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Die osmanische Expansion und die Formierung europäischen Bewusstseins bis 1683

Bachelorarbeit 2006 51 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Entwicklung und Gebrauch des Europabegriffs von der Antike bis 1453
2.1 Der Europamythos
2.2 Die Antike
2.3 Das Mittelalter

3 Die osmanische Expansion und die Eroberung Konstantinopels 1453
3.1 Struktur des Osmanischen Reiches
3.1.1 Das timar -System
3.1.2 Das Militärwesen
3.1.3 Staatsapparat und Gesellschaft
3.2 Expansion und Eroberungen bis 1453
3.3 Die Eroberung Konstantinopels

4 Die Reaktionen auf die Eroberung und ihre Auswirkungen für „Europa“

5 Die Weiterentwicklung des Europabegriffs nach 1453 im Sinne einer Formierung europäischen Bewusstseins

6 Türkenkriege und Habsburger bis zum Entsatz Wiens 1683

7 Ausblicke

8 Schlussbetrachtung

9 Resumen

10 Anhang
10.1 Karte: Aufstieg des Osmanischen Reiches bis 1683
10.2 Frontispiz von Breitenfels

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Begriff „Europa“ im Sinne einer historisch-politischen und kulturellen Einheit ist keine seit grauen Vorzeiten im Bewusstsein der Bewohner dieses Kontinents institutionalisierte Größe, auch wenn dies vielerorts von verantwortlichen Politikern und meinungsbildenden Massenmedien und Eliten im Zuge der Entwicklung Europas in den letzten Jahrzehnten insinuiert werden möchte und auch Historiker sich häufiger „als Apologeten eines scheinbar schon immer existenten Kultureuropa betätigen“.[1] Europa war nie eine Konstante im politischen Sinne, vielmehr ist Europa „not so much a place as an idea“.[2] Dieses Zitat von Peter Burke lässt bereits durchscheinen, dass Europa nie eine fest umrissene Größe war – weder geographisch noch politisch – , sondern vielmehr je nach Interessenlage stets anders und neu definiert wurde. Mehr noch, in der Zeit vom fünften vorchristlichen Jahrhundert bis zum 15. Jh. unserer Zeitrechnung wurde der Begriff „Europa“ nur sporadisch verwendet und ohne dabei viel Gewicht zu besitzen.[3] Die Menschen sahen sich bis zur Frühen Neuzeit – abgesehen von einigen Ausnahmen, auf die im Verlauf der vorliegenden Arbeit noch gesondert einzugehen sein wird – nicht als „Europäer“. Der programmatische Gebrauch des Begriffs „Europa“ im Sinne der oben erwähnten historisch-politischen und kulturellen Einheit beginnt sich vielmehr erst in der Zeit des Übergangs vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit durchzusetzen, als der Terminus auf Grund bestimmter Entwicklungen neuen Sinn und Inhalt gewinnt[4] und so allmählich eine vorher existente Identifikationsgröße ablöst.

Diese Identifikationsgröße war im Mittelalter die Christenheit, und die in den zeitgenössischen Texten üblichen und synonym gebrauchten Termini christianitas und res publica christiana machen deutlich, „that Christendom was the largest unit to which men in the Latin west felt allegiance in the middle ages“.[5] Die christianitas umfasste die latinitas, entsprach also denjenigen Territorien, die im Autoritätsbereich der römischen Papstkirche lagen und schloss somit das byzantinische Reich aus. Die Grenzen der res publica christiana verschoben sich im Verlauf des Mittelalters immer wieder und waren nie deckungsgleich mit den geographischen Grenzen des Kontinents. Die Expansion der christianitas während des Mittelalters lässt sich recht gut anhand der Ausbreitung neu gegründeter Bischofssitze auf der Landkarte verfolgen, auch wenn dies selbstverständlich keinen direkten Aufschluss über die mentale Verfassung der Menschen zu dieser Zeit geben kann.[6] Trotzdem legt das Festhalten an einer einheitlichen Liturgiesprache, die Vorherrschaft einer bestimmten religiösen Kultform und die Tatsache, dass damit auch die Kennzeichnung einer gesellschaftlichen Ordnung einher ging,[7] eine intensiv empfundene Einheit im Mittelalter nahe,[8] die unter der Formel christianitas zusammengefasst wurde. Dieses mittelalterliche Verständnis von Einheit bezog sich – im Gegensatz zu ecclesia – nicht nur auf den Klerus, sondern schloss den Laien mit ein[9] und wurde verstärkt durch die Abgrenzung zur nicht-christlichen Welt. Teile dieser nicht-christlichen Welt befanden sich bis zur vollständigen Christianisierung des Kontinents im Jahre 1386, als auch die litauische Dynastie sich im Tausch gegen die polnische Krone zum Christentum bekehren ließ,[10] auf dem europäischen Kontinent und unterstreichen die These, dass es nicht sinnvoll ist, im Mittelalter von „Europa“ als programmatischem Begriff mit politischen Konnotationen zu sprechen. Nicht zu vergessen sind hierbei auch die diversen christlichen Enklaven auf nicht-europäischem Boden, wie beispielsweise die von den Kreuzrittern 1099 eroberte Stadt Jerusalem.

