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Wirkfaktor Beziehung. Das psychotherapeutische Angebot in der klientenzentrierten Therapie

Hausarbeit 2020 22 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Einfuhrung in die klientenzentrierte Therapie

2. Notwendige und hinreichende Bedingungen fur Personlichkeitsentwicklung durch Psychotherapie
2.1. Die sechs Bedingungen
2.2. Schlussfolgerungen

3. Das therapeutische Angebot in der klientenzentrierten Therapie
3.1. Charaktehstika des therapeutischen Angebots
3.2. Aktualisierungstendenz: Wirkfaktor des therapeutischen Angebots

4. Kurzubersicht iiber die therapeutische Beziehung in anderen Verfahren
4.1. Psychoanalyse - Vom gefuhlskalten Chirurgen zur wechselseitigen Bezogenheit
4.2.Verhaltenstherapie - Therapeutische Arbeitsbeziehung als Motor des Therapieprozesses

5. Diskussion

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Konnen Sie sich vorstellen, dass die Beziehung zwischen Patient1 und Therapeut entscheidend ist fur den Therapieerfolg? Wahrscheinlich ja - und damit haben Sie Recht. Die Beziehung gilt heutzutage als bester empirisch untersuchter Wirkfaktor von Psychotherapie. Stehle, Keller und Jacobsen (2016) beschreiben, dass der Zusammenhang empirischer Studien zwischen Therapieergebnis und Therapieallianz verfahrensubergreifend in eine positive Richtung weist. Der Beziehungsaspekt gehort zu den wichtigsten Pradiktoren fur das Therapieergebnis und aus mehreren Metaanalysen (Stehle et al., 2016, S. 126) gehen deutliche Effektstarken zwischen Allianz und Outcome hervor.

Die Relevanz der therapeutischen Beziehung ist in der Geschichte empirischer Psychotherapieforschung mehr und mehr in den Fokus geriickt: Bis in die 1960er Jahre stand die Frage, ob Psychotherapie uberhaupt wirkt im Vordergrund und die therapeutische Beziehung wurde kaum beachtet. Ab den 1970er Jahren begann die Phase der vergleichenden Therapieforschung mit der Kernfrage: gibt es effektivere Therapien als andere? Aber es konnte keine differentielle Wirksamkeit von Psychotherapie bestatigt werden. So pragten Luborsky, Barton und Luborsky (1975) das Dodo bird verdict: „Everyone has won and all must have prizes" (Luborsky et al., S. 1). Diese ernuchternden Ergebnisse haben die Relevanz unspezifischer Wirkfaktoren und die immer starker realisierte groBe Bedeutung der therapeutischen Beziehung mehr in den Vordergrund der Forschung riicken lassen. Ab den 1980er Jahren nahm die Komplexitat der Studien stark zu. In dieser dritten Phase der Psychotherapieforschung wurde die therapeutische Beziehung - als Grundlage fur den Veranderungsprozess - schlieBlich ganz in den Mittelpunkt der Forschungen geriickt (Stehle etal., 2016).

In einer beriihmten Meta-Analyse von iiber 2300 Untersuchungen kamen die Psychotherapieforscher Orlinsky und Howard (1986) zu dem Schluss, dass die therapeutische Beziehung (therapeutic bond) eine herausragende Bedeutung fur das Therapieergebnis besitzt. 25 Jahre spater konnte die Gultigkeit der Befunde bestatigt werden (Orlinsky, 2009). Fur Carl Rogers (1902-1987), der die klientenzentrierte Therapie in den 1940er und 1950er Jahren begriindete, war die Beziehung schon friih in seiner Theorie der wichtigste Faktor fur den Therapieerfolg (Rogers, 1942). Nach Keil und Stumm (2018) hat die gegenwartige Psychotherapieforschung die Ansichten von Rogers bestatigt: die therapeutische Beziehung hat sich wiederholt als der wichtigste und groBte Wirkfaktor erwiesen.

