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Johann Christoph Adelung, Sprachkritiker im 18. Jahrhundert

Hausarbeit 2006 35 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Sprachkritik im 18. Jahrhundert

3. Biografie Adelungs

4. „Was ist Hochdeutsch?“
4.1 Der Sprachenstreit
4.2 Adelungs Definition des Hochdeutschen

5. Adelung als Grammatiker

6. Grammatisch-Kritisches Wörterbuch

7. Fazit

8. Literatur

1. Einleitung

„Denn wir armen Deutschen, die wir schon mit Einquatierungen,

Militärpflichten, Kopfsteuern und tausenderlei Abgaben genug geplagt sind,

wir haben uns noch obendrein den Adelung aufgesackt und

quälen uns einander mit dem Akkusativ und Dativ.“ (Heine)[1]

Denkt man an das 18. Jahrhundert als sprachgeschichtliche Epoche, dann kommen meist zuerst Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller in den Sinn. Doch nicht nur in der Literatur wurden wichtige Werke geschaffen, sondern auch in linguistischer Hinsicht. Für Schiewe ist das 18. Jahrhundert sprachgeschichtlich gesehen das bedeutsamste: “In keiner anderen Phase der deutschen Sprachgeschichte gab es so viele Veränderungen der Sprache, so viele Eingriffe prinzipieller Natur.“[2] Viele der Neuerungen in der deutschen Sprache ergaben sich durch die Debatte, was als Hochdeutsch anzusehen sei und durch die Bemühungen, eine deutsche Einheitssprache zu schaffen. Damit einher ging die Diskussion um die Verbannung von Fremdwörtern aus der deutschen Sprache. Diese hing eng zusammen mit der politischen Entwicklung in dieser Epoche. Der Absolutismus wurde langsam abgelöst vom Zeitalter der Aufklärung. Der Einfluss Frankreichs verringerte sich und die Gesellschaft begann umzudenken. Die Vernunft des Menschen bekam eine immer größere Bedeutung.

Deutschland war politisch wie sprachlich in viele Teile gespalten und der Wunsch nach Einheit wurde in der Gesellschaft immer größer. Die Sprachwissenschaft gab ihren Teil zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung in diesem Jahrhundert hinzu durch das Bestreben um eine deutsche Normsprache.

Einen großen Beitrag dazu lieferten die Grammatiker und Sprachkritiker dieser Zeit und unter ihnen vor allem Johann Christoph Adelung. Bereits zu Lebzeiten und auch darüber hinaus wurde er immer wieder kritisch betrachtet. Nicht immer sind Adelungs Ausführungen sofort einleuchtend, aber seine Werke hatten großen Einfluß auf alle nachfolgenden Sprachkritiker und Grammatiker. Jellinek schrieb über ihn: „Adelungs Schriften gleichen einem seichten trüben Gewässer; aber der Schlamm birgt Goldkörner.“[3] Obwohl es viele Werke über seine Arbeit gibt, ist seine Bedeutung für die Linguistik bis heute nicht klar definiert. Ein wichtiges Werk über sein gesamtes Schaffen schrieb Margrit Strohbach 1984 . Mit Adelungs grammatischen Abhandlungen beschäftigten sich besonders Max Hermann Jellinek und Bernd Naumann. Das Grammatisch-kritische Wörterbuch wurde besonders von Helmut Henne untersucht. Die vorliegende Arbeit nutzt die genannten Werke als Basisliteratur. Daneben sind viele Artikel über einzelne Aspekte Adelungs erschienen.

In der vorliegenden Arbeit soll ein Einblick in das Schaffen des Sprachkritikers Adelung gegeben werden. Dabei liegt der Fokus nicht auf einer vollständigen Analyse, sondern auf der Untersuchung ausgewählter Gesichtspunkte: Sein biografischer Hintergrund, die Debatte um die Frage „Was ist Hochdeutsch?“, seine Arbeit als Grammatiker und sein Grammatisch-kritisches Wörterbuch. Um diese Bereiche besser einordnen zu können, wird zunächst eine Übersicht über die Sprachkritik des 18. Jahrhunderts gezeigt.

