vielmehr ist sie ein materielles und konstitutives Moment von spezifischen Herrschaftsverhältnissen. Gramsci zufolge läßt sich eine herrschaftliche Reproduktion eines Kollektiv erst bewerkstelligen, wenn es gelingt die Hegemonie einer bestimmten Lebensweise durchzusetzen, implizit eine Einheit von Wissen und Praxis zu konstituieren. Dies geschieht über die Simultaneität von Inklusions- und Exklusionsstrategien, i.e. durch Subordination und Assimilation subalterner Lebensweisen[27]. Dadurch werden die Individuen „ihrer sozioökonomischen Heteronomie sowie ihrer Konstruiertheit entkleidet, als ahistorische, verdinglichte Entitäten subjektiviert“ (a.a.O.; 50). Bei all dem muß bedacht werden, daß Ideologie nicht nur als schlichte Funktion der herrschenden Kapitalverwertung verstanden wird, sondern zugleich die Existenz gegenhegemonialer Subjektformen bedeutet, bedingt durch die Widersprüchlichkeit der Vergesellschaftungsbedingungen. Sie trägt stets die soziale Widersprüchlich-keit in sich und unterliegt einem permanenten Transformationsprozeß.

Die Diskurstheorie ermöglicht die Rekonstruktion subjektiver Redepositionen innerhalb der Pluralität gesellschaftlicher Diskurse, allerdings kann sie nicht die subjektive und gesellschaftliche Funktionalität von Diskursen erfassen. „Die Bewertung historisch-spezifischer Diskurse hinsichtlich ihrer ideologischen Implikationen kann freilich nicht auf ein hinter den Diskursen befindliches Reales zurückgreifen, sie obliegt vielmehr dem politischen Akt einer theoretischen Annäherung an gesellschaftliche und subjektive Phänomene“ (a.a.O.; 52). Notwendig erscheint deshalb eine Verquickung mit einer kritischen Subjekttheorie, die in der Lage ist, aufzuzeigen, wie die diskursive Konstitution der Subjekte immer auch als eine Vergesellschaftung des Körpers zu verstehen ist. Auch muß die Diskurstheorie in eine kritische Gesellschaftstheorie eingebunden werden, welche die Bindung von Diskursen an die Institutionen kapitalistischer Vergesellschaftung kritisch reflektiert.

3.1. Konturen der kritischen Subjekttheorie

Einer kritischen Subjekttheorie obliegt es aufzuzeigen wie Subjekte durch institutionell-diskursive Strukturen konstituiert werden. Da sie zugleich auch Akteure sind, bedingt durch ihre Partizipation an diesen widersprüchlichen institutionellen Prozessen, bilden Subjekte zugleich eine Art Gegen-institution. Dieser widersprüchlichen Konstitution von Subjektivität ist eine spezifische Eigenlogik immanent und muß stets im historischen Kontext der bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftung reflektiert werden. Die Forderung der Aufklärung nach vernunftgeleitetem Handeln erfuhr eine Verkehrung in instrumentelle Rationalität und führte zu normierenden Institutionalisierungs- und Sprachprozessen, welche die Zurichtung der Subjekte perfektionierte. Mit der kapitalistischen Entwicklung ging eine Herauslösung der Individuen aus tradierten Bindungen einher, durch welche ihnen die Ideologie der Freiheit zur Selbstbestimmung einsomatisiert wurde. „So entstand eine historisch-spezifische Spannung zwischen Bewußtsein und Lebenspraxis, die aus kritischer Perspektive eine besondere Subjekttheorie möglich und nötig machte. Die Psychoanalyse trat als >>Gesprächskur<< auf den Plan, die die Spannung zwischen hegemonialer sprachlicher Instrumen-talität und sprachlich ausgeschlossenen Erlebnisformen reduzieren und intimisiertes Leid lindern sollte“ (Naumann; 53). In dieser Erkenntnis der Einheit von Natur und Gesellschaftlichkeit in den Subjekten, liegt die Notwendigkeit der Psychoanalyse als Bezugsrahmen für eine kritische Subjekttheorie begründet.

Unter Vermeidung biologistischer und diskursivistischer Verkürzungen, muß sich eine solche Theorie auf die innere Natur beziehen, welche Ausgangspunkt materiell-symbolisch praktizierter Reproduktion ist. Natur steht nicht im Widerspruch zur Subjektivität, vielmehr ist Subjektivität als die Summe spezifisch einsozialisierter, widersprüchlicher Verhältnisse zu denken. In einer Dialektik von innerer Natur und gesellschaftlicher Praxis entwickelt sich die psychische Entwicklung. „Auf diese Weise wird die Leiblichkeit des Kindes in die Signifikationspraxis der Gesellschaft eingebracht, und die bewußte Willens- und Motivbildung gerät unter die Anforderung gesellschaftlicher Praxis“ (a.a.O.; 55). Über sozialisatorische Praktiken nimmt die Warenproduktion schon frühzeitig Einfluß auf die Erlebnis- und Bedürfnisstruktur der Subjekte und ist verantwortlich für die Genese vorsprachlicher Praxisformen und Befriedigungsmuster. Bereits präverbale Empfindungen wie Lust und Unlust, ausgelöst durch die Interaktion mit den primären Bezugspersonen, welche als immer schon vergesellschaftet zu begreifen sind, bedeuten gesellschaftliche Signifikationspraktiken. Mit der Einführung sprachlicher Praxisdeutungen und -anweisungen schließlich, werden diese präverbalen Praxisformen aufgegriffen, ausdifferenziert und codiert. Kohärent zur Erreichung bewußter Handlungskompetenz sieht sich das Subjekt mit Widersprüchen zwischen bewußt imaginierten und gesellschaftlich tabuisierten Praxisformen konfrontiert. Dies ist der Ausgangspunkt für die Verdrängung, der sozialen Einsomatisierung dieser Handlungspräferenzen ins Unbewußte. Unter dem Primat des Primärvorgangs führen diese abgewehrten Wünsche letztendlich zu neurotischen Symptomen. Durch den gesellschaftlichen Zwang zur Einnahme von Redepositionen, auch in der post-infantilen Sozialisation, erfahren die Subjekte Entlastung von neurotischer Angst, wodurch sie an die Institutionen gebunden werden.

Neben hegemonialen Unterwerfungspraktiken bietet die psychische Struktur zugleich Möglichkeiten für widerspenstiges Handeln, wenn unterdrückte „lustvolle Interaktionsformen in einem kollektiven Prozeß neue gegenhgegemoniale Namen und Entwicklungschancen erhalten“ (ebd.; 55).

3.2. Konturen der kritischen Gesellschaftstheorie

Da sich Sozialisation aus dem Zusammenspiel mit anderen Subjekten, sozial produzierten Gebrauchs-werten innerhalb sozialer Institutionen und Diskurse entwickelt, bleibt die Frage nach den konkreten gesellschaftlichen Bedingungen offen, innerhalb welcher sich diese Entwicklung vollzieht. In Kohärenz zur oben skizzierten kritischen Subjekttheorie bietet sich hier der Historische Materialismus an, da er seinen Fokus auf die, über Vergesellschaftung äußerer Natur organisierten, zwischen-menschlichen Verhältnisse gerichtet hat. Gemeinsam ist beiden ebenso das selbe Erkenntnisinteresse der Überprüfung des Leids der Menschen unter den kapitalistischen Vergesellschaftungsbedingungen.

Dafür gilt es den ökonomistischen Determinismus und die teleologische Geschichtsauffassung zu überwinden. Vielmehr entwickeln und materialisieren sich die allgemeinen Strukturprinzipien kapitalistisch-gesellschaftlicher Reproduktion nur innerhalb konkreter geschichtlicher, sozialer und kultureller Kontexte. Die Warenform, Ausbeutung von Lohnarbeit und die konkurrenzvermittelte Mehrwertproduktion als Akkumulationsimperativ sind keine transhistorischen Prinzipien. Notwendig ist die Konzeptualisierung des Verhältnisses von politischen, ökonomischen und ideologisch-symbolischen Prozessen. Eine kritische Gesellschaftstheorie muß „jene alltäglichen Macht- und Gewaltverhältnissen, insbesondere den Geschlechterverhältnissen, Aufmerksamkeit schenken, die erst die Konstitutionsbedingungen des Waren- und Lohnverhältnisses abgeben und schließlich muß sie die Gestaltungs- und Reflexionskapazitäten der sozialen Akteure systematisch integrieren, um ökonomistische oder funktionalistische Verkürzungen zu überwinden“ (Naumann; 57).