In der umfangreichen Literatur zu diesem Thema lassen sich vor allem drei Hauptpunkte bei der Herausbildung eines europäischen Bewusstseins ausmachen, die den bis ins 14. Jh. fast ausschließlich geographisch gebrauchten Begriff „Europa“ nun mit einem programmatischen Inhalt versehen und „Europa“ als kulturelle und politische Einheit erscheinen lassen. Zum einen war die Bedrohung durch die Osmanen, die Türkengefahr, die nach der Eroberung Konstantinopels innerhalb der Christenheit verstärkt wahrgenommen wurde, ein ausschlaggebender Faktor, denn „a common danger encouraged a sense of solidarity, even among enemies“.[11] Augenfällig ist hierbei, dass sich im Rahmen der Auseinandersetzung mit der Eroberung Konstantinopels und allgemein im Kontext der Türkenbedrohung der Gebrauch des Wortes „Europa“ in den literaten Kreisen häuft.[12] Zum anderen trägt die „Entdeckung“ Amerikas zu einer vermehrten Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbstverständnis bei, die „europäischen“ Eigenheiten werden im Spiegel des „Wilden“ klarer gesehen, „in der Konfrontation der Stereotypen über die alte und neue Welt ergibt sich ein schärferes Europabewußtsein“.[13] Im Gegensatz zu diesen beiden Situationen, die sich aus einer Abgrenzung nach außen ergeben, ist der dritte Punkt, der einen Bewusstseinswandel im Sinne einer europäischen Identität forciert, einer Auseinandersetzung im Innern geschuldet. Im Zuge der lutherischen Reformation fällt die Christenheit als Identifikationsgröße weg[14] und hinterlässt eine christianitas afflicta.[15] Nach der Aufspaltung der einen in drei Konfessionen entstehen konkurrierende Weltbilder, die ein Vakuum hinterlassen, das nach und durch den Begriff „Europa“ gefüllt wird, da die christianitas die neue Realität nicht mehr zureichend widerspiegeln konnte.

Der im 14. Jh. und dann vor allem im 15. Jh. sprunghafte Anstieg der Verwendung des Wortes „Europa“ und mit ihm sein emotionaler Gehalt[16] ist zudem auf das Aufkommen einer neuen Art von Kartographie zurückzuführen. Die im Mittelalter üblichen T-O-Karten, die Jerusalem als Zentrum der bekannten Welt abbildeten, stellten eine heilsgeschichtliche Interpretation der Welt dar und hatten keinen Anspruch auf geographische Genauigkeit, dienten also eher einer spirituell-religiösen Orientierung denn einer exakten Wiedergabe der Örtlichkeiten. Im 14. Jh. jedoch treten vermehrt die so genannten Portolane – Karten für die Seefahrt – in Erscheinung, die sich bemühen, die Küstenverläufe so exakt und akkurat wie möglich wiederzugeben, um die Orientierung zu See zu erleichtern. Durch den vermehrten und intensiven Umgang mit diesen Karten – auch seitens interessierter Nicht-Reisender – wurde das Bewusstsein für den eigenen Kontinent geschärft, „the fifteenth century thus saw alongside the traditional picture (...) the emergence in the new maps of a visual apprehension of the world in fresh terms“.[17]

Ein letzter Aspekt, der als „europastiftendes“ Element betrachtet werden kann, sind die Kämpfe um das europäische Gleichgewicht des 17. und 18. Jh.s, die „Europa als ein[en] Schauplatz sich bekriegender protonationaler Staaten“[18] und dynastischer Konflikte auf der Bühne des Weltgeschehens erscheinen lassen. In diesem Zusammenhang wird der Verbund der europäischen Staaten als ein in sich geschlossenes System begriffen, das zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr als res publica christiana verstanden werden kann und dessen balance of power empfindlich durch das Vormachtstreben einer einzelnen Macht gestört werden konnte.[19]

