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Vater-Sohn-Konstellation und Problematiken der Kinder- und Jugendzeit in Hermann Hesses "Unterm Rad" und Stefan Milows "Arnold Frank"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Grundlegende Fragen zur Inszenierung eines Romans

2. Leben und Werk der Autoren
2.1. Kurzbiographie Hermann Hesse
2.2. Kurzbiographie Stephan Milow

3. Kinder- und Jugendzeit des Hans Giebenrath
3.1. Familiäre Verhältnisse und Umfeld
3.2. Frühe schulische Leistungen und Anforderungen bis zum bestandenen Landexamen
3.3. Körperliche Erscheinung
3.4. Seminarzeit und Verfall am Ende
3.5. Vater-Sohn-Konstellation

4. Kinder- und Jugendzeit des Arnold Frank
4.1. Familiäre Verhältnisse und Umfeld
4.2. Schulzeit und Erwartungen
4.3. Studium und Abbruch
4.4. Vater-Sohn-Konstellation

5. Vergleich von Kinder- und Jugendzeiten der Hauptpersonen in beiden Erzählungen

6. Zusammenfassung und Schlussreflexion

7. Literaturverzeichnis

1. Grundlegende Fragen

Zwei Werke sollen im Mittelpunkt der folgenden Ausführung stehen, die oberflächlich betrachtet unterschiedlicher nicht sein könnten. Das eine ist „Unterm Rad“, das von dem bekannten Autor Hermann Hesse verfasst wurde. Noch heute wird dieser Roman viel gelesen und auch in der Schule gern behandelt. Das andere Werk ist „Lebensskizze des Arnold Frank“ von Stephan Milow, einem österreichischen Schriftsteller. Diese Novelle ist ebenso wie ihr Verfasser eher unbekannt. Da Stephan Milow allerdings einer der bedeutendsten Autoren des österreichischen Realismus war, erscheint eine Beschäftigung mit Leben und Werk des Autors in der heutigen Zeit mehr als sinnvoll.

Gerade wegen der äußerst verschiedenen Bekanntheitsgrade ist es interessant, einen Vergleich zwischen beiden Werken anzustellen und dabei Parallelen und Unterschiede herauszuarbeiten. In dieser Arbeit sollen vor allem die jeweilige Vater-Sohn-Konstellation in Kinder- und Jugendzeit der Hauptpersonen und die daraus resultierenden Probleme erläutert werden, die sich bis zum Ende der jeweiligen schulischen Laufbahn ergeben. Welchen Druck üben die Väter auf ihre Söhne aus? Wie viel können die Söhne selbst entscheiden? Wie beeinflussen die Familiensituationen ihren Lebensweg? Welche Folgen haben die Erziehungsweisen der Väter auf die Lernerfolge der Söhne und auf ihre Entwicklung? Diese Fragen sollen im Lauf der folgenden Abhandlung beantwortet werden.

Als Grundlage der Betrachtung werden die beiden Werke „Unterm Rad“ und „Lebensskizze des Arnold Frank“ herangezogen. Als Sekundärliteratur für „Unterm Rad“ konnten die Abfassungen von Hermann Lorenzen „Pädagogische Ideen bei Hermann Hesse“, von Martin Pfeifer „Hesse-Kommentar zu sämtlichen Werken“ und von Siegfried Unseld „Hesse“ Anhaltspunkte für diese Arbeit geben. Allerdings wurde in keiner Arbeit auf die Kinder- und Jugendzeit von Hans Giebenrath näher eingegangen. Für „Lebensskizze des Arnold Frank“ konnte keine Sekundärliteratur gefunden werden, was wohl auf die Unbekanntheit des Autors zurückzuführen ist. Dennoch soll versucht werden, diesen Text ebenso genau und facettenreich zu erschließen wie dies bei „Unterm Rad“ durch die Sekundärliteratur möglich war. Bevor die oben genannten Grundfragen besprochen werden, wird zunächst eine kurze Einführung in das Leben und Werk beider Autoren gegeben. Die Inhalte der beiden Texte „Lebensskizze des Arnold Frank“ und „Unterm Rad“ werden für diese Hausarbeit vorausgesetzt und sollen deshalb nicht mehr extra geschildert werden.

