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Queer Theory - Theoretische und politische Hintergründe

Hausarbeit 2002 14 Seiten

Geschlechterstudien / Gender Studies

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Entstehung von Queer (Theory)
2.1 Theoretischer Hintergrund
2.2. Politischer Hintergrund - Konzeptionen von Identität in homosexuellen Bewegungen
2.2.1. Gay Liberation/Schwulenbewegung
2.2.2. Lesbischer Feminismus
2.3. Queer

3. Auseinandersetzungen um Queer

4. Schlussbetrachtung

5. Literatur

1. Einleitung

Seit Mitte der neunziger Jahre taucht das Wort „queer“ immer wieder und immer öfter in lesbisch-schwulen Zusammenhängen auf, scheinbar als neue Bezeichnung für Lesben und Schwule, ein bisschen unklar, aber auch ziemlich schick – ein Modewort. Ein Modewort? Im Englischen bedeutet „queer“ wörtlich übersetzt „sonderbar, verdächtig“ und wurde/ wird im negativen Sinne gegen Schwule und Lesben verwendet – ein Schimpfwort also, dass sich vielleicht mit dem deutschen „pervers“ am besten gleichsetzen lässt. Im Deutschen kommt dies durch die einfache Übernahme des englischen Wortes nicht zum Ausdruck, was hier „queer“ einiges von seiner Sprengkraft nimmt, und somit auch zu der unbedachten und unhinterfragten Verwendung in allen möglichen Medien führt. Im englischen Sprachraum ist der Gebrauch des Wortes „queer“ wesentlich anstößiger und Aufmerksamkeit erregender, und regt dadurch auch mehr zum Nachdenken an. Was also heißt dieses neue „queer“ als Selbstbezeichnung von Lesben und Schwulen (und anderen), und warum ist gerade dieser Begriff in den letzten Jahren so populär geworden?

Ich möchte in dieser Hausarbeit versuchen, diese Fragen soweit wie möglich zu klären und damit die Bedeutung von queer sowohl in lesbisch-schwulen als auch in anderen gesellschaftlichen Zusammenhängen aufzuzeigen. Zunächst möchte ich dazu einen kurzen Abriss der Entstehungsgeschichte von queer geben, und dann näher auf die politischen Auswirkungen der Benutzung dieses Begriffes eingehen. Danach werde ich die vielfältigen Diskussionen um und Kritiken an queer skizzieren, die das große Potential von queer deutlich machen.

2. Entstehung von Queer (Theory)

Die Entstehung von Queer kann man auf zwei Ebenen verfolgen. Zum einen haben postmoderne Theorien einen großen Einfluss ausgeübt, zum anderen hat eine politische Entwicklung in den lesbisch-schwulen Bewegungen stattgefunden, die in einer neuen Queer Bewegung resultiert. Diese beiden Ebenen stehen natürlich nicht unabhängig nebeneinander, sie sind vielmehr auf vielfältige Weise miteinander vernetzt.

2.2. Theoretischer Hintergrund

Theorien, die sich mit der Konstruktion von Identität befassen, hatten einen großen Einfluss auf die Entstehung von queer als intellektuellem Modell. Identität war lange untrennbar mit „Natur“ verbunden, d. h. sie wurde als etwas natürliches oder „gottgegebenes“ aufgefasst. Diese Einstellung wurde ab dem 20. Jahrhundert von TheoretikerInnen verschiedenster Fachgebiete immer mehr hinterfragt. Sie sahen Identität nicht mehr als eine selbstverständliche und unveränderliche Eigenschaft von Menschen an, sondern begannen, nach ihrer Entstehung zu fragen. Dieser Prozess mündete schließlich in der „endgültigen Auflösung des Cartesianischen Subjekts“[1].

