Lade Inhalt...

Wein als identitätsstiftendes Symbol Frankreichs in Filmen

Eine Analyse der kulturellen Identität Frankreichs anhand der Weinregionen Burgund und Bordelais

Bachelorarbeit 2020 53 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Relevanz der Thematik

2. Theoretische Grundlagen: Symbol, Kultur, Kulturelle Identität
2.1 Kultur und kulturelle Identität
2.1.1 Kultur
2.1.2 Kulturelle Identität
2.2 Symbole
2.3 Inwiefern ist der Wein ein identitätsstiftendes Symbol?

3. Die französische Weinkultur als wichtiger Baustein der französischen Identität
3.1 Die Geschichte des französischen Weins in den zwei wichtigsten Weinregionen Frankreichs
3.1.1 Burgund – Die Entstehung des Weingebietes
3.1.2. Die Geschichte des Bordelais
3.2 Die Weinbaugebiete Frankreichs
3.2.1 Das Burgund als facettenreiche Weinbauregion
3.2.2. Das Bordelais – Eine Weinbauregion der Superlative
3.3 Wein als fester Bestandteil französischer Kultur
3.3.1 Die Kunst der Weinherstellung und das Savoir-Faire der Weinverkostung – Traditionsreich und à la française
3.3.2 Weinfeste als kulturelles Zusammengehörigkeitsevent

4. „Ce qui nous lie“ (2017) von Cédric Klapisch : Die Weinkultur im Burgund im Spiegel kultureller Identität Frankreichs
4.1 Wein als Symbol des französischen Traditionsbewusstseins
4.2 Wein als Symbol des Geselligkeitsgefühls der Franzosen

5. „Premiers Crus“ (2015) von Jérôme Le Maire : Die Weinkultur im Burgund im Spiegel kultureller Identität Frankreichs
5.1 Wein als Symbol des französischen Traditionsbewusstseins
5.2 Wein als Symbol des Geselligkeitsgefühls der Franzosen

6. „Tu seras mon fils“ (2011) von Gilles Legrand: Die Weinkultur im Bordelais im Spiegel kultureller Identität Frankreichs
6.1 Wein als Symbol des französischen Traditionsbewusstseins
6.2 Wein als Symbol des Geselligkeitsgefühls der Franzosen

7. Analytischer Vergleich der drei Filme hinsichtlich der Symbolhaftigkeit des Weins in Bezug auf die kulturelle Identität Frankreichs in Bordeaux und im Burgund

8. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

„L’homme, en effet, aime le vin comme l’ami qu’il a choisi; par préférence, non par obligation. “1 Insbesondere die Franzosen sind dem Wein äußerst angetan. Ob rot, weiß oder rosé – der Wein ist in jeder Form und in jeder Farbe weltberühmt und aus Frankreich nicht mehr wegzudenken. Die französische Weinkultur wird bestimmt durch eine langwierige Geschichte und die literarische Diffusion der Thematik des Weins durch französische Literaten. Durch diese kulturelle frankreichspezifische Besonderheit des Weins erscheint die Erforschung dessen identitätsstiftenden symbolhaften Charakters als ausgesprochen wertvoll. Doch welche Symbolhaftigkeit genau verbirgt sich hinter dem Wein und wie wird sie in neueren französischen Filmen wiedergegeben? Warum ist der Wein ein französisches Symbol, wie wird er hergestellt und wird dabei auf spezielle Traditionen und Werte geachtet? Eine Analyse des Weins in Frankreich eignet sich am besten am Beispiel der zwei wichtigsten Weinregionen des Landes – das Burgund und das Bordelais. Doch durch was genau zeichnen sich diese aus?

Zuerst wird eine kleine Einführung in die theoretischen Grundlagen der Arbeit gegeben, anschließend wird sich mit dem Thema Wein und den konkreten Charaktereigenschaften auseinandergesetzt und zuletzt werden die Filme eingehend auf die Ausgangsfragen hin analysiert. Und zwar wird der Wein als Symbol für zwei wichtige Aspekte französischer Identität im Rahmen von prägnanten filmischen Szenen analysiert und diese werden danach miteinander verglichen. Vorgegangen wird mithilfe von filmanalytischer Methodik. Anschließend werden im Fazit die Kernpunkte der Arbeit resümiert und es wird ein kleiner Ausblick darauf gegeben, was noch hätte in Bezug auf dieses Thema analysiert werden können, jedoch den Rahmen dieser Bachelorarbeit überschritten hätte.

1.1 Forschungsstand

Die Qualität und das Prestige französischer Weine sowie deren Bezug zur französischen Identität lieferten bereits ausreichend Analysemöglichkeiten. Dementsprechend lassen sich einzelne Ansätze zur Analyse des kulturellen Werts von Wein in Frankreich in bisheriger Forschung wiederfinden. Hier sind die Ausführungen von Marion Demossier anzuführen, da auch sie sich auf die französische Weinkultur konzentriert. Zwar analysiert sie die Rolle des Weins mit Blick auf die Mythenhaftigkeit, geht aber zudem auf den Aspekt des nationalen Erbes Frankreichs ein und unterstreicht dort die Symbolhaftigkeit des Savoir-vivre der Franzosen.2 Sie konzentriert sich auf die beiden größten Weinbaugebiete Frankreichs, Bordeaux und Burgund, analysiert diese jedoch in erster Linie auf regionaler Ebene3.

Auch Georges Durand legt die Rolle des Weins im französischen Nationalgefüge dar. Zentrale Sichtweise auf den Wein stellt bei ihm jedoch die Relevanz des Weins im Hinblick auf die Erinnerungskultur Frankreichs und dessen Gedächtnis dar.4 Natürlich spielt hierbei auch die Tradition eine unabdingbare Rolle, die im Folgenden dieser Arbeit als zu analysierendes Symbol aufgeführt werden muss. Dabei liegt die Konzentration bei den Winzern, denn „les vignerons sont aux vins de France ce que les architectes sont à nos cathédrales. “5 und ihr Know-How der Viticulture, dessen traditionelle Produktion meist interfamiliär weitergegeben, bzw. vererbt wird6, ist ein wichtiges immaterielles Kapital. Dabei ist es bedeutend eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Wichtigkeit der Qualität französischer Weine anzustreben, auf welcher sich der französische Nationalstolz begründet7.

Durand geht zudem auf den hohen gesellschaftlichen Wert des Weins ein, indem er die Rolle des Weins im Rahmen der französischen Art de vivre als bezeichnendes Motiv hervorhebt.8 Damit ist ersichtlich, dass Durand das kollektive Gemeinschaftsgefühl Frankreichs hervorhebt, welches der Wein schafft und symbolisiert9. Der kollektiv verbindende Wert des Weins wird des Weiteren durch die Beschreibung des Weins als Nationalgetränks ausgedrückt. Theresa Bärwolff stellt dies in ihrer Ausarbeitung zur französischen Nationalidentität dar und kennzeichnet den Wein als das Nationalgetränk Frankreichs, welches ihr zufolge einen kulturellen und symbolischen Wert besitzt10.

