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Prag 1848/49 - von der sozialen zur nationalen Revolution

Seminararbeit 2006 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung
I.1 Allgemeine Einleitung
I.2 Historischer Überblick

B. Hauptteil
II. Der Weg zur Revolution von 1848/49
II.1. Die Sprachenpolitik Joseph II. und der Bohemismus
II.2 Die soziale Lage in Böhmen zwischen 1820 und 1848
III. „Das Prager Bürgertum geht baden“ – Von der Versammlung im Wenzelsbad bis zum Slawenkongress
IV. „Panslawismus versus Austroslawismus“ – Der Slawenkongress in Prag
V. Windischgrätz „räumt auf“ – Militärische Niederschlagung des Pfingstaufstandes
VI. Fazit und Ausblick

C. Anhang
VII. Literatur- und Abkürzungsverzeichnis
1. Quellen, Quelleneditionen und zeitgenössische Literatur
2. Forschungsliteratur (ab 20. Jh.)

„Der Weg der neueren Bildung geht von Humanität durch Nationalität zur Bestialität“
Franz Grillparzer, Epigramm von 1849 (zitiert nach Hoensch 1997, 323)

A. Einleitung

I.1 Allgemeine Einleitung

Die deutsch-tschechischen Beziehungen werden bis heute durch die Vertreibung und Zwangsaussiedlung der deutschsprachigen Minderheit aus der Tschechoslowakei nach dem Zweiten. Weltkrieg belastet. Im Zentrum des Interesses steht in der Forschung, wie es zu der scharfen Spaltung zwischen den nationalen Bewegungen gekommen ist, die schließlich in den Jahren 1945-47 zur Vertreibung und Zwangsaussiedlung führte. Im Wesentlichen werden heute drei Thesen zur nationalen Auseinanderentwicklung der Bevölkerungsgruppen vertreten. Eine Minderheit macht nur – oder doch hauptsächlich – die Zeit vom Münchener Abkommen, mit Besetzung des so genannten Sudetenlandes, über die Zerschlagung der Rest-Tschecho-Slowakei bis zur deutschen Besatzungsherrschaft im so genannten Protektorat Böhmen und Mähren für die Nachkriegsereignisse verantwortlich.[1] Eine zweite Gruppe sieht den eigentlichen Spaltungsprozess in der Zeit während und nach dem ersten Weltkrieg mit der Gründung der ersten Tschechoslowakischen Republik.[2] Die heute vorherrschende Meinung geht aber davon aus, dass bereits die Ereignisse der Revolutionsjahre 1848/49 zu einer so starken Nationalisierung geführt haben, dass die nachfolgenden Ereignisse beinahe „vorprogrammiert“ waren.[3]

Diese Arbeit versucht darzulegen, dass die Revolution von 1848 der Ursprung – die „Zementierung“ – der starken nationalen Spaltung in Böhmen war. Außerdem soll dargestellt werden, inwieweit man von einem Wandel von einer sozialen Revolution zu einer nationalen Revolution sprechen kann und welche Ereignisse vor 1848 die Bildung zweier konkurrierender Nationalismen ermöglicht und gefördert haben.

Es gibt zahlreiche Nationalismusdefinitionen. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert wurde davon ausgegangen, dass Nationalismus und Nation etwas „Selbstverständliches“ und „Natürliches“ seien[4]. Seit etwa 1980 findet ein wesentliches Umdenken statt. Immer mehr Politik- und Sozialwissenschaftler sowie Historiker gehen heute in der Nationalismusforschung davon aus, dass Nationalismus und Nation im Sinne des Konstruktivismus reine – oder zumindest überwiegende – Konstrukte sind, die durch Menschen geschaffen wurden.[5] Dieser Proseminararbeit liegt die von Hans-Ulrich Wehler gegebene folgende Nationalismusdefinition zu Grunde:

„Nationalismus soll heißen: das Ideensystem, die Doktrin, das Weltbild, das der Schaffung, Mobilisierung und Integration eines größeren Solidarverbandes (Nation genannt), vor allem aber der Legitimation neuzeitlicher politischer Herrschaft dient. Daher wird der Nationalstaat mit einer möglichst homogenen Nation zum Kardinalproblem des Nationalismus.“[6]

Der tschechische Historiker Kořalka schreibt: „Jede nationale Ideologie barg und birgt in sich wesentliche Merkmale der Selbstabgrenzung, Ausschließlichkeit und Feindseligkeit gegenüber der Außenwelt, insbesondere gegenüber ihren Nachbarn.“ [7] Diese Selbstabgrenzung, Ausschließlichkeit und Feindseligkeit gegenüber den Nachbarn soll am Beispiel der Revolutionsereignisse von 1848 in Prag aufgezeigt werden. Diese Arbeit soll mehr die praktischen ereignisgeschichtlichen Entwicklungsstränge und Zäsuren aufzeigen als den geschichtstheoretischen Begriff der verschiedenen Nationalismuskonzeptionen erläutern oder die Sozialgeschichte im engeren Sinne untersuchen.