Laut Auckenthaler (2012) fuhrte Rogers im 1951 erschienenen Client Centered Therapy die Begriffe "client-centered-therapy" und spater "person-centered-therapy" ein. Heutzutage werden in Deutschland die Bezeichnungen "Geprachspsychotherapie", "Geprachstherapie", "klient(en)-zentrierte-Therapie" und "personenzentrierte(r)-Therapie (Ansatz)" synonym verwendet. Schmid (1996) fuhrt aus, dass das Ehepaar Tausch die "Gesprachspsychotherapie" in Deutschland unter diesen Namen bekannt gemacht, aber der Begriff ist sehr offen und Rogers selbst findet nicht, dass dieser passend sei. Ich verwende den Begriff "klientenzentrierte Therapie", da meiner Meinung nach dieser Name die Methode am besten beschreibt. Ich habe mich gegen die Bezeichnung "personenzentrierte Therapie" entschieden, da die therapeutische Beziehung in der klientenzentrierten Therapie in erster Linie ein professionelles Verhaltnis zweier Personen darstellt, in der Rollen klar verteilt sind. Drei Bucher und ein Aufsatz waren essenziell fur meine Forschung. Die ersten beiden sind Gesprachspsychotherapie: Ursprung - Vorgehen - Wirksamkeit von Eva-Maria Biermann-Ratjen und Jochen Eckert und Gesprachspsychotherapie: Verandern durch Verstehen, ebenfalls von Eva-Maria Biermann-Ratjen, Jochen Eckert und Hans-Joachim Schwartz. Beide waren sehr hilfreich einen tiefen Einblick in die therapeutische Beziehung des klientenzentrierten Ansatzes zu erhalten, wie sich das therapeutische Angebot in Kontrast zu anderen Verfahren gestaltet und warum es uberhaupt als "Angebot" bezeichnet wird. Das dritte Buch Praxis der Personenzentrierten Psychotherapie von Gerhard Stumm und Wolfgang Keil beinhaltet tiefgriindiges Anwendungswissen fur Therapeuten und Berater und hat daher dazu beigetragen umfangreiches Wissen zu erwerben, auch wenn es oft sehr detailliert und fur mich als Einsteiger teilweise schwierig war. Der Aufsatz von Carl Rogers Notwendige und hinreichende Bedingungen fur Personlichkeitsentwicklung durch Psychotherapie war meine Grundlage fur das Verstandnis der Bedingungen des therapeutischen Angebots und bildet das Kernstuck von Kapitel 2. Die Einfuhrung in die klientenzentrierte Therapie erfolgt in Kapitel 1. Ich klare hier, was diese charakterisiert und was „klientenzentriert" bedeutet. In Kapitel 2 fuhre ich in Rogers' beriihmte sechs Bedingungen fur Personlichkeitsveranderung durch Psychotherapie und die daraus resultierenden Konsequenzen ein. Darauf aufbauend beschreibe ich in Kapitel 3, was das therapeutische Angebot charakterisiert, wieso es im Mittelpunkt des Therapieprozesses steht und was die Wirksamkeitstheorie besagt. AbschlieBend fuhre ich in Kapitel 4 in die therapeutische Beziehung der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie ein. Es ist das Ziel dieser Hausarbeit, Spezifika der therapeutischen Beziehung in der klientenzentrierten Therapie aufzuzeigen und sie von denen der Psychoanalyse und Verhaltenstherapie abzugrenzen.

Es wird die Hypothese aufgestellt, dass die therapeutische Beziehung in der klientenzentrierten Therapie einen hoheren Stellenwert einnimmt als in den anderen beiden Verfahren. Warum wird der Ansatz auch in vielen anderen Berufsfeldern eingesetzt? Was ist das Besondere der klientenzentrierten Therapie?

1. Einfuhrung in die klientenzentrierte Therapie

„Much well-intentioned counseling is unsuccessful because a satisfactory counseling relationship is never established" (Rogers, 1942, S. 85)

Das erste grundlegende Buch von Carl Rogers, ist das 1942 veroffentlichte Counseling and Psychotherapy (Biermann-Ratjen & Eckert, 2017). Rogers (1942) argumentiert hier, dass das defizitare Wissen iiber therapeutische Beziehungen dazu fiihrt, dass Beratungen und Therapien ohne Erfolg bleiben: „Much more adequate attention needs to be paid to the subtle interrelationship which grows up between the therapist and the client, the counselor and the counselee" (Rogers, 1942, S. 85).

