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Identitätsfindung in der HipHop-Szene

Hausarbeit 2003 40 Seiten

Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1. Intro: „der Sinn deines Lebens ist deinem Leben einen Sinn zu geben“

2. „jetzt ist alles anders, denn wir sind mittendrin“ – Jugendszenen und gesellschaftliche Modernisierung
2.1. „das Leben ist ein einziges Auf und Ab wie’n Flaschenzug“ aktuelle gesellschaftliche Strukturen und Veränderungen
2.2. „alles geht und nichts geht mit rechten Dingen zu“ Konsequenz für die jugendliche Lebensphase
2.3. „ man lernt nie aus, weil man sein Leben lang Azubi ist“ Jugend auf der Suche nach Identität
2.4. „nur hier kann ich sein, wie ich bin“ – Sehnsucht nach Heimat
2.5. „ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ jugendliche Gemeinschaftsbildung
2.5.1. „eine kleine Episode, um was klar zu stellen“ von der Subkultur zu Lebensstilen
2.5.2. „nur unser Revier markieren, damit alle kapieren, dass wir existieren“ Jugendszenen
2.5.3. „anything is connected to anything“ was macht eine Szene aus?
2.5.4. „you all know how the story goes“ Szenen als kommunikative Räume zur Identitätsbildung

3. „beat this“ – die HipHop-Kultur
3.1. „welcher Pfad führt zur Geschichte?“ – Roots: Ursprünge von Rap und HipHop
3.2. „Start It Up!“ Geschichte des HipHop
3.2.1. „jetzt ist die Zeit, hier ist der Ort“ soziale Hintergründe
3.2.2. „just start to chase your dreams“ Old School
3.2.3. „looking for the perfect beat“ Etablierung und Kommerzialisierung
3.2.4. „bring the noise“ New School
3.2.5. „now in this world of music, there are many different tones“ Ausdifferenzierung
3.2.6. „wir ham kein Ziel aber wir fahrn los“ HipHop in Deutschland

4. „is you is all is all is you“ – Identitätsbildung im HipHop
4.1. „ich lebe für HipHop“ das eigene Selbstverständnis
4.2. „für das Geschäft brauchst du ’n bißchen mehr Funk als Doobiest“ Skills und Innovation
4.3. „niemals abgelutschter als Styles von Gestern“ Respekt und Biten Interlude: Wort drauf! – Sprachverwendung
4.4. „so ziehe ich das Mikrophon als meinen Degen“ Battle-Kultur
4.5. „leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte“ Authentizität und Selbstreflexivität in der HipHop-Szene
4.6. „ihr müsst noch üben“ Hierarchisierung
4.7. „1000 Rapper sind bereit die Charts zu übernehmen“ HipHop zwischen Underground und Kommerz

5. Outro: „wie jetzt?” – Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Intro: „der Sinn des Lebens ist, deinem Leben einen Sinn zu geben“

„HipHop ist Poesie und Pop, Kunst und Schmiererei, Kreativität und Stumpfsinn. HipHop ist aufklärerisch und reaktionär, gewaltfrei und zerstörerisch – alles zu seiner Zeit, alles zur gleichen Zeit.“ (Verlan/Loh 2002)[1]

In den 70er Jahren entwickelte sich in New York eine Jugendkultur, die mittlerweile zu einer globalen Bewegung mit eigenen Werten, Praktiken und Ritualen avanciert ist und die beste Umsätze auf dem Musikmarkt erzielt: HipHop. Filme wie ‚Wild Style’ und ‚Stylewars’ haben Anfang der 80er Jahre auch in Deutschland viele Jugendliche von HipHop fasziniert. Man fing an zu experimentieren, auf HipHop-Jams wurden Strukturen und Netzwerke aufgebaut, so dass sich bald eine eigenständige HipHop-Szene etablierte.

Heute, wo an jeder Ecke Nike-Werbeplakate für kommerzielle Freestyle-Wettbewerbe kleben, C&A HipHop Streetwear verkauft und sogar mediale Fast-Food-Produkte wie ‚Superstar Daniel Kübelböck’ ein paar gerappte Zeilen in seine Songs einbaut, wird oft vergessen, das HipHop mehr ist als nur ein Modetrend. Teil der Jugendkultur HipHop zu sein, bedeutet für viele Jugendliche auch heute noch, sich mit der durch die Musik verkörperten Lebens- und Erlebniswelt und den durch sie produzierten Zeichen und Bedeutungen zu identifizieren. Die Partizipation an einer Jugendkultur hilft Jugendlichen sich in ihrer sozialen Realität zu orientieren und unabhängig von der Massenkultur und aktuellen Trends, die eigene Identität auszubilden.

