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Die Genesis des sozialen Selbst und die soziale Kontrolle - In: George Herbert Mead; Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie; Frankfurt/M. 1969.

Seminararbeit 1998 32 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialbehaviorismus und Pragmatismus

3. Die Genesis von Geist („Mind“) und Identität („Self“)
3.1. Das Bewußtsein
3.2. Die vokale Geste und das signifikante Symbol
3.3.1. Geist (mind)
3.3.2. Reflektives Verhalten oder die reflektive Intelligenz
3.4. Spiel (play), Wettkampf (game) und der „Generalisierte Andere“
3.5. Identität („Self“)
3.6. Das „Ich“ („I“) und das „Mich“ / „Soziales Selbst“ („Me“)
3.7. Die Individualität der Identität oder Persönlichkeit

4. Abschlußbemerkung

5. Literaturverzeichnis

Die Genesis des sozialen Selbst und die soziale Kontrolle

1. Einleitung

Der Sozialpsychologe und Sozialphilosoph George Herbert Mead (1863-1931) war von 1893 bis zu seinem Tode Professor an der Philosophischen Fakultät der Universität Chicago/USA. Dort entwickelte er in einer Vorlesungsreihe über Sozialpsychologie sein bis auf den heutigen Tag äußerst einflußreiches sozialpsychologisches und sozialphilosophisches Konzept. Da Mead seine Theorie oder die Ergebnisse seiner Forschungen nie in systematischer Form dargelegt oder gar veröffentlicht hatte, ist es dem Engagement einiger seiner ehemaligen Studenten zu verdanken, daß posthum – auf Grundlage von Vorlesungsmitschriften und ausgewählter Passagen unveröffentlichter Manuskripte – seine Theorie des Sozialbehaviorismus[1] in Form des Bandes „Mind, Self and Society. From the standpoint of a social behaviorist“ der Welt zugänglich gemacht wurde. Dieser Klassiker wurde mit Begeisterung rezipiert und übte einen enormen Einfluß (nicht nur) auf die damalige konventionelle Sozialpsychologie aus. Eine bedeutende und fruchtbare Rezeption Meads stellt beispielsweise die Phänomenologie von Alfred Schütz dar.

In seinem philosophischen Denken war Mead besonders durch den Pragmatismus geprägt, deren Apologeten vor allem amerikanische Philosophen (C. Peirce, W. James, J. Dewey) waren, in deren Tradition er stand. Diese „Philosophie des Handelns“ wurde in Aus-einandersetzung mit der cartesianischen Bewußtseinsphilosophie seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts entwickelt, und betonte explizit die situativen, problemlösenden und kreativen Momente des Handelns. Bedeutsam war der Pragmatismus als Ausgangspunkt einer politischen Philosophie der Demokratie und für die Soziologie durch die Entwicklung des symbolischen Interaktionismus durch G.H. Mead in der sogenannten „Chicago Schule“, in deren intensive Diskussionszusammenhänge er die größte Zeit seines Lebens eingebettet war. Der symbolische Interaktionismus richtet sich gegen alle „Faktorentheorien“, die das Individuum als bloßen Spielball äußerer oder innerer Kräfte auffassen, und stellt als Gegenkonzeption das gemeinsame, aktiv problemlösende Handeln von Individuen mit einer sozial konstituierten Ich-Identität in dem Mittelpunkt. Mead war ein Zeitgenosse und enger Freund des Hegelianers John Dewey (1859-1952), welcher sich insbesondere mit dem Idealismus auseinandersetzte. Der von Dewey vertretene anti-platonische Pragmatismus kann als eine Variante des Junghegelianismus angesehen werden und hatte einen enormen Einfluß auf die Pädagogik und die Anthropologie (insb. auf Gehlen). Seine philosophische Theorie steht in Opposition zu dem logischen Empirismus Carnaps und Reichenbachs, zum philosophischen Idealismus von Scheler und Heidegger und zum Antiszientismus von Horkheimer und Adorno[2].

Weiterhin war Meads Denken von der europäischen, explizit der deutschen, Philosophie beeinflußt. Er studierte in Leipzig und in Berlin (u.a. Philosophie bei Wundt) und geriet dort auch in den – sein späteres Denken prägenden – Konflikt zwischen zwei konkurrierenden akademischen Positionen; der Kontroverse zwischen einer naturwissenschaftlich orientierten, reduktionistisch verfahrenden („erklärenden“) Psychologie (bei Ebbinghaus) und der geisteswissenschaftlich-interpretativen („beschreibenden“) Psychologie Diltheys. Dieser folgenreiche Konflikt führte später zur Trennung von Phänomenologie und experimenteller Psychologie. Für Mead war hierbei das entscheidende Problem, das der naturwissenschaftlichen, anthropogenetischen Analyse der interpretativen Leistungen der Seele.

In seiner philosophischen Anthropologie wurde Mead vor allem durch Darwins Deszendenztheorie beeinflußt, welche er zu modifizieren versuchte, indem er die Abgrenzung zwischen Mensch und Tier (und somit die evolutorische Sonderstellung des Menschen) zu betonen und erklären versuchte. Seine sozialbehavioristische Theorie wurde von ihm, in kritischer Auseinandersetzung mit dem - von John B. Watson vertretenem - allgemeinem Sozialbehaviorismus formuliert. Mead richtete seine Kritik im besonderen gegen die physiologische Psychologie (psycho-physischer Pallelismus) .

Ein weiterer, auf sein Wirken einflußreicher Theoretiker, war Albert Einstein.

Das Bestreben Meads in seinen Arbeiten galt der Lösung des zentralen Problems, wie soziale Integration ermöglicht wird. Sein Hauptaugenmerk galt dabei den (phylogenetisch-ontogenetischen) Fragen: was unterscheidet den Menschen vom Tier? Was sind die Voraussetzungen für die Entwicklung von Intelligenz, Geist („Mind“) und Identitäts-/Selbst-Bewußtsein („Self“)? Wie entwickeln sie sich? Welche Bedeutung haben sie für das soziale Zusammenleben?

Sein Versuch die sozialen Bedingungen und Funktionen der Selbstreflexivität von Individuen zu erklären, fand vor dem Hintergrund der Unterscheidung der Grundstruktur menschlicher Sozialität von allen tierischen Sozialformen statt. Dazu diente ihm die anthropologische Kommunikationstheorie, deren Ansatz sich von Darwins Analyse tierischen Ausdrucksverhaltens und insbesondere Wundts Sprach- und Gebärdenkonzeption ableitete. In seine Sozialpsychologie flossen u.a. Baldwins Theorie vom sozialen Ursprung der Ich-Identität; Royces These vom prinzipiell sozialen Charakter sprachlicher Bedeutung und damit der symbolgebundenen Reflexion; sowie McDougalls Lehre von der Existenz sozialer Instinkte ein.

Auf den folgenden Seiten werde ich Meads Frage nach der Genesis der reflektiven Intelligenz, des sozialen Selbst und der sozialen Kontrolle nachgehen. Dabei werde ich mich auf die beiden Aufsätze „eine pragmatische Theorie der Wahrheit“[3] und „die Genesis des sozialen Selbst und die soziale Kontrolle“[4], sowie auf das Werk „Geist, Identität und Gesellschaft“[5] beziehen. Ich möchte gleich zu Beginn darauf hinweisen, daß ich die Begriffe „Identität“ und „Selbst“ (als Übersetzung für den englischen Begriff „Self“) synonym verwende, obwohl eine deutlichere Differenzierung sinnvoller gewesen wäre, da das Alltagsverständnis des Begriffs „Identität“ von Meads beabsichtigter Bedeutung des Wortes „Self“ nicht unwesentlich abweicht[6].

2. Sozialbehaviorismus und Pragmatismus

- Warum Sozialbehaviorismus?

G.H. Meads Konzept der Erklärung der Genesis des sozialen Selbst und ihrer Bedeutung für die soziale Kontrolle gründet auf dem Standpunkt einer behavioristischen Psychologie (Sozialbehaviorismus), welche von (verhaltenspsychologischen) Untersuchungen bei Tieren ihren Ausgang nahm und somit Bewußtsein notwendigerweise außer acht lassen mußte. Dieser theoretische Ansatz hat sein Interesse von den psychischen, kognitiven Zuständen auf das äußere Verhalten und somit – in Analogie zum Pragmatismus und dem direkten Realismus – die Bedeutung der Sinneseindrücke von Dingen in das Objekt selbst hinein verlagert.

Die herkömmliche Psychologie schlug sich mit der nicht kongruenten Existenz von zwei Realitäten herum: einerseits einer empirisch-wissenschaftlich erfahrbaren (objektiv gegebenen) Wirklichkeit und andererseits einer subjektiv konstruierten Welt der Vorstellungen/Bewußtseinszustände in den Köpfen der Individuen. Die Psychologie übertrug „als philosophische Disziplin die erkenntnistheoretische Problematik auf die Erfahrung des Individuums, als Wissenschaft (science) jedoch stellte sie ihre Fragen an eine gegebene Welt, die sie ihrer erkenntnistheoretischen Problematik nicht als gegeben anerkennen konnte“(Mead; GA; S.71). Die Problematik liegt darin begründet, daß die Psychologie als empirische Wissenschaft auf der einen Seite das Bewußtsein, im Sinne von naturwissenschaftlichen Objekten, als gegeben, und auf der anderen Seite weiterhin Bewußtseinszustände als kognitive, epistemologische Zustände ansah. Dieses metaphysische Problem der Psychologie wurde scheinbar dadurch gelöst, daß dem Zentralnervensystem der logische Status von Bewußtsein eingeräumt wurde . Meads sozialbehavioristische Position schließt das solipsistische Moment dieser Psychologie aus, die sich mit Objekten beschäftigt, welche die Objekte konstituieren: aufgrund ihrer Verwandtschaft mit der Physik und der Physiologie, verläßt die behavioristische Psychologie diesen epistemologischen Weg, indem sie von einer gegeben Welt ausgeht, in welcher sich Probleme (Krisen) ergeben und zwecks ihrer Lösung hypothetische Konstruktionen eingeführt werden. Das Kriterium für Wahrheit – im pragmatische Sinne – ist, daß das Verhalten, welches durch einen Konflikt von Bedeutungen unterbrochen wurde, weitergeht. Unter Bedeutung versteht Mead jene Reaktionen oder Verhaltensweisen, welche durch die Eigenschaften der Objekte hervorgerufen werden. „Die Wahrheit jedes rationalen Komplexes, der in dieser Sphäre der ewigen Objekte, der Universalien oder Ideale vorkommt, liegt in seiner wirksamen Anwendung bei der Konstruktion von Arbeitshypothesen.“ (Mead; GA; S.51). Wahrheit drückt ein Kohärenz- Verhältnis zwischen dem Urteil und der Realität aus; es ist die Beziehung zwischen der Rekonstruktion, welche den Fortgang des Verhaltens ermöglicht, und der Realität, in welcher dieses Verhalten stattfindet. Sobald die Hypothese den Weitergang des Handelns ermöglicht, verliert sie ihren hypothetischen Status und wird zu einer Realität (Routine).

