Lade Inhalt...

Handarbeit als Aktivismus. Radical Crafting/ Cravtivism

Akademische Arbeit 2020 6 Seiten

Kunst - Installationen, Aktionskunst, 'moderne' Kunst

Leseprobe

Vorname Name: Anna Franken

Studiengang/ Semester: MA Modedesign, 1.Semester

Prüfung: MMO 5.1/2 (A) Modewissenschaft und -theorie, 23.04.2020

Thesenpapier zum Thema:

Handarbeit als Aktivismus: Radical Crafting/ Cravtivism

I. Fragestellung: Inwieweit trug textile Handarbeit von Frauen zur politischen Praxis im Prozess der Moderne bei?

II. Thesen

1. These: Die sogenannten „jakobinischen Strickweiber“ („citoyennes tricoteuses“) übten während der Französischen Revolution „von der Tribüne aus großen Einfluss auf die Debatten des Konvents“1 aus.

Begründung/ Kommentar: Laut Elke Gaugele waren den Tricoteuses als Unterstützerinnen der „Sansculottes“ 40 Plätze auf den Tribünen der Jakobiner zugesprochen worden, wo sie nicht nur zuhörten und strickten, sondern sich u.a. auch „häufig radikal für Bestrafungen“2 aussprachen und das Geschehen so beeinflussten.

2. These: „Durch das öffentliche Stricken verschafften die Frauen ihren revolutionären Aktivitäten eine symbolische Präsenz […].“3

Begründung/ Kommentar: Dies belegt Elke Gaugele in diesem Abschnitt nicht, sondern betont im Gegenteil, dass Chaumette in seinem Erlass ausdrücklich an die Frauen „als Ehefrauen und Mütter“4 appellierte, womit die Tricoteuses „dem Gefüge der bürgerlichen Nation“5 und somit die Frauen den Männern untergeordnet worden seien. Gaugele bezeichnet dies auch als „patriarchale Strickmuster“6.

3. These: Der „textile Mythos“ (Textilien und textile Handarbeiten als ursprünglich und essentiell weibliches Terrain) war ein „kulturpolitisches Instrument im Kampf um die weibliche Staatsbürgerinnenschaft“7.

Begründung/ Kommentar: Gaugele begründet dies durch Beispiele wie das Werk „Österreichs Handarbeit“ von Marianne Niggs, indem diese textile Handarbeiten „historisch als Monopol des weiblichen Geschlechts“ verortet habe.8 Da Niggs laut der Autorin außerdem eine Schlüsselfigur der bürgerlichen Frauenbewegung war und feministische Zeitschriften veröffentlichte9, kann man meiner Meinung nach davon ausgehen, dass sie durch den textilen Mythos auch etwas für die Rechte der Frauen erreichen wollte. Gaugeles zweites Beispiel, wonach Sadie Plant Textilien als „das Software-Unterfutter aller Technologien“ bezeichne,10 belegt die These meiner Meinung nach jedoch nicht.

4. These: „Auch das Schreiben über textile Themen selbst wird zur feministischen Praxis.“11

Begründung/ Kommentar: Die Autorin begründet diese These erneut mit Marianne Nigg, deren Zeitschrift „Frauen-Werke“ Publikationen über Handarbeiten durch die Vergabe von Preisen gefördert habe.12 Ich denke ebenfalls, dass Nigg dadurch versucht haben könnte, Frauen als unentbehrliche Kennerinnen der Textilbranche in den Fokus zu rücken, um den Wert von Frauen für die Gesellschaft zu propagieren. Dies hat sie laut Gaugele ja bereits mit ihrer Publikation „Österreichs Handarbeit“ erreichen wollen.13

5. These: Bei Demonstrationen für das Frauenwahlrecht kamen handgearbeitete Bänder mit feministischen Forderungen zum Einsatz.

Begründung/ Kommentar: Gaugele deutet an, dass diese Banner und Bänder in verschiedenen Frauenvereinen angefertigt wurden.14 Sie sind meiner Ansicht nach ein weiteres Beispiel für textile Handarbeit von Frauen, die zur politischen Praxis beitrug.