1.2 Relevanz der Thematik

Die Relevanz einer erneuten Auseinandersetzung mit der kulturellen Identität Frankreichs und der Rolle des Weins begründet sich auf das Mittel der Analyse – den Film. Im Fall dieser Arbeit sind dies aus Frankreich stammende Filme, welche sich im Hinblick auf diese Thematik als analytisch wertvoll charakterisieren lassen. Da die französische Filmindustrie die Wichtigste in Europa ist und sich vor allem durch ihren Traditionsreichtum auszeichnet11, ist es durchaus gewinnbringend diese als Analysemittel zu verwenden. Die Filme Ce qui nous lie und Premiers Crus zeigen die kulturelle Identität Frankreichs am Beispiel der Weinregion Burgund und Tu seras mon fils zeigt diese im Bordelais. Der Wein wird in diesen drei Filmen als expressionistisches Symbol genutzt. Relevant ist diese Analyse vor allem im Hinblick auf den Mangel an wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit Filmen, die den Wein als zentrales (identitätsstiftendes) Medium behandeln, obwohl sich die Schnitt- und Montagetechniken im Bereich der Filmtechnik hervorragend als ausdrucksstarkes Medium zur Analyse der eigentlichen Realität eignen12. Im Zentrum steht im Folgenden die Symbolhaftigkeit des französischen Weins in Bezug auf die französische Identität.

2. Theoretische Grundlagen: Symbol, Kultur, Kulturelle Identität

Grundlegende Begriffe wie Kultur, kulturelle Identität sowie die Notion des Symbols werden in diesem Kapitel grundlegend definiert und erklärt. Um eine geeignete Begriffsklärung zu erlangen, ist eine triviale Definition eines einzelnen Theoretikers nicht ausreichend. Aus diesem Grund werden mehrere Ausarbeitungen und Theorien bzgl. einer bestimmten Begrifflichkeit verschiedener Theoretiker differenziert und analysiert.

2.1 Kultur und kulturelle Identität

Der Ausdruck Kultur ist nicht universell definierbar, er ist vielmehr eine Begrifflichkeit mit hohem interpretativen Spielraum. Kultur und kulturelle Identität zu definieren erfordert ein Abwägen einzelner Theorien im Hinblick auf die kommende Analyse der kulturellen Identität Frankreichs.

2.1.1 Kultur

Aßmanns Sicht von Kultur begründet sich auf dem kollektiven und kulturellen Gedächtnis. Das kollektive Gedächtnis umfasst die kollektiven und alltagsnahen Erinnerungen einer bestimmten Gruppe und kreiert somit eine kollektive Identität. Das kulturelle Gedächtnis situiert sich auf einer höheren Etappe und bildet eine alltagsferne Grundlage, welche sich gewisser Fixpunkte zur Stützung des Gedächtnisses bedient. Damit wird die alltägliche Kommunikation gesichert und gestärkt durch Rituale oder Feste, welche dieses identitäre Zusammengehörigkeitsgefühl auszulösen und zu festigen versuchen.13

Hofstede definiert Kultur als Produkt unserer Sozialisation, dementsprechend einer erlernten Kompetenz und kein vererbtes Gut, ganz im Gegensatz zur menschlichen Natur. Seinem Erachten nach stellt die menschliche Natur, inklusive vererbter Eigenschaften, eine Basis für die erlernte Kultur dar. Die erlernte Kultur bietet wiederum die Basis für die eigene erlebte und erlernte Persönlichkeit, eine Grenze zwischen den beiden Ebenen ist jedoch nicht eindeutig zu nennen.14 An dieser Stelle fehlt jedoch der gänzliche Bezug zur materiellen Komponente. Demnach fehlen in seiner Forschung die Gegenstände, welche sich in direkter Weise mit einer bestimmten Kultur assoziieren lassen und als Symbol betrachtet werden können. Symbole selbst werden von ihm zwar aufgegriffen und definiert (siehe Kapitel 2.2) jedoch wird die materielle Seite des Kulturbegriffs von Hofstede nicht ausreichend aufgezeigt. Er konzentriert sich auf die mentale Ebene und geistige Sicht der Kultur.

Diese bei Hofstede fehlende materielle Sicht der Kultur findet sich bei Hans-Jürgen Lüsebrink wieder. Lüsebrink stellt diese als eine seiner drei Kulturbegriffe fest15, welche auch die Gastronomiekultur umfasst. Lüsebrink bezieht sich in seinen Ausarbeitungen auf die Theorie von Hofstede und führt diese weiter, insbesondere den Kulturbegriff beleuchtet er intensiver als Hofstede. So gelingt es Lüsebrink, den Kulturbegriff weitgehend zu definieren und dabei nicht nur auf die mentale und geistige Ebene einzugehen, sondern auch die materielle Ebene zu beleuchten. Materielle Gegenstände, welche der kulturellen Repräsentation dienen, können auch als Artefakte 16 verstanden werden. Artefakte sind bedeutungstragende Objekte, welche von einer bestimmten Kultur genutzt werden. Mentefakte17 hingegen bezeichnen die mentalen Werte und die kollektiven Wissensgegenstände, das heißt sie umfassen ein spezielles Know-How, wie beispielsweise mit einem Artefakt umgegangen werden muss.

Gegenteilig zum materiellen Kulturbegriff gibt der anthropologische Kulturbegriff „die Gesamtheit der kollektiven Denk-, Wahrnehmungs-, und Handlungsmuster einer Gesellschaft“ wieder.“18 Ein gemeinsames Wahrnehmungsmuster kann dadurch erklärt werden, dass sich ein Kollektiv aufgrund ihres geteilten Grund und Bodens zusammengehörig fühlt, wie es bereits Anthony Smith erkannte: Er hebt die geschichtlichen Helden hervor und begründet dies als Ursprungsgedanken eines Heimatlandes, was das Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Land beiderseitig macht.19 Ausführungen von Yousefi bestätigen Ähnliches: Das Heimatgefühl entsteht durch die Ideologie der Heimat und diese wiederum wird geschaffen durch kulturelle Vorprägungen.20 Damit wird zudem ein Bezug zur kulturellen Identität geschaffen, da kulturelle Vorprägungen mit der individuellen Identität eines Mitglieds einer Kultur zusammenhängen und so die kulturelle Identität entstehen kann.

