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Die Wirtschaftsreformen unter Peter dem Großen

Hausarbeit 1999 17 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Thematische Einführung

2. Die Wirtschaftsreformen unter Peter dem Großen
2.1. Voraussetzungen und Ausgangslage
2.2. Peters Reformen und Maßnahmen zur Stärkung der russischen Wirtschaft
2.3. Die Folge für die Entwicklung der russischen Wirtschaft
2.4. Die Auswirkungen der Wirtschaftsreformen auf den russischen Adel
2.5. Peters Wirtschaftsreformen aus kritischer Perspektive

3. Resümee

1. Thematische Einführung

Das Rußland des 16. und 17. Jahrhunderts war weit hinter der wirtschaftlichen Entwicklung in Westeuropa zurückgeblieben. Im Laufe der Jahre gelangte es aufgrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs während der Smuta[1] und wegen einer fehlenden Modernisierung immer mehr in eine wirtschaftspolitische Isolation und Rückständigkeit. Erst Zar Peter der Große öffnete das russische Reich am Ende des 17. Jahrhunderts gegenüber dem Westen.[2] Mit seinen Reformen legte Peter I. nicht nur den Grundstein für eine verbesserte wirtschaftliche Situation in Rußland, sondern sorgte außerdem für den Wandel des gesellschaftlichen, staatlichen und kulturellen Lebens des Landes.[3]

Im Mittelpunkt stehen aber im folgenden die Wirtschaftsreformen Peters I., die für private unternehmerische Aktivitäten als unerläßlich galten und die russische Wirtschaft beleben sollten.[4] Das Hauptaugenmerk wird dabei auf die industrielle Wirtschaft gelegt. Geschildert werden soll, inwieweit Peter der Große durch sein Reformprogramm die russische Wirtschaft beeinflussen und ihr positive Anstöße geben konnte. Zunächst soll dabei auf die Ausgangslage eingegangen werden und die Situation der vorpetrinischen Zeit beleuchtet werden. Im folgenden Teil werden die Reformen des Zaren näher betrachtet und anschließend mit einem Blick auf die Folgen für die russische Wirtschaft bewertet. Hiernach werden die Maßnahmen Peters I. auch in Verbindung mit dem russischen Adel gebracht. Dabei soll erläutert werden, inwiefern der Adel von den Reformen des Zaren profitierte oder beeinträchtigt wurde. Zuletzt werden die petrinischen Reform auch aus einem kritischeren Blickwinkel betrachtet, um keinen verfälschend wirkenden Eindruck vom Reformwerk des wohl bedeutendsten russischen Zaren entstehen zu lassen.

2. Die Wirtschaftsreformen unter Peter dem Großen

2.1. Voraussetzungen und Ausgangslage

In der vorpetrinischen Zeit existierte in Rußland fast keine industrielle Wirtschaft.[5] Die ersten Industriebetriebe Rußlands entstanden zwar im frühen 17. Jahrhundert[6] und seit 1613, also nach der “Zeit der Wirren”, entstanden schließlich auch die ersten Manufakturen.[7] Doch wurde in diesen Betrieben ausschließlich mit manuellen Methoden gearbeitet.[8] Zudem erhielt die Industrie von Seiten des Staates keinerlei Förderung.[9] Rußland war vom westeuropäischen Handel praktisch isoliert. Es kam lediglich zur Ausfuhr einiger Rohstoffe und zur Einfuhr einiger Fabrikate.[10] Doch waren die Bedürfnisse des russischen Volkes niedrig und diesem Zustand entsprach auch die volkswirtschaftliche Produktion.[11] In den Jahren 1630 bis 1690 konnten daher nur die Grundlagen einer großbetrieblichen Gewerbetätigkeit geschaffen werden.