Nach Biermann-Ratjen und Eckert (2018) ist das zweite grundlegende Buch von Rogers das 1951 veroffentlichte Client Centered Therapy. Rogers (1951) macht hier im gesamten Werk deutlich, dass der Erfolg der Therapie nicht von der Personlichkeit des Therapeuten bzw. Beraters, nicht von seinen Interventionen oder Techniken und nicht einmal von den Einstellungen des Therapeuten abhangt, „... sondern vorwiegend von der Art, wie der Klient in der Beziehung all diese Dinge erfahrt" (Rogers, 1973, S. 73, Hervorhebung C.S.). Finke (2004) referiert, dass Rogers sein Verfahren ab 1942 zunachst als "nicht-direktiv" bezeichnete. Damit wollte Rogers ausdriicken, dass der Therapeut Ratschlage, Anweisungen und Empfehlungen zuriickhalt und vor allem auch das Gesprach nicht strukturiert oder aktiv steuert. Die spater eingefuhrte Bezeichnung "klientenzentriert" bezeichnet die spezielle Eigenschaft seines psychotherapeutischen Verstandnisses. Der Klient sollte nicht langer aus der Perspektive des Therapeuten oder aus Diagnosekriterien psychischer Storungen interpretiert werden, sondern aus sich selbst, aus seinem eigenen Bezugsrahmen heraus. Rogers (2013) sieht die Grundlage seines Ansatzes darin, dass eine bestimmte Form von zwischenmenschlicher Beziehung das inharente Wachstumspotential des Klienten freisetzt. Essenziell ist, dass der Therapeut „... ein hochst sensibles, nicht urteilendes Verstehen in sich selbst erfahrt, zugleich aber dem Klienten mitteilt" und dass „... sein Schwerpunkt mehr auf dem Prozess der Beziehung selbst als auf dem Symptomen oder ihr Behandlung liegt (Rogers, 2013, S. 17). Rogers' Hypothesen beruhen auf empirischer Forschung und seine Therapiemethode arbeitet nicht direkt mit Symptomen, sondern mochte eine besondere Beziehungskonstellation herstellen, die das Wachstumspotential des Klienten fordert (vgl. Kapitel3.2.).

Nach Biermann-Ratjen und Eckert (2017) untersuchte Rogers diese zentrale Annahme der Bedeutung der therapeutischen Beziehung in den folgenden Jahren insbesondere durch Tonbandauf- und Filmaufzeichnungen der Therapie. Zusammenfassende Ergebnisse seiner empirischen Therapieforschungen bezuglich der Wirksamkeit von Psychotherapie veroffentlichte er 1957 in dem beruhmt gewordenen Aufsatz The Necessary and Sufficient Conditions of Therapeutic Personality Changes (vgl. Kapitel 2). In diesem Aufsatz stellt Rogers die therapeutische Beziehung als zentrales Agens der Therapie heraus. Rogers hat seine Thesen durch weitere Forschung verfestigen konnen und definiert den klientenzentrierten Ansatz schlieBlich als ein psychotherapeutisches Verfahren, dessen Wirkung auf der Beziehungsgestaltung zwischen Klient und Therapeut beruht.

2. Notwendige und hinreichende Bedingungen fur Personlichkeitsentwicklung durch Psychotherapie

"It is pointed out that many of the conditions which are commonly regarded as necessary to psychotherapy are, in terms of this theory, nonessential" (Rogers, 1957, S. 103)

Rogers bricht in diesem Artikel den therapeutischen Prozess auf sechs definier- und messbare Bedingungen herunter, die notwendig und hinreichend fur konstruktive Personlichkeitsveranderung sind. Unter konstruktiver Personlichkeitsentwicklung versteht er: „... greater integration, less internal conflict, more energy utilizable for effective living; change ... toward behaviors regarded as mature" (Rogers, 1957, S. 95). Rogers selbst ist uberrascht von der Simplizitat seiner Forschungsergebnisse. Laut Schmid (1996) ist es einer der wichtigsten Artikel, ein Klassiker auf dem Gebiet der Psychotherapie. Seine Thesen wurden durch Forschung bestatigt, so dass sie das Grundverstandnis von Psychotherapie nachhaltig beeinflusst haben. Der Artikel bietet auch eine wichtige theoretische Grundlage fur diverse helfende Beziehungen, wie sie in anderen Berufsgruppen vorkommen.

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1 In der folgenden Arbeit wird aus Grilnden der besseren Lesbarkeit ausschliefllich die mannliche Form verwendet. Sie bezieht sich auf Personen beiderlei Geschlechts.

Details

Seiten
22
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346209030
ISBN (Buch)
9783346209047
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v595347
Institution / Hochschule
International Psychoanalytic University
Note
1,0
Schlagworte
Therapeutische Beziehung Gesprächspsychotherapie Klientenzentrierte Therapie Therapeutische Allianz Therapeutisches Angebot Vergleich Psychoanalyse Vergleich Verhaltenstherapie Personenzentrierte Therapie Carl Rogers Wirkfaktoren Psychotherapie

Autor

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Titel: Wirkfaktor Beziehung. Das psychotherapeutische Angebot in der klientenzentrierten Therapie