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Dienstmädchen im 19. Jahrhundert

Lebensumstände und Arbeitsbedingungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 35 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Wandel von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft

3. Dienstleistungsberufe in der Geschichte

4. Die Dienstbaren Geister des ‚langen 19. Jahrhunderts’
4.1. Der häusliche Dienst wird zum typischen Frauenberuf
4.2. Der Weg vom Land in die Stadt
4.3. Arbeiten und Leben der Dienstmädchen im ‚bürgerlichen Haushalt’
4.3.1. Die Arbeit im Haus
4.3.2. Die Arbeitszeit
4.3.3. Die Entlohnung
4.3.4. Die Unterbringung und Verpflegung
4.3.5. Gesindeordnungen, Dienstbotenbücher und andere Reglementierungswerke

5. Didaktische Analyse

6. Fazit

7. Literatur

Anhang

Anlagenverzeichnis

Anlage 1 – Folie: Von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft.

Anlage 2 – Arbeitsblatt: Soziale Herkunft und Alterstruktur der Dienstmädchen in Berlin.

.Anlage 3 – Arbeitsblatt: Einkommen und Verdienst der Dienstboten im Kaiserreich.

1. Einleitung

In der vorliegenden Arbeit soll sich mit den Lebens- und Arbeitsverhältnissen der häuslichen Dienstboten, vornehmlich der der Dienstmädchen um die Jahrhundertwende befasst werden. Es ist Ziel dieser Arbeit aufzuzeigen, dass diese gesellschaftliche Gruppe den Prozess der Verstädterung, der mit der Industrialisierung einherging, prägte.

Da die Dienstboten ein Phänomen vom ausgehenden 18. bis zum beginnenden 20. Jahrhundert waren, soll auf den von J. Kocka geprägten Begriff des „lange 19. Jahrhunderts“ zurück gegriffen werden.

Bevor sich aber mit den „sogenannten Dienstbaren Geistern“ auseinandergesetzt wird, soll der Frage nachgegangen werden, wie sich der Wandel von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft vollzogen hat bzw. vollzieht. Dabei wird zu untersuchen sein, inwieweit der steigende Wohlstand den Weg in die Welt der Dienstleistungsgesellschaft beschleunigt. Die Dienstmädchen, so die These, waren ein Beispiel für die im 19. Jahrhundert stattfindende Wohlstandsvergrößerung vom höheren Bürgertum auf das mittlere Bürgertum. Die heutige Dienstleistungsgesellschaft profitiert im wesentlichen von einer massiven Erhöhung des Wohlstandsniveaus aller gesellschaftlichen Schichten. Somit könnten die Dienstmädchen als Vorboten der Dienstleistungsgesellschaft gelten.

Allerdings wäre es falsch zu sagen, dass das Dienen bzw. Bedient werden ein Phänomen des 19. und 20. Jahrhunderts sei. Dienende und Bediente gibt es seit alters her. Dennoch wird zu fragen sein, welchen Unterschied es z.B. zwischen dem landwirtschaftlichen Gesinde und den Dienstboten gab.

Der zentrale Teil dieser Arbeit wird sich mit den Lebensumständen und Arbeitsbedingungen befassen. Dabei soll untersucht werden, was die Anziehungskraft des Dienstmädchenberufes ausmachte, welche Erwartungen die Mädchen an die Arbeit im städtischen Haushalt richteten und wie die Realität sich oftmals darstellte. Die These hierbei ist, dass die Mädchen häufig in völliger Naivität vom Land in die Stadt gingen und viele der Erwartungen sich nicht erfüllten.

Es soll in dieser Arbeit auch auf die Beziehungen der Mädchen mit den Herrschaften eingegangen werden sowie auf deren Arbeitszeit, Entlohnung, Unterbringung und Verpflegung. Wichtige Quellen, wenn man sich mit den Dienstboten beschäftigt, sind die Gesindeordnungen. Sie sorgten im Grunde bis 1918 für ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen Dienenden und Herrschaften, dass in anderen Berufszweigen schon lange liberalisiert wurde. Deshalb soll der Behauptung nachgegangen werden, dass die Gesindeordnungen den Beruf des „Mädchens für Alles“ künstlich aufrecht erhalten haben.