Dass dieses Bündel von Faktoren als ein komplexes Geflecht von sich einander bedingenden Umständen mit fließenden Übergängen betrachtet werden muss, sollte dem Leser bewusst sein. Das gilt auch für die Tatsache, dass die einzelnen Autoren auf Grund verschiedener Schwerpunktsetzungen in ihren Ansichten darüber, wann und unter welchen Umständen sich das Europabewusstsein etablierte, variieren. Zusammenfassend kann jedoch gesagt werden, dass sich die Forschung darüber einig ist, dass sich der Europabegriff zum Ende des 17. Jh.s als Bezeichnung für ein politisches Kollektiv durchgesetzt hatte und für ein ausgeglichenes System von souveränen Staaten, religiöse Toleranz und expandierende Wirtschaft stand[20] und damit die Identifikationsgröße christianitas weitestgehend überformt hatte.

Bis hierher sollte deutlich geworden sein, dass Europa nicht als selbstverständliche Einheit entstand, sondern „vielmehr erst in langen Auseinandersetzungen mit anderen feindlichen politischen und kulturellen Systemen seine Identität aus[bildete]“.[21] In der vorliegenden Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit die osmanische Expansion und insbesondere die Eroberung Konstantinopels zu einem Wandel des identitätsstiftenden Moments hin zu einem „europäischen Bewusstsein“ beigetragen haben, ob die Türken also tatsächlich Pate an der Wiege des neuzeitlichen Europa standen.[22] Ebenso soll der Prozess der Ablösung des Begriffs christianitas durch den Begriff „Europa“ in der Folge der Eroberung Konstantinopels näher untersucht werden. Dazu werden die vielen Wandlungen, die der Europabegriff von der Antike bis in die Frühe Neuzeit erfahren hat, im Detail untersucht, dabei insbesondere die Expansion des Osmanischen Reiches und dessen Auswirkungen auf das europäische Selbstverständnis bis zum Entsatz Wiens 1683. Andere Themenkomplexe, die die Herausbildung eines europäischen Bewusstseins gefördert haben, wie bspw. die konfessionelle Spaltung des Kontinents oder das Aufkommen der modernen Kartographie, können in dieser Arbeit keine weitere und detaillierte Betrachtung erfahren. Sie werden jedoch an entsprechender Stelle, wenn es für das Gesamtverständnis der Problematik unerlässlich ist, im Zusammenhang kurz angeschnitten. Das gleiche gilt für die Erläuterungen der politischen Ereignisgeschichte der zu behandelnden Epoche. Es werden hauptsächlich diejenigen Geschehnisse Erwähnung finden, die für die zu betrachtende Thematik relevant sind.

2 Entwicklung und Gebrauch des Europabegriffs von der Antike bis 1453

2.1 Der Europamythos

Der Europamythos entspringt der griechischen Mythologie und hat somit seinen Ursprung im östlichen Mittelmeerraum. Die etymologische Herkunft des Wortes „Europa“ ist bis heute allerdings nicht eindeutig geklärt, es herrschen hier wenigstens drei verschiedene Ansätze vor. Der älteste Ansatz, der auch in der neueren Zeit wieder einen gewissen Aufschwung erfahren hat,[23] ordnet dem Wort einen semitischen Ursprung zu und leitet es von dem phönikischen Begriff „ereb“ her, was für die phönikischen Seefahrer soviel wie „Sonnenuntergang“[24] oder „dunkel“ bedeutete. Hay führt u. a. eine griechische Herkunft des Wortes an: Europe, Name verschiedener griechischer Göttinnen, bedeutet in dieser Hinsicht so viel wie „weithinblickend“.[25] Eine dritte These meint einen vorgriechisch-altmediterranen Ursprung des Wortes auszumachen, das ein in Thrakien oder Makedonien siedelndes Volk im Zuge seiner Wanderungen um die Wende vom 2. zum 1. vorchristlichen Jahrhundert den Griechen übergeben hätte.[26] Auch wenn sich bis hierhin keine abschließende Klärung für die Herkunft des Wortes finden lässt, wichtig scheint an dieser Stelle die Tatsache zu sein, dass das Wort Europe in der ersten, uns überlieferten schriftlichen Fixierung im 8. Jh. v. Chr. in der griechischen Literatur auftritt, und zwar in der Theogonie des Hesiod, in der Europe als Gottheit erwähnt wird. Der Mythos vom Raub der Europa ist hingegen vollständig erstmals in einer alexandrinischen Fassung aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert überliefert.[27] Dieser Mythos trat in verschiedenen Varianten auf und hat im Laufe der Zeit diverse Interpretationsverschiebungen erfahren. Im Kern wird jedoch immer die Geschichte der Europa, Tochter des phönikischen Königs Phoinix (in jüngeren Versionen des Agenor), erzählt, die beim Spielen am phönikischen Ufer vom griechischen Gott Zeus erblickt wird. Dieser entflammt in heißer Liebe zu Europa und entführt sie in Gestalt eines Stiers über das Meer nach Kreta, wo er sich ihr als Zeus offenbart und mit ihr drei Söhne zeugt, die wiederum später das Reich des kretischen Königs Asterios erben.

