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Die kulturellen Bedingungen der Produktionssysteme

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 27 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Gliederung

1. Ausgangspunkt und Fragestellung

2. Soziale Produktionssysteme
2.1 Dimensionen der Produktionssysteme
2.2 Weitere Unterscheidungsmöglichkeiten

3. Institutionelle Einbettung
3.1 Institutionelle Komplementaritäten
3.2 Relevante Institutionen
3.2.1 Diversifizierte Qualitätsmassenproduktion
3.2.2 Standardisierte Massenproduktion

4. Kulturelle Bedingungen
4.1 Kultur, Handeln, Institutionen und Ökonomie
4.2 USA
4.3 Deutschland

5. Kulturelle Ausformung der Institutionen
5.1 Kulturelle Ausprägungen in den USA
5.2 Kulturelle Ausprägungen in Deutschland

6. Zusammenfassung und Ausblick

1. Ausgangspunkt und Fragestellung

In der gegenwärtigen soziologischen Diskussion taucht immer wieder die Problematik der Veränderung von Kapitalismusformen unter den Bedingungen der globalisierten Welt auf. Dabei werden ganz unterschiedliche und sich teilweise sogar widersprechende Hypothesen aufgestellt. Diese reichen von der strikten Konvergenzhypothese über die Hybridisierungsthese bis hin zur Divergenzhypothese. Eine Divergenzhypothese wird zum Beispiel von Lane im Hinblick auf Corporate Governance Strukturen vertreten, wobei sie eine Annäherung der deutschen Corporate Governance Strukturen an das US-Amerikanische Modell beobachtet (vgl. Lane 2003, S. 97) oder von Berger und Dore, die eine Konvergenz der Technologien beschreiben (vgl. Berger/Dore, S. 2). Eine Hybridisierungsthese vertritt unter anderem Höpner. In seinem Artikel „ Wer beherrscht die Unternehmen?“ macht er die Beobachtung, dass die Mitbestimmung im Zuge der Globalisierung keinen Bedeutungsverlust erleidet, sondern einem Funktionswandel unterliegt (vgl. Höpner, S. 210). Zwei bekannte Vertreter der Konvergenzhypothese sind Hall und Soskice, die in der Einleitung ihrer Veröffentlichung „Varieties of Capitalism“ die Ansicht vertreten „... world trade has been increasing for fifty years without enforcing convergence. ... nations often prosper not by becoming more similar but by building on their institutional differences.” (Hall/Soskice, S. 60) Diese kure Aufzählung von unterschiedlichsten Ansichten zeigt die Uneinigkeit über die gegenwärtigen Prozesse, denen die ökonomischen Systeme unterliegen. Um Aussagen dieser Art, egal welcher Ansatz dabei vertreten wird, aber überhaupt treffen, deren Gehalt bestimmen und eventuell Vorhersagen machen zu können, ist es unerlässlich die Ausgangssituation oder den Ausgangspunkt an dem Veränderungen eintreten zu beschreiben und zu sein Zustandekommen zu erklären. Erst im Hinblick auf das Entstehen von bestimmten ökonomischen Systemen sind Aussagen über deren Entwicklung und deren Wandel möglich. In diesem Aufsatz soll genau dieser Ausgangspunkt und dessen Grundlagen aufgezeigt werden. Es soll verdeutlicht werden, wie zwei Produktionssysteme - die Standardisierte Massenproduktion (SMP) und die Diversifizierte Qualitätsmassenproduktion (DQMP) - beschaffen sind und vor allem welche Bedingungen für deren Entstehen verantwortlich sind. Da ich die Ursache der Unterschiede in der Kultur verankert sehe und es meiner Meinung nach sehr schwierig wenn nicht sogar unmöglich ist eine direkte Verbindung zwischen der Kultur und den Produktionssystemen herzustellen, werde ich diese Frage in zwei Schritten beantworten. Zuerst werde ich damit beginnen, die zwei unterschiedlichen Produktionssysteme voneinander abzugrenzen, ihre Unterschiede herauszuarbeiten und deren speziellen Besonderheiten darzustellen. Im nächsten Kapitel werde ich zunächst die institutionelle Einbettung der Produktionssysteme diskutieren und dann kurz das Konzept der institutionellen Komplementaritäten anführen mithilfe dessen eine Verbindung zwischen verschiedenen Institutionen hergestellt werden kann, um anschließend näher auf die für Produktionssysteme relevanten Institutionen einzugehen. Im zweiten Schritt soll die wichtige Frage behandelt werden, wie die Unterschiede in den Produktionssystemen überhaupt zustande gekommen sind. Grundlage hierfür sind die kulturellen Eigenheiten der beiden Nationen Deutschland und USA, in denen die DQMP beziehungsweise die SMP dominant sind. Im folgenden Kapitel stelle ich dann eine Möglichkeit vor, wie sich die Kultur über Handlungen und Institutionen mit der Ökonomie verbinden lässt und werde die kulturellen Unterschiede der beiden Nationen anhand des Werkes „Die Kultur der Moderne“ von Richard Münch (vgl. Münch) sichtbar machen. Anschließend soll die Frage beantwortet werden, wie sich die Kultur in den jeweiligen Institutionen niederschlägt, ihren Ausdruck findet und diese formt, wobei besonderes Augenmerk auf die Industriellen Beziehungen gelegt werden soll. Im letzten Kapitel sollen die Ergebnisse noch einmal kurz zusammengefasst und ein Ausblick auf die oben schon erwähnten Fragen bezüglich Divergenz, Hybridisierung und Konvergenz gegeben werden.