Unter den Bedingungen „wechselseitiger Konkurrenz und des antagonistischen Kampfes um das Surplusprodukt“ (a.a.O.; 57), bedingt durch die materielle Reproduktion kapitalistischer Gesell-schaften, tritt den Subjekten Sozialität in fetischisierter Form des Geld oder des Staates gegenüber. „Der Widerspruch zwischen der gesellschaftlichen Produktion und der privaten Aneignung des Mehrwerts, der die Gesellschaft tendenziell auseinanderreißt, wird prozessierbar, indem die Subjekte als freie und gleiche MarktteilnehmerInnen und StaatsbügerInnen vereinzelt angerufen werden und gleichzeitig auf der Grundlage ihrer Vereinzelung vielfältige Verbindungen eingehen, die besonders im Staat mit seinen sexistischen Inklusions- und Exklusionspraktiken als >>nationales Interesse<< kulminieren“ (ebd.; 57f.). Hieraus entstehen wiederum neue Widersprüche, wie z.B. die durchkapita-lisierende Zerstörung nicht-marktförmiger Zusammenhänge (z.B. Familie), auf deren Existenz die kapitalistische Reproduktion angewiesen ist. Um dennoch den Ablauf der gesellschaftlichen Reproduktion zu gewährleisten, ist sie auf „die Herausbildung von Hegemonie, auf die Verstetigung und Verallgemeinerung einer Konfiguration ökonomischer, politischer und symbolischer Praktiken über die gesellschaftlichen Konfliktlinien hinweg angewiesen“ (ebd.; 58). Die (anti-)hegemonialen Praktiken sind „Voraussetzung und Resultat“[28] (ibid.; 58) institutionell-diskursiver Strukturen, welche erst die immanenten und widersprüchlichen Existenzbedingungen des Ökonomischen bildet. Dieses Gefüge stellt die Wahrnehmungs-, Sprach- und Handlungsmuster zur Verfügung und konstituiert Menschen als Subjekte mit je spezifischen Biographien. Dadurch kann die diskursive Selbstver-ständigung der Subjekte über ihre Praxis im Rahmen des institutionellen Gefüges einerseits zu affirmativen Tendenzen, andererseits aber auch zur kritischen Reflexion der kapitalistischen Vergesellschaftungsmomente führen. „Die derart konstituierten Subjekte sind verstrickt in widersprüchliche Institutionen und Diskurse, sie messen ihren institutionell-diskursiven Handlungen einen subjektiv symbolisierten Sinn bei, den sie als Einsatz in die sozialen Auseinandersetzungen einbringen, und sie gehen infolge ihrer Anrufung als freie, gleiche und einzelne Subjekte vielfältige und widersprüchliche Verbindungen ein, die sich immer auch in sozialen Kämpfen artikulieren“ (a.a.O.; 59). Daraus läßt sich folgern, daß die Subjekte die Materialisierung der allgemeinen kapitalistischen Strukturprinzipien nicht bloß reproduzieren, sondern durch ihre alltägliche Praxis permanent verändern.

3.3. Zur Interdisziplinarität von kritischer Subjekt- und kritischer Gesellschaftstheorie

Die geschilderte Inkongruenz zwischen Subjekt- und Gesellschaftstheorie resultiert aus den eigenständigen kapitalistischen Strukturprinzipien sowie der Eigenlogik der Vergesellschaftung innerer Natur. Als gemeinsame Schnittstelle zwischen beiden theoretischen Ansätzen kann die alltägliche subjektive Praxis innerhalb des institutionell-diskursiven Gefüges kapitalistischer Gesellschaften angesehen werden. Die Dialektik zwischen den die Existenzgrundlage kapitalistischer Gesellschaften konstituierenden Strukturprinzipien einerseits sowie ihrer institutionellen Wider-sprüche und Kontingenzen andererseits, eröffnet zugleich die Möglichkeit subversiver Verhaltens-weisen seitens der Subjekte. Institutionell-diskursive und ökonomistische Imperative wirken nicht determinierend auf das Handeln der Subjekte, sondern ermöglichen ihre Umarbeitung zu spezifischen Lebensentwürfen mit individuellen Sinnlichkeits- und Sinngehalten. Auf analytischer Ebene gilt es psychische und soziale Vorgänge getrennt voneinander zu erfassen, wobei jedoch die Einheit von psychischem Erleben und sozialer Erfahrung nicht unterschlagen werden darf.

Da die Psychoanalyse das „historisch sich verändernde Verhältnis von Unbewußtem und Bewußtem und mithin die Reflexions- und Handlungskapazitäten der Subjekte unter historisch-spezifischen Vergesellschaftungsbedingungen anzugeben“ vermag (Naumann; 60), müssen ihre subjektivistischen Verkürzungen überwunden werden, um sie für eine Interdisziplinarität mit einer kritischen Gesellschaftstheorie kompatibel zu machen. Zwar begreift die Psychoanalyse das Individuum als vergesellschaftetes, allerdings muß sie Subjektivität als gesellschaftlich hergestellte verstehen. Auf gesellschaftstheoretischer Ebene hingegen ist eine Transzendierung des Gegenstandbereichs zur Subjektivität hin notwendig, indem subjektive Reflexionen und Handlungen als sozial konstitutive anerkannt werden. „Zwar materialisieren sich die Verhältnisse in den Subjekten und Institutionen als subjektive und gesellschaftliche Struktur und legen der sozialen Praxis jenseits jeglicher Beliebigkeit eine bestimmte hegemoniale Tendenz nahe – davon zeugt etwa die bewußtlose Praxis neurotischer Symptome oder die Praxis des Warentauschs, die die subjektiven und gesellschaftlichen Verhältnisse in verdinglichten Formen zum Verschwinden bringen. Doch in all ihren Ausprägungen vollzieht sich die Konstitution und Materialisierung von Verhältnissen in und zwischen den Menschen immer auch als diskursive Praxis innerhalb des Spannungsfeldes von kapitalistischem Strukturzwang, Wider-sprüchlichkeit und Kontingenz“ (a.a.O.; 62). Dies ist nur möglich über eine Konzeptualisierung der Subjekte und ihrer Sozialität als eine Ensemble widersprüchlicher Verhältnisse, resultierend aus der je spezifischen Bearbeitung innerer und äußerer Natur. Weiterhin muß sie das durch die soziale Praxis hervorgebrachte subjektive Leid benennen. Dabei muß diese Verhältniskonfiguration als eine dynamische und nicht als eine statische verstanden werden. Die kapitalistische Vergesellschaftung ist ein strukturell offener, historisch sich verändernder, krisenhafter Prozeß. Aus diesem Grunde muß auch die kategoriale Benennung mit Begriffen operieren, welche ihrerseits modifizierbar bleiben und dadurch ihrem Gegenstand gerecht werden.

In einem Forderungenkatalog ließen sich Bedingungen formulieren, welche für eine fruchtbare Inter-disziplinarität zwischen einer kritischen Subjekttheorie und einer kritischen Gesellschaftstheorie notwendig wären:

1. Beide Ansätze müßten ihren jeweiligen Gegenstand (die Art der Vergesellschaftung innerer und äußerer Natur) als historisch-spezifisches soziales Verhältnis reflektieren.
2. Innerhalb dieses Verhältnisses müssen die Dimensionen des Leidens und der Gewalt, sowie jene der Emanzipation benannt werden.
3. Der Historizität und Diskursivität des jeweiligen Erkenntnisgegenstandes und ihrer Erkenntnismittel muß Rechnung getragen werden.
4. Die Eigenlogik innerer und äußerer Vergesellschaftung muß begriffen werden.
5. Der Gegenstand des Erkenntnisinteresses muß zum je anderen hin transzendiert werden.

Die Begrifflichkeiten sowohl der Freudschen Psychoanalyse als auch des Marxschen Historischen Materialismus, müssen einer metatheoretischen Rekonstruktion ausgesetzt werden, damit die Diskursivität der Subjekte und der Gesellschaft ausreichend erfaßt werden kann. Als derartige metatheoretische Rekonstruktionen können einerseits die Materialistische Sozialisationstheorie Alfred Lorenzers und die Regulationstheorie Joachim Hirschs andererseits, angesehen werden.