Der Europa-Mythos war in ein Bündel weiterer Mythen eingebettet und seine einzelnen Elemente standen in der Antike u. a. als Metapher für leibliche Fruchtbarkeit, erotische Liebe und ausreichende Nahrung.[28] Es deutet also einiges darauf hin, so Schmale, dass „der Europamythos nicht der Gründungsmythos eines Kontinents [war], sondern eine mythische Erzählung über Auserwähltheit, Glück und Fruchtbarkeit“.[29]

2.2 Die Antike

In der Antike erscheint „Europa“ zunächst als relativ eng begrenzter und vage bestimmter geographischer Begriff. Die Griechen benutzten den Begriff „Europa“ als geographische Bezeichnung nachweislich erstmals bereits vor der Mitte des 1. vorchristlichen Jahrtausends. Er bezeichnete allerdings einen recht beschränkten Raum, der nur einen Bruchteil des heutigen Griechenlands umfasste.[30] Zu Beginn des 6. Jh.s v. Chr. jedoch begannen die Griechen, die bis dahin bekannten Teile der Erde zu kategorisieren und bezeichneten den „Raum zwischen Gibraltar und dem Schwarzen Meer als ‚Europa’“[31], schlossen allerdings den Norden des europäischen Kontinents nicht mit ein. Die anderen Teile der bekannten Welt wurden Libye (Afrika) und Asien genannt, wobei anzumerken ist, dass diese Namen als geographische Kategorie bereits viel länger existierten als „Europa“. Im Zuge der Erkundungen des Kontinents erweiterten sich die Kenntnisse über das, was „Europa“ war und so wusste man gegen 180 n. Chr. um die Ausdehnung des Kontinents bis zum nördlichen Eismeer hin.[32] Über die östliche Grenze nach Asien herrschte im Laufe der Antike häufig Uneinigkeit, letztendlich sprach sich der griechische Geschichtsschreiber Herodot (ca. 484-425 v. Chr.) für den Fluss Tanais (Don) als Begrenzung aus. Obschon sich nicht alle Herodots Meinung anschlossen, erfuhr diese von Herodot gesetzte Grenze doch große Akzeptanz und wurde über das Mittelalter hinweg bis in die Neuzeit tradiert.[33] Interessanterweise schloss Herodot die Insel Kreta, den zentralen Schauplatz des Europa-Mythos’, gänzlich aus seiner räumlichen Europa-Vorstellung aus,[34] was wiederum die These unterstützt, dass der Europa-Mythos nicht als Gründungsmythos des Kontinents betrachtet werden sollte.

Angesichts der griechisch-persischen Auseinandersetzungen jedoch begannen die Griechen, das Wort „Europa“ mit politisch-kulturellem Inhalt zu versehen. Denn obschon sich die Griechen selber als „Hellenen“ bezeichneten und das Land, in dem sie lebten, „Hellas“ nannten, kam dem Europabegriff bei der Abgrenzung zwischen dem „Wir“ und „den Anderen“ eine große Bedeutung bei. Der griechisch-persische Konflikt wurde als Konflikt zwischen Europa und Asien dargestellt. Es wurden kulturelle Verschiedenheiten herausgearbeitet und Asien (die Perser) stand synonym für den despotischen Osten, wohingegen Europa (die Griechen) den freiheitsliebenden Westen symbolisierte.[35] Diese dichotome Begriffsbildung wird die nächsten Jahrhunderte überdauern und uns in ähnlicher Form an anderer Stelle in dieser Arbeit noch einmal begegnen. Aufschlussreich ist hierbei, dass dieser politisch und kulturell angereicherte Europabegriff sich in der Vorstellung der Griechen „nicht mit dem doch klar bestimmten und viel weiteren Umfang des Erdteils der Geographie deckt“.[36] In seiner programmatischen Bedeutung wurde der Europabegriff in der Antike offensichtlich nur während Zeiten militärischer Bedrohung gebraucht, in Friedenszeiten schienen sich die Griechen nicht als Europäer zu sehen,[37] sondern eben als „Hellenen“. Die Römer schließlich hatten für den Terminus „Europa“ keinerlei Verwendung, was nicht weiter verwunderlich scheint, erstreckte sich das Imperium Romanum in seiner größten Ausdehnung doch immerhin über drei Kontinente. Das von den Römern herangezogene Begriffspaar zur Abgrenzung von „den Anderen“ war das der „Römer und Barbaren“. Dieses Begriffspaar wurde von den Griechen übernommen, die der Formel „Hellenen und Barbaren“ den Vorzug gegenüber des nur kurzzeitig gebrauchten „Europa“ gaben. Der Terminus „Barbaren“ bezeichnete all jene Menschen, die eben nicht Hellenen bzw. Römer waren und brachte deren „Andersartigkeit in Sprache und Abstammung, in Kultur und Religion, aber auch in der inneren politischen Ordnung ihrer Staatenwelt“[38] zum Ausdruck.