Wahrheitstheorien unterscheiden sich durch die ihnen zugrundeliegenden Theorien der Realität. Der hegelianische Idealismus betrachtet die Realität vom Standpunkt des Denkens aus: „der gedanklichen Struktur der Realität können wir uns nur im Denken nähern; die Wahrnehmungs-Erscheinung der Natur ist vergänglich, zufällig und partikular. Lediglich durch Denken können wir zu ihren Gleichförmigkeiten, zu ihrer dauerhaften Struktur und ihren inhärenten Gesetzmäßigkeiten vordringen.“ (Mead; GA; S.62). Dem Realismus zufolge, liegt die Wahrheit des Urteils in der Relation der Dinge und dem Bewußtsein des Geistes begründet (Wahrheit der logischen Entsprechung). Da jedoch die Erfahrung menschlicher Lebewesen ein konstitutiver Bestandteil der Realität ist (über welche sie Urteile abgeben) und Probleme nicht im Bewußtsein, das die Natur von außen betrachtet, sondern in der Natur selbst entstehen, deren Teil der Mensch ist, entwickelt Mead – in Anlehnung an Deweys Werk „Experience and Nature“(1925) – seine behavioristische Theorie. In ihr versucht Mead die Unvereinbarkeit beider – oben skizzierten - Realitäten zu überwinden, indem er die Unterscheidung von objektiver (extensiv-physischer) und subjektiver (nicht-extensiver) Welt aufhebt und sich mit der Handlung als einem Ganzen und nicht als einem neuronalen Vorgang beschäftigt. Da es den philosophischen Positionen (v.a. des Realismus und des Idealismus, aber auch der Phänomenologie) nicht gelungen war dieser Thematik Rechnung zu tragen (ebensowenig wie der Tatsache, daß Zustände der Kontakterfahrung genauso objektiv existent sind wie Zustände der Distanzerfahrung), so ist dazu – nach Mead – einzig der Pragmatismus in der Lage, dem zu Folge der Wahrnehmungsgegenstand dem Individuum in der unmittelbaren Erfahrung einfach in einer Verhaltensbeziehung und nicht in einer Bewußtseinsbeziehung (relation of awareness) gegenübersteht. Erkennen ist demnach kein Prozeß, in dem man mit einer vorhandenen Welt in Beziehung tritt, sondern ein Prozeß, in welchem man herausfindet was problematisch ist und nach adäquaten Lösungsstrategien sucht. Der Pragmatismus identifiziert Denken mit dem Lösen von Problemen; als das Urteil (judgement) in dem unaufhörlichen Prozeß der Prädikation[7]. Er akzeptiert die tatsächlich ablaufende, experimentell überprüfte Erfahrung als Ausgangspunkt, von welchem aus die Vergangenheit interpretiert und die Zukunft antizipiert wird.

Meads gesellschaftliche Theorie über die Entwicklung von Geist (mind), Identität (self) leitet die Identität des Einzelnen aus dem sozialen Kontext (dem gesellschaftlichen Verhaltens- und Erfahrungsprozeß) ab, in welchen er involviert ist und in dem er empirisch auf andere Identitäten einwirkt. Er vertritt die Auffassung, daß es einen gesellschaftlichen Prozeß oder eine soziale Ordnung, als logische und biologische Voraussetzung für das Auftreten der Identität, des in sie eingeschalteten oder dieser Ordnung zugehörigen einzelnem Individuums, gibt. Die Existenz des sozialen Verhaltensprozesses wird dadurch erklärt, daß die Organismen aufgrund ihrer fundamentalen biologischen und physiologischen Ausstattung (Triebe, Impulse, Neigungen, Präferenzen, .etc.) notwendigerweise in Beziehung miteinander treten müssen. Ohne diesen sozialen Kontext eines organisierten Netzes gesellschaftlicher Beziehungen und Wechselwirkungen (insbesondere solcher der Kommunikation mittels Gesten, welche als signifikante Symbole dienen und dadurch ein logisches Universum erschaffen), hätte der Geist – so Mead - niemals Ausdruck finden können. Mit diesem Standpunkt steht Mead im Widerspruch zur individualistischen Theorie der Identität, welche die Identität logisch und biologisch vor den gesellschaftlichen Prozeß oder die soziale Ordnung stellt, in welchem die verschiedenen Identitäten aufeinander einwirken[8]. Nach dieser Auffassung wäre der Geist ein angeborenes oder erbliches Merkmal des einzelnen Organismus, ohne welches er im sozialen Prozeß nicht bestehen könnte . Geist wäre somit im Grunde kein gesellschaftliches Phänomen, sondern seinem Wesen und seinem Ursprung nach biologischer und nur in seinen charakteristischen Ausdrucks- und Erscheinungsformen gesellschaftlicher Natur. Dieser Standpunkt läßt jedoch keine Beantwortung der Fragen zu; um welche Art von biologischer Eigenschaft es sich bei „Geist“ handelt; und wie die Organismen, auf einer bestimmten Stufe des evolutionären Fortschritts, in seinen Besitz gelangen.

Nach den traditionellen Annahmen der Psychologie ist der Erfahrungsinhalt gänzlich individuell und auf gar keinen Fall primär durch den gesellschaftlichen Prozeß erklärbar, obwohl seine Umwelt oder sein Kontext gesellschaftlich ist. Sozialpsychologische Positionen, welche auf diesen Annahmen fußen, postulieren jede Art von sozialer Reziprozität als von den Vorstellungen der betroffenen Individuen abhängig, die sich im Rahmen ihrer direkten und bewußten Einflüsse aufeinander (innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungsprozesses) abspielen. Diese introspektiv ausgerichtete, subjektivistische und idealistische Psychologie führt unvermeidbar zu einem Solipsismus (im Gegensatz zu Meads objektivistischer und naturalistischer Theorie): Gesellschaft existiert nur im Geist des Einzelnen; die Auffassung, die Identität sei grundlegend sozialer Natur, wird als Produkt der Phantasie abgestempelt.

3. Die Genesis von Geist („Mind“) und Identität („Self“)

- Auf welche Art und Weise sind der Geist („Mind“) und das Selbst („Self“) innerhalb des Verhaltensprozesses entstanden[9] ?

3.1. Das Bewußtsein

Der Begriff Bewußtsein ist in seiner Bedeutung doppeldeutig; vom Alltagsverständnis her wird er im Sinne von „Erleben“ bzw. „Bewußtsein von etwas“ gebraucht und dadurch mit Erfahrung – der Relation des wahrnehmenden Organismus zu seiner existierenden Umwelt – gleichgesetzt[10]. „Das Wahrgenommene steht in einem relativen Verhältnis zu dem wahrnehmenden Individuum, doch relativ zu seinem aktiven Interesse, und nicht relativ in dem Sinne, daß sein Inhalt ein Zustand seines Bewußtseins wäre“ (Mead; GA; S. 73). Behavioristisch gesehen, besitzt ein Organismus Bewußtsein, wenn er seine Umwelt im Hinblick auf sein zukünftiges Verhalten definiert. Die perzipierten Gegenstände werden erst zu Objekten, sobald der Organismus die Option einer mögliche Handlung mit ihnen verbindet (auch unbewußt).[11] Diese Selektionsleistung der Aufmerksamkeitszuwendung wird durch die Triebimpulse des Organismus bestimmt. Aufgrund der physiologischen Unterschiede in der Organisation der Individuen erschafft sich ein jedes eine individuelle „private Umwelt“, auf welche es reagiert. Die Empfänglichkeit des Organismus (Sensitivität) für Reize, die seine Reaktionen auslösen, sind dafür verantwortlich, daß er sich seine individuell bestimmte Umwelt erschafft. Die zeitliche Beziehung der Objekte entspricht der im Zentralnervensystem vorhandenen zeitlichen Dimension.

In seiner zweiten – für Mead relevanten - Bedeutung verweist Bewußtsein auf bestimmte Inhalte, d.h. auf die Bedeutungs-/Sinneigenschaften von Objekten (Handlungsentwürfen), welche von der artspezifischen Sensitivität des Lebewesens abhängig sind. Bewußtsein impliziert somit Relativität im Sinne von Entstehung (emergence), da evolutorisch auch neue Qualitäten oder Inhalte der Erfahrung auftreten. Mit Inhalten sind insbesondere die sogenannten sekundären Eigenschaften[12], sowie Inhalte von Erinnerungen und Vorstellungen gemeint. Auch wenn Vorstellungen – deren Voraussetzung die Existenz eines Geistes (mind) ist - allein dem einzelnen Individuum zugänglich sind („eigentümlich private Vor-stellungen“), sind sie für den Rezepienten genauso objektiv wie das sinnliche Objekt. „Vorstellungen sind nur ein Moment des Vorhandenseins der Vergangenheit im Ablauf der Gegenwart. Im Lebewesen erscheint die Vorstellung als Möglichkeit der Reaktion, und im Stimulus tritt sie als Selektion des Stimulus, als selektive Diskriminierung auf. Die Vorstellung entsteht – im Sinne von Alexander – als der Inhalt der Vergangenheit im Stimulus und als Sinn in der Reaktion. Vorstellung und Sinn sind als Inhalte in den Objekten vorhanden, bevor sie Gegenstand des Geistes (mind) werden, bevor Geist im Verhalten auftritt.“ (Mead; GA; S.78).

Durch die Verallgemeinerung der Konzeption von in der Natur existierenden gleichsinnigen Systemen, welche durch ihre Beziehungen zu Wahrnehmungsereignissen bestimmt werden (womit sich Mead auf Whitehead und implizit auf die Einsteinsche Relativitätstheorie bezieht), kommt Mead zu der Schlußfolgerung, daß auch unsere Wahrnehmungswelt durch unsere Handlungen determiniert sei. Hierbei muß Leben als ein Prozeß begriffen und Erfahrung als Verhalten oder Handeln und nicht als eine Abfolge von Bewußtseinszuständen betrachtet werden. Ein jedes Individuum erschafft sich seine eigene individuelle Umwelt durch die unterschiedliche Gliederung des gemeinsamen Lebens; die Objekte sind für alle Individuen gleich, dennoch verbindet ein jedes eine andere Vorstellung einer Ereignisabfolge mit ihm. Dies liegt darin begründet, daß die Objekte auf verschiedenen raum-zeitlichen Ebenen liegen, „daß der scheinbar zeitlose Charakter unserer räumlichen Welt und ihrer permanenten Objekte von dem gleichsinnigen System abhängig ist, welches jeder einzelne von uns selegiert. Wir abstrahieren für die Zwecke unseres Verhaltens die Zeit von diesem Raum. Bestimmte Objekte hören auf, Ereignisse zu sein, hören auf abzulaufen, wie sie in der Realität ablaufen, und werden als permanente Objekte zu den Bedingungen unseres Handelns; die Ereignisse geschehen dann in Bezug auf diese Objekte“. (Mead; GA; S.81).

