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"Das Hungern und seine Bestimmung" in Franz Kafkas "Ein Hungerkünstler"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Die Hungerkunst der guten Tage
2.1. Das Schauhungern
2.2. Hungern nach Wahrheit

3. Die Hungerkunst der schlechten Tage
3.1. Hungern nach Freiheit
3.2. Die Speise, die nicht von dieser Welt ist
3.3. Die Figur des Panthers

4. Schlussbetrachtungen

"Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein; er mochte schreien, wie er wollte, es half ihm nichts. [...] Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief: ‚Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle, ob du bald fett bist.’ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen, und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da überkam sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten."[1]

1. Einleitung

"Hungerkünstler, Impresario, Wächter, Publikum, Käfige mit Stroh, Zirkus, Raubtiere, das alles kennen wir. Aber diese Gegenstände begegnen uns hier seltsam verfremdet, als ob wir sie nicht kennten. Sie sind sinnlich und doch abstrakt, wirklich und auch wieder überwirklich, bizarr und grotesk, ins Unheimliche gesteigert, so dass wir uns mit einem Male in einer Welt befinden, in der wir nicht mehr ‚zu Hause' sind."[2]

Die Geschichte ist recht einfach: Ein Hungernder, der von sich behauptet, er sei ein Unvergleichlicher seiner Kunst, hungert sich zusehends zu Tode. Die Zuschauer schwanken zwischen Begeisterung und Unverständnis, verlangen Beweise, um an die Einzigartigkeit dieser Attraktion glauben zu können, bis sie aufhören, sich für das Dargebotene zu interessieren. Am Ende finden wir einen schwachen Hungerkünstler, der um Verzeihung bittet und atemlos im Stroh versinkt.

Die Handlung wird in eine Sprache gekleidet, die Kafka bewusst nüchtern und ohne "jeden poetischen Glanz"[3] gewählt hat - eine Sprache aber, die Bilder und Zeichen unserer Welt dennoch geschickt zu verhüllen scheint. Der Hungernde lebt in einer Umgebung, die wir zu kennen glauben, begegnet Menschen, denen auch wir hätten begegnen können - und doch wirkt diese Welt wie ein Phantasma, und wir sind versucht, diese Illusion zu entlarven. Aber hinter dieser scheinhaften Welt

"[...] ist nichts mehr zu suchen. Die Kafkasche Erzählwelt selbst ist bereits dieses 'Dahinter', gewebt aus Elementen unserer Welt [...]."[4]

Es ist ein Phänomen, das uns bei Kafka häufiger begegnet - wie etwa im „Prozeß“, in dem die Hauptfigur beschuldigt wird, etwas getan zu haben, von dem die Leserschaft nie erfahren wird, was genau es war. Franz Kafka vermag es, durch geradezu „asketische Reduktion“, in seinen Texten eine andere Welt zu erschaffen, die Raum zur Interpretation und Fülle eröffnet.

Der „Hungerkünstler“ liest sich wie ein Bericht über das Leben eines Hungernden, der gänzlich darauf verzichtet, nach Hinter- und Beweggründen für das Handeln des Protagonisten zu fragen. Die personale Instanz des Textes vermeidet es, die inneren Kämpfe des Hungerkünstlers oder die Gedanken des Publikums darzustellen, vielmehr wird in nahezu pedantischer Schilderung darauf Wert gelegt, wie die Szenerie und die Figuren der Geschichte ausgestaltet sind. So wird der Protagonist am Anfang wie folgt geschildert:

„[...] wie er bleich, im schwarzen Trikot, mit mächtig hervortretenden Rippen, [...], auf hingestreutem Stroh saß, einmal höflich nickend, angestrengt lächelnd Fragen beantwortete, auch durch das Gitter den Arm streckte, um seine Magerkeit befühlen zu lassen, dann aber wieder ganz in sich selbst versank, um niemanden sich kümmerte, [...], sondern nur vor sich hinsah mit fast geschlossenen Augen [...].“[5]

Das Prinzip der Aussparung von Motiven, so und nicht anders zu handeln, von Emotionen aller Beteiligten, der Aussparung von Gedanken wird sich durch den gesamten Text ziehen und ist mit dafür verantwortlich, dass in den „Hungerkünstler“ „alles und nichts“ hineingelesen werden kann.

