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Zur Stellung der Frau in England im ausgehenden 14. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 30 Seiten

Anglistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das mittelalterliche Frauenbild

3. Die rechtliche Stellung der Frau

4. Hochzeit und Ehe der Frau im Mittelalter
4.1 Das Arrangieren der Ehe
4.2 Die mittelalterliche Hochzeit
4.3 Eheleben und Scheidung
4.4 Die Witwe

5. Die Frau in der Kirche
5.1 Der Eintritt ins Kloster
5.2 Das klösterliche Leben
5.3 Äbtissinnen und Priorinnen
5.4 Die klösterliche Bildung und Disziplin

6. Die Frau in den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten
6.1 Die Lady
6.1.1 Die Bedeutung der Lady
6.1.2 Die Bildung der Lady
6.2 Die Bäuerin
6.3 Die Städterin
6.3.1 Die Ehe in der Stadt
6.3.2 Arbeitende Frauen in der Stadt
6.3.3 Prostitution

7. Schluss
Anhang I - IX
Literaturverzeichnis
Erklärung

1. Einleitung

Das Leben der Frau im Mittelalter ist ein Thema, das heute viele Historiker beschäftigt. Allerdings ist die Suche nach objektiven Informationen schwierig, da das Quellenmaterial über Frauen im Mittelalter nicht sehr umfangreich ist und meist eine männliche Sichtweise repräsentiert. Zwar ist das Leben der adligen Frauen größtenteils überliefert, über nicht-adlige Frauen ist jedoch sehr viel weniger bekannt. Somit gibt es keine eindeutigen Quellen, die das Leben der Frauen aller Stände belegen. Darüber hinaus gibt es nur wenige Quellen darüber, wie Frauen im Mittelalter ihre Situation selbst erkannt und erlebt haben, denn Frauen haben ihre Leben meist nicht schriftlich festgehalten.

… women write not in black ink but in white milk. She was more likely to record history

in cloth than upon parchment. Her story is the unexamined, seemingly wrong side, of the

arras of history. Her chronicle was more likely to have been told to the baby in the cradle

and to the family at the hearth, and to have been woven at the loom and embroidered with

the needle, than it was to be inscribed with quills upon parchment and with chisels upon

stone.[1]

Die folgende Arbeit wird sich hauptsächlich mit der Stellung der Frau in England im ausgehenden 14. Jahrhundert beschäftigen. Diese Zeit des Spätmittelalters war geprägt durch das Wachsen und Ausdehnen von Städten. Außerdem sorgten Pestepidemien seit 1348 für eine Reduzierung der Bevölkerung, sodass jede Arbeitskraft benötigt wurde.[2]

Betrachtet man das Leben der Frau, ist es jedoch schwierig, genaue zeitliche Abgrenzungen zu finden, da Entwicklungen meist nicht abrupt, sondern kontinuierlich verliefen. Daher wird diese Arbeit einen allgemeinen Überblick über bestimmte Aspekte der Frau im Mittelalter geben und dabei immer wieder auf die Situation im 14. Jahrhundert verweisen.

In einem ersten Teil dieser Arbeit wird das mittelalterliche Frauenbild vorgestellt, das größtenteils durch die Ideen der Kirche geprägt war. Danach wird die rechtliche Stellung der Frau erläutert. In einem dritten Teil wird auf die Stellung der Frauen in der Ehe eingegangen, wobei dabei vier Aspekte hervorgehoben werden: das Arrangieren der Ehe, die mittelalterliche Hochzeit, Eheleben und Scheidung und das Leben als Witwe. Der folgende Teil beschäftigt sich dann mit Frauen in der Kirche und insbesondere im Kloster. Der Eintritt ins Kloster wird dabei ebenso behandelt wie das klösterliche Leben, der Einfluss von Äbtissinnen und Priorinnen sowie die Bedeutung des Klosters als Bildungsstätte. Der letzte Teil dieser Arbeit erörtert schließlich die Stellung der Frau in den verschiedenen gesellschaftlichen Schichten. Dabei werden zuerst sowohl die Bedeutung der Lady für die mittelalterliche Feudalgesellschaft erläutert als auch ihre Bildungsmöglichkeiten aufgezeigt. Auf die Beschreibung des Lebens der Bauersfrauen folgt die Stellung der Städterin. Die Ehe in der Stadt wird ebenso beschrieben wie das Leben der arbeitenden Frauen. In einem letzten Punkt wird dann auf die im Spätmittelalter immer weiter anwachsende Prostitution hingewiesen.

