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Staatsbildung nach der Auflösung des Osmanischen Reiches - Die jüdische Besiedlung Palästinas und die Entstehung Israels

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 33 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhalt

EINLEITUNG

1 DIE GENESE VON NATIONALISMEN IM OSMANISCHEN REICH: ENDOGENE FAKTOREN
1.1 DAS ‚MILLET’-SYSTEM UND DIE RELIGIÖSEN MINDERHEITEN IM OSMANISCHEN REICH
1.2 REGIONALISMUS
1.3 DIE TÜRKISIERUNG

2 DIE GENESE VON NATIONALISMEN IM OSMANISCHEN REICH: EXOGENE FAKTOREN
2.1 KOLONIALISIERUNG
2.2 DER ARABISCHE NATIONALISMUS UND DIE ALLIIERTEN IM ERSTEN WELTKRIEG
2.3 DER ZIONISMUS, DIE BALFOUR-ERKLÄRUNG UND DIE BRITEN IN PALÄSTINA
2.4 ZWISCHENFAZIT

3 DER ZERFALL DES OSMANISCHEN REICHES UND DIE KONSEQUENZEN FÜR DAS REGIONALE STAATENSYSTEM
3.1 DAS OSMANISCHE REICH UND DIE ALLIIERTEN IM ERSTEN WELTKRIEG
3.2 DAS SYKES-PICOT-ABKOMMEN
3.3 DAS FEISAL-WEIZMANN-ABKOMMEN UND DIE KONFERENZ VON SAN REMO

4 DIE ENTWICKLUNG VON ZIONISMUS UND PALÄSTINENSISCHEM NATIONALISMUS NACH DEM ERSTEN WELTKRIEG
4.1 DER ALTE JISCHUW UND DIE ZIONISTEN IN PALÄSTINA
4.2 DIE ENTWICKLUNG DER PALÄSTINENSISCHEN NATIONALBEWEGUNG
4.3 DIE BRITISCHE MANDATSPOLITIK
4.4 DAS AUFKOMMEN DER BÜRGERLICHEN ZIONISTEN UND DER ANTIJÜDISCHE TERROR AB 1928

5 PALÄSTINA UNTER DEM EINDRUCK DES NATIONALSOZIALISMUS
5.1 DIE FÜNFTE ALIJA
5.2 DIE RADIKALISIERUNG UND PANISLAMISIERUNG DER PALÄSTINENSISCHEN NATIONALBEWEGUNG
5.3 DIE BRITISCHE NAHOSTPOLITIK VOR UND WÄHREND DES ZWEITEN WELTKRIEGES
5.4 DER ZIONISTISCHE KAMPF GEGEN DIE MANDATSMACHT BIS ZUR PROKLAMATION ISRAELS

FAZIT UND AUSBLICK

QUELLENVERZEICHNIS

Einleitung

Der Staat Israel würde im vorderen Orient mit Sicherheit keinen Beliebtheitswettbewerb gewinnen. Fast zur Tradition ist es geworden, daß ein frischgewähltes (oder geputschtes) arabisches Staatsoberhaupt schon in seiner Antrittsrede die Frevelhaftigkeit seiner Existenz anprangert und ankündigt, es mit Bomben zuzuschütten und Panzert zu überrollen, am besten morgen noch.

Das kleine Land zwischen Jordan und Mittelmeer schwebt ständig ob seiner mißgünstigen Nachbarn in Gefahr, doch es hat schon so manchen Aufstand erlebt und so manchen Krieg überlebt. Was sich da im Nahen Osten abspielt, ist – so viel sei dieser Arbeit vorgegriffen – ist die Realität nationalistischer Ideologien in ihrer Essenz. Bis heute haben sich diese im Nahen Osten erfolgreich gegen alle Institutionalisierung und Supranationalisierung ihres Konflikts widersetzt, am Ende stand und steht immer das Überleben, Ausweiten oder Herstellen der eigenen Nation.

Der Nahostkonflikt ist also ein Paradebeispiel für die Einflußnahme von Nationalismen auf das Geschehen der Welt und der Staaten.

Die Bevölkerung einer ganzen Region definiert sich tagtäglich und in fast perversem Maße über das Vorhandensein und die Verwirklichung ihrer nationalen Identität.

