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Über Rainer Maria Rilkes "Die Turnstunde"

Seminararbeit 2004 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Novelle am Beispiel von Rilkes „Die Turnstunde“

3. Beide Fassungen im Vergleich

4. Die Figuren und ihr Verhältnis zueinander

5. Die Position des Erzählers

6. Die Wirkung der Novelle auf den Leser

7. Rilkes Militärschulproblem und die Verarbeitung seiner Erlebnisse in diesem Werk

8. Das Ergebnis meiner Interpretation der Novelle

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Seltsam, nachts wurde mir plötzlich der Militärroman so dringend, daß ich glaubte, ich würde, wenn nicht sofort, so doch wenigstens heute beginnen müssen, ihn zu schreiben.“[1]

Diese Zeilen notierte sich Rainer Maria Rilke in der Nacht des 5. November 1899 in sein Tagebuch. Als Ergebnis entstand die Novelle „Die Turnstunde“, in der er seine Erlebnisse aus der Militärschulzeit verarbeitet hat.

Angeregt zu diesem Werk hat ihn seine Geliebte Lou Andreas-Salome, der er die oben genanten Zeilen in einem Brief schickt.[2] Mit dem „Werk aus der Militärschulzeit“[3] meinte sie wohl einen Militärroman, nur hat es diesen nie gegeben. Statt dessen entstand ist „Die Turnstunde“, welche im Februar 1902 in ihrer endgültigen Fassung in der „Zukunft“, einer Wochenzeitung, herausgegeben von Maximilian Harden4, erschien.

Die Novelle berichtet vom Turnunterricht in der Militärschule St. Severin. Der Kadett Karl Gruber stirbt an den Folgen einer freiwilligen, körperlichen Überanstrengung nach einer Turnübung.5 Allerdings wird diese Aufgabe nicht gefordert, sondern ergibt sich aus einer Eigeninitiative des Schülers.

Daher ist nicht nur sein Tod das einzig Tragische dieser Erzählung, es muss irgendeinen Auslöser gegeben haben, der ihn zu dieser Entscheidung veranlasste und damit letztlich in den Tod trieb.

Der Vergleich beider Fassungen, der „Ersten Niederschrift“ vom November 1899 und der „Endgültigen Fassung“ vom Januar 1902, ihre Analyse, Interpretation und Wirkung ist Teil dieser Hausarbeit, ebenso wie Rilkes persönliche Erfahrungen und der Versuch die Erlebnisse seiner Militärschulezeit in diesem Werk zu verarbeiten.

2. Die Novelle am Beispiel von Rilkes „Die Turnstunde“

Bei beiden Fassungen handelt es sich um Kurzprosa. Bei der Bestimmung der genauen erzählenden Gattung kann es verschiedene Meinungen geben.

Ich bin der Ansicht, dass es sich bei „Die Turnstunde“ um eine Novelle handelt. So weist der Text eindeutig Bezug zur Realität auf, da alle beschriebenen Geschehnisse durchaus möglich, wenn auch nicht alltäglich, sind. Der Tod des Kadetten stellt einen äußerst seltenen Extremfall dar, der aber durchaus eintreten kann. Auch behandelt der Text eindeutig das Geschehene, nämlich die Leistung und Überanstrengung des Kadetten Karl Gruber und endet mit einem Ergebnis, in dem sich das Geschehene wieder finden lässt: dem Tod des Schülers durch Überbelastung seines Körpers.

Alle genannten Punkte sind im Text eindeutig vorhanden und klassifizieren ihn daher als Novelle.[4]

3. Beide Fassungen im Vergleich

Wie bereits erwähnte, existieren zwei Fassungen von Rilkes „Die Turnstunde“. Die sogenannte „Erste Niederschrift“ ist Bestandteil eines Briefes an seine damalige Geliebte Lou Andreas-Salome vom 5. November 1899. Diese bleibt aber nur ein Teil von Rilkes „Schmargendorfer Tagebuchs“.8

Erst im Januar 1902 wird diese Fassung überarbeitet, so dass Anfang Februar des selben Jahres die „Endgültige Fassung“ in der Wochenzeitung „Zukunft“9 veröffentlicht wird.