2.1.2 Kulturelle Identität

Identität lässt sich folgendermaßen definieren: Zuallererst ist das Gefühl der Zugehörigkeit zu nennen. Wichtig ist die persönliche und individuelle Identifikation mit einem Kollektiv. Im nächsten Schritt wird die kulturelle Komponente als zentraler Aspekt der persönlichen Identität betrachtet. An dieser Stelle kommen die Forschungsergebnisse von Jan Assmann nochmals zu tragen. Seinen Theorien zufolge ist jedes Individuum, welches Mitglied einer Familie oder sonstiger sozialer Gruppen ist, wichtiger Teilnehmer des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses.21 Um nun den Bezug zur eigentlichen Identität herzustellen, ist es notwendig die Kultur im objektiven Sinne zu betrachten und das kulturelle Gruppenbewusstsein zu konkretisieren.

Die kulturelle Identität definiert sich bei Assmann als Gruppenidentität, welche sich durch das kollektive geteilte Wissen manifestiert und die Mitglieder dieser Gruppe von fremden Gruppen abgrenzt. Wichtig ist die gemeinsame Verbundenheit einzelner Mitglieder eines kulturellen Kollektivs hervorzuheben. 22 Assmann beschreibt dies u.a. als „Gegenstände des kulturellen Gedächtnisses“23. Diese Gegenstände äußern sich in Form von mentalen Erkennungsmerkmalen, also dem kollektiven Wissen basierend auf dem kollektiven Gedächtnis oder durch greifbare Gegenstände, Artefakte24 , welche bestimmten Objekten einen distinktiven Wert zusprechen und nur von Mitgliedern einer Kultur mit ein und derselben Bedeutung versehen und gesehen werden können. Diese verbindenden Objekte oder die gemeinsam geteilten Wissensgegenstände stiften Identität zwischen den einzelnen Mitgliedern und sorgen für eine kollektive kulturell bedingte Gruppenidentität.25 Dadurch ist erkennbar, dass die Theorie von Assmann greifbar und anwendbar ist und für eine nachfolgende Analyse durchaus wertvoll erscheint.

Das was Assmann als „Gegenstände des kulturellen Gedächtnisses“26 mit Bezug auf die kulturelle Identität einer Gruppe bezeichnet, wird bei Anthony Smith der nationalen Identität zugesprochen. Auch er stellte mit Bezug auf Akzin fest, dass sich Mitglieder einer Gruppe durch ihre ähnlichen Verhaltensweisen von anderen unterscheiden, er spricht von einem „concept of ‚identity‘ as ‚sameness‘“27:

The members of a particular group are alike in just those respects in which they differ from non-members outside the group. Members dress and eat in similar ways and speak the same language; in all these respects they differ from non-members, who dress, eat and speak in different ways. This pattern of similarity-cum-dissimilarity is one meaning of national ‘identity’.28

Dieses differenzierende und gruppenspezifische Verhalten, welches einer nationalen Identität entspricht, unterliegt jedoch nach Smith einer „cultural doctrine“29. Das bedeutet, dass die nationale Identität im Grunde ohne den kulturellen konzeptuellen Ansatz nicht existieren kann und eine nationale Identität immer inklusive der sozialen sowie kulturellen Komponenten betrachtet werden muss30. Damit lässt sich auch hier der Ansatz einer kulturellen Identität erkennen.

2.2 Symbole

Symbole sind allseits bekannt: „These symbols and ceremonies are so much part of the world we live in that we take them, for the most part, for granted“31. Es gibt sie dementsprechend für jede Kultur, für jede Nation und in vielen verschiedenen Ausrichtungen. Doch was genau sind Symbole? Inwieweit sind sie in der Lage Identität zu stiften und als ein wichtiger Bestandteil von Kultur zu gelten? Diese Fragen gilt es in diesem sowie im nächsten Kapitel zu beantworten.

Hofstede zufolge sind Symbole zusammen mit Helden, Ritualen und Werten Basiselemente der Kultur und stellen essentielle repräsentative Bestandteile eben dieser dar. Sie können sich in bestimmten Gegenständen, Verhaltensweisen oder der Kommunikation widerspiegeln lassen und schließen auf eine homogene gruppeninterne Erkennungsweise.32 Hofstede ist der Ansicht, dass Symbole die Außenschicht der vier Tiefenebenen bilden, da sie leichter von anderen Kulturen zu imitieren sind und eher oberflächlich gehandhabt werden.33 Allerdings lassen sich Symbole auf die persönlichen Eigenschaften der einzelnen Kulturangehörigen beziehen, was der oberflächlichen Betitelung widerspricht. Denn „it often connects that ideology with the “mass sentiments” of wider segments of the designated population, notably through slogans, ideas, symbols and ceremonies. “34. Unter mass sentiments wird die kollektive Gefühlslage einer Gesellschaft bzgl. einer gewissen Ideologie mithilfe von u.a. Symbolen ausgedrückt.

Laut Assmann gibt es „wichtige und unwichtige […] Symbole je nach der Funktion die ihnen in der Produktion, Repräsentation und Reproduktion […] zukommt“35. Assmann betont, dass eine gewisse Symbolhierarchie in Form eines Relevanzgefälles sowie unter Betrachtung der Wertperspektiven vorhanden ist36. Dies jedoch erscheint weniger einleuchtend, da jedes Symbol subjektiv gesehen für bestimmte Individuen, Gruppen oder Situationen eine andere Bedeutung hat und die Relevanz bzw. der Wert pauschal nicht objektiv festgelegt werden kann.

Ansgar Nünning zufolge lässt sich das Symbol als ein bildhaftes Zeichen definieren, welches die Funktion eines bedeutungstragenden und auf mentale übergeordnete Zusammenhänge verweisenden Zeichens einnimmt. Seinen Schilderungen zufolge sind die Grenzen eines Symbols zu anderen bedeutungstragenden Zeichen nicht eindeutig bestimmbar. Eindeutig ist für ihn allerdings, dass Symbole sowohl Artefakte als auch Mentefakte sein können, welche in der realen Welt auf etwas anderes verweisen und damit etwas symbolisieren.37

Cassirer sieht das Symbol auf zwei Ebenen, in denen es angewendet werden kann. Einerseits ist da die sinnliche Ebene, also das Verständnis von den Symbolen, mit welchem die Sprachwissenschaft bspw. arbeitet. Andererseits wäre da die geistige Ebene zu nennen, welche in der Literatur- und Kulturwissenschaft greift und im Rahmen dieser Arbeit bedeutend ist. Sie konzentriert sich auf den mentalen Geistesgegenstand, den ein Symbol sinngemäß auszudrücken versucht.38 Sinn und Sinnlichkeit sind zentrale Aspekte, mit denen Cassirer im Rahmen seiner Ausführungen den Begriff des Symbols in Verbindung bringt . Aus Cassirers Forschungen geht hervor, wie sehr er die Wichtigkeit aller Symbole kenntlich macht, indem er die Symbole mit Organen gleichsetzt. 39 Wie auch ohne Organe die Systeme im menschlichen Körper nicht funktionieren können, so kann die Kultur ohne Symbole nicht funktionieren. Der Sinn oder die Bedeutung kann ohne Symbole nicht generiert bzw. wiedergegeben werden, sie entsprechen einer unabdingbaren Instanz.