Nachdem die Vielfältigkeit des Themas „Dienstbare Geister“ bzw. Dienstmädchen in der Arbeit deutlich gemacht wurde, soll sich in einem letzten Teil damit befasst werden, wie die dargestellten Inhalte im Unterricht gewinnbringend umgesetzt werden können. Die dazu nötige didaktische Analyse soll sich an den fünf Fragen orientieren, welche Klafki einst dazu formulierte. Abschließend ist es Ziel einige Überlegungen anzustellen, wie das Thema in der Unterrichtspraxis behandelt werden könnte.

Zum Forschungsstand sei soviel gesagt, dass erst seit den 70er Jahren, im Zuge des einsetzenden Perspektivenwechsels, die Lage der Dienstmädchen im Rahmen der historischen Frauenforschung untersucht wird. Die Forschung greift dabei auf zeitgenössische Quellen (z.B. Brief, Haushaltsbücher), Zeitzeugenbefragungen und individuelle Erfahrungsberichte zurück. Der Vorteil Lebensgeschichtlicher Forschungen liegt darin, dass sie Gesellschaftsgeschichte, Politik, Kultur und soziale Verhältnisse wiederspiegeln und so eine sinnlich greifbarere Geschichtsschreibung ermöglichen.

2. Der Wandel von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft

Die Dienstmädchen und Dienstboten aus der Zeit um 1900 stehen symbolisch für eine Branche, welche im Verlauf des 20. Jahrhunderts zusehends an Bedeutung gewonnen hat. Nun wäre es verfehlt, zu behaupten, die dienende Schicht selbst ist verantwortlich für das Entstehen der Dienstleistungsgesellschaft. Vielmehr verdeutlichen diese Berufsfelder, dass es zu allen Zeiten der Geschichte Personen gegeben hat, die für andere dienen. Dass gerade im 19. Jahrhundert ein Anwachsen des Dienstpersonals zu verzeichnen ist, mag der Tatsache geschuldet sein, dass eine aufstrebende Schicht (aufstrebendes Bürgertum) zu mehr Reichtum und Ansehen gelangte. Dieses Vorhandensein von Geld bei einer immer größer werdenden gesellschaftlichen Schicht bewirkte, dass man zunehmend „niedrige Arbeiten“ von anderen erledigen ließ. Verstärkend kam hinzu, dass dieser Lebensstil bei den Zeitgenossen Beachtung und Bewunderung fand. Dieser Wandel hin zu den Dienstleistungen vollzog sich zunächst im häuslichen Rahmen und griff mit fortschreitender Industrialisierung und steigendem Wohlstand auf die gesamte Volkswirtschaft über.

Dieses eben vereinfacht beschriebene Modell nimmt Bezug auf den Strukturwandel, welcher „sich durch veränderte binnenwirtschaftliche wie internationale Nachfrage-, Angebots- und Wettbewerbsbedingungen und aus Produktivitätssteigerungen durch grundlegende technische Entwicklungen“ ergibt.[1]

Der Weg in die Dienstleistungsgesellschaft ist in westlichen Industrieländern besonders durch die Verschiebungen zwischen den Wirtschaftssektoren gekennzeichnet, welchen sich die Arbeitnehmer zuordnen lassen.

Die „Drei-Sektoren-Theorie“ von Jean Fourastié bzw. Colin Clark beschreibt diesen Wandel und verdeutlicht dessen Ursachen. Die Grundannahme ist jene, dass es zu einer Verlagerung des Schwerpunktes der Wirtschaft und Erwerbstätigkeit vom primären Sektor der Produktgewinnung (Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft), über den sekundären Sektor der Produktverarbeitung (Industrie und Handwerk, Bergbau und Energiewirtschaft – verarbeitendes Gewerbe), hin zum tertiären Sektor (private und öffentliche Dienstleistungen [Handel, Banken, Pflegedienste, staatl. Leistungen - ÖPNV]) kommt.