I.2 Historischer Überblick

Die 1848er Revolution im europäischen Kontext[8]

Im Laufe des Sommers 1849 endete zunächst der im März 1848 begonnene Versuch, die zahlreichen Staaten des Deutschen Bundes zu einem liberalen, demokratischen Nationalstaat zu vereinigen. Eine Einordnung der Revolutionsereignisse in den historischen Kontext ist zwar verkürzt, wenn nur die Ereignisse vom März 1848 bis 1849 beachtet werden, aber im Rahmen dieser Hausarbeit wird die Zeit davor aus Platzgründen nur skizziert. Die Wurzeln der Revolution von 1848 reichen bis in die Zeit der Französischen Revolution zurück und insbesondere zur deutschen National- und Einheitsbewegung seit den Tagen der Befreiungskriege gegen Napoleon. Wichtige Ereignisse bzw. Phänomene im Vormärz waren der Durchbruch des modernen Nationalismus in der so genannten Rheinkrise und der Schleswig-Holstein-Krise im Jahr 1846. Die Jahre 1845 bis 1848 brachten – neben einem seit den 1830er Jahren verstärkt um sich greifenden allgemeinen Pauperismus – mehrere Hunger- und Armutskrisen mit oft gewalttätigen Aufständen in Deutschland und ganz Europa.

Die wichtigsten Schauplätze des europäischen Vormärz waren Italien, die Schweiz und Frankreich. In Italien kam 1846 im wohl reaktionärsten Staat – dem Kirchenstaat – ein als im Vergleich zu seinem Vorgänger relativ liberal geltender Papst (Pius IX.) auf den Heiligen Stuhl. Die Begeisterung – nicht nur in Italien – kannte keine Grenzen. Überall in Europa gründeten sich rund 400 katholische Pius-Vereine. Wichtig war dieses Ereignis, weil die Wahl eines nicht konservativen Papstes als Rückschlag für das System Metternich angesehen wurde. 1847 folgte die Niederlage des konservativen Sonderbundes gegen die liberalen Kantone in der Schweiz. Die liberalen Kantone besiegten sehr schnell den Sonderbund, und wieder hatten sich die europäischen Großmächte nicht auf ein Eingreifen zu Gunsten der konservativen Kantone einigen können, was das System Metternich erneut erschütterte. Von Januar 1848 bis März 1848 wurden schließlich alle größeren italienischen Staaten – außer der österreichischen Provinz Lombardo-Venetien – in konstitutionelle Monarchien umgewandelt. Im Februar 1848 wurde in Frankreich Louis Philippe durch Demonstrationen und Straßenkämpfe innerhalb von drei Tagen zur Abdankung gezwungen und die Republik ausgerufen. Dieses Ereignis kann als Initialzündung für die Aufstände, Versammlungen und Petitionen in den Staaten des Deutschen Bundes im März und April 1848 gesehen werden.

Im März 1848 kam es in fast allen Staaten des Deutschen Bundes zu Versammlungen und Aufständen. Hauptforderungen waren praktisch überall eine Verfassung, das allgemeine Wahlrecht und nationalstaatliche Einheit. An die Stelle des Deutschen Bundes sollte ein geeinter, parlamentarischer Verfassungsstaat treten. Die herrschenden Dynastien wurden aber nicht zur Abdankung gezwungen. Bis im April waren zumindest in der Mehrzahl der Klein- und Mittelstaaten liberale so genannte Märzministerien an der Regierung. Die Umwandlung der Staaten in konstitutionelle Monarchien schien in greifbare Nähe gerückt. Vorreiter – sowohl zeitlich, als auch in Bezug auf die Radikalität der Forderungen – war der Südwesten, insbesondere das Herzogtum Baden. In Preußen wurden zuerst die rheinischen Westprovinzen von der Revolutionsbewegungen erfasst und dann Berlin. In der preußischen Hauptstadt kam es – wie in zahlreichen anderen Großstädten des Deutschen Bundes – auch zu Barrikadenkämpfen.

Die Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche wurde von einem so genannten Fünfzigerausschuss – bestehend aus 51 Politikern – vorbereitet. In der Zeit vom 31. März 1848 bis zum 3. April 1848 tagte dann in Frankfurt das Vorparlament, bevor am 18. Mai 1848 die Nationalversammlung zusammentrat. Sie hatte als größte Aufgabe die Ausarbeitung einer Reichsverfassung für den zu gründenden Nationalstaat. Umstritten bei der Ausarbeitung war unter anderem, ob es sich beim künftigen Nationalstaat um eine konstitutionelle Monarchie oder eine Republik handeln sollte – wobei nur eine Minderheit der Frankfurter Parlamentarier für die zweite Option votierte. Ein weiteres Problem der Nationalversammlung war die Frage nach den Grenzen des zukünftigen Nationalstaates. Problematisch war dies, da innerhalb des Deutschen Bundes auch Slowenen im Süden Österreichs sowie Tschechen in Böhmen und Mähren lebten. In den preußischen Provinzen Westpreußen und Posen bildeten Polen entweder die Mehrheit oder zumindest eine große Minderheit. Im Norden kam noch die Schleswig-Holstein-Frage hinzu. Ost- und Westpreußen sowie Teile des Großherzogtums Posen wurden auf Antrag Preußens in den Deutschen Bund inkorporiert.