6. These: Allen bürgerlichen Frauenvereinen gemeinsam war, „dass sie Textilarbeit, Kleidung und textile Handarbeit als Felder sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Partizipation von Frauen begriffen“.15

Begründung/ Kommentar: Gaugele versucht diese Aussage lediglich anhand einem der aufgeführten Vereine, nämlich dem „Verein für ein Museum für weibliche Handarbeiten“, zu beweisen: Dieser habe das Ziel gehabt, den Wert der weiblichen Handarbeit zu heben. In seinen Statuten bezeichnet er diese außerdem als wichtigen Teil für die Volkswirtschaft.16 Eingeschränkt wird diese Bewertung der weiblichen Handarbeit jedoch durch den Zusatz „auf dem Gebiete des Frauenerwerbes“17. In den Vereinsstatuten sei außerdem folgende Aussage zu finden: „Wenn sich Frauen natürlichen Berufen entzögen, seien sie eine schädigende Concurrenz für Männer.“18 Man bekommt also eher den Eindruck, dass dieser Verein sich das Ziel gesetzt hat, die Frauen auf einen Bereich der Wirtschaft zu beschränken und aus allen anderen auszugrenzen. Frauen sollen auf ökonomischer Ebene an der Gesellschaft teilhaben, jedoch nur in einem überschaubaren Rahmen. Vo n der sozialen, politischen und kulturellen Partizipation der Frauen spricht der Verein in seinen Statuten insofern, dass dort geschrieben stehe, das gegründete Museum solle „künstlerisch, erziehlich […] und humanitär wirken“19. Man möchte die Frau also dazu “erziehen“, sich der Handarbeit zu widmen, was für mich persönlich nicht das selbe ist wie das Recht, an etwas teilzuhaben. Daher finde ich das Beispiel von Gaugele schlecht gewählt bzw. ihre These wenig überzeugend.

7. These: „Das Zeigen, Ausstellen und Sichtbarmachen textiler Objekte entwickelte sich zu einer mikro-wie makropolitischen Strategie des bürgerlich-differenzfeministischen Projektes der Moderne.“20

Begründung/ Kommentar: Elke Gaugele begründet die These durch die Erwähnung einer Ausstellung zur „Verwendung weiblicher Arbeitskräfte in der Fabriks-industrie“ bei der Weltausstellung 1873. Die Ausstellung sei ein Lob an die Wiener Frauenerwerbsvereine gewesen21, womit mikropolitisch gesehen der Differenzfeminismus hervorgehoben wird, ein Feminismus, der die Unterschiede zwischen den Geschlechtern betont22. Die Ausstellung wird zudem auch makropolitisch als Strategie des bürgerlich- differenzfeministischen Projektes der Moderne genutzt, da sie sich „als Ausdruck nationaler weiblicher Produktivkraft und deren Potenzialen zur Leistungssteigerung“23 verstanden habe.

8. These: „In Deutschland wurde der Topos der strickenden Patriotin zur Zeit des deutschen Wilhelminismus zum Element einer nationalistisch-militärischen Symbolik.“24

Begründung/ Kommentar: Gaugele belegt ihre These durch die Darstellung eines „kleinen Mädchens als strickende Krankenschwester“25 in der Postkartenserie „Jung Deutschland“. Hier wird das strickende Mädchen zum einen als Deutsche ausgewiesen (nationalistisch), zum anderen durch den Beruf der Krankenschwester während des Krieges und in so jungem Alter als sehr patriotisch. Wenn die Autorin die „Schwäbische Frauenzeitung“ zitiert, die den Ausbruch des Ersten Weltkriegs als eine „große Mobilmachung von Wolle und Wollwaren“26 beschreibt, stellt sie heraus, dass die Stricknadeln und die Wolle praktisch die Waffen der Frauen im Ersten Weltkrieg waren, wodurch die deutsche strickende Patriotin symbolisch eindeutig militarisiert wird. Gaugele betont außerdem, dass von den Frauen in den Berliner Strickstuben ein Stricklied gesungen worden sei, dass die Zeile „Zum Dienst fürs liebe Vaterland“ enthalten habe.27 Wenn man bedenkt, dass für gewöhnlich der militärische Dienst als „Dienst am Vaterland“ bezeichnet wird, wird deutlich, dass sich auch die strickenden Frauen selbst als Soldatinnen ansahen, die zumindest symbolisch an der Kriegsfront mitkämpften.

9. These: „Der Kriegseinsatz und die Opferbereitschaft für das Vaterland war für viele Feministinnen in der bürgerlichen Frauenbewegung von der Hoffnung getragen, dass die Frauen nach dem Krieg die Staatsbürgerinnenschaft erhalten würden.“28

Begründung/ Kommentar: Laut Gaugele stimmte die bürgerliche Frauenbewegung Österreichs „überwiegend in die Kriegsbejahung und Unterstützung ein“.29 Zudem habe Getrud Bäumer im „Jahrbuch des Bundes deutscher Frauenvereine“ 1916 geschrieben: „Heimatdienst ist für uns die Kriegsübersetzung des Wortes Frauenbewegung“.30 Es liegt also nahe, dass viele Frauen sich von ihrem Einsatz während des Krieges die Staatsbürgerinnenschaft erhofften, da dies ja ein Ziel der bürgerlichen Frauenbewegung war.