Während zu Beginn der Industrialisierung in Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch etwa 80 % der Beschäftigten im Primärsektor tätig waren, änderte sich dies im Zuge der Industrialisierung zu Gunsten des Sekundärsektors. Heute arbeiten weniger als 2 Prozent der Beschäftigten in der BRD im primären Sektor.[2] Gegenwärtig erleben wir eine erneute starke Ausweitung des Anteils der im tertiären Sektor Beschäftigten bei rückläufigem Anteil des sekundären Sektors. Gründe für den damaligen und heutigen Strukturwandel lassen sich im wesentlichen auf drei Punkte zusammenfassen. Zum einen der wissenschaftliche und technische Fortschritt, zum zweiten das Anwachsen der Bevölkerung und drittens das Anwachsen des Produktivvermögens (Realkapital).[3]

Vor dem Einsetzen der Industriellen Revolution, in der sogenannten Agrargesellschaft, diente die landwirtschaftliche Arbeit zur Deckung der Lebensbedürfnisse. Im Zuge des wissenschaftlich - technischen Fortschritts wurden die Arbeiten in der Landwirtschaft einfacher, weniger und billiger. Die Folge war, dass im landwirtschaftlichen Bereich viele Menschen ihre Arbeit verloren und in die entstehenden Fabriken und Städte abwanderten (Urbanisierung). Auch wenn die Tätigkeiten in der Industrie beschwerlich waren, das Einkommen und der Wohlstand stieg im Vergleich zur Agrargesellschaft allmählich an. Kennzeichnend für die Industriegesellschaft ist schließlich , dass mit steigendem Einkommen die Nachfrage nach industriellen (langlebigen) Erzeugnissen wächst. Nachdem auch hier ein gewisses Ausstattungsniveau erreicht wurde, beginnt die Nachfrage nach Freizeitgütern (Reisen, Unterhaltung) zu steigen. Der wachsende gesellschaftliche und staatliche Wohlstand führt in die Dienstleistungsgesellschaft. Hier kommt es zur verstärkten Nachfrage nach Diensten anderer Personen bzw. Unternehmen und zur Bereiststellung von Diensten durch den Staat (z.B. soziale Hilfen, Bildungswesen, Gesundheitswesen).[4] In diesem Zusammenhang nicht zu unterschätzen ist die Tatsache, dass kleiner werdende Familien mit dafür verantwortlich sind, dass Dienstleistungen eher nachgefragt werden, als zu Zeiten der Großfamilie, wo die Familie sich gegenseitig mit Rat und Tat zur Seite stand.[5]

Die unsere Gegenwart prägende und wie eben gezeigt historisch gewachsene Dienstleistungsgesellschaft ist gekennzeichnet durch das zur Verfügung stellen von eigenen Fähigkeiten, Wissen, Möglichkeiten, Ressourcen und Produktionsmittel für andere Person, Gruppen oder Unternehmen. Dieses Dienen für andere hat seine Motivation in der Existenzsicherung und zudem ist zu beobachten, dass es eine starke Spezialisierung gibt. All diese Merkmale trafen, wie noch zu zeigen sein wird, auch auf die Dienstmädchen zu.

3. Dienstleistungsberufe in der Geschichte

Dass die Menschen sich seit jeher gegenseitig unterstützten und gegenseitig bei der Verrichtung von Aufgaben halfen, steht außer Frage. In der Urgesellschaft dienten z.B. die flinken Jäger den anderen, die nicht in der Lage waren, sich mit Jagdprodukten zu versorgen. In der Antike gab es die Sklaven, die in den Haushalten unverzichtbare Arbeiten leisteten und im Mittelalter bzw. in der Frühen Neuzeit kann man die Mägde und Knechte als Vorboten der Dienstboten des 19. und 20. Jahrhunderts nennen.

Das Gesinde, wie man Mägde und Knechte bezeichnete, arbeitete in bäuerlichen oder handwerklichen Betrieben auf dem Lande. Dort lebten sie fest eingebunden in den Familienverband manchmal sogar ihr gesamtes Leben. In der Regel kamen die Kinder mit 14 Jahren zum Bauern, wo sie bis zur Hochzeit blieben und hart arbeiteten. Ende des 19. Jahrhunderts betrug so der Anteil der unter Dreißigjährigen über 80 %. Auffällig dabei ist, dass um so jünger die Kinder der Bauern waren, um so mehr Gesinde gab es auf dem Hof. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass sobald die Kinder im arbeitsfähigem Alter waren, sie auf dem Hof mit zur Arbeit heran gezogen wurden und so das Gesinde kostengünstig ersetzten.