2. Das mittelalterliche Frauenbild

„Das Frauenbild der Kirche ist durch frauenfeindliche und diffamierende Schilderungen gekennzeichnet.“[3] Die Minderwertigkeit der Frau im Vergleich zum Mann wurde von der Bibel hergeleitet, denn Eva wurde nur aus der wenig wertvollen Rippe Adams geschaffen und nicht aus dessen Kopf oder Herz. Da es ihr daher an Herz und Verstand fehlte, konnte nur die Frau dazu verführt werden, die Frucht des verbotenen Baumes im Paradies zu kosten. Der Frau wurde also die Erbsünde vorgeworfen. Die Kirche sah die Frau als den Grund an, warum die Menschheit aus dem Paradies verbannt wurde.[4] Daraus entwickelte sich ein Bild, dass die Frau als Instrument des Teufels, als gleichzeitig minderwertig und böse ansah.[5]

Andererseits war das Frauenbild aber ebenso geprägt durch die Verehrung von Maria, der Mutter Christi. Es entwickelte sich ein Kult um ihre Person, der bis zum Ende des Mittelalters anhielt. Pilgerfahrten zu Marienschreinen fanden statt und viele Kirchen und Kathedralen erbauten Marienkapellen.[6] Das Frauenbild der Kirche war also zwiespältig. Frauen wurden folglich entweder als sündig angesehen oder sie wurden auf ein kaum erreichbares Podest gehoben. „Die negative und positive Vorstellung der Frau wurden durch Eva als Mutter der Sünde und der Jungfrau Maria als Mutter Gottes verkörpert.“[7]

Eine weitere Begründung für die Minderwertigkeit der Frau wurde durch die 4-Elemente-Theorie des Hippokrates hergeleitet. Aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft, Erde ergeben sich die Eigenschaften warm, feucht, kalt, trocken. Im Mittelalter wurden Männer als warm und trocken angesehen; Frauen dagegen als kalt und feucht. Daraus resultierte laut der mittelalterlichen Sichtweise die physiologische und moralische Unterlegenheit von Frauen gegenüber Männern.[8]

Die katholische Theologie des Thomas von Aquin verschärfte diese Minderwertigkeit. Dieser vertrat die Theorie, dass jeder Mann eigentlich männliche Kinder zeugen müsste. Nur durch widrige Umstände konnte ein Mädchen gezeugt werden. Die Frau wurde also als etwas Mangelhaftes und Verunglücktes angesehen – als eine biologische Fehlentwicklung. Im Mittelalter wurde die Geburt eines Mädchens daher als „Strafe Gottes“ angesehen.[9] „The female is understood to be the result of defective generation and is, as it were, a deformed male. Since she is imperfect, it is natural that man should rule over woman.”[10]

Diese Unterwerfung der Frau wurde schon durch den Apostel Paulus im Neuen Testament erläutert, der an eine hierarchische Ordnung glaubte, die von Gott über Christus zum Mann und letztendlich zur Frau führte.

„But I want you to know that the head of every man is Christ: the head of woman, man:

just as the head of Christ is God“ (I Cor. 11:3). “Wives, be subject to your husband as

to the Lord; for the man is the head of the woman, just as Christ is the head of the church”

(Eph. 5:22 – 23)[11]

Von Frauen wurde erwartet, dass sie entweder heirateten oder ins Kloster eintraten. Der Wert der Frau wurde an ihrem Familienstand gemessen. Ledige Frauen galten als gottgefällig, da die Jungfräulichkeit als ein Ersatz für die Priesterschaft gesehen wurde und daher hoch angesehen war. Ehefrauen und Mütter wurden als wertvoll und respektabel angesehen.

Das Frauenbild im Mittelalter änderte sich auch nicht durch die vielen intelligenten und politisch hochbegabten Frauen wie zum Beispiel Eleonore von Aquitanien, Jeanne d’Arc oder Hildegard von Bingen.

3. Die rechtliche Stellung der Frau

In der Regel war die Frau finanziell vom Mann abhängig und auf dessen Schutz angewiesen. Somit war die Frau dem Mann untergeordnet. Die Tätigkeit der Frauen beschränkte sich oftmals auf den häuslichen Bereich, denn im Mittelalter waren Frauen von öffentlichen Ämtern ausgeschlossen.[12]

Vor Gericht durfte die Frau nicht selbst auftreten, sondern ein Mann musste für sie sprechen. Sie musste außerdem mehr Zeugen vor Gericht vorweisen, um ihre Unschuld zu bezeugen. Während ein Mann nur sechs Zeugen brauchte, benötigte eine Frau 36.[13] Es gab unterschiedliche Gesetze für Männer und Frauen, denn Frauen wurden für die gleichen Verbrechen oft härter bestraft. Brachte eine Frau ihren Mann um, so wurde sie wegen Verrats zum Tode verurteilt, da ihr Ehemann als ihr Herr angesehen wurde. Tötete ein Mann seine Ehefrau, so konnte er, wenn er reich war, ein königliches Pardon erkaufen und wurde somit überhaupt nicht bestraft.[14]

Andererseits konnte eine verheiratete Frau aber auch von Verbrechen freigesprochen werden, wenn sie es schaffte zu beweisen, dass ihr Mann, dem sie zu Gehorsam verpflichtet war, sie zu der Tat gezwungen hatte. Außerdem konnte eine Schwangerschaft verhindern oder wenigstens hinauszögern, dass eine Frau zum Tode verurteilt wurde, da es illegal war, ein ungeborenes Kind zu töten.[15]

