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Theorie des Spiels / Spieltheorien

von Johanna Klugkist (Autor) Christina Lücht (Autor)

Hausarbeit 2006 25 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorien des Spiels
Die spielerische Dynamik nach Buytendijk (1933)
Das Spielelement der Kultur nach Huizinga (1938)
Der Ursprung der Freiheit im Spiel nach Bally (1945)
Definition und Einteilung der Spiele nach Caillois (1958)

3 Eigener Definitionsansatz

4 Das Verhältnis von Spielen und Lernen
Das Lernen
Unterschiede zwischen Spielen und Lernen
Zur Problematik der Lernspiele

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Was ist Spiel? Auf dem ersten scheint diese Frage leicht zu beantworten zu sein. Allerdings verbirgt diese Begrifflichkeit einen komplexen Handlungsbereich. Die Definition des Spiels stellt keine leicht zu lösende Aufgabe dar, was sich allein aus der Vielzahl der Ausarbeitungen vieler Geisteswissenschaftler ableiten lässt.

In unserer Hausarbeit wollen wir uns mit den Theorien des Spiels beschäftigen und ausgewählte umfassend darstellen. Dabei werden wir das Spiel aus allgemeinpädagogischer Sicht beleuchten und nur am Rande auf praktische Aspekte des Spiels in der Schule eingehen.

Zu Beginn der Ausarbeitung stellen wir die Theorieansätze Buytendijks, Huizingas, Ballys und Caillois' dar, wie sie in dem Werk "Das Spiel – Theorien des Spiels" von Hans Scheuerl (1991) dargestellt sind.

Darauf folgend entwerfen wir eine eigene Definition des Spiels mit den für uns wichtigen und relevanten Aspekten. Dabei werden wir teilweise auf die Theorieansätze des ersten Abschnitts eingehen.

Im vorletzten Punkt gehen wir auf das Spiel im Verhältnis zum Lernen ein. Wir erörtern dabei die Unterschiede zwischen Spiel und Lernen sowie mögliche Schwierigkeiten und Chancen von Lernspielen. Dabei beziehen wir uns in der ersten Hälfe überwiegend auf Hans Scheuerl "Das Spiel – Untersuchungen über sein Wesen, seine pädagogischen Möglichkeiten und Grenzen" (1990) und im zweiten Abschnitt hauptsächlich auf Jürgen Fritz' Werk "Theorie und Pädagogik des Spiels" (1991).

In dem abschließenden Fazit werden wir die wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Ausarbeitung nochmals zusammentragen.

2 Theorien des Spiels

Scheuerl stellt in seinem Werk unterschiedliche Theorieansätze zum Spiel vor. Im Folgenden sollen die Ansätze von Buytendijk, Huizinga, Bally, Caillois dargestellt werden.[1]

2.1 Die spielerische Dynamik nach Buytendijk (1933)

Buytendijk ist der Auffassung, dass das Wesen des Spiels aus dem Wesen des Jugendlichen herrührt. Dieser Jugendliche hat nach Buytendijk die beiden Wesenseigenschaften „Ungerichtetheit“ und „Bewegungsdrang“, die er zu der Eigenschaft der „Instabilität“ zusammenfasst, woraus eine spezielle Beziehung des Jugendlichen zu seiner Umgebung resultiert.

Diese Beziehung wird von Buytendijk als pathische Einstellung bezeichnet. Im Gegenteil zu „gnostisch“ bedeutet „pathisch“ in diesem Zusammenhang, dass das Jungendliche seine Umwelt nicht „greift“, sondern selbst von dieser „ergriffen“ wird. Er kann die Kontrolle über das Spielobjekt weder vollkommen übernehmen noch ist er völlig ohne Einflussmöglichkeit. Der Spieler trifft somit auf Resonanz, die auf seine Bewegungen reagiert und ihn zu weiteren Aktivitäten anreizt. Diese pathische Einstellung zieht nach sich, dass viele Merkmale des Jugendlichen wie „Neigung zum Tanzen, das Folgen und Nachahmen von Bewegungen toter und lebender Gegenstände“[2] entstehen.

Buytendijk sieht als wesentliches Merkmal der jugendlichen Dynamik die Schüchternheit in Bezug auf ihm Fremdes an. Das Jugendliche wendet sich zum Fremden hin und will gleichzeitig zum Bekannten zurück (doppelseitige Beziehung). Als Ursprung dieser ambivalenten Haltung sieht Buytendijk die Geburt, in der das Kind sich von der Mutter löst, wodurch eine Tendenz des „Zurück“ entsteht und sich „hin“ zu einer neuen Lebensgemeinschaft begibt.