Die meisten Mägde und Knechte stammten aus kleinen Bauern- oder Händlerfamilien, die kaum in der Lage waren, ihre vielen Kinder ausreichend zu ernähren und zu kleiden. Das „In-Dienst-Gehen“ war so weitverbreitet und gewissermaßen nötig. Die Aufgaben, welche das Gesinde erledigen musste, kannten kaum Grenzen. Alle anfallenden Aufgaben auf Hof oder Feld, in Stall oder Küche mussten erledigt werden. Aber im Unterschied zu den städtischen Dienstboten des 19. Jahrhunderts war es auf dem Lande normal, dass die Gutfamilie Hand in Hand mit ihrem Gesinde arbeitete. Eine geregelte Arbeitszeit gab es nicht, vielmehr bestimmte das Wetter die Arbeiten und bis wann diese erledigt sein mussten. Wurde ein Knecht unverhältnismäßig lang beansprucht, konnte es sein, dass dieser kündigte. Da die Nachfrage nach gutem Gesinde groß war, konnte es sich ein Bauer selten leisten, als Ausbeuter verschrieen zu sein. Kennzeichnend ist zudem, dass die Arbeitszeit der Mägde höher war, als die der Knechte. War nämlich die Arbeit unter freiem Himmel erledigt, begann für sie das Putzen, Waschen, Nähen, Butterrühren, Gänserupfen, Stricken usw. Diese zusätzlichen Tätigkeiten im Haushalt sind auch der Grund dafür, dass das männliche Gesinde über mehr Freizeit verfügte als die Mägde. Die geringe Entlohnung erfolgte nach Rang, Alter und Geschlecht, wobei Nahrung, Kleidung und Unterkunft ebenfalls als Lohn angesehen wurden.

Die fortschreitende Industrialisierung und die daraus resultierende Landflucht führte zu einem stetig sinkenden Anteil des ländlichen Gesindes. Heute gibt es im ländlichen Bereich kaum noch Dienstboten. Maximal finden sich noch Angestellte (Landarbeiter) auf traditionsreichen Gütern die für den privat wirtschaftenden Gutsbesitzer nach modernen arbeitsrechtlichen Bestimmungen arbeiten.[6]

Ein weiterer Beruf, der sich bis in die Gegenwart verfolgen lässt, ist der Beruf der Kontoristin. Kontoristinnen wurde im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung immer häufiger in den Fabriken eingesetzt. Die Mädchen waren oftmals nicht älter als 14 Jahre, als sie ihre Stellung annahmen. Sie verbrachten zwischen 10 und 12 Stunden mit mechanischem Schreiben in engen, kühlen, dunklen und feuchten Räumen, die oftmals nicht mehr als ein Holzverschlag waren. Für die Tätigkeiten der Kontoristin war keine Ausbildung nötig. Die Jungs hingegen, welche Kaufmänner werden wollten, absolvierten eine Lehre von drei Jahren. Dadurch blieb das Bildungsniveau der Mädchen häufig auf einem geringen Stand. Dies ‚menschlichen Schreibmaschinen’ waren so massiv von Arbeitslosigkeit bedroht, wenn sie wegen der schlechten Arbeitsbedingungen nicht mehr im Kontor arbeiten konnten.[7]

Die dritte Berufsgruppe, welche in dieser Replik auf historische Dienstleistungsberufe kurz betrachtet werden soll, ist der der Verkäuferin im Warenhaus. Große Warenhäuser entstanden in der Zeit des Kaiserreiches (z.B. Wertheim, Karstadt, Dietz) und diese waren geprägt durch eine hohe Arbeitsteiligkeit, was von den Frauen eine große Anpassungsfähigkeit erforderte.

Die Arbeitsteiligkeit wird sehr gut deutlich, wenn man sich den Verkauf von Kleidungsstücken in solchen Kaufhäusern betrachtet. Die sachkundige Verkäuferin berät zunächst den Kunden und schließ dann mit diesem den Kauf ab indem sie den Preis auf einen Block mit Durchschlag notierte. Anschließend trägt die Zuträgerin (meist Lehrmädchen) die Ware zur Kasse, wo die Packerin oder Kassenkontrolleuse die Ware und den Bon in Empfang nimmt. Als nächstes zahlt der Kunde bei der Kassiererin die Ware. Auf dem Beleg steht nun der Vermerk „bezahlt“ und der Kunde kann sich die Ware mit dem Bon bei der Packerin abholen. Dieses System war besonders effektiv um die Verkäuferinnen zu kontrollieren. So konnte am Abend geschaut werden, wer wie viel verkauft hatte und die Kasse musste genau mit den Bonsummen der einzelnen Verkäuferinnen übereinstimmen. Der Nachteil dieser Arbeitsteilung lag darin, dass sich Kunden häufig beim Weg zum Bezahlen ihren Kauf überlegten und sich entschlossen die Ware doch nicht zu nehmen. Deshalb gingen bei teuren Waren die Verkäuferinnen häufig mit zur Kasse.