2.3 Das Mittelalter

Auch im Mittelalter ist der Begriff „Europa“ nur hin und wieder und sehr sporadisch anzutreffen, er hatte „als symbolische Grenzziehung keine herausragende Bedeutung, sondern wurde hauptsächlich als geographische Bezeichnung für einen der drei bekannten Kontinente neben Africa und Asia verwendet“.[39] Mit der Völkerwanderung und dem damit einhergehenden Zerfall des weströmischen Reiches verlagerte sich der politische Schwerpunkt des Kontinents vom Mittelmeerraum in das Gebiet nördlich der Alpen. Die sich dazu parallel vollziehende Christianisierung machte das Gegensatzpaar „Christen und Heiden“ zum zentralen Unterscheidungsmerkmal[40] und im Rahmen der für das Mittelalter charakteristischen, heilsgeschichtlichen Interpretation der Weltgeschichte war das Römische Reich und damit die translatio imperii, der zentrale Gedanke. Schon alleine deshalb bot sich die Verwendung des Begriffs „Europa“ in politisch-kultureller Hinsicht nicht an, denn mit ihm konnte nicht die Vorstellung zum Ausdruck gebracht werden, dass man Erbe des vierten und letzten biblischen Reiches sei.

Und auch wenn der Europabegriff im Mittelalter noch keine programmatische Qualität erlangte, bekam er in dieser Zeit jedoch eine christliche Mitbedeutung: der Bericht von den drei Söhnen Noahs im ersten Buch Moses wurde dahingehend interpretiert, als dass eben diese drei Söhne die Stammväter aller Völker seien, die die drei bekannten Erdteile bewohnten. Im Zuge dieser Interpretation wurde Ham als Stammvater der afrikanischen Völker, Sem der asiatischen und Jafet der europäischen Völker ausgewiesen. Diese Tatsache ist für das Selbstverständnis der lateinischen Christenheit von nicht zu unterschätzender Relevanz, da auf diese Weise „das im Gesichtskreis der antiken Kulturvölker geschichtslose Europa nördlich der Alpen (...) eine Geschichte [hatte], die genauso weit zurückreichte wie die Asiens mit Sem als Stammvater und die zum göttlichen Heilsplan gehörte“.[41]

Die im Mittelalter im westlichen Teil Europas intensiv empfundene politisch-kulturelle Einheit wurde im damaligen Sprachgebrauch unter der Bezeichnung christianitas oder auch res publica christiana zusammengefasst. Diese Begriffe kamen in ihrer programmatischen Bedeutung im 9. Jh. auf[42] und umfassten nicht nur die Gemeinschaft der (der römischen Papstkirche unterstehenden) Gläubigen, sondern auch eine damit einhergehende regionale Ausdehnung sowie eine kirchliche und politische Ordnung.[43] Byzanz wurde deshalb von dem Begriff christianitas nicht erfasst und im Zuge des Kirchenschismas von 1054 verstärkten sich die (empfundenen) Gegensätze zwischen dem lateinischen und dem orthodoxen Christentum nachhaltig. Diese komplexe Bedeutungszuweisung von christianitas lässt Hay denn auch zu dem Schluss kommen, dass „Europa“ für das zeitgenössische Empfinden im Mittelalter „a word lacking sentiment, Christendom a word with profound emotional overtones“[44] war. Die christianitas definierte sich als Einheit, die sich mit den beiden Universalgewalten Kaiser und Papst an der Spitze gegen die nicht-christliche Welt absetzte, ein Umstand, der sich in der, das Mittelalter durchziehenden Kreuzzugsideologie manifestierte. Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, waren die Grenzen dieser so verstandenen Einheit nicht statisch, sondern verschoben sich vielmehr im Verlauf der Jahrhunderte im Zuge der christlichen Eroberungsdynamik immer wieder und waren nie deckungsgleich mit der geographischen Ausdehnung des Kontinents.[45]

