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Zu: Johann Gottlieb Fichtes "Bestimmung des Menschen" - Versuch einer Annäherung und Analyse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Untersuchung: Fichtes Schrift
1.1 Die Philosophie der Romantik
1.2 Der Begriff `Transzendentalphilosophie´
1.3 Fichtes Philosophie in seiner Schrift
1.3.1 kurze Zusammenfassung der Schrift
1.3.2 narrative Darstellung des zweiten Abschnitts
1.4 Analyse der Schrift ausgehend vom zweiten Abschnitt
1.4.1 Das erste Buch `Zweifel´
1.4.2 Das zweite Buch `Wissen´
1.4.2.1 Unser Bewusstsein ist Zustandsbewusstsein
1.4.2.2 Der Gegenstand wird gedacht als Grund der Affektionen
1.4.2.3 Der Gegenstand wird angeschaut als verräumlichte
Empfindung
1.4.2.4 Gedachter und angeschauter Gegenstand werden
durch Verbindung von Denken und Anschauen zu
einem Gegenstand
1.4.2.5 Da alles Sein als gedachtes und angeschautes
Sein Selbstbewusstsein ist, ist das Ich frei
1.4.2.6 Bloßes Bewusstsein hebt jedoch die Realität auf
1.4.3 Das dritte Buch `Glaube´

2. Schlussbetrachtung

3. Bibliographie

0. Einleitung

Johann Gottlieb Fichte ist einer der berühmtesten Philosophen der Romantik. Zu seinen Lebzeiten hat er zahlreiche philosophische Schriften geschrieben, die eine beeindruckende Wirkung auf seine Leser hatten. Eine dieser Schriften trägt den Namen „Die Bestimmung des Menschen“. Es stammt aus dem Jahre 1800 und zählt wohl zu einem seiner Bekanntesten überhaupt. Diese Arbeit ist der Schrift „Die Bestimmung des Menschen“ gewidmet; sie wird Informationen darüber geben, wie die Schrift aufgebaut ist und Aufschluss über Fichtes Philosophie geben.

Bevor jedoch die Schrift selbst untersucht wird, beschäftigt sich die Arbeit mit dem Zeitalter der Romantik, denn um die Schrift Fichtes verstehen zu können, sollte man Kenntnis vom Denken seiner Zeitgenossen besitzen, von welchen er in seiner Philosophie teilweise stark beeinflusst wurde. Bei der Auseinandersetzung mit der Philosophie der Romantik wird zuerst auf den Begriff `Romantik´ selbst eingegangen; es soll geklärt werden, was mit `romantisch´ überhaupt gemeint ist. Des Weiteren wird diese Arbeit mit dem Begriff der `Transzendentalphilosophie´ auseinandersetzen. Bei der Klärung des Begriffs werden sich starke Parallelen zur Romantik hervortun. Diese Parallelen werden im weiteren Verlauf bei der Beschäftigung mit Fichtes Schrift erneut auftreten, so dass man feststellen wird, dass das Denken Fichtes in ihr sehr stark einherging mit dem Denken seiner Zeit. Um dies deutlich zu machen, wird im Anschluss an die Begriffsbestimmungen, bzw. Versuche von Definitionen, ein Abschnitt aus dem ersten Buch `Zweifel´ narrativ dargestellt. Diese Darstellung wird im Folgenden in den Zusammenhang der Schrift eingeordnet. Ausgehend von dieser Einordnung wird auf den Rest seiner Schrift Bezug genommen; besonderes Augenmerk wird dabei auf dem zweiten Buch `Wissen´ liegen. Um eine deutliche und nachvollziehbare Analyse dieses Buches gewährleisten zu könne, werden sich in diesem Teil der Arbeit sechs Thesen finden, die das Buch in seine Hauptgedanken gliedern. Des Weiteren wird sich diese Arbeit ebenfalls mit dem dritten Buch `Glaube´ kurz auseinandersetzen. Durch diesen Überblick und Analyse der drei Teile soll Fichtes Schrift transparent und es soll deutlich werden, welche Philosophie Fichte in seiner Schrift verfolgt.

1. Untersuchung: Fichtes Schrift

1.1 Die Philosophie der Romantik

What, if you slept?

And what if, in your sleep, you dreamed?

And what if, in your dream, you went to heaven

and there plucked a strange and beautiful flower?

And what if, when you awoke, you had the flower in your hand?

Uh, what then?