Neben diesen drei, etwas ausführlicher vorgestellten historischen Dienstleistungsberufen, gab es noch viele weitere. Im engeren Sinn lassen sich vier Branchen erkennen, in welchen Dienstleistungen in der Geschichte eine Rolle spielten. Nämlich im Haushalt, in der Landwirtschaft, im Gewerbe bzw. Laden und in der Kranken- und Schwachenpflege. Im Zuge der fortschreitenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung fand innerhalb dieser Branchen eine große Spezialisierung statt, die, wie beschrieben, in die heutige Dienstleistungsgesellschaft führte. In der Gegenwart unterscheidet man Dienstleistungen in verbraucherbezogene Dienstleistungen (z.B. Erholung, Reparaturarbeiten, Service), in produktionsbezogene Dienstleistungen (z.B. Unternehmensberatung, Marktforschung), in Verbraucher- bzw. Haushaltsdienstleistungen (z.B. ÖPNV, VH-Schulen) und in Produzentendienstleistungen (d.h. Dienstleistungen für Firmen).[8]

4. Die Dienstbaren Geister des ‚langen 19. Jahrhunderts’

4.1. Der häusliche Dienst wird zum typischen Frauenberuf

Wenn man sich mit Dienstleistungen in der Geschichte beschäftigt, kommt man unweigerlich mit den Dienstmädchen bzw. Dienstboten in Berührung. Das „in Dienst gehen“ wurde in der Zeit des Kaiserreiches zum typischen Arbeitsbereich für Frauen und zum gesellschaftlichen Statussymbol, wenngleich der Anteil des häuslichen Personals im 19. Jahrhunderts abnahm.

War im 18. Jahrhundert die Beschäftigung von Dienstpersonal großen herrschaftlichen Häusern und Adligen vorbehalten, welche sich ein spezialisiertes Dienstbotensystem leisten konnten, entwickelte sich der Beruf der Dienerin im 19. Jahrhundert zu einem Massenberuf für Frauen. Die Beschäftigung eines Dienstmädchens zu Zeiten des Kaiserreiches zählte für viele - auch kleinere – Familien, ungeachtet ihrer wirtschaftlichen Möglichkeiten, zum sozialen Prestige und erforderte von diesen oftmals große persönliche und finanzielle Einschränkungen.[9]

Es lässt sich beobachten, dass bereits Ende des 18. Jahrhunderts die Nachfrage und der Anteil der städtischen Dienstboten an der Gesamtbevölkerung stark stieg. „Durch den aufblühenden Außenhandel und Verkehr entstanden in den Handelstädten große Vermögen, die zum Teil zur Finanzierung eines aufwendigen Lebensstils verwandt wurden, der sich an höfischen oder patrizischen Vorbildern orientierte und im Bau von Landhäusern und in der Pflege eines repräsentativen Wohnstils niederschlug.“[10] Das Personal, welches für diesen Lebensstil benötigt wurde, rekrutierte sich immer mehr vom Land. Herrschaften, die ein großes Haus führten, brauchten allein zum allgemeinen Dienst reichlich Personal: einen Haushofmeister, Tafeldecker, Zimmerputzer, Hausknechte und Portier. Dem Herr des Hauses standen meist noch ein Sekretär, Kammerdiener, Kammerlakaien und Leibhusaren, der Dame des Hauses Kammerjungfern, Kammerdiener, Stubenmädchen usw. zur Verfügung. Dazu kamen Personal für Stall und Küche (z.B. Mundkoch, Bäcker, Pastetenkoch, Bratmeister, Küchenjungen / Mädchen) sowie für Kinderbetreuung und Unterricht.[11] Der Anteil des Dienstpersonals lag in den Residenzstädten wie Wien, Paris, Berlin oder St. Petersburg um 1800 zwischen 15% und 20% gemessen an der Gesamtbevölkerung.[12] In Folge der Industriellen Revolution, wo sich dem männlichen Hauspersonal breit gefächerte Beschäftigungsalternativen boten, übernahmen zusehends Frauen die Tätigkeiten in den Haushalten. Diese hatten im Vergleich zu ihren männlichen Vorgängern keine Ausbildung absolviert. Viele der Diener des 18. Jahrhunderts hatten nämlich erst ein Handwerk (z.B. Schumacher, Tischler, ect.) erlernt und sind dann „in den Dienst“ gegangen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war rund 25% des Dienstpersonals männlich. Als Kutscher, Jäger, Gärtner sowie Haus- und Stalldiener waren sie unverzichtbar. 1880 arbeiteten in Deutschland 1324924 Dienstboten, davon waren lediglich 3,2% Männer, die vornehmlich als Kutscher und Butler in großen Häusern mit gehobenen Ansprüchen arbeiteten.[13] Auch die Städterinnen waren immer weniger dazu bereit, untergeordnete Tätigkeiten in den Haushalten zu übernehmen.

