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ZU: Guillaume Apollinaires "Calligrammes"

Hausarbeit 2006 24 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

1. Apollinaire in seiner Zeit
1.1 La Belle Epoque
1.2 Guillaume Apollinaire: ein biographischer Überblick

2. Französische Lyrik des 20. Jahrhunderts
2.1 Wesentliche Merkmale
2.2 Apollinaires lyrisches Werk

3. Figurengedichte und visuelle Poesie
3.1 Definition und Entstehung der Figurengedichte
3.2 Apollinaires Neuschöpfung des Figurentextes

4. Calligrammes: eine ästhetische Bewältigung des Krieges
4.1 Ein Überblick
4.2 « La colombe poignardée et le jet d’eau »
4.3 « La petite auto » und « Guerre »

Bibliographie

Anhang

« La petite auto »

Le 31 du mois d’Août 1914

« Guerre »

Vorbemerkung

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit den Calligrammes, einer zwischen 1912 und 1917 entstandenen[1] Gedichtsammlung von Guillaume Apollinaire.

Zu Beginn soll Apollinaires historisches Umfeld dargestellt und ein biographischer Überblick gegeben werden, da diese beiden Faktoren für eine Interpretation ausgewählter Gedichte in seinen Calligrammes sehr hilfreich sind. Nach einer Präsentation wesentlicher Merkmale der französischen Lyrik des 20. Jahrhunderts und einem Überblick über Apollinaires lyrisches Werk, welche beide, da deren ausführlichere Behandlung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, relativ kurz gehalten sind, soll eine Erläuterung des Begriffs der „Figurengedichte“ gegeben und auf deren Entwicklung und Apollinaires Neuschöpfung eingegangen werden.

Der Hauptteil dieser Arbeit ist seinem Lyrikband, den Calligrammes, welche die Zeit vor dem Kriegsausbruch über Apollinaires Einsatz an der Front bis hin zu seiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1916 wegen einer schweren Schädelverletzung dokumentieren, gewidmet. Überraschenderweise bildet Apollinaire trotz seiner Kriegserfahrungen kein feindseliges Bild von der Front aus und verschmäht auch nicht das Kriegsgeschehen.

Da es leider unmöglich ist, in einer Arbeit wie dieser auf alle 84 Gedichte, welche die Sammlung umfasst, einzugehen, entschied ich mich, eines seiner bekanntesten Kalligramme, nämlich „La colombe poignardée et le jet d’eau“, sowohl auf sprachlicher als auch auf inhaltlicher Ebene ausführlich zu analysieren. Eine intensivere Klage über die Gräuel des Krieges findet man in Apollinaires Lyrik kaum; dies werden die anschließend gezwungenermaßen lediglich kurz angerissenen und keinen Anspruch auf eine vollständige Interpretation erhebenden Gedichte „La pétite auto“ und „Guerre“ mit deren Ruhm des Krieges als den Beginn einer neuen Epoche zeigen.

1. Apollinaire in seiner Zeit

1.1 La Belle Epoque

1880 geboren und 1918 an den Folgen einer Kriegsverletzung gestorben, umfasst Apollinaires Leben nahezu jene Zeit, die kulturhistorisch betrachtet als „Belle Epoque“ bezeichnet wird. In zurückblickender Verklärung bezeichnet der Begriff „jene von bürgerlichen Wertvorstellungen geprägte Lebensform, die das Erscheinungsbild Frankreichs von etwa 1895 an bestimmt und die mit Beginn des 1. Weltkrieges zusammenbricht.“[2]

Im Gefolge der Konsolidierung der laizistischen bürgerlichen Republik konnte das Bürgertum in der Belle Epoque, auch „Goldenes Zeitalter des Bürgertums“ genannt, die Früchte der Revolution von 1789 ernten. Dennoch dürfen, wie Grimm betont, soziale Spannungen nicht übersehen werden. Das Bürgertum, die Kultur tragende Schicht, behauptete dank der Geldstabilität seinen Platz in der Gesellschaft, verfolgte jedoch eigene Interessen, weshalb auch die innovatorische Literatur nur „Probleme jenes kleinen Teils der Gesellschaft [widerspiegelt], der […] von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen lebt.“[3]

