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Die Dependenztheorie im Rahmen der Modernisierungstheorien. Analyse und Kritik anhand von zwei Schriften Armando Córdovas

Hausarbeit 1999 33 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Grundzüge der Dependenztheorie
2.1 Die Entstehungsgeschichte
2.2 Grundaussagen innerhalb der Dependenztheorie
2.3 Theoretische Richtungen in der Dependenztheorie

3 Die Dependenztheorie in zwei Werken Armando Córdovas
3.1 Zur Person des Autors
3.1.1 Der Kontext des Autors
3.1.2 Córdovas Geschichtsverständnis
3.1.3 Die Analysekategorien
3.2 Die wirtschaftliche Struktur der unterentwickelten Länder
3.2.1 Definition und Einteilung der wirtschaftlichen Struktur
3.2.2 Ökonomische Systeme in der Wirtschaftsstruktur
3.2.3 Merkmale einer unterentwickelten Wirtschaft
3.2.3.1 Allgemeine Merkmale
3.2.3.2 Die strukturelle Heterogenität
3.2.4 Mechanismen der Abhängigkeit
3.3 Das Problem der Marginalität und Beschäftigung in rückständigen Ländern
3.3.1 Die Beschäftigungsdynamik in der primären Exportwirtschaft
3.3.2 Die Phase von der Substitutionsindustrialisierung bis Anfang der 70er Jahre
3.3.3 Das Problem der Marginalität
3.4 Wirtschaftsintegration als Ausweg aus der Unterentwicklung?
3.4.1 Der Lösungsansatz
3.4.2 Die Kritik des Autors am Integrationsansatz
3.4.3 Die Lösung aus der Sicht des Dependenztheoretikers Córdova

4 Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie
4.1 Kritik aus methodischer Sicht
4.1.1 Die Abstraktheit der Theorie
4.2.2 Die Einseitigkeit der Theorie: Konzentration auf die Ökonomie
4.2 Kritik an der ideologischen Sichtweise
4.2.1 Importsubstitution und Industrialisierungsversuche
4.2.2 Der Begriff des Kapitalismus
4.3 Positive Betrachtung der Dependenztheorie

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Armut im Süden durch Wohlstand im Norden“[1]. Auf einen Nenner gebracht lautete so die Kernaussage der Dependenztheorien[2], die in den 60er und 70er Jahren in Lateinamerika entstand. Die verschiedenen Ansätze der Dependenztheorie versuchten fast alle in einer sozioökonomischen Gesamtinterpretation die Entwicklungsproblematik Lateinamerikas als Problem der Abhängigkeit von den industrialisierten Ländern auf zu deuten, die Rahmenbedingungen der Entwicklung in ein theoretisches Konzept einzuordnen und Erklärungsmuster für diese Rahmenbedingungen zu finden[3].

Die in der Nachfolge der Imperialismustheorie stehende Dependenztheorie erklärt die Entwicklung der lateinamerikanischen Länder als „Entwicklung zur Unterentwicklung“, die durch exogene Faktoren veranlaßt wird. In dieser Einleitung mag es genügen die Hauptaussage der Dependenztheorie so darzustellen: Die kapitalistischen Länder des Nordens sichern ihre eigenen Aufstieg und ihre wirtschaftliche Potenz durch die Ausbeutung der Länder der sogenannten Dritten Welt. Diese Länder sind assymetrisch in die Weltwirtschaft integriert und haben in dieser Konstellation keine Möglichkeit, sich der Ausbeutung selbst zu entziehen. Die industrialisierten Länder haben wiederum kein Interesse daran, die Situation zu ändern, da sie selbst von der Ausbeutung profitieren. Lösungen, die innerhalb der Dependenztheorie angeboten werden, variieren je nach Richtung zwischen der Schaffung eines lateinamerikanischen Wirtschaftsmarktes bis hin zu radikalen Umstürzung der Welt(wirtschafts)ordnung, um den Kapitalismus zu vernichten.