In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts war die Industrie zunächst nicht in der Lage, genügend Arbeitsplätze für die aus der Überbevölkerung resultierende massive Arbeitsplatznachfrage bereitzustellen. Erst in den 30er und 40er Jahren konnten genügend Stellen geboten werden, was wiederum dazu führte, dass viele aus dem häuslichen Dienst – der zunächst als Sammelbecken für ungelernte Arbeitskräfte galt - in die Industrieproduktion abwanderten. Eine weitere Verknappung des häuslichen Personals setzte in den 80er Jahren ein, da sich dem „verweiblichten Hauspersonal“ nun auch zunehmend andere Berufsmöglichkeiten (z.B. Gewerbe, Industrie) boten.[14]

Nicht zuletzt führte diese Entwicklung dazu, dass das spezialisierte Dienstpersonal von Köchen und Küchenmädchen über Kammerzofen und Zimmermädchen bis hin zu Ladendienern und Kindermädchen immer unbedeutender wurde. Es zeigt sich, dass im Verlauf des 19. Jahrhunderts zunehmend alle diese Aufgaben von weniger Personal erledigt werden mussten. Der Grund hierfür liegt wie beschrieben im Mangel an männlichen Dienstboten, an mangelnder Entlohnung und sozialer Stellung sowie an der enormen Arbeitsbelastung bei oftmals schlechter Behandlung durch die Herrschaften. Charakteristisch für diese Entwicklung war das „Mädchen für alles“.

Da der Dienstbotenberuf, wie eben dargestellt, sich zu einem typischen Frauenberuf des 19. Jahrhunderts entwickelte, soll im weiteren Verlauf besonders auf die Dienstmädchen dieser Zeit eingegangen werden.

4.2. Der Weg vom Land in die Stadt

Nachdem in der Frühen Neuzeit die meisten Dienstboten der Stadt aus den unteren Schichten der Stadtbürger kamen änderte sich dies massiv am Ende des 18. Jahrhunderts. Ursache für diese Entwicklung war die Aufhebung der Erbuntertänigkeit und des Gesindezwangs. Durfte bis dahin kein Bediensteter ohne Erlaubnis des Bauern die Stelle verlassen, war dies nun möglich. Hinzu kam, dass im Zuge der Industrialisierung und des wachsenden Wohlstands gewisser Bevölkerungsgruppen die Nachfrage nach häuslichem Personal stieg. Eine weitere Ursache für den lokalen Herkunftswandel war die gewandelte Einstellung der Städter, dass arbeitssuchende Landmädchen rechtschaffend, treu, ehrlich und fleißig sind. Zudem waren sie zu Unterordnung und Gehorsamkeit erzogen und ihre Lohnansprüche gering. Städtische Mädchen hingegen galten als putzsüchtig, aufsässig, widerspenstig und hatten ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. So kam es dazu, dass binnen eines Jahrhunderts 3/4 des städtischen Dienstpersonals aus dem ländlichen Raum stammte wohingegen städtische Mädchen die neuen Arbeitsmöglichkeiten in den Läden, Kaufhäusern und Büros übernahmen.[15]

In adligen Kreisen und sehr vermögenden bürgerlichen Familien zählte es zum guten Ton, ausländisches Personal in den Dienst zu nehmen. Köche aus Frankreich, Gouvernanten aus der Schweiz und Hauslehrer aus England können als Beispiele genannt werden.

Wie bereits beschrieben war das spezialisierte Dienstbotensystem der großen herrschaftlichen Haushalte nicht der typische Beschäftigungssektor, in welchem Dienstmädchen arbeiteten. In der Regel waren die Dienstmädchen als „Mädchen für alles“ in Kreisen des mittleren Bürgertums und bei Kleingewerbetreibenden (Ladenbesitzer, Bäcker, Metzger, Gastronomen) beschäftigt.[16]

Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll deshalb im besonderen auf jene Dienstmädchen eingegangen werden, die allein in einem Haushalt für die anfallenden Aufgaben verantwortlich waren.

