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Der Sinn des Polemos bei Heraklit

Hausarbeit 2005 13 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

1. Vorbemerkung

Heraklits Fragmente zeichnen sich durch eine hohe Sprachbegabung und auf den ersten Blick rätselhaft anmutende Aussagen aus. Die Aphorismen sind geprägt durch starke Metaphorik und paradoxe Behauptungen; Sprachspiele sind nicht nur ein Mittel der Sprechgestaltung, sondern bergen auch verdeckte Hinweise auf die Zusammenhänge der Fragmente. Nach dem Bearbeiten des Werkes Heraklits möchte ich dem vielfach zitierten Wort der „Dunkelheit“ die starke Interkonnektivität der Fragmente zuordnen, die immer wieder, ganz im Sinne Heraklits, darauf hinausläuft, dass „Anfang und Ende dasselbe seien“.

Heraklit-Interpretationen schwanken zwischen Extremen: Unterscheidet Heraklit die wahrnehmbare Welt von der Realität, oder tut er dies nicht? Gibt es, in der Tradition der milesischen Denker, eine Welt des Scheins und eine Welt des Seins? Nimmt man ersteres an, so erscheinen die Dinge einzeln und isoliert voneinander, sie sind ständigem Wandel unterlegen. In der Realität aber, muss der Sphäre des sich wandelnden Scheins eine Sphäre des unveränderlichen Seins zugrunde liegen. Ist Heraklits „Feuer“ diese Substanz, die sich nie verändert, und wie muss man diese weiter verstehen? Heraklits „Flussfragmente“ geben eine Antwort auf die Frage, ob denn die Dinge nun wirklich alle „im Fluss sind“. Es muss zumindest eine Stabilität im Wandel geben, damit Wandel erst als solcher wahrgenommen werden kann. Wandel und Stabilität sind „Gegensätze“, oder anders gesagt: die extremen Pole eines von den beiden Begriffe gebildeten Kontinuums. Somit fallen beide Begriffe in Heraklits Denken von der „Einheit der Gegensätze“. Aller Wandel findet im Konflikt zwischen den Extremen statt, im „Krieg“ der streitenden Extreme. So besteht Stabilität im Wandel und durch den Wandel. Die „Einheit der Gegensätze“ besteht in all diesen Prozessen. Heraklit erkennt Gesetzmäßigkeit im Wandel – ein Gesetz, das vor allem durch den Wandel geprägt ist. Aller Wandel ist durchdrungen von einem durch Heraklit durch göttliche Attribute ausgedrückten, höchsten Gesetz, dem Logos, den zu verstehen, den Menschen die höchste Einsicht gibt.

Oder bricht Heraklit die milesische Tradition[1] ? In diesem Fall gibt es keine Unter-scheidung zwischen Schein und Sein. Alles ist in konstantem Wandel – das Feuer ist keine zugrunde liegende Substanz, die, immer gleich bleibend, Wert und Sinn verleiht. Das Feuer – eine Metapher für den durch die Sinne wahrnehmbaren Wandel. Für die „Flussfragmente“ bedeutet dies, dass der Fluss gar nicht existiert – überhaupt sind so keine Dinge – allein Vorgänge des Werdens und Wandelns konstituieren die Welt. Die Einheit der Gegensätze, der Streit der Gegensätze, der Logos: all dies relativiert sich im Zuge des universellen Wandels zu einer Sache des Standpunktes in der Welt. Es ist dann allein Heraklits Lehre, sich nur auf sinnlicher Wahrnehmung gründend, nicht ein alldurchdringendes Weltgesetz. - Hier soll es um eine Interpretation des Sinnes des polemos, des Krieges, in den Fragmenten Heraklits gehen. Es ist kaum möglich, diesen singulären Aspekt des Werkes Heraklits aus dem ganzen Sinnzusammenhang herauszugreifen. Zur Interpretation ist zu sagen, dass ich werkimmanent interpretieren werde und keinerlei externen Primärquellen zu Hilfe ziehe.