4. Materialistische Sozialisationstheorie

4.1. Theorie der Interaktionsformen

Die von Alfred Lorenzer formulierte Materialistische Sozialisationstheorie konzeptualisiert Psychoanalyse explizit und kategorial als Sozialwissenschaft, indem sie die menschliche Triebnatur als ein soziales Produkt begreift, welches in einer Dialektik zwischen Natur und Sozialität entstanden ist. Die Intersubjektivität des Triebes beruht auf der Bearbeitung menschlicher Natur und kann nur hermeneutisch erfaßt werden. Das erste, bereits im pränatalen Zustand stattfindende, Triebgespräch zwischen Mutter und Fötus wird postnatal abgelöst durch die gestische Interaktion zwischen Kind und den primären Bezugspersonen, zum Zwecke der Bedarfsstillung. Das Bedürfnis erfährt Befriedigung in einer spezifisch einsozialisierten Form, welche in einer Dialektik von realer Interaktionserfahrung und Interaktionserwartung entsteht. Hieraus entstehen unbewußt bleibende Interaktionsformen, für deren Ausdifferenzierung die zunehmende Anzahl der Bezugspersonen eine ausschlaggebende Rolle spielt. Für die Entwicklung zu einem eigenständigen, handlungsfähigen Subjekt ist weiterhin der Umgang mit Objekten wichtig, welche sich das Kind zu eigen macht. Hierdurch assimiliert sich das Kind an die gesellschaftliche Praxis, deren Produktivität die handlungsanweisenden, ästhetischen und funktionalen Gegenstände entspringen. Das leibhaftige Erleben dieser Beziehungen, sowohl zu den Bezugspersonen als auch zu der gegenständlichen Welt, generiert zu individuell bearbeiteten kollektiven Bedeutungsträgern, zu Protosymbolen, „die dem Kind eine erste symbolische und spielerische Verfügung über Situationen seines Lebens eröffnen“ (Naumann; 65). Aus diesen sinnlich-symbolischen Interaktionsformen entsteht eine erste Ich-Struktur. Durch den Erwerb der Sprach-kompetenz, erfahren diese unbewußten Erlebnisfiguren eine sprachsymbolische Repräsentation, welche es dem Kind erlaubt „reflektierendes Bewußtsein, die Fähigkeit zum >>Probehandeln<< und somit selbstbestimmte Handlungsfähigkeit“ (a.a.O.; 66) zu erwerben. Doch wird die Entwicklung dieser Kompetenz aufgrund der, durch die Sprache selbst vermittelten, sozialen hegemonialen Praxisdeutungen und -anweisungen begrenzt, und somit das Kind an das ihm vorgängige gesellschaft-liche Bewußtsein assimiliert.

Die Materialistische Sozialisationstheorie zeigt die Entwicklung der psychischen Struktur über den Weg der infantilen Auseinandersetzung mit den primären Bezugspersonen und den ihm/ihr vorgegebenen Objekten auf, bei welchem sich erst unbewußte, dann sinnlich-symbolische und schließlich sprachsymbolische Interaktionsformen herausbilden. Da Vergesellschaftung bereits in Form sinnlich-symbolischer Interaktionsformen stattfindet, welche „die Spracheinführung vorstrukturieren und die gleichsam die Regieanweisung für Sprachspiele bilden, indem sie das benennbare Handeln mit unzähligen Gesten und szenischen Figuren umlagern“, sind diese Subjekte „weder ausschließlich sprachlich konstituiert noch bloße Emanationen der gesellschaftlich verfügten Sprachspiele“ (ebd.; 66f.). Die Vermittlung gesellschaftlicher Diskurse durch die Praxis der Subjekte führt letztendlich zur Einheit von Signifikat (Interaktionsform) und Signifikant (Sprachsymbol). Begriffliche Sprachsymbole erhalten durch ihre Beziehung zu einer spezifischen Interaktionsform immer eine bedeutsame Konnotation, sie sind Resultat und Voraussetzung jeglicher menschlicher Praxis. Schließlich verunmöglicht der begrenzte Umfang von Sprachfiguren die Benennung aller (vorsprachlichen) Interaktionsformen. Ebenso existiert ein „großes Repertoire von noch-nicht- oder nicht-mehr-sprachlichen Interaktionsformen (...), die infolge gesellschaftlicher Tabuisierung im Unbewußten verweilen oder dorthin verwiesen werden“ (a.a.O.; 67).

4.2. Der psychische Apparat und das Unbewußte

Freuds Vorstellung eines psychischen Apparates kann als theoretische Konzeptualisierung eines psychischen Konfliktes verstanden werden, bei welchem es zu einem Widerspruch zwischen körperlich bedingten Präferenzen, die im „Es“ aufgehoben sind, und den im „Über-Ich“ lokalisierten, dem Realitätsprinzip geschuldeten, sozialen Normen und Geboten kommt. Das dem Lust-Unlust-Prinzip gehorchende „Ich“ wirkt hierbei vermittelnd. Während dieses Ich als immer schon gesellschaftlich konstituiertes begriffen werden kann, muß Freuds leiblicher Essentialismus überwunden werden, damit auch die Natürlichkeit und Sozialität des Es und Über-Ich deutlich wird. „So ist das Es keine energetische Triebquelle, sondern das infantil und schon vorsprachlich einsozialisierte Gefüge unbewußter Interaktionsformen. Aus dem derart verstandenen Es gehen mit der Spracheinführung im Laufe der Subjektbildung dann das Ich mit seiner Substruktur des Über-Ich hervor. Mithin stehen alles Instanzen des psychischen Apparats in der Spannung von Sinnlichkeit und Sprache sowie von Unbewußtem und Bewußtem“ (Naumann; 68). Das Unbewußte repräsentiert in seiner individuell-konkreten Leiblichkeit (Lorenzer) vielmehr die Einheit biologischer Präferenzen und sozialer Verhaltensbestimmungen. Die Einsomatisierung findet über den Weg der sprachlichen Sozialisationspraxis und ihren normativen Imperativen statt. Einerseits sind im Unbewußten solche Interaktionsformen aufgehoben, die noch nicht sprachlich geäußert werden konnten, und andererseits durch konflikthafte Beziehungen desymbolisierte, einst sprachsymbolisch repräsentierte, Interaktions-formen. Sie unterliegen den Regeln des Primärvorgangs, welcher dem Lustprinzip gemäß für eine Unlust vermeidende Abfuhr derselben sorgt. Da dieser Mechanismus allerdings keine Negation kennt, können die gesellschaftlich tabuisierten Inhalte sich in ihr Gegenteil transformieren und derart pervertiert manifestieren. Trotzdem bleiben diese unbewußten Wünsche der Sprach verpflichtet: „sie sind gleichsam negative >>Signifikat wirkungen << einer, frühe libidinöse Erfahrung ausschließenden Sprachpraxis, und zugleich >> Ursachen der Re-Präsentation – sei es durch Symptombildung, Halluzinationen, Traumbilder oder Fetische – derjenigen Zeichen <<, die ihrer Einsatzbefriedigung dienen“ (DeLauretis, zit.n. Naumann; 69). Daneben existiert ein Zusammenhang zwischen Sekundär-vorgang, Lustprinzip und dem System Vorbewußt-Bewußt, bei welchem die Interaktionsformen verknüpft sind mit „konkreten Signifikanten sowie mit einer Prüfung ihrer Befriedigungschancen im Hinblick auf die Wahrnehmung der Außenwelt, um schließlich ein Befriedigungsform zu entwickeln, die entweder zeitlich durch Aufschub den interpretierten Anforderungen der Außenwelt Rechnung trägt, durch die adäquate Anpassung ihrer Form an die äußeren Anforderungen, oder aber durch die bewußte Einsicht in die Notwendigkeit die sozialen Bedingungen im Sinne der Befriedigung zu verändern“ (Naumann; 69). Hierbei muß betont werden, daß ein dialektisches Verhältnis zwischen Primär- und Sekundärvorgang besteht, in welchem sich beide „wechselseitig voraussetzen, polarisch ausschließen, sich gegenseitig durchdringen und im jeweils anderen existieren“ (Zepf/Hartmann; zit.n. Naumann; 69).

Dem Ich kommt nun die Aufgabe zu diese tabuisierten libidinösen Wünsche abzuwehren. Obwohl seine Funktionsweise auf die Verwirklichung triebbestimmter Interaktionsformen ausrichtet ist, vermittelt es zwischen den unbewußten Wünschen, den äußeren Anforderungen und den Geboten des Über-Ich. Seine Synthetisierungsleistungen sind dabei immer schon durch die Praxisdeutungen und –anweisungen der Sprache vermittelt. Die Sprache reglementiert und normiert die dem Ich seine Handlungsfähigkeiten eröffnenden Interaktionsformen.

Auf intrasubjektiver Ebene erzwingt das Über-Ich, in welchem die triebhaften Energien aufbewahrt werden, eine gesellschaftskonforme Transformation der unbewußten Wünsche. Seine Ausbildung geht zeitlich der des Ich voraus, bei welcher im Zuge der Identifikation die äußeren Sanktionsdrohungen zu inneren generieren. Die Auseinandersetzung mit verpönten Wünschen findet über das Ich statt, welches eine inverse hegemoniale Anpassung derselben gewährleistet. „So leistet die Abwehr zur Entlastung von unlustvollen Gefühlen eine Unbewußtmachung oder Vermeidung von Bewußt-machung, die partiell auch die anderen Ich-Funktionen wie Motorik und Affektsteuerung, wie Wahrnehmung, Gedächtnis und Symbolisierungsfähigkeit, sowie Realitätsprüfung, Konfliktlösung und Synthetisierung in ihren Dienst zu stellen vermag“ (ebd.; 70). Durch die restringierende Verleugnung und Umdeutung wird die Erfahrungsfähigkeit des Ich nach Innen und nach Außen beschnitten.