Soziale Handlungen konstituieren soziale Objekte; die soziale Kontrolle besteht darin, daß die Handlung des Individuums mit diesem sozialen Objekt in Beziehung gebracht wird. „Der visuelle Eindruck des entfernten Objektes ist nicht nur der Stimulus, der die Bewegung auf das Objekt zu hervorruft, sondern aufgrund seiner sich ändernden Distanzeigenschaften wirkt es auch als kontinuierliche Kontrolle der Handlung und Annäherung.“ (Mead; GA; S.97). Die soziale Kontrolle ist von dem Ausmaß abhängig, in welchem das Individuum die Einstellungen all derer in der Gruppe annimmt, die mit ihm an einer sozialen Handlung partizipieren (z.B. der Wert eines Objektes innerhalb einer Tauschinteraktion). Außer dem Eigentum sind alle Institutionen soziale Objekte, die als Kontrolle von Individuen fungieren, welche in ihnen die Organisation ihrer eigenen sozialen Reaktionen wiederfinden.

An dieser Stelle wird die Psychologie zu einer Wissenschaft der objektiven Welt, da sie sich nicht länger mit dem beschäftigt was im Geist eines Individuums vor sich geht, sondern ihr Interesse und ihre ganze Aufmerksamkeit der Realitätsbetrachtung zuwendet. Aus Sicht des historischen Evolutionismus sind nicht nur neue Arten mit verschiedenen raumzeitlichen Umwelten und deren spezifischen Objekten entstanden, sondern auch neue Eigenschaften und Qualitäten, welche den Sensitivitäten und Reaktionsfähigkeiten entsprechen. Diese Eigenschaften lassen sich, wie die raumzeitliche Struktur der Dinge, nicht in das Bewußtsein des Lebewesens hineinverlegen. Die evolutionsgeschichtliche Bedeutung von Bewußtsein liegt in der Definition und Bestimmung der Umwelt, sowie seiner Objekte, durch die artspezifische (physiologisch bedingte) Sensitivität. Zwischen dem Organismus und seiner Umwelt besteht ein Verhältnis der Relativität, sowohl der Form als auch dem Inhalt nach.

3.2. Die vokale Geste und das signifikante Symbol

Der Begriff der Geste verweist auf denjenigen Teil der Handlung oder Einstellung, der als Stimulus für ein anderes Individuum dient, seinen Teil der Gesamthandlung auszuführen (Kooperation von alter und ego). Im allgemeinen gehören Gesten zur Anfangsphase einer manifesten Handlung, da die Anpassung anderer an den sozialen Prozeß am besten in der Frühphase der Handlung vollzogen werden kann. Die besondere Bedeutung der vokalen Geste gegenüber anderen Gesten (z.B. Mimik, Körperhaltung, ...etc.) liegt darin begründet, daß der Organismus den von ihm selbst ausgelösten Reiz genauso hört (d.h. in sich eine Tendenz zur gleichen Reaktion auslöst, wie sie in den anderen hervorgerufen wird), wie wenn sie von einem anderen Wesen gesetzt worden wäre. Wir hören uns selbst sprechen und sind somit zur Aufmerksamkeit fähig und tendieren dazu, auf den von uns gesetzten Reiz ebenso zu reagieren, wie auf den von anderen ausgelösten; Gesten existieren nur in ihrer Beziehung zur Reaktion oder Handlung. Dieser Prozeß, in welchem wir die Haltungen[13] anderer Personen in unserer eigenes Verhalten hereinnehmen, geschieht meistens unbewußt. Sprache ist immer in einen gesellschaftliche Kontext (sozialen Erfahrungs- und Verhaltensprozeß) eingebunden, da es nur zu bewußter Kommunikation – bewußter Übermittlung von Gesten – kommt, wenn Gesten zu Zeichen (Symbolen) werden, d.h. wenn sie für das sie setzende Individuum, wie auch für die auf sie Reagierenden eine bestimmte Bedeutung oder Signifikanz (Sinn), im Hinblick auf das darauf folgende Verhalten des sie setzenden Individuums, besitzen. Indem sie dem reagierenden Individuum als vorzeitigen Hinweis auf das darauf folgende Verhalten des ersten Individuums dienen, welches die Geste setzte, ermöglichen sie die gegenseitige Anpassung der verschiedenen Komponenten der sozialen Handlung[14]. Durch die Beziehung der vokalen Geste zu einer solchen Aktionsreihe wird sie zu einem signifikanten Symbol. Eine solche organisierte Einstellung wird im allgemeinen eine Idee genannt; die Idee von dem, was wir sagen, begleitet unser gesamtes sinnvolles (significant) Sprechen und ist in unserem Bewußtsein evident. „Wo eine von einem Individuum geäußerte vokale Geste bei einem anderen Individuum zu einer Reaktion führt, können wir von ihr als dem Symbol dieser Handlung sprechen; wenn sie in dem, der sie äußert, die Tendenz zur gleichen Reaktion hervorruft, sprechen wir von einer signifikanten Geste.“ (Mead; GA; S.94f.).

Die logische Struktur des Sinns entwickelt sich aus einer dreiseitigen Beziehung zwischen den Phasen der sozialen Handlung:

1. der Beziehung zwischen Geste und sie setzendem Organismus;
2. zwischen Geste und Reaktion des zweiten Individuums; und
3. zwischen Geste und den anschließenden Phasen der jeweiligen sozialen Handlung bzw. der Resultante der gesellschaftlichen Handlung.

Es ist eine Beziehung von der Art, daß das zweite Wesen auf die Geste des ersten als Hinweis oder Andeutung auf die Vollendung der jeweiligen Handlung reagiert: Sinn leitet sich somit aus der Reaktion ab und sollte nicht als ein Bewußtseinszustand angesehen werden. Man kann sagen, daß Objekte erst innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungsprozesses, durch Kommunikation und gegenseitige Anpassung des Verhaltens der einzelnen Individuen, die in diesen Prozeß eingeschaltet sind und diesen ablaufen lassen, geschaffen werden (nominalistische Position). Die Interpretation von Gesten ist kein Prozeß, der im Denken als solchem abläuft oder notwendigerweise Geist voraussetzt.

3.3.1. Geist (mind)

Mead geht davon aus, daß lediglich das Selbst (Identität) Geist besitzt und es dadurch zu kognitiven Leistungen – selbst in der einfachsten Form des Erlebens (awareness) – befähigt wird. Dies schließt natürlich nicht aus, daß unterhalb dieser Stufe des Selbst-Bewußtseins Sinneigenschaften und Sensitivitäten existent sind. Die Existenz bzw. Entwicklung des Selbst (Identität) ist nur in Relation zu anderen Selbst (Identitäten) bzw. innerhalb einer sozialen Gruppe möglich, ebenso wie der Organismus als physischer Gegenstand nur in Beziehung zu anderen Objekten existiert. Es lassen sich zwei Bereiche von sozialen Gruppen unterscheiden, deren jeweilige spezifische Umwelt zusammen mit der ihrer Mitglieder, sowie die Individualität ihrer Mitglieder determiniert wurde; die der Wirbeltiere und der wirbellosen Tiere.

Bei dem komplexen sozialen Verhalten der Insekten werden die Handlungen der Individuen erst durch die Handlungen anderer vervollständigt. Diese Arbeitsteilung liegt in der physiologischen Differenzierung der einzelnen Organismen vermittelt; jedes Gesellschaftsmitglied hat seine spezifische Aufgabe („es ist was es ist“). In diesen Gesellschaftsformen gibt es keine Hinweise darauf, daß ein Mitglied die Handlung eines anderen antizipiert, indem es tendentiell so reagiert, daß ihre Aktivitäten in eine gemeinsame Handlung integriert werden. Auch gibt es keine Form von Sprache, mittels derer diese Art von Koordination bewerkstelligt werden könnte.

Wirbeltiere (Vertebraten) hingegen weisen nur eine sehr geringe angeborene physiologische Differenzierungen (abgesehen von den Geschlechtsunterschieden) auf, durch welche die Komplexität des Sozialverhaltens zu erklären wäre. Damit beispielsweise Menschen erfolgreich kooperieren können, müssen sie in gewisser Weise ihre fortlaufenden Handlungsakte in sich selbst aufnehmen, damit es zu einer gemeinsamen Handlung kommen kann. Die physiologische Struktur der Menschen als Erklärung für ihr Sozialverhalten ist nicht ausreichend.

Unter einer sozialen Handlung kann ein ausgelöster (Handlungs-) Impuls verstanden werden, dessen Anlaß/Reiz in der Eigenart oder dem Verhalten des Lebewesens zu suchen ist, welches zu der spezifischen Umwelt des Organismus gehört, in der dieser Handlungsimpuls ausgelöst wurde. In der sozialen Handlung findet eine Kooperation von mehreren Individuen hinsichtlich eines sozialen Objektes statt, auf welches alle Teile der komplexen Handlung bezogen sind, auch wenn diese Teile in dem Verhalten der verschiedenen Individuen zu suchen sind. „Das Ziel (the objective) der Handlung liegt also in dem Lebensprozeß der Gruppe und nicht allein in dem der einzelnen Individuen.“ (Mead; GA; S.84). Zur Bestimmung der Umwelt und der darin enthaltenen Objekte einer Gesellschaft, wäre es notwendig die Umwelten der einzelnen Individuen auf Kongruenz zu analysieren.

Die einer komplexen sozialen Handlung entsprechenden Objekte sind in der Erfahrung der verschiedenen Mitglieder der Gesellschaft raumzeitlich existent, und zwar als Stimuli, die nicht nur ihre eigenen Reaktionen auslösen, sondern auch als Stimuli für die anderen an der Gesamthandlung Beteiligten fungieren[15]. Dieses – von physiologischer Differenzierung unabhängige – Koordinationsprinzip ist eine notwendige Bedingung dafür, daß das Individuum in seinem Organismus die Tendenz besitzt, so zu reagieren, wie die anderen an der Handlung Beteiligten reagieren würden. „Ein soziales Objekt, welches den Reaktionen verschiedener Individuen einer Gesellschaft entspräche, könnte als ein Objekt gedacht werden, das in den Erfahrungen von Individuen dieser Gesellschaft existiert, wenn sich die verschiedenen Reaktionen dieser Individuen bei komplexen Handlungen in einem hinreichendem Maße in der Natur einzelner Individuen auffinden ließen, so daß diese für die verschiedenen Werte des Objektes sensibel wären, die den (einzelnen) Teilen der Handlung entsprechen.“ (Mead; GA; S.87).