Bei seiner Machtübernahme[12] fand Peter der Große daher eine desolate wirtschaftliche Situation vor. Rußland galt als Musterbeispiel eines rückständigen Landes und die Gegebenheiten boten wenig Hoffnung auf eine deutliche Verbesserung dieser Lage. Vor allem die zentrale staatliche Wirtschaftslenkung war ein großes Hemmnis. Aber auch die Moskauer Sozialordnung, die die uneingeschränkte Gewalt des Herrschers und die Schollengebundenheit der Bauern ebenso umfaßte wie die Ortsbindung und die Dienst- und Steuerpflichtigkeit der Stadt- und Landbevölkerung, war hinderlich für die wirtschaftliche Entwicklung in Rußland. Jeder Impuls der Eigenständigkeit wurde durch Reglementierungen erstickt, ein Mitspracherecht gab es nicht.[13]

Die Zaren zogen die wichtigsten Handelszweige und nahezu das gesamte gütererzeugende Gewerbe an sich. Jedes Produkt, mit dem man Geschäfte hätte machen können, unterlag einem staatlichen Monopol. Rußland wurde somit in ein riesiges patrimoniales Wirtschaftsunternehmen verwandelt und somit wurde verhindert, daß sich produktives, privates Kapital bei bedeutenden Vertretern des städtischen Wirtschaftslebens, bei Moskauer Großkaufleuten oder bei den reichsten Leuten akkumulierte.[14] Es fehlte daher an selbstbewußten Bürgern, die nach britischem bzw. holländischem Vorbild das Risiko auf sich nahmen und Unternehmen gründeten.[15] Rußland galt im 17. Jahrhundert als das Land, in dem das gewerbliche Wachstum am stärksten von staatlichen Initiativen abhängig war und so konnten Manufakturen und großgewerbliche Unternehmen nur mit Unterstützung des Staats errichtet werden.

Andererseits war Rußland aber wegen der immer aktiveren Westorientierung auf eine spürbare Belebung des Rüstungssektors angewiesen. Ökonomische Modernisierung war allerdings nur durch die Einführung neuer Produktionstechniken möglich. Dazu mußten westeuropäische Unternehmer angeworben werden. Zwar konnten unter den zwei Zaren Michail Fedorovic und Aleksej Michajlovic eine Reihe dieser Unternehmer gewonnen werden und erste großgewerbliche Produktionsstätten errichtet werden. Auch setzte Aleksej Michajlovic eine Nationalisierung der Handelspolitik durch, indem er 1649 die Privilegien der englischen Händler aufhob und 1667 ein Handelsstatut in Kraft setzte, das Ausländern den Handel innerhalb Rußlands nur mit einer Genehmigung erlaubte.[16]

Zudem wurden Unternehmern auf Antrag Privilegien gewährt. Dabei gehörte zu den wertvollsten Vorrechten die Überlassung von Grund und Boden für den Bau der Betriebe, das alleinige Nutzungsrecht an bestimmten Regalien, die Überlassung von Arbeitskräften, staatliche Darlehen und Abnahmegarantien für die Produktion. Als Gegenleistung bestand die Regierung auf die Einführung unbekannter Produktionsverfahren, die Ausbildung russischer Lehrlinge und die pünktliche Lieferung der bestellten Erzeugnisse.[17] Doch wurde durch diese “Privilegierung auf Antrag” die Entstehung neuer Unternehmungen blockiert,[18] da letztendlich immer noch der Zar über die Privilegien entscheiden konnte und somit nicht jedes Unternehmen davon profitieren konnte.

Dennoch konnten alle in der vorpetrinischen Zeit ergriffenen politischen Maßnahmen der russischen Wirtschaft keinen wirklichen Anreiz zum Aufbau einer Großindustrie in Rußland geben.[19] Insgesamt existierten in der Zeit vor der Machtübernahme Peters I. nur 27 Eisenwerke, zwei Kupferwerke, fünf Glashütten, fünf Papiermühlen, vier Pulvermühlen, zwei Textil- und eine Ledermanufaktur. Gemessen an Westeuropa waren das nur sehr wenige Betriebe, von denen zudem viele nur ein kurzzeitiges Dasein fristeten.[20]

2.2. Peters Reformen und Maßnahmen zur Stärkung der Wirtschaft

Mit der Machtübernahme Peters brach das russische Zarenreich in eine neue Phase der großgewerblichen Entwicklung auf. Während in Rußland zuvor fast ausschließlich nur die Landwirtschaft existierte, sorgte Peter I. mit seinen Reformen für die Modernisierung der Wirtschaft und die Expansion im Bereich der Industrie und des Handels.[21]