2. Kosmos und Logos

Die Welt der griechischen Antike ist ohne Anfang und Ende – sie ist selbstständig und selbstursprünglich (B 30/31: „Diese Weltordnung hier hat nicht der Götter noch der Menschen einer geschaffen, sondern sie war immer und ist und wird sein.“[2] ) Alles was ist, ist weltlich. Dies schließt auch die Götter mit ein, sie sind ein Teil der Welt, ebenso wie immaterielles Denken, Wünsche und Träume. Ihrer Permanenz ohne Anfang ist eine Welt-Ordnung immanent[3], eine Ordnung auf die weder Götter noch Menschen Einfluss nehmen können. Die Welt wird so als ewiger, gesetzesmäßiger Prozess verstanden.[4] Heraklit glaubt an einen Logos – an eine „Klarheit der Verhält-nisse“ (Buchheim) in der Welt, er glaubt an eine vernünftige Welt, an eine kosmische Vernunft. Das Wort Logos bezeichnet zwei verschiedene Ebenen. Zum einen bezeichnet Heraklit in B 1 damit die universale Struktur die dem Kosmos immanent ist, zum anderen seine Ausführungen („Diese Lehre hier“). Logos drückt sowohl Gedanke und Wort, die vernehm- und denkbare Rede, als auch das universale Gesetz des Werdens aus.[5] Auch der Logos ist ohne Anfang und Ende („Although this Logos […] exists (or is true) for ever“[6] ) und alles wird durch diesen Logos („though all things come to pass in accordance with this logos”[7] ). Wird alles nach diesem Sinn, so kann nichts außerhalb dieses Sinnes werden – nichts ist dem Zufall überlassen, alles unterliegt dem Weltprinzip, das unabhängig vom Menschen existiert („so ehe sie gehört, wie wenn sie gehört haben“). Das Weltprinzip soll der Hörer Heraklits vernehmen, nicht seine Rede (B 50: „Habt ihr nicht mich, sondern den Sinn vernommen“). Dies ist möglich, weil das Weltprinzip alles miteinander gemein macht, das Wort ist hier vom logos xynos [8] (B 2: „Drum tut es Not, dem Allgemeinen zu folgen. Obwohl aber der Sinn allgemein ist, leben die Vielen, als hätten sie ein Denken für sich.“) Der Logos verhält sich in diesem Sinn wie der Nomos der Stadt, wenn es in B 114 heißt: „Um beim Reden Verständiges zu meinen, muss man sich stützen auf das All Gemeine, wie auf das Gesetz die Stadt sich stützt.“ Buchheim widersetzt sich der Übersetzung von xynos mit „allgemeines“. Das Gesetz der Stadt ist die Konstante, die einheitliche Grundlage, die auf jeweils individuelle Rechtslagen reagiert, somit den Bewohner in der Gemeinschaft verortet, und damit die Basis der Kommunikation erschafft und ihn als einen Bewohner unter all denen, die unter Einfluss des Gesetzes stehen, ausweist (vgl. auch B 44). Das Gesetz ist zwar Allgemeingut, aber es ist vor allem zusammenbringend, es erzeugt die Gemein-schaft. Es fügt die - als separat voneinander erscheinenden - Mitglieder der Gemein-schaft zusammen. Wenn Heraklit immer wieder davon spricht, dass „alles eins sei“ (z.Bsp. B 50), dann bedeutet dies: Der Logos ist allem Weltlichen gemein, er wirkt in allem und durch alles. Alle Teil-heiten der Welt sind in der Ein-heit des Logos vereint. Wie wirkt dieser Logos und was ist ihm beinhaltet?