Eine außergewöhnliche Bedeutung für den Mechanismus der Herausbildung komplexer Prozesse und Anpassungen wird der Großhirnrinde des Zentralnervensystems zugeschrieben. Die Großhirnrinde repräsentiert eine unendliche Anzahl möglicher Handlungsoptionen, die miteinander konkurrieren und sich gegenseitig inhibieren (hemmen), wodurch das Problem auftritt, diese Handlungen zu organisieren und aufeinander abzustimmen, so daß das manifeste Handeln weitergehen kann. Analog dieser Anpassungsprozesse werden die Objekte in ein Handlungsfeld – sowohl räumlich als auch zeitlich – organisiert. „In diesem Verhaltensmechanismus der Wirbeltiere liefern die Prädispositionen zu tausenden von Handlungen, deren Zahl die der tatsächlichen Handlungen bei weitem übersteigt, die inneren Einstellungen, welche Objekte implizieren, die nicht unmittelbare Gegenstände der Handlung des Individuums sind.“ (Mead; GA; S.88). (Beispielsweise wird Eigentum in der Erfahrung der Menschen dadurch zu einem sozialen Objekt, da die Merkmale eines gekauften Gegenstandes auf den gesamten Komplex von Reaktionen rekurrieren, durch welche Eigentum nicht nur erworben, sonder auch respektiert und geschützt wird. Es wird zu einem realen Objekt, da alle wesentlichen Momente von Eigentum in den Haltungen aller am Tausch Beteiligten und ebenso als wesentliche Merkmale in dem Handeln des einzelnen Individuums auftreten.

In einer solchen organisierten Handlung, sowie der damit verbundenen Fähigkeit die unterschiedlichen Haltungen der anderen einzunehmen, tritt das Selbst (Identität) auf. „Solange Bewußtsein als ein geistiger Stoff angesehen wird, aus dem Empfindungen, Gefühle, Vorstellungen, Ideen und Bedeutung bestehen, ergibt sich nahezu notwendig die Annahme, daß diese Dinge in einem Geist zu lokalisieren sind; aber sobald diese Inhalte in die Gegenstände selbst zurückverlegt werden, braucht man auch nicht mehr nach einem Ort für diese Dinge suchen.“ (Mead; GA; S.89).

Selbstbewußtsein – das für jede sogenannte mentale Erfahrung zentral ist – tritt ausschließlich im sozialen Verhalten der Menschen auf. Das Individuum wird sich selbst zum Objekt, indem es feststellt, daß es die Einstellungen der an der Interaktion beteiligten Anderen einnimmt (Befähigung zur Empathie). Das Individuum wird in seiner Erfahrung nur zu einem Selbst (Identität), wenn seine Einstellung in der sozialen Interaktion die entsprechende Einstellung bei den anderen hervorruft. Die Prädisposition genauso zu handeln wie die anderen, ist die Ursache dafür, daß das Selbst und ein soziales Objekt in der Erfahrung eines Individuums auftritt, d.h. ein Objekt, dem die komplexen Reaktionen einer Anzahl von Individuen entsprechen. Beide Phänomene korrelieren miteinander.

3.3.2. Reflektives Verhalten oder die reflektive Intelligenz

Unter der Voraussetzung von Bewußtsein entsteht Reflexion oder reflektives Verhalten, welches die zweckorientierte Kontrolle oder Koordination des Verhaltens des einzelnen Individuums im Hinblick auf seine soziale und physische Umwelt organisiert, also im Hinblick auf die unterschiedlichen gesellschaftlichen und physischen Situationen, in denen es sich befindet und auf welche es reagiert. Die reflektive Intelligenz wird erst durch die Sprache ermöglicht und befähigt uns zu rationalem Verhalten, sowie zur Analyse und Rekonstruktion unserer Handlungen[16]. Dies impliziert eine Beziehung der zeitlichen Dimension des Zentralnervensystems zur Voraussicht und zur Möglichkeit der reflektiven oder intelligenten Wahl aus verschiedenen Alternativreaktionen, die dann tatsächlich verwirklicht wird (auch Möglichkeit einer verzögerten Reaktion). „Intelligenz ist primär die Fähigkeit, die Probleme des gegenwärtigen Verhaltens im Hinblick auf mögliche zukünftige Folgen zu lösen, soweit sie sich auf der Grundlage vergangener Erfahrung abzeichnen, d.h. die Fähigkeit, die Probleme des gegenwärtigen Verhaltens im Lichte sowohl der Vergangenheit als auch der Zukunft zu lösen; sie umschließt Erinnerung als auch Vorschau.“ (Mead; GIG; S.140).

Die reflektive Intelligenz – der Mechanismus für die Kontrolle des Verhaltens – entspricht aus behavioristischer Sicht, dem was allgemein als „Geist“ (mind) bezeichnet wird. „Die Fähigkeit zur Isolierung dieser wichtigen Merkmale (von den Symbolen; Anm. d. Verf.) in ihrer Beziehung zum Objekt und zur Reaktion auf das Objekt ist, so glaube ich, das, was wir meinen, wenn wir von einem menschlichen Wesen sagen, es durchdenke eine Sache oder habe Bewußtsein.“ (Mead; GIG; S.162). Geist entwickelt sich im gesellschaftlichen Kontext, innerhalb dessen sich die Individuen gegenseitig beeinflussen, wenn dieser Prozeß als Ganzer in die Erfahrung der beteiligten Individuen eintritt. Dadurch wird sich der Einzelne seiner Beziehung zu diesem Prozeß als Ganzem und den anderen daran partizipierenden Individuen bewußt; er erhält Geist oder Bewußtsein. Reflexivität ist die entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung von Geist innerhalb des sozialen Prozesses; durch den Rückbezug der Erfahrung des Einzelnen auf sich selbst, wird der gesamte gesellschaftliche Prozeß in die Erfahrung des betroffenen Individuums hereingeholt. Aufgrund des Mechanismus, der es dem Individuum erlaubt die Haltungen der anderen sich selbst gegenüber einzunehmen, kann sich der Einzelne bewußt an diesen Prozeß anpassen und die Resultante dieses Prozesses in jeder sozialen Handlung (im Rahmen seiner Anpassung) modifizieren.

Intelligenz oder Geist entsteht durch die Hereinnahme gesellschaftlicher Erfahrungs- und Verhaltensprozesse in den Einzelnen, mittels der Hereinnahme der Übermittlung von signifikanten Gesten, durch welche der Einzelne die Haltungen der Anderen sich selbst und gegenüber den Dingen einnimmt, über die nachgedacht wird. Die Übermittlung von Gesten ist Teil des ablaufenden gesellschaftlichen Prozesses und wird nicht durch den Einzelnen ermöglicht. Erst die Entwicklung der Sprache, insbesondere des signifikanten Symbols – im Sinne einer Untergruppe gesellschaftlicher Reize, die eine kooperative Tätigkeit auslösen -, ermöglichte es, daß diese externe gesellschaftliche Situation in das Verhalten des Einzelnen hineingenommen werden konnte. Daraus lassen sich die Möglichkeiten des Voraussehens der zukünftigen Reaktionen anderer, sowie die vorwegnehmende Anpassung an diese durch den Einzelnen ableiten. Dem Menschen ist es gelungen, die Reaktion mit einem gewissen Symbol zu verknüpfen, das Teil der gesellschaftlichen Handlung ist, so daß er die Rolle der anderen, mit ihm zusammenarbeitenden Personen einnimmt. Dadurch erhält er Geist. Da sich Intelligenz oder Geist so entwickelt haben, konnte es ohne Sprache weder Geist noch intelligentes Denken gegeben haben. Die frühen Stadien der Evolution der Sprache müssen daher der Entwicklung des Geistes oder des Denkens vorausgegangen sein.

- Wo findet dieser Denkprozeß statt, der – nach Watson – alle unsere Reflexe und Reaktionen konditioniert?

Dieser Prozeß der Konditionierung von Reflexen muß in das Verhalten selbst hineingenommen werden, da er nicht durch die bedingten Reflexe erklärt werden kann, die sich daraus ergeben. Man muß differenzieren zwischen: eine Idee haben und zu einer Idee zu kommen, und was daraus folgt, da letzeres die Einführung oder Konditionierung von Reflexen impliziert, was selbst nicht zur Erklärung des Prozesses verwendet werden kann. Für signifikantes Sprechen ist jedoch eben dieser Prozeß der ständig ablaufenden Selbstkonditionierung charakteristisch. „Diese Situation scheint dem, was wir Geist nennen, zugrunde zu liegen: der gesellschaftliche Prozeß, in dem ein Individuum andere Individuen beeinflußt, wird in die Erfahrung der so beeinflußten Individuen übernommen. Der Einzelne nimmt diese Haltung nicht einfach durch Wiederholung ein, vielmehr als Teil der komplizierten gesellschaftlichen Reaktion, die abläuft. Eine adäquate behavioristische Behandlung des Problems setzt voraus, daß man den Prozeß durch das Verhalten erklärt und nicht einfach den bedingten Reflex beschreibt.“ (Mead; GIG; S. 150). Man hat die Reaktion schon in der Erfahrung, bevor sie überhaupt ausgeführt wird, indem man auf den sie auslösenden Reiz hinweist und ihn hervorhebt. Wenn das Symbol für das Objekt selbst verwendet wird, konditioniert man einen Reflex im Sinne Watsons.

3.4. Spiel (play), Wettkampf (game) und der „Generalisierte Andere“

Aus ontogenetischer Sicht entwickelt sich Selbst-Bewußtsein oder eine Identität, indem das Individuum in seiner Adoleszenzphase zwei Entwicklungsstadien durchläuft; die des nachahmenden Spiels („play“) und die des organisierten Spiels (Wettkampfs/„game“).

In der ersten Phase des nachahmenden Spiels übernimmt und verkörpert das Kind die Rollen derjenigen, die zu seiner engsten Umwelt gehören (Vater, Mutter, Lehrer... etc.). Die Auswahl der Rollen ist dadurch beschränkt, da das Kind - aufgrund seiner kindlichen Abhängigkeit von den Reaktionen anderer auf seine eigenen sozialen Stimuli - eine besondere Sensitivität für diese Verhältnisse besitzt. Diese Imitation findet dadurch statt, daß das Kind in sich selbst die Reaktionen auf seine eigenen sozialen Handlungen hervorruft, wobei die Reaktionen auf das eigene Verhalten gespielt werden. Beim Eltern-Kind-Spiel ruft das Kind in sich selbst die elterlichen Reaktionen wach, welche im Ansatz bereits in ihm angelegt sind. Wenn ein Kind eine Rolle einnimmt, ist in ihm selbst der Reiz präsent, der diese bestimmte Reaktion oder Gruppe von Reaktionen auslöst. Durch die Reaktion, zu der es neigt, werden die Reize organisiert. „Es hat in sich die Reize, die in ihm selbst die gleiche Reaktion auslösen wie in anderen. Es nimmt die Reaktionen und organisiert sie zu einem Ganzen. Das ist die einfachste Art und Weise, wie man sich selbst gegenüber ein anderer sein kann. Sie impliziert eine zeitliche Situation.“ (Mead; GIG; S.193). So entwickelt sich in ihm und in seiner antwortenden Identität eine organisierte Struktur. Beide Identitäten (Selbst) pflegen einen Dialog mittels signifikanten Gesten. In diesem frühen Stadium besitzt das Kind noch keine vollentwickelte Identität (Selbst), auch wenn es schon recht intelligent auf die unmittelbar einwirkenden Reize reagiert. Im Spiel gibt es nur eine Folge von nacheinander ablaufenden Reaktionen.

