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Gewalt in der Schule

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 26 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung und Problemstellung

2. Deskription
2.1 Definition von Aggression und Gewalt
2.2 Der typische Gewalttäter und das typische Gewaltopfer
2.3 Klassifikation nach ICD

3. Ursachen aggressiven Verhaltens und Erklärungsansätze
3.1 Mehr- Ebenen- Mehr- Faktoren- Modelle
3.2 Determinanten der Gewalt im Schulkontext

4. Prävention und Intervention
4.1 Präventionsmaßnahmen auf den verschiedenen Ebenen des Schulkontextes
4.2 Das „Olweus Programm“

5. Zusammenfassung

6. Literatur

1.Einleitung und Problemstellung

Das Thema Gewalt ist heute zunehmend präsent in den Medien. Sei es die Berichterstattung über rassistische Übergriffe oder Massaker an Schulen. Das Thema Gewalt hat Hochkonjunktur. Inwieweit Dramatisierung und Sensationalisierung bei der medialen Aufarbeitung eine Rolle spielen soll bei dieser einleitenden Betrachtung ausgeklammert bleiben.

Auch in dem Seminar „Gefährdete Jugendliche“, welches im Sommersemester 2000 an der Universität Mannheim unter der Leitung von Prof. Dr. Hofer abgehalten wurde, spielte der Themenbereich Gewalt/Aggression in vielen Fällen eine Rolle.

In dieser Hausarbeit möchte ich zuerst versuchen eine Definition von Aggression und Gewalt vorzunehmen. Weiterhin stellt sich die Frage nach Risiko- und Schutzfaktoren für gewalttätiges Verhalten, bzw. es soll der Frage nachgegangen werden, welche Modelle für die Erklärung gewalttätigen Verhaltens angemessen sein können.

Weiterhin werde ich verschiedene Interventions- und Präventionsansätze darstellen und exemplarisch das Olweus Programm näher beschreiben.

2. Deskription

2.1 Definition von Gewalt und Aggression

Beginnen möchte ich mit einer inhaltlichen Klärung der Begriffe Gewalt und Aggression.

Aggression kann sowohl positive, als auch negative Verhaltensmuster bezeichnen. Remschmidt (1990) definiert Aggression als „Fähigkeit von Menschen zur Aktivität und zur Kontaktlust, die sich in den verschiedensten Formen der Selbstbehauptung bis hin zur Grausamkeit ausdrücken kann“. Diese Definition impliziert also eine Unterscheidung zwischen konstruktiver (z.B. Selbstbehauptung oder Durchsetzungsvermögen) und destruktiver (z.B. Grausamkeit gegenüber Mitmenschen) Aggression. Laut Parens (1993) ist die destruktive Aggression nicht spontan, sondern von Erfahrungen abhängig. Sie entsteht als Reaktion auf starke Unlust und Frustrationserlebnisse und geht mit heftigen negativen Affekten einher. Diese Form der Aggression wird als Frustrationsaggression bezeichnet. Winkel (1993) nennt aber auch eine spontane Aggressionslust, die gesehen wird, als ein Versuch die individuellen Grenzen „auszukundschaften“. Diese Form der Aggression kann durchaus destruktiv ausfallen.

Eine weitere Grundlage der Unterscheidung aggressiven Verhaltens kann hinsichtlich der Motivation, bzw. der Funktionalität vorgenommen werden. Hier läßt sich z.B. die Erlangungsaggression nennen, bei der Aggression instrumentalisiert wird um ein bestimmtes Ziel (z.B. Aufmerksamkeit) zu erreichen.

Schließlich wäre noch die Abwehraggression zu nennen, die instrumentell die angstauslösenden Situationsreize eliminieren will.

Petermann & Petermann (1994) differenzieren Aggression wie folgt:

- offen gezeigte versus verdeckte Aggression
- körperliche versus verbale Aggression
- aktiv – ausübende versus passiv- erfahrene Aggression
- direkte versus indirekte Aggression
- nach außen gewandte versus nach innen gewandte Aggression

In vielen Veröffentlichungen werden die Begriffe Gewalt und Aggression heute synonym gebraucht. Dies möchte ich auch im Rahmen dieser Hausarbeit beibehalten. Denn unter beiden Begriffen wird größtenteils ein Verhalten verstanden, welches intentional auf die Schädigung einer Person oder Sache ausgerichtet ist.