Der Materialistischen Sozialisationstheorie zufolge kann eine erfolgreiche Verbindung von Erlebnis- und Sprachfiguren zu sprachsymbolischen Interaktionsformen jene der Logik des Primärvorgangs entreißen und artikulierbar machen. Umgekehrt gilt ebenso, daß bereits sprachsymbolisch repräsentierte Interaktionsformen erneut, aufgrund negativer Interaktionserfahrungen, in „dem subjektiven Erleben entfremdete Sprachfiguren“ (Lorenzer; zit.n. Naumann; 71) zurückfallen können. Diese führen dann zu symptomatischen Manifestationen, d.h. dem Bewußtsein angemessenen Ersatz-befriedigungen. Durch die Desymbolisierung und der damit verbundenen symptomatischen Rationalisierung wird die subjektive Handlungsfähigkeit eingeschränkt, indem sich die verdrängten Inhalte jeglicher Kommunikation entziehen. „Das beschädigte Subjekt ist dann nicht nur bestimmten, die unbewußten Wünsche aktualisierenden realen Szenen ausgeliefert, die dann ein gleichsam reflexhaftes Verhalten, Flucht oder Vermeidung evozieren. Es ist auch den unbewußten Wünschen selbst ausgeliefert, die es immer wieder in eigentümlich verstellter Form zu inszenieren gezwungen ist“ (a.a.O.; 72).

Aber auch die vorsprachlich einsozialisierten, sinnlich-symbolischen Interaktionsformen können, bedingt durch eine widersprüchliche vorsprachliche Interaktionspraxis, dazu führen, daß das Erleben des Kindes auf eine „Erlebnisschablone“ funktionalistisch reduziert wird. Dieser Vermeidungsversuch von Unlustempfindungen ist dabei gleichbedeutend mit einer Verkürzung und Verkümmerung ganzer Erlebnisbereiche des noch kindlichen Körpers. Durch die defizitären sinnlich-symbolischen Interaktionsformen wird die Spracheinführung qualitativ bedeutsam vorstrukturiert. „Wenn nämlich die Sprache mit ungenügend entwickelten vorsprachlichen Praxisformen verbunden wird, bleiben notwendig viele Sprachfiguren ohne subjektive Konnotation und können ihre gesellschaftliche und also normenverfügende Bedeutung ohne subjektive Brechung realisieren“ (ibid..; 73). Dem Subjekt bleibt dadurch ein wesentlicher Teil seiner/ihrer Lebensgeschichte verschlossen[29].

4.3. Die psychische Entwicklung: Objekt, Narzißmus und Intersubjektivität

Die Dynamik der psychischen Entwicklung ist also einer Dialektik zwischen innerer Natur und gesellschaftlicher Praxis geschuldet. Durch die Interaktion mit signifikanten Anderen, die Befriedigung und Versagung von Wünschen, entwickeln sich im Laufe der subjektiven Sozialisationsgeschichte „unterschiedliche Ausprägungen narzißtischer, der Selbstkohärenz und Sicherheit dienender, und objektbezogener Verhaltensweisen, die eher das Begehren des Objekts zum Ausdruck bringen“ (Naumann; 74).

Der Materialistischen Sozialisationstheorie zufolge laufen im postnatalen Zustand die psychischen Vorgänge auf der Ebene des Primärvorgangs ab, demnach das Kind nicht in der Lage ist, zwischen realer Interaktion und Interaktionsform zu differenzieren. Es repräsentiert die Wahrnehmung der befriedigenden Person bereits als Bedürfnisbefriedigung, mit der Folge der Umwandlung von Lustempfindung in Wohlbehagen. Die Entwicklung narzißtischer Bedürftigkeit ist an die Vorstellung eines sowohl Lust als auch Unlust produzierenden „Außen“ geknüpft. Im Falle einer nicht form-/zeitgerechten Wunscherfüllung entstehen hierbei Unlust- und Mißbehagensempfindungen, deren Bedingungen durch das narzißtische Streben abzuschaffen versucht werden. Trieb und Narzißmus stehen in einem dialektischen Widerspruch mit der Folge der Überwindung der früheren halluzinatorischen Wunscherfüllung. Dieser ursprüngliche Hedonismus (Lorenzer) ist die Grundlage all unserer Beziehungen untereinander und zu den Objekten. Im Idealfall finden „narzißtische und triebbestimmte Bedürfnisse in Intersubjektivität (...), in der wechselseitigen Anerkennung begehrter und begehrender Subjekte“ (a.a.O.; 75), Befriedigung[30].

Auf der vorsprachlichen Ebene entwickelt das Kind die Kompetenz zur Differenzierung zwischen Selbst- und Objektanteil an einer Interaktion. Durch instrumentelle Handlungen versucht es die triebbestimmte Objektwelt zu manipulieren, um sich letztendlich Befriedigung zu verschaffen. Dies geschieht über die Entwicklung motorischer Fähigkeiten und letztendlich den Erwerb von Sprache, welche „im Sinne der narzißtischen Bedürftigkeit das probate Mittel“ darstellt, „über die Bildung symbolischer instrumenteller und triebbestimmter Interaktionsformen zwischen besonderen Bedingungen der Lust und der Unlust zu differenzieren“ (ebd.; 76f.).

Im Falle narzißtischer Beschädigung vollzieht sich ein Prioritätenwechsel von Lustgewinnung zu Unlustvermeidung, bei welchem die triebbestimmten den instrumentellen Interaktionsformen subsumiert werden. Mit ihr geht die Erfahrung der Insuffizienz der eigenen instrumentellen Fähigkeiten einher, welche durch die Imagination eigener Omnipotenz oder mächtiger Objekte zu kompensieren versucht wird. Dabei werden die Objekte zu narzißtischen Objekten, „zu Emanationen des Unbewußten und dienen vorwiegend als Ersatz für fehlende Segmente der psychischen Struktur“ (Breuer, zit.n. Naumann; 79). Mit dem Narzißmus gehen Zweckrationalität und Aggression einher. Im Falle von Allmachtsphantasien wird die Aggression nach außen und bei Unterwerfungspraktiken nach innen projiziert und kann bis zum Verlust der gesamten Objektwelt im unbewußten Erleben führen. Scheitert in der infantilen Sozialisation Intersubjektivität, so führt dies zur Unfähigkeit zwischen Phantasie und Realität differenzieren zu können. Folglich verunmöglicht es nach Spracheinführung ebenso die Unterscheidung zwischen Symbol und Symbolisiertem, und vereitelt dadurch die Erkenntnis der Außenwelt in ihrer Widersprüchlichkeit[31].

4.4. Postinfantile Sozialisation

Im postinfantilen Stadium der Sozialisation sind die Subjekte gänzlich den sozialen Verhältnissen mit ihren wirksamen Kräften ausgesetzt. „Das infantil einsozialisierte Gefüge von Interaktionsformen bildet mithin die subjektive Grundlage der postinfantilen Sozialisation, gleichwohl werden diese frühen Strukturen postinfantil im Kontext gesellschaftlicher Verkehrsformen permanent aufgegriffen, genutzt, modifiziert, zugerichtet oder auch erweitert“ (Naumann; 81). Die lebensweltliche Erweiterung in diskursiv und objektiv bedeutsamer Hinsicht manifestiert sich in gesellschaftlichen Praxisan-weisungen, welche als hegemoniale Modifikationen der sinnlich-symbolischen Interaktionsformen Niederschlag finden. Besondere Bedeutung kommt hierbei den Institutionen zu, die über Sprach-figuren ein gruppen- und kollektivspezifisches Bewußtsein vermitteln, welches das Individuum an das allgemeine sprachliche und ideologische Denk- und Handlungssystem der jeweiligen Kultur assimiliert. Die praktizierte institutionell-diskursive Praxis präsentiert sich den Subjekten in Form eines ihnen immer schon vorgängigen Sinnhorizontes. „Besonders unter den widersprüchlichen Bedingungen der kapitalistischen Vergesellschaftung wird der schon infantil angelegte Konflikt zwischen einsozialisierten Bedürfnissen und ihrer sprachlichen Ausschließung dadurch verschärft, daß auch jene Wünsche, die in der familialen Enklave noch bewußtseinsfähig waren, sich den Anforderungen und Ausschließungen der postinfantilen Institutionen anschmiegen müssen. (...). Zurückgewendet auf die institutionelle Praxis der Subjekte folgt daraus, daß die institutionell verfestigten Sprachfiguren bestimmte Interaktionsformen bewußtseinsfähig machen, bzw. erhalten, während andere ins Unbewußte verwiesen werden“ (a.a.O.; 82). Über sprachliche Normierung wird das gesellschaftlich Unbewußte (d.h. gesellschaftliche Widersprüche) in Form des individuell Unbewußten kontrolliert. Es umfaßt und subordiniert u.a. Lebensentwürfe, die nur in sozial kompatibler Form zugelassen werden können. Die subjektiven Redepositionen erfahren hierbei eine institutionelle Zurichtung, so daß die postinfantilen Sprachfiguren eine materiell-ideologische Praxis konstituieren, indem sie an den materiellen Präferenzen der Subjekte konventionalisierend anknüpfen. Stößt die postinfantile Vergesellschaftung auf bereits beschädigte Subjektivität, kann sie diese frühen psychischen Störungen herrschaftlich funktionalisieren. Dies kann letztendlich zu einer sozio-funktionalen Perpetuierung und Verschleierung lebensgeschichtlicher Pathologien, sprich zur Rationalisierung von Irrationalität, führen. „Katalysator dieser ebenso regressiven wie repressiven Entwicklung ist die Angst vor Unlust. Sie resultiert aus den Sanktionen des Über-Ich oder der Außenwelt, wenn bestimmte einsozialisierte und dann verdrängte Bedürfnisse aktualisiert werden. (ebd.; 85).