(T.S. Coleridge)

Der Begriff `Romantik´ geht zurück auf das altfranzösische `romance´; gleichzeitig hat es im Englischen seinen Ursprung im `Roman´ und im Deutschen im `Romanischen´. Die `Romantik´ hat zahlreiche unterschiedliche Merkmale. Zum Einen ist sie mittelalterlich und modern zugleich, transzendental, weil sie die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis reflektiert, zum Anderen aber auch teilweise mysteriös und vor allem universal. Die Zusammenhänge zur Transzendentalphilosophie sind ersichtlich: zwischen ihr und der Romantik bestehen Parallelen vor allem was das Transzendentale angeht (weitere Informationen: siehe Punkt 1.3.2). Aber auch die Parallelen zwischen ihr und Fichte gehen deutlich hervor und seien an dieser Stelle nur kurz erwähnt: Fichtes Schrift ist modern in der Zeit, in der er es geschrieben hat, da es die Thematik und Denkweise dieser Zeit behandelt und darüber hinaus geht. Es ist transzendental, weil die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis gegeben ist und nimmt eine reflektierende (das Nachdenken des Ich), aber auch vermittelnde Stellung (u.a. Gespräch zwischen Ich und Geist) ein.

Dennoch handelt es sich bei oben genannten Informationen nicht um eine allumfassende Definition der Romantik; eine solche ist sicherlich nicht möglich, da es sich bei ihr um eine ganz eigene Lebensstimmung handelt als dies bei anderen Epochen, z. B. der Aufklärung, der Fall ist. Durch diese Eigenheit liegt gleichzeitig auch der Grund für die Unmöglichkeit, ihr Wesen als solches zu definieren. Hartmann geht dennoch davon aus, dass „sie [die Romantik] weit entfernt [ist], in der Gefühlswelt aufzugehen“ (1974: 74). Laut ihm kennt sie

„wohl den Taumel im Bewusstsein des Unbegreiflichen, aber das ist nur eine Schwächeerscheinung des Einzelnen, die Ohnmacht des Bewußtseins vor der Größe der Sache, die ihm vorschwebt. Hinter allen Stimmungswerten, wie sie uns die romantische Dichtung vermittelt, leuchtet ein inhaltliches Etwas durch, ein neuer Sinn und Gehalt des Lebens, ja ein Leben selbst in neuem Sinne. Irgendwie verborgen in der Tiefe des eigenen Wesens, und mittelbar erschaubar in ihm, schwebt dem Romantiker die Lösung der ewigen Welträtsel vor. Hier ist ein Punkt, um den sich ihm alles dreht, hier ist die Wurzel des Seins, hier aber auch die Wurzel alles Wertvollen. Nicht fremd steht der Innenwelt des Menschenherzens die äußere Natur gegenüber. Ein neuer Sinn der Wahrheit leuchtet auf im ahnenden Wiedererkennen des eigenen Wesens in den Gebilden der kosmischen Mannigfaltigkeit. Ein neuer Schein des Schönen und eine neue Aufgabe der Kunst blitzt auf in diesem Transparent werden des Natürlichen. Eine Ironie und ein Versteckspiel ist die Endlichkeit der Dinge, eine Selbstverkennung und ein Selbstbetrug die Gebanntheit des Menschenblicks ist diese Unendlichkeit. Nicht jenseits des Endlichen, sondern mitten in ihm steht überall in unmittelbarer Nähe, dennoch ewig ungreifbar, das Unendliche. Des Künstlers Tat ist, es lichtvoll im Endlichen erscheinen zu machen. Sein ist der Zauberstab, der den verborgenen Geist weckt“ (ebd).

Aus diesem Abschnitt gehen nicht nur weitere Parallelen zu Fichtes Schrift hervor, sondern auch das wichtigste Merkmal der Romantik – das `Progressive´. Dies ist jedoch nicht auf den `Fortschritt´ bezogen, sondern auf das `Fortschreiten´, denn bei allem handelt es sich um ein ständiges Werden und ein nie Vollendetsein. Die Philosophie der Romantik ist gleichzeitig auch gegensätzlich zu der der Aufklärung, denn alles Verständliche oder Begreifliche ist für sie unwirklich und stellt etwas dar, das kein Wesen hat. Allein im Leben selbst, der Idee des Lebens, findet sich die wahre Wirklichkeit.

Zahlreiche Romantiker können bis auf wenige Ausnahmen als Philosophen betrachtet werden; häufig bewegen sie sich auf dem schmalen Grad zwischen Dichtung und Philosophie, häufig fließen diese beiden Elemente auch zusammen, was zur Folge hat, dass die Philosophie verschwimmt und die Dichtung metaphysische Komponenten erhält. Das Seelenleben spielt eine große Rolle und führt zu einer stark ausgeprägten Ich-Konzentration; diese wiederum findet sich auch bei Fichte in den Begriffen „Ich“, „Dasein“, „Bewusstsein“ und zahlreichen anderen.