Alle Theoretiker bezeichnen demnach Symbole als bedeutungstragende immaterielle oder materielle Gegenstände, welche auf eine übergeordnete kollektive Ideologie verweisen und diese kennzeichnen. Hofstede spricht von bedeutungstragenden Symbolen, welche nur von Mitgliedern derselben Kultur als solche erkannt werden können, was im gleichen Sinne Smith anführt. Assmann begründet sich auf eine gewisse Hierarchie im System der Symbole, wohingegen Cassirer und Nünning in diesem lediglich wichtige bedeutungstragende Instanzen der Kultur erkennen. Ein kollektives Zusammengehörigkeitsgefühl lässt sich durch gemeinsames Erkennen derselben Bedeutung eines Symbols, ob nun ein Gegenstand oder eine Handlung, generieren, weshalb die Ausführungen von Hofstede und Smith durchaus greifbar erscheinen. Jedoch ist ein hierarchisches Gefälle innerhalb des symbolischen Systems weniger ersichtlich, da dies meist einer subjektiven Beurteilung unterliegt. Ob und inwiefern Symbole Identität stiften können, kann dem nächsten Kapitel entnommen werden.

2.3 Inwiefern ist der Wein ein identitätsstiftendes Symbol?

Was Symbole sind, wurde bereits aufgeführt. Was jedoch ist die identitätsstiftende Funktion eines Symbols? Dies gilt es nun darzulegen. Am besten erklärt werden kann dies anhand eines Beispiels. Da diese Arbeit das Thema Wein und die französische Kultur durchleuchtet, ist es logisch als Einführung in die Welt des Weins die identitätsstiftende Funktion eines Symbols mithilfe des Weins zu erklären.

Wie schon im Kapitel Kultur und kulturelle Identität ausgeführt wurde, bezieht sich Yousefi auf das kulturell geprägte Heimatgefühl.40 Dieses wird von ihm mit Identität gleichgesetzt, eine Verbindung zwischen Identität und Heimatgefühl wurde dahingehend von Yousefi bereits erforscht:

Wir alle brauchen Heimat und Beheimatung. In dem Ausdruck >Heimat< (sic!) steckt eine emotionale Welt, eine Art Sehnsucht, die uns im tiefsten Inneren bewegt und uns Orientierung gibt. Sie ruft in uns etwas Vertrautes auf, wie Kindheitserinnerungen. Orte und Erfahrungen, mit denen wir uns identifizieren, Lebenswege, in denen Sitten und Gebräuche, Ironie und Humor, Sprache und Musik sowie Religion und Tradition zusammenfließen und Identität stiften. Jeder kennt auf seine Weise das Gefühl des Heimwehs und Verlassenseins.41

Die französische Weinherstellung stellt eine derartige Tradition dar. Dementsprechend ist der Wein das Symbol, mithilfe dessen diese Tradition widergespiegelt werden und eine Rückbesinnung auf das Heimatgefühl sowie damit verbunden fernerhin Identität zur jeweiligen Kultur gestiftet werden kann. Hilfreich sind bei dieser Rückbesinnung gefühlsstarke Kindheitserinnerungen, welche auf die Heimat verweisen. Wein als Symbol für französisches Traditionsgefühl ist deshalb eines der zentralen Analysegegenstände dieser Arbeit und wird anhand der ausgewählten Filme analysiert.

3. Die französische Weinkultur als wichtiger Baustein der französischen Identität

Die Franzosen und ihr Wein – Eine Liebesgeschichte, welche zurückreicht bis ins 6. Jahrhundert vor Christus42. Weltberühmte französische Literaten, welche die Thematik des Weins in ihre Werke integrierten, eine traditionsreiche Weinherstellung sowie kulturgerechter Verzehr – all dies lässt auf eine starke Verbundenheit des französischen Volkes mit dem alkoholischen, einer teilweisen oder vollständigen Gärung von Traubenmost43 entsprungenen Produkt schließen. Boris Pétric ist der Ansicht, dass der Wein von vielen als „une affaire française“ betrachtet wird . 44 Der Wein beweist die Geselligkeit der Franzosen und das Bewusstsein für altbewährte Traditionen, begründet sich auf eine lange französische Geschichte und vereint eine ganze Nation:

[…], il est désormais clair qu’en lui [l’espace viticole français] s’enracine une histoire de la nation sans doute la plante et le produit recèlent-ils dans leur nature intime une capacité de garder une grande identité et une forte personnalité à travers le temps. Mais, plus encore, le vigneron et ses traditions maintiennent la continuité d’une longue création inscrite sur le sol même. La mémoire doit s’épanouir en histoire. 45

Von Georges Durand erfasst wurden die zentralen kulturellen Bausteine, aus denen sich die französische Weinkultur zusammensetzt. Wichtig ist es in diesem Kapitel die Geschichte des Weins, die französischen Weinbaugebiete sowie die kulturellen Fixpunkte, wie die traditionelle Sphäre und das Bedürfnis des kollektiven Weingenusses, näher zu beleuchten.

3.1 Die Geschichte des französischen Weins in den zwei wichtigsten Weinregionen Frankreichs

Nun ist es wichtig, die Entstehung des Weins und dessen wichtigste geschichtliche Fixpunkte näher zu betrachten. Generell lässt sich sagen, dass der Wein keine französische Erfindung ist, sondern bereits vor circa 5000 Jahren im nahen Osten (Georgien, Irak, Ägypten) erfunden wurde. Die Römer sorgten danach für eine mitteleuropäische Verbreitung und Anpflanzung neuer Reben.46 Allen voran sind die Griechen zu nennen, welche im Zuge der romanischen Kolonialisierung für eine derartige Verbreitung sorgten.47 Darüber hinaus war ebenso die Kirche im geschichtlichen Verlauf der Verbreitung des Weins in Mitteleuropa involviert48. Da die gesamte französische Weingeschichte nur in einem größeren Umfang bearbeitet und aufgeführt werden kann, wird sich in dieser Arbeit lediglich in prägnanten Ausmaße auf die zwei wichtigsten Weinregionen Frankreichs, Burgund und das Bordelais, konzentriert.