Nach Buytendijk führt die bis eben skizzierte Dynamik das Individuum in den Bereich des Spiels, auf welchen im Folgenden weiter eingegangen werden soll, indem der Autor versucht, in das Wesen des Spiels einzusehen. Dies soll geschehen, indem das Spiel von anderen Handlungen abgegrenzt wird.

Anders als Groos, welcher zum Beispiel das Tanzen der Mücken als einfache Bewegungsspiele ansieht, sieht Buytendijk diese nicht als Spiele an, seien sie auch lustbetont, da sie ohne einen Gegenstand oder einen Mitspieler stattfinden. Sie werden von ihm als lustbetonte Körperübungen, Sport und Tanz eingestuft. Ein weiterer Unterschied zwischen dem Spiel und den lustbetonten Körperbewegungen ist, dass das Spiel sich entwickelt, wobei die einfachen Bewegungen von Anfang bis zum Ende gleicher Gestalt sind. Beim Versuch der Abgrenzung des Spiels von der Ernstbetätigung weist Buytendijk darauf hin, dass das Kind nicht selten das Spiel als etwas sehr ernstes ansieht. Neben den einfachen lustbetonten Bewegungen grenzt Buytendijk das Spiel zudem noch von der Arbeit ab, welche sich nach ihm prinzipiell von allen lustbetonten Tätigkeiten unterscheidet.

Zudem sieht Buytendijk jede Art von Fixierung, wie sie zum Beispiel beim Übergang vom Spielen mit dem Ball zum Sport stattfindet, und jegliche Unfreiheit als spielhemmend an.

Des Weiteren konkretisiert Buytendijk das Spiel als eine Tätigkeit, welche kein außerhalb liegendes Ziel besitzt und somit in sich endlos ist, da es dem jugendlichen Bewegungsdrang an sich entspringt, der als in sich zurückkehrende Bewegung auftritt und somit den Grundsatz der Wiederholung in sich birgt und einen Zusammenhang zur Rhythmik aufweist.

Im Anschluss daran entwickelt Buytendijk eine Triebtheorie, die besagt, dass alle Strebungen eines Individuums auf einen Befreiungs- und einen Vereinigungstrieb zurückzuführen und diese auch im Spiel in verbundener Form wieder zu erkennen sind.

Bestimmendes Merkmal eines Spiels ist seiner Ansicht nach ein Hin und Her, das sowohl zwischen den Spielern als auch zwischen einem Spieler und einem Spielzeug ablaufen kann. Ein Hin und Her zwischen Spieler und Spielzeug entwickele sich zum Beispiel, wenn man einen Ball immer wieder an eine Wand wirft und ihn wieder auffängt und ihn wieder an die Wand wirft. Hierbei weist Buytendijk auf die allgemeine Bedeutung der Ungewissheit und Überraschung hin, die entsteht, weil der Gegenstand oder der Mitspieler selbst dynamische unvorhersehbare Eigenschaften besitzen. Einer spielt also nicht nur mit etwas, sondern etwas spielt auch mit dem Spieler.

Damit das Spiel funktionieren kann braucht es Spielregeln, die die Hin- und Herbewegung gewährleisten. Buytendijk hält jedoch fest, dass die Spielregeln keinesfalls einschränkend wirken sollen, indem sie nicht vorgeben, was geschehen soll, sondern was nicht geschehen soll.

In Bezug auf das Liebesspiel, welches nach Buytendijk das „reinste Beispiel aller Spiele“[3] darstellt, erläutert er das für ihn allgemeinste Wesensmerkmal des Spieles: Die Abwechslung von Spannung und Lösung. Er geht sogar soweit, dass er die zuvor beschriebenen Funktionen wie das Hin und Her oder die Rhythmik einzig als Mittel dafür ansieht, um die Abwechslung von Lösung und Spannung herbeizuführen. Im Liebesspiel, wie auch in anderen Spielen wird eine Distanz und somit gleichzeitig eine Spannung hergestellt, auf die das Zurückfinden und die Lösung in Form der damit einhergehenden Empfindung folgt.

Abschließend befasst sich Buytendijk mit der Frage, was etwas zu einem Spielobjekt bestimmt. Er geht davon aus, dass ein Gegenstand nur insofern ein Spielobjekt sein kann, wenn er für den Betrachter Bildhaftigkeit besitzt. So kann durch die Bildhaftigkeit auch jedes Objekt eine andere Bedeutung für verschiedene Individuen besitzen. Das Objekt entwickelt sich durch das Hin und Her im Laufe des Spiels als Spielobjekt.