Beide Fassungen unterscheiden sich hauptsächlich durch Veränderungen in Wortwahl, Zeichensetzung, Satzstruktur und Grammatik. So wurden beispielsweise Wörter wie „Gaslüster“ oder „Stangen“10 in der Endfassung durch „Gaskronen“ beziehungsweise „Kletterstangen“11 ersetzt. Die Zeichensetzung ändert sich in der Weise, dass in der endgültigen Fassung alle Regeln der Kommasetzung erfüllt sind und überflüssige Satzzeichen, wie Bindestriche oder ähnliches, wegfallen. Das gilt auch für die Groß- und Kleinschreibung. Auch wurden nicht eindeutige Schreibweisen bestimmter Wörter an den üblichen deutschen Sprachgebrauch angepasst. So schreibt sich der Vorname des Kadetten Gruber, Karl, jetzt mit „K“12 anstatt mit „C“13, wie dies noch in der Urschrift der Fall war.

Zudem ist die Druckfassung durch die häufigere Verwendung von Absätzen übersichtlicher gestaltet als ihre Vorgängerin und wird durch zusätzliche, kurze Informationen noch verständlicher. Ein Beispiel dafür ist das Angebot des Kameraden Jerome an Karl Gruber, seine Hände zu versorgen. In der „Ersten Niederschrift“ sagt Jerome lediglich: „‘Weißt du, ich habe da etwas dafür’, sagt Jerome - ,komm dann zu mir’“15, während in der „Endgültigen Fassung“ das Ganze genauer erklärt wird:„´

Weißt du, ich habe etwas dafür,’ sagt Jerome, der immer Englisches Pflaster von zu Hause geschickt bekommt, […]“.16

Diese Information verdeutlicht das Angebot, der Leser muss sich nicht damit beschäftigen, auf welche Art Jerome helfen könnte, er nimmt die Information einfach aus dem Text auf und kann weiterlesen.

[...]


[1] Vgl.: Schnack Ingeborg, Rainer Maria Rilke Chronik seinen Lebens und seines Werkes, Erster Band 1875 -1920. Frankfurt: Insel, 1990. S. 91 - 92.

[2] Vgl.: Kim, Byong - Ock. Rilkes Militärschulerlebnis und das Problem des verlorenen Sohnes. Bonn: Bouvier, 1973. S. 91 – 93.

[3] Ebd.

[4] Vgl.: Schnack I, Rainer Maria Rilke Chronik. S. 136.

[5] Rainer Maria Rilke. Sämtliche Werke in zwölf Bänden. Hrsg. vom Rilke Archiv in Verbindung mit Ruth Sieber - Rilke. Besorgt durch Ernst Zinn. Band 8.Frankfurt a. M.: Insel, 1975. Endgültige Fassung. S. 601ff.

[4] Vgl.: Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.). Metzler Literaturlexikon. Begriffe und Definitionen. 2., überarbeitete Auflage. Stuttgart: Metzler, 1990.

[8] Vgl.: Rainer Maria Rilke Lou Andreas-Salome. Briefwechsel. Hrsg. von Ernst Pfeiffer. Frankfurt a.M.: Insel, 1989

[9] Vgl.: Zukunft. Hrsg. von Maximilian Harden. Jg. 10. Nr.18. Berlin, 1902 aus: Schnack, Ingeborg: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. Zweiter Band 1920 – 1926. Frankfurt a. M.: Insel, 1990.

10 Rainer Maria Rilke. Sämtliche Werke. Hrsg. vom Rilke Archiv. S. 594.

11 Ebd. S. 601 – 602.

12 Ebd. S. 602.

13 Rainer Maria Rilke. Sämtliche Werke. Hrsg. vom Rilke Archiv S. 594.

15 Ebd. S. 597.

16 Rainer Maria Rilke. Sämtliche Werke. Hrsg. vom Rilke Archiv S. 604.

Details

Seiten
16
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638530637
ISBN (Buch)
9783640139347
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59025
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Literaturwissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
Rainer Maria Rilkes Turnstunde Proseminar Grundlagen Literaturwissenschaft

Autor

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