Diese Auflösung des Konzeptes einer festen Identität hin zu einem Verständnis von Identität als „dauerhaft stützende kulturelle Phantasie oder Mythos“[2] wurde zunächst von Louis Althusser vorangetrieben, der sich, auf Einsichten von Karl Marx berufend, mit dem Verhältnis von Ideologie und Identität beschäftigte. Er kommt u. a. zu dem Schluss, dass Individuen von der Ideologie als Subjekte „angerufen“ werden, ihre Entstehung also der Ideologie erst verdanken, und dann dadurch, dass auch sie selbst in der Lage sind, Ideologie neu hervorzubringen, auf eine vielschichtige Weise mit ihr verflochten sind.[3]

Auch Sigmund Freuds psychoanalytische Theorie des Unbewussten stellt die Annahme von Identität als natürliche Eigenschaft des Menschen in Frage, und vor allem Jacques Lacan vertrat die Auffassung, dass Subjektivität außerhalb des Selbst entstehe. Somit entsteht Identität durch andauernde Identifikation mit anderen bzw. Abgrenzung gegen andere und ist weniger als eine feste Eigenschaft, sondern als prozesshafter Vorgang zu betrachten.[4]

Als ebenfalls wichtiger Theoretiker wäre nun noch Ferdinand des Saussure zu nennen, der als Linguist die Ansicht vertrat, dass Sprache die Wirklichkeit und damit auch die menschliche Identität weniger nur spiegelt, als vielmehr selbst hervorbringt. Wie bei Althusser haben wir es hier mit einem komplexen Verhältnis von hervorgebracht werden und erschaffen zu tun.

Auf den obengenannten poststrukturalistischen Theorien fußt das Werk von Judith Butler. In ihrem Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“[5] geht sie noch einen Schritt weiter und entlarvt die vorgeblich natürliche Beziehung von Geschlechtsidentität (sex) und Geschlechterrolle (gender) als soziale Konstruktion, als performatives Ergebnis sich wiederholender Handlungen. Sie stellt somit die scheinbar sicheren Kategorien von männlich und weiblich grundlegend in Frage. Darüber hinaus dekonstruiert sie in ihrem nachfolgenden Werk „Körper von Gewicht“[6] „sex“ selbst: die körperlichen Geschlechtsmerkmale sind ebenfalls sozial konstruiert – die übliche binäre Ordnung ist alles andere als „natürlich“. Nach Butler wird also Geschlecht (sowohl gender als auch sex, Butler selbst benutzt nur noch das Wort gender) durch ständige Widerholung erst hergestellt, also performativ konstruiert. Bei dieser Performativität handelt es sich allerdings nicht um einen voluntaristischen Akt:

Performativität (kann) nicht außerhalb eines Prozesses der Wiederholbarkeit verstanden werden (...), außerhalb einer geregelten und restringierten Wiederholung von Normen. Und diese Wiederholbarkeit wird nicht von einem Subjekt performativ ausgeführt; diese Wiederholung ist das, was ein Subjekt ermöglicht und was die zeitliche Bedingtheit für das Subjekt konstituiert. Diese Wiederholbarkeit impliziert, dass die ‚performative Ausführung’ keine ‚vereinzelte Handlung’ oder ein vereinzeltes Vorkommnis ist, sondern eine ritualisierte Produktion, ein Ritual, das unter Zwang und durch Zwang wiederholt wird, unter der Macht und durch die Macht des Verbots oder des Tabus (...)[7]

[...]


[1] Hall, Stuart: Die Frage der kulturellen Identität. In: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument Verlag, 1994. 120.

[2] Jagose, Annamarie: Queer Theory. Eine Einführung. Berlin: Quer Verlag, 2001.102.

[3] ebenda

[4] ebenda

[5] Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991 (original: Gender Trouble, 1990)

[6] Butler, Judith: Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts. Berlin: Berlin Verlag,1995.

[7] Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1991 (original: Gender Trouble, 1990), 133.

Details

Seiten
14
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638539142
ISBN (Buch)
9783640859054
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60168
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Queer Theory

Autor

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Titel: Queer Theory - Theoretische und politische Hintergründe