Zusammengefasst kann man sagen, dass ich versuchen werde darzustellen, das und wie die jeweiligen kulturellen Besonderheiten ihren Ausdruck über den Umweg anderer Institutionen in den zwei unterschiedlichen Produktionssystemen finden. Da dieses Thema zu komplex ist, um bis ins Detail im Rahmen einer Hausarbeit bearbeitet zu werden, soll hier vielmehr nur darauf aufmerksam gemacht werden, welche Aspekte bei einer Analyse der ökonomischen Systeme nicht vernachlässigt werden dürfen und welche Ansatzpunkte es gibt, bestimmte ökonomische Besonderheiten auf kulturelle Bedingungen zurückzuführen. Weiterhin soll hier nicht das Ziel verfolgt werden ein Produktionssystem zu bevorzugen, da beide Systeme den funktionalen Anforderungen gerecht werden und beide sowohl Stäken als auch Schwächen aufweisen.

2. Soziale Produktionssysteme

Wie bereits erwähnt, möchte ich mich in diesem Aufsatz mit der Institution der Produktionssysteme beschäftigen, da sie neben anderen Institutionen einen zentralen Stellenwert in ökonomischen Systemen einnehmen. Unter Produktionssystemen im Allgemeinen versteht man die Organisation der Produktion, die Produktionsprozesse und die Herstellung von bestimmten Produkten. Vorweg ist zu sagen, dass es sich bei den Produktionssystemen um Idealtypen im werberschen Sinne handelt. (vgl. Weber, S. 190-204) Das bedeutet ein Produktionssystem liegt in der Realität niemals in seiner reinsten Form vor, sondern es wird zum Zweck des analytischen Vergleichs stilisiert konstruiert. Weiterhin existiert laut Hirst und Zeitlin nicht nur ein Produktionssystem in einer Ökonomie, sondern eine Koexistenz mehrere Produktionssysteme ist der Regelfall, wobei dennoch eine Form in einer bestimmten Ökonomie immer dominant ist. „... firms frequently engage in hybrid forms of production, … but that these hybrid type firms are usually embedded in a dominant type of social system of production.” (vgl. Hirst/Zeitlin, zit. nach Hollingsworth/Boyer, S. 21) Ich habe mich dafür entschieden die beiden Produktionssysteme der SMP und der DQMP gegenüberzustellen. Im Gegensatz beispielsweise zur Flexiblen Spezialisierung (vgl. Piore/Sabel) treten diese am häufigsten auf und sind die beiden dominanten Formen, die sich beobachten lassen, wenn als Analyseeinheit Nationen gewählt werden. Ich werde diese beiden Formen der Produktionssysteme anhand der beiden Nationen USA und Deutschland erläutern, da hier die SMP beziehungsweise die DQMP dominant sind, oder auch dominant waren. Wie lassen sich die beiden Typen also unterscheiden?