Diese Arbeit stellt sich die Frage, wo die Ursachen dafür liegen, was die Kraft dafür ist, das die Menschen und Nationen dort so bewegt oder so erstarren läßt, daß sie sich in einem seit 60 Jahren andauernden Krieg befinden.

1 Die Genese von Nationalismen im Osmanischen Reich:
Endogene Faktoren

1.1 Das ‚millet’-System und die religiösen Minderheiten im Osmanischen Reich

Traditionell verfügten die Verwalter der von den islamischen Heeren eroberten Gebieten mit einiger Toleranz über die ihnen unterstellten Bevölkerungsgruppen und Religionsgemeinschaften: Anstatt sie zu einer Konversion zum Islam zu zwingen, durften Juden und Christen, die vom Islam offiziell anerkannten Buchreligionen der ‚dhimmis’, ihren Glauben behalten, mußten dafür aber eine Kopfsteuer begleichen. Dies führte dazu, daß sich religiösen Minderheiten in der ohnehin durch eine sehr geringe soziale Mobilität gekennzeichneten Gesellschaft der Arabisch-Islamischen Reiche und später des Osmanischen Reiches zu eigenen Subkulturen entwickelten, zu „‚geschlossenen Gesellschaften’ mit eigenen Traditionen, gesetzlichen Regelungen und Normen bis hin zu der Bewahrung einer eigenen Sprache.“

Die gesellschaftlichen Kontakte zu anderen Gruppen der Bevölkerung konnte so auf ein Minimum beschränkt werden, Verhandlungen und Konsultationen mit den offiziellen Stellen, beispielsweise den Beamten oder der Administration des Osmanischen Reiches, übernahmen primär die geistlichen Führer der Gemeinschaften, also Bischöfe oder Rabbiner.

Bei direkten Konfrontationen mit der muslimischen Mehrheit waren Christen und Juden jedoch klar im Nachteil, da ihr Zeugnis in der von der Schari’a geprägten islamischen Rechtssprechung weniger Gewicht hatte, als das eines Muslims. Das Gefühl, Untertanen zweiter Klasse zu sein, war für Christen, Juden und anderer Religionsgemeinschaften obligat. Der sich im 18. und 19. Jahrhundert entwickelnde Nationenbegriff wurde, zumal von österreichischen und russischen Agenten agitiert, die im Osmanischen Reich Unruhe schürten, von diesen Gemeinschaften dankbar angenommen. „Da zu einer Nation aber auch die Möglichkeit zur Selbstbestimmung und der Souveränität über ein bestimmtes Territorium gehört, begannen eine Reihe von Unabhängigkeitsbewegungen, die die Freiheit einer bestimmten Region von der osmanischen Oberhoheit forderten, aktiv zu werden.“ Von den europäischen Mächten wurden die Autonomiebewegungen großzügig unterstützt, sahen sie doch darin Möglichkeiten, die osmanische Regierung in Konstantinopel zu schwächen. Die Reaktion der Hohen Pforte, mit einer gesetzlichen und steuerlichen Gleichstellung aller Untertanen im Jahr 1839 das Reich zu homogenisieren, kam zu spät : „Vor diesem Hintergrund kam es 1804 – 06 und 1815 – 17 zu zwei serbischen Aufständen und 1821 – 30 zur griechischen Revolution.“

Dort, wo die Hohe Pforte in der Lage war, die Autonomiebestrebungen zu unterdrücken, blieb deren Anspruch jedoch permanent bestehen und führte bis zum Zerfall des Osmanischen Reiches zu immer wiederkehrenden internen Krisen, die einen großen Anteil am Zusammenbruch hatten.

Anders als auf dem Balkan, wo sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts mehrere kleine Einzelnationen erfolgreich vom Osmanischen Reich abkoppeln konnten (‚Balkanisierung’), basierten die späteren Autonomiebestrebungen im Nahen Osten nicht auf ethnischen und religiösen Kriterien, sondern nur auf religiösen – Georges Corm spricht von der ‚Libanisierung’ des Nahen Ostens. Die Übereinstimmung von religiösem Bekenntnis und nationaler Identität sollte in der Nachkriegszeit für die politische Entwicklung des Nahen Ostens von essentieller Bedeutung sein.