Im Herbst 1848 kam es zu einer Wende, und die gegenrevolutionären Kräfte errangen die Oberhand. Am 28. März 1849 wurde die Reichsverfassung als kleindeutsch-preußische Lösung verabschiedet und einen Tag später der preußische König Friedrich Wilhelm IV. zum Kaiser der Deutschen gewählt.[9] Aber spätestens mit der Ablehnung der Kaiserkrone durch den preußischen König am 2. April 1849 war klar, dass die Revolution verloren hatte. Daran konnten auch die Kollektivannahme der Reichsverfassung durch 28 Staaten und die Beschlussfassung der Nationalversammlung zur Durchsetzung der Verfassung nichts mehr ändern. Die Bildung einer Revolutionsregierung in der Pfalz und der dritte badische Aufstand stellten die Kräfte der Restauration nicht vor größere Probleme.

Das Scheitern der Revolution hatte mannigfache Gründe. Hier ist u.a. zu nennen, dass, obwohl die europäischen Revolutionen ein gemeinsames Ziel hatten – die Umformung der staatlich gesellschaftlichen Ordnung –, es aufgrund der Heterogenität der Revolutionsbewegungen (Liberale, Demokraten, Arbeiter) zu Spaltungen der Bewegungen und damit zu Schwächungen kam.[10] Außerdem trug auch der Zeitdruck zum Scheitern der Freiheits- und Nationalbewegungen bei.[11] Trotz des Scheiterns blieb die Revolution nicht folgenlos. Die „Bauernbefreiung“ überdauerte in Österreich beispielsweise die Revolution. Die Arbeiterschaft hatte eine Politisierung erfahren, die nicht mehr rückgängig zu machen war.[12]

Die Revolution von 1848/49 in Österreich[13]

Das Kaisertum Österreich war in zweierlei Hinsicht ein Sonderfall in der Revolution 1848. Zum einen reichten die Besitzungen der Habsburger weit über die Grenzen des Deutschen Bundes hinaus. Zum anderen war es ein Vielvölkerstaat. Wie bereits oben in diesem Kapitel dargestellt, verursachten die Revolution in Frankreich und die Abdankung von Louis Philippe nicht nur Schockwellen im restlichen Kontinentaleuropa, sondern auch im Kaisertum Österreich. Erste Konsequenz in Österreich war am 13. März 1848 die Entlassung von Metternich – in der Hoffnung, durch die Demission des unbeliebten Vertreters des alten Systems, das alte System der Monarchie zu retten.[14] Als nächstes wurde den revolutionären Massen am 15. März 1848 die Gewährung einer Verfassung, die schnellstmöglich dem Ständeparlament vorgelegt werden sollte, versprochen, was die Menschen auch tatsächlich – zumindest vorübergehend – beruhigte.[15]

[...]


[1] Brandes 1995, 63.

[2] Lemberg 1995, 47; Lemberg argumentiert ambivalent; auf der einen Seite stellt er ein „Auseinanderleben“ seit Mitte des 19. Jahrhundert nicht in Abrede, sagt aber gleichzeitig, dass die Tschechoslowakische Republik „günstige Bedingungen... mit auf den Weg bekommen“ hätte, was sehr zweifelhaft ist, da eben schon ein Auseinanderleben seit mehr als einem halben Jahrhundert stattgefunden hatte und direkt nach dem Krieg separatistische Tendenzen – vergleichbar mit denen von 1848 – bei den so genannten Sudetendeutschen verbreitet waren.

[3] Křen 1996, 91; Křen prägte den Begriff der Konfliktgemeinschaft, der inzwischen von zahlreichen Historikern verwendet wird.

[4] Wehler 2004, 7 f.

[5] Wehler 2004, 8 f.

[6] Wehler 2004, 13.

[7] Kořalka 1993, 33.

[8] Für die Anfertigung dieses Unterkapitels wurde – sofern nicht anders angegeben – das Buch Müller 2002 verwendet.

[9] Langewiesche 2004, 101.

[10] Langewiesche 2004, 110f; zur Frage der Einheitlichkeit der Revolutionsbewegung vgl. Kaelble 1998.

[11] Langewiesche 2004, 112.

[12] Langewiesche 2004, 112.

[13] Bei der Anfertigung dieses Unterkapitels wurde neben der in Fußnoten zitierten Literatur auch Niederhauser 1990 insbesondere die Zeittafel auf den Seiten 201 – 207 verwendet.

[14] Orton 1978, 14.

[15] Orton 1978, 14.

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638539500
ISBN (Buch)
9783638667081
Dateigröße
641 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60215
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Geschichtswissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Prag Revolution Ereignis

Autor

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