Eine Ausnahme jedoch bildete das Karolingerreich, denn das „Reich Karls des Großen verstand sich expressis verbis selbst als Europa und nannte sich so“.[46] Karl der Große selbst wurde bereits zu Lebzeiten von seinen Zeitgenossen als pater Europae betitelt. Das unter Karl dem Großen entstandene politische Gebilde stellte eine Neuerung dar, einen veränderten Machtschwerpunkt, der zum Teil außerhalb der früheren Grenzen des Römischen Reiches lag. In diesem Bewusstsein wurde nach einem Terminus gesucht, der diese Veränderung zum Ausdruck brachte. Das karolingische Europa-Konzept wurde also aus dem Anlass „eines übermächtig empfundenen Gegensatzes zu älteren, deutlich benannten geschichtlichen Größen [geschaffen], angesichts deren es galt, den eigenen Bereich und die in ihm errichtete politische und kirchliche Ordnung samt deren gefühlsmäßiger Zusammengehörigkeit in einem Namen zu erfassen“.[47] Er diente wohl auch nicht zuletzt zur Abgrenzung und Legitimation gegenüber dem byzantinischen Kaiserreich. Das karolingische „Europa“ umfasste allerdings lediglich einen kleinen Teil des westlichen Europa. Ebenso muss in diesem Zusammenhang die Chronik des Anonymus von Córdoba aus der Mitte des 8. Jh.s Erwähnung finden, die die Siege Karl Martells über die Araber bei Tours und Poitier im Jahr 732 beschreibt. Auch hier fand sich der Autor vor die Aufgabe gestellt, ein neuartiges Phänomen, namentlich die aus verschiedenen christlichen Heeren zusammengesetzte Armee des Hausmeiers der Merowinger zu benennen. Er kreierte hierzu als Wortneuschöpfung den Begriff der europenses, der „das seinerzeitige Gefühl der Bedrohung, die die Völker zusammenschweißte, widerspiegelt[e]“.[48]

Das kurzzeitige Aufflackern eines programmatischen „Europa“ im Mittelalter war also, ebenso wie bereits in der Antike, einem Drang, einer Notwendigkeit geschuldet, sich gegenüber anderen Einheiten abzuheben und sich somit der eigenen Identität zu vergewissern. Das „Europa“ Karls des Großen zerfiel jedoch schon schnell nach seinem Tod und der Begriff „Europa“ wird bis einschließlich zum 14. Jh. kaum oder gar nicht in politischem Zusammenhang gebraucht.[49] Auch in den islamischen Gebieten wurde in dieser Zeit nicht von „Europa“ gesprochen, vielmehr wurden die christlichen Territorien unter dem Oberbegriff Frangistan zusammengefasst, bzw. deren Bewohner Franken genannt.[50]

