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Reformpädagogik nach Hermann Lietz. Landerziehungsheime damals und heute

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Pädagogik - Reformpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biographie
2.1. Zusammenarbeit mit Wyneken und Geheeb

3. Das Leben in einem Landerziehungsheim
3.1. Die Heimfamilie
3.2. Die Lernumgebung

4. Landerziehungsheime heute
4.1. Haubinda
4.2. Schloss Bieberstein
4.3. Spiekeroog

5. Schluss

1. Einleitung

Die Reformpädagogik war Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Versuch, Unterricht und Erziehung zusammen zu fassen, d.h. eine Schule zu gründen, in der nicht nur Wissen vermittelt werden sollte. Die Reformpädagogik unterscheidet fünf zentrale Punkte die für Theorie und Praxis gelten1:

1. Der wissenschaftliche Unterricht steht im Hintergrund
2. Der Lehrer ist gleichzeitig auch Erzieher
3. Der Schüler ist Partner des Lehrers
4. Das Leben ist nach „streng hygienischer Lebensweise“ ausgerichtet
5. Die Anforderungen an Schüler und Lehrer sind sehr hoch

Im allgemeinen endet in der Literatur die Reformpädagogik mit dem Ende der Weimarer Republik, „doch bleibt die Frage offen, was denn genau unter „Ende“ oder auch „Abbruch“ zu verstehen sei“2. In Deutschland beeinflusste sie besonders die Jugendbewegung3. Die Selbsttätigkeit der Schüler steht bei der Reformpädagogik im Mittelpunkt der Erziehung. Dazu gehören z.B. das freie Gespräch, das die Schüler u.a. in der Diskussion lernen, und die praktische Tätigkeit. Die Devise lautete „Lernen durch Handeln“. Zu den bekanntesten Reformpädagogen gehören: John Dewey (1859-1952, Instrumentalismus), Georg Kerschensteiner (1854-1932, Berufsschulen), Maria Montessori (1870- 1952, Freiarbeit), Peter Petersen (1884-1952, Jena-Plan Schulen) und Hermann Lietz (1868-1919, Landerziehungsheime).

Hat ihnen, verheerter Leser und verehrte Leserin, die Schule, die sie besuchten, die Ausbildung gegeben, die sie in ihrem späteren Leben als die zweckmäßigste fanden?4

Zu seinem Entsetzen stellte Hermann Lietz fest, dass während seiner Schulzeit die Schule als bloßer Vermittler von Lerninhalten diente. Körperliche Ertüchtigung und moralisch-sittliche Erziehung blieb den Eltern vorbehalten. Doch aufgrund des Wandels der Gesellschaft, wurden die traditionellen Werte in den Hintergrund gestellt. In Zeiten der Industrialisierung und Verstädterung war kein Platz und vor allem keine Zeit für die Eltern, so viel Zeit in die gute Erziehung ihrer Kinder zu investieren, wie es manche vielleicht gewollt hätten. Lietz erkannte, dass die Familie, so wie sie existierte, nicht mehr funktionierte. Die Gründe dafür waren seiner Auffassung nach die Zustände in der Stadt. „Der Mensch prägt nicht mehr die Umstände, in denen er lebt, er wird vielmehr zu deren Spielball“5. Diesen Zustand konnte er unmöglich tolerieren.

„Für Lietz war beim Unterricht alles immer ganz von innen heraus lebendig. er fasste die Vergangenheit nie romantisch, sondern ganz wirklich und gegenwärtig. Er erläuterte das große Neue am kleinen Bekannten, das Vergangene am Gegenwärtigen6.

In dieser Hausarbeit sollen kurz die wichtigsten Stationen aus dem Leben von Hermann Lietz aufgezeigt werden. Ergänzend dazu werden zwei seiner Mitarbeiter des Landerziehungsheims Haubinda, Gustav Wyneken und Paul Geheeb, und deren Arbeit mit Hermann Lietz erläutert werden. Anschließend wird ein Überblick über das Leben in einem Landerziehungsheim gegeben. Der letzte Teil beschäftigt sich mit der Situation heutiger Landerziehungsheime7.

