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Die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR. Wahrnehmung und Wirklichkeit auf beiden Seiten

Seminararbeit 2005 25 Seiten

Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die DDR sucht nach Nähe zu Frankreich
2.1 Frankreichpolitik der DDR – ein Abriss
2.2 Bemühungen um die offizielle Anerkennung
2.3 Wirtschaft oder politischer Konsens? Erwartungen an die Beziehungen
2.4 Sympathien für den Klassenfeind? Umgang der DDR mit Frankreich
2.5 Das Bild Frankreichs in der DDR-Presse
2.6 Wie viel Austausch sollte es geben?

3. Frankreichs Interesse am „anderen“ Deutschland
3.1 Der wechselvolle Charakter der Beziehungen zur DDR
3.2 Anziehungskraft der Antifaschismus-Ideologie
3.3 Die öffentliche Meinung in Frankreich über die DDR
3.4 Einfluss der BRD

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Als 1949 in kurzer zeitlicher Abfolge zwei deutsche Staaten gegründet worden waren, ahnte man im Ausland kaum, dass der zweite – die DDR – immerhin vierzig Jahre lang existieren würde. So stellte sich auch für Frankreich die Frage, wie man dem neuen Staat, der im Einflussbereich der UdSSR geschaffen worden war, begegnen sollte. Erst allmählich entstanden Kontakte, die dann zu wirklichen Beziehungen zwischen beiden Staaten führten.

Die vorliegende Arbeit untersucht die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR zwischen 1949 und 1989. Besonderer Fokus liegt dabei stets auf der Frage, welches Bild Politik und Öffentlichkeit in der jeweiligen Zeit von den Beziehungen hatten und inwieweit diese Sicht aus historischer Perpektive gerechtfertigt war. Wie wurde das Verhältnis zwischen Frankreich und der DDR bewertet, und klafft eine Lücke zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit? Diese Frage soll mit Hilfe einer Darstellung der wichtigsten Ereignisse der politischen Geschichte beantwortet werden.

Im ersten Teil der Arbeit werden dazu die bilateralen Beziehungen aus der Perspektive der DDR untersucht. Zunächst sollen wichtige Schlüsselereignisse herausgearbeitet werden, die aus DDR-Sicht die Beziehungen zu Frankreich beeinflussten. Im Anschluss werden die besonderen Bemühungen der DDR um die offizielle Anerkennung durch Frankreich beleuchtet: wo lagen die Motive und welchen Effekt zog die Frankreichpolitik nach sich? Danach werden die Absichten der beiden Staaten für die gemeinsamen Beziehungen hinterfragt: waren eher wirtschaftliche oder politische Gründe der Antrieb, die Kontakte ausbauen zu wollen? Im folgenden Abschnitt wird untersucht, wie die DDR auf politischer Bühne mit Frankreich umging: welche Ereignisse haben das Verhältnis positiv oder negativ beeinflusst, und welchen Eindruck hatte man in Ostberlin vom Stand der Beziehungen zu Paris? Darauf folgt eine kurze Darstellung des Frankreichbildes in der DDR-Presse. Das Kapitel schließt mit der Beantwortung der Frage, wie viel persönlichen Austausch zwischen beiden Staaten man von Seiten der DDR aus wirklich akzeptieren wollte.

Der zweite (und kürzere) Teil der Arbeit beschreibt die Ambitionen Frankreichs, eine enge Bindung an die DDR zu suchen. Zunächst werden wieder wichtige Stationen charakterisiert, verbunden mit der Frage, wie bestimmte Ereignisse in Frankreich wahrgenommen wurden. Mit der Frage des Bekenntnisses zum Antifaschismus wird dann ein wichtiger Aspekt erläutert, der die ideologische Annäherung beider Staaten beschreibt. Die Wahrnehmung der DDR in der französischen Öffentlichkeit und der Einfluss der Bundesrepublik auf das Verhältnis zwischen Frankreich und der DDR bilden den Abschluss.

Ulrich Pfeil, der inzwischen als expliziter Kenner der Materie gelten kann, hat 2004 ein neues Standardwerk zur Forschung der Frankreich-DDR-Beziehungen vorgelegt. Auf mehr als 700 Seiten untersucht er ihren besonderen Charakter und unterstreicht dabei die oft ungleichen Erwartungen, mit denen sich beide Partner begegneten.

Dorothée Röseberg hat 1999 mit ihrem Sammelband „Frankreich und ‚Das andere Deutschland’“ eine wertvolle Zusammenstellung von Beiträgen entstehen lassen, die allesamt sehr spezielle Punkte beleuchten, doch aufgrund ihres hohen Informationsgehaltes als zuverlässige Grundlage für Forschungen dienen können.