1.2 Der Begriff `Transzendentalphilosophie´

Die Bezeichnung `transzendental´ leitet sich vom lateinischen Verb `transcendere´ ab, welches `übersteigen´ bedeutet. Von der symbolischen Seite her betrachtet, meint es ein Übersteigen der objektiven Wirklichkeitssicht (vgl. Stückle, Franz X. 1975: 1564). Transzendenz ist etwas Übersinnliches, welches die Sinneserfahrung übersteigt und nur „auf indirekte Weise [...] zugänglich ist“ (ebd.), nämlich durch nachdenken und schlussfolgern. Sie stellt gleichzeitig eine „Überschreitung der menschlichen und erfahrungsweltlichen Seinsstufe“ (ebd.) dar.

Seit Kant bedeutet transzendental die Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis, welche in der Transzendentalphilosophie reflektiert wird. Diese wiederum ist nach Kant die Philosophie, „welche gar keine Objekte der Sinne zum Gegenstand hat“[1], sondern Philosophie der apriorischen Erkenntnis ist, „das System aller Prinzipien der reinen Vernunft“[2]. Demnach gebraucht er den Begriff als etwas, das sich auf die Grundlagen der Erfahrung bezieht, die Möglichkeit der Anwendung des Apriori.

Des Weiteren sei anzumerken, dass

„nicht eine jede Erkenntnis a priori, sondern nur die, dadurch wir erkennen, dass und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder Begriffe) lediglich a priori angewandt werden oder möglich seien, transzendental [...] heißen müsse. Daher ist weder der Raum, noch irgend eine geometrische Bestimmung desselben a priori eine transzendentale Vorstellung sondern nur die Erkenntnis, dass diese Vorstellungen gar nicht empirischen Ursprungs seien, und die Möglichkeit, wie sie sich gleichwohl a priori auf Gegenstände und Erfahrung beziehen könne, kann transzendental heißen. [...] Der Unterschied des Transzendentalen und Empirischen gehört also nur zur Kritik der Erkenntnisse und betrifft nicht mit die Beziehung derselben auf ihren Gegenstand“[3].

Das transzendentale Prinzip ist daher das, durch welches eine allgemeine Bedingung a priori vorgestellt wird, „unter der allein Dinge Objekte unserer Erkenntnis werden können“[4]. Unser Bewusstsein darüber kann daher nicht als Erfahrung bezeichnet werden, sondern lediglich als ein transzendentales Bewusstsein. Daraus lässt sich schließen, dass transzendental die Erklärung ist,

„wie sich Begriffe oder Sätze a priori auf Gegenstände beziehen können, wie sie a priori und doch von Objekten gelten sollen. Nicht die Erkenntnis a priori ist transzendental, nur die Rechtfertigung ihrer objektiven Gültigkeit und das Verfahren dieser Rechtfertigung will Kant mit diesem Worte bezeichnet wissen“ (Riehl 1903: 115).

Daher ist es Aufgabe der transzendentalen Methode, das, „was nicht aus der Erfahrung stammt, für die Erfahrung zu beweisen“ (ebd.).

1.3 Fichtes Philosophie in seiner Schrift

1.3.1 kurze Zusammenfassung der Schrift

Fichtes Schrift ist in drei Teile unterschiedlicher Länge gegliedert: den ersten Teil bezeichnet er als `Zweifel´, den zweiten als `Wissen´ und den dritten als `Glaube´. Dass alle drei Teile sehr stark miteinander verbunden sind und sich sogar teilweise bedingen, dies wird aus der folgenden kurzen Zusammenfassung der Schrift deutlich hervorgehen.

Im ersten Teil versucht ein Ich, welches nicht durch Fichte selbst repräsentiert ist und philosophisch noch ziemlich unbelastet ist, sich über zwei Fragen klar zu werden: einerseits ist dies die Frage, was die Welt zusammenhält und andererseits, welche Rolle das Ich selbst darin spielt. Es wird deutlich, dass ein äußerst strenger Determinismus die Welt durchzieht, da alles von einer Kraft bestimmt wird und alles wiederum auf diese zurückzuführen ist; diese
Kraft, die jedoch nicht näher bestimmt wird, erinnert an den „Schmetterlingseffekt“, denn im weiteren Verlauf des ersten Teils wird deutlich, dass alles auf eine Weise mit allem anderen verbunden ist, so dass es sogar möglich ist, durch eine einzige Handlung die Vergangenheit und Zukunft zu verändern. Dieses stellt für das Ich zwar ein geschlossenes und nachvollziehbares System dar, entfernt sich jedoch als freies Wesen aus ihm.