Diese Arbeit wird versuchen, einige Sinnschichten des „Hungerkünstlers“ zu diskutieren, sie wird zeigen, wie selbst die Deutungen der Geschichte in ihr Gegenteil verkehrt und dennoch als gültig anerkannt werden können. Die aufgestellten Thesen werden sich im wesentlichen an folgenden Begriffen orientieren, die auf geheimnisvolle Art und Weise zusammenhängen: Freiheit oder die Freiwilligkeit des Hungerns – Kunst und Leistung – Askese im Überfluss oder Mangel an Nahrung – Wahrheit oder Schein. Die Autorin bemüht sich, diesen Begriffen einen auf den Hungerkünstler anwendbaren Rahmen zu geben, zu diesem Zweck werden Fragen an den Text gestellt und einige ausgewählte Motive untersucht.

2. Die Hungerkunst der guten Tage

"Es waren andere Zeiten. Damals beschäftigte sich die ganze Stadt mit dem Hungerkünstler; von Hungertag zu Hungertag stieg die Teilnahme; jeder wollte den Hungerkünstler zumindest einmal täglich sehen; an den spätern Tagen gab es Abbonenten, welche tagelang vor dem kleinen Gitterkäfig saßen; auch in der Nacht fanden Besichtigungen statt, zur Erhöhung der Wirkung bei Fackelschein; an schönen Tagen wurde der Käfig ins Freie getragen [...][6]

Dieser Auszug aus einem der ersten Sätze des Hungerkünstlers beschreibt reportartnah eine Kunstdarbietung, wie es sie in ihrer Blütezeit in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts gegeben hat. Es waren Menschen, die in der Welt des Variètès ihr außergewöhnliches Hungern zur Schau stellten, es waren Menschen, die für den optimalen Geldgewinn einen Impresario beschäftigten, es waren Menschen, die zu den "bizarre[n] Formen des Amüsements"[7] gezählt werden können. Von Anfang an war mit der Leistung eines Hungerkünstlers der Vorwurf des Betrugs verbunden; angesichts der nahezu unmenschlichen Willenskraft der hinter den Gittern Sitzenden war es für das Publikum unvorstellbar, dem Spektakel Glauben schenken zu können.

Für die Hungernden galt ein ungeschriebenes Gesetz: Je länger das Hungern andauerte, desto größer war der zu erwartende Ruhm des Hungerkünstlers. Viele von ihnen bezahlten den Versuch, jenen zu erlangen, mit dem Leben – und dennoch erhöhten gerade diese makabren Fälle die Sensationslust der damaligen Zuschauer. Ebenfalls das Interesse der Ärzte, die dieses Phänomen zunächst ignorierten, wurde nach einigem Widerwillen geweckt, so dass spätere Vorführungen unter strenger Beobachtung stattfanden. Die Mediziner gewannen durch die Hungernden Einblicke in die Folgen der Nahrungsverweigerung beim Menschen - sie registrierten Gewicht und Körpermaße, kontrollierten Blut, Atmung und Fäkalien.

Für den Hungerkünstler waren diese Maßnahmen keineswegs hinderlich, arbeiteten sie doch dem Betrugsvorwurf beharrlich entgegen und konnten in der Durchführung von bekannten und renomierten Ärzten seinen Marktwert beträchtlich erhöhen.[8]

"In den letzten Jahrzehnten [es handelt sich hier um das beginnende 20. Jahrhundert] ist das Interesse an Hungerkünstlern sehr zurückgegangen. Während es sich früher gut lohnte, große derartige Vorführungen in eigener Regie zu veranstalten, ist dies heute völlig unmöglich."[9]

Aus den spektakulären Hungervorstellungen einzelner Künstler ist ein Geschäft geworden, das es zu vermarkten galt. Schnell bestimmte das ökonomische Prinzip die Dauer der Aufenthalte in den Orten: Ließ das Publikumsinteresse und somit die materielle Ausbeute des Hungernden nach, führte auch der Hungerkünstler seine Attraktion in einer anderen Stadt vor. Kafkas „Hungerkünstler“ ist eng an diese real existierenden Darbietungen geknüpft, anhand der präzisen Darstellung des Phänomens kann davon ausgegangen werden, dass dem Autor das historische Schauhungern bekannt gewesen sein muss.

Der Hungerkünstler bei Kafka erlebt „gute und schlechte Tage“ seiner Hungerkunst: Wir sehen den Hungernden vierzig Tage im Dialog mit seinem Publikum, dessen Interesse den Fortbestand seiner Kunst sichert. Später entwickelt sich jedoch mehr und mehr ein Hungerdasein, welches anderen Prinzipien unterworfen ist, auf die noch näher eingegangen werden soll. Kafkas Hungerkünstler ist im Verlauf der Geschichte gezwungen, seiner Hungerkunst eine neue Verwirklichung zu geben, da sein Publikum nicht mehr an ihm interessiert ist. Hier wird aus dem historischen Bezug zu den Hungerkünstlern des beginnenden 20. Jahrhunderts eine Fiktion Kafkas: Ein unerschütterter Hungernder, der auch ohne Publikum versucht, seine Hungerkunst auszustellen.