2.1 Dimensionen der Produktionssysteme

Die beiden Formen lassen sich anhand der von Wolfgang Steeck beschriebenen drei Dimensionen Standardisierung, Outputvolumen und Wettbewerbstyp am besten differenzieren (vgl. Streeck 1991, S.25f). Zusätzlich kann man noch eine vierte Dimension die Anpassungsgeschwindigkeit an die Umwelt hinzufügen, wie es von Hollingsworth und Boyer gemacht wurde (vgl. Hollingsworth/Boyer, S. 21ff.). Während Steeck anhand der drei von ihm genannten Dimensionen vor allem eine Abgrenzung von SMP und Handwerk vor Augen hat, beziehen sich Hollingsworth und Boyer explizit auf eine Differenzierung von SMP und DQMP. Die SMP zeichnet sich bezogen auf die genannten Dimensionen durch eine hohe Standardisierung der Produkte, durch eine hohes Outputvolumen, durch Preiswettbewerb und eine niedrige Anpassungsgeschwindigkeit aus. Die DQMP besitzt ebenfalls ein hohes Outputvolumen und eine niedrige Anpassungsgeschwindigkeit. Sie basiert aber nicht auf Preiswettbewerb, sondern auf Qualitätswettbewerb und die Produkte sind nicht standardisiert, sondern kundenspezifisch. Diese beiden Produktionssysteme können hinsichtlich der Dimensionen Outputvolumen und Anpassungsgeschwindigkeit beispielsweise von der Flexiblen Spezialisierung abgegrenzt werden, die ein niedriges Outputvolumen und eine hohe Anpassungsgeschwindigkeit hat. Eine Darstellung der Differenzierung von Produktionssystemen hinsichtlich der Dimensionen von Hollingsworth und Boyer findet sich in der Graphik im Anhang.

Diese Zusammenfassung der beiden Differenzierungen anhand verschiedener Dimensionen zeigt sehr gut die Unterschiede zwischen der SMP und der DQMP hinsichtlich der beiden Dimensionen Standardisierung und Wettbewerbstyp. Neben diesen vier Dimensionen lassen sich die Produktionssysteme aber noch bezüglich weiterer Aspekte unterscheiden.

2.2 Weitere Unterscheidungsmöglichkeiten

Eine andere Unterscheidungsmöglichkeit, die von Hollingsworth und Boyer nur am Rande erwähnt wird, ist die wirtschaftliche Logik in bezug auf die Senkung der Stückkosten (vgl. Hollingsworth, S. 268ff.). Sowohl bei der SMP als auch bei der DQMP wird ein hohes Outputvolumen verfolgt, das heisst Produkte in großen Stückzahlen produziert. Mit dieser Strategie können economies of scale erreicht werden. Bei dieser Produktionsweise lassen sich die Stückkosten senken, indem die fixen Kosten auf große Stückzahlen verteilt werden. Bei der DQMP wird aber zusätzlich die Strategie der economies of scope verfolgt, bei der Kosten durch die Produktion verschiedenartiger Produkte reduziert werden können. Economies of scope können beispielsweise durch eine variierbare Maschinennutzung oder durch die gemeinsamen Nutzung von know how für unterschiedliche Produkte erzielt werden.

Weiterhin lassen sich die beide Produktionssysteme durch die Formen der Koordination voneinander abgrenzen. Während die SMP vor allem auf Märkte und Hierarchien basieren, sind für die DQMP kollektive Formen der Koordination zwingend notwendig, die sich hauptsächlich auf Vertrauen und Kooperation stützen (vgl. Hollingsworth/Boyer, S. 24 und Streeck 1991, S. 31ff.). Kollektive Formen der Koordination sind zum Beispiel Netzwerke, Verbände, wie Arbeitgeberverbände oder Gewerkschaften und zum Teil auch der Staat. Welche Form der Koordination und damit letztendlich welches Produktionssystem gewählt wird, hängt vom gegebenen sozialen Kontext, also vom Institutionenarrangement ab in dem das Produktionssystem eingebettet ist. „In short, the choices of coordinating mechanisms … are constrained by the social context within which they are embedded.” (Hollingsworth/Boyer, S. 11) Dies zeigt die außerordentliche Bedeutung weiterer Institutionen in einem ökonomischen System, die im nächsten Kapital näher betrachtet werden sollen.