Obwohl die Dependenztheorie seit ihrer wissenschaftlichen Glanzphase in den 70er Jahren heutzutage eher an Bedeutung verloren hat, soll in dieser Arbeit die Dependenztheorie als eine mögliche Theorie der Modernisierung von Ländern betrachtet, ihre Besonderheiten aufgezeigt und als theoretische Konzeption kritisiert werden. Dies geschieht anhand von zwei Werken des Dependenztheoretikers Armando Córdova: „Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches Wachstum“[4] und sein Buch „Die wirtschaftliche Struktur Lateinamerikas“[5], das er zusammen mit Hector Silva Michelena verfaßte. Da Córdova mit diesen Werken vor allem die ökonomische Situation betrachtet und die kapitalistische Ausbeutung daran festmacht, sollen in einem Hauptkapitel die wirtschaftliche Struktur der unterentwickelten Länder mit besonderer Gewichtung auf den Begriff der „Strukturellen Heterogenität“, die Beschäftigungslage und das Problem der Marginalität in lateinamerikanischen Ländern dargestellt und Córdovas Sichtweise zur Lösung der Situation durch eine noch stärkere, aber gleichberechtigtere Integration in den Weltwirtschaftsmarkt erörtert werden. Zum Verständnis der Problematik wird es zuvor jedoch nötig sein, zum einen die Entstehungsgeschichte und die zentralen Kernaussagen der Dependenztheorie kurz vorzustellen und zum anderen die Analysekategorien des Autors und sein Geschichtsverständnis zu erörtern. Einen weiteren Schwerpunkt dieser Arbeit soll die Kritik an den Dependenztheorien darstellen, wobei versucht wird, nicht nur an der Ideologiebehaftung dieser Theorie Kritik zu üben, sondern auch analytische und methodische Mängel zu benennen und die Dependenztheorie im Ganzen von den Modernisierungstheorien abzugrenzen.

2 Grundzüge der Dependenztheorie

2.1 Die Entstehungsgeschichte

Ende der 60er Jahre entstand in Lateinamerika die Dependenztheorie. Streng genommen kann man eigentlich nicht von „einer“ oder „der“ Dependenztheorie sprechen, da die Theorie in Form von vielen Einzelstudien, Zeitschriftenbeiträgen oder Monographien entstand, die sich nur zum Teil ergänzten, des öfteren aber zu sich selbst im Widerspruch standen. In dieser Arbeit soll aber vereinfachend von „der“ Dependenztheorie gesprochen werden. Sie ist keine „begrifflich und logisch geschlossene Theorie im strengen sozialwissenschaftlichen Sinn“[6][7], sondern in gewisser Weise eine Art Sammelbegriff für die verschiedenen Ansätze, deren gemeinsame Annahme jedoch darin liegt, daß die Abhängigkeit von den industrialisierten Ländern ein wichtiger, wenn nicht gar der zentrale Grund für die Unterentwicklung Lateinamerikas ist. In Europa wurden vor allem die Werke von André Gunder Frank bekannt, der entscheidende Impulse zur Determination der Dependenztheorie setzte und entsprechende Thesen wohl als einer der ersten formulierte[8].

Die Vorläufer der Dependenztheorie sind in den Imperialismustheorien zu sehen: Lenin, mit seiner These der Monopolbildung und der weltweiten Gwinnmaximierung durch Kapitalexport, Luxemburg, Bucharin oder Sternberg lieferten die klassische Beiträge zur Theorie des Imperialismus[9]. Somit trat die Dependenztheorie, obwohl sie auch von andern marxistischen Wirtschaftswissenschaftler wie Baran oder Sweezy beeinflußt war und ihr Ausgangspunkt natürlich an der marxschen Kritik der politischen Ökonomie ansetzt, in den „Prozeß der Neuinterpretation von klassischen Imperialismustheorien“[10].

Diese wurden nach dem zweiten Weltkrieg neu aufgelegt, weil sich die wirtschaftliche Lage in den lateinamerikanischen Ländern nach einer positiven Wirtschaftsphase in den ersten Dekaden dieses Jahrhunderts nach 1945 drastisch verschlechterte[11]. Nachwirkungen der Weltwirtschaftskrise und des zweiten Weltkriegs leiteten die Phase einer anderen Wirtschaftspolitik ein. Durch die drastische Verringerung des Außenhandels und der nachlassenden Investitionstätigkeit seitens der Industrieländer mußten viele lateinamerikanische Länder dazu übergehen, eine relativ bescheidene Industrialisierung mit eigenen Mitteln anzugehen. Das Heil der beginnenden Industrialisierung wurde in der Importsubstitution gesucht. Jedoch in den frühen 60er Jahren erkannte man, daß diese nicht entscheidend zur Wirtschaftsveränderung beitrug. Der Abstand zwischen dem lateinamerikanischen und dem europäischen Pro-Kopf-Einkommen war immer größer geworden und es wurde festgestellt, daß bei gleichzeitiger Erholung der westlichen Industrieländer immer mehr Betriebe in ausländisches Eigentum übergegangen waren. Die Abhängigkeit vom Weltmarkt hatte sich verstärkt statt vermindert. In dieser Phase „allgemeiner Frustration“[12] wurde die Frage nach den Ursachen und möglichen Erklärungen gestellt. Es wurde die Tatsache eines „zusammenhängenden Komplex von internationalen Beziehungen, Märkten und Investitionen“[13] und die Wirkung der Abhängigkeitsstrukturen, die die lateinamerikanischen Länder mit den Industrieländer verband, in einer neuen Art aufgelegt, in den Dependenztheorien. An anderer Stelle[14] wird darauf hingewiesen, daß die Dependenztheorie als Antwort auf die desarollistische Theorie, die ebenfalls in Lateinamerika entstand, konzipiert wurde. Diese Theorie des Desarollo-Ansatzes sah in einer Theorie­richtung eine „Entwicklung nach innen“ zur Beseitigung der Unterentwicklung vor, wobei einen innengeleitete Entwicklung, der sich die externe Entwicklungsdynamik unterordnen sollte, propagiert wurde. Andererseits wurde nach dem Scheitern dieser nach innen gerichteten Entwicklung, die seit den 50er Jahren vor allem Ziel der internationalen Entwicklungspolitik war, eine Entwicklung nach außen zur Diskussion gestellt, wobei hier die möglichst intensive Integration in den Weltmarkt im Vordergrund stand. Die Dependenztheorie betont hingegen, obwohl einige Vertreter dieser Theorie mit dem Desarollo-Ansatz Ähnlichkeiten zeigen, daß Entwicklung und Unterentwicklung „synchrone, miteinander verbundene Prozesse“[15] sind.

