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Freundschaft bei Thomas Bernhard

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Freundschaft als lebenserhaltende Maßnahme

3. Die nützliche Freundschaft

4. Die einseitige Freundschaft

5. Freundschaft als Bedrohung von Freiheit
5.1 Analogisierung
5.2 Kontrastierung

6. Thomas Bernhard, Scheusal

7. Isolation

8. Schuldig werden an der Freundschaft und ihrem Zerbrechen

9. Das Scheitern von Freundschaft

10. Schluss

11. Literatur

1. Einleitung

Kaum eine Biographie Thomas Bernhards, die ganz darauf verzichtet, die eine oder andere der zahlreichen Anekdoten anzubringen, die um kleinliche Skandale, um versteckte oder offene Beleidigungen, um Bezichtigung und Brüskierung durch Thomas Bernhard kreisen; kaum eine, die nicht davon berichtet, wie der verschrobene Dichter sich vor Besuch in einem seiner Häuser verschanzt oder ihn zuweilen ganz flieht. Und zweifellos tragen solche Darstellungen heute nicht unwesentlich zur Fixierung des Mythos Thomas Bernhard bei. Im Gestus des totalen Vorwurfs ist eine Bosheit aus Notwehr, eine Abwehr aus einer tiefen Verletzung heraus gerechtfertigt, so will man uns glauben machen. Dieses bernhardsche Verhältnis oder Missverhältnis zu seinen Mitmenschen soll in dieser Arbeit genauer betrachtet, überprüft, gegebenenfalls erweitert oder korrigiert werden. Das soll am Beispiel einer besonderen Form zwischenmenschlichen Miteinanders geschehen, am Beispiel von Freundschaft. Bestimmte ihrer Eigenschaften, so die These, sind eine Konstante im Werk Thomas Bernhards. Und so oft er sich verschlossen, abweisend, unfreundlich, ja schroff gibt, so zahlreich sind die Bezüge in seinen Schriften zum Thema Freundschaft, so bedeutend sind ihm die Freunde, dass er sie und seine Beziehung zu ihnen, immer wieder behandelt.

Aus einem Zwang zur Beschränkung wird sich diese Arbeit auf zwei autobiographische Texte, „Wittgensteins Neffe“ und „Ja“ konzentrieren, beide Innenansichten von Freundschaft, wobei erstere Erzählung den Untertitel „Eine Freundschaft“ trägt, letztere, „Ja“, die bernhardsche Beziehung zum langjährigen Freund Karl Hennetmair zum Gegenstand hat. Nicht nur im Zusammenhang mit ihr, wird der Bericht eben jenes Karl Hennetmair, „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“, interessant, als er sowohl Äußerungen Bernhards, als auch Einschätzungen Hennetmairs zum Themenkomplex enthält. Darüber hinaus ermöglicht das „versiegelte Tagebuch“ Hennetmairs, der keinen literarischen Effekt beabsichtigt, wenn auch erzielt hat, den Abgleich von Fiktion und Realität. Dabei werden Probleme des Lesens autobiographischer Literatur bedeutsam, wie sie in der Vermengung von Autor, Erzähler und Figur auftreten. Die Arbeit hält aber an der gemeinsamen Besprechung fest, in der Hoffnung, dass die Möglichkeit widerseitiger Ergänzung und Entsprechung, beruhend auf einem Konzept von Freundschaft bei Thomas Bernhard, das sich in Leben und Werk äußert, die Risiken der Verwechslung rechtfertigt. Das unangetastete Ziel der Erörterung bleibt es aber, dem literarischen Entwurf von Freundschaft bei Thomas Bernhard nachzuspüren, nicht etwa seiner Person.

2. Freundschaft als lebenserhaltende Maßnahme

An keiner Stelle lässt Thomas Bernhard seine Leser im Zweifel über die außerordentliche Bedeutung von Freundschaft in seinem Leben. Und er, der große Ankläger, hält auch mit Lob für jene, an denen ihm gelegen ist, nicht zurück. In „Ja“ äußert sich der Erzähler über den Freund Moritz, hinter dem sich niemand anderes als der Nachbar Bernhards, Karl Ignaz Hennetmair, verbirgt: „Der Moritz ist einer der charaktervollsten Menschen, die ich jemals in meinem Leben kennengelernt habe […].“ und ergänzt, um seiner Aussage mehr Gewicht zu verleihen: „Kaum ein anderer als ich, hat ihn jemals besser gekannt und durchschaut.“[1] Die Gastfreundschaft bei ihm, so der Erzähler sei „[…] die größte gewesen […].“