Adelung wird häufig als bedeutendster Sprachkritiker und Wörterbuchautor seiner Zeit genannt. Ob er diesem Anspruch gerecht wird und mit seinem Werk, wie oft behauptet, einen Meilenstein für nachfolgende Generationen in der Sprachwissenschaft setzte, soll in dieser Arbeit hinterfragt werden.

2. Sprachkritik im 18. Jahrhundert

Das 18. Jahrhundert ist für die Geschichte der deutschen Sprache eine wichtige Epoche. In diesem Jahrhundert gab es viele Veränderungen und Neuerungen in der deutschen Sprache. Es wurden Normen und Prinzipien für die Sprache gesetzt, die teilweise noch bis heute Gültigkeit haben.[4] Zu diesen Veränderung trug Johann Christoph Adelung wesentlich bei. In diesem Kapitel wird ein kurzer Einblick in die Sprachkritik dieser Epoche gegeben und damit der Hintergrund für die Arbeit Adelungs beschrieben.

Das 18. Jahrhundert brachte nicht nur einschneidende Veränderungen in Bezug auf die Sprache. Es war insgesamt eine Epoche des Wandels, geprägt durch den Absolutismus und die Aufklärung. Kennzeichnend für den Absolutismus war die Alleinherrschaft des Monarchen. Die Länderfürsten regierten mit Hilfe eines hierarchischen Beamtensystems, das in viele Bereiche des täglichen Lebens eingriff. Das Ständesystem wurde zwar aufgehoben, trotzdem blieben der Adel und die Geistlichen priviligiert und das Bürgertum hatte wenig politische Macht.[5] Aus Frankreich gelangte die geistige Strömung der Aufklärung nach Deutschland. Das im Mittelalter durch die Kirche geprägte christliche Weltbild wurde in Frage gestellt und die menschliche Vernunft rückte in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auf Traditionen beruhende Institutionen wurden angezweifelt.[6] Die Änderungen in der Denkweise der Menschen und das in Frage stellen von alt Hergebrachtem gaben auch Impulse für die deutsche Sprache. Die im vorherigen Jahrhundert enstandenen Sprachgesellschaften wie die ‚Fruchtbringende Gesellschaft’, wollten die deutsche Sprache stärken u.a. durch die Vermeidung von Fremdwörtern. Der Trend zur konsequenten Eindeutschung vieler Begriffe nahm im 18. Jahrhundert etwas ab.[7] Es wurde vor allem in der Wissenschaft mehr Wert auf die Herausbildung einer deutschen normierten Einheitssprache gelegt und darauf, diese einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.[8]

In der vorherrschenden Gesellschaftsordnung gab es starke sprachliche Unterschiede zwischen den einzelnen Schichten. Sprache wurde als „Standessymbol und Standessymptom“ vorallem in der gesprochenen Sprache auf verschiedene Weise eingesetzt. Die oberen Schichten wollten sich zwar durch eine kultiviertere Sprache vom gemeinen Volk abheben, viele verfielen bei der gesprochenen Sprache jedoch wieder in ihre regionalen Dialekte.[9]

Aus Sicht der Sprachkritik lässt sich das 18. Jahrhundert mit drei zentralen Begriffen umschreiben: Wissenschaft, Norm und Öffentlichkeit. In der ‚Wissenschaft’ war Latein die einzige Sprache, in der veröffentlicht wurde, woraus sich eine Sprachtrennung zwischen Laien und Gelehrten ergab. Zur gleichen Zeit wurde versucht, eine ‚Norm’ für eine deutsche Einheitssprache zu entwickeln. Die politische Zerteilung des deutschsprachigen Raumes zeigte sich auch in den verschiedenen Dialekten, die gesprochen wurden.[10] Es sollte eine einheitliche Sprache entstehen, „ um Wissenschaft und Technik, aber auch die sittlich-moralische Entwicklung des Volkes zu fördern“.[11] Eine auf ‚Öffentlichkeit’ fußende Gesellschaftsform sollte entstehen[12], „in der sich die deutsche Sprache ohne Einschränkungen der Kommunikationsbedingungen ausbilden könnte.“[13] Im Folgenden wird näher auf die Aspekte ‚Wissenschaft’ und ‚Öffentlichkeit’ eingegangen.