Dennoch sollte die Kraft des Lustprinzips nicht verkannt werden, in welchem das Potential verborgen steckt, sich der Funktionalisierung einer instrumentelle Logik ebenso zu widersetzen, wie rassistischen und sexistischen Exklusionen. Denkbar bleiben „fruchtbare Irritationen“, welche Prozesse initiieren könnten, „die die hegemonialen, gewaltvollen und fetischisierenden Diskurse umdeuten, um nicht nur bislang tabuisierte, intersubjektiv und sinnlich befriedigende Lebensentwürfe zu signifizieren, sondern auch den verschiedenen Formen gesellschaftlicher Marginalität gegenhegemoniale Namen zu verleihen“ (a.a.O.; 86).

Da weder Emanzipation noch Heteronomie abstrakte transhistorische Größen sind, darf niemals die Frage nach dem historisch-konreten institutionell-diskursiven Gefüge, sowie nach dessen Transfor-mationsbewegungen vergessen werden. Für die Analyse historisch-konkreter Gesellschaftsformen stellt die Regulationstheorie, als metatheoretische Rekonstruktion der Marxschen Theorie, kritische Kategorien zur Verfügung.

5. Zur Anschlußfähigkeit von Materialistischer Sozialisationstheorie und Regulationstheorie

5.1. Methodologie

Die Interdisziplinarität von Materialistischer Sozialisationstheorie und Regulationstheorie erscheint deshalb möglich, da sich beide in der Analyse der alltäglichen Praxis der Subjekte unter den Bedingungen von Produktion, Zirkulation und Konsumtion, sowie von Institutionen und Diskursen, überschneiden.

Sowohl die kritische Subjekt- als auch die kritische Gesellschaftstheorie begreifen ihren jeweiligen Erkenntnisgegenstand unter den Bedingungen kapitalistischer Vergesellschaftung als ein historisches Ensemble in sich widersprüchlicher Verhältnisse. Die Widersprüchlichkeit besteht zum einen in der kapitalistisch codierten Form des Waren- und Kapitalverhältnisses und andererseits in den durch die bürgerliche Hegemonie bedingten Lebensentwürfen. Letztere bewirken eine marktförmige staats-bürgerliche Vereinzelung bei simultaner nationaler, sexistischer und rassistischer Revergemein-schaftung des Subjekts, welche die warenförmige Reproduktion der Gesellschaft über ihre Konflikt-linien hinweg erst ermöglicht. Die institutionelle Materialisierung dieser Verhältnisse ermöglicht die Konstitution von Subjektivität nicht als abstrakte Größe, sondern immer schon in vorausgesetzten intersubjektiven und sinnlich-konkreten Beziehungen. Subjekte werden als Verhältnis konstituiert, „indem sich die sozialisatorisch wesentlichen, intersubjektiven Verhältnisse als Widerspruch zwischen unbewußten und sprachsymbolischen Interaktionsformen materialisieren“ (Naumann; 104f.).

Aus diesen widersprüchlichen Verhältnissen entstehen historische Formen von Gewalt und Leid, die sich in den Individuen niederschlagen. Die Regulationstheorie vermag aufzuzeigen, wie herrschaftlich -institutionell performative Narrationen subjektiver und gesellschaftlicher Geschichte konstruiert werden, welche die hegemoniale Ideologie durch „juristisch, administrativ oder therapeutisch sanktionierte und gewaltvoll exekutierte sexistische und rassistisches In- oder Exklusion(en)“ (ebd.; 105) vor egalitären Bestrebungen schützt. Ihre Funktionalität für die kapitalistische Reproduktion bleibt dabei weitgehend der allgemeinen Reflexion entzogen. Die ideologische Verschleierung der Differenz zwischen Realem und Imaginiertem, zwischen subjektiven Wünschen und gesellschaftlichen Imperativen, führt zur Entstehung des gesellschaftlich Unbewußten, welches sich in Form des subjektiv Unbewußten manifestiert. „Vor diesem Hintergrund muß die sprachliche Praxis der Subjekte als immer schon gekoppelt an unbewußte Interaktionsformen begriffen werden, weil im Kontext einer widersprüchlichen Sozialisation die Sprache, und mithin auch ihre diskursiv synchronisierten Narrationen eigener und gesellschaftlicher Geschichte, nicht bloß in Formen von sprachsymbolischen Interaktionsformen materialisiert sind, die eine bewußte Selbstverfügung stiften, sondern auch in Form von Klischees und Zeichen, die das Handeln der Subjekte dem Diktat des Primärvorgangs ausliefern, tabuisierte Lebensentwürfe in die Verdrängung verweisen und schließlich das Handeln und Sprechen einer quasi-naturhaften Logik unterwerfen“ (ebd.; 105f.). Die hegemonialen Vergesellschaftungsbe-dingungen führen nicht nur zu handgreiflicher Gewalt gegen bestimmte Klassen, Individuen, sexistisch und rassistisch klassifizierte Gruppen, sondern ebenso zu psychischem Leid der Subjekte, daß es mittels der Materialistischen Sozialisationstheorie zu rekonstruieren gilt.

Die Widersprüchlichkeit kapitalistischer Verhältnisse gehorcht keiner übergeschichtlichen Logik, sondern wird historisch konkret durch die alltägliche soziale Praxis konstituiert. Sowohl die Materialistische Sozialisationstheorie als auch die Regulationstheorie betrachten die wider-sprüchlichen Vergesellschaftungsformen innerer und äußerer Natur als Manifestationen der Selbst-entwicklung eines konkreten historischen Wesens. „Die Widersprüchlichkeit ist, als Teil der institutionell-diskursiven Materialität kapitalistischer Vergesellschaftung, Resultat und Voraussetzung der Vergesellschaftung innerer und äußerer Natur der Menschen, die in historisch-spezifischen, subjektiven und gesellschaftlichen Formen zum Ausdruck kommt. So ist die subjektive und gesellschaftliche Widersprüchlichkeit kapitalistischer Vergesellschaftung nichts anderes als die historisch-spezifisch gelebte, institutionell-diskursive Praxis“ (ibid.; 106).

Die Regulationstheorie vermag aufzuzeigen, daß sich Gesellschaft, infolge der Disjunktion von Ökonomie, Staat und Zivilgesellschaft, der subjektiven Wahrnehmung als Ganzes entzieht und nur in fetischisierter Form des Staates oder des Geldes den Subjekten gegenübertritt. Unter den Bedingungen der konkurrenzvermittelten und warenförmigen sozialen Reproduktion findet zwar eine institutionell-diskursive Materialisierung statt, doch unterliegt die historisch-spezifische Subjektbildung nicht notwendig dieser kapitalistischen Formbestimmung bzw. Eigenlogik. Vielmehr sind Subjekte dadurch gekennzeichnet, daß sie zugleich strukturerzeugt als auch strukturerzeugend sind. Sie sind durch „ein spezifisches Verhältnis von institutionell-diskursiven Sprachfiguren und unbewußten Praxisfiguren gekennzeichnet, das sich weder aus der Warenform noch aus Vorgaben einzelner Institutionen kausal herleiten läßt“ (a.a.O.; 107). Subjektivität ist simultan Resultat einer formbestimmten Praxis (der warenförmigen gesellschaftlichen Reproduktion) und gestaltendes Moment kapitalistischer Transformations- und Krisenprozesse.