Die vorliegende Arbeit legt den Schwerpunkt auf die Untersuchung der bilateralen Beziehungen aus Sicht der DDR, doch der Vollständigkeit halber werden wichtige Punkte im Kapitel 3 auch aus französischer Sicht erläutert. Entsprechend erklärt sich auch, wieso vorrangig Literatur aus dem deutschen Sprachraum Verwendung gefunden hat. Darüber hinaus sieht der Literaturbestand mit französischsprachigen Titeln zum Thema ungleich schlechter aus. Abgesehen davon, dass Ulrich Pfeils Sammelband „Die DDR und der Westen. Transnationale Beziehungen 1949-1989“ auch ein Jahr vor der deutschen Veröffentlichung in Asnières mit dem Titel „La République Démocratique Allemande et l´Occident: colloque international“ erschienen ist, wartet die französische Forschung bis heute auf ähnlich ergiebige Veröffentlichungen.

2. Die DDR sucht nach Nähe zu Frankreich

2.1 Frankreichpolitik der DDR – ein Abriss

Nach der Gründung der DDR war ihre Außenpolitik nicht maßgeblich von ihr, sondern vielmehr von der UdSSR fremdbestimmt worden. Die Regierung in Ostberlin hatte sich streng an die offiziellen Vorgaben aus Moskau zu halten. Ulrich Pfeil schreibt dazu, dass die Frankreichpolitik der DDR bis in die 50er Jahre hinein „grundlegend, definitiv und definitorisch von Moskau bestimmt“[1] worden war. Obwohl die DDR-Führung nur in starker Abhängigkeit von der Regierung der Sowjetunion agieren konnte, wähnte sie sich selbst in außenpolitisch absolut freiem Handlungsspielraum[2] und sah den jungen Staat DDR schon in absehbarer Zeit in wichtiger und souveräner Position auf weltpolitischer Bühne.

Dass internationale Kontakte von hoher Bedeutung sind, hatte man schon früh erkannt. Die DDR sah intensive diplomatische Beziehungen als „Allheilmittel zur Erlangung äußerer wie innerer Legitimation“[3] und richtete die Aufmerksamkeit frühzeitig Richtung Westen. Als ab 1959 sozialistische und kommunistische französische Abgeordnete der Nationalversammlung zu Besuchen nach Ostberlin kamen, entstand bei der Regierung der DDR der Eindruck, „als ob sich maßgebliche Kreise Frankreichs zu einem Arrangement mit der DDR bereit fänden“[4]. Doch hier irrte die DDR-Führung, denn zu diesem Zeitpunkt war an intensive Beziehungen oder gar ein Arrangement nicht zu denken. Frankreich konsolidierte gerade seine Beziehungen zur Bundesrepublik, die DDR war allenfalls am Rande interessant.

Ab der Mitte der 70er Jahre gab sich die DDR dann einen vermehrt sicherheits- und friedenspolitischen Anstrich. In regierungsinternen Dokumenten wurde Frankreich als einer der wichtigsten Partner für den europäischen Friedensprozess genannt[5] und man war der Meinung, die „Vertiefungen der Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR“ würden maßgeblich „zur Vertiefung eines Entspannungsprozesses in Europa“[6] beitragen. In sehr kleinen Schritten führten diese Bemühungen die DDR auch schrittweise ihrem Ziel – einer allseitigen Annährung an Frankreich – entgegen.

Doch dass die DDR mit dem Entgegenkommen von französischer Seite nicht umgehen konnte, zeigte sich 1985 beim Besuch von Laurent Fabius in Ostberlin: die DDR-Regierung schickte den Verteidigungsminister Heinz Hoffmann in voller Galauniform zum abendlichen Empfang, was gegenüber der französischen Delegation als Affront gelten musste. Entsprechend des entmilitarisierten Status Berlins durfte sich außer den alliierten Truppen kein Militär in Ostberlin aufhalten. Die französischen Diplomaten reagierten entsprechend und befanden, die DDR habe damit „10 Jahre politischer Vertrauensarbeit ruiniert“[7]. Dieses Beispiel verdeutlicht das Dilemma der Frankreichpolitik der DDR. Im Machtapparat der DDR gab es wenig Spielraum. Beschlüsse wurden von einigen Wenigen im Außenministerium getroffen, dabei handelte sich um willkürliche „pragmatisch geprägte Fall-zu-Fall-Entscheidungen“[8], wie ein ehemaliger DDR-Diplomat berichtet. Der Mangel an Perspektiven und Konzeption mischte sich mit der Furcht, ein zu weiter Vorstoß könne das System gefährden und sei daher eher zu unterlassen.