Im Wettkampf (organisierten Spiel) muß das Kind nicht nur die verschiedenen, in einer definitiven Beziehung zueinander stehenden, Rollen der am organisierten Spiel beteiligten Anderen übernehmen, sondern in Bezug darauf seine eigenen Reaktionen organisieren und kontrollieren, indem es die Haltungen der anderen in sein Verhalten aufnimmt (Kooperation und Koordination von alter und ego). Das Wettspiel repräsentiert den Übergang von der spielerischen Übernahme der Rollen anderer zur organisierten Rolle, welche für das Identitätsbewußtsein im eigentlichen Sinne entscheidend ist. Die Logik des Wettkampfes beruht darin, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, auf dessen Hinblick die Handlungen der einzelnen Personen nicht miteinander in Konflikt geraten dürfen und somit die soziale – durch signifikante Symbole vermittelte - Interaktion inhibieren. Diese Koordination und Organisation der Reaktionen ermöglicht es, daß die Haltung des einen Individuums die passende Haltung des anderen hervorruft; man kann eine bestimmte Reaktion antizipieren, wenn man selbst eine bestimmte Haltung einnimmt. Diese Organisation ist in Form von Regeln (Spielregeln) niedergelegt. „Was sich im Wettkampf abspielt, spielt sich im Leben des Kindes ständig ab. Es nimmt ständig die Haltungen der es umgebenden Personen ein, insbesondere jener, die es beeinflussen oder von denen es abhängig ist. (...). Der Wettkampf, in den das Kind eintritt, drückt eine gesellschaftliche Situation aus, in die es ganz eintauchen kann; seine Moral kann sich stärker auswirken als die der Familie oder der Gemeinschaft, in der das Kind lebt. (...). Insoweit das Kind die Haltungen anderer einnimmt und diesen Haltungen erlaubt, seine Tätigkeit im Hinblick auf das gemeinsame Ziel zu bestimmen, wird es zu einem organischen Glied der Gesellschaft. Es übernimmt die Moral[17] der Gesellschaft (...).“ (Mead; GIG; S.202). Indem das Individuum die Haltungen der anderen Individuen gegenüber sich selbst und untereinander, sowie auch ihre Haltungen gegenüber den verschiedenen Phasen und Aspekten der gemeinsamen sozialen Tätigkeit oder der gesellschaftlichen Aufgaben einnimmt, kann es eine vollständige Identität (Selbst) entwickeln. „Die organisierte Gemeinschaft oder gesellschaftliche Gruppe, die dem einzelnen seine einheitliche Identität gibt, kann „der (das) verallgemeinerte Andere“ genannt werden. Die Haltung des generalisierten Anderen ist die der gesamten Gemeinschaft[18].“ (Mead; GIG; S.196).

In der Form des „verallgemeinerten Anderen“ beeinflußt der gesellschaftliche Prozeß das Verhalten der an ihm partizipierenden Mitglieder; d.h. die Gemeinschaft übt (soziale) Kontrolle über das Verhalten ihrer Mitglieder aus, denn in dieser Form tritt der soziale Prozeß bzw. die Gemeinschaft als bestimmender Faktor in das Denken des Einzelnen ein. Beim abstrakten Denken [19] nimmt der Einzelne die Haltungen des generalisierten Anderen gegenüber sich selbst ein; dies ist die Voraussetzung dafür, daß ein „logisches Universum“ – ein System gemeinsamer oder gesellschaftlicher Bedeutung bzw. universaler signifikanter Symbole -, das jeder Gedanke als seinen Kontext voraussetzt, überhaupt existieren kann. „In der Zensur unserer Vorstellungen und Selbstgespräche und in der Affirmation der allgemeinen Regeln und Axiome der Alltagslogik (universe of discourse) übernehmen wir die generalisierte Einstellung der Gruppe.“ (Mead; GA; S.95). Unter allen gesellschaftlich-funktionalen Klassen oder Untergruppen, ist der gesellschaftliche Prozeß der Kommunikation (mittels signifikanter Symbole) der größte. Er erlaubt es, daß eine große Anzahl von menschlichen Wesen in soziale Beziehung – wie indirekt oder abstrakt sie auch immer sein möge – miteinander treten können. Durch die sinnvolle Sprache, die Übermittlung vokaler Gesten, die dazu neigen, im Einzelnen dieselbe Haltung hervorzurufen, wie sie auch im Anderen ausgelöst werden, wird der Prozeß der Rollenübernahme ausgelöst. Diese Haltungen (als organisierte Reaktionsgruppen) müssen bei allen Mitgliedern vorhanden sein, damit man in sich selbst die gleiche Reaktion auslöst, wenn man diese Erklärung abgibt. Man löst jene Reaktionen aus, welche die Reaktionen des generalisierten Anderen sind. Solche gemeinsamen Reaktionen, solche organisierten Haltungen beispielsweise gegenüber unseren Eigentumsvorstellungen, den religiösen Kulten, dem Erziehungsvorgang und den Beziehungen innerhalb der Familie machen eine gesellschaftliche Totalität erst möglich.

3.5. Identität („Self“)

Analog zum Geist entwickelt sich Identität (das Selbst) innerhalb des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Tätigkeitsprozesses, d.h. als Ergebnis der Beziehungen des jeweiligen Individuums zu diesem Prozeß als Ganzem und zu den anderen Individuen innerhalb dieses Prozesses. Da wir dazu neigen unsere Erfahrungen (insbesondere die affektiven) und Erinnerungen mit dem Selbst zu identifizieren, bedarf es der Abstraktion für die Erkenntnis, daß weder das Leben des Organismus, noch unsere sinnlichen Erfahrungen – auf die wir reagieren – notwendigerweise Identität (oder ein Selbst) implizieren. Der Körper kann vorhanden und sehr intelligent tätig sein, ohne daß Selbst (Identität) in der Erfahrung auftritt („Erfahrung eines bloßen Daseins in der Welt“), daher muß man zwischen Identität und Körper differenzieren; Identität kann sowohl Subjekt als auch Objekt sein. Behavioristisch betrachtet, muß Bewußtsein die Fähigkeit miteinschließen, daß der physische Organismus sich selbst zum Objekt werden kann. Im Prinzip ist es dieser soziale Sachverhalt – und nicht der angebliche Besitz einer Seele oder eines Geiste, die ihm als Einzelnem auf mysteriöse und übernatürliche Art und Weise gegeben wurde, den Tieren aber nicht -, was ihn von diesen unterscheidet.

- Wie kann sich das Individuum selbst zum Objekt werden?

Das Individuum wird sich selbst zum Objekt, indem es die Haltungen anderer gegenüber sich selbst (die des generalisierten Anderen), innerhalb einer sozialen Umwelt oder eines bestimmten Erfahrungs- und Verhaltenskontext einnimmt, in den es ebenso wie die anderen involviert ist. Von zentraler Bedeutung für diesen Mechanismus ist die sprachliche Kommunikation mittels signifikanter Symbole. „Vernunft kann solange nicht unpersönlich werden, als sie nicht eine objektive, nicht-affektive Haltung gegenüber sich selbst einnimmt; sonst handelt es sich nur um Bewußtsein, nicht um Identitätsbewußtsein. Es ist für vernünftiges Verhalten notwendig, daß der Einzelne sich selbst gegenüber eine objektive, unpersönliche Haltung einnimmt, daß er sich selbst zum Objekt wird.“ (Mead; GIG; S.180). Da das Selbst (die Identität) im Grunde eine gesellschaftliche Struktur ist und aus der sozialen Erfahrung erwächst, können wir uns eine absolut solitäre Identität vorstellen, während außerhalb der gesellschaftlichen Erfahrung kein Selbst (keine Identität) entstehen kann. Auch gibt es Teile des Selbst, die nur im Verhältnis der Identität zu ihr selbst existieren. Wir besitzen eine „ mehrschichtige Persönlichkeit “, deren verschiedenste Identitäten (Selbst), denen der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Reaktionen entsprechen[20]. Daraus läßt sich die Existenz zweier verschiedener Identitäten ableiten: das „Ich“ („I“) und das „Mich“ („Me“), deren Einheit die Persönlichkeit konstituiert. Im pathologischen Sinne entsteht im Falle eines Auseinanderbrechens dieser vollständigen, einheitlichen Identität, die Tendenz zur Persönlichkeitsspaltung (Schizophrenie).

Wie bereits vorab erwähnt, muß zwischen der Identität (dem Selbst) als einem bestimmten strukturellen Prozeß im Verhalten eines Individuums und dem Bewußtsein von erfahrenen Objekten differenziert werden, da zwischen beiden nicht notwendigerweise eine Beziehung besteht. Das gemeinsame Merkmal der „ privaten Zugänglichkeit “ von subjektiven Erfahrungen („bewußt“) und reflektiven Erfahrungen („Selbst-/Identitätsbewußt“) gibt ihnen nicht notwendigerweise den gleichen metaphysischen Status. Die Existenz privater oder „subjektiver“ Erfahrungsinhalte schafft die Tatsache nicht aus der Welt, daß der Einzelne sich selbst zum Objekt wird, indem er die Haltungen der anderen Individuen ihm gegenüber in einem organisierten Rahmen sozialer Beziehungen einnimmt. Getrennt von seinen gesellschaftlichen Kontakten, würde er die privaten oder „subjektiven“ Erfahrungen nicht zu sich selbst in Beziehung setzen und könnte sich seiner selbst nicht (nämlich als Individuum oder als eine Person) durch diese Erfahrung bewußt werden. Die hier explizit gemeinte Identität entwickelt sich dann, wenn die Übermittlung von Gesten so in das Verhalten des Einzelnen hineingenommen wird, daß die Haltungen der anderen Wesen den Organismus beeinflussen, dieser mit seinen entsprechenden Gesten antwortet und somit wiederum die Haltungen der anderen innerhalb seines eigenen Prozesses beeinflussen kann. Hingegen können wir die Identität nicht mit dem Bewußtsein, d.h. mit dem privaten oder subjektiven Vorhandensein der Merkmale von Objekten, identifizieren. Selbst-Bewußtsein (Identitätsbewußtsein) dagegen ist definitiv um ein soziales Individuum organisiert, da die eigene Erfahrung als eine Identität (Selbst) etwas ist, was man durch seine Handlungen gegenüber anderen einnimmt: es ist der gesellschaftliche Prozeß der Einflußnahme auf andere innerhalb einer sozialen Handlung und der anschließenden Übernahme dieser, durch den Reiz ausgelösten Haltungen der anderen, sowie der Reaktion darauf. Bis zum Auftreten eines Selbst-Bewußtseins im sozialen Erfahrungskontext erfährt der Einzelne seinen Körper (seine Gefühle und Empfindungen) nur als unmittelbaren Teil seiner Umwelt, als nicht zu ihm gehörig, nicht im Rahmen eines Selbstbewußtseins.

