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Der Wandel von Gottfried Benns Kunstprogrammatik während der Dreißiger Jahre

Hausarbeit 2004 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Hauptteil
2. Gottfried Benns Kunstprogrammatik während der Dreißiger Jahre
2.1 Kunst, Geschichte und Dorische Welt
2.2 Wandel und ‚Geist‘- Begriff
3. Versagen des Weltbildes - Der „Monolog“
4. Monologische Dichtung
4.1 Die in sich gekehrte Psyche in „Einsamer nie – “
4.2 „Wer allein ist – “
5. Schlussbemerkungen
6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Dichter und Essayist Gottfried Benn ist ohne Zweifel eine der widersprüchlichsten Figuren der literarischen Welt der Dreißiger Jahre. Eben noch provozierend in seiner Verachtung für Politik und Plebejertum, unterstützte er ab 1933 wortgewaltig und nahezu fanatisch eine Diktatur, die eben dieses demagogische, aufdringliche Plebejertum verkörperte. Mit der ganzen Kraft seines literarischen Talents zog er alle möglichen und unmöglichen Vergleiche heran, um die Bedeutung des für ihn glorreichen Wandels in Deutschland zu betonen.

Doch bald schon, spätestens nach dem Röhm- Putsch 1934, setzte die Desillusionierung ein; angewidert wandte sich der Künstler von der Welt ab und seinem Innersten zu. Gesellschaftlich isoliert und als Militärarzt in der ‚inneren Emigration‘ überstand er die Kriegsjahre. Ebenso wie seine politische Gesinnung unterlag auch seine Kunstprogrammatik in diesen Jahren einem tiefgreifenden Wandel. In der Zeit der Begeisterung für den Nationalsozialismus war für Benn die eng mit der Hoffnung auf einen neuen, idealen Staat verbundene Verbindung zwischen Kunst und Macht, die er in seinem Essay Dorische Welt beschreibt, von zentraler Bedeutung. Nach seinem Rückzug aus der Öffentlichkeit, beschämt über seine Fehleinschätzung des neuen Regimes, widmete er sich zunehmend der so genannten monologischen Dichtung, die auf das reflektierende Individuum konzentriert ist.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich im ersten Teil mit den Ursachen und Auswirkungen dieses Wandels der ästhetischen Theorien Gottfried Benns. Hierbei wird besonderer Wert auf die Darstellungen in Dorische Welt sowie die Bedeutung, die der Begriff des formgebenden ‚Geistes‘ für Benn hatte, gelegt. Im zweiten Teil liegt der Schwerpunkt auf der Analyse der ‚monologischen‛ Dichtung; ein Begriff, der ähnlich wie ‚Montagekunst‛ untrennbar mit dem Kunstbegriff des Lyrikers verbunden ist. Hierfür werden einmal das Schmähgedicht „Monolog“, welches Benn 1941 als eine abrechnende Auseinandersetzung mit dem Naziregime verfasste, zum anderen zwei typische Beispiele seiner monologischen Dichtung, „Einsamer nie –“ und „Wer allein ist – “ im Hinblick auf die Umsetzung der Kunstprogrammatik und der ästhetischen Überzeugungen untersucht.

Hauptteil

2. Gottfried Benns Kunstprogrammatik während der Dreißiger Jahre

2.1 Kunst, Geschichte und Dorische Welt

Im Zuge einer Untersuchung der Kunstprogrammatik Gottfried Benns während der dreißiger Jahre scheint es unvermeidlich, die Biographie des Lyrikers sowie die Gründe, die zu seiner kurzfristigen Unterstützung des nationalsozialistischen Regimes führten, wenigstens ansatzweise zu untersuchen. Hierbei ist zu beachten, dass Benn zu den Künstlern gehört, die Voraussetzung und Bedingungen des eigenen Werks besonders intensiv reflektiert haben.