2.2 Grundaussagen innerhalb der Dependenztheorie

Eine Grundtendenz, die sich in den Ansätzen der Dependenztheorie wiederfinden läßt, liegt in dem Metropolen-Satelliten-Modell. Dieses Modell teilt die internationale Ordnung in bestimmte Zentren, die Metropolen, und in die Peripherie, sogenannte „Satelliten“, die von ihnen abhängig sind. Diese Konstellation weist zwei verschiedene Gesellschaftstypen aus, die über das Wirtschaftssystem miteinander verbunden sind. Die Metropolen mit relativ „ausge­glichenen, technologisch hochstehenden und auf differenzierten Infrastrukturen aufbauenden Gesellschaftsordnungen“[16] dominieren das Weltwirtschaftssystem. Die Peripherien haben eine von den Metropolen beherrschte Wirtschaftsstruktur und stehen in Abhängigkeit zu den Zentren, so daß „periphere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen deformiert und ausgeglichene Entwicklungsprozesse verhindert werden“[17]. Die weltwirtschaftliche Integra­tion des unterentwickelten Landes führt innerhalb dieses Zentrum-Peripherie-Modells dazu, daß „zwar ein kleiner, aber sehr dynamischer Sektor“[18] entwickelt wird, der mit dem Zentrum des modernen Landes verbunden ist und durch es konditioniert wird. Dieser Sektor hat seiner­seits wieder Einfluß auf die Gesamtgesellschaft des peripheren Landes und bestimmt über seine Verteilung der Ressourcen.

Ein zweiter Punkt, der als gemeinsamer Nenner erkannt werden kann, liegt in der Bedeutung der Eliten in den unterentwickelten Ländern. Diese werden als „Brückenköpfe“[19] bezeichnet, wir­ken direkt in die abhängigen Länder hinein und sind somit die ausführenden Organe der Indus­­trieländer. Somit kann man die Rolle des Staates aus der Sicht der Dependenztheorie dahin definieren, daß der Staat, durch die Eliten gestellt, die Rahmenbedingungen für die abhängige Entwicklung des eigenen Landes garantiert. Eliten in den abhängigen Ländern und Eliten in den Industrieländern weisen nämlich gemeinsame Interessen auf. Diese liegen nach Ansicht von Vertretern der Dependenztheorie allein in der Abschöpfung des Mehrwerts durch die Abhängigkeitsbeziehungen.

Die assymetrische Integration in den Weltmarkt führt zu einem dritten gemeinsamen Merk­mal[20], das für die Dependenztheorie konstitutiv ist: der strukturellen Abhängigkeit. Diese besteht darin, daß die assymetrische Integration in die weltwirtschaftlichen Strukturen, die auf stabilisierten internationalen Beziehungen beruhen, sich übersetzt in die interne Entwicklung der Länder. Die Konditionierung durch die Industriestaaten erzwingt „interne strukturelle Dispa­ritäten“, wo nur eine deformierte Entwicklung zugelassen und jede autarke Entwicklung verhindert wird. Somit wird die Unterentwicklung von außen erzeugt und immer wieder erhalten. Ein besonderes Ausmaß dieser strukturellen Abhängigkeit zeigt sich darin, daß sich beispiels­weise eine ganz spezifische Form der sozialen Unterentwicklung entfaltet: das Prob­lem der Marginalität. Dieses wird bei der Vorstellung der beiden Werke Córdovas aber genau­so konkreter erläutert wie die strukturelle Heterogenität, die Córdova als Folge der stru­k­tu­rel­len Abhängigkeit definiert.