Frauen, die Opfer von Verbrechen geworden waren, wurden meist weniger entschädigt. Es gab auch Unterschiede bei der Entschädigung von verheirateten und unverheirateten Frauen. Wurde eine verheiratete Frau vergewaltigt, dann erhielt der Ehemann eine Geldstrafe vom Täter. Für eine unverheiratete Frau musste eine geringere Geldstrafe gezahlt werden. Wenn es keine Zeugen für die Vergewaltigung gab, wurde angenommen, dass sie nicht stattgefunden hatte. In vielen Gebieten wurde die Vergewaltigung nicht als Verbrechen behandelt, wenn der Mann danach einwilligte, die Frau zu heiraten.[16]

Wenn eine Frau vergewaltigt wurde, so wurde ihr von Seiten der Kirche die Schuld zugewiesen. Ebenso wie der Mann wurde auch sie bestraft.[17] Die Mediävistin Rebecca Gablé beschreibt eine solche Situation, in der eine vergewaltigte und dadurch schwanger gewordene Frau Rat bei einem Priester sucht, in ihrem historischen Roman „Der König der purpurnen Stadt“:

Dann sagte die warme Stimme des Priesters: „Dir ist ein großes Unrecht widerfahren.“

Sie kniff die Augen zu und versuchte, den Kloß in ihrer Kehle hinunterzuwürgen. „Ja,

Vater, was soll ich nur tun?“

„Nun, das Wichtigste scheint mir zu sein, dass du erst einmal erkennst, dass es deine eigene

Schuld ist.“

Sie riss die Augen auf und starrte den Vorhang ungläubig an. „Bitte? Aber … wieso?“

„Weil du eine Tochter Evas bist. Alle Frauen sind sündig, mein Kind, auch du. Und ehe du

das nicht einsiehst, kannst du deine Verfehlungen nicht bereuen. Ehe du sie nicht bereust,

wird Gott dir nicht vergeben.“

Annot atmete tief durch: „Ich bin nicht gekommen, um Vergebung für eine Sünde zu

erbitten, die ich nicht begangen habe, Vater. Ich suche Rat.

„Da siehst du, wie verstockt du bist. Geh in dich. Gib zu, dass du dem Kaufmann schöne

Augen gemacht hast. Vermutlich hast du gehofft, er werde seine kinderlose Frau fortschicken

und stattdessen dich nehmen.“[18]

Mit dem Tod des Ehemannes wurde die Frau meist finanziell und rechtlich unabhängiger. Außerdem verbesserte sich im 14. und 15. Jahrhundert die rechtliche Stellung der Frau zunehmend, denn sie hatte einen größeren Anspruch auf die Besitztümer ihres Mannes und konnte selbst Besitztümer haben.[19]

[...]


[1] Julia Bolton Holloway. Equally in God’s Image – Women in the Middle Ages. New York: Peter Lang

Publishing, 1990, S. 8.

[2] Vgl. Mavis E. Mate. Women in Medieval English Society. Cambridge: CUP, 1999, S. 27.

[3] http://www.frauenjournal.de/artikel1.htm.

[4] Vgl. http://www.frauenjournal.de/artikel1.htm, siehe auch Anhang I.

[5] Vgl. Eileen Power. Medieval Women. Cambridge: CUP, 1975, S. 14.

[6] Vgl. Power, S. 19.

[7] http://pflege.klinikum-grosshadern.de/campus/berufsku/hexe/hexe.html.

[8] Vgl. Henrietta Leyser. Medieval Women – A Social History of Women in England 450-1500. London:

Phoenix Press, 20035, S. 97.

[9] http://pflege.klinikum-grosshadern.de/campus/berufsku/hexe/hexe.html.

[10] Jennifer Carpenter. Power of the Weak – Studies on Medieval Women. Urbana: University of Illinois Press,

1995, S. 4.

[11] Carpenter, S. 5.

[12] Vgl. Jennifer Lawler. Encyclopedia of Women in the Middle Ages. Jefferson: McFarland, 2001, S. 5.

[13] Vgl. Marty Williams & Anne Echols. Between Pit and Pedestal – Women in the Middle Ages. Princeton:

Markus Wiener Publishers, 1994, S. 159.

[14] Vgl. Williams, S. 159.

[15] Vgl. Williams, S. 159.

[16] Dieser Abschnitt fußt auf: Lawler, S. 101.

[17] Vgl. Lawler, S. 100.

[18] Rebecca Gablé. Der König der Purpurnen Stadt. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2002, S. 73-74.

[19] Vgl. Lawler, S. 81.

Details

Seiten
30
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638537780
Dateigröße
2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v60003
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Stellung Frau England Jahrhundert Hauptseminar Geoffrey Chaucer Canterbury Tales

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