10. These: Die Craftistas des 21. Jahrhunderts agieren unter der Devise „Make peace not war - Socken stricken für den Frieden“.

Begründung/ Kommentar: Textilaktivistische Gruppen, wie die um Marianne Jorgensens „Pink Tank“ oder der „Revolutionary Knitting Circle“ „stricken aus geschichtlicher Perspektive die Maschen der Citoyenne Tricoteuse heraus“31 und „ketten […] die Maschen des Militarismus locker ab“32, so Gaugele.

III. Fazit:

Textile Handarbeit von Frauen trug aus Sicht Elke Gaugeles auf vielfältige Weise zur politischen Praxis im Prozess der Moderne bei: So haben die Citoyennes Tricoteuses während der Französischen Revolution Einfluss auf die Debatten des Konvents ausgeübt, sowie ihren revolutionären Aktivitäten durch öffentliches Stricken eine symbolische Präsenz verschafft. Des Weiteren sei der „textile Mythos“ ein wichtiges kultur-politisches Instrument im Kampf um die weibliche Staatsbürgerinnenschaft gewesen und auch das Schreiben über textile Themen sei daher feministische Praxis gewesen. Bei Demonstrationen für das Frauenwahlrecht seien handgearbeitete Bänder zum Einsatz gekommen und bürgerliche Frauenvereine haben Textilien und textile Handarbeit als Ausdruck sozialer, kultureller, politischer und ökonomischer Teilhabe aufgefasst. Das Ausstellen textiler Objekte sei außerdem Ausdruck des Differenzfeminismus gewesen. Auch die „strickende Patriotin“ habe durch die militarisierte Handarbeit während des Ersten Weltkriegs versucht, die Frauenbewegung voranzutreiben. Im 21. Jahrhundert haben sich die politischen Ziele der weiblichen Handarbeit jedoch eher dahin gewandelt, dass sie eingesetzt werde, um gegen Krieg und für Frieden zu demonstrieren und nicht mehr für die Gleichberechtigung der Frau.

Auch wenn ich nicht alle Thesen Gaugeles als bewiesen ansehe, bin ich mit ihr doch insofern einer Meinung, dass textile Handarbeit von Frauen über die Jahrhunderte häufig gezielt als feministisches Werkzeug eingesetzt wurde. Ich denke, dass die Stricknadeln und die Textilien eine der wenigen Möglichkeiten der Frauen darstellten, sich öffentlich auszudrücken. Die Handarbeit selbst war meiner Meinung nach jedoch eher ein stiller Protest, der erst beim Einsatz der fertigen Resultate auf Demos oder bei Ausstellungen, sowie in der schriftlichen Manifestation lauter und somit zum politischen Statement wurde. Die Handarbeit an sich sehe ich hauptsächlich symbolisch. Die Frauen versuchten, sie vom häuslichen Kontext in einen öffentlichen Kontext zu verschieben, um dadurch sich selbst Präsenz in der Öffentlichkeit zu verschaffen, in einer von Männern dominierten Welt. Die Handarbeit stand dabei stellvertretend für die Frau, nicht jedoch für ihre feministischen Aktivitäten, wie Gaugele es beschreibt. Die öffentliche Handarbeit an sich war der feministische Akt, weil sie die Frau in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. Dadurch wurde zugleich ihr Tun (das Stricken) der Öffentlichkeit preisgegeben und gezeigt, dass sie einen wirtschaftlichen Wert für die Gesellschaft hat. Dasselbe versuchten die Frauen zu beweisen, als sie demonstrativ für die Soldaten an der Front strickten. Trotz ihrer Anstrengungen blieben die Feministinnen dabei jedoch in einer passiven Rolle, denn sie waren in ihren Bestrebungen darauf angewiesen, dass sie von den Männern „bemerkt“ wurden, d.h. dass ihr Einsatz entsprechend von ihnen wertgeschätzt wurde. Ich finde, man sollte außerdem nicht vergessen, dass die Handarbeit auch von Männern gegen Frauen eingesetzt wurde, indem sie wiederum versuchten, die Frauen auf diesen Bereich und somit auch auf ihr Dasein als Mütter und Ehefrauen zu beschränken. Damit war Handarbeit in gewisser Weise auch Waffe der Männer, ohne dass sie sie überhaupt selbst hätten praktizieren müssen, wodurch ihre klare Überlegenheit gegenüber den Frauen noch einmal deutlich wird. Ich denke „Cravtivism“ war einer von vielen Schritten, den die Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung taten und sollte daher nicht unterschätzt, aber eben auch nicht überschätzt werden.