Der aus strenggläubigem, konservativem Elternhaus stammende Gottfried Benn trat der nationalen Kriegsbegeisterung 1914 als Stabsarzt noch mit einer „pazifistischen, defaitistischen, antikapitalistischen und antiautoritären Stimmung“[1] entgegen, die auf eine strikt unpolitische Haltung und ein gewisses Außenseiterbewusstsein hindeutet. Anfang der dreißiger Jahre ergriff der früher eher öffentlichkeitsscheue Künstler jedoch radikal Partei für die neuen Machthaber, ein Gesinnungswandel, der sich in zahlreichen Essays und Radioansprachen niederschlug. Es gibt in der neueren Literaturforschung vielfältige Ansätze, diesen Wandel zu interpretieren, vielleicht auch, ihn ‚wegzuerklären‛. So vermutet Susan Ray,

Benn´s motives were neither political nor financially conditioned, but rather the result of his fundamental irrationalism. The uneasy combination of his extreme political conservatism together with his avant-garde aesthetic convictions moved Benn to support the Nazis´ völkisch rejection of capitalism, communism, and liberal democracy[2]

D. Liewerscheidt benennt als Gründe für die Änderung der Einstellung Benns die These von der „Resozialisation des Außenseiters“[3], die durch zunehmende literarische Anerkennung erfolgte, welche 1932 mit der Aufnahme in die renommierte Preußische Akademie der Künste ihren Höhepunkt erreichte.

Benn habe „1933 anstelle der bisherigen Paria- Existenz den ersehnten quasi- aristokratischen Status erreicht, den er durch eine kritische Absage an die neuen Machthaber nicht kurzerhand habe gefährden wollen“[4].

Es lässt sich anhand dieser und anderer Thesen eindeutig vermuten, dass Gottfried Benn den Nationalsozialismus nicht in seiner Eigenschaft als politischer Mensch, sondern aus der Position des gesellschaftlich isolierten Künstlers heraus betrachtete. Auch J. Schröder bemerkt: „die Sphäre des Politischen hat er zeitlebens verachtet, ein politischer Schriftsteller ist er niemals gewesen“[5]. Benns anfangs positive Haltung lässt sich vielmehr durch sein tiefes Bedürfnis einmal nach Anerkennung in der Gesellschaft, nach Resozialisation erklären, zum anderen durch seine Hoffnung, dass im Zuge der Machtergreifung Hitlers eine umfassende, strukturelle und artistische Erneuerungsbewegung das Gesicht Deutschlands verändern könne.

as his essays of the time indicate, Benn interpreted the Nazi ideas of racial supremacy and the eugenic purification of the German race as the realization of Nietzsche´s race of artist-kings, of productive and creative Übermenschen , capable of transforming nihilism into art, the latter understood in Benn´s own aesthetic, if not downright metaphysical, terms[6]

Diese Äußerung Susan Rays verdeutlicht den Anspruch, den der Künstler Benn an die Bewegung des Nationalsozialismus stellte: die Entwicklung einer neuen, kreativen Weltanschauung, die das künstlerische Genie anerkennt und aus seiner gesellschaftlichen Randstellung in den Mittelpunkt rückt. Im Zuge dieser Erwartung änderte Benn zum Teil radikal seine bisherigen ästhetischen Auffassungen. So behauptet der früher energische Vertreter des historischen Pessimismus: „ Immer prägte die Geschichte den Stil, immer war dieser Stil die Verwirklichung eines neuen historischen Seins“[7].

Insbesondere der politische Aspekt der Geschichte scheint Benn plötzlich dazu zu dienen, Kunst realisieren zu können, besonders wenn er versucht, diesen mit kunstgeschichtlichen Aspekten zu verknüpfen. Dennoch ist seine tiefe Verachtung für das „bürgerliche Neunzehntes- Jahrhundert- Gehirn“[8] mit seinen tradierten Normvorstellungen immer noch spürbar. Reinhard Alter äußert dazu völlig zutreffend:

In his pre-1933 artistic theory he had drawn upon scientific terminology to illustrate his own (highly unscientific) theory of the irrational basis of creativeness; in 1933 he draws upon political terminology to express an essentially apolitical, metaphysical view of history and politics[9]

Weiterhin entsprach der gezielte Einsatz von neuen Medien zur Propagandaverbreitung durch die Nazis Benns Vorstellung einer ‚erneuerten Sprache‛ - “a new language, ….. [that] was capable of creating a new consciousness, a new myth, a new relation to reality more consonant with the changing times”[10].