In dieser Arbeit möchte ich die Form jugendlicher Identitätsfindung am Beispiel HipHop untersuchen. Dabei werde ich herausarbeiten, wie Identitätspositionen durch Kommunikation und Interaktion innerhalb der Szene und über die Szene-Grenzen hinaus in Bewegung gehalten werden. Es soll gezeigt werden, dass sowohl individuelle wie auch kollektive Identität der HipHopper nichts Abgeschlossenes ist, sondern ständig neu überdacht werden muss. Anhand dessen versuche ich zu beantworten, wie im HipHop auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen reagiert wird und warum sich die Jugendkultur auch nach 30 Jahren noch halten kann.

Dabei soll im ersten Teil ein allgemeiner Blick auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen sowie ihre Konsequenzen für die jugendliche Lebensphase geworfen werden. Ich beziehe mich dabei besonders auf Arbeiten von Hitzler, der die zunehmende Individualisierung und Komplexität der Gesellschaft als besondere Herausforderung für die Sinn- und Identitätssuche Jugendlicher sieht. In diesem Zusammenhang kommt den Begriffen Heimat und Identität eine neue Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund möchte ich Formen jugendlicher Gemeinschaftsbildung untersuchen. Wobei ich kurz auf milieu- und schichtbezogene Theorien jugendlicher Subkulturen der Birminghamer Cultural Studies eingehen werde. Um mich dann, anhand von Arbeiten von Hitzler, Ferchhoff und Vollbrecht, aktuellen, am Lebensstil orientierten Modellen von Jugendkultur zu befassen. Aktuelle Individualisierungsprozesse werden hier mit berücksichtigt; Lebensstils können hier mehr oder weniger frei unter vielen nebeneinander existierenden Lebensstilen gewählt werden. Darauf aufbauend möchte ich das von Hitzler vorgeschlagene Konzept der Jugendszene einführen, da es mir im Hinblick auf HipHop besonders geeignet scheint. Das Soziale sowie die Ausbildung individueller und kollektiver Identitäten werden hier über ästhetisch-kulturelle Aktivitäten geschaffen.

Im Folgenden sollen die im ersten Teil vorgestellten theoretischen Konzepte am Beispiel HipHop deutlich gemacht werden. Dazu möchte ich im zweiten Teil der Arbeit einen Überblick über die Geschichte des HipHop geben. Zuerst werde ich versuchen die Ursprünge dieser Jugendkultur aus afroamerikanischen Traditionen nachzuzeichnen. Zur besseren Einordnung der Entstehungsgeschichte werde ich kurz auf die sozialen Hintergründe eingehen. Danach folgt ein Überblick über die Geschichte sowie kulturelle, technologische und ideologische Hintergründe von HipHop in den USA, soweit sie mir für die Thematik dieser Arbeit relevant erscheinen. Ebenfalls möchte ich Anfänge und Entwicklung von HipHop in Deutschland beschreiben.

Eine Analyse der musik- und literaturhistorischen Hintergründe von Schwarzer Musik gibt Sidran 1993. Bei Toop 1993, Rose 1994, Nelson 2002 und Poschardt 2001 findet man ausführliche und gut dokumentierte Untersuchungen zur HipHop-Geschichte und -Kultur. Dokumentationen und Untersuchungen zur deutschen HipHop-Geschichte sind rar, Ausnahmen sind die Arbeiten von Verlan/Loh 2002, Krekow/Steiner 2000 und Loh/Güngör 2002, die sehr persönliche ‚Insider’-Einblicke in die Szene geben. Sowie Jacob 1993, der vor allem auf subversive Aspekte der HipHop-Szene eingeht.