Der zweite Teil ist ein Gespräch zwischen dem Ich und einem Geist. In diesem Gespräch versucht der Geist das Ich von seinen Zweifeln zu befreien, damit es eine Lösung seines Problems finden kann. Diese wird zwar gefunden, ist jedoch derart geringfügig, dass sie bald schlimmer erscheint als die Zweifel des Ichs im ersten Teil: Die Welt ist für das Ich nur ein Bild, ein Traum in einem Traum, aus dem es nicht aufwachen wird. Statt sich der Außenwelt bewusst zu sein, ist sich das Ich lediglich über die Erzeugung der Vorstellung dieser Außenwelt bewusst, da es von ihr selbst eigentlich gar nichts wissen kann. Als das Gespräch zu Ende ist, verlässt der Geist das Ich mit der Aussicht auf ein Organ, welches sich das Ich zunutze machen kann, um endlich zur Ruhe zu kommen. Ohne zu erwähnen, was das Wesens dieses Organs ist, beginnt das neue Kapitel.

Zu Beginn des dritten Teils wird sofort deutlich, um was es sich bei dem Organ handelt, von dem der Geist berichtet hat; es ist – wie der Titel des Kapitels schon sagt – der Glaube. Nur durch diesen wird das Ich in der Lage sein, die Außenwelt zu finden. Der dritte Teil stellt eine Art Klammer dar, da er an das Ende des ersten Teils anschließt und an den Wunsch des Ich im ersten Teil erinnert, frei zu sein. Für die Welt der Sinne, den „Zweifel“ und das „Wissen“, gibt es diese Freiheit jedoch nicht; sie ist allein in einer anderen, zweiten Welt möglich, nämlich der Welt des Geistes. In dieser Welt gibt es die Freiheit; sie wirkt dort als Vernunft und ist die innere Stimme eines jeden. Das einzige, das der Mensch tun kann, ist in der Welt des Geistes auf Wirkung zu hoffen. Wie sich diese Wirkung äußert und wie sie aussieht, wird jedoch nicht beschrieben; es wird lediglich darauf gesetzt, dass jede sittliche Tat eine Wirkung hat. Demnach handelt der dritte Teil vom sittlichen Handeln, dessen Organ der unendliche Wille genannt wird, aufgrund dessen nur der Mensch lebt. Alles Irdische dient als Anlass, Wirkungen im Geisterreich zu erzielen.

1.3.2 narrative Darstellung des zweiten Abschnitts

Fichte beginnt den zweiten Abschnitt seiner Schrift mit einer Art Reflexion über das bereits Gesagte, indem er fragt, was er denn „soeben gefunden habe“ (Fichte 1980: 13)[5][6]. Daraufhin gibt er gleich die Antwort, nämlich dass „jedem Werden ein Sein vorauszusetzen“ (S. 13f) ist, aus dem es geworden ist, dass „jedem Zustande [ein] ander[er] Zustand“ (S. 14) vorausgeht und „jedem Sein ein anderes Sein“ (S. 14). Der Grund dafür liegt in der Tatsache, dass „nichts aus dem Nichts entstehen“ (S. 14) kann. Dies stellt das Gesamtergebnis der bisherigen Reflexion dar.

[...]


[1] http://gutenberg.spiegel.de/kant/krvb/krvb009.htm

[2] http://gutenberg.spiegel.de/kant/krvb/krvb009.htm

[3] http://gutenberg.spiegel.de/kant/krva/krva019.htm

[4] http://gutenberg.spiegel.de/kant/kuk/kukeinl5.htm

[5] Ich nehme Bezug auf folgenden Abschnitt: S. 13 – 18 („Was ist denn also eigentlich [...] – ein Sandkörnchen an einer andern Stelle liegt“ (nach Fichte 1980, siehe Punkt 3: Bibliographie). Alle weiteren Zitate sind ebenfalls dieser Ausgabe entnommen und kursiv geschrieben.

[6] Im Folgenden nur noch: „S. ...“

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638529778
ISBN (Buch)
9783638666237
Dateigröße
549 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58909
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
Johann Gottlieb Fichtes Bestimmung Menschen Versuch Annäherung Analyse Interpretation

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