Da die Wissenschaftssprache Latein war, war es nur Gelehrten möglich, neue Publikationen zu verstehen oder an Lehrveranstaltungen teilzunehmen. Erst der Jurist Christian Thomasius brachte eine Veränderung in diese Kluft zwischen Gelehrten und Laien. Er hielt 1687 an der Universität Leipzig als Erster eine Vorlesung in deutscher Sprache und löste damit einen Skandal aus. Die Konsequenz für ihn war ein Lehr- und Publikationsverbot in Leipzig.[14] Daraufhin ging er 1694 an die Universität nach Halle, an der ein halbes Jahrhundert später auch Adelung studierte[15], und konnte dort auf Deutsch lehren und publizieren.[16] Er brachte mit seiner Initiative eine Reform der Universitäten auf den Weg, innerhalb der sie eine neue Rolle in Staat und Gesellschaft bekommen sollten. Wissenschaft sollte ein Teil der Gesellschaft werden. Latein sollte nicht mehr die Sprache sein, die die Wissenschaft beherrscht und unnötig verkompliziert. Außerdem sollte damit die Vorherrschaft der katholischen Kirche in der Wissenschaft beendet werden.[17]

Diese Einstellung von Thomasius ist ein deutliches Zeichen für die Epoche der ‚Aufklärung’. Der zentrale Aspekt dabei war, dass die menschliche Vernunft wichtiger sei, als das von der Kirche im Mittelalter vorgegebene Weltbild. Der Mensch sei in der Lage zur Erkenntnisfähigkeit und könne sich selber ständig weiterentwickeln. Dadurch entstand ein gesteigertes Interesse an Erziehung und Bildung in der Gesellschaft. Diese sollten auch einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden, der bereits als wichtiger Begriff des 18. Jahrhunderts erwähnten ‚Öffentlichkeit’.[18]

Der Sprachkritiker Gottfried Wilhelm Leibniz äußerte sich ebenfalls mit aufklärerischen Gedanken, indem er behauptete, es liege in der Macht des Volkes, etwaige Missstände in der Gesellschaft abzuschaffen. Nach seinem Grundsatz könne Erziehung alles überwinden. Leibniz wollte einem größeren Publikum als bisher die Wissenschaft nahe bringen, um dadurch eine Besserung für Kultur und Sprache zu erreichen. Er erwähnte zwar nicht explizit den Begriff ‚Öffentlichkeit’, aber seine Überlegungen weisen in diese Richtung.[19] Dabei gehörten zu seiner Zielgruppe nicht nur Gelehrte und der Adel sondern auch Hof- und Weltleute und, für diese Zeit sehr fortschrittlich, auch Frauen. Einzig den ‚gemeinen Mann’ schließt er aus seinen Überlegungen aus. Dieser habe nur Interesse an Essen, Trinken und Kartenspiel.[20] Auch der Sprachkritiker Johann Christoph Gottsched wollte im Sinne der Aufklärung dem Volk Zugang zu Wissen und Bildung ermöglichen und dies könne nur durch die Muttersprache gelingen.[21]

Insgesamt lässt sich im 18. Jahrhundert eine Tendenz zu einer stärkeren Bedeutung der Öffentlichkeit erkennen. Bildung sollte einem größeren Teil der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Der Gebrauch der deutschen Sprache sollte in allen Bereichen des Lebens, auch in der Wissenschaft, normalisiert werden.

Johann Christoph Adelung lebte und arbeitete in dieser Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs. Im nächten Kapitel wird auf wichtige Ereignisse in seinem Leben eingegangen, die als Hintergrundinformation für seine Ansichten in der Sprachwissenschaft dienen.