Im dritten Teil werde ich verschiedene Praktiken, Strukturen und Konzepte im HipHop vorstellen, um daran den Prozess der Identitätsbildung aufzuzeigen. Wichtig erscheint mir dazu zuerst das eigene Selbstverständnis der HipHop-Szene als Kultur des Zusammenlebens. Anhand des Konzeptes Style soll dann die individuelle Identitätskonstruktion nachvollzogen werden, bei der die Elemente Innovativität, Individualität und Wettbewerb eine herausragende Rolle spielen. Ein Exkurs soll zudem einen kurzen Blick auf die Bedeutung von Sprache bei HipHop geben.

Anschließend soll es um die kulturelle Identität der HipHopper als Kollektiv gehen. Herausgearbeitet wird das Konzept Realness mit den Elementen Authentizität und Selbstreflexivität, anhand derer Hierarchisierungsprozesse innerhalb der Gruppe zu ersehen sind. Darauf aufbauend werde ich das ambivalente Verhältnis der HipHopper zur Kommerzialisierung und zur Gesamtkultur untersuchen und darlegen, wie Identität im Bezug auf dieses ‚Außen’ präsentiert und dabei in Bewegung gehalten wird. Ich beziehe mich hier besonders auf Menrath 2001 und Friedrich 2000 sowie auf ausgewählte Zitate von Szene-Aktivisten aus Songtexten, HipHop-Foren und persönliche Statements aus Krekow/Steiner 2000.

In einem kurzen Resümee soll dargelegt werden, inwieweit die theoretischen Ansätze aus Teil 1 auf die HipHop-Szene zutreffen und wie bei der Identitätsbildung mit den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen umgegangen wird.

2. „jetzt ist alles anders, denn wir sind mittendrin“– Jugend und gesellschaftliche Modernisierung

2.1. „das Leben ist ein einziges Auf und Ab wie’n Flaschenzug“ – aktuelle gesellschaftliche Strukturen und Veränderungen

Wenn über das „Leben in spät-, post-, oder reflexivmodernen Gesellschaften“ (Hitzler et. al. 2001:13) gesprochen wird, taucht ein Begriff immer wieder auf: Individualisierung[2] [3] [4]. Es scheint eine Metapher, die „exemplarische Gegenwartsdiagnose“ (Ferchhoff/Neubauer 1997:33) für einen generellen Trend der modernen Lebensverhältnisse geworden zu sein. Das hat mehrere Gründe: Zunehmende Subjektivierungs-, Pluralisierungs- und Globalisierungstendenzen haben entscheidenden Einfluss auf traditionelle Gemeinschaftsformen (Familie, Religion, Parteien,...). Klassische Schicht- und Klassenstrukturen verlieren zusehends an Relevanz und damit einhergehend geht auch eine verbindliche symbolische Sinngebung verloren (vgl. Hitzler 1994:75f.). Zusammengefasst kann gesagt werden: Moderne Gesellschaften befinden sich in einem beständigen, schnellen und permanenten Wandel, „der die zentralen Strukturen und Prozesse […] verschiebt und die Netzwerke unterminiert, die den Individuen in der sozialen Welt eine stabile Verankerung gaben.“ (Hall 1999, S.393). „Eine offene Gesellschaft, die die Lebenswege der Menschen nicht schon durch ihre Geburt festlegt, setzt Individuen voraus, die sich selbst sozialisieren“ (Müller 1999, S.12). Das führt dazu, dass der Einzelnen für seine Positionierung in der Gesellschaft mehr und mehr selbst verantwortlich ist.

Individualisierung bedeutet gleichermaßen eine Chance und ein Risiko. Zum einen gibt es mehr Möglichkeiten, Ressourcen und Chancen, in seinem Leben selbst ‚die Wahl’ zu haben und Entscheidungen zu treffen. Andererseits besteht das Risiko der Orientierungslosigkeit. Und trotzdem bleibt das Individuum in seiner Freiheit an gewisse Vorgaben und Kontrollen gebunden[5].