Weiters war die Belle Epoque von einer politisch-ideologischen Spannung, welche ihren Höhepunkt in der Dreyfus-Affäre (1894-1906) erreichte, geprägt. Sie führte zu einer Polarisierung der französischen Öffentlichkeit in linke Verteidiger und rechte Gegner Dreyfus’ sowie zu einer Welle der Ausländerfeindlichkeit und des Antisemitismus.[4] Das Jahr 1905 markierte den Beginn einer „Nationalistischen Erneuerungsbewebung“, welche durch die „säbelrasselnde“, die erste Marokkokrise einleitende Rede des deutschen Kaisers Wilhelm II. in Tanger ausgelöst wurde. Die Entsendung des Kanonenbootes „Panther“ nach Agadir löste 1911 die zweite Marokkokrise aus. Diese Zwischenfälle gaben Nationalismus Auftrieb und waren entscheidende Etappen auf dem Weg in den 1. Weltkrieg.

Eine Vielzahl sozialgeschichtlichen Faktoren, im Besonderen die drei „Weltausstellungen“, trug zur Festigung der jungen Republik und zum Selbstverständnis der Belle Epoque bei:

Während die [Weltausstellung] von 1878 endgültig das Ende der Nachkriegszeit markiert, bietet die zweite [im Jahre 1889; die Autorin] die Gelegenheit, sich der ruhmreichen Großen Revolution von 1789 zu erinnern [...]. Die Weltausstellung von 1900 schließlich vermittelt mit der Erfahrung der Jahrhundertschwelle das Bewusstsein eines Neuanfangs.[5]

Somit machte das Fin-de-siècle-Bewusstsein besonders der 1890er Jahre einer neuen Lebensbejahung Platz, und Paris wurde u.a. dank des Eiffelturms der ersten Weltausstellung, der ersten Metrolinie und der elektrischen Straßenbeleuchtung der dritten Weltausstellung, sowie der Stadtsanierung des Baron Haussmanns zur kulturellen Welthauptstadt.[6]

Darüber hinaus revolutionierten neue technische Errungenschaften wie Auto, Flugzeug, Radio und Telefon das Leben. Die Schnelligkeit des Ortswechsels und neuartige Wahrnehmungsformen, welche durch die Medien Photographie und Film ermöglicht wurden, wurden zu wichtigen Themen in der insgesamt fortschrittsgläubigen Literatur der Belle Epoque.[7] Das Eindringen neuartiger Formen der Wahrnehmung in die Kunst spiegelte selbstverständlich die erkannte Relativität von Zeit und Raum wider, welche ihren Ausdruck in den 1905 von Albert Einstein veröffentlichten Grundzügen seiner Relativitätstheorie fand. Ausdruck der Vorstellung, nahezu simultan an unterschiedlichen Ereignissen teilzuhaben, ist speziell die umfangreiche kosmopolitische Literatur, welche von Reisen in ferne Gegenden erzählt. Die Gemeinsamkeit dieser Texte liegt in einer „Mischung aus Faszination und untergründigem Erschauern angesichts der neuen Möglichkeiten der Technik“.[8]

Die vom Bürgertum der Belle Epoque anerkannte Literatur lässt jedoch kaum die genannten sozialen Spannungen, ideologischen Konflikte und die mit der Technik verbundenen Ängste und Visionen durchscheinen. So passten sich Autoren wie Paul Adam und Eugène Brieux den Erwartungen ihrer Zeit an und ließen vergessen, „dass der Bruch mit der literarischen Tradition nicht erst eine Folge des Krieges ist, sondern zukunftsweisende Teile der Werke von Gide, Claudel und Proust, aber auch Apollinaires bei Kriegsausbruch bereits vorliegen.“[9]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.2 Guillaume Apollinaire: ein biographischer Überblick

Apollinaires Leben spiegelt eher die Kehrseite als den Glanz der Belle Epoque wider. Er gehört nicht zu jenen zahlreichen großbürgerlichen und materiell abgesicherten Schriftstellern der Belle Epoque, sondern muss schreiben, um zu leben. Der große Erfolg und die Anerkennung zu Lebzeiten sind ihm verwehrt geblieben.