1.2 Regionalismus

Zusätzlich zu den ethnisch und religiös motivierten nationalen Bewegungen im europäischen Teil des Osmanischen Reiches, addierten sich in den asiatischen und afrikanischen Teilen binnenpolitische Autonomiebestrebungen zu zentrifugalen Kräften im Reich. Der

größte Teil der Bevölkerung praktizierte hier, wie die Türken im anatolischen Kernland auch, den sunnitischen Islam und gehörte im äußersten Fall einer anderen islamischen Rechtsschule an. Allerdings nahm die Unabhängigkeit der Regionen mit der geographischen Entfernung von der Hauptstadt des Reiches stetig zu – ein politisches Phänomen, das in den islamischen Großreichen seit der Omaiyaden-Herrschaft in Damaskus Tradition hatte. „Diese Tendenz war im Osmanischen Reich um so eher zu finden, als ein Teil dieser Gebiete sich durchaus einer historischen oder kulturellen Eigenständigkeit bewußt war und daher Separierungsbemühungen von Khediven, Beys oder Deys durchaus mittrug.“ Algerien und Tunesien beispielsweise, kannten die Oberhoheit der Hohen Pforte schon im 17. Jahrhundert nur formal an, Tripolitanien konnte sich unter der Dynastie der Qaramanli im 18. Jahrhundert für eine Zeit selbstständig machen, die ägyptischen Vizekönige hatten sich seit der Besetzung Napoleons stetig mehr Verhandlungsspielraum verschafft und auf der Arabischen Halbinsel strebten die Wahhabiten nach Unabhängigkeit. Auch in Gebieten, die dem anatolischen Kernland näher lagen, stellten einzelne Personen und ganze Bewegungen die osmanische Herrschaft immer wieder aufs neue in Frage. Diese separatistischen Bemühungen gingen so weit, daß, um eine unabhängige Politik zu betreiben, sich sogar die eigenen osmanischen Gouverneure von der Hohe Pforte loszusagen versuchten. Um die Jahrhundertwende war das Osmanische Reich ein explosiver und hochdynamischer ethnisch-politisch-religiöser Vielvölkerstaat. „Das bedeutet, daß ein beträchtlicher Teil des Osmanischen Reiches zwar in der Religion, nicht aber nach der nationalen Identität mit der führenden türkisch-osmanischen Schicht übereinstimmte,“ und sich Regionalfürsten an die Macht schwingen wollten und konnten, sobald die Hohe Pforte auch nur etwas schwächelte.

1.3 Die Türkisierung

Die seit der Revolution 1908 an der Hohen Pforte regierenden Jungtürken versuchten ab 1909 den im stärker werdenden separatistischen Nationalismen im Reich mit einem autoritären Zentralismus und einer eigenen türkisch-osmanischen Nationalideologie entgegenzusteuern: Dem Türkismus.

Wohl wissend um die sensible und angespannte Situation in den nicht-türkischen Teilen des Reiches, wurde die eigentliche türkisch-nationalistische Ausrichtung des Türkismus zunächst unter einem Deckmantel eines universalen Osmanismus zu verstecken gesucht. Mit dem Aufkommen des albanischen Nationalismus legten die Jungtürken ihre Zurückhaltung jedoch ab: Umsiedlungen und Türkisch-Pflichtkurse wurden durchgeführt, 1909 wurde ein Assoziierungsgesetz verabschiedet, daß alle politischen Organisationen ethnischen oder nationalen Charakters im Reich verbot. Türkisch wurde Amtsprache in den Verwaltungen und Unterrichtssprache in allen Schulen des Reiches.

Von ihrer schlimmsten Seite zeigte sich die ‚Türkifizierung’ beim Genozid und den Deportationen der christlichen Armenier, doch auch andere Bevölkerungsgruppen waren von ihren häßlichen Auswüchsen betroffen. „Die Christen des Libanongebirges wurden durch Hunger dezimiert, [...] andere anatolische Christen wurden deportiert und massakriert.“ Auch die Ansprüche der muslimischen Araber konnte der Türkismus nicht in seine Vorstellungen integrieren. Ab Anfang 1915 traf die Eliten des arabischen Nationalismus einer Welle von Repressionen, sie wurden durch den Strang hingerichtet oder nach Anatolien verbannt.