Das kognitive Wesen der Identität (des Selbst) liegt in der nach innen verlagerten Übermittlung von Gesten, welche das reflektive Denken ausmachen. „Das Denken oder der intellektuelle Prozeß – die Verinnerlichung und Dramatisierung der äußeren Übermittlung signifikanter Gesten durch den Einzelnen, als sein wichtigstes Mittel, andere, zur selben Gesellschaft gehörigen Wesen zu beeinflussen -, ist die früheste Erfahrungsphase in der Genesis und Entwicklung der Identität.“ (Mead; GIG; S.216).

3.6. Das „Ich“ („I“) und das „Mich“ / „Soziale Selbst“ („Me“)

- Aber „Ich bin doch Ich“! Ich bin doch offenkundig mehr als nur ein soziales Selbst, als nur die Rückspiegelung der Erwartungen all der bedeutsamen und des verallgemeinerten Anderen.

- Wo bleibe ich als selbständiges Subjekt?

Wie bereits erwähnt, konstituieren das „Ich“ und das „Mich“ die Identität/das Selbst als sozialen Prozeß. Dennoch sind beide Teile in diesem Prozeß getrennt; das „Ich“ ist die subjektive Reaktion des Individuums auf die Haltungen anderer; das „Mich“ ist die organisierte Gruppe von Haltungen der anderen, die man selbst einnimmt („soziales Selbst“ oder „generalisierter Anderer“). Das „Ich“ als funktionale Beziehung ist eine historische Figur, da es nur in der Erinnerung präsent ist. Es ist in gewissem Sinne das, womit wir uns identifizieren; es ist in der Erfahrung nicht direkt gegeben und taucht dort nur auf, nachdem die Handlung bereits vollzogen wurde. Da unsere zeitliche Gegenwart nur sehr kurz ist, tritt die Reaktion im Erfahrungsbereich hauptsächlich als ein Bild der Erinnerung auf[21]. Dennoch ist „ein Teil dieses Ablaufs von Ereignissen in unserer Erfahrung unmittelbar gegeben, einschließlich einiger Ereignisse der Vergangenheit und der Zukunft“. (Mead; GIG; S.219f.). Durch die Übernahme der organisierten Gruppe von Haltungen konstituiert sich das „Mich“ als „soziales Selbst“, d.h. die Identität, deren sich das Individuum bewußt wird. Das von Konventionen und Gewohnheiten gelenkte Wesen des „Mich“ ist schon immer vorhanden und muß jene Reaktionen in sich haben, über die auch alle anderen verfügen; der Einzelne könnte sonst nicht Mitglied einer Gesellschaft sein. Es ist der Ausdruck der sozialen Kontrolle, im Gegensatz zu der spontanen Reaktion des „Ich“[22]. Sie bestimmt in gewisser Weise die Grenzen und liefert die Motivation für den Ausdruck des „Ich“ (bei impulsivem Verhalten hingegen übt das „Mich“ die Kontrolle nicht in ausreichendem Maße aus). Das „Mich“ ist die Quelle der emotionalen Reaktionen auf die Werte, zu denen man sich als Mitglied einer Gesellschaft bekennt und zugleich ist es die Grundlage für den Eintritt in die Erfahrung der anderen. Im „sozialen Selbst“ sind alle Werte der Gesellschaft organisiert, die dominant gegenüber allen anderen Werten - anderer sozialer Subsysteme (z.B. Freundeskreis) - sind[23]. Im Gegensatz zu dem gegebenen „Mich“, ist die Reaktion des „Ich“ unbestimmt. Das „Ich“, als die Reaktion des Subjektes auf eine soziale Situation, welche innerhalb der Erfahrung des Einzelnen liegt, repräsentiert die Antwort des Einzelnen auf die Haltung der anderen ihm gegenüber, sobald er eine bestimmte Haltung ihnen gegenüber einnimmt. Diese von ihm eingenommene Haltung/Reaktion ist in seiner eigenen Erfahrung präsent; er ist sich seiner selbst und der Situation bewußt. „Das „Ich“ ruft das „ICH“ („Mich“/“soziales Selbst“; Anm. d. Verf.) nicht nur hervor, es reagiert auch darauf. Zusammen bilden sie eine Persönlichkeit, wie sie in der gesellschaftlichen Erfahrung erscheint. (...). Gäbe es diese beiden Phasen nicht, so gäbe es keine bewußte Verantwortung und auch keine neuen Erfahrungen“. (Mead; GIG; S. 221). Tatsächlich tritt das „Ich“ erfahrungsmäßig als Teil eines „Mich“ auf, dennoch kann das handelnde Individuum auf Grundlage dieser Erfahrung vom „Mich“ unterschieden werden.

- Wie kann es zu Neuerungen kommen; wie ist Fortschritt und Entwicklung möglich?

In der Unbestimmtheit des tatsächlichen Reagierens des „Ich“ liegt die Quelle für Spontaneität und Kreativität begründet. Durch die Reaktion – mittels signifikanter Symbole – wird in gewissem Ausmaß ständig der gesellschaftliche Prozeß selbst modifiziert, da durch unsere Reaktionen auf die Haltungen anderer, deren Haltungen ebenfalls verändert werden. Insofern wir rational denken, nehmen wir gegenüber der uns umgebenden Umwelt eine gesellschaftliche und zugleich kritische Haltung ein und führen somit ständig Veränderungen der Situation herbei. Dem „Ich“ sind jene Werte zuzuschreiben, die sich nicht berechnen lassen und die zu einer Rekonstruktion der Gesellschaft und somit des „Michs“ führen, das ein Mitglied dieser Gesellschaft ist.

Nach Mead liegt die Entwicklung der zivilisierten Gesellschaft aus der primitiven heraus, weitgehend in der fortschreitenden gesellschaftlichen Befreiung des individuellen Selbst und seines Verhaltens, den Modifizierungen des sozialen Prozesses – die sich daraus ergaben und die durch diese Befreiung ermöglicht wurden -, begründet. In der fortgeschrittenen, differenzierten Gesellschaft manifestiert sich die Individualität eher durch Ablehnung oder die modifizierte Verwirklichung der jeweiligen gesellschaftlichen Typen, als durch Konformismus[24]. Doch selbst in der modernsten und entwickeltesten Gesellschaft, nimmt der Einzelne – wie originell und schöpferisch er in seinem Denken und Verhalten auch immer sein mag – „immer und notwendigerweise eine definitive Beziehung zum allgemein organisierten Verhaltens- oder Tätigkeitsmuster ein und reflektiert es in der Struktur seiner eigenen Identität und Persönlichkeit, ein Muster, das den gesellschaftlichen Lebensprozeß manifestiert, in den er eingeschaltet ist und dessen schöpferischer Ausdruck seine Identität oder Persönlichkeit ist. Niemand hat einen Geist, der einfach aus sich selbst heraus funktionierte, isoliert vom gesellschaftlichen Lebensprozeß, aus dem er entwuchs oder sich entwickelte und der ihm somit die organisierten gesellschaftlichen Verhaltensweisen eingeprägt hat.“ (Mead; GIG; S.266).

Die Genesis des Geistes ermöglichte die Entfaltung des sozialen Prozesses zu viel komplexeren Formen der sozialen Reziprozität zwischen den einzelnen Individuen, als es vor seinem Auftreten möglich war. Das Ergebnis dieses Prozesses – in Form des Geistes – trägt somit zu weiteren Entwicklung dieses Prozesses bei; es wird zu einem entscheidendem Faktor innerhalb seiner selbst.

3.7. Die Individualität der Identität oder Persönlichkeit

- Was ist mit meiner Individualität?

- Wie ist Selbstverwirklichung möglich?

Das sich seiner Identität bewußt gewordenen Individuum sieht sich vor das Problem gestellt, sich entweder unter die Gemeinschaft – hinsichtlich der erfolgreichen Abwicklung der gesellschaftlichen Tätigkeit – unterzuordnen, oder zu opponieren und sich selbst zu behaupten. In den meisten Fällen jedoch, wird ein von anderen Individuen beeinflußter Mensch unvermeidlich sein Verhalten an das der anderen angleichen, ohne das er sich dieses Prozesses bewußt wird. Allein dadurch, daß sich ein Mensch an eine bestimmte Umwelt anpaßt, wird er zu einem anderen Wesen und beeinflußt/verändert dadurch wiederum die Gemeinschaft, in der er lebt. „Wir bezeichnen ein Person als ein konventionelles Wesen; ihre Ideen entsprechen genau denjenigen ihrer Nachbarn; sie ist unter diesen Umständen kaum mehr als ein „ICH“ („soziales Selbst“; Anm. d. Verf.); ihre Anpassungen sind unbedeutend, sie finden unbewußt statt. Im Gegensatz dazu steht die Person, die ein ausgeprägte Persönlichkeit besitzt und auf die organisierte Haltung so reagiert, daß ein bedeutender Unterschied zu verzeichnen ist. Bei einer solchen Person ist das „Ich“ die wichtigere Phase der Erfahrung. Diese beiden ständig auftretenden Phasen sind die entscheidenden Phasen der Identität.“ (Mead; GIG; S. 244).

Da jedes individuelle Selbst in seiner Struktur einen andersartigen Aspekt oder eine andere Perspektive des gesellschaftlichen Erfahrungs- und Verhaltensprozesses spiegelt, von seinem jeweilig einzigartigen Standpunkt - innerhalb des ganzen Prozesses des organisierten sozialen Verhaltens – aus; da somit jedes mit diesem ganzen Prozeß andersartig (und einzigartig) verbunden ist und eine einzigartige Position innerhalb dieses einnimmt, ist die jeweilige, durch dieses Muster geschaffene, Identitätstruktur von jeder anderen ebenso geschaffenen Struktur verschieden[25].