Die Materialistische Sozialisationstheorie kann kategorial als sozialwissenschaftliche Variante der Psychoanalyse verstanden werden. In Kenntnis der relativen Eigenlogik von Ökonomie, Institutionen und Diskursen gegenüber den widersprüchlich und kontingent konstituierten Subjekten rekurriert sie förmlich auf eine Zusammenarbeit mit einer kritischen Gesellschaftstheorie. Einzig die Regulationstheorie kann in diesem Zusammenhang die ökonomistischen Verkürzungen der Marxschen und der Kritischen Theorie überwinden, und dabei den postfordistischen Transformationsprozessen gerecht werden. Sie erlaubt der materialistischen Subjekttheorie, „in der sich verändernden gesellschaftlichen Praxis neue psychischen Strukturbildungen zu entdecken, ohne sie, mit zwangs-läufigem Erkenntnisverlust, in das Begriffsraster vergangener Vergesellschaftungsbedingungen zu pressen“ (a.a.O.; 108). Die Regulationstheorie ihrerseits benötigt den Bezug auf Subjektivität um funktionalistische Verkürzungen zu vermeiden. Kapitalistische Verhältnisse lassen sich nicht rein ökonomistisch erklären, da sich ihre Stabilität immer auch einer alltäglichen, subjektiv ausgeübten Praxis verdankt. Für die Erkenntnis der „subjektiven Eigenlogik von intellektuellen und leidenschaftlichen Handlungen“ (ibid.; 109) bedarf die Regulationstheorie einer kritischen Subjekttheorie. Subjektivität muß als Resultat symbolischer Auseinandersetzungen und nicht als der symbolischen Vermittlung vorgängig begriffen werden. Dies muß über die Veranschaulichung der Prozesse formbestimmter Vereinzelung bei gleichzeitiger Revergemeinschaftung - durch hegemoniale Institutionen und Diskurse - geschehen. Zum Verständnis konkreter psychologischer Verarbeitungs-weisen bedarf es eines regulationstheoretisch entfalteten Subjektbegriffs, d.h. einer kritischen Subjekttheorie, um die sinnlich-konkreten Lebenswelten angemessen rekonstruieren zu können.

5.2. Institutionen und Diskurse

Die ökonomischen Bereiche der Produktion, Zirkulation und Konsumtion gehorchen keiner transhistorischen Logik, sondern sind stets in die „institutionell-diskursive Konfiguration einer historisch spezifischen Gesellschaftsformation“ (Naumann; 115) eingelassen. Zusammen mit den Subjekten bilden sie eine widersprüchliche Einheit, da die Subjekte den Kapitalverwertungsprozeß funktional mehr oder minder am Laufen erhalten. Die institutionell-diskursive Konfiguration ist ein Vermittlungszusammenhang zwischen den Strukturzwängen kapitalistischer Vergemeinschaftung einerseits und den individuellen Gestaltungsmöglichkeiten der sozialen Akteure andererseits. Diskursive Redebeiträge materialisieren sich in Institutionen, welche Macht und Bedeutung transportieren und als unhintergehbarer Sinnhorizont für die alltägliche subjektive Kommunikation fungieren. Ihre Wirksamkeit ist von der individuellen Redepraxis abhängig, vermittelt also über die jeweilige besondere Sozialisation. „Diese Sozialisationen machen die Subjekte zwar zum Resultat von institutionellen Praktiken, doch deren formbestimmter, widersprüchlicher und kontingenter Charakter ruft ein je individuelles Verhältnis von unbewußten und spezifisch signifizierten, bewußten Praktiken hervor [...] (a.a.O.; 116). Durch den subjektiv gemeinten Sinn, den die Subjekte ihrer Redepraxis beimessen, erfahren diese eine widersprüchliche Kopplung an die sozialen Verhältnisse, mit der Möglichkeit einer „Überdetermination“ (Althusser).

Dies bedeutet allerdings nicht, daß die Subjekte sich den institutionell-diskursiven Vorgaben ohne weiteres entziehen können. Besonders im Falle einer undifferenzierten psychischen Strukturbildung besteht die Möglichkeit eines psychosozialen Arrangements zwischen „den Symptomen des Subjekts und den institutionellen Ritualen und Symbolen“ (a.a.O.; 116), mit der Folge einer Indienstnahme der Symptome durch die Institutionen. Hierbei erhält die Verdrängung lustvoller Wünsche und solche von Ohnmachtsgefühlen eine institutionelle Form und Signifikation, mit der Folge der Perpetuierung subjektiven Leidens. Im Falle des Wegfalls derartiger psychosozialer Arrangements bedarf es neuer Abfuhrwege, wie sie beispielsweise durch ideologisch-hegemoniale sexistische und rassistische Praktiken bereitgestellt werden. „Gesellschaftstheoretisch betrachtet, konstruieren sexistische und rassistische Diskurse ökonomisch-politische Konflikte als Probleme geschlechtlicher oder ethnischer Differenz, sie dienen der Konstruktion einer nationalen Gemeinschaft durch sexistische Inklusion und rassistische Exklusion. Subjekttheoretisch betrachtet, ermöglichen die Narrationen einer >>geschlechtlichen<<, >>nationalen<< oder >>ethnischen<< Identität eine Unlustvermeidung, die die Insuffizienz selbstbestimmter Kompetenzen lustvoller Interaktionen in einer individuellen Lebens-bewältigung durch entlastende Regressionen auf verbreitete, vorgestanzte symbolische Klischees und Handlungsschablonen aufhebt“ (ibid.; 117). Hierbei ist jedoch zu betonten, daß das institutionelle Handeln der Subjekte nicht bloß herrschaftliche Reproduktion ausdrückt, sondern, daß in ihr auch der Keim für widerspenstiges Handeln angelegt ist. So können im Rahmen einer widersprüchlichen Sozialisation zwischen egalitären und sexifizierenden bzw. rassifizierenden Praktiken und auf Grundlage sprachsymbolischer Interaktionsformen >>fruchtbare Irritationen<< (Lorenzer) entstehen, „die die emanzipatorische Signifikation gesellschaftlicher Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse sowie die Formierung und Codierung bislang unbenannter Lebensentwürfe ermöglichen“ (a.a.O.; 118).

6. Epilog

Resümierend läßt sich festhalten, daß sowohl die Materialistische Sozialisationstheorie als auch die Regulationstheorie die widersprüchlichen Vergesellschaftungsformen innerer und äußerer Natur als Manifestationen der Selbstentwicklung eines konkreten historischen Wesens, verstanden als Ensemble widersprüchlicher Verhältnisse, begreifen. Beider Fokus liegt somit auf der alltäglichen subjektiven Praxis innerhalb des institutionell-diskursiven Gefüges kapitalistischer Gesellschaftsformationen.

Auf intrasubjektiver Ebene konnte gezeigt werden, daß die kognitive Fähigkeit zu sprachsymbolischer Repräsentation das Subjekt erst konstituiert. Diese Entwicklung vollzieht sich unter den Bedingungen gesellschaftlicher institutionell-diskursiver Strukturen, welche über Diskurse Praxisanweisungen und -bedeutungen vermitteln. Sie fungieren als unhintergehbarer Sinnhorizont und assimilieren das Individuum an das hegemoniale Bewußtsein, an das allgemein-kulturelle sprachliche und ideologische Denk- und Handlungssystem. Subjektivität ist als Resultat symbolischer Auseinandersetzung und nicht als ihr vorgängig zu denken, sie ist die Summe der spezifisch einsozialisierten widersprüchlichen sozialen Verhältnisse. Auf die Entwicklung der Bedürfnis- und Erlebnisstruktur nimmt die Gesellschaft schon frühzeitig Einfluß über sozialisatorische Praktiken. Dabei finden gesellschaftliche Widersprüche materiellen Niederschlag in der psychischen Struktur des Subjekts. Das sich dabei manifestierende Leid, z.B. in Form von Neurosen, resultiert aus dem Widerspruch zwischen bewußt imaginierten und sozial tabuisierten Praxis- und Interaktionsformen. Durch sprachliche Normierung lassen sich gesellschaftliche Widersprüche in Form des individuellen Unbewußten kontrollieren. Es findet eine Objektivation von Subjektivität statt, es kommt zu einer ideologische Verschleierung der Differenz zwischen Realem und Imaginiertem, zwischen Signifikat (Interaktionsform) und Signifikant (Sprachsymbol).

Die strukturalistische Neuerung gegenüber Freud liegt vor allem in der Erkenntnis begründet, daß das Unterbewußte nicht instinkt-, sondern sprachlich strukturiert ist, sowie daß Subjektivität nicht der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Imperativen vorgängig ist, sondern durch diese erst hergestellt wird. Simultan sind subjektive Handlungen als sozial konstitutive zu betrachten, sie besitzen also dialektischen Charakter. Aufgrund dieser Dialektik besteht andererseits die Möglichkeit subversiver Verhaltensweisen seitens der Subjekte. Durch eine erfolgreiche Verbindung von Erlebnis- und Sprachfiguren zu sprachsymbolischen Interaktionsformen, können sie der Logik des Primärvor-gangs entrissen, artikulierbar gemacht werden und zu „fruchtbaren Irritationen“ (Lorenzer) führen. Subjektivität ist somit Resultat einer formbestimmten Praxis (der warenförmigen gesellschaftlichen Reproduktion) und zugleich gestaltendes Moment kapitalistischer Transformations- und Krisenprozesse.