Statt das Reich zu einen, erreichte der artifizielle Nationalismus so das Gegenteil: Er einte die einzelnen Bevölkerungsgruppen in ihrem Leiden und provozierte damit die Entstehung und Stärkung regionaler Nationalismen. Außerordentlich stark passierte dies in den von den türkischen Nationalisten besonders brutal heimgesuchten arabischen Provinzen Syriens und des Libanons, in denen sich unter dem Einfluß der europäischen nationalistischen Vorstellungen der Kolonialmächte schon seit Jahren ein arabischer Nationalismus moderner Prägung entwickelt hatte, der sich direkt gegen die türkische Dominanz richtete.

2 Die Genese von Nationalismen im Osmanischen Reich:
Exogene Faktoren

2.1 Kolonialisierung

Die Kolonialisierung des Nahen Ostens durch die europäischen Großmächte begann spätestens mit der Anlandung des französischen Expeditionsheeres unter Napoleon Bonaparte am im Jahr 1789 in Alexandria. Sie läutete eine mehr als 150 Jahre dauernde Einflußnahme der europäischen Großmächte ein, und ihre Ziele waren idealtypisch für die ihr folgenden kolonialen Bestrebungen der europäischen Mächte auf der ganzen Welt: Waren die ideologischen Voraussetzungen für die Expansion Frankreichs und Großbritanniens unterschiedlicher Natur, gingen aber beide Länder von einer totalen Überlegenheit gegenüber den kolonialisierten Völkern aus. Diese begründete sich zunächst auf dem technologischen und verwaltungstechnischen Vorsprung, der sich auch militärisch auswirkte, aber auch einer Geisteshaltung: In Frankreich waren das die Ideale der Französischen Revolution, die der unzivilisierte Welt in einer „mission civilisatrice“ das Licht der Aufklärung bringen wollten, in Großbritannien auch der kirchliche Missionsgedanke, die Ausbreitung des Christentums.

Und wie schon die Portugiesen und Spanier zu ihren Entdeckungsreisen im 15. Jahrhundert spornte auch der wirtschaftliche Faktor die europäischen Mächte in ihren Expansionsbemühungen an. Im Hinblick auf den britisch-französischen Kolonialismus des 19. Jahrhunderts macht Peter Heine drei Hauptaspekte ökonomischer Natur aus: Den binnenwirtschaftlichen Aspekt – d.h. den Bedarf der in der Industrialisierungsentwicklung begriffenen europäischen Volkswirtschaften nach den billigen Rohstoffen der Kolonien –, die Generierung neuer Absatzmärkte, die bis hin zur vollständigen wirtschaftlichen Abhängkeitsmachung der Kolonien führte, und – dies galt für Frankreich im Besonderen – die Betrachtung der Koloniallandschaften als potentielle Auswanderungsländer.

Die Kolonialherren sahen sich zu Beginn der Kolonialisierung im 19. Jahrhundert wenig Widerstand ausgesetzt. Die religiöse Grundlage der islamischen Gesellschaften im Nahen Osten war seit dem Tod des bedeutenden islamischen Theologen al-Ghazali erstarrt, das islamische Rechts- und Normensystem wurde nicht mehr weiterentwickelt und an die gesellschaftlichen Realitäten angepaßt. Die islamischen Eliten waren von Traditionalismus und Religiosität geprägt, und die Zentralregierung der größten Macht in der Region, des Osmanischen Reiches, war durch innenpolitische Scharmützel und außenpolitische Niederlagen geschwächt.

Frankreich annektierte 1830 Algerien und richtete 1881 in Tunesien ein Protektorat ein. Ägypten, daß schon seit 1798 nur noch formell dem Osmanischen Reich zugeordnet war, wurde 1892 endgültig von den Briten besetzt, Italien eroberte 1911 Tripolitanien.

Hinzu kam, daß sich die Franzosen als Schutzmacht für die orientalisch-christlichen Gemeinden in der Levante fühlten und in den dortigen Provinzen intervenierten, wo es nur ging. In den Gebieten des heutigen Iraks hatten die Osmanen vor allem den Engländern im Austausch für die Bereitstellung von Kapital bilateral Konzessionen zur Ausbeutung der Rohstoffe, dem Bau von Straßen, der Verwaltung der Bagdadbahn und der Ausbeutung der ersten Ölquellen überlassen.