Im Folgenden wird die erste Hungerperiode in Kafkas Text untersucht und beleuchtet.

2.1. Das Schauhungern

Um den Begriff des Schauhungerns einzugrenzen, ist es nötig, auf das Verhältnis zwischen dem Hungerkünstler und seinem Publikum hinzuweisen: Der Leser[10] ist nach der Lektüre der Geschichte geneigt, sich zu entscheiden. Entweder fühlt er mit dem tragischen Helden und spricht sich somit auch für Askese oder Kunst aus, oder aber er unterstützt die Belange des Publikums und empfindet für Vitalität und Natur. In jedem Fall wird über die jeweils andere Partei vernichtend gerichtet. Diese Entscheidung, zu wem wir uns mehr zugehörig fühlen, wird uns von Kafka nicht abgenommen, wir erfahren nicht, welcher Partei er mehr Verständnis entgegenbrachte, da jeglicher Erzählerkommentar ausgespart wird. Der Autor reduziert seine Metaphorik, seine Anspielungen und seine Assoziationen, so dass es schwer fällt, in sie etwas hineinzulesen, sie als Metapher für etwas anderes zu nehmen.

Auf der einen Seite haben wir den künstlerischen Asketen und auf der anderen Seite ein Publikum, welches Lebensfreude verkörpert, und nach Neumann[11] ist es auch möglich, die Abgrenzung des Hungerkünstlers von der Welt der Essenden so zu lesen: Magerkeit im Käfig steht einem Essensritual außerhalb des Käfigs gegenüber, und somit steht eine Nicht - Ordnung einer Ordnung gegenüber. In diesem Verhältnis ist die Masse, die größere Menschenzahl, dafür verantwortlich, welche Kriterien für den Begriff Ordnung geltend gemacht werden können.

Auch Greß spricht von zwei unterschiedlichen Existenzformen im Text: Von der Masse und von dem Isolierten. Aber trennt er diese nicht voneinander, sondern behauptet:

"Das Interesse des Publikums wirkt Leben - erhaltend. Beginnt es zu erlahmen, stirbt das Schauobjekt in gleichem Maße. Das Interesse an dem Hungerkünstler ist die objektive Bedingung für seine Existenz."[12]

[...]


[1] Grimm, Jacob u. Wilhelm: Die Kinder- und Hausmärchen. Kinderbuchverlag, Berlin, 1956, S. 71.

[2] von Wiese, Benno: Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen. August Bagel

Verlag, Düsseldorf, 1956, S. 325 - 342, hier S. 328.

[3] Ebd.

[4] Ebd.: S. 331.

[5] Kafka, Franz: Ein Hungerkünstler. In: In der Strafkolonie und andere Prosa. Reclam Verlag,

Stuttgart, 1992, S. 54 - 66, hier S. 54.

[6] Kafka, Franz: Ein Hungerkünstler. In: In der Strafkolonie und andere Prosa. Reclam Verlag,

Stuttgart, 1992, S. 54 - 66, hier S. 54.

[7] Vandereycken, Walter: Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht. Eine Kulturgeschichte

der Eßstörungen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 104.

[8] Vgl.: Vandereycken, Walter: Hungerkünstler, Fastenwunder, Magersucht, S. 104 ff.

[9] Kafka, Franz: Ein Hungerkünstler. S. 54.

[10] Ich werde aus praktischen Gründen im Folgenden immer von „dem Leser“ sprechen, meine

damit aber auch „die Leserin“.

[11] Vgl.: Neumann, Gerhard: Hungerkünstler und Menschenfresser. Zum Verhältnis von Kunst und

kulturellem Ritual im Werk Franz Kafkas. In: Kittler, Wolf (Hrsg.): Franz Kafka: Schriftverkehr.

Freiburg, Rombach, 1990, S. 399 - 432, hier S. 401.

[12] Greß, Felix: Die gefährdete Freiheit. Franz Kafkas späte Texte. Königshausen & Neumann

GmbH, Würzburg, 1994, S. 76 - 110, hier S. 84.

Details

Seiten
30
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638532464
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59252
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für deutsche Philologie
Note
2,3
Schlagworte
Hungern Bestimmung Franz Kafkas Hungerkünstler Askese Geschichte Geschlecht Selbstdisziplinierung

Autor

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