Es gibt aber auch Autoren, die zwischen Aggression und Gewalt unterscheiden. Während gewisse aggressive Verhaltensweisen durchaus positiv bewertet werden können, ist der Begriff Gewalt mit einer eindeutig negativen Konnotation behaftet. Hurrelmann & Palatien (1995) subsumieren unter dem Begriff Gewalt „alle Formen aggressiver Handlungen unter und zwischen Menschen sowie gegen Sachen, die in direkter oder indirekter Weise auf eine Schädigung abzielen“. Bründel & Hurrelmann (1994) unterscheiden Gewaltphänomene zwischen Individuen folgendermaßen:

1. Physische Gewalt
2. Verbale Gewalt
3. Sexuelle Gewalt
4. Frauenfeindliche Gewalt
5. Rassistische Gewalt

2.2 Der typische Gewalttäter und das typische Gewaltopfer

Nach der begrifflichen Klärung sei nun die Frage gestellt, was einen typischen Gewalttäter bzw. ein typisches Gewaltopfer charakterisiert ?

Olweus (1973a, 1981a, 1984) charakterisiert den typischen Gewalttäter wie folgt:

Er oder sie zeichnet sich aus durch ein aggressives Reaktionsmuster, Impulsivität, sowie ein starkes Bedürfnis über andere Macht auszuüben. Gewalttäter haben meist wenig Mitgefühl mit Opfern von Gewalt. Im Falle von männlichen Gewalttätern sind sie körperlich stärker als Jungen allgemein und stärker als ihre Opfer. Außerdem gibt es passive Gewalttäter, die bei Gewalttätigkeiten mitmachen, aber gewöhnlich nicht die Initiative ergreifen.

Das typische passive Gewaltopfer hingegen ist ängstlicher und unsicherer als seine Mitmenschen. Es ist oft vorsichtig, empfindsam und still. Bei Angriffen reagiert es meistens mit Weinen und Rückzug. Sie betrachten sich oft als Versager und empfinden sich als dumm, wenig attraktiv und schämen sich. Sind es Jungen sind sie meist körperlich schwächer als andere Jungen. Äußerlichkeiten, wie z.B. Fettleibigkeit, Brille, usw. sind vernachlässigbar. Die eindeutig kleinere Gruppe von Opfern besteht aus den provozierenden Opfern. Diese zeichnen sich durch eine Kombination von ängstlichen und aggressiven Reaktionsmustern aus. Sie haben häufig Konzentrations-probleme und verhalten sich in einer Weise, die Spannungen und Ärger in ihrer Umgebung verursachen kann. Ihr Verhalten kann provozierend wirken und negative Reaktionen hervorrufen.

2.3 Klassifikation nach ICD 10

Nach dieser kurzen Beschreibung soll nun versucht werden, gewalttätiges Verhalten von Kindern und Jugendlichen, nach klinischen Kriterien zu kategorisieren.

Im ICD 10 werden aggressive Verhaltensweisen mit Beginn in der Kindheit und Adoleszenz zu den „Störungen des Sozialverhaltens (F91)“ zusammengefaßt. Das Hauptmerkmal der Störung des Sozialverhaltens ist ein sich wiederholendes und durchgängiges Verhaltensmuster, bei dem die grundlegenden Rechte anderer Menschen, sowie wichtige altersentsprechende soziale Normen verletzt werden. Diese Verhaltensweisen können in vier Gruppen eingeteilt werden:

- aggressives Verhalten, bei dem anderen Menschen oder Tieren
Verletzungen zugefügt oder angedroht werden
- nichtaggressives Verhalten, bei dem Eigentumsverlust oder –schaden verursacht wird
- Betrug oder Diebstahl
- schwere Regelverletzungen

Mindestens drei charakteristische Verhaltensweisen müssen in den letzten zwölf Monaten aufgetreten sein, davon mindestens ein Verhalten während der letzten sechs Monate. Ein weiteres Kriterium ist, daß die Störung des Verhaltens in klinisch bedeutsamer Weise eine Beeinträchtigung in sozialen, schulischen oder beruflichen Funktionsbereichen verursacht.

Kinder und Jugendliche mit dieser Störung beginnen häufig mit aggressivem Verhalten und reagieren aggressiv auf andere. Sie bedrohen andere und schüchtern sie ein, beginnen Schlägereien und benutzen Waffen, die schwere Körperverletzungen verursachen können. Sie können zu anderen Menschen körperlich grausam sein oder Tiere quälen. Sie stehlen in Konfrontation mit dem Opfer. Sie zwingen andere zu Sexualkontakten. Auch Betrug, Diebstahl, häufiges Lügen um sich Güter oder Vorteile zu verschaffen, Vandalismus oder über Nacht von zu Hause weglaufen fallen unter die Kategorie „Störung des Sozialverhaltens“ .