Während die überwiegend ländliche Herkunft (Gemeinden unter 200 Einwohnern) dieser ‚Mädchen für alles’ unbestritten ist, wird die soziale Herkunft in der Literatur unterschiedlich beurteilt. Einige Forscher wie z.B. Heidi Müller stützen sich auf die Untersuchungen, die um die Jahrhundertwende in großen deutschen Städten durchgeführt wurden.[17] Hier wurden die Dienstmädchen nach dem Beruf ihres Vaters gefragt, woraus abgeleitet wurde, dass sie meist aus der „kleinbürgerlichen Schicht“ bzw. aus den „ärmeren / dienenden Klassen“ stammten.[18] Demnach sind die Väter der Dienstmädchen meist Handwerker, Arbeiter, kleine Landwirte, niedere Beamte und kleine Gewerbetreibende (Diener, Kutscher, Händler, Gastwirte).

[...]


[1] Hoffmeister, Hainer (Hrsg.): Politik im Handel, Paderborn 2002, S. 28.

[2] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Das Lexikon der Wirtschaft, Bonn 2004, S. 119.

[3] Vgl. Schäfers, Bernhard / Zapf, Wolfgang (Hrsg.): Handwörterbuch zur Gesellschaft Deutschlands, Opladen 1998, S. 715.

[4] Vgl. Anlage 1 – Grafik: Von der Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft.

[5] Vgl. Häußermann, Hartmut / Siebel, Walter: Dienstleistungsgesellschaften, Frankfurt/M. 1995, S. 26f.

[6] Vgl. Weber, Therese (Hrsg.): Mägde: Lebenserinnerungen an die Dienstbotenzeit bei Bauern, 3. Aufl., Wien 1991, S. 38-54.

[7] Vgl. Berger, Franz Severin / Holler, Christiane: Von der Waschfrau zum Fräulein zum Amt. Frauenarbeit durch drei Jahrhunderte, Wien 1997, S. 181-188.

[8] Vgl. Dienstleistung, in: Brockhaus – Enzyklopädie, in 24 Bänden, 19. überarb., Aufl. Bd. 5, Mannheim 1988, S. 489.

[9] Vgl. Müller, Heidi: Dienstbare Geister. Leben und Arbeitswelt städtischer Dienstboten, Berlin 1985, S. 28.

[10] Müller, Heidi (1985): a.a.O., S. 24.

[11] Vgl. Berger, Franz Severin / Holler, Christiane (1997): a.a.O., S. 65f.

[12] Vgl. Walser, Karin: Dienstmädchen. Frauenarbeit und Weiblichkeitsbilder um 1900, Frankfurt/M. 1985, S. 26.

[13] Vgl. Müller, Heidi (1985): a.a.O., S. 31f.

[14] Vgl. ebd. S.25.

[15] Vgl. Wierling, Dorothee: Mädchen für alles. Arbeitsalltag und Lebensgeschichten städtischer Dienstboten um die Jahrhundertwende, Berlin, Bonn 1987, S. 25f.

[16] Vgl. Orth, Karin: „Nur weiblichen Besuch“. Dienstbotinnen in Berlin 1890-1914, Frankfurt/M., New York 1993, S. 17.

[17] Vgl. Müller, Heidi (1985): a.a.O., S. 37-40.

Untersuchungen für deutsche Städte: Fiack: Die weiblichen Dienstboten in München, München 1912. Justus, Thekla: Die weiblichen Hausangestellten in Frankfurt, Frankfurt/M. 1920. Neher, Otto A.: Zur Lage der weiblichen Dienstboten in Stuttgart, Ellwangen 1908. Stillich, Oskar: Die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin, Berlin/Bern 1902.

[18] Vgl. Anlage 2 – Grafik: Die soziale Herkunft der Dienstmädchen in Berlin.

Details

Seiten
35
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638532389
ISBN (Buch)
9783638666497
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59244
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Dienstmädchen Jahrhundert Arbeit Arbeitswelten Gischichtsdidaktik Geschichtsunterricht

Autor

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Titel: Dienstmädchen im 19. Jahrhundert