3 Die osmanische Expansion und die Eroberung Konstantinopels 1453

Das Osmanische Reich ging aus den Ruinen des Seldschukenreichs hervor, das sich seit Anfang des 11. Jh.s in Kleinasien ausweitete und den byzantinischen Einfluss in Anatolien nach Westen zurückdrängte. Das Reich der Seldschuken, ein islamisierter türkischer Volksstamm, begann jedoch gegen Anfang des 13. Jh.s unter den Einfällen der Mongolen auseinanderzubrechen. Es bildeten sich eine Reihe von unabhängigen Kleinfürstentümern heraus, die „von dem mystischen Geist des dschihād beseelt“[51] waren, der dem Islam inhärenten Verpflichtung zum Glaubenskrieg, zur militärischen Eroberung von Gebieten Ungläubiger. Eines dieser Kleinfürstentümer sollte sich im Verlauf der folgenden Jahrhunderte zu einer Weltmacht entwickeln, namentlich das von Osman (1281?-1326), das sich am äußersten westlichen Rand der islamischen Welt befand, in direkter Nachbarschaft zum Byzantinischen Reich. Diese geographische Lage gab ausschlaggebende Impulse zur Entstehung des Osmanischen Reiches, konnte der Duodezfürst Osman doch einen starken Zulauf von islamischen Kriegern aus benachbarten Gebieten verzeichnen, die im Kampf gegen die Ungläubigen auf die Erbeutung von materiellen Gütern und die Erringung von religiösen Verdiensten hofften. Das 1261 wieder hergestellte, aber durch Bürgerkriege und Pestepidemien geschwächte Byzantinische Reich ließ diese Hoffnungen schnell Realität werden. Hinzu kam, dass Osman wohl auch ein tapferer Feldherr und geschickter Diplomat gewesen sein muss,[52] was die Expansion seines ursprünglich sehr kleinen Gebiets rapide vorantrieb. Osman trug bereits den Beinamen Ghasi, einen Titel, den diejenigen Muslime erhielten, die sich die Verbreitung des Islams mit Waffengewalt zum Ziel gemacht hatten. Dies sollte jedoch nicht zu der Annahme verleiten, dass der Hauptgrund der osmanischen Expansion eben der dschihād war, vielmehr verorten Majoros und Rill hierbei das Hauptmotiv in dem Traum von der Weltherrschaft[53] und dass „die Kämpfe zugleich als ‚ Heiliger Krieg ’ deklariert werden konnten, war der Sache nur um so dienlicher“.[54] Die genaue zeitliche Bestimmung der Anfänge des Osmanischen Reichs und auch ihrer exakten Bedingungen lassen sich nicht immer genau nachzeichnen, da die frühen osmanischen Chroniken, die zumeist erst gegen Ende des 15. Jh.s abgefasst wurden, oft wenig präzise in ihren zeitlichen Angaben sind.[55] Auch sonstige Berichte und Angaben über die osmanische Frühzeit sind nur spärlich anzutreffen und zudem häufig sehr widersprüchlich.[56] Die Forschung hat sich auf das Jahr 1299 bzw. 1300[57] als Gründungsjahr des osmanischen Staates geeinigt, ohne diesem Datum jedoch eine weiterführende Bedeutung im Sinne von Gründungsakten moderner Nationalstaaten westlichen Vorbilds zu geben.[58]

Im Folgenden soll ein Überblick über die Struktur und die ersten großen Expansionswellen des Osmanischen Reiches bis zur Eroberung Konstantinopels gegeben werden, um so eine Verständnisgrundlage für die nachfolgenden Geschehnisse und deren einschneidenden Auswirkungen auf das Selbstverständnis der lateinischen Christenheit im Zuge der weiteren Expansion der Türken zu schaffen.

[...]


[1] Winfried Schulze: Europa in der frühen Neuzeit – begriffsgeschichtliche Befunde, in: Heinz

Duchhardt/Andreas Kunz (Hrsg.): „Europäische Geschichte“ als historiographisches Problem, Mainz 1997,

S. 35-65, hier S. 38.

[2] Peter Burke: Did Europe exist before 1700?, in: History of European Ideas, Vol. 1, 1980, S. 21-29, hier S.

21.

[3] Vgl. Burke: Did Europe exist, S. 23.

[4] Rolf-Joachim Sattler: Europa. Geschichte und Aktualität des Begriffes, Braunschweig 1971, S. 28.

[5] Denys Hay: Europe. The Emergence of an Idea, Edinburgh 21968, S. 56.

[6] Vgl. hierzu: Robert Bartlett: Die Geburt Europas aus dem Geist der Gewalt. Eroberung, Kolonisierung und

kultureller Wandel von 950 bis 1350, München 1998, Kapitel 1.

[7] Vgl. Bartlett: Die Geburt Europas, S. 50.

[8] Vgl. Sattler: Europa, S. 28.

[9] Vgl. Günter Vogler: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500 – 1600, Stuttgart 2003, S. 23.

[10] Abgesehen von Granada, der letzten islamischen Bastion auf der iberischen Halbinsel, mit deren Eroberung

im Jahr 1492 durch die „Katholischen Könige“ die reconquista erst vollständig abgeschlossen wurde.

[11] Burke: Did Europe exist, S. 24.

[12] Vgl. Wolfgang Schmale: Geschichte Europas, Wien/Köln/Weimar 2000, S. 11 und 15.

[13] Schulze: Europa in der Frühen Neuzeit, S. 49.

[14] Vgl. Vogler: Europas Aufbruch, S. 42; J.János Varga: Europa und „Die Vormauer des Christentums“. Die

Entwicklungsgeschichte eines geflügelten Wortes, in: Bodo Guthmüller/Wilhelm Kühlmann (Hrsg.):

Europa und die Türken in der Renaissance, Tübingen 2000, S. 55-63, hier S. 55.

[15] Vgl. Vogler: Europas Aufbruch, S. 23.