Mit der Kolonisierung importierten die europäischen Mächte ihre „Ideologiesysteme und Denkweisen“ in die arabischen Gesellschaften. So auch die Idee der Nation:

„Die neuen [europäisch beeinflußten] Eliten übernahmen die europäische Vorstellung von der Nation als einer geschichtlichen, kulturellen und zugleich politischen Einheit und wandten sie auf ihre konkrete politische Situation, d.h. auf die Situation ihres Koloniallandes an. [...] Durch das europäische Begriffssystem bot sich den neuen Eliten die Möglichkeit, eine eigene nationale Identität zu entdecken oder u.U. auch nur zu konstruieren. [...] Das Vorbild der verschiedenen europäischen Nationen vor Augen, forderten sie für Ihre Länder die volle politische Unabhängigkeit.“

Der Erfolg dieser jungen Nationalismen vor dem Ersten Weltkrieg war aber weder groß noch von Dauer. Im Kerngebiet des Osmanischen Reiches wurden sie vom türkistischen Konstantinopel unterdrückt und verfolgt, in den Kolonien von den militärisch und technologisch weit überlegenen Kolonialherren. Genauso abträglich für ihre Genese war aber auch die mangelnde ideologische und begriffliche Aufnahmebereitschaft der islamisch-orientalischen Gesellschaft, die in Zeiten wirtschaftlicher Unzufriedenheit und Unterdrückung zwar kurzfristig den Volkszorn im Zeichen nationalistische Ideologien erwärmen konnte, als sozio-politisches Konstrukt aber nur den Begriff der ‚umma’, der allumfassenden Gemeinschaft der Gläubigen, kannte. Durch ethnische oder politische Grenzen getrennte Gläubige islamischen Glaubens waren danach für Traditionalisten und breite Massen gleichermaßen nicht nur ein äußerst abstraktes Bild, sondern „wurde als Abweichung von den Forderungen des Islams und als großes Unglück angesehen.“

2.2 Der arabische Nationalismus und die Alliierten im Ersten Weltkrieg

Neben den guten Kontakten, die die Hohe Pforte mit dem Deutschen Kaiserreich pflegte, spielten beim Kriegseintritt an der Seite der Mittelmächte auch handfeste politische Erwägungen eine Rolle. Mit dem immer weiter expandierenden Rußland hatte man schon zahlreiche Konflikte ausgetragen, den Kolonialmächten Frankreich und Großbritannien sowie Italien war es gelungen, sich in den Provinzen festzusetzen. „Man kann die Motivation der osmanischen Führung [zum Kriegseintritt] [...] am leichtesten auf die Formel bringen: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Mit dem Kriegseintritt versuchten sie sich von der Dominanz der Fremdmächte zu befreien und gleichzeitig die keimenden Ansätze regionaler Autonomien und Nationalismen zunichte zu machen. Ab 1915 rief die Hohe Pforte die islamische Bevölkerung des Reiches zum ‚Dschihad’, zum heiligen islamischen Krieg, gegen die Kolonialmächte auf. Die Deutschen erhofften sich vom Aufruf zum Glaubenskrieg klare militärische Vorteile in Europa, weil man erwartete, daß sich die Muslime der britischen und französischen Kolonien erhoben und Truppen der Entente binden würden. Tatsächlich hatte der Aufruf aber keine große militärische Wirkung. Durch geschickte Gegenpropaganda der Alliierten verlief er im Sand. Im Gegenteil: Die Alliierten ihrerseits unterstützten tatkräftig die regionalen Autonomiebestrebungen und profitierten von deren sich zunehmend einstellenden Erfolg in erheblichem Maße. Trotzdem gerieten die Kolonialmächte militärisch in die Defensive und in der Hoffnung, eine weitere Front gegen das Osmanische Reich zu errichten, stifteten die Engländer nach der Niederlage an den Dardanellen den in der arabischen Welt hochangesehenen Emir von Mekka, Scherif Hussein, zur Rebellion gegen die osmanische Verwaltung an. Hussein war es schon im Vorfeld des Krieges gelungen, die Region um Mekka von der Hohen Pforte abzuspalten.

[...]

Details

Seiten
33
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638525817
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58359
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2,0
Schlagworte
Staatsbildung Auflösung Osmanischen Reiches Besiedlung Palästinas Entstehung Israels Nation-Building Nationalismus Ethnizität

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Titel: Staatsbildung nach der Auflösung des Osmanischen Reiches  - Die jüdische Besiedlung Palästinas und die Entstehung Israels