2.2. „alles geht und nichts geht mit rechten Dingen zu“– Konsequenz für die jugendliche Lebensphase

Die Jugend[6] [7] gilt als die Lebensphase, in der ein Mensch sich selber findet. Er sucht nach einer eigenen Identität, einem eigenen Lebensstil und stellt seine Weichen für das zukünftige Leben. Heutzutage sind die „individuellen Gestaltungsräume der eigenen Biografie so groß […] wie nie zuvor.“ (Müller 1999:12). Daraus resultiert einerseits, dass Jugendliche mit einem erhöhten Erwartungsdruck umgehen müssen, andererseits enthält die „soziale Krisensituation der Gegenwart […] auch Chancen der Befreiung“ (Kellner 1997:71)

Denn: Es gibt kaum noch klar definierten „Normalbiografien“ (Hitzler 2001:16), an denen man sich orientieren könnte oder müsste. Auch muss (und kann) sich niemand mehr verbindlich und alternativlos festlegen, „was wann wie zu tun oder zu lassen ist“ (Hitzler 1994:83). Medien, Eltern (inklusive deren Taschengeld!) und zunehmend auch die Jugendlichen selbst erwecken eine Überfülle an Vorstellungen und Wünschen, was man mit seinem Leben später anstellen könnte und möchte. Zum einen muss entschieden werden, welche „Kombination aus Konsum- und Erlebnisoptionen für sich als wünschbar“ (Hitzler 1994:83) angestrebt wird. Beispielsweise die Entscheidung: Familie oder Karriere (oder beides). Zum anderen muss vorläufig erst einmal ein Lebensweg eingeschlagen werden, der zu diesem zukünftigen Ziel führen kann.

Sicherheit darüber, welche Folgen die getroffene Entscheidung später wirklich hat, gibt es jedoch keine. Da der Einzelne dazu hin Teil eines weit gestrickten Netzwerks aus unterschiedlichen Beziehungen, Vorstellungen und Orientierungen ist, muss er mit einer Vielzahl von „nicht aufeinander abgestimmten Deutungsmustern und Handlungsschemata“ (Hitzler 1994:83) zurechtkommen. Erfolgreiche Identitätskonstruktion und Verortung in der Gesellschaft, sind an die Kompetenz gebunden, sich in diesen unübersichtlichen Strukturen zurechtzufinden, sich seine eigene Heimatwelt zu konstruieren und zu festigen.

2.3. „man lernt nie aus, weil man sein Leben lang Azubi ist“

„In den Sozialwissenschaften wird Identität als notwendige Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit des einzelnen in der Gesellschaft gesehen. Überdauernde Interaktionsbeziehungen, und damit Gesellschaften, sind nur möglich, wenn der andere ‚weiß’, wer ich bin. Dazu muss ich allen anderen deutlich machen, wer ich bin“ (Frey/Hausser 1987 zit. n. Ludescher/Weiß [6]). Für den Einzelnen bedeutet das: sein Handeln muss gesellschaftlich konform sein. Es muss sich in bestimmten Situationen zuverlässig und kontinuierlich im Rahmen gewisser gesellschaftlicher Grundvereinbarungen bewegen. Zweitens muss er individuell unverwechselbar sein, damit ihn andere als Individuum aus der Masse identifizieren können.

Vor dem Hintergrund der modernen Wandlungsprozesse sprechen Theoretiker von einer „Krise der Identität“ (vgl. Hall 1999:394). Soziale Außenwelt wie auch die Innenwelt des Einzelnen sind nichts Festes, Gegebenes, sondern in einem Prozess der Bewegung. Identität wird nicht mehr automatisch zur Verfügung gestellt, vorgegeben, sondern „ihre jeweiligen individuellen Merkmale, aber auch die Regeln mit denen sie erzeugt und beibehalten wird, müssen nun diskursiv konstruiert werden.“ (Ludescher/Weiß [6]). Die Suche nach Identität und einem eigenen Lebensstil ist für jeden zu einer privaten Angelegenheit geworden. Er erhält dabei immer weniger Hilfe, muss im Zuge der gesteigerten Komplexität in modernen Gesellschaften jedoch immer mehr beachten und in seine Sinnsuche mit einbeziehen.

Folglich ist auch der Prozess der Identifikation, das sich Verorten und sich zugehörig Fühlen in einer bestimmten Heimatwelt, offener und damit problematischer geworden (vgl. Hall 1999:396).