Bei der Störung des Sozialverhaltens werden zwei Subtypen unterschieden, die auf dem Alter der Person bei Störungsbeginn basieren:

1. Typus mit Beginn in der Kindheit:

Bei diesem Subtypus beginnt mindestens ein für die Störung des Sozialverhaltens charakteristisches Kriterium vor dem Alter von 10 Jahren. Die Betroffenen sind meist männlich, zeigen häufig anderen gegenüber körperliche Aggressionen und haben gestörte Beziehungen zu Gleichaltrigen. In der frühen Kindheit kann eine Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten aufgetreten sein. Sie zeigen gewöhnlich schon vor der Pubertät Symptome, die alle Kriterien einer Störung des Sozialverhaltens erfüllen. Die Betroffenen dieses Typus weisen eher eine bleibende Störung des Sozialverhaltens auf und entwickeln als Erwachsene eher eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung, als die Personen des Typus mit Beginn in der Adoleszenz.

2. Typus mit Beginn in der Adoleszenz:

Bei diesem Subtypus tritt keines der für die Störung des Sozialverhaltens charakteristischen Kriterien vor dem Alter von 10 Jahren auf. Im Vergleich zu den Personen, die den Typus mit Beginn in der Kindheit aufweisen, zeigen die Betroffenen weniger aggressive Verhaltensweisen und haben ausgeglichenere Beziehungen zu Gleichaltrigen ( sie zeigen jedoch häufig Verhaltensprobleme gemeinsam mit anderen ). Die Betroffenen weisen mit geringerer Wahrscheinlichkeit eine bleibende Störung des Sozialverhaltens auf, oder entwickeln als Erwachsener weit weniger häufig eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Der Anteil von Jungen im Verhältnis zu Mädchen, mit Störungen des Sozialverhaltens, ist für den Typus mit Beginn in der Adoleszenz geringer, als für den Typus mit Beginn in der Kindheit.

Weiterhin wird eine Unterscheidung anhand des Schweregrades vorgenommen. Es werden folgende Schweregrade unterschieden:

- Leicht: Zusätzlich zu den für die Diagnose erforderlichen Symptomen liegen nur wenige, oder keine weiteren Symptome vor. Die Probleme des Sozialverhaltens fügen anderen vergleichsweise geringe Schäden zu (z.B. lügen, Schule schwänzen, ohne Erlaubnis nachts von zu Hause wegbleiben).
- Mittel: Die Anzahl der Probleme des Sozialverhaltens und die Auswirkungen auf andere liegen zwischen der „leichten“ und der „starken“ Ausprägung (z.B. stehlen ohne Konfrontation mit dem Opfer, Vandalismus).
- Schwer: Zusätzlich zu den für die Diagnose erforderlichen Symptomen treten eine Vielzahl von Problemen des Sozialverhaltens auf. Die Probleme des Sozialverhaltens fügen anderen beträchtlichen Schaden zu (z.B. erzwungenen sexuelle Handlungen, körperliche Grausamkeit, Waffengebrauch, Stehlen in Konfrontation mit dem Opfer sowie Einbruchsdelikte).

Zugehörige Beschreibungsmerkmale und psychische Störungen:

Personen mit einer Störung des Sozialverhaltens zeigen häufig wenig Empathie. Sie nehmen keine Rücksicht auf die Gefühle, Wünsche und das Wohlergehen anderer. Besonders in zweideutigen Situationen nehmen aggressive Personen mit dieser Störung die Absichten anderer häufig als feindseliger und bedrohlicher wahr, als sie es tatsächlich sind. Sie reagieren in diesen Situationen mit Aggression, die sie als begründet und gerechtfertigt empfinden. Die Betroffenen sind häufig gefühllos und kennen keine Schuldgefühle oder Gewissensbisse.

Die Störung des Sozialverhaltens ist häufig mit frühem Sexualverhalten, Trinken, Rauchen, Genuß illegaler Substanzen, sowie rücksichtslosen und riskanten Taten verbunden.

Die Störung des Sozialverhaltens kann mit einer unterdurchschnittlichen Intelligenz verbunden sein. Die schulischen Leistungen, besonders im Lesen und in anderen verbalen Fähigkeiten, liegen häufig unter dem für Alter und Intelligenz erwarteten Niveau.

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Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638135825
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v5844
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Lehrstuhl Erziehungswissenschaft II
Note
2,0
Schlagworte
Gewalt Schule Gefährdete Jugendliche

Autor

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Titel: Gewalt in der Schule