Sein Haus und man darf spätestens nach der Lektüre von „Ein Jahr mit Thomas Bernhard“ behaupten, das von dem Karl Henntmairs die Rede ist, wird Thomas Bernhard zum „Fluchtpunkt“.[2] In „Wittgensteins Neffe“, einer Erzählung, die von der engen Beziehung Bernhards zu dem psychisch kranken Paul Wittgenstein handelt und damit notwendig auch eine Erzählung seines Verfalls und Sterbens ist, spricht Thomas Bernhard von sich, als einem „[...] der aus diesem Freundessterben einen Großteil der Kraft für sein Überleben gezogen hat in diesen zwölf Jahren und der Gedanke ist nicht der abwegigste, zu denken, dass der Freund zu sterben hatte, um mir mein Leben, oder besser meine Existenz auf jeden Fall erträglicher, wenn nicht lange Strecken überhaupt möglich zu machen.“[3] Nicht weniger als sein Leben verdankt der Autor nach eigenen Worten hier also dem Freund. Er nennt ihn seinen „Retter“[4] und so sehr man davor gewarnt sein sollte, sich von absoluten Aussagen Thomas Bernhards allzu sehr beeindrucken zu lassen, sind sie doch viel zu häufig, so besteht doch kein Anlass, sie grundsätzlich anzuzweifeln. Zumal sich ganz ähnliche Äußerungen auch in „Ja“, in zeitlichem Abstand von vier Jahren und über einen anderen geschrieben wiederholen und damit bekräftigt werden. Der Ich-Erzähler gesteht da: „Wie oft hatte mich der Moritz aus einem sogenannten Alptraum gerettet, aus einer tiefen Verzweiflung herausgerissen, auch wenn ihm selbst das wahrscheinlich nie zu Bewusstsein gekommen ist, war er doch sehr oft und in den letzten Jahren in immer kürzeren Abständen, der gewesen, welchem ich meine weitere Existenz verdankte, das ist nicht übertrieben und soll hier gesagt sein.“[5] Darauf, dass er sich der Übertreibung enthalte, weist Bernhard hier ausdrücklich hin. Und erklärt vor allem erneut, dass er sich selbst und damit alles, einem anderen Menschen verdankt, nur einem. „Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur diesen einen einzigen Menschen, zu dem ich hatte gehen können und ich hatte diesen einen einzigen Menschen immer, wenn ich in eine Notlage gekommen war ausgenützt so auch an diesem Nachmittag.“ schreibt Bernhard in „Ja“ über Moritz, alias Karl Hennetmair.[6] Und jener zitiert seinerseits Thomas Bernhard, der zu ihm gesagt habe: „Du bist der einzige, mit dem ich normal sprechen kann.“[7] Es sind ausschließliche, totale Freundschaften, die hier vorgeführt werden. Solche, die belastbar sind, die aushelfen und die Thomas Bernhard in Anspruch nimmt.