2.4. „nur hier kann ich sein, wie ich bin“

Es ist ein Wesensmerkmal des Menschen, dass er nicht emotional und mental einsam sein will. Kurz: Jeder Mensch hat die Sehnsucht, sich zugehörig zu fühlen, eine Heimat zu haben. „Das heißt, er ist angewiesen auf ein räumliches, kulturell und sozial abgesichertes Terrain, weil es ihm Identität, also Stabilität und Sicherheit gibt“ (Droste 1998:130). Heimat gründet vor allem auf Erinnerung: an gemeinsame Traditionen, „an Orte, Erlebnisse und Werte, die uns leiten“ (Droste 1998:130). Heimat bekommt in diesem Zusammenhang einen Identitätsstiftenden Sinn. Heimat als ein Gefühl, „angekommen zu sein und im So-Sein angenommen zu werden“ (Sahlender-Wulf 1999:369). Im Weiteren wird Heimat nicht als etwas Statisches verstanden, nicht als ein Ort, sondern als offene Struktur, als etwas, „das es zu verwirklichen gilt“ (Sahlender-Wulf 1999:370).[10] [11]

Heimat ist so kein Stempel, den man aufgedrückt bekommt, sondern vielmehr wählbare Sinn- und Zweck-Heimat. Wenn verbindliche, repressive Vorgaben fehlen, weil es eine Vielzahl von Handlungsoptionen gibt, muss sich der Einzelne daraus seinen Sinn zusammenbasteln. (vgl. Hitzler 1994:75-85)

Der Jugendliche bewegt sich bei seiner Sinnsuche bzw. Sinnbastelarbeit in unterschiedlichen sozialen Lebenswelten. „D.h., er bewältigt die undurchschaubar komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit dadurch, daß er dieser Wirklichkeit Elemente entnimmt und daraus eine kleine subjektive Wirklichkeit, seine individuelle Lebenswelt zusammenbaut. Er gestaltet sie wie ein ‚patchwork’ oder ‚puzzle’ aus Partizipation an verschiedenen sozialen Teilzeit-Aktivitäten“ (Hitzler 1994:85).

2.5. „ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ – jugendliche Gemeinschaftsbildung

2.5.1. „eine kleine Episode, um was klar zu stellen“ - von der Subkultur zu Lebensstilen

Das Birminghamer CCCP (Center für Contemporary Cultural Studies) versuchte in den 60er und 70er Jahren jugendliche Gesellungsformen „mit einem klassen-, schicht-, oder milieugefärbten Begriff jugendlicher Subkulturen“ (Vollbrecht 1997:23) zu beschreiben. Dabei ging das CCCP von dem Modell ‚ jugendliche Subkultur contra dominante Erwachsenenkultur’ aus. So wurden beispielsweise die Teddys als jugendliche Subkultur der Arbeiterklasse beschreiben, die durch ihren provokativen und ästhetisierten Lebensstil ein Gegenmoment zur unterdrückten Elterngeneration darstellten.[12] [13]

Dieses Konzept des CCCS ist auf die modernen Gesellschaftsformen allerdings nur noch schwer anzuwenden. Vielmehr ist ein Kennzeichen neuer Gemeinschaftsformen Jugendlicher, dass sie von Herkunftsmilieus weitgehend abgekoppelt sind und der Aspekt des Anderssein-Wollen weder einen allumfassenden ideologischen Hintergrund, noch Gültigkeit für alle Lebensbereiche hat. Statt klassischer Subkulturen gewinnen Teilzeitkulturen an Bedeutung. Formationen, die wählbar und abwählbar sind und deren Regeln, Relevanzen, Routinen und Ideologien nur partielle, auf spezifische Situationen bezogene, Geltung haben. Vollbrecht spricht von einem Wandel von Subkulturen hin zu Lebensstil-Kulturen (vgl. Vollbrecht 1997).

Lebensstile lassen sich als expressive Muster auffassen, die sicht- und messbarer Ausdruck der gewählten Lebensführung sind und von „materiellen und kulturellen Ressourcen und den Werthaltungen abhängen. Die Ressourcen umschreiben die Lebenschancen, die jeweiligen Options- und Wahlmöglichkeiten, die Werthaltungen definieren die vorherrschenden Lebensziele, prägen die Mentalitäten und kommen in einem spezifischen Habitus[14] zum Ausdruck“ (Vollbrecht 1997:24)[15]. Eine besondere Rolle spielt hierbei weniger der soziale, als der ästhetische Aspekt und die expressiven Selbstdarstellung (vgl. Hitzler et. al. 2001, Vollbrecht 1997). Daraus abgeleitet ergeben sich bestimmte Konsummuster und Freizeitaktivitäten. Bereits das CCCS beschrieb Jugendkulturen als Konsumentenkulturen. Waren, von der Kulturindustrie bereitgestellt, wurden signifikant umgedeutet und als Widerstandmaterial benutzt. (vgl. Hebdige 1998, Clarke 1998). Wobei der Widerstand heute weniger ideologisch begründet scheint, als vielmehr auf ästhetischer Ebene als Abgrenzungsinstrument zum Mainstream dient. „Was einer Generation jenseits aller Utopien bleibt, ist Lifestyle“ (Flamm 1998:422)