Ein besonders beliebter Spielgegenstand ist „das lebende oder scheinbar lebende Ding“[4], wobei das Spielen mit Artgenossen eine höhere Form des Spiels darstellt, da die unterschiedlichen Bewegungen des Gegenüber verstanden und richtig interpretiert werden müssen.

Buytendijk sieht das Spiel als einen immens wichtigen Vorgang bei allen Individuen an, die zur Erfassung konkreter Objekte der Umwelt veranlagt sind. Das Spiel ist bedingt durch die oben beschriebenen Wesensmerkmale des Jugendlichen und Merkmale wie der Drang nach Selbstständigkeit und Bindung mit der Umwelt äußern sich in diesem.

2.2 Das Spielelement der Kultur nach Huizinga (1938)

Huizinga beschreibt das Spiel als einen sehr weit gefassten Begriff, wobei das Kinderspiel nur als eine Erscheinungsart des Spiels gilt.

Für ihn besteht ein wichtiger Zusammenhang zwischen Spiel und Kultur. Er geht davon aus, dass das Spiel zeitlich vor der Kultur in Erscheinung trat. Spiel ist ohne menschlichen Einfluss auch bei den Tieren beobachtbar und benötigt den Menschen somit nicht. Bei der Beobachtung von Tieren fällt auf, dass sie bereits die wichtigsten Grundzüge des Spiels beachten: Einhaltung von Regeln und Ritualen sowie das Vergnügen und Spaß am Spiel. Die Kultur hingegen setzt die menschliche Gesellschaft voraus und entwickelt sich aus dem Spiel. Der Zusammenhang zwischen Spiel und Kultur besteht nun darin, dass die Kultur im Spiel zum Ausdruck kommt. Im Fremdwörterlexikon wird Kultur als „Gesamtheit der geistigen u. künstler. Ausdrucksformen eines Volkes“ oder auch als „geistige u. seelische Bildung, verfeinerte Lebensweise, Lebensart“[5] definiert. Huizinga vertritt somit die Ansicht, dass im Spiel des Menschen seine Kultur, also seine Bildung und sein Lebensstil zum Ausdruck kommt.

Huizinga beschreibt zwei Stufen des Spiels: die Grundzüge des Spiels, die sich auf Regeln, Rituale, Vergnügen und Spaß beziehen, machen die einfache Stufe des Spiels aus. Die höhere Stufe hingegen meint Wettkämpfe und Vorführungen.

Spiel ist nach Huizinga nicht einfach eine rein biologische oder physische Betätigung. Er beschreibt das Spiel als eine sinnvolle Beschäftigung, in welchem etwas mitspielt, „was über den unmittelbaren Drang nach Lebensbehauptung hinausgeht und in die Lebensbetätigung einen Sinn hineinlegt“[6]. Kein Spiel ist somit bedeutungslos, da es wegen etwas anderem stattfindet und „irgendeiner biologischen Zweckmäßigkeit“[7] dient. Die Besonderheit des Spiels liegt laut Huizinga in seiner Intensität. Diese Intensität kann durch keine biologische Analyse oder logische Interpretation erklärt werden und macht somit das Wesen des Spiels aus.

Die Ernsthaftigkeit des Spiels wird von Huizinga nicht infrage gestellt. Etwas Ernstes steht nicht unmittelbar in Verbindung mit dem Spiel, Spiel kann aber ernsthafte Elemente beinhalten. Da das Spiel schwer von anderen Formen des Lebens wie dem Ernst abgegrenzt werden kann, ordnet Huizinga dem Spiel vier Kennzeichen zu:

1. Freiheit

„Alles Spiel ist zunächst und vor allem ein freies Handeln“[8], da das gezwungene Spiel nicht mehr als Spiel bezeichnet werden kann. Huizinga beschreibt das Spiel bei kleinen Kindern oder jungen Tieren nicht als eine Instinkthandlung, die also dazu befohlen sind zu spielen. Vielmehr spielen Kinder und Tiere aus Vergnügen daran, also aus der freien Entscheidung.

[...]


[1] Vgl. Scheuerl 1991, S. 131-165

[2] Scheuerl 1991, S.135

[3] Scheuerl 1991, S. 140

[4] Scheuerl 1991, S. 142

[5] Wahrig-Burheind 2004, S. 536

[6] Scheuerl 1991, S. 143

[7] Scheuerl 1991, S. 143

[8] Scheuerl 1991, S. 144

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638526692
ISBN (Buch)
9783638736084
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58497
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultuät
Note
1,0
Schlagworte
Theorie Spiels Spieltheorien Unterricht Planung Reflexion

Autoren

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