2. Biographie

Er war ein wohlgebauter Mann von mittlerer Größe, stark gebräunt, mit dichtem schwarzem Haar und großen dunklen Augen, die ebenso herrschend blicken wie gütig leuchten konnten; von einer natürlichen Kraft und Anmut in jeder Bewegung8.

Geboren am 28. April 1868 in Dumgenewitz lebte Hermann Lietz mit sieben Geschwistern auf einem Bauernhof auf der Insel Rügen. Die Wurzeln seiner Abneigung gegen die Stadt und dem Leben darin liegen wohl in jenem unbeschwerten Landleben, das sich Lietz später für alle Kinder wünschte. Die Stadt war für die Jugendlichen „unnatürlich, ungesund, unangenehm“ und laut seiner Pädagogik mache das Stadtleben die Kinder „verbittert, unartig [und] bösartig“9.

Der Aufenthalt in der Großstadt ist aber noch schlimmer fürs Kind als Bergesabgrund und Stromschnelle. Diese töten im schlimmsten Falle nur den Körper, jene mit hoher Wahrscheinlichkeit die Seele, die Natur.

Doch bis zu dieser Feststellung war es ein langer Weg. Seine Schulzeit, die er auf den Gymnasien in Greifswald (1878-1880) und Stralsund (1880-1888) verbrachte, empfand er als quälend. Er verlor jegliches Interesse an der Schule. Die Lehrer waren in seinen Augen nicht mehr als lieblose Beamte, die den Lehrberuf als simplen Beruf ansahen, dem man ohne Hingabe zum Menschen ausüben konnte. Es fand sich kein Lehrer, der gleichzeitig seinem Ruf als Pädagoge nachkam oder sich der Sorgen seiner Schüler annahm. Erziehung erfolgte durch Prügel, was letztlich zu einem gefügig machen der Schüler und nicht zu einer wirklichen Erziehung führte. Für Hermann Lietz war die Schule kein Ort der Erziehung und völlig ungeeignet für die Jugendlichen. Dennoch hat er sich erst nach seinem Studium der Theologie in Halle der Entwicklung neuer pädagogischer Gedanken gewidmet. Eben dieses Studium war es, durch das Lietz mit liberalen Theologen und Philosophen in Kontakt kam und die Begriffe Kultur, Arbeit und Religion als miteinander verbunden betrachtete. Ohne Paukerei und Zwang studierte Lietz nur 3 Jahre und legte bereits 1891 seine Doktorenprüfung ab. In dieser neuen, ungezwungenen Lernumgebung hatte er zum ersten Mal Spaß am Lernen und gleichzeitig Spaß am Leben. Um die Lebensumstände der Menschen zu verbessern, sah Lietz daher nur einen Weg: den Jugendlichen müsse ein besseres Leben, eine neue Art des Lernens ermöglicht werden. Um diesen Weg einschlagen zu können, legte Lietz 1892 die Staatsprüfung für das höhere Lehramt ab, gefolgt von einem Probejahr auf Rügen und verschiedenen Lehrtätigkeiten in Jena, Kötzschenbroda und Abbotsholme. Hier schrieb er sein Buch Emlohstobba (er las Abbotsholme einfach rückwärts ab), in dem er seine Gedanken zur Reformpädagogik festhielt. Er glaubte, dass eine gute Erziehung die einzige Möglichkeit wäre, den aufgrund der fortschreitenden Industrialisierung entstehenden Missständen entgegen zu wirken. Die Jugendlichen brauchten einen neuen Lebensraum, in dem sie unbeeinflusst von dem Leben in der Stadt erzogen werden konnten. Sein Konzept ist daher als eine Gegenbewegung zur damaligen Pädagogik zu verstehen.