Benns Kunstprogrammatik der frühen dreißiger Jahre war bestimmt vom Begriff der Form , einem Prinzip, dass in den Augen des Künstlers sowohl Kunst als auch den nationalsozialistischen Staat verkörperte:

Form-: in ihrem Namen wurde alles erkämpft, was Sie im neuen Deutschland um sich sehen; Form und Zucht: die beiden Symbole der neuen Reiche; Zucht und Stil im Staat und in der Kunst: die Grundlage des imperativen Weltbildes, das ich kommen sehe.[11]

Dieser für Benns Kunsttheorie zentrale Gedanke des Zusammenhangs zwischen Kunst und Macht findet sich in seinem Essay Dorische Welt wieder, das 1934 veröffentlicht wurde. Nach F. W. Wodtke versucht der Lyriker, „im Bilde Griechenlands, Athens und Spartas den großen Konflikt seiner eigenen Zeit zwischen dem Machtanspruch des totalen Staates und dem Freiheitsanspruch der modernen Kunst zu spiegeln“[12]. Benn kam es darauf an, die für ihn klar erkennbaren gemeinsamen, letztendlich aber auch unterschiedlichen Ansprüche von Kunst und Staat herauszuarbeiten.

Unklar ist Wodtkes Aussage, „…..daß Benn keinesfalls gesonnen war, das von ihm behauptete antike Verhältnis von Kunst und Macht auf die Gegenwart zu übertragen und die Kunst dem Machtwillen der Nationalsozialisten auszuliefern“[13]. Benn sah dieses Verhältnis als idealtypisch und wünschenswert an, zwar wollte er sicher keine rigide staatliche Zensur der Kunst, aber die enge Verknüpfung eines sich entwickelnden Stilgefühls mit einem elitären Staat lag für ihn auf der Hand.

[...]


[1] Schröder, Jürgen: Gottfried Benn und die Deutschen. Studien zu Werk, Person und Zeitgeschichte. Tübingen: Stauffenberg, 1986. S. 11.

[2] Ray, Susan: Beyond Nihilism . Bern: Lang, 2003. S. 24.

[3] Liewerscheidt, Dieter: Gottfried Benns Lyrik . Eine kritische Einführung . München: Oldenbourg, 1980. S. 40.

[4] Liewerscheidt, Dieter, 1980. S. 40.

[5] Schröder, Jürgen, 1986.S. 16.

[6] Ray, Susan: Beyond Nihilism . Bern: Lang, 2003. S. 25.

[7] „Der neue Staat und die Intellektuellen“. In: Gottfried Benn. Gesammelte Werke . Hrsg. D. Wellershoff, Wiesbaden, 1958ff. Bd. 1, S. 445.

[8] Ebd. Bd. 4, S. 241.

[9] Alter, Reinhard: Gottfried Benn. The Artist and Politics (1910-1934). Bern: Lang, 1976. S.92.

[10] Ray, Susan, 2003. S. 56.

[11] Gottfried Benn.Gesammelte Werke . Hrsg. D. Wellershoff, Wiesbaden, 1958ff. Bd.1, S. 481.

[12] Wodtke, F.W.: Die Antike im Werk Gottfried Benns. Orbis Litterarum Tome XVI.1963. S. 200.

[13] Ebd. S. 210.

Details

Seiten
18
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638537636
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59982
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Wandel Gottfried Benns Kunstprogrammatik Dreißiger Jahre Proseminar Deutsche Lyrik

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