Letztlich war die DDR-Außenpolitik stets eine Gratwanderung zwischen „östlichen Abhängigkeiten“[9] und „westlichen Herausforderungen“[10]. Die DDR gestaltete sich ihre eigene Realität. Als die gegenseitigen Besuche von Ministern zunahmen, glich die Berichterstattung in der DDR einem Personenkult. Diplomatische Höflichkeiten wurden überinterpretiert und die kleinen Erfolge wirkten betäubend auf die DDR-Führung[11], so dass ihr bald der Sinn für die wahre weltpolitische Lage fehlte. Ulrich Pfeil schreibt zu Erichs Honeckers Besuch 1988 in Paris: „Räumlich wie intellektuell auf Entfernung zu den innenpolitischen Problemen sonnte sich der erste Mann der Partei immer selbstverliebter in dem Blitzlichtgewitter der internationalen Presse und kostete die Empfänge in den westlichen Hauptstädten aus.“[12]

2.2 Bemühungen um die offizielle Anerkennung

Schon früh war die Anerkennungsfrage ein bedeutender Aspekt der Beziehung zwischen Frankreich und der DDR. Ab 1956 legte die Führung der UdSSR eindeutige Prämissen für die DDR-Regierung fest. Angesichts der immensen Fortschritte von Adenauers Westintegration der Bundesrepublik lautete die neue Direktive aus Moskau für Ostberlin: Anerkennung statt Wiedervereinigung.[13] Die DDR sah das Erreichen der diplomatischen Anerkennung durch die westlichen Staaten immer als Kernproblem[14] und war deshalb sehr auf die formale Anerkennung fixiert. Aus diesem Grund hatte Frankreich von Beginn an für die DDR eine weitaus höhere Bedeutung als umgekehrt.

Die DDR konzentrierte sich ab 1970 verstärkt auf Frankreich und wähnte die offizielle Anerkennung in nicht allzu weiter Ferne. Im November gründete man in Ostberlin eine „Arbeitsgruppe Frankreich“[15] mit dem Ziel, bei französischen Schlüsselpersönlichkeiten des öffentlichen Lebens für die DDR zu werben; die Agitationen richteten sich dabei beispielsweise an Edgar Faure, Jean de Broglie, Pierre Sudreau und Georges Gorse. Doch wie legitimierte die DDR ihren Wunsch nach enger Bindung an Frankreich, handelte es sich doch um einen kapitalistischen Staat, der fest in das westliche Bündnissystem integriert war? Hermann Axen schrieb dazu 1970: „Die objektiv existierenden Widersprüche zwischen dem französischen und dem amerikanischen wie dem französischen und dem westdeutschen Imperialismus bleiben weiterhin als günstige Basis für das Streben nach Entwicklung sachlicher Kontakte und Beziehungen der DDR nach Frankreich bestehen.“[16] Verglichen mit dem System der Bundesrepublik und der Vereinigten Staaten war der französische Imperialismus quasi das kleinere Übel und somit als Ziel der Ostberliner Bemühungen geeignet. Man wollte Bindung zum Westen, jedoch ohne zu große Sympathien für das kapitalistische System zu demonstrieren; Frankreich konnte sich qualifizierten, bot es doch die am wenigsten radikale Variante dieses Systems.

[...]


[1] Pfeil, DDR und Frankreich, S. 213.

[2] Vgl. Pfeil, Die „anderen“ Beziehungen, S. 162.

[3] Pfeil, Einleitung, S. 17.

[4] „Pankows Bemühungen um Kontakte mit Frankreich“, in: Neue Züricher Zeitung vom 08.09.1960, zitiert nach Pfeil, DDR und Frankreich, S. 217.

[5] Vgl. Meyer zu Natrup, Beziehungen, S. 29.

[6] Neues Deutschland vom 07./08.01.1976, zitiert nach: Meyer zu Natrup, Beziehungen, S. 21.

[7] Meyer zu Natrup, Beziehungen, S. 39.

[8] Schrader, Ausbildungsweg, S. 388.

[9] Pfeil, Die „anderen“ Beziehungen, S. 22.

[10] Ebd., S. 24.

[11] Vgl. Pfeil, Die „anderen“ Beziehungen, S. 633.

[12] Ebd., S. 634.

[13] Vgl. Pfeil, DDR und Frankreich, S. 214.

[14] Vgl. Meyer zu Natrup, Beziehungen, S. 15.

[15] Vgl. Pfeil, DDR und Frankreich, S. 230.

[16] Hermann Axen, 1970, zitiert nach Leo, Das bessere Deutschland.

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638526722
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58500
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Romanistik
Note
1,3
Schlagworte
Beziehungen Frankreich Wahrnehmung Wirklichkeit Seiten Proseminar Republik Politische Entwicklung

Autor

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Titel: Die politischen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR. Wahrnehmung und Wirklichkeit auf beiden Seiten