2. Leben und Werk der Autoren

2.1. Kurzbiographie Hermann Hesse

Hermann Hesse wurde am 2. Juli 1877 als Sohn von Johannes und Marie Hesse in Calw in Württemberg geboren. Er wuchs teilweise in der Schweiz und in Württemberg auf. Nach Besuch des Reallyzeums in Calw und der Lateinschule in Göppingen bestand er im Juli 1891 das württembergische Landesexamen, das ihm eine kostenlose Ausbildung zum evangelischen Theologen in einem Seminar in Maulbronn erlaubte. Hesse flüchtete jedoch im März des folgenden Jahres aus der Ausbildungsstätte, beging kurz darauf einen Selbstmordversuch und wurde im Juli für zwei Monate in einer Heilanstalt in Stetten behandelt.

Nachdem er 1893 seine Mittlere Reife bestanden hatte, machte er zwei Lehren, die eine von 1894 bis 1895 als Mechaniker bei einer Turmuhrenfabrik und die andere von 1895 bis 1898 bei einer Buchhandlung in Tübingen. In dieser Zeit entstanden seine ersten kleineren Publikationen. Sein erstes Buch „Romantische Lieder“ erschien im Jahr 1898. Hesse heiratete 1904 Maria Bernoullie, mit der er drei Söhne hatte. Er ließ sich von ihr 1923 wieder scheiden. Danach war Hermann Hesse von 1924 bis 1927 mit Tuth Wenger und ab 1931 mit Ninon Dolbin verheiratet. Im Jahr seiner ersten Heirat gelang ihm mit dem Roman „Peter Camenzind“ der ersehnte Durchbruch, woraufhin er freier Schriftsteller wurde. Nur zwei Jahre später konnte er mit „Unterm Rad“ an seinen ersten Erfolg anschließen.

In den folgenden Jahren bis 1912 gab er zusammen mit anderen Schriftstellern wie Ludwig Thoma oder Albert Langen die linksliberale Zeitschrift „März“ heraus, bei der er für den belletristischen Teil zuständig war. Im Jahr 1914 wollte er sich als Freiwilliger zum Krieg melden, wurde jedoch für untauglich befunden. Im November desselben Jahres erschien sein erster Zeitungsartikel gegen den Krieg. Wegen seiner Antikriegshaltung wurde er im Laufe des 1. Weltkriegs als Vaterlandsverräter geächtet, zog nach Bern und bemühte sich danach um die Schweizer Staatsbürgerschaft.

1919 trennte er sich endgültig von seiner Familie, siedelte von Bern nach Montagnola, ein Tessiner Dorf, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb. Ein Jahr später veröffentlichte er unter dem Pseudonym „Emil Sinclair“ seinen Roman „Demian“. Es folgten 1922 „Siddharta“, 1927 „Die Nürnberger Reise“ und „Der Steppenwolf“, 1929 „Eine Bibliothek der Weltliteratur“, 1930 „Narziß und Goldmund“ und 1932 „Die Morgenlandschaft“, um seine wichtigsten Werke zu nennen. Während des 2. Weltkrieges wurden die Werke Hesses für unerwünscht erklärt und durften nicht mehr publiziert werden. 1943 erschien „Das Glasperlenspiel“ in Zürich, an dem Hesse über zehn Jahre arbeitete. In der Folge erhielt Hesse viele Literaturpreise, darunter 1946 den Literaturnobelpreis und den Frankfurter Goethe-Preis, 1950 den „Wilhelm-Raabe-Preis“ und 1955 den „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“. Am 9. August 1962 starb Hermann Hesse im Alter von 85 Jahren in Montagnola.[1]

2.2. Kurzbiographie Stephan Milow

Der eigentliche Name von Stephan Milow ist Stephan von Millenkovich. Er wurde am 9. März 1836 in Orsova im heutigen Rumänien als Sohn eines serbischen Offiziers und einer deutschen Mutter geboren. Gestorben ist er am 12. März 1915 in Mödling in Niederösterreich. Er hatte zwei Söhne, von denen einer Max Morold war, der als Schriftsteller ahnsehnliche Erfolge erzielte. Von seinem Leben ist nicht allzu viel überliefert. 1849 trat er in die Kadettenkompanie ein, fünf Jahre später wurde er Berufsoffizier beim militärgeographischen Institut in Wien. Wegen eines Nervenleidens musste er allerdings 1869 aus seinem Dienst ausscheiden und widmete sich fortan nur noch seiner schriftstellerischen Tätigkeit.

Milows literarisches Schaffen war geprägt von der Philosophie Schopenhauers und der Weimarer Klassik. Im Jahr 1865 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband „Gedichte“. Themen der Gedichte waren vor allem die anerkannten Werte des Bürgertums, von denen er sich nur selten entfernte. Die Lyrik nahm den Großteil seines literarischen Werks ein, der große Erfolg in diesem Genre blieb jedoch aus. Es erschienen von ihm unter anderem noch die Gedichtbände „Auf der Scholle“ 1867, „Neue Gedichte“ 1870, „In der Sonnenwende“ 1877, „Fallende Blätter“ 1903 und „Abendrot“ 1912.

