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Crónica de una muerte anunciada oder die Rekonstruktion eines Ehrenmordes

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Als eines der wichtigsten Werke des kolumbianischen Schriftstellers Gabriel García Márquez nimmt dessen 1981 erschienender BestsellerromanCrónica de una muerte anunciada(CMA) dahingehend einen besonderen Stellenwert ein, als dass er, trotz seines relativ geringen Umfangs von 118 Seiten[1], immer wieder neue Lesarten und Interpretationsschwerpunkte geboten hat und bietet. Trotz der vermeintlichen Klarheit des Textes, der vorgibt, eine bloßeAufzeichnung geschichtlicher Ereignisse in zeitlich genauer Reihenfolge[2]zu sein, ergeben sich während und nach seiner Lektüre zahlreiche Fragen. Die Frage nach den Mördern des Mannes, um den sich die Erzählung dreht, wird bereits im ersten Kapitel beantwortet. Sie entspräche der typischen Leitfrage, die sich der Leser eines solchen vermeintlichen Kriminalromans stellt, d. h. bevor bzw. kurz nachdem er angefangen hat ihn zu lesen. Die Frage, die sichnacherfolgter Lektüre von CMA stellen ließe, ist die nach dem damaligen Verführer der Vicario. Die Frage jedoch, die man sich nach erfolgter Lektüreundeingehender Reflexion über den Textes stellt, ist die, der ich mich im weiteren Verlaufe dieser Abhandlung vordergründig widmen werde: die Frage nach der Schuld am Tode Santiago Nasars. Natürlich ließe sich der Text auch auf eine eher simple Rezeption beschränken, dergestalt, dass man sich als Leser eines bloßen Kriminalromans begreift, in dem es ein Opfer (Santiago Nasar) und dessen Mörder (Pablo und Pedro Vicario) gibt. Da es sich jedoch um das Werk eines der renommiertesten Literaten Lateinamerikas handelt, liegt der Schluss nahe, dass der Text wesentlich mehr als eine solch vereinfachte Deutung zulässt und, darüber hinaus, erfordert.

Sind die Brüder Vicario selbständig zu dem Entschluss gekommen, den vermeintlichen Entehrer ihrer Schwester (und damit der gesamten Familie) umzubringen, oder sind sie vielmehr das ferngesteuerte Werkzeug einer gesellschaftlichen Übernorm, die ihnen stumm die Pflicht oktroyiert, ein Verbrechen zu sühnen, was lediglich in ihren Köpfen als ein solches existiert. Immerhin gibt es niemanden, der physischen, ja nicht einmal psychischen Schaden aus der heimlichen Liaison zwischen Santiago Nasar und Ángela Vicario – insofern es diese überhaupt gegeben hat – trägt. Die Entehrung einer Frau und die damit einhergehende Diffamierung der Familie der Frau lassen sich in mehreren Kulturkreisen feststellen. Jedoch werden diese Kulturen, zumindest aus westlicher Sichtweise beurteilt, als archaisch und sehr fragwürdig in Bezug auf die Wahrung der Menschenrechte wahrgenommen. So ließe sich beispielsweise in einem westeuropäischen Land ein solcher „Ehrenmord“ unter keinen Umständen rechtfertigen, was man z. B. an dem Fall der in Berlin-Tempelhof am 13. Februar 2005 von dem jüngsten ihrer drei Brüder getöteten Türkin Hatin Sürücü (23) und der daraus resultierenden Haftstrafe für den Täter (insofern ihm die Schuld nachgewiesen werden kann) sehen kann[3]. Im Gegensatz zu dem Fall Ángela Vicario richtete sich die Rache der türkischstämmigen Brüder (alle drei sollen den Mord geplant haben) jedoch direkt an ihre Schwester. Die Brüder sollen die „unmoralische“ westliche Lebensweise ihrer Schwester verurteilt und daraus ihre Rechtfertigung für den Mord gezogen haben. Das Tatmotiv und vor allem die Absicht, die dem Mord vorausgingen, waren allerdings in beiden Fällen vergleichbar: Es sollte die beschmutzte Ehre der gesamten Familie wieder rein gewaschen werden, nur dass in unserem literarisch verarbeiteten (aber weder rein fiktiven noch fiktionalen[4]) Beispiel die Entehrte, also Ángela Vicario, weiterhin als Teil der Familie gesehen wird, wohingegen die junge Türkin als Abtrünnige und Ausgestoßene in den Augen ihrer Brüder galt.