Ein Vorkämpfer des Gedankens einer neuen pädagogischen Lebensgemeinschaft mit der Jugend in theoretischer und praktischer Hinsicht, eine ausgezeichnete Erzieherpersönlichkeit, die den rechten Weg zur Jugend fand [...]10.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin gründete er 1898 ein Heim für die Unterstufe (Ilsenburg), 1901 für die Mittelstufe (Haubinda) und 1904 für die Oberstufe (Bieberstein)11. 1914 wurde Veckenstedt als Landwaisenheim gegründet. Lietz schien es ungerecht zu sein nur die aus eher reichem Hause stammenden Schüler aufzunehmen. 1917 kehrte er nach seinem freiwilligem Kriegsdienst zurück nach Haubinda, wo er zwei Jahre später verstarb.

2.1. Zusammenarbeit mit Wyneken und Geheeb

Gustav Adolf Wyneken (1875-1964) studierte Theologie und Philologie in Berlin und promovierte dort 1898. Bekannt wurde er durch seine Sexualerziehung, die zu seiner Zeit für viel Aufsehen sorgte. 1900 kommt er nach Haubinda und arbeitet dort bis 1906 als Lehrer. In diesem Jahr entschließt er sich, zusammen mit Paul Geheeb, ein eigenes Heim mit einer neuen Pädagogik zu entwerfen, denn die Gedanken und Ansätze von Lietz waren Wyneken nicht reformiert genug.

Von den Landerziehungsheimen sind auch die Freien Schulgemeinden ausgegangen, aber bei ihnen sind andere, radikalere Reformgedanken durchgedrungen, und ihr Vorkämpfer, Gustav Wyneken hat sich von Lietz abgewandt12.

Dennoch hat er die Arbeit von Lietz als Ausgangspunkt für seine folgende Arbeitet betrachtet.

Ich habe bei der Nachricht von Lietz' Tode meiner Dankbarkeit und Achtung in einer Gedächtnisrede in Wickersdorf Ausdruck gegeben, und ich habe später in Haubinda an seinem Grabe gestanden - ein wenig traurig, daß es mir und ihm nicht vergönnt war, Freunde zu sein13.

Bereits 1909 kommt es jedoch zum Streit zwischen Wyneken und Geheeb, woraufhin die Pädagogen getrennte Wege gehen. Aufgrund seiner Ansichten wird Wyneken sogar 1910 vom Ministerium entlassen, pflegt aber weiterhin den Kontakt zu Wickersdorf. Im selben Jahr wird er Vorsitzender des „Bundes freier Schulgemeinschaften“ und ist weiter um die Verbreitung seiner Sexualerziehung und Koedukation bemüht.

Hermann Lietz und Paul Geheeb lernten sich 1892 im religionsphilosophischen Seminar in Jena kennen. Geheeb machte seinen Abschluss 1893 in Theologie, seinen Oberlehrerabschluss legte er jedoch erst 1899 ab und kümmerte sich zunächst um Kindergruppen und half

Alkoholkranken. Während seiner späteren Arbeit war er vor allem für seine Geduld im Umgang mit Kindern bekannt und zeigte Verständnis und die Fähigkeit allen zuzuhören. Während seiner langen Studienzeit von insgesamt 20 Semestern hat Geheeb eine „Weltläufigkeit14 “ erfahren, wie sie Hermann Lietz fehlte. Von Geheebs Reiselust hat z.B. die Odenwaldschule profitiert, die internationale Beziehungen pflegte. In den 1920ern waren hier Gäste aus der ganzen Welt zu finden, deren Besuch für ein besseres, kulturelles Verständnis bei den Schülern sorgen konnte. Dennoch war Geheeb ein Gegner des Nationalismus’ und wehrte sich gegen auch gegen die Geburtstagsfeiern des Kaisers. 1902 kam Geheeb nach Haubinda, um Lietz bei seiner Arbeit zu unterstützen, der ihn zum Leiter des Heims machte. Nach ein paar Jahren der Zusammenarbeit trennten sich ihre Ansichten, u.a. weil Geheeb weitere Einschnitte in der damaligen Pädagogik verlangte, als Lietz sie umsetzen wollte. (So fuhr Lietz 1913 mit seinen Schülern zum Völkerschlachtdenkmal von Leipzig, während Geheeb mit seinen Odenwaldschülern am ersten Freideutschen Jugendtag teilnahm15 ). 1906 verließ Geheeb Haubinda und gründete mit Gustav Wyneken die „Freie Schulgemeinde Wickersdorf“. Doch bereits 1910 entwickelte Geheeb sein eigenes Projekt, die „Odenwaldschule“, die er bis 1934 mit seiner Frau leitete. Zu seinen Schülern hatte Geheeb ein sehr vertrautes Verhältnis, obwohl er manchmal doch distanziert von der Welt und ihren Problem schien:

Wenn er mit seinem immer etwas eiligen, federnden Gang zwischen den Häusern seiner Schule dahinschritt, stets zugleich gegenwärtig und anderswo, und den Begegnenden, sofern er nicht durch ihn hindurchsah, in seinen rätselhaften grauen Blick nahm, dann waren darin Vertrauen und Distanz unbeschreiblich gemischt. Er hatte nicht wenig vom 'lieben Gott' für die Kinder16.

[...]


1 Vgl. Theo Dietrich: Geschichte der Pädagogik in Beispielen aus Erziehung, Schule und Unterricht. 18.-20. Jahrhundert. Bad Heilbrunn 1975. S. 215.

2 Ebd. S. 215f.

3 Die Jugendbewegung entwickelte sich ca. 1896 als eine Jugendkultur. Anders als die Reformpädagogik, die von Erwachsenen ausging, wurde die Jugendbewegung von den Jugendlichen selbst ausgelöst. Gemeinsam organisierten sie Fahrten ins Grüne, unter dem Motto „Zurück zur Natur“. Die bekannteste Bewegung ist der Wandervogel. Der Name wurde 1901 von Wolfgang Meyen vorgeschlagen, der den Namen aus einem Gedicht von Otto Roquettes entnahm. Dieses Gedicht wurde zuerst von den Steglitzer Wandervögeln gesungen.

4 Vgl. Guido Kühn: Was wollte Hermann Lietz? In: Hermann Lietz-Schulen. Die ersten 100 Jahre. Leitkonferenz der Hermann Lietz-Schulen u.a. (Hrsg.). Kassel, 1998. S. 10.

5 Ebd.

6 Hans Speemann: Hermann Lietz und die deutschen Landerziehungsheime. In: Hermann Lietz - Zeugnisse seiner Zeitgenossen, Elisabeth Kutzer (hrsg.), Stuttgart 1962. S. 39.

7 Die Beispiele sind dem Referat entnommen.

8 Hans Speemann, Die deutschen Landerziehungsheime, 1962. S. 36f.

9 Dieter Heim: Hermann Lietz und sein Landerziehungsheim Haubinda. In: Hermann Lietz-Schulen. Die ersten 100 Jahre. Leitkonferenz der Hermann Lietz-Schulen u.a. (Hrsg.). Kassel, 1998. S.12.

10 Willy Moog: Geschichte der Pädagogik. Die Pädagogik der Neuzeit vom 18. Jh. bis zur Gegenwart. Bd. 3. Ratingen 1967. S. 461.

11 Vgl. Kapitel 4.2.

12 Willy Moog, Geschichte der Pädagogik, 1967. S. 466.

13 Gustav Wyneken: Erinnerungen an Hermann Lietz. In: Hermann Lietz - Zeugnisse seiner Zeitgenossen, Heft 6, E. Kutzer (Hrsg). Stuttgart 1968. S. 120.

14 Gerold Becker: Lietz und Geheeb. Vortrag vom 12. April 1996 an der 10. internationalen Wagenschein-Tagung an der Ecole d’Humanité in Goldern.

15 Ebd.

16 Martin Wagenschein: Erinnerungen für morgen. Eine pädagogische Autobiographie. Weinheim und Basel 1983. S. 35.

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638530729
ISBN (Buch)
9783638694100
Dateigröße
597 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59039
Institution / Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,3
Schlagworte
Hermann Lietz Landerziehungsheime Reformpädagogische Strömungen

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Titel: Reformpädagogik nach Hermann Lietz. Landerziehungsheime damals und heute