Den Medien kam und kommt in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung zu. Eine produktive, da über sie einerseits Stile transportiert und kommuniziert werden. Andererseits spielen die Medien auch eine repressive Rolle. Da sie die Macht haben, Stile zu definieren und das Konsumverhalten zu steuern.

Stil zu haben ist für Jugendliche eine Möglichkeit, ein einheitliches Bild ihrer eigenen Identität zu inszenieren und zu repräsentieren. Dadurch kennzeichnen und festigten sie ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft und fühlen sich zu einer bestimmten Lebensform, einem Habitus verpflichtet. „Ein Stil ist Teil eines umfassenden Systems von Zeichen, Symbolen und Verweisungen für soziale Orientierung: er ist Ausdruck, Instrument und Ergebnis sozialer Orientierung“ (Vollbrecht 1997:25).

Heutige Theorien (Hitzler 2001, Vollbrecht 1997, Farin 2001) beschreiben Jugendkulturen als „habituelle[…], intellektuelle[…], affektuelle[…] und vor allem ästhetische[…] Gesinnungsgenossenschaft[en]“ (Hitzler et. al.2001:18), die als kleine Teilzeit-Lebenswelten fungieren. Zugehörigkeit zu einer Jugendkultur bedeutet nicht mehr, eine alternativlose und allumfassende Sinnwelt zu adaptieren, die sich als subkulturelle Gegenkultur von einem dominanten Außen abgrenzt. Vielmehr bleibt es dem einzelnen relativ frei überlassen, innerhalb und mit Hilfe einer Rahmenstruktur seine eigene Individualität zu entwickeln. Und auch anderswo im sozialen Raum Kontakte und Beziehungen einzugehen. Somit belassen solche Jugendkulturen die Chancen und Risiken der eigenen Sinngebung und Lebensorientierung beim einzelnen Akteur.

2.5.2. „nur unser Revier markieren, damit alle kapieren, dass wir existieren“ – Jugendszenen

Um jugendliche Gemeinschaftsformen zu beschreiben soll im Folgenden der Begriff ‚Jugend-Szene’ gebraucht werden. Da dieser dem genannten Wandlungsprozessen hin zum Lebensstilkonzept Rechnung trägt. Nach Hitzler sind Szenen „Thematisch fokussierte kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und weiterentwickeln.“ (Hitzler et. al. 2001:20)[16]

2.5.3. „anything is connected to anything“ - was macht eine Szene aus?

Jugendliche schließen sich in Szenen zusammen, weil sie dort auf Gleichgesinnte treffen, mit denen sie ihre Neigungen und Interessen teilen können. Dieses gemeinsame Interesse macht den Kern einer jeden Szene aus, an dem sich die Aktivitäten der Mitglieder orientieren und durch den sie sich identifizieren. Dazu gehören bestimmte Einstellungen sowie Handlungs- und Umgangsweisen.[17]

Der thematische Kern ist meist ein bestimmter Musikstil, aber auch bestimmte Sportarten, Konsumgegenstände oder Weltanschauungen können Basis für eine Gemeinschaft sein[18]. Jede Szene hat sich ihr ‚Topic’ auf die Fahnen geschrieben, einen bestimmten Rahmen, innerhalb dessen sich das Szenenleben abspielt und nach dem es sich ausrichtet. Es ist selbstverständlich, dass sich die ‚Topics’ verschiedener Szenen mit anderen überschneiden und diese beeinflussen. Kommunikation und Interaktion findet nicht nur innerhalb dieses selbst gesteckten Rahmens statt, sondern auch über die Ränder der Szene hinaus und außerhalb dieser (vgl. Hitzler et. al. 2001:22f)[19].