3. Biografie Adelungs

Johann Christoph Adelung wurde am 8. August 1732 in Spantekow im heutigen Mecklenburg-Vorpommern als Pfarrerssohn geboren. Er besuchte die Schule im nahe gelegenen Anklam und später ein auf Sprachen ausgerichtetes Gymnasium. 1752 begann er sein Theologiestudium in Halle. Dort stand einer seiner Dozenten in der Tradition von Christian Thomasius, der dort, wie bereits erwähnt, ebenfalls gelehrt hatte. Er studierte also an einer Universität, an der schon früh auf die Problematik Deutsch als Wissenschaftssprache zu etablieren, aufmerksam gemacht wurde. Möglicherweise hatte dies bereits Einfluss auf seine Sichtweise der deutschen Sprache.

Bereits zu Beginn des Studiums veröffentlichte Adelung seine ersten Schriften. Ob er sein Studium erfolgreich abschloss, ist nicht eindeutig nachgewiesen. Von 1758 bis 1762 arbeitete er am Ratsgymnasium in Erfurt. Die Gründe für sein Entlassungsgesuch und sein Ausscheiden dort sind unklar. Auch die Zeit danach bis 1765 ist nicht eindeutig belegt. Eine Quelle besagt, er habe in Leipzig gearbeitet, eine andere besagt, er sei in dieser Zeit Bibliothekar in Gotha gewesen. Sicher ist, dass er seit 1765 in Leipzig lebte und als Korrektor und Übersetzer für diverse Arbeitgeber arbeitete.[22] 1766 bekam er von dem Verleger Breitkopf, den Auftrag ein Wörterbuch zu verfassen. Er sollte die Arbeit des im gleichen Jahr verstorbenen Johann Christoph Gottsched weiterführen. 1774 erschien der erste von fünf Bänden des „Versuchs eines vollständigen grammatisch-kritischen Wörterbuchs Der Hochdeutschen Mundart mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen“.[23] Auf die Wörterbucharbeit Adelungs wird in Kapitel 6 ausführlicher eingegangen.

Neben seiner Wörterbucharbeit veröffentlichte er zahlreiche andere Schriften u.a. „Über den Ursprung der Sprache und den Bau der Wörter, besonders der hochdeutschen Mundart“ (1781), „Umständliches Lehrgebäude“ (1782) und von 1782 bis 1784 die Zeitschrift „Magazin für die Deutsche Sprache“.[24] In dieser Zeitschrift veröffentlichte er auch immer wieder Aufsätze zum Thema Hochdeutsch. 1782 leitete er die Diskussion darüber mit dem Artikel „Was ist Hochdeutsch?“ ein.[25] Auf seine Definition und die Diskussion in dieser Zeit gibt Kapitel 4 noch näher Auskunft.

[...]


[1] Heine, Heinrich (1826) zitiert nach: Haß-Zumkehr, Ulrike (2001), S. 106.

[2] Schiewe, Jürgen (1998), S. 66.

[3] Jellinek, Max Hermann (1968), S. 335.

[4] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 66.

[5] Vgl. Müller, Helmut M. (2002), S. 114.

[6] Vgl. ebd., S. 126.

[7] Vgl. König, Werner (1994), S. 106.

[8] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 9.

[9] Vgl. von Polenz (1994), S. 201.

[10] Siehe Kapitel 4

[11] Haß-Zumkehr, Ulrike (2001), S.89

[12] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 68.

[13] Ebd., S. 68.

[14] Ebd., S. 80f.

[15] Vgl. Strohbach, Margrit (1984), S. 3

[16] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 83.

[17] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 81ff.

[18] Vgl. Müller, Helmut M. (2002), S. 126f.

[19] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 73.

[20] Vgl. ebd., S. 69.

[21] Vgl. ebd., S. 128.

[22] Vgl. Strohbach, Margrit (1984), S.3f.

[23] Vgl. Haß-Zumkehr (2001), S.105f.

[24] Vgl. Strohbach, Margrit (1984), S. 5.

[25] Vgl. Schiewe, Jürgen (1998), S. 98.

Details

Seiten
35
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638526364
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58442
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Johann Christoph Adelung Sprachkritiker Jahrhundert

Autor

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