3.1.1 Burgund – Die Entstehung des Weingebietes

Der Ursprung einer Weinregion ist im Generellen nicht leicht zu bestimmen. Die Anfänge des Weinanbaus im Burgund können jedoch schätzungsweise auf das frühe 4. Jahrhundert zurückdatiert werden, ausgehend von einem beweisdienlichen Dokument aus dem Jahre 312 von dem Kaiser Constantin49. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass das Weingebiet schon länger existierte, es jedoch erst zum Zeitpunkt der Beweisbarkeit als tatsächlich existierendes Weingebiet anerkannt werden konnte.50 Zunächst bildete sich die die sogenannte Basse-Bourgogne, bestehend aus den Gebieten Chablis und Auxterre. Etwas später, zur Zeit des Mittelalters, fügte sich das Gebiet der Haute-Bourgogne, inklusive der Côte d’Or, dem gesamten Weinbaugebiet Burgunds hinzu.51 Der Begriff des pinot wurde als Bezeichnung für eine Traube erstmals 1394 erwähnt und gilt seit jeher als qualitativ wertvoll. Dies unterstützte der Herzog des Burgunds, Philippe le Hardi, indem er diese Traubenbezeichnung bekanntmachte und somit der Beibehaltung des qualitativen Wertes eben dieser verhalf.52

3.1.2. Die Geschichte des Bordelais

Ebenso wie das Weinbaugebiet Burgund, lässt sich die Entstehung des Weingebiets Bordelais nicht eindeutig bestimmen. Roger Dion zufolge ist diese auf das 4. Jahrhundert zurückzuführen53 und als erfolgreichen Schritt der Römer im alten Gallien zu charakterisieren54. Kurt Hoffmann geht jedoch davon aus, dass bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. das Bordelais von den Römern zum klassischen Weinland gemacht wurde. Nachdem jene Römer dieses gallische Weinbaugebiet vernichteten, wurde das Bordelais zum Ende des 3. Jahrhunderts hin wieder neu aufgebaut55 und entspricht somit im weiteren Sinne der zeitlichen Einordnung Roger Dions.

Im Laufe der Jahrhunderte erblühte das Bordelais zum Exportgebiet.56 Zurückzuführen ist dies auf die 300 Jahre dauernde Herrschaft Englands über besagtes Gebiet57. England stellte sich daher als großer Markt für Weine des Bordelais heraus58, unterstützte so die Exportkraft dieser Weinregion und verhalf dessen Weinen sich einen Namen zu machen. Doch dies war nicht immer von Vorteil: Auf dem Weinfest im September des Jahres 1909, welches dazu diente die Ernte zu feiern, wurde der gute Name der Weine des Bordelais von anderen Winzern für ihre eigenen Produkte unrechtmäßig genutzt und günstig vermarktet. Um eine erneuten Missbrauch des etablierten Namens zu verhindern, folgte 193559 die Einführung der Appellation d’Origine Côntrollée (AOC), einer „amtliche[n] Garantie, daß (sic!) die Weine aus der angegebenen Lage stammen und nicht verschnitten sind, es sei denn mit einem Bruder aus dem gleichen Gebiet.“60

3.2 Die Weinbaugebiete Frankreichs

Frankreich beherbergt viele wichtige Weinbaugebiete, wie beispielsweise das Bordelais, das Burgund und den Elsass. In diesem Kapitel wird ein kleiner Überblick der Weinbaugebiete Frankreichs (siehe Abb. 1 im Anhang) gegeben, in den nächsten beiden Kapiteln jedoch lediglich intensiver auf die zwei Wichtigsten eingegangen, nämlich das Bordelais und das Burgund.

Im Nordwesten erstrecken sich drei wichtige Weinbaugebiete: Champagne, Lorraine und das Elsass. Das Elsass wirbt mit seinen allseits beliebten, meist trockenen Tafelweinen61. Im benachbarten Lorraine liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf der Roséwein-Produktion, bekannt sind dort zudem die Schaumweine. In der Champagne finden sich in erster Linie weiße, trockene Champagner.62 Weiter südlich im Land findet sich die weltberühmte Weinregion Burgund, welche im nächsten Unterkapitel behandelt wird. Südwestlich vom Burgund findet sich Auvergne, südöstlich Savoie und südlich Côtes du Rhône sowie Côtes de Provence. Die beiden letzteren Weinregionen konzentrieren sich vor allem auf die Produktion von Roséweinen sowie auf einfache Tischweine. In westlicher Richtung im Süden des Landes werden im Languedoc-Roussillon meist eher süßliche Weine in hohem konsumfreundlichem Ausmaß hergestellt.63 Im Südwesten angekommen liegt nahe dem Atlantik das Bordelais, eines der wichtigsten und angesehensten Weinbaugebiete Frankreichs und sicherlich auch der Welt. Im übernächsten Kapitel wird das Gebiet genauestens betrachtet. Nördlich von Bordeaux liegend befindet sich Charente. Die dort produzierten Weine eignen sich in erster Linie der Destillation des berühmten Cognacs. Das letzte, im Rahmen dieser Arbeit, nennenswerte Weinbaugebiet ist das Vallée de la Loire, welches durch seine herausragenden Roséweine hervorsticht.64 Generell ist zudem nennenswert, dass die sehr gute geographische Lage Frankreichs zwischen zwei Meeren äußerst gewinnbringende Voraussetzungen mit Blick auf die inländische Weinproduktion mit sich trägt.65

3.2.1 Das Burgund als facettenreiche Weinbauregion

Wie im vorherigen Kapitel bereits erwähnt wurde, wird sich in dieser Arbeit lediglich auf die wichtigsten Weinbaugebiete Frankreichs konzentriert. Unter diese fällt das Weinbaugebiet Burgund, welches zum Produzenten des berühmtesten Spätburgunders der Welt gekürt wurde66. Es besteht aus sechs einzelnen Weinbaugebieten, allerdings zählen im engeren Sinne nur vier davon zum Burgund. Darunter fallen im Saône-Tal von Nord nach Süd betrachtet die berühmte Côte d’Or (ebenfalls Côte de Beaune genannt), das Chalonnais, das Mâconnais und das Beaujolais (siehe Abb.2). Zusätzlich zu diesen vier Haupt-Weinbaugebieten des Burgunds zählen noch Chablis und Auxterre, welche sich in erster Linie durch ihre Weißweine auszeichnen67.

Zu einer der berühmtesten und angesehensten Rebsorte gehört die Pinot Noir Rebe, welche sich in der Côte d’Or finden lässt68. Nicht minder bekannt und im selben Gebiet aufzufinden ist die Rebsorte Pinot Chardonnay, welche den weißen Burgunder begründet und beispielsweise das Weingut von Meursault zu Spitzenweinen verhilft69. Nennenswert ist hierbei zudem die Wichtigkeit des Bodens, da der Kalkboden in der Côte d’Or die Produktion des Chardonnay begünstigt70. Überdies stammt der berühmte Corton aus der Côte d’Or und wurde schon von Voltaire als einer der besten Weine empfunden71. Innerhalb der Côte d’Or bereichert die Gegend Côtes de Nuits die Welt des Weins mit ihrem rubinrotem Clos de la Perrière 72. Die herausragende Qualität der Weine der Côte d’Or verdankt sie „un climat plus chaud et plus sec, dont le tapis végétal naturel enregistre les effets.“73 Die kennzeichnende Farbe des Rubinrots der Burgund-Weine wurde von Kurt Hoffmann in seinem Werk Weinkunde in Stichworten hervorgehoben74.