Dass die Brüder Vicario kein persönliches Bereicherungsmoment in ihrer Tat sehen, wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, wie oft im Text der Umstand erwähnt wird, dass sie zahlreichen Bewohnern des namenlosen Ortes in den anderthalb Stunden erzählte Zeit ihr Vorhaben anvertrauen. Selbst nachdem sie bereits vom Bürgermeister Lázaro Aponte entwaffnet worden sind, woraufhin sie sich neue Messer beschaffen, erzählen sie samt dem Bruder des Erzählers (Luis Enrique[5]) noch dreizehn weiteren Personen, die an diesem Morgen in den Milchladen von Clotilde Armenta kommen und von denen wiederum einige die Nachricht weiter tragen, von dem bevorstehenden Mord. Nicht zu unrecht stellt der Erzähler fest:Nunca hubo una muerte más anunciada[6]. Einerseits geschieht dies, nach Angaben des Ich-Erzählers, aus dem einzigen Grunde, dass sie hoffen, auf jemanden zu treffen, der sie doch von der Tat abbringen möge:hicieron mucho más de lo que era imaginable para que alguién les impidiera matarlo.[7]Auch in einer der Unterhaltungen der Brüder untereinander manifestiert sich die Zwangskomponente und die daraus resultierende Ausweglosigkeit, der sich die beiden ausgeliefert sehen:„Esto no tiene remedio – le dijo -: es como si ya nos hubiera sucedido“.[8]Die Zwillinge Pedro und Pablo sind also keinesfalls gewillt gewesen, ihren langjährigen Bekannten und Nachbarn, mit dem sie kurioserweise noch kurz vor dessen Tötung die Vermählung ihrer Schwester mit Bayardo San Román feierten, zu ermorden. Im Gegenteil: als sie ihn noch über den Platz gehen sehen und bereits wissen, dass sie ihn umbringen müssen, empfinden sie eher Mitleid mit dem Opfer als Hass ihm gegenüber:„Lo miraban más bien con lástima“.[9]So fällt die Rezeption der Zwillinge in der Gesellschaft als eher positiv denn als die eines Duos von Gewalttätern aus:Tenían tan bien fundada su reputación de gente buena, que nadie les hizo caso.[10]Selbst während ihres Aufenthaltes im Untersuchungsgefängnis erinnern sich noch einige ihrer damaligen Mitinsassen ihrer hervorragenden persönlichen Eigenschaften:los reclusos más antiguos los recordaban por su buen carácter y su espíritu social[11], wodurch sich ein Bild der Charaktere der beiden Mörder ergibt, welches in einem krassen Gegensatz zu ihrer Tat steht.

Auf der anderen Seite bereuen die Täter ihr Verbrechen – welches ja in ihren Augen kein Verbrechen ist – nicht, sondern wären sogar jederzeit bereit, die Tat ein weiteres Mal zu begehen, insofern sich die Sachlage wiederholt darstellen würde:hubieran vuelto a hacerlo mil veces por los mismos motivos[12],nunca advirtieron en ellos ningún indicio de arrepentimiento.[13]So betonen sie dem Untersuchungsrichter, aber auch dem Pater Amador, gegenüber:Lo matamos a consciencia[…]pero somos inocentes.[14]Sie sind ernsthaft der Meinung, der Mord an Santiago Nasar sei unter den gegebenen Umständen durchaus gerechtfertigt, so dass sie sogar davon ausgehen, ihr späteres Opfer sei sich bereits im klaren darüber, dass ihn seine Strafe schon erwartet bzw. er zumindest wüsste, warum er sterben muss („Santiago Nasar sabe por qué“[15];Él sabe por qué[16]). Und selbst der Anwalt der Brüder plädiert in dem der Tat folgenden Prozess aufhomicidio en legítima defensa del honor, que fue admitida por el tribunal de conciencia[17], woraus wir entnehmen können, wie sehr dieser Gedanke des Ehrenkodex in jener Gesellschaft verankert sein muss, dass sogar ein Vertreter des Rechts sich solchen Gedankenguts bedient, um es vor Gericht als Rechtfertigung für die Tötung eines Menschen vorzubringen. Diese von den Zwillingen konstatierte Unschuld lässt sich auf das im Text mehrmals erwähnte Versprechen bzw. die Verpflichtung (compromiso) zurückführen. Die Frage ist nur, wem gegenüber sie dieses Versprechen einzuhalten haben. Und das ist genau die Frage, die wir zu klären haben, wenn wir dem Fall auf den Grund gehen wollen: Wer ist schuld an dem Tode Santiago Nasars? Ist es das Opfer selbst? Hat er sich, sollte er tatsächlich die Affäre mit Ángela Vicario gehabt haben, seinen eigen Tod letzten Endes selbst zuzuschreiben, indem er gegen einen allgemein bekannten Sittenkodex verstoßen hat? Immerhin muss man zugeben, dass der männliche Sexualtrieb schon mehrere missliche, oftmals von Gewalt dominierte Lagen generiert hat. Schließlich ist Santiago Nasar nicht der Ehrenmann schlechthin, wie es ein Teil seiner Beschreibung vermuten lassen könnte. Nicht nur seine Kleidung –un pantalón y una camisa de lino blanco[18]– und seine Zuneigung zur Kirche (se había vestido de pontifical por si tenía ocasión de besarle el anillo al obispo[19]) sind es, die ihn oberflächlich gesehen als unschuldig und nahezu heilig erscheinen lassen. Auch die Beschreibungen seiner Fertigkeiten und Tugendhaftigkeit hinterlassen erst einmal einen guten Gesamteindruck von seiner Person. So heißt es, er habelas bellas artes del valor y la prudencia[20]erlernt und seipor sus méritos propios[…]alegre y pacífico, y de corazón fácil.[21]Darüber hinaus gehören er und seine Familie eher der oberen sozialen Schicht an, was sich aus dem Besitz der Familien-Hazienda und den von Santiago und seinem Vater in ihrer Heimat[22]ausgeübten und als aristokratisch angesehenen Freizeittätigkeiten (el dominio de las armas de fuego, el amor por los caballos y la maestranza de las aves de presas altas[23]) schlussfolgern lässt und ihn erneut als ehrenwertes Mitglied der Gesellschaft vorstellt. (Ein gewisses Maß an Ironie seitens García Márquez’ wird an dieser Deskription Santiago Nasars evident, wenn der einstige Jäger im Roman selbst zum Gejagten wird.) Schaut man jedoch genauer hin, so lässt sich noch eine andere Seite an Santiago Nasar entdecken. Zum Beispiel neigt er dazu, sich an seinen weiblichen Hausangestellten zu vergreifen. So packt er eines Morgens Divina Flor am Handgelenk, als sie ihm die leere Tasse abnimmt mit den Worten:¿Ya estás en tiempo de desbravar?.[24]Die der Szene beiwohnende Mutter der kleinen Divina Flor, Victoria Guzmán, reagiert darauf sehr ungehalten, da sie schon einst von Ibrahim Nasar, dem Vater Santiagos, verführt worden war. Wir erfahren hier, mittels der Figuren Divina Flor und Victoria Guzmán eine Kehrseite der Medaille Santiago Nasar, die sich sehr deutlich in dem sehr konzisen Resümee der Köchin über ihren Arbeitgeber widerspiegelt:Era idéntico a su padre,[…]. Un mierda.[25]Eben diese Zweideutigkeit in der Person Santiago Nasars lässt dessen völlige Unbeteiligtheit an seinem eigenen Tod in einer zwielichtigen Position erscheinen, da es genau die sexuellen Anspielungen sind, die ihn für die Rolle des wahrhaften Verführers Ángela Vicarios infrage kommen lassen.