Während die Materialistische Sozialisationstheorie aufzuzeigen vermag, wie soziale Verhältnisse, vermittelt über intersubjektive Relationen und institutionell-diskursive Formationen, Subjekte konsti-tuieren und in ihnen beschädigenden Niederschlag finden, entziehen sich ihrem Blick die Bedingungen dieser widersprüchlichen Sozialisation. An dieser Stelle nun greift die Regulations-theorie, welche eben diese Logik der kapitalistischen Vergesellschaftung bearbeitet, indem sie die „über Produktion, Zirkulation und Konsum, über Institutionen und Diskurse vermittelten sozialen Verhältnisse als widersprüchliche Einheit von Akkumulationsregime und Regulationsweise“ (ebd.; 118) zu konzeptualisieren versucht. Auf gesellschaftstheoretischer Ebene vermeidet sie ökonomistische und diskursivistische Verkürzungen durch die Erkenntnis der Tatsache, daß sich Subjekte nicht vollständig warenförmig vergesellschaften lassen und in ihnen stets das Potential für subversiv gegenhegemoniale Tendenzen angelegt ist. Vielmehr erkennt sie, daß die Subjekte innerhalb der gesellschaftlichen Diskurse plurale Redepositionen einnehmen, deren Verarbeitungsweisen gesellschaftstheoretisch nicht faßbar sind. Für die Berücksichtigung der subjektiven Handlungs- und Reflexionspotentiale bietet die Regulationstheorie wiederum einen guten Anschlußpunkt für eine kritische Theorie des Subjekts, für die Materialistische Sozialisationstheorie.

7. Bibliographie

- Adorno, Th.W.; Ästhetische Theorie; Frankfurt, 1974.
- Althusser, Louis; Freud und Lacan; Berlin, 1970.
- Foucault, Michel (1961); Wahnsinn und Gesellschaft ; Frankfurt a.M.; 1969.
- Freud, S. (1925); „Selbstdarstellung“. GW XIV; Frankfurt, 1999.
- Freund und Breuer (1895); Studien über Hysterie. GW I; Frankfurt, 1999.
- Fromm, Erich; Die Furcht vor der Freiheit (1941); München, 1995.
- Horkheimer, Max (1944); Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente; Gesammelte Schriften, Bd. 3; Suhrkamp, Frankfurt/M. 1973.
- Jones, E. (1953) ; Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Bd. I.; Bern, Stuttgart, Wien; 1960.
- Lang, Hermann; Die Sprache und das Unbewußte. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse; Frankfurt, 1973.
- Lorenzer, Alfred; „...gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide“ – Emanzipation und Methode; in: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendung; Jg. 40; Heft 12; Dezember 1986, Stuttgart.
- Lorenzer, Alfred; Lacan und/oder Marx; in: Sprachspiel und Interaktionsformen. Vorträge und Aufsätze zur Psychoanalyse, Sprache und Praxis; Frankfurt/M., 1977.
- Marcuse, Herbert; Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (1964); München, 1998.
- Marx/Engels; MEW, Bd.3 & Bd.13.
- Naumann, Thilo Maria; Das umkämpfte Subjekt. Subjektivität, Hegemonie und Emanzipation im Postfordismus; Tübingen, 2000.

[...]


[1] Beispielsweise die bürgerliche Vorstellung eines autonomen, besitzanzeigenden Subjekts, aber auch „Vorstellungen einer multiplen, flexiblen, allseitig begehrenden Subjektivität sowie essentialistische Vorstellungen einer immer schon überindividuellen Subjektivität“ (Naumann; Das umkämpfte Subjekt. Subjektivität, Hegemonie und Emanzipation im Postfordismus; Tübingen, 2000; 7).

[2] Sie ist deshalb nicht-subjektivistisch, da sie als eine glückliche Wiederholung einer unglücklichen Beziehungsgeschichte verstanden werden kann, aus welcher sie ihre emanzipatorischen Potentiale entfaltet. Nicht-subjektivistisch, weil sich die Psychoanalyse innerhalb der klinischen Intersubjektivität in Abhängigkeit der formulierten Symptome historisch-spezifisch entwickelt. Und da die geschilderten Symptome auf Widersprüche zwischen Lebenspraxis und Selbstverständnis rekurrieren, auf solche zwischen „einsozialisierten unbewußten Lebensentwürfen und der herrschenden Signifikationspraxis (...), auf widersprüchliche und Leid-evozierende Sozialisationsbedingungen“ (ebd.; 8).

[3] Gerade die Geschichte hat bewiesen, daß es neben den Klassenverhältnissen weitere relevante gibt (z.B. Geschlechter-verhältnisse), welche die Herausbildung eines widerspruchsfreien Klassenbewußtseins ebenso wie eine ökonomisch determinierte, gesellschaftliche Entwicklung unterminieren.

[4] Die Ausweitung der ärztlichen Machtkompetenz läßt sich bis in die Direktiven der gegenwärtigen Psychologie hinein rekonstruieren. Als menschgewordene Personifikation, gleichsam der Vergegenständlichung des Bösen, der absoluten Pervertierung dieser Einheit von klinischer Omnipotenz und beinahe an pathologischen Größenwahn erinnernde Allwissen-heit, können jene Ärzte im Dritten Reich angesehen werden, die über den Lebenswert von Subjekten und somit über Tot und Leben entschieden.

[5] Vgl., Foucault, Michel (1961); Wahnsinn und Gesellschaft ; Frankfurt a.M. ; 1969.

[6] Hierbei handelt es sich um verschiedene Berichte und Fallstudien einer damals 21jährigen Patientin, welche in Folge der Erkrankung ihre geliebten Vaters selbst an diversen körperlichen und geistigen Auffälligkeiten erkrankte. Vgl. Freud, S. (1925); „Selbstdarstellung“. GW XIV, 31-96; Freund und Breuer (1895); Studien über Hysterie. GW I; 75-312; Jones, E. (1953) ; Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Bd. I.; Bern, Stuttgart, Wien; 1960.

[7] Lorenzer, Alfred; „...gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide“ – Emanzipation und Methode; in: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendung; Jg. 40; Heft 12; Dezember 1986, Stuttgart; S. 1054.

[8] Die Vorstellung des Unbewußten als einer Sinnstruktur, welche gleichsam einer Tiefenstruktur von Texten hermeneutisch rekonstruiert werden kann, ist Anknüpfungspunkt vieler psychoanalytisch-hermeneutischer Theorien, wie beispielsweise die Objektive Tiefenhermeneutik Ulrich Oevermanns, welche (post-)strukturalistische, i.e. konversationsanalytisch-hermeneutische, und psychoanalytische Ansätze verbinden.

[9] Übrigens ist dies auch der naturwissenschaftlichen Ausrichtung Freunds zu verdanken. Anstatt sich in einem Spiritualismus oder Mentalismus zu verlieren erkannte er die leibliche Ausbildung einer sozialen Struktur, eines Sinnsystems.

[10] Aus der psychoanalytischem Zusammengehörigkeit von „Forschen und Heilen“ ergibt sich zwangsläufig eine thera-peutische Direktive: Angesichts der Tatsache, daß sich Neurosen in einer Dialektik zwischen unbewußten Präferenzen und herrschenden Normen und Werten entwickeln, kann Psychoanalyse nicht wertfrei sein. Eine kultur- und gesellschaftsun-kritische Psychoanalyse erführe eine ideologische Reduktion auf Psychotechnik, wäre lediglich eine herrschaftliches Instrument und hätte nichts mehr mit der Freudschen gemein.

[11] Man kann zwei Triebtheorien Freuds unterscheiden: in seiner ersten konzeptualisierte er den Dualismus von Sexual- und Selbsterhaltungstrieb. Seine zweite Triebtheorie entstand angesichts der faschistischen Bedrohung in Kontinentaleuropa und liegt seiner wichtigsten kulturtheoretischen Arbeit („Das Unbehagen in der Kultur“) zugrunde. Aus diesem Grunde erscheint sie für diese Darstellung am geeignetsten, auch wenn die Konzeption eines Todestriebes nicht gerade unproblematisch ist.

[12] Ganz allgemein ist dies natürlich kein rein männliches Phänomen. Vielmehr geht es in der ödipalen Konfliktsituation immer um den gegengeschlechtlichen Elternteil: der Junge (das Mädchen) will die Mutter (den Vater) allein besitzen, sieht in seinem Vater (Mutter) eine(n) Konkurrenten (-in) und konkurriert mit ihm (ihr). Dieser Vorgang führt zu Hassgefühlen gegen den gleichgeschlechtlichen Elternteil und setzt ein starkes „Ich“ voraus, welches dem Kind erlaubt die ödipalen Wünsche zu verdrängen um sich später mit dem entsprechenden Elternteil identifizieren zu können. Erst wenn die intrapsychische Struktur im Alter von 5 – 6 Jahren voll entwickelt ist (dieser Prozeß vollzieht sich parallel mit der vollen Entfaltung der kognitiven Eigenschaften) kann es zur Verdrängung kommen.