Weiter südlich der Côte d’Or befindet sich die Côte Chalonnais, welche sich vor allem auf die Produktion von Weißweinen spezialisiert.75 Obendrein lässt sich in der Côte Mâconnais dieses Muster und die Versiertheit auf die Produktion von Weißwein erkennen. Rotwein findet sich im größten Umfang im südlichsten Weinbaugebiet Burgunds, dem Beaujolais.76

Geschmacklich sind Burgund-Weine wie folgt zu definieren: „ Alle Weine aus Burgunder-Sorten werden gern als samtig-weich, vollmundig und ausdrucksvoll gekennzeichnet, alle stimmen besinnlich.“77 Weich aber ausdrucksvoll, vollmundig und besinnlich – damit wird der Wein treffend als ein facettenreiches Erzeugnis bedeutender Rebsorten eines der bedeutendsten Weinbauregionen der Welt beschrieben.

3.2.2. Das Bordelais – Eine Weinbauregion der Superlative

Die wohl weltweit bekannteste und wichtigste Weinregion ist das Bordelais78, deren Herz die Stadt Bordeaux bildet. Auszeichnend ist die herausragende Ausgewogenheit qualitativen Wertes und der produzierten Menge: „Bordelais ist einziges Weinbaugebiet der Erde, in dem hohe Qualität und Quantität des Weins zusammentreffen: milde und schwere Rotweine, trockene und süße Weißweine, leichte Rosés.“79 In der vom atlantischen Klima begünstigten Region Bordelais werden vor allem Mischweine produziert, d.h. Weine aus mehreren Rebsorten.80

Das Bordelais gliedert sich in fünf größere Weingebiete, was es zum größten zusammenhängenden Qualitätsweingebiet der Welt macht: Nördlich von Bordeaux liegt Médoc, östlich St.Émilion und Petit Pomerol und südlich Graves (siehe Abb. 3 im Anhang). Sowie im Médoc als auch in St-Émilion und Pomerol werden die meisten Rotweine der Region hergestellt. Die ersten beiden Gebiete bringen die namhaftesten Bordeaux-Weine heraus, deren Farbe das klassische und weltbekannte Bordeauxrot darstellt81. Bevor Bordeaux-Weine dieses für sie widerspiegelnde Bordeauxrot erlangen, bedarf es langer Reifung. Zuvor charakterisieren sich vor allem die Weine aus St-Émilion durch die Farbe Rubinrot. St-Émilion Weine bestehen meist aus einer Mischung von Merlot und Cabernet Franc Trauben.82

Die wichtigste Rebsorte des Bordelais ist Cabernet Sauvignon, welche durch einen hohen Anteil von Tannin, eine Fruchtsäure83, die Alterung der Weine begünstigend verlangsamt. Im Übrigen finden sich für die Rotweine die Rebsorten Cabernet Franc, Merlot, Malbec sowie Verdot. Wie bereits erwähnt, bestehen Bordeaux-Weine aus mehreren (meist zwei bis drei) Rebsorten und diese werden in verschiedenen Mengen miteinander vermischt. Wo Cabernet Sauvignon und vor allem Merlot prozentual höher in Rotweinen vertreten sind, werden den Weinen Verdot und Malbec tendenziell eher sparsam hinzugefügt84.

Der hohe Stellenwert des Weins im Bordelais spiegelt sich nicht nur innerhalb der Region selbst wider, sondern auch von außen: Dadurch, dass das Bordelais eine Hafenstadt ist und demnach schon seit der englischen Herrschaft einer exportorientierten Weinregion entspricht, ist das weltweite Interesse vor allen Dingen von internationalen Investoren85 nachvollziehbar. Durch diese Art von Vermarktung und der Neueinführung festlicher Akte um das Jahr 200086 ist der angestiegene Touristenanteil in Bordeaux und Umgebung nicht verwundernd. Um diesen Tourismus zu festigen und ein Symbol für den Weinbau in der Stadt zu schaffen, wurde am 31. Mai 2016 vom ehemaligen Präsidenten Frankreichs, François Hollande, das Cité du Vin (siehe Anhang Abb. 4) eingeweiht87. Dort ist es möglich, mithilfe moderner und hochtechnisierter Mittel spielerisch die Welt des Weins in der Region nachzuvollziehen und den Besuch mit einem Glas Wein und Blick auf die Garonne (siehe Anhang Abb. 5) auf der obersten Terrasse ausklingen zu lassen.

3.3 Wein als fester Bestandteil französischer Kultur

Für Franzosen gehört der Wein zur französischen Identität: „Wine drinking and the culture associated with it are for many an essential part of what it means to be French.”88. Sie klassifizieren die Liebe für guten Wein als Französisch, im selben Sinne wie in Frankreich geboren worden zu sein, für Freiheit kämpfen zu wollen sowie Französisch zu sprechen.89 Des Weiteren ist der literarische und poetische Ansatz zur Klassifizierung des symbolischen sowie kulturellen Bezugs des Weins zur französischen Identität wichtig90:

Le vin a […] inspiré de nombreux auteurs qui n’ont fait qu’illustrer toutes ces idées déjà présentées : Homère, Aristophane, Thasos, Athénée, puis Ronsard, Rabelais, Molière, Dumas, Baudelaire illustreront merveilleusement toutes les nuances du vin et de l’ivresse.91

Rousseau, Baudelaire, Molière und viele weitere literarische oder auch künstlerische Repräsentanten französischer Kultur sagen dem Wein eine bedeutende Rolle zu: Rousseau hebt die ruhige Glückseligkeit und das Heimische ausgelöst vom Wein hervor92, Baudelaire zeigte diesen Punkt der Glückseligkeit und die beruhigende Wirkung des Weins vor allen Dingen in seinem Gedicht Le Vin des amants 93 auf.

Darüber hinaus widmete Balzac dem Wein einen hohen Stellenwert. Er selbst ist an der Loire aufgewachsen und kannte von klein auf das Leben auf dem Weingut. Der Wein ist ein Teil von ihm, einem der wichtigsten französischen Literaten: „Le vin a nourri mon corps tandis que le café entretenait mon esprit.“94

Dementsprechend ist zu erkennen, dass der Wein einen symbolischen Wert in Bezug auf die Verbindung einzelner Individuen eines Kollektivs mit sich bringt und das in Form von gemeinsamen Wissen, kollektiv geteilten Momenten, Gefühlen und Festen95. Zentrales Augenmerk liegt in diesem Kapitel deshalb auf dem geteilten Traditionsbewusstsein und dem Geselligkeitsgefühl der Franzosen, gemessen an ihrer Liebe zum Wein.

