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Text- und Erzählstruktur in Christoph Ransmayrs 'Die letzte Welt '

Hausarbeit 2002 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Text- und Erzählstruktur in Christoph Ransmayrs Die letzte Welt
II.1 Ort und Zeit der Handlung
II.2 Erzählsituationen
II.3 Direkte und indirekte Rede
II.4 Rückblenden und Episoden

III. Aspekte der Postmoderne in Text- und Erzählstruktur von Christoph Ransmayrs
Die letzte Welt

IV. Bibliographie

I. Einleitung

Christoph Ransmayrs 1988 erschienener Roman Die letzte Welt handelt von der Suche des Römers Cotta nach dem verbannten Naso, den Dichter Ovid, in Tomi. Vor allem aber sucht er dessen Werk Metamorphoses, das Naso vor seiner Verbannung verbrannte. Als das Gerücht aufkommt, Naso sei gestorben, möchte Cotta wissen, ob nicht vielleicht doch noch eine Abschrift dieses Werkes existiert und in Tomi aufzufinden ist. Die vorliegende Hausarbeit wird sich hauptsächlich mit der Text- und Erzählstruktur dieses Romans beschäftigen.

Obwohl es sich bei diesem Werk um ein noch recht aktuelles handelt, gibt es schon eine große Bandbreite an Sekundärliteratur dazu, die sich zum einen mit dem gesamten Werk Ransmayrs beschäftigt oder nur mit der Letzten Welt. Im zweiten Fall werden zum Vergleich teilweise noch andere Romane, die zur Postmoderne gerechnet werden, in die Untersuchungen miteinbezogen. Bei Sekundärliteratur dieser Art steht meist auch das Wiederaufkommen von Mythen in der zeitgenössischen Literatur im Blickpunkt.

Die Vielzahl an Aufsätzen und Büchern über Ransmayrs Roman zeigt dessen Bedeutung und gibt auch die Möglichkeit verschiedene Ansichten gegenüber zu stellen. Die größten Meinungsverschiedenheiten bestehen dabei zwischen Angela Fitz und Thomas Epple.

Auffällig ist, dass fast alle auf die Unstimmigkeiten bei Ort und Zeit der Handlung hinweisen. Deshalb soll dieser Punkt auch in dieser Hausarbeit zunächst betrachtet werden.

Im Anschluss daran werden die unterschiedlichen Erzählsituationen in Die letzte Welt analysiert. Dies wird den Schwerpunkt der Arbeit bilden.

Die nächsten beiden Kapitel befassen sich mit der Textstruktur des Romans. Dabei wird genauer auf den Gebrauch von direkter und indirekter Rede und die Einbindung von Rückblenden und Episoden eingegangen werden.

Dass es sich bei der Letzten Welt um ein postmodernes Werk handelt, ist nicht ganz unumstritten. Deshalb werden im letzten Teil dieser Arbeit Aspekte in der Text- und Erzählstruktur des Romans betrachtet, die der Postmoderne zuzuordnen sind. Dabei wird auf eine ausführliche Definition des Begriffs ‘Postmoderne‘ verzichtet, da dies im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde, zumal es keine richtige, von allen akzeptierte Begriffsbestimmung gibt.

II. Text und Erzählstruktur in Christoph Ransmayrs Die letzte Welt

II.1 Ort und Zeit der Handlung

Die Handlung in Christoph Ransmayrs Die letzte Welt spielt hauptsächlich in Tomi, in Rückblenden wird auch von Geschehnissen aus Rom berichtet. Im Gegensatz zu Rom ist Tomi, das wirklich existierte und dem heutigen, rumänischen Constanza[1] entspricht, aber “[...] geographisch [nicht] wiederzufinden“.[2] So liegt es in der Letzten Welt beispielsweise “[...]am Fuß der Steilküste [...]“[3], während es in der Realität “[...] an einer völlig flachen Küste [...]“[4] liegt. Hinzu kommt, dass sein Klima Schwankungen unterliegt.[5] So wird zu Beginn des Romans das Ende eines zweijährigen Winters gefeiert (vgl. DW, 9), im Verlauf der Handlung werden dann aber tropische Temperaturen geschildert (vgl. DW, 119). Im Gegensatz zu Epple sieht Fitz in den klimatischen Veränderungen in Tomi, die Auswirkungen auf die Vegetation und das Stadtbild haben, aber keine apokalyptische Szenerie sondern eine “[...] Umstrukturierung [...], [die] nach mehreren Stufen [...] zu neuer Stabilität führt.“[6]