In kommunikativen und interaktiven Handlungen bildet sich die spezifische Kultur einer Szene heraus: Mitglieder einer Szene treffen sich an bestimmten Orten oder auf Events, berufen sich auf einen gemeinsamen geschichtlichen Hintergrund und einen Lebensstil. Sie teilen gewisse Einstellungen und Motive und haben teilweise auch einen gemeinsamen Kleidungsstil. Es gibt richtige und falsche Verhaltensweisen, Stilisierung, Codes, Rituale, Einstellungen, Bezugssysteme, Fertigkeiten usw. (vgl. Hitzler et. al. 2001:20ff). Theoretiker des CCCS benutzten in diesem Zusammenhang den Begriff ‚Homologie[20] ’: „Jeder Teil steht in einer organischen Beziehung zum anderen“ (Hebdige 1989:406). Auch in heutigen Jugendszenen ist, wenn auch in abgeschwächter Form, eine gewisse Einheitlichkeit des Stils vorzufinden.

[...]


[1] Kool Savas feat. Okptik Crew: Der beste Tag meines Lebens

[2] Die Fantastischen Vier: Tag am Meer

[3] EinsZwo: Ich so er so

[4] Zugespitzt wurde die Debatte im sog. Individualisierungstheorem (vgl. Beck 1986).

[5] genannt seien die zunehmende Entprivatisierung des Einzelnen durch Medien etc., sowie gesellschaftliche und institutionalisierte Anforderungen und ein Wirrwarr von bürokratischen, ökonomischen und juristischen Regeln. (vgl.: Ferchhoff 1995:52f.)

[6] Doppelkopf: Die fabelhaften Vier

[7] In beschriebenen Zusammenhang soll Jugend nicht mehr nur als eine vorgeschriebene und geregelte Lebensphase zwischen Kindheit und Berufsleben oder Heirat gelten. Sondern als eine Gruppe von Menschen, deren endgültige Lebensplanung noch offen ist (vgl. Ferchhoff/Neubauer 1997:109f).

[8] EinsZwo: Ich so er so

[9] „‚Identität’ nennen wir die symbolische Struktur, die es einem Persönlichkeitssystem erlaubt, im Wechsel der biografischen Zustände und über verschiedenen Positionen im gesellschaftlichen Rahmen hinweg Kontinuität und Konsistenz zu sichern“ (Döbert 1977 zit. n. Ludescher/Weiß [6])

[10] Freundskreis: Mutterstadt

[11] Im Folgenden wird der Begriff Heimat nicht als ein politischer verstanden, in den man hineingeboren wird. Vielmehr soll es um Heimat als Sinn-Heimat im Sinne Hitzlers gehen (vgl. Hitzler 1994:75-85).

[12] Tocotronic: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein

[13] Doppelkopf: Balance

[14] Ein Habitus ist nach Bourdieu ein zusammenhängendes System von Handlungsschemata, eine Einheitlichkeit des Stils, das sich jeder aus Kultur, Geschichte und sozialer Umwelt einverleibt. Er ist aber nicht nur Produkt, sondern ebenso Produzent von Praktiken. erzeugt, ordnet und umgrenzt also auch Wahrnehmung, Denken und Vorstellungen des Einzelnen, der mit anderen Individuen in einem ungleichen Machtverhältnis interagiert (vgl. Bourdieu 1967:139ff)

[15] Für Richter ist ein Lebensstil außerdem „ein soziales Handeln, ein inneres oder äußeres Tun oder Erdulden, das sich an anderen orientiert und stabilisierend oder mobilisierend an Vergangenheit oder Zukunft orientiert“ (vgl. Richter 1994:171)

[16] Massive Töne: Cruisen

[17] Freundeskreis: Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte

[18] So spricht man beispielsweise von den Gabbas, den Skatern, den Emo-Typen oder den Playstation-Spielern.

[19] So hören viele Skater zum Beispiel gerne HipHop-Musik, können aber auch mit Hardcore oder Punk etwas anfangen.

[20] Homologie bedeutet nach Hebdige: eine „symbolische Stimmigkeit zwischen den Werten und dem Lebensstil einer Gruppe, zischen den subjektiven Erfahrungen und den Musikformen“ (Hebdige 1998:405).

Details

Seiten
40
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638530606
Dateigröße
745 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v59021
Institution / Hochschule
Technische Universität Dortmund – Institut für Journalistik
Note
1,0
Schlagworte
Identitätsfindung HipHop-Szene

Autor

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Titel: Identitätsfindung in der HipHop-Szene