Mit ursprünglichem Namen Wilhelm de Kostrowitzki, wurde Apollinaire am 26. August 1880 als Sohn der halb italienischen, halb polnischen Angelica de Kostrowitzki und des italienischen Bourbonenoffiziers Francesco Flugi d’Aspermont in Rom geboren. Er wurde im Rathaus unter dem falschen Namen Guillaume Albert Dulcigni eingetragen, da seine Mutter anonym bleiben wollte[10] ; erst am 2. November kannte sie ihn als ihren unehelichen Sohn an und gab ihm die Vornamen Guillaume Albert Wladimir Alexandre Apollinaire. Aus seinem ersten und letzten Vornamen entstand später sein Pseudonym. Die uneheliche Geburt, die fehlende nationale Identität, die finanzielle Misere und unglückliche Liebschaften kehren ins Groteske verzerrt oder ins Ideale stilisiert als nahezu traumatisch wirkende Umstände leitmotivisch in seinen Werken wieder:

Seine sprachliche Sensibilität, sein Sinn für Ironie und (Schwarzen) Humor, […] die pralle Lebensfülle und moralische Skrupellosigkeit vieler seiner Protagonisten, die undoktrinäre Offenheit in allen moralischen und ästhetischen Fragen – das ist die ins Positive gewendete Kehrseite solcher ‚Makel’.[11]

Nachdem der Vater auf Druck seiner Familie das Verhältnis mit Angelica beendet hatte, ließ sich diese 1887 in Monaco nieder. In den folgenden Jahren besuchte Apollinaire Gymnasien in Monaco, Cannes und Nizza. 1897 verließ er jedoch die Schule, ohne das baccalauréat zu absolvieren. Sein Berufsziel stand dennoch fest; er wollte Journalist und Schriftsteller werden. Apollinaire schloss Freundschaften mit anderen Dichtern und mit René Dalize, dem er nach dessen Tod 1918 die Gedichtsammlung Calligrammes widmete.[12] Ein dreimonatiger Aufenthalt im Ardennenort Stavelot im Sommer 1899 ist die Geburtsstunde des Dichters Apollinaire, der nicht nur die erste, unglückliche Liebeserfahrung machte, sondern auch eine ihm neuartige Landschaft mit ihren fremdartigen Menschen kennen lernte.

In Paris musste sich Apollinaire weiter mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen, da er ohne abgeschlossene Ausbildung und, wie Picasso, auf Grund seines Ausländerstatus kaum auf eine Anstellung zählen konnte.[13] 1901 verschlug es ihn als Hauslehrer der Tochter der deutschen Baronin Madame Milhau nach Bad Honnef. Er begleitete die Baronin auf ihren Reisen durch Deutschland und Österreich-Ungarn. Seine Eindrücke hält er in Gedichten, Erzählungen und Artikeln fest, die er französischen Zeitungen anbot. Nach seiner Rückkehr nach Paris fand er eine schlecht bezahlte Arbeit in einer Bank, besuchte literarische und künstlerische Zirkel und gründete die Monatszeitschrift „Le Festin d’Esope“. Er machte Bekanntschaft mit Picasso und Max Jacob, die ihn mit den avantgardistischen Strömungen der Zeit vertraut machten. Bis zum Kriegsausbruch leistete er als Journalist und Kunstkritiker Mitarbeit an zahlreichen Zeitungen und trieb die Veröffentlichung eigener Werke voran. Die Wichtigsten sind L'Enchanteur pourrissant (1908), „La chanson du mal-aimé“ (1909), L'Hérésiarque & Cie (1910) sowie Le Béstiaire (1911)[14]. Carola Giedion-Welcker fasst 1947 Apollinaires Schaffen in ihrem immer noch lesenswerten Aufsatz „Die neue Realität bei Guillaume Apollinaire“ folgendermaßen zusammen:

Guillaume Apollinaire gehört zu jenen […] Gestalten in der modernen Literatur, deren universeller Geist und deren intensive Sprachflamme eine neue europäische Dichtung prägte. Das Lebenswerk, das er als Achtundreißigjähriger zurückließ [...], umfasst Lyrik, Prosa, Dramatik, historische Arbeiten und zeitgeschichtliche Betrachtungen. Daneben gründete er Zeitschriften, lieferte regelmäßig Aufsätze an Tageszeitungen, hielt Vorträge, sammelte gleichaltrige und jüngere Poeten und Maler um sich.[15]

Vom 7. bis 12. September 1911 wurde er wegen Verdachts der Mittäterschaft am Diebstahl der Mona Lisa im Gefängnis „La Santé“ inhaftiert; der in einem Freispruch endende Prozess zog sich bis zum Jänner 1912 hin. Freunde gründeten zur Ermunterung im Februar 1912 die Zeitschrift Les Soirées de Paris[16], in der er eigene Texte publizierte und die er später leitete.