Die beiden Orte der Handlung stehen auch für gewisse Werte und Eigenschaften der Städte und ihrer Bewohner. Tomi symbolisiert die Peripherie im allgemeinen, Rom ist das Zentrum. “Rom steht als Metropole für Ordnung, rationale Organisation, Stabilität und Naturbeherrschung [...].“[7] Tomi hingegen, das historisch gesehen damals am Rande des Römischen Reiches lag, verfügt über keinen “Verwaltungsapparat“[8] oder andere “gesellschaftliche[...] Organisation[en]“[9]. Für Gehlhoff liegt der größte Unterschied zwischen Tomi und Rom darin, dass in Tomi der Mythos von Bedeutung ist, wohingegen in Rom die Vernunft diese Rolle einnimmt.[10] Durch diese Gegenüberstellungen der beiden unterschiedlichen Städte entsteht letztendlich jedoch “[...] ein das Ganze umfassendes Bild [...].“[11]

Was sich bei den Örtlichkeiten des Romans schon andeutet, ist bei der Zeit der Handlung noch auffälliger. Es ist nicht möglich, den genauen Zeitpunkt zu erschließen, weil Ransmayr “[d]ie antiken Verhältnisse [...] anachronistisch mit dem ’Inventar der Moderne’ [versieht] [...].“[12] So regiert in Rom einerseits noch Augustus und auch bei Cotta und Naso handelt es sich um historisch verbürgte Persönlichkeiten, die der Zeit um Christi Geburt zuzurechnen sind, andererseits besitzen die Tomiten schon einen Filmprojektor und die Römer verfügen über Telefon. Durch dieses Verfahren entsteht nach Gehloff erst die Intertextualität im Text.[13] Diese Ansicht darf jedoch bezweifelt werden, da man durchaus schon von Intertextualität sprechen darf, wenn im Roman auf ein anderes Werk verwiesen wird, sei es explizit oder implizit, was in Die letzte Welt der Fall ist. Zustimmen muss man Gehlhoff aber in ihrer Kritik an Epple, der zwar ebenfalls davon spricht, dass Ransmayr “[...] Elemente der Gegenwart in [die] ’Antike’ [...]“[14] projiziert, aber diese Anachronismen nur als ein “[...] ‘postmodernes Spiel der Beliebigkeiten’ [...]“[15] bezeichnet. Diese Auffassung wird dem gesamten Deutungsmuster des Romans nicht gerecht. Für Gehlhoff beinhaltet diese Zeitauflösung auch eine Unsterblichkeit.[16]

[...]


[1] Vgl. Epple, Thomas: Christoph Ransmayr. Die letzte Welt. München: Oldenbourg 1992 (Oldenbourg Interpretationen mit Unterrichtshilfen). S.12.

[2] Ebd.

[3] Ransmayr, Christoph: Die letzte Welt. Frankfurt a. M.: fischer 2002. S. 8. – Im folgenden werden Zitate aus diesem Werk direkt im Text durch das Kürzel DW und die entsprechende Seitenzahl signalisiert.

[4] Epple (1992), S. 12.

[5] Fitz, Angela: „Wir blicken in ein ersonnenes Sehen.“ Wirklichkeits- und Selbstkonstruktion in zeitgenössischen Romanen. Sten Nadolny – Christoph Ransmayr. St. Ingbert: Röhrig 1998 (Saarbrücker Beiträge zur Literaturwissenschaft). S. 291.

[6] Ebd., S. 295.

[7] Epple (1992), S. 13.

[8] Ebd., S. 14.

[9] Ebd.

[10] Vgl. Gehlhoff, Esther Felicitas: Wirklichkeit hat ihren eigenen Ort. Lesarten und Aspekte zum Verständnis des Romans Die letzte Welt von Christoph Ransmayr. Paderborn: Schöningh 1999 (Modellanalysen: Literatur). S.47.

[11] Vollstedt, Barbara: Ovids „Metamorphoses“, „Tristia“ und „Epistulae ex Porto“ in Christoph Ransmayrs „Die letzte Welt“. Paderborn: Schöningh 1998. S. 102.

[12] Gehlhoff (1999), S. 38.

[13] Ebd.

[14] Epple, Thomas: Phantasie contra Realität. Eine Untersuchung zur zentralen Thematik von Christoph Ransmayrs ‚Die letzte Welt’. In: Literatur für Leser. Frankfurt a. M.: 1990. S. 31.

[15] Gehlhoff (1999), S. 39.

[16] Ebd., S. 40.

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638531009
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59074
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Text- Erzählstruktur Christoph Ransmayrs Welt Aspekte Erzählens

Autor

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Titel: Text- und Erzählstruktur in Christoph Ransmayrs 'Die letzte Welt '