Die Identität/Persönlichkeit kann sich dadurch verwirklichen, indem sie in Beziehung zu anderen tritt. Die „Selbstverwirklichung“ gründet vor allem in dem Überlegenheitsgefühl (analog: Minderwertigkeitsgefühl) gegenüber anderen, jedoch nicht im Sinne von rechthaberisch-überheblichen Ausdrucksformen. Diese Gefühl kann sich verstärken, sobald es zu einer Identität gehört, die sich mit einer bestimmten Gruppe identifiziert (die überheblichste Ausdrucksform dafür wäre der Nationalismus und der Patriotismus). „Drückt sich das Überlegenheitsgefühl jedoch funktional aus, so ist es nicht nur völlig legitim, sondern deutet auch auf die Art und Weise, in der die Individuen ihre Umwelt verändern. Wie verändern die Dinge durch Fähigkeiten, die andere Menschen nicht haben. Solche Fähigkeiten machen uns effektiv. Die unmittelbare Haltung bringt ein Gefühl der Überlegenheit, der Behauptung der eigenen Identität mit sich. Die Überlegenheit ist nicht ein zu erreichendes Ziel, sie ist ein Mittel die eigene Identität zu behaupten. Wir müssen uns von anderen Menschen unterscheiden, und das geschieht dadurch, daß wir etwas tun, was andere Menschen nicht oder nicht so gut tun können.“ (Mead; GIG; S.252).

- Meads Erwartungen an die Zukunft:

„Solange die Komplexität der menschlichen Gesellschaft nicht die des Zentralnervensystems übersteigt, besteht das Problem eines adäquaten sozialen Objektes – welches mit dem eines adäquaten Selbstbewußtseins identisch ist – nicht darin, mit der Unzahl von Handlungen im Sozialverhalten vertraut zu werden, sondern darin, die räumlichen und zeitlichen Distanzen, die Barrieren der Sprache, der Konvention und des sozialen Status so zu überwinden, daß wir zu uns selbst in den Rollen derer sprechen können, die gemeinsam mit uns ihr Leben bewältigen.“ (Mead; GA; S.99). Für diese Aufgabe ist es erforderlich, daß nicht nur die passiven Barrieren – wie die räumlichen, zeitlichen und sprachlichen Distanzen -, sondern vor allem die konsolidierten, obsoleten und status-abhängigen Einstellungen, in welche unser Selbst eingebettet ist, überwunden werden. Da jedes Selbst (Identität/Persönlichkeit) – als soziales Selbst – auf die Gruppe beschränkt ist, deren Rollen es übernimmt, wird das Individuum dieses Selbst niemals aufgeben, bis es in eine umfassendere Gesellschaft eintritt und in dieser bleibt. Die Geschichte belehrt uns, mit welch großer emotionaler Anteilnahme wir unser Selbst emphatisch gegenüber gemeinsamen Feinden definieren. Es ist vor allem die Aufgabe von sozialen Objekten, wie des Völkerbundes, gemeinsame Handlungspläne zu skizzieren, damit sich Nationen in den auf Zusammenarbeit gerichteten Einstellungen verwirklichen können.

4. Abschlußbemerkung

In seiner – auf einem sozial interpretierten Behaviorismus gründenden – Sozialpsychologie vereint George Herbert Mead Psychologie und Soziologie auf einer biologischen Grundlage. Mit diesen Begriffen versucht er ein entscheidendes Problem der Evolution zu lösen: das Problem nachzuweisen, wie bestimmte biologische Organismen Geist, abstrakte Vernunft, zweckgebundenes Verhalten und moralisches Engagement entwickelten und somit die Kluft zwischen Impuls und Rationalität überwanden; kurzum, er versuchte zu erklären, wie der Mensch, das vernunftbegabte Wesen, entstand.

Die Transformation des biologischen Organismus in ein mit Geist ausgestattetes Individuum oder eine Identität (Selbst) vollzieht sich durch das Medium der Sprache, welche die Existenz eines bestimmten gesellschaftlichen Prozesses und bestimmte physiologische Fähigkeiten der individuellen Organismen voraussetzt. Die Bedeutung der Sprache liegt darin begründet, daß die vokale Geste als signifikantes Symbol die gleiche Reaktion (-shaltung), sowohl in der eigenen Identität, als auch beim Anderen auslöst; d.h. sie besitzt einen allgemeinen Sinn. Als neurologische Prämisse dafür, nennt Mead den menschlichen Kortex bzw. die zeitliche Dimension des Nervensystems. Diese beiden Merkmale, verbunden mit der Bedeutung der menschlichen Hand bei der Isolierung physischer Objekte, sind die organischen Voraussetzungen für die biologischen Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Wie geschildert, führt die Entwicklung des Selbst (der Identität) über zwei Stadien: die des kindlich-nachahmenden Spiels und des organisierten Wettspiels (Kooperation/Koordination von alter und ego), innerhalb denen die Person die Rollen und Haltungen der anderen übernimmt und schließlich zu einem „generalisierten Anderen“ organisiert. Dieses „soziale Selbst“ („Me“) ermöglicht die soziale Kontrolle des individuellen Verhaltens des Subjekts (d. „Ich“). Durch den sozialen Prozeß gewinnt das biologische Individuum aus organischem Stoff Geist und Identität; durch die Gesellschaft wird das impulsive Tier zu einem rationalen Wesen, zu einem Menschen. Es wird zu reflektivem Denken/Verhalten (Fähigkeit die Handlungen unter Berücksichtigung der antizipierten Sanktionen und verschiedener Alternativreaktionen zu lenken) befähigt und kann sich selbst zum Objekt werden; es wird ein moralisches Wesen, dessen impulsive Triebe in die bewußte Verfolgung erwünschter Ziele umgewandelt werden. Nach Mead gilt dieser ganze Prozeß der Geistes- und Identitätsbildung nur für den Menschen, unterhalb seiner evolutorischen Entwicklungsstufe gibt es kein Identitätsbewußtsein im Meadschen Sinne.

Zwar gelingt es Mead recht plausibel zu erklären, wie sich die Genesis des sozialen Selbst, der reflektiven Intelligenz und der sozialen Kontrolle vollzog, doch scheint er in seiner eigenen Argumentation nicht immer stringent und konsistent. Seine Inkonsistenz beruht darin, daß er seine eigenen begrifflichen Definitionen teilweise nicht durchhält und die Begriffe teilweise ineinander übergehen; synonym verwendet werden (so z.B. bei der signifikanten Geste und dem signifikanten Symbol; dem „generalisierten Anderen“ und dem „sozialen Selbst“ („Me“); .etc.) bzw. die Übergänge verwischt werden.

Offen bleibt weiterhin beispielsweise auch die Frage, ab welchem Alter einem Kind der Status eines sich seiner Identität bewußten Individuums/Subjektes zugebilligt werden kann.

Ein weiteres Defizit in Meads Theorie stellt die Vernachlässigung der sozio-ökonomischen (Zwangs-) Verhältnisse und deren Auswirkungen auf die Persönlichkeits-/Identitätsbildung dar. Meiner Auffassung nach hat Mead eine zu idealistische und positive Sichtweise auf die Gesellschaft, da er die durchaus relevanten sozialen Ungleichheiten und Deprivationen (auch die geschlechtspezifischen) in seiner Analyse nicht berücksichtigt. So kann ich beispielsweise seine Auffassung leider nicht teilen, daß sich in der fortgeschrittenen und differenzierten Gesellschaften die Individualität der Subjekte eher durch Ablehnung oder die modifizierte Verwirklichung des jeweiligen gesellschaftlichen Typus, als durch Konformismus manifestiert. Meiner Ansicht nach zeugt Meads Menschenbild und seine gesamte Geschichtsauffassung von einer gewissen Naivität und einem blinden Vertrauen in die Vernunft des Menschen.

Vernachlässigt wird des weiteren auch die Bedeutung des von Freud emphatisch betonten – und genauso umstrittenen – Aggressionstriebes und seiner ambivalenten Bedeutung für die Kultur, da er einerseits ein destruktives, asoziales Moment repräsentiert und zugleich aber auch für große kulturell bedeutsame Entwicklungen (als konstruktives Moment) – qua Sublimierung - verantwortlich gemacht wird.

Desweiteren offenbart sich an der stärksten Stelle Meads Theorie auch zugleich sein größter Schwachpunkt: er hat große Schwierigkeiten die Entwicklung der personalen Identität („Ich“) - mit den Mitteln der Erklärung des sozialen Selbst („Me“) – zu erklären. In gewisser Weise setzt er die Existenz dieser spontanen und kreativen personalen Ich-Identität bereits schon bei der Übermittlung der Gesten voraus. An diesem Punkt begeht Mead – meiner Ansicht nach – genau den Fehler, welchen er eingangs den individualistischen Identitätstheoretikern vorwirft; nämlich daß er ebenfalls die Identität (in diesem Falle die personale Ich-Identität) logisch und biologisch vor den gesellschaftlichen Prozeß stellt und sie nicht aus dem sozialen Erfahrungs- und Verhaltenskontext ableitet.

In dem postum – von Charles W. Morris - herausgegebenen Werk „Mind, Self and Society“, welches aus Vorlesungsnachschriften besteht, explizit in seiner deutschen Übersetzung, treten des öfteren Unstimmigkeiten in der Bedeutung seiner zentralen Begrifflichkeiten auf. Das Problem liegt wohl darin begründet, daß eine adäquate Übersetzung der zentralen Meadschen Begriffe eine Aporie darstellt. Anschaulich wird dies an dem exemplarische Beispiel des Titels: während die Bedeutung des Begriffs Society mit dem Synonym der Gesellschaft nicht verändert wurde, so gilt dies nicht für die beiden anderen Begriffe. Mind steht für die nicht-apriorische und nicht-idealistische Fähigkeit zu denken und zu fühlen, die deutsche Übersetzung mit Geist impliziert jedoch genau jene – nicht intendierte – idealistischen Eigenschaften. Hinzu kommt noch die durch die Psychoanalyse bewirkte Akzentverschiebung: die Freudsche Seele heißt in der angelsächsischen Welt mind. Dies macht deutlich, wie dieser Begriff in der Entwicklung Meads Argumentation seine Bedeutung verändert. Ähnliches gilt für das pronominale Self, welches mit Identität übersetzt wurde, obwohl beispielsweise das Selbst oder Persönlichkeit adäquatere Begriffe gewesen wären. Die Wahl des Begriffs der Identität – im Sinne von sozialer und nicht personaler oder Ich-Identität, was schon einen Vorgriff auf den heutigen Sprachgebrauch darstellt – beruhte wohl darauf, daß das Selbst; erstens das Problem der Pluralbildung und zweitens eine enge semantische Verwandtschaft mit dem (für „I“ und „Me“ vorbehaltenen) Nomen das Ich aufweist. Damit wären wir bei einem anderen Schwachpunkt angekommen; die Gegenüberstellung von „I“ und „Me“ erscheint deswegen problematisch, da es im Deutschen für beide Ausdrücke nur ein Äquivalent gibt; substantivistisch gebraucht heißen beide „Ich“. Die willkürlich gewählte Lösung von „Ich“ („I“) und „ICH“ („Me“) erscheint mir von daher unglücklich, da sie nichts zur inhaltlichen Klärung dieser beiden Begriffe beiträgt. Meine Erachtens wäre es sinnvoller gewesen für „I“ die Übersetzung „personale (Ich-) Identität; und für „Me“ „soziale Identität“ oder „Mich“ zu wählen.