[16] Vgl. Hay: Europe, S. 73.

[17] Hay: Europe, S. 95.

[18] Wolfgang Schmale: Europäische Identität und Europaikonographie im 17. Jahrhundert, in: Ders. u.a.

(Hrsg.): Studien zur europäischen Identität im 17. Jahrhundert, Bochum 2004, S. 73-115, hier S. 80.

[19] Vgl. Schulze: Europa in der Frühen Neuzeit, S. 49.

[20] H.D. Schmidt: The Establishment of ‚Europe’ as a Political Expression, in: The Historical Journal, IX, 2

(1966), S. 172-178, hier S. 178.

[21] Schulze: Europa in der Frühen Neuzeit, S. 42.

[22] Vgl. Almut Höfert: Den Feind beschreiben. „Türkengefahr“ und europäisches Wissen über das Osmanische

Reich 1450-1600, Frankfurt am Main 2003, S. 67.

[23] Vgl. Sattler: Europa, S. 19.

[24] Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter, München 2004, S. 21.

[25] Vgl. Hay: Europe, S. 1.

[26] Vgl. Sattler: Europa, S. 19.

[27] Vgl. Sattler: Europa, S. 20.

[28] Vgl. Schmale: Geschichte Europas, S. 26.

[29] Schmale: Geschichte Europas, S. 26.

[30] Vgl. Sattler: Europa, S. 20.

[31] Schmale: Geschichte Europas, S. 22.

[32] Vgl. Schmale: Geschichte Europas, S. 23.

[33] Vgl. Sattler: Europa, S. 21.

[34] Vgl. Achim Landwehr/Stefanie Stockhorst: Einführung in die Europäische Kulturgeschichte, Paderborn

2004, S. 269.

[35] Vgl. Burke: Did Europe exist, S. 22.

[36] Sattler: Europa, S. 23.

[37] Vgl. Burke: Did Europe exist, S. 22.

[38] Vgl. Sattler: Europa, S. 24.

[39] Höfert: Den Feind beschreiben, S. 62 [Hervorhebung im Original].

[40] Vgl. Burke: Did Europe exist, S. 23.

[41] Schmale: Geschichte Europas, S. 28.

[42] Vgl. Hay: Europe, S. 29.

[43] Vgl. Sattler: Europa, S. 31.

[44] Hay: Europe, S. 58.

[45] Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Entwicklung des Verständnisses der Zugehörigkeit

Russlands zu Europa, die jedoch im Rahmen der vorliegenden Arbeit nicht weiter ausgeführt werden kann.

[46] Sattler: Europa, S. 26 [Hervorhebung im Original].

[47] Sattler: Europa, S. 27.

[48] Schmale: Geschichte Europas, S. 29.

[49] Vgl. Hay: Europe: S. 57.

[50] Vgl. hierzu Burke: Did Europe exist, S. 23 und Le Goff: Die Geburt, S. 18.

[51] Franco Cardini: Europa und der Islam. Geschichte eines Mißverständnisses, München 2004, S. 148.

[52] Vgl. Josef Matuz: Das Osmanische Reich. Grundlinien seiner Geschichte, Darmstadt 31994, S. 30.

[53] Vgl. Majoros/Rill: Das Osmanische Reich 1300-1922. Die Geschichte einer Großmacht, Wiesbaden 2004,

S. 95; dazu auch: Vogler: Europas Aufbruch, S. 228.

[54] Matuz: Das Osmanische Reich, S. 30 [Hervorhebung im Original].

[55] Vgl. Suraiya Faroqhi: Geschichte des Osmanisches Reiches, München 32004, S. 16.

[56] Vgl. Matuz: Das Osmansiche Reich, S. 29.

[57] Vgl. Faroqhi: Geschichte, S. 16 und Ferenc Majoros/Bernd Rill: Das Osmanische Reich, S. 93.

[58] So vermeidet es Matuz gänzlich, in seinem Werk ein exaktes Gründungsjahr für das Osmanische Reich

anzugeben. Er betrachtet die Entstehung des Reichs vielmehr als eine Entwicklung mit fließenden

Übergängen und hebt erst die Eroberung Bursas 1326 als Anzeichen für die Verfestigung des Osmanischen

Reichs hervor.

Details

Seiten
51
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638537292
Dateigröße
802 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59930
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Professur für Vergleichende europäische Geschichte der Neuzeit
Note
1,0
Schlagworte
Expansion Formierung Bewusstseins Seminar Europas Frühen Neuzeit

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Titel: Die osmanische Expansion und die Formierung europäischen Bewusstseins bis 1683