Das erzählerische Werk Stephan Milows dagegen beschäftigt sich viel kritischer mit der Gesellschaft und dem Bürgertum. Oft wird darin der Niedergang höherer Bürger gezeigt, vor allem der Aristokratie. Sein erstes Prosawerk war „Verlorenes Glück“, das 1866 erschien. Im Jahr 1872 folgte die Veröffentlichung von „Zwei Novellen“. In diesem Band befand sich auch der Text „Lebensskizzen des Arnold Frank“, der zugleich sein größter Erfolg als Autor werden sollte. Soziale und politische Probleme der Monarchie behandelte Milow in dem vierteiligen Roman „Lebensmächte“, der 1888 erschien. Sein letztes veröffentlichtes Prosawerk war 1913 „Erste und letzte Liebe“.[2]

Im dramatischen Bereich blieb Milows Erfolg gänzlich aus. Zwar hat er einige Dramen geschrieben, unter anderem „König Erich“ oder „Martin Brandt“, diese wurden jedoch niemals aufgeführt. Für sein literarisches Gesamtwerk erhielt Milow 1902 den Bauernfeldpreis, der schon zu damaliger Zeit nicht sehr bedeutend war und heute nahezu vergessen ist. Insgesamt muss man sagen, dass Stephan Milow nur bei einem geringen Teil der Bevölkerung Anklang fand. Dieser Teil jedoch bejubelte ihn überschwänglich, ohne auf die Realität und auf seine Resonanz bei den Menschen zu achten. Dafür exemplarisch soll ein Zitat von dem ebenfalls vergessenen Autor Josef Karl Ratislav angeführt werden:

„Ganz allmählich rang er sich zur Höhe künstlerischer Abgeklärtheit empor, die einen seltsamen, poetischen Zauber ausstrahlt und ihm Werke gelingen ließ, über denen ein Hauch von der erhabenen Ruhe des klassischen Goethe liegt.“[3]

3. Kinder- und Jugendzeit des Hans Giebenrath

3.1. Familiäre Verhältnisse und Umfeld

Hans Giebenrath wächst in normalen Verhältnissen auf. Sein Vater Joseph lebt als unbedeutender Händler vor sich hin, kann sich keinen großen Luxus leisten und ist auch nicht sonderlich intelligent.[4] Seine Frau war vor längerer Zeit bereits gestorben. Joseph Giebenraths beschränkter Geist ist Ursache für ein ständiges Misstrauen gegenüber allem Neuen und Andersartigen. Joseph lebte mit seinem einzigen Sohn Hans in einem kleinen Wohnhaus, in Verhältnissen, die er „mit jedem beliebigen Nachbarn [ … ] vertauschen [ hätte ] können, ohne daß irgend etwas anders geworden wäre.“[5] Es wird auch darauf hingewiesen, dass es nicht erklärbar ist, von wem Hans seine geistige Begabung vererbt bekommen hat.[6]

Hans ist mit einer großen intellektuellen Fähigkeit ausgestattet, die jedoch weder durch das Umfeld noch durch Verwandtschaft erklärt werden kann. Sein Vater verbringt sein Leben, ohne jemals selbst etwas Großes geschafft zu haben. Diese Grundsituation ist der Ausgangspunkt für die gesamte Erzählung. Man erkennt deutlich, dass der Erzähler darauf achtet, ein völlig normales Bild des Familienlebens zu zeichnen, das sich in nichts von dem der anderen unterscheidet. Vater und Sohn Giebenrath werden als eine Familie dargestellt, die überall wohnen könnte, so dass jeder Leser sie normalerweise selbst kennt bzw. sogar selbst daraus stammt.

[...]


[1] Vgl. Unseld, Hermann Hesse, S. 7ff.; vgl. Field, Hermann Hesse, S. 7ff.; vgl. Freedman, Hermann Hesse, S. 11 ff.

[2] Vgl. Ratislav, Stephan Milow, S. 9ff.; vgl. Sachslehner, Milow, S. 167.

[3] Ratislav, Stephan Milow, S. 8.

[4] Vgl. Hesse, Unterm Rad, S. 7.

[5] Ebd., S. 7f.

[6] Vgl. ebd., S. 8.

Details

Seiten
18
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638538206
ISBN (Buch)
9783638844017
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60056
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2
Schlagworte
Vater-Sohn-Konstellation Problematiken Kinder- Jugendzeit Hermann Hesses Unterm Stefan Milows Arnold Frank

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