5. Literaturverzeichnis

- AG Soziologie (1978); Denkweisen und Grundbegriffe der Soziologie; Frankfurt 1996.
- Fuchs-Heinritz, Werner et al. (1973); Lexikon zur Soziologie; Opladen 1995.
- Joas, Hans; Praktische Intersubjektivität. Die Entwicklung des Werkes von G.H. Mead; Frankfurt/M. 1980.
- Meyers Lexikonredaktion (Hrsg.); Meyers großes Taschenlexikon; Mannheim 1995.

Siglen:

- Mead, George Herbert (1934); Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus; Frankfurt 1995; GIG.
- Mead, George Herbert (1980); Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie; Frankfurt/M. 1969; GA.

[...]


[1] Hans Joas bezeichnete diese Theorie als einen „konsequent intersubjektivistischen Pragmatismus“: Intersubjektivität rekurriert hierbei auf eine Struktur kommunikativer Beziehungen zwischen den Subjekten, welche auf theoretischer Ebene die Alternative von individualistischer Handlungstheorie, sowie handlungsloser und subjektfreier Strukturtheorie überwindet.

[2] In Deutschland wurde der Pragmatismus im übrigen entscheidend von Hans Joas weiterentwickelt und weitergedacht, welcher sich auch explizit mit Meads Theorie auseinandersetzte.

[3] Mead, George Herbert; Eine pragmatische Theorie der Wahrheit; In: Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie; Frankfurt/M. 1969. (Im Folgenden zitiert als GA+Seitenzahl).

[4] Mead, George Herbert; Die Genesis des sozialen Selbst und die soziale Kontrolle; In: Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie; Frankfurt/M. 1969. (Im Folgenden zitiert als GA+Seitenzahl).

[5] Mead, George Herbert; Geist, Identität und Gesellschaft. Aus der Sicht des Sozialbehaviorismus; Frankfurt/M. 1995. (Im Folgenden zitiert als GIG+Seitenzahl).

[6] Zur Kritik an der Übersetzung siehe auch die Abschlußbemerkung auf Seite 20.

[7] Prädikation meint die Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften („Urteilen“) zu einem (un-)bestimmten Sachverhalt, bzw. die Bestimmung eines Begriffs durch Zuordnung bestimmter Eigenschaften: S e P (Fx).

[8] Dieser Gegensatz entspricht dem Unterschied zwischen der evolutionären Theorie über den Ursprung des Staates und der Vertragstheorie, wie sie in der Vergangenheit sowohl von den Rationalisten als auch den Empirizisten vertreten wurden.

[9] Mead setzt den gesellschaftlichen Kontext für seine Analyse voraus. Er geht davon aus, daß der Mensch von Natur aus ein gesellschaftliches Wesen ist, da alle sozialen Beziehungen in einer gemeinsamen sozio-physiologischen Ausstattung jedes der an ihnen beteiligten Individuen wurzeln. Diese relativ einfachen und rudimentären physiologischen Mechanismen und Tendenzen (Triebe, Impulse, Instinkte) des individuellen menschlichen Verhaltens bilden nicht nur die physiologische Grundlage allen sozialen Verhaltens, sondern auch die fundamentalen biologischen Materialien der menschlichen Natur, die ihrem Wesen nach ein gesellschaftliches Phänomen ist.

[10].Da Bewußtsein funktional und nicht substantiell ist, kann es nicht im Gehirn lokalisiert werden, da dies zum physiologischen Solipsismus Russells (s.o.) führen wurde. Es besteht ein Parallelismus zwischen dem Objekt und der Wahrnehmung,; zwischen der Erfahrung und den Erregungen im Zentralnervensystem, hinsichtlich der Kontrolle unserer auf die Objekte gerichteten Reaktion

[11] Objekte erhalte ihre Form aufgrund von in der Zukunft existierenden Handlungen/Reaktionen bzw. deren Antizipierung.

[12] Unter den primären Eigenschaften von Objekten versteht Mead deren räumlich-zeitliche (physikalisch meßbare) Ausdehnung. Die sekundären Eigenschaften hingegen, verweisen auf die nicht meßbaren Qualitäten, wie z.B. Farbe, Temperatur, Geruch, ...etc.

[13] Einstellungen (Haltungen) sind Reaktionsgruppen, die in unserem Verhalten entweder noch vor der Stimulierung durch Objekte gegenwärtig sind, oder es sind bereits ausgelöste Reaktionen, die jedoch noch auf die Gelegenheit warten voll zum Ausdruck kommen zu können. Im ersten Fall erscheinen sie als Idee oder Begriffe und im zweiten als die Bedeutungen, welche die Dinge konstituieren.

[14] Signifikante Symbole – auf den höheren Ebenen der menschliche Entwicklung – unterscheiden sich von Gesten niedrigerer Entwicklungsstufen dadurch, daß die signifikanten Gesten einen Sinn, eine Bedeutung bzw. Signifikanz aufweisen und in der Erfahrung des Individuums bewußt sind. „Daß die Grundsubstanz oder der Komplex von Haltungen und Reaktionen, die jede gegebene gesellschaftliche Handlung oder Situation ausmachen, in die Erfahrung jedes von dieser Situation oder dieser Handlung betroffenen Individuums eingeschlossen sind (nämlich seine Haltungen gegenüber anderen Individuen, ihre Reaktionen auf seine Haltungen ihnen gegenüber, ihre Haltungen ihm gegenüber und seine Reaktionen auf diese Haltungen), macht praktisch eine Idee aus; zumindest aber ist dieses Eingeschlossensein in die Erfahrung die einzige Grundlage für ihr Auftreten oder ihre Existenz „im Geist“ des jeweiligen Individuums.“ (Mead; GIG; S.111).

[15] (Physische) Objekte sind insofern allgemein, als sie dem Erfahrungsbereich aller angehören (Universalität). Durch die Hand wird die Kontakterfahrung mit dem Objekt und dadurch die Erschließung seiner Substanz ermöglicht.

[16] Rationalität bedeutet, daß die von uns in anderen ausgelöste Reaktion ebenso in uns selbst ausgelöst wird, und daß diese Reaktion wiederum ihre Rolle bei der Bestimmung dessen spielt, wie wir weiterhin reagieren werden.

[17] Neben der Moral (Internalisierung tradierter Bräuche) finden sich im „generalisierten Anderen“ auch das Gewissen und die Ethik.

[18] Zu den Elementen des verallgemeinerten Anderen zählt jeder Gegenstand – jedes Objekt oder jede Gruppe von Objekten, egal ob lebendig, unbelebt, menschlich, tierisch oder einfach nur physisch – auf den der Mensch handelt oder gesellschaftlich reagiert; indem er dessen Haltung ihm gegenüber einnimmt, wird er sich seiner selbst bewußt und entwickelt somit eine Identität oder Persönlichkeit.

[19] Denken bedeutet die nach innen verlagerte Übermittlung von signifikanten Symbolen/vokalen Gesten („inneres Gespräch“). In dieser Art „Selbstgespräch“ unterhalten wir uns meist mit den sogenannten „Generalisierten Anderen“ und gelangen so auf die Ebene des abstrakten Denkens und zu jener Unpersönlichkeit, die wir im allgemeinen als „Objektivität“ bezeichnen.

[20] An diese Hypothese knüpft beispielsweise die Rollentheorie an, der zufolge jeder Mensch in den unterschiedlichen sozialen Situationen (Positionen innerhalb des Systems sozialer Beziehungen), in denen er sich befindet, verschiedene Rollen über-/einnimmt und damit auf die Erwartungen der jeweiligen Bezugsgruppe reagiert. Da das Individuum gewisse Vorstellungen hinsichtlich der Erwartungen der Bezugsgruppe hat (Erwartungs-Erwartungen), kann es sein Verhalten dementsprechend anpassen und dadurch negative Sanktionen vermeiden.

[21] Es gibt keine punktuelle Gegenwart; selbst in der sogenannten aktuellen (specious) Gegenwart gibt es einen Ablauf (passage), in welchem es Abfolgen und sowohl Zukunft als auch Vergangenheit gibt. Man kann die Welt nicht auf eine zeitliche punktuelle Gegenwart reduzieren, da sonst sämtliche Objekte auseinanderfallen würden.

[22] In Analogie zu Freuds Konstrukt des psychischen Apparates kann der Begriff des „Ich“ („I“) mit dem triebhaften „Es“ und das „Mich“ („Me“) mit dem „Über-Ich“ verglichen werden. Die Grundfunktion des „Über-Ich“ bei Freud ist die der Kontrolle des handelnden „Ich“ – dessen Funktion die Wahrnehmung sowohl äußerer Objekte als auch innerer Triebe ist. In dem „Über-Ich“ befinden sich die Gebote und Verbote (Gewissen und Moral), welche nicht kongruent mit den gesellschaftliche Normen und Werten sein müssen und vom Individuum z.T. selbst konstruiert werden können. Das „Es“ verkörpert die biologischen Impulse, Triebe und Neigungen, welche stetig nach Ausdruck und vor allem nach Befriedigung streben. Das „Ich“, bei Freud, laviert in seinem Handeln stetig zwischen dem „Über-Ich“ und dem „Es“ hin und her.

[23] Mead spricht hier einen Punkt an, mit dem sich schon Max Weber – in Auseinandersetzung mit der Werturteilsproblematik (der Rolle der Werturteilsfreiheit in den Wirklichkeitswissenschaften)– beschäftigte. Demzufolge tauchen die internalisierten letztinstanzlichen Werte einer spezifischen gesellschaftlichen Totalität selbst in dem „Elfenbeinturm“ der Wissenschaften wieder auf und durchdringen somit selbst die – ihrem Selbstverständnis nach objektive – Wissenschaft und manifestieren sich in dem jeweiligen Erkenntnisinteresse des Forschers. Es existiert eine vermeintlich paradoxe Beziehung zwischen dem Postulat der Werturteilsfreiheit und der faktischen Wertbezogenheit der universitären Forschung.

[24] Diese Auffassung kann ich leider wirklich nicht teilen, meiner Meinung nach hat Mead ein zu idealistisches Menschheits- und Geschichtsbild.

[25] Meads Position rekurriert an dieser Stelle auf den Einfluß von Leibniz, explizit seiner Monadologie (1714); einer systematische Lehre von den Monaden als letzten, unteilbaren Einheiten („metaphysischen Punkten“) der Weltsubstanz, welche als perzipierende Kräfte jeweils mehr oder weniger die Welt spiegeln und in Zusammenhang mit einer „prästabilierten Harmonie“ stehen.

Details

Seiten
32
Jahr
1998
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v6026
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Gesellschaftswissenschaften
Note
1,0

Autor

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Titel: Die Genesis des sozialen Selbst und die soziale Kontrolle - In: George Herbert Mead; Philosophie der Sozialität. Aufsätze zur Erkenntnisanthropologie; Frankfurt/M. 1969.