[...]


[1]García Márquez, Gabriel (¹1991):Crónica de una muerte anunciada. Madrid: Mondadori.

[2]Definition des WortesChronikaus:Duden Fremdwörterbuch(2005). Hg. von Matthias Wermke (Vors.). Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG.

[3]Vergleiche hierzu: www.rafranke.blogspot.com/2005/02/nach-tdlichen-schssen-auf-der-strae.html

[4]CMA basiert in der Tat auf einem wahren, dem Autor widerfahrenen Ereignis, welches sich knapp 28 Jahre vor der Niederschrift des Romans in Sucre zutrug. García Márquez und einige seiner Familienmitglieder waren selbst in die Vorgänge involviert und erscheinen auch im Roman unter Nennung ihrer realen Namen. CMA lässt sich also als Rekonstruktionsversuch der damaligen Geschehnisse verstehen und erhebt durch die tatsächlich stattgefundene Recherchearbeit des Autors einen hohen Anspruch auf Authentizität.

[5]Luis Enrique ist der Name des Bruders des Autors, genauso wie auch Jaime der Name eines Bruders des Erzählers und Autors ist, was nur ein Anhaltspunkt dafür sein soll, dass man im Falle von CMA eine Gleichung aufstellen kann, die normalerweise strikt zu vermeiden ist (außer natürlich in Biographien), nämlich: Erzähler = Autor. Es tauchen darüber hinaus noch weitere Namen einiger Familienangehörigen von García Márquez in dem Roman auf, u. a. der seiner Mutter und seiner Großmutter.

[6]García Márquez,Crónica de una muerte anunciada, S. 55.

[7]García Márquez,Crónica de una muerte anunciada, S. 54.

[8]Ebd., S. 64.

[9]Ebd., S. 22.

[10]Ebd., S. 56.

[11]Ebd., S. 54.

[12]Ebd., S. 53.

[13]Ebd., S. 54.

[14]Ebd., S. 53.

[15]Ebd., S. 57.

[16]Ebd., S. 59.

[17]Ebd., S. 53.

[18]Ebd., S. 15.

[19]Ebd.

[20]Ebd.

[21]Ebd., S. 16.

[22]Vater und Sohn Nasar sind arabischstämmig, die Mutter, Plácida Linero, hingegen ist eine Einheimische.

[23]García Márquez,Crónica de una muerte anunciada, S. 15.

[24]García Márquez,Crónica de una muerte anunciada, S. 16.

[25]Ebd., S. 17.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638537988
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60029
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Lateinamerikainstitut
Note
1,0
Schlagworte
Crónica de una muerte anunciada Chronik eines angekündigten Todes García Márquez Ehrenmord Kolumbien Lateinamerika

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