3.3.1 Die Kunst der Weinherstellung und das Savoir-Faire der Weinverkostung – Traditionsreich und à la française

Wie bereits gekennzeichnet wurde, empfinden die Franzosen den Wein als Symbol für ihre Kultur und damit für ihre kulturelle Identität. Meist ist damit die Geselligkeits- und Traditionssymbolik gemeint. In diesem Kapitel wird das französische Traditionsbewusstsein im Hinblick auf die Weinproduktion und das damit verbundene Wissen um einen guten und authentischen96 Wein von hoher Qualität dargelegt.

Tradition definiert sich nach Nünning als die Weitergabe von Allem, das es wert ist, konserviert und fortführend gewahrt zu werden. Dabei ist der Prozess der Klassifizierung des jeweiligen Werts ausschlaggebend. So bildet sich das kulturelle Erbe auf Basis von gefundenen und im Laufe der Zeit bedarfsgerecht erfundenen Traditionen, welche zudem der Festigung kultureller Gemeinsamkeiten dienen.97

[...]


1 Dion, Roger (1959): Histoire de la vigne et du vin en France des origines au XIXe siècle. Paris. S. 1.

2 Vgl. Demossier, Marion (2010): Wine drinking culture in France. A national myth or a modern passion? Cardiff: University of Wales Press (French and francophone studies). S.155.

3 Vgl. ebd. S.156.

4 Vgl. Durand, Georges (2004): La vigne et le vin. In: Pierre Nora (Hg.): Les lieux de mémoire :[la République, la Nation, les France]. Paris: Gallimard (Quarto). S. 3712.

5 Ebd. S. 3713.

6 Vgl. ebd. S. 3715.

7 Vgl. ebd. S.3738.

8 Vgl. Durand, Georges (1979): Vin, vigne et vignerons. En lyonnais et beaujolais; [(XVI. - XVIII. siècles)]. Paris: Mouton (Civilisations et sociétés, 63). S. 17.

9 Vgl. ebd. S. 31.

10 Vgl. Bärwolff, Theresa (2016): Chinese Investment in the Bordeaux wine region:French national identity at risk? In: B. G. Martin (Hg.): European Environments: How a New Climate is Changing the Old World: Euroculture IP Publication 2014. Unter Mitarbeit von Megens, I., de Jong, J., & van der Waal, M. Uppsala: Euroculture consortium (Euroculture IP Publication, 4). S.21.

11 Vgl. Lüsebrink, Hans-Jürgen (Hg.) (1999): Die französische Kultur - interdisziplinäre Annäherungen. Beiträge zu einer Ringvorlesung an der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes. St. Ingbert: Röhrig (Annales Universitatis Saraviensis Philosophische Fakultät, 12). S. 14-15.

12 Vgl. Walter, Klaus Peter (1999): Kinokultur(en) in Frankreich - Drei epochale Höhepunkte des französischen Filmschaffens. In: Hans-Jürgen Lüsebrink (Hg.): Die französische Kultur. S. 176.

13 Vgl. Assmann, Jan; Hölscher, Tonio (Hg.) (1988): Kultur und Gedächtnis. Erste Auflage. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 724). S. 11-12.

14 Vgl. Hofstede, Geert; Hofstede, Gert Jan (2011): Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management. Unter Mitarbeit von Petra Mayer und Martina Sondermann. Originalausgabe, 5., durchgesehene Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag (Beck-Wirtschaftsberater im dtv). S. 4-5.

15 Vgl. Lüsebrink, Hans-Jürgen (2016): Interkulturelle Kommunikation. Interaktion, Fremdwahrnehmung, Kulturtransfer. 4., aktualisierte und erweiterte Auflage. Stuttgart: J.B. Metzler. S. 10.

16 Vgl. Posner, Roland (1992) : Was ist Kultur? Zur semiotischen Explikation anthropologischer Grundbegriffe. In: Landsch, Marlene (Hg.) (1992): Kultur-Evolution. Fallstudien und Synthese. Frankfurt am Main, Berlin: Lang. S. 1 – 65. Online verfügbar unter: https://www.semiotik.tu-berlin.de/fileadmin/fg150/Posner-Texte/Posner_Was_ist_Kultur.pdf. S. 1-65. S. 13.

17 Vgl. ebd.

18 Hofstede. A.a.O. S. 3.

19 Vgl. Smith, Anthony D. (1991): National identity. London: Penguin (A Penguin book Politics, current affairs). S. 23.

20 Vgl. Yousefi, Hamid Reza (2014): Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation. Konstanz: UVK-Verl.-Ges (UTB Philosophie, Pädagogik, Medien- und Kommunikationswissenschaft, 4127). S. 13.

21 Vgl. Assmann. A.a.O. S. 11.

22 Vgl. ebd.. S. 11-12.

23 Ebd. S.13.

24 Posner. A.a.O. S. 13.

25 Vgl. Assmann. S. 13.

26 Assmann. A a.O. S.13.

27 Smith. A.a.O. S. 75.

28 Akzin (1964, ch.3) zitiert nach Smith S. 75.

29 Smith. A.a.O. S. 74.

30 Vgl. ebd. S. 71.

31 Ebd. S.77.

32 Vgl. Hofstede. A.a.O. S. 7.

33 Vgl. Hofstede. A.a.O. S.8.

34 Smith. A.a.O. S. 73.

35 Assmann. A.a.O. S.14.

36 Vgl. ebd.

37 Vgl Nünning, Ansgar (Hg.) (2004): Grundbegriffe der Literaturtheorie. Stuttgart: Metzler (Sammlung Metzler, 347). S. 267.

38 Vgl. Cassirer, Ernst (1965): Wesen und Wirkung des Symbolbegriffs. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. S.174.

39 Vgl. Paetzold, Heinz (2014): Ernst Cassirer zur Einführung. 4. Aufl. Hamburg: Junius (Zur Einführung, 271). S. 41-42.

40 Vgl. Yousefi. A.a.O. S. 13.

41 Ebd. S. 35.

42 Vgl. Hoffmann, Kurt M. (1977): Weinkunde in Stichworten. Ein Weinkolleg. Neu bearb. u. stark erw. 2. Aufl. Kiel: Hirt (Hirts Stichwortbücher). S. 195.

43 Vgl. Roth, Hans (1994): Von Burgund zur Bourgogne. Land und Leute, Essen und Trinken, Wasser und Wein, Geologie und Geschichte, Kultur und Kunst ; ein Reisebuch. 1. Aufl. Gießen: Anabas-Verl. S. 49.