[13] Fromm, Erich; Die Furcht vor der Freiheit (1941); München, 1995.

[14] Marcuse, Herbert; Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft (1964); München, 1998.

[15] Cf. Adorno, Th.W.; Ästhetische Theorie; Frankfurt, 1974.

[16] Vgl. Horkheimer, Max (1944); Dialektik der Aufklärung, Philosophische Fragmente; Gesammelte Schriften, Bd. 3; Suhrkamp, Frankfurt/M. 1973.

[17] Mir ist leider nicht ganz klar, wie der Autor auf diese Schlußfolgerung kommt. Immerhin ist Adorno in seinem Denken ganz Marx’ gesellschaftstheoretischer Konzeption und dadurch explizit Hegels Dialektik verpflichtet. Meiner Ansicht nach schwingt der Widerspruch (der stets als eine dialektische Figur zu denken ist) zwischen Gebrauchs- und Tauschwert immer implizit in Adornos „Tauschprinzip“ mit, da er mit dieser Marxschen Figur immerhin auch dessen Vorstellung von Entfremdung, warenförmiger (und zugleich ideologischer) Zustellung der Individuen und schließlich auch die der Versachlichung sozialer Verhältnisse unter dem Primat des verallgemeinerten Tauschwertes übernimmt. Dabei ist das Appropriations- und Ausbeutungsverhältnis stets mitzudenken! Ich denke, daß Adorno mit seiner spätkapitalistischen Konzeption und seinem Fokus auf das allumfassende Tauschprinzip dieser Entwicklung Rechnung trägt. Der Widerspruch von Gebrauchs- und Tauschwert steht vielmehr am Beginn seiner Dialektik, als logischer Schlußfigur („A-B-E-Figur“), aus welcher heraus er letztendlich seinen Ansatz entwickelt. Indiskutabel bleibt allerdings Adornos defizitäre Subjekt-, i.e. Emanzipationskonzeption.

[18] Exemplarisch und heuristisch einsichtig kann dies an Louis Althusser Aufsatzes „Freud und Lacan“ (Vgl. Louis Althusser; Freud und Lacan; Berlin, 1970) aufgezeigt werden. Althusser entfaltet seinen Aufsatz vor dem Hintergrund einer Freud-Marx-Debatte, um aufzuzeigen, daß bei seiner eigenen Marxinterpretation Lacan und Freud immer mitzudenken sind.

[19] Cf. Lang, Hermann; Die Sprache und das Unbewußte. Jacques Lacans Grundlegung der Psychoanalyse; Frankfurt, 1973.

[20] Dies rekurriert auf das (nicht nur epistemologische) Problem der Differenz zwischen Signifikat (das zu bezeichnenden Objekt) und Signifikant (die Bezeichnung). Aufgrund dieses semiologischen Verständnisses von Sprache vertritt der Poststrukturalismus die Auffassung, daß die Bedeutung eines Objekts Ergebnis des Bedeutens, i.e. Ergebnis diskursiver Praxis und nichts dem Vorgängiges ist.

[21] Allerdings darf dies nicht als eine naive anthropologische Annahme eines erkenntnistheoretischen Subjektes verstanden werden, da für ihn der Ricoeursche Satz vom „kantisme sans sujet transcendental“ (Lang; 193) gilt.

[22] Lorenzer, Alfred; Lacan und/oder Marx; in: Sprachspiel und Interaktionsformen. Vorträge und Aufsätze zur Psychoanalyse, Sprache und Praxis; Frankfurt/M., 1977; S. 170.

[23] Entweder müßte der Körper substantiell der Macht vorgängig sein, was Foucault emphatisch ablehnt, oder aber diese Sprache zeichnete sich dadurch aus, daß sie immer schon von der hegemonialen Macht vereinnahmt wäre, oder letztendlich, daß sie noch nicht gesprochen würde und somit noch nicht im Dienst der Macht stünde. Dies wäre aber Unsinn, da gerade Sprachen sich durch ihren praktischen Vollzug (den performativen Sprechakt) konstitutiv auszeichnen. Bei den beiden letzten Möglichkeiten bliebe Sprache ohnehin wirkungslos, ohne jegliches emanzipatives Moment.

[24] Der Begriff der „Verwerfung“ entstammt Lacans Freudkritik. Im Gegensatz zu dessen „Verdrängung“, welche als Handlung eines bereits geformten Subjekts verstanden wird, ist für Lacan Verwerfung ein Akt der Negierung, welcher das Subjekt erst konstituiert.

[25] Butlers Anti-Identitätspolitik leistet gegenwärtigen Tendenzen postfordistischer Vergesellschaftung Vorschub: durch die ökonomische Dezentralisierung, Flexibilisierung und Globalisierung entstehen auf politischer Ebene „nationale Wettbe-werbsstaaten“, welche durch ihre sozioökonomischen Standortvorteile untereinander konkurrieren (mit der Folge des Abbaus sozialer Sicherungssysteme und polizeistaatlicher Exklusion der Desintegrierten). Komplementär findet „eine Entwicklung des nationalistischen Zusammenrückens im Sinne des nationalen Wettbewerbsstaates einerseits und der fortschreitenden Individualisierung andererseits“ (Naumann; 41) statt. Neben seinen befreienden Momenten hat diese Individualisierung zweifelsfrei die Funktion die Subjekte als KonsumenteInnen zu disziplinieren.

[26] „Sie liefern gesellschaftlich relevantes Wissen und Bedeutung, sie vermitteln den sozialen Akteuren Perzeptionsraster, mit denen sie Situationen und andere Akteure taxieren, sie tragen mit der Konventionalisierung und Ritualisierung von Redeereignissen zur Institutionalisierungsprozessen bei (...)“ (Naumann; 48).

[27] Dies ermöglicht einerseits die Konstruktion einer bestimmten ethnischen Identität, sprich Zugehörigkeit zu einem bestimmten bürgerlichen Nationalstaat, und gewährleistet auf der anderen Seite die Reglementierung des Zugangs zur kapitalistischen Arbeitsteilung mit ihren sexistischen und rassistischen Codierungen.

[28] Daß ein Sachverhalt zugleich Voraussetzung und Resultat eines anderen ist, mag zunächst wie ein logischer Widerspruch im Sinne eines tertium non datur klingen. In Analogie zum Non-Kontradiktionsgebot muß dies vielmehr als eine dialektische Figur verstanden werden. Dies impliziert ein Verständnis dieses Widerspruchs als strikte Antinomie im Sinne Kants oder als Vermittlung der Gegensätze in sich (Hegel) (Anm. d. Verf.).

[29] Hingegen gilt im Falle differenzierter Erlebnis- und Sprachfiguren, daß eine mögliche Desymbolisierung und Ich-Einschränkung lediglich eine beschränkt heteronome Wirkung besäße.

[30] Eine gescheiterte Sozialisation kann einerseits durch eine zu intensive Praxis, aber auch durch eine zu restriktive hervorgerufen werden. So resultiert aus einer überfürsorglichen infantilen Sozialisation eine defizitäre Entwicklung instrumenteller Fähigkeiten zur Unlustbewältigung, mit dem Ergebnis einer Idealisierung des überfürsorglichen Objekts, ober der Genese eines Größenselbst hinsichtlich der eigenen instrumentellen Omnipotenz des Kindes. Im Falle einer gewaltvollen Sozialisation gerät das Kind in eine sadomasochistische Abhängigkeit, während es durch eine ignorierende oder verwaltende Sozialisation in eine narzißtische Einsamkeit verfällt. Hierbei erfährt das Kind die eigenen instrumentellen Fähigkeiten als insuffizient für die Befriedigung der infantilen Lust und führt zu einer Idealisierung der Objektwelt.

[31] Im Gegensatz zum Narzißmus klassifiziert die materialistische Sozialisationstheorie Neurosen als konfliktär verursachte und durch Abwehrmechanismen verdrängte, verschobene Einschränkungen der sprachsymbolischen Interaktionsformen. Während narzißtische Störungen bereits vorsprachlich als strukturelle Ich-Schwäche angelegt und auf die generelle Vermeidung von Unlust ausgerichtet sind, werden bei der neurotischen Abwehr nur bestimmte Triebregungen der Unlustvermeidung subsumiert.

Details

Seiten
43
Jahr
2000
ISBN (Buch)
9783640856701
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6027
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
post-strukturalismus materialistische sozialisationstheorie

Autor

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Titel: Post-Strukturalismus und Materialistische Sozialisationstheorie