Inspiriert durch seine Reisen nach Westeuropa[22], aber auch gezwungen aufgrund ständiger militärischer Auseinandersetzungen,[23] verfolgte der Zar drei Ziele, um der inländischen gewerblichen Wirtschaft die ihr noch fehlende Dynamik zu geben.[24] Dabei war es erstens wichtig, die bisher rückständige Industrialisierung des Landes voranzutreiben. Zweitens sollten die riesigen Naturreichtümer Rußlands, also die zahlreichen Rohstoffe, genutzt werden und drittens setzte Peter I. auf die Entwicklung und Förderung der privaten Unternehmerinitiative.[25]

Die gewerbliche Produktion sollte mit allen Mitteln gesteigert werden. Dies erforderte nicht nur das Ziel der Dynamisierung der russischen Wirtschaft, sondern stand auch in der Tradition der zwei Vorgängerzaren Peters I. Diese hatten mit ihrer Wirtschaftspolitik auch merkantilistische Zielvorstellungen verfolgt.[26] Mit dem Beginn des Nordischen Krieges gegen Schweden im Jahr 1700 spielte der Merkantilismus auch für Peter den Großen eine gewichtige Rolle, da die militärische Auseinandersetzung immer größere Mengen an Waffen und Ausrüstung erforderte. Da der Import ausländischer Waren zu teuer gewesen wäre, mußte ein System wirtschaftlicher Selbständigkeit geschaffen werden. Dafür mußten neue Rohstoffquellen erschlossen werden.[27]

Zusammen mit dem Willen zur Modernisierung und Dynamisierung des Landes war der Merkantilismus also ein gewichtiger Faktor in der Wirtschaftspolitik des Zaren, der diesen zum großen Förderer der inländischen Produktion[28] und zum eigentlichen Begründer der russischen Großindustrie machte.[29] Der Merkantilismus stand zwar zunächst im Vordergrund, doch erstreckten sich Peters Fördermaßnahmen eindeutig auch auf alle anderen Bereiche der russischen Industrie.[30]

[...]


[1] Während der „Zeit der Wirren“ (smuta) von 1598 bis 1613 erlebte Rußland eine starke Krise mit zahlreichen ausländischen Interventionen, Kriegen und Bürgerkrieg. Vgl. Schmidt 1997, S.66.

[2] Rösener 1993, S.144.

[3] Donnert 1989, S.96.

[4] Fenster 1983, S.29.

[5] Massie 1982, S.655.

[6] Buck 1968, S.226.

[7] Fenster 1983, S.11.

[8] Buck 1968, S.226.

[9] Ordega 1885, Vorwort Seite V.

[10] Ordega 1985, S.3-4.

[11] Ordega 1985, S.6.

[12] Bereits 1682 wird Peter zum neuen Zaren bestimmt, muß die Regentschaft aber nach einem Aufstand der Strelizen mit seinem Halbbruder Ivan teilen. Da beide noch minderjährig sind, übernimmt Peters Halbschwester Sofja die Regentschaft. Nach dem Rücktritts Sofjas 1689 und dem Tod Ivans im Jahr 1696 übernimmt Peter die Alleinherrschaft. Vgl. Neumann-Hoditz 1983, S.140.

[13] Fenster 1983, S.22.

[14] Fenster 1983, S.23.

[15] Fenster 1983, S.22.

[16] Wittschewsky 1905, S.4.

[17] Fenster 1983, S.24.

[18] Fenster 1983, S.26.

[19] Fenster 1983, S.23.

[20] Fenster 1983, S.24.

[21] Ordega 1885, S.2.

[22] Die erste Reise nach Westeuropa unternahm Peter I. in den Jahren 1697 und 1698. Vgl. Donnert 1989, S.96.

[23] In der Regierungszeit Peter des Großen gab es nur ein Friedensjahr. Vgl. Neumann-Hoditz 1983, S.113.

[24] Fenster 1983, S.30.

[25] Donnert 1989, S.97.

[26] Donnert 1989, S.97.

[27] Fenster 1983, S.26.

[28] Fenster 1983, S.26.

[29] Donnert 1989, S.97.

[30] Donnert 1989, S.104.

Details

Seiten
17
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638532907
ISBN (Buch)
9783638752633
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59311
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Historisches Seminar
Note
1,3
Schlagworte
Wirtschaftsreformen Peter Großen

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