B 64 und B 64a verweisen auf das Feuer: „Das Steuer des Alls aber führt der Blitz“ und „Das Feuer ist vernunftbegabt“, konkretisiert durch B 30 („Diese Weltordnung […] ist und wird sein: immer-lebendes Feuer“) und B 90 („Für Feuer ist Gegentausch für alles und Feuer für alles wie Geld für Gold und Gold für Geld“). Das Element Feuer wird mit der Weltordnung identifiziert: der Kosmos ist das Feuer Der Zusatz „immer-lebend“ steht zunächst im Widerspruch zur Aussage, dass es verlöscht. „Feuer“ ist nicht als stoffliche Entität zu lesen – es ist als „Bedeutungswort“ (Perpeet) nicht als „Begriffswort“ zu interpretieren. Keines der anderen Elemente trägt Attribute, wie das Feuer. Feuer auf der einen Seite ist die schwache Kerzenflamme, auf der anderen Seite ein loderndes Buschfeuer: Die kleine, kontrollierte Flamme kann das große, wilde Feuer entzünden. Dabei nährt sich die Flamme – während sie selbst gleich bleibend wirkt - unscheinbar vom Wachs der Kerze. Gold und die Dinge müssen in einem gleichen Wertverhältnis stehen. Sie sind einwechselbar – „kaufbar“, weil sie einen „Preis“ haben, der ihren Wert und ihre Wichtigkeit widerspiegelt. Der Maßstab des dem Ding zugewiesenen Wertes in seiner momentanen Stellung ist das Feuer. Die Dinge für die es einwechselbar ist, sind mannigfaltig, das Feuer jedoch behält seine Homogenität. Es ist die Ordnungsidee des Kosmos. Wie muss man sich das Feuer vorstellen, wenn Heraklit meint, dass die trockene Seele die klügste und vollkommenste ist (B 177 und 118) und dass die Seele eines betrunkenen Mannes feucht sei, und dass der Tod bedeute (B 36), dass die Seele zu Wasser wird? Vergleicht man B 36 und B 30/31[9] so stellt man eine Analogie zwischen Feuer und Seele (psychê) fest. Psychê bedeutet eigentlich „feuriger Hauch“; es ist eingehauchtes Leben. Feuer ist bei Heraklit nicht als Flamme zu denken – für Heraklit ist es der „Hauch“ der „Seele“ und „Feuer“ identisch macht. Hierbei sei auch auf die Vorstellung vom Aither verwiesen. Die oberste Himmelsregion ist die Seele der Welt, und alles Leben entspringt ihr, sie wurde als besonders reines Feuer angesehen. In diesem Zusammenhang gefasst, sind Blitz und Feuer Zeichen der „Lebendigkeit“, ergo der Beseeltheit, des Kosmos. Diese Lebendigkeit ist wie der Kosmos ohne Anfang und Ende (B 45) – sie schöpft sich schon immer aus sich selbst heraus.[10] Heraklit geht noch genauer auf den Aspekt „Leben“ ein, wenn er in B 32 sagt: „Eins, das einzige Weise, lässt sich nicht und lässt sich doch mit dem Namen des Zeus (des „Lebens“) benennen.“ „Das einzige Weise“ ist der Logos, die Ein-heit des Ganzen (vgl. B 41). Das Wort Zênos bezeichnet den Göttervater Zeus als es auch das Wort für Leben ist.[11] Es steht bereits fest, das diese Weltordnung kein Erzeugnis der Götter ist, so lässt sich also das einzig Weise nicht ausdrücken – aber Zeus überragt alles andere. Er hat die höchste Position unter den Göttern inne, und so ist das Fragment als Analogie zu verstehen: So wie Zeus den Götterhimmel dominiert, so dominiert der Logos die Welt. Versteht man aber Zênos als Leben, so lässt sich der Logos als Leben bezeichnen.

Wodurch zeichnet sich die Belebtheit aus? Belebt sind nicht nur die modern gefassten „Lebewesen“ – lebend, d.h. bewegt und werdend zu sein, im Wandel begriffen. Darin sind auch die Naturerscheinungen gefasst, Tag und Nacht (B 57), als auch das menschliche Verhalten (B 121).

[...]


[1] Wie der folgende Absatz zeigt, stellt sich die Frage, ob Heraklit, so interpretiert, überhaupt meta-physisch denkt.

[2] Alle Zitate Heraklits, soweit nicht anders angegeben aus: Heraklit: Fragmente. Griechisch und Deutsch. Hrsg. von Bruno Snell. München 101989.

[3] Guthrie zu κόσμος: „ The world is a kosmos – that untranslatable word which unites, as perhaps only the Greek spirit could, the notion of order, arrangement and structural perfection with that of beauty.” William C.K. Guthrie: History of Greek Philosophy Volume I. The earlier Presocratics and the Phytagoreans. Cambridge 1962, S. 206.

[4] Wilhelm Perpeet: Von der Eigenart der griechischen Philosophie. Bonn 1998. S. 24f.

[5] Guthrie, HGP 1, S. 425.

[6] Zitiert nach Guthrie, HGP 1, S. 424. Bei Snell: „Diese Lehre hier, ihren Sinn, der Wirklichkeit hat“

[7] Zitiert nach Guthrie, HGP 1, S. 425. Bei Snell: „Denn geschieht auch alles nach diesem Sinn“

[8] vgl. Buchheim, Vorsokratiker, S. 76.

[9] Zur Interpretation dieser Fragmente siehe weiter unten.

[10] Perpeet, Eigenart, S. 25f.

[11] Buchheim, Vorsokratiker, S. 90. Eine weiterführende Erklärung schildert Guthrie: Der Logos ist unwillig Zênos (= Leben) genannt zu werden, weil Leben und Tod, Dionysus, Gott des Lebens und Hades, Gott des Todes, dasselbe sind (B 15).

Details

Seiten
13
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638535113
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59629
Institution / Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen – Philosophisches Seminar
Note
1
Schlagworte
Sinn Polemos Heraklit Fragmente Vorsokratiker

Autor

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