IV. Fragestellung: Gibt es heute eine ähnliche Praxis von textiler Handarbeit, die politisch motiviert ist?

V. Thesen

1. These: Guerilla-Knitting/ Urban Knitting ist eine moderne Praxis textiler Handarbeit, die politisch motiviert sein kann.

Begründung/ Kommentar: Einige „Strickguerilla betrachten die Handarbeit an sich als einen Widerstand gegen die Massenproduktion und lassen handgearbeitete Stücke […] als eine Form der Anarchie zurück“, so Lena Springer, „Manche wollen mit ihren Installationen die Handarbeit aus ihrem häuslichen Kontext befreien und sind feministisch motiviert, wenn sie mit ihren Arbeiten für die Anerkennung der Frauen und ihrer (Hand-)Arbeiten eintreten“. Außerdem werden „Strickgraffitis auch für politische Aussagen genutzt oder als Plattform, um gegen verschiedene gesellschaftliche Problematiken zu demonstrieren“.33

2. These: „Pink Tank“ von Marianne Jorgensen ist eine moderne Praxis textiler Handarbeit, die politisch motiviert ist.

Begründung/ Kommentar: Es handelt sich um eine gestrickte Decke aus rosa Garn, mit der Marianne Jorgensen und Kollektiv 2008 einen Panzer aus dem Zweiten Weltkrieg gewissermaßen neu eingekleidet haben. Laut Olivia Gissing taten sie dies, um ihrer Empörung über den US-Irak-Krieg Ausdruck zu verleihen und der „Pink Tank“ sei so zum „Symbol für die Sinnlosigkeit des Krieges“ geworden. Jorgensen selbst sage darüber, die pinke Decke stehe für Zuhause und Familie und verspotte den Kampf dadurch, dass sie den Panzer kontrastiere.34

[...]


1 Gaugele, Elke: Revolutionäre Strickerinnen, Textilaktivist_innen und die Militarisierung der Wolle. Handarbeit und Feminismus in der Moderne. In: craftista! Handarbeit als Aktivismus. Critical crafting circle (Hg.). Mainz 2011, S. 16.

2 Ebd.

3 Ebd. S. 16/17.

4 Ebd. S. 17.

5 Ebd.

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Ebd. S. 18.

9 Ebd.

10 Gaugele, Elke: Revolutionäre Strickerinnen, Textilaktivist_innen und die Militarisierung der Wolle. Handarbeit und Feminismus in der Moderne. In: craftista! Handarbeit als Aktivismus. Critical crafting circle (Hg.). Mainz 2011, S. 19.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd. S. 18/19.

14 Ebd. S. 20/21.

15 Ebd. S. 21.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Ebd. S. 22.

19 Ebd. S. 21.

20 Ebd. S. 22.

21 Ebd.

22 Theißl, Brigitte: Feminismus: Was ist eigentlich Differenzfeminismus: Gleichberechtigt, aber nicht gleich. In: derstandard.de, Rubrik: Wissen und Gesellschaft, 11.03.2020.

23 Gaugele, Elke: Revolutionäre Strickerinnen, Textilaktivist_innen und die Militarisierung der Wolle. Handarbeit und Feminismus in der Moderne. In: craftista! Handarbeit als Aktivismus. Critical crafting circle (Hg.). Mainz 2011, S. 22.

24 Ebd.

25 Ebd.

26 Ebd.

27 Ebd. S. 24.

28 Ebd. S. 25.

29 Ebd. S. 24.

30 Ebd.

31 Ebd. S. 26/27.

32 Ebd. S. 26.

33 Springer, Lena: Guerilla Knitting. In: uni-potsdam.de, Rubrik: Phänomene, Potsdam 2015.

34 Gissing, Olivia: The Marianne Jorgensen Tank Blanket is Handmade Anti-War Activism. In: trendhunter.com, Rubrik: Quilted War Weaponry, 14.06.2011.

Autor

Zurück

Titel: Handarbeit als Aktivismus. Radical Crafting/ Cravtivism