Als am 1. August 1914 der Krieg ausbrach, ließ auch Apollinaire sich von der allgemeinen Begeisterung anstecken und feierte den Krieg literarisch. Er meldete sich freiwillig zum Heeresdienst, wurde wegen seines Ausländerstatus (nämlich Russe auf Grund seines aus dem damals russischen Teil Polens stammenden Großvaters[17] ) abgelehnt und im Dezember 1914 schließlich in die französische Armee aufgenommen. Im April 1915 wurde er an die Front versetzt und ein Jahr später wegen einer schweren Kopfverletzung durch einen Granatsplitter aus dem Dienst entlassen. Er versuchte sich weiterhin seiner schriftstellerischen Tätigkeit zu widmen, war jedoch durch seine Verwundung stark beeinträchtigt. Im Mai 1918 heiratete er Jacqueline Kolb, die als „La jolie Rousse“ in sein Werk eingeht. Doch Apollinaires Hoffen auf bürgerliches Glück erfüllte sich nicht. Am 9. November 1918 fiel der geschwächte Dichter der damals in Europa epidemisch auftretenden spanischen Grippe zum Opfer. Er wurde auf dem Friedhof „Père Lachaise“ in Paris beigesetzt.

Entscheidend ist, wie dieser Nicht-Franzose im Laufe seines Lebens völlig zum Franzosen wird, künstlerisch und menschlich, bis zur Hingabe seines Lebens im Ersten Weltkrieg.[18]

[...]


[1] Vgl. dazu die Angaben in: Apollinaire, Guillaume: Oeuvres poétiques. Marcel Adéma, André Billy und Michel Décaudin (Hrsg.). Paris: 1959, S. 1074.

[2] Grimm, Jürgen: Guillaume Apollinaire. München: Beck 1993, S. 8

[3] Ibid., S. 9

[4] Vgl. Duroselle, Jean-Baptiste: La France de la "Belle Époque". Paris: Presses de la Fondation Nationale des Sciences Politiques, 21992, S. 2

[5] Ibid.

[6] Vgl. Grimm, S. 11

[7] Vgl. Grimm S. 11-12

[8] Grimm, S. 12

[9] Grimm, S. 12-13

[10] Vgl. Divis, Vladimir: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Tschechoslowakei: Vl. Divis 1966, S. 9

[11] Grimm, S. 20

[12] Vgl. Apollinaire, Guillaume: Calligrammes. Poèmes de la paix et de la guerre (1913-1916). Paris: Gallimard 1966, S. 19: « À la mémoire du plus ancien de mes camarades RENÈ DALIZE, mort au Champ d’Honneur le 7 mai 1917. »

[13] Vgl. Lichtenstern, Christa: Pablo Picasso. Denkmal für Apollinaire. Entwurf zur Humanisierung des Raumes. Frankfurt am Main: Fischer 1988, S. 12

[14] Für eine ausführliche Bibliographie der Werke Apollinaires, vgl. etwa Moore, Catherine u.a.: „Site officiel Guillaume Apollinaire“ auf http://www.wiu.edu/Apollinaire/Bibliographie.htm (Zugriffsdatum: 6. Mai 2006)

[15] Giedion-Welcker, Carola: „Die neue Realität bei Guillaume Apollinaire“. In: C. Giedion-Welcker, Schriften 1926-1971, hrsg. V. R. Hohl, Köln 1973, S. 189

[16] Vgl. Mackworth, Cecily: Guillaume Apollinaire und die Kubisten. Frankfurt am Main: Athenäum 1963, S. 225

[17] Divis, Vladimir: Apollinaire. Chronik eines Dichterlebens. Tschechoslowakei: Vl. Divis 1966, S. 120

[18] Klee-Palyi, Flora (Hg.): Guillaume Apollinaire. Trauer um einen Stern. München: Piper 1992, S. 16.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638535878
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59735
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Guillaume Apollinaires Calligrammes Literaturwissenschaftliches Proseminar Semester)

Autor

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