3. Institutionelle Einbettung

Ausgangspunkt dieses Aufsatzes ist, wie bei vielen Arbeiten, eine Kritik am neoklassischen Paradigma, das besagt, dass ökonomische Aktivitäten durch rational handelnde und nach individueller Nutzenmaximierung strebende Akteure und durch Märkte gesteuert werden. Diese älteren Ansätze haben heute keine Erklärungskraft mehr, da „... individual action is influenced by the hold that insituions have on individual decision making.“ (Hollingsworth/Boyer, S. 3) Es geht hier also um die von einigen Autoren, wie zum Beispiel Whitley (vgl. Whitley), Berger/Dore (vgl. Berger/Dore) oder auch North (vgl. North) beschriebene und vieldiskutierte institutionelle Einbettung des ökonomischen Handelns. Der Begriff und dessen Bedeutung wird aber im weiteren Verlauf dieses Kapitals noch deutlicher werden. Wegen der institutionellen Einbettung des ökonomischen Handelns und der Verflechtung von ökonomisch relevanten Institutionen spreche ich hier, in Anlehnung an Hollingsworth und Boyer, von Sozialen Produktionssystemen. Laut Hollingsworth und Boyer sind Soziale Produktionssysteme oder Social Systems of Production „… the way that the following institutions or structures of a country or a region are integrated into a social configuration: the industrial system; the system of training of workers and managers; the internal structure of corporate firms,…” (Hollingsworth/Boyer, S. 2)

3.1. Institutionelle Komplementaritäten

Um die Frage zu beantworten, wie und warum verschiedene Produktionssysteme kulturell bedingt sind, muss hier kurz das Konzept der institutionellen Komplementaritäten vorgestellt werden. Wie bereits eingangs erwähnt, ist es notwendig von der Kultur einen Umweg über andere Institutionen hin zu den Produktionssystemen zu gehen, da eine direkte Verbindung nicht hergestellt werden kann. Das Konzept der institutionellen Komplementaritäten findet sich beispielsweise bei Hall und Soskice in ihrem Werk „Varieties of Capitalism“. Institutionelle Komplementaritäten bedeuten wechselseitige Stabilisierung von Institutionen (Sachzwang). „ ... two institutions can be said to be complementary if the presence (or efficiency) of one increases the returns from (or efficiency of) the other.“ (Hall/Soskice, S. 17) Mit Hilfe des Konzepts stellen die beiden Autoren Verbindungen zwischen den Institutionen Industrielle Beziehungen, Berufsausbildung und Qualifikation, Corporate Governance, zwischenbetriebliche und firmeninterne Beziehungen her, die je nach Ausprägung der Institutionen ein stabiles Institutionengeflecht bilden. Obwohl bei Hall und Soskice die Produktionssysteme keine Rolle spielen, können diese ebenfalls miteinbezogen werden. Allerdings darf dieses Konzept nicht unhinterfragt übernommen werden, da es eine zu statische Sichtweise enthält. Wie schon öfter festgestellt wurde, sind die Institutionen ständig im Begriff sich zu wandeln und deshalb keineswegs so stabil wie behauptet (vgl. z.B. Münch/Guenther, S. 4)[1]. Nach dem Ansatz der institutionellen Komplementaritäten ist ein Insitutionenwandel aber entweder gar nicht möglich, die anderen Institutionen müssten sich der neuen Situation anpassen oder das System würde zusammenbrechen. Nichtsdestotrotz ist das Konzept geeignet um die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Institutionen zu verdeutlichen.

[...]


[1] In diesem Text wird beispielsweise eine grundlegende Veränderung der Corporate Governance Strukturen beschrieben.

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638532808
ISBN (Buch)
9783638684927
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59292
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,00
Schlagworte
Bedingungen Produktionssysteme

Autor

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