44 Pétric, Boris (2008): Le vin symbole de civilisation: une identité culturelle débattue en Europe. Le vin est-ilun produit culturel? Ferrals-les Corbières (Aude), France. S.18-32. Online verfügbar unter https://halshs.archives-ouvertes.fr/halshs-01851852/document, zuletzt geprüft am 12.01.2020. S.21.

45 Durand (2004). A.a.O. S. 3720.

46 Vgl.Stephan, Rolf und Aufmkolk, Tobias (2018): Wein. Hg. v. ARD. Planet Wissen. Online verfügbar unter https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/trinken/wein/index.html, zuletzt aktualisiert am 09.01.2020, zuletzt geprüft am 09.01.2020.

47 Vgl. Dion. A.a.O. S. 96-97, 119.

48 Vgl. Durand (2004). A.a.O. S. 3734.

49 Vgl. Dion. A.a.O. S. 139.

50 Vgl. ebd. S. 145.

51 Vgl. ebd. S. 286.

52 Vgl. ebd. S. 296-97.

53 Vgl. Pitte, Jean-Robert (2016): Bordeaux, Bourgogne. Histoire d'une rivalité. Paris: Éditions Tallandier (Texto : le goût de l'histoire). S. 34.

54 Vgl. Dion. A.a.O. S. 121.

55 Vgl. Hoffmann. A.a.O. S. 195.

56 Vgl. Garrier, Gilbert (1995): Histoire sociale & culturelle du vin. Paris: Bordas. S. 107-108.

57 Vgl. Hoffmann. S. 206.

58 Vgl. Dion. A.a.O. S. 372-73,

59 Vgl. Chatelain-Courtois, Martine (1984): Les mots du vin et de l'ivresse. [Neudr.]. Paris: Belin (Le français retrouvé, 10). S. 31-32.

60 Roth. A.a.O. S.17. und vgl. Roudié, Philippe (2007): Les fêtes de la vigne et du vin en Bordelais. XIXe-XXe siècles. In: Bouneau, Christophe und Figeac, Michel (Hg.): Le verre et le vin de la cave à la table. Du XVIIe siècle à nos jours. Pessac: Maison des Sciences de l'Homme d'Aquitaine, S. 401.

61 Vgl. Hoffmann. A.a.O. S.200-201, 211.

62 Vgl. ebd. S.211.

63 Vgl. Liehr, Günter (2017): Frankreich. Ein Länderporträt. 4., aktualisierte Auflage. Berlin: Ch. Links Verlag. S.199

64 Vgl. Hoffmann. A.a.O. S.211.

65 Vgl. Dion. A.a.O. S. 4.

66 Vgl. Hoffmann. A.a.O. S.211.

67 Vgl. ebd. S. 202-203.

68 Vgl. ebd. S. 204.

69 Vgl. ebd. S. 205.

70 Vgl. Roth. A.a.O. S. 73.

71 Vgl. ebd. S. 35.

72 Vgl. Youngman Carter (1969): Bordeaux & Burgunder. Mainz: Florian Kupferberg Verlag. S. 72.

73 Dion. A.a.O. S. 46.

74 Vgl. Hoffmann. A.a.O. S. 205.

75 Vgl. Hoffmann. A.a.O. S. 204.

76 Vgl. ebd..

77 Ebd. S. 205.

78 Vgl. Roudié. A.a.O. S. 397.

79 Hoffmann. A.a.O. S. 206.

80 Vgl. ebd.

81 Vgl. Youngman. A.a.O. S. 19 und Hoffmann. A.a.O. S. 207.

82 Vgl. Roth. A.a.O. S. 45.

83 Vgl. Garrier (1995). A.a.O. S. 339.

84 Vgl. Hoffmann S. 208.

85 Vgl. Bärwolff, Theresa S. 19.

86 Vgl. Roudié S. 401-402.

87 Vgl. Girard, Laurence (2016): La Cité du vin, un nouvel emblème pour Bordeaux. Inauguré mardi par François Hollande, la Cité du vin ambitionne de favoriser l’œnotourisme avec un parcours au cœur de la planète « vin ». Le Monde. Online verfügbar unter https://www.lemonde.fr/economie/article/2016/05/28/cite-du-vin-l-notourisme-pour-etiquette_4928171_3234.html, zuletzt geprüft am 12.01.2020.

88 Wilson, Thomas M. (Hg.) (2005): Drinking cultures. Alcohol and identity. Oxford, New York: Berg. S. 131.

89 Vgl. Durand, Georges S. 3721.

90 Vgl. Wilson. A.a.O. S. 146.

91 Soulier, Olivier (2012): La symbolique du vin. Sens & Symboles. Online verfügbar unter https://www.lessymboles.com/la-symbolique-du-vin-bio-contact-octobre-2008/, zuletzt geprüft am 12.01.2020.

92 Vgl. Durand (1979). A.a.O. S. 17.

93 Baudelaire, Charles; Fahrenbach-Wachendorff, Monika (2011): Les fleurs du mal. Die Blumen des Bösen ; französisch/deutsch. Stuttgart: Reclam (Reclam-Bibliothek). S. 318.

94 Garrier, Gilbert (2006): Balzac, la vigne et le vin. Unter Mitarbeit von Les éditions Œnoplurimédia. Hg. v. La Revue des Œnologues n°119. Online verfügbar unter http://vinsdeloire.viabloga.com/news/balzac-la-vigne-et-le-vin, zuletzt geprüft am 18.12.2019.

95 Vgl. Lencquesaing, May-Eliane de (2007): Autour du Musée du Verre du Château Pichon Longueville Comtesse de Lalande. In: Bouneau, Christophe und Figeac, Michel (Hg.): Le verre et le vin de la cave à la table. Du XVIIe siècle à nos jours. Pessac: Maison des Sciences de l'Homme d'Aquitaine. S. 405

96 Vgl. Demossier, Marion (2005): Consuming Wine in France. The 'Wandering' Drinker and the Vin-anomie. In: Thomas M. Wilson (Hg.): Drinking cultures. Alcohol and identity. Oxford, New York: Berg, S. 129–154. S: 147.

97 Vgl. Nünning. A.a.O. S. 280-281.

Details

Seiten
53
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346175755
ISBN (Buch)
9783346175762
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v585198
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Institut für Romanistik
Note
11,00
Schlagworte
Kultur Frankreich Wein Kulturelle Identität Klapisch Premiers Crus Ce qui nous lie Bordeaux Burgund Tu seras mon fils Tradition Geselligkeit Franzosen Französisch Weinkultur

Autor

Zurück

Titel: Wein als identitätsstiftendes Symbol Frankreichs in Filmen