3. Die nützliche Freundschaft

Denn ein weiteres Merkmal dieser so innigen und wichtigen Beziehung zu anderen Menschen ist doch immer wieder ihre Bewertung nach Erwägungen des Nutzens, der aus ihnen zu ziehen ist. Hennetmair erzählt zum Beispiel von einem abendlichen Besuch Bernhards: „Dann, als Thomas um 20 Uhr 15 in FS2 den Film Weekend von Jean-Luc Godard sehen wollte, wusste ich, warum er diesmal am Samstag gekommen ist.“[8] und an anderer Stelle über Bernhards Bruder Peter: „[...] tatsächlich hat Thomas Peter sehr gern, wenn er ihn braucht [...].“[9] Die Einschränkung im „wenn er ihn braucht“ darf als eine der Voraussetzungen von Freundschaft in Thomas Bernhards Verhalten, wie seiner Literatur gelten. Die gleiche Berechnung spricht auch aus einigen Sätzen in „Ja“: „Ich hatte immer auch in der ausweglosesten Situation im moritzschen Hause Schutz gefunden. Aber ich darf die Gutmütigkeit und die Möglichkeit dieser Gutmütigkeit im moritzschen Hause nicht über eine gewisse Grenze ausnützen, hatte ich mir immer wieder gesagt und manchmal beherrschte ich mich auch und bin nicht zum Moritz gegangen.“ Nicht aus Rücksichtnahme, sondern aus Angst die Möglichkeit fortgesetzter Inanspruchnahme der Gutmütigkeit des Freundes zu gefährden, hält der Ich-Erzähler sich vereinzelt zurück. Und immer wieder ist es das gleiche, deutliche Vokabular, das sich zu Verwertbarkeit und Nützlichkeit bekennt. So sagt Thomas Bernhard über Paul Wittgenstein, jener habe ihm „[...] so gut getan und [...] in jedem Fall meine Existenz auf die nützlichste und das heißt, auf die meinen Anlagen und Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechende Weiser verbessert[...].“[10] Und weiter „[...] ich hatte aus diesem seinem Sterben meinen Nutzen gezogen, ich habe es ausgenützt mit allen meinen Möglichkeiten.“[11] Und dieser Nutzen ist zu allermeist, einem Geistesmenschen, wie Bernhard sich selbst nennt, gemäß, ein intellektueller. Ganz im Sinne der Beschreibung von Ferdinand Tönnies, der Freundschaft als die Gemeinschaft des Geistes definiert,[12] schätzt Bernhard an seinem Freund vor allem, dass er „[…] auch die verrücktesten Eskapaden meines doch recht komplizierten und also gar nicht einfachen Kopfes verstand […] wozu alle anderen in meiner Umgebung niemals die Fähigkeit gehabt haben […].[13] Die Inhalte von Gesprächen werden genannt und so erfährt der Leser, dass sie vor allem anderen immer wieder von der Musik handeln. Irina, eine gemeinsame Freundin Bernhards und Paul Wittgensteins, die in dieser Eigenschaft in „Wittgensteins Neffe“ am Rande auftritt, beschreibt Bernhard nicht umsonst als „[…] eine hochmusikalische Person und absolut eine der außergewöhnlichsten Kunstkennerinnen überhaupt.“[14] In „Ja“ lernt der Protagonist eine zukünftige Nachbarin kennen und schätzt sofort die Aussicht auf ein solches Gespräch ab[15], der von ihm betriebene Spaziergang wird dann auch ein „[...]durch und durch ein musikalischer [...]. Zum Unterschied vom darauf folgenden Tag, an welchem wir einen durch und durch philosophischen unternommen hatten [...].“[16] Über Paul Wittgenstein sagt Thomas Bernhard zugleich: "[...] ohne Paul war mir ganz einfach kein Gespräch über Musik möglich in dieser Zeit, kein solches über Philosophie, über Politik, über Mathematik."[17] Ja, er selbst konstatiert „Die meisten Notizen, die ich mir über den Paul gemacht habe, beziehen sich auf Musik und Verbrechen.“[18] Und letztlich kann sogar das Verhältnis zu Kerl Hennetmair als ein intellektuelles verstanden werden, folgt man Thomas Bernhards Ansicht über den Moritz in „Ja“, den er für „wenn auch nicht gebildet, so doch intelligent“ hält.[19] Und auch Hennetmairs „Tagebuch“ verrät, dass zu den gängigen Gesprächsthemen Erwägungen über Theater, Kultur, gesellschaftliche Zustände und philosophische Fragen gehörten. Ja, Hennetmair hält über Bernhard sogar fest: “[...] weiche Menschen sind ihm ein Greuel. Also, die Weichen mag er nicht, mit den Harten verträgt er sich nicht, da bleibt niemand über für ein freundschaftliches Verhältnis mit ihm. Also nur ein auf Vernunft begründetes [...].[20] Dabei geht die hier von Hennetmair getroffene Unterscheidung von „freundschaftlichen“ Beziehungen und „auf Vernunft begründeten“ über Thomas Bernhards Sprachgebrauch hinaus. Hier ist der Ohlsdorfer Realitätenvermittler sorgsamer in der Begrifflichkeit als der Dichter.

[...]


[1] Bernhard: Ja, S.90

[2] ebd., S.25

[3] Bernhard: Wittgensteins Neffe, S.162

[4] ebd., S.131

[5] Bernahrd: Ja, S.40

[6] Bernhard: Ja, S.24f

[7] Hennetmair: Ein Jahr mit Thomas Bernhard, S.326

[8] ebd., S.231

[9] ebd., S.60

[10] Bernhard: Wittgensteins Neffe, S.133

[11] Bernhard: Wittgensteins Neffe, S.161

[12] Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft

[13] Bernhard: Wittgensteins Neffe, S.38

[14] ebd., S.18

[15] Bernhard: Ja, S.94

[16] ebd., S.36f

[17] Bernhard: Wittgensteins Neffe, S.46

[18] ebd., S.162

[19] Bernhard: Ja, S.14

[20] Hennetmair: Ein Jahr mit Thomas Bernhard, S.88

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638529167
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58821
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Freundschaft Thomas Bernhard Texte

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