2.3 Theoretische Richtungen in der Dependenztheorie

Obwohl sich nun so etwas wie ein gemeinsamer Nenner der Dependenztheorie definieren läßt[21], sollte um diese Grundaussagen nicht in einem falschen Licht erscheinen zu lassen, fest­ge­halten werden, daß es zwei unterschiedliche Grundtendenzen[22] innerhalb der Depen­denz­theorie gibt: zum einen die bürgerlich-nationalistische Richtung, die in gewisser Hinsicht Ähn­lichkeiten mit dem oben erwähnten Desarollo-Ansatz aufweist, also auch die Entwicklung nach innen als primär ansieht. Bedeutende Vertreter dieses Ansatzes sind beispielsweise Osval­do Sunkel, Furtado, Pinto. Sie gehen davon aus, daß die Unterentwicklung zunächst Ergeb­nis des Zusammenwirkens interner und externer Hindernisse ist, die vor allem intern besei­tigt werden müssen. Die zweite Richtung ist die marxistische Richtung, die im begriff­lichen Rahmen der politischen Ökonomie agierten, also die Herrschaftssicherung im Überbau anpran­gerten und am deutlichsten die ursprünglichen Imperialismustheorien ergänzten und neu auflegten. Bekannteste Vertreter sind hier André Gunder Frank, F.H. Cardoso, dos Santos und Armando Córdova. Das Unterscheidungskriterium zwischen diesen beiden Richtungen liegt in der Betrachtung der Träger der Abhängigkeitsbeziehungen und der Rangordnung der Abhängigkeitsfaktoren. Doch anscheinend kann beiden theoretischen Richtungen unterstellt werden, daß sie vor allem ein „Fragment der lateinamerikanischen Suche nach authentischer Identität darstellen, der es um Selbsterkenntnis und Selbstverständnis geht“[23].

Im Folgenden soll nun nach einer kurzen Vorstellung des Autors, seiner Analysekategorien und seines Geschichtsverständnis seine beiden Werke zur Dependenztheorie dargelegt werden.

3 Die Dependenztheorie in zwei Werken Armando Córdovas

3.1 Zur Person des Autors

3.1.1 Der Kontext des Autors

Armando Córdova war zur Zeit, als die Werke „Die wirtschaftliche Situation Lateinamerikas“ und „Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches Wachstum“ 1971 und 1973 erschienen, Pro­fessor für Nationalökonomie an der Universidad Central de Venezuela. Er und sein Mit­autor bei zuerst genanntem Werk, Hector Silva Michelena, waren Mitglieder des For­schungsstabs am Institut für wirtschaftliche Forschung. Córdova galt damals als führender latein­amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Dependenztheoretiker. Seine Werke stehen unter marxistischer Beeinflussung, was ihn zum Vertreter eines kritischen Denkens in Lateinamerika macht. Das Denken ist materialistisch, d.h. es geht von der historisch-sozialen Wirklichkeit des Menschen und seiner Vergesellschaftungsformen aus. Seine Bücher stellen ei­nen Beitrag zur Morphologie der wirtschaftlichen Abhängigkeit der lateinamerikanischen Ge­sellschaften dar. Córdovas Kritik richtet sich vor allem gegen die seiner Meinung nach im­peri­alistische Politik der Industriestaaten und gegen die Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung durch die dortigen Eliten, die mit den Eliten der Industriestaaten in einer Interessenssymbiose stehen. Weiterhin richtet sich seine Kritik gegen das Konzept der Entwicklungshilfe, das seiner Meinung nach die Ausbeutung nur fixieren will und auf die strukturellen Merkmale der Unterentwicklung kaum Rücksicht nimmt. Dies beabsichtigt er in seinen Werken um so mehr in den Vordergrund zu stellen.[24]

3.1.2 Córdovas Geschichtsverständnis

Ausgangspunkt seiner Einteilung in drei geschichtliche Perioden liegt im Grundverständnis des Autors[25], daß in Lateinamerika immer exogene Faktoren, also diejenigen, die mit den Kontakt der restlichen Welt entstanden, die wichtigsten geschichtlichen Perioden ent­scheidend mitbestimmte. Die endogenen Variablen sind zwar durchaus vorhanden und haben eine gewisse Bedeutung, jedoch ist diese bei weitem den exogenen Variablen unter­geordnet. So erfordert eine geschichtliche Einteilung im Sinne Córdovas eine Betrachtung der Beziehungen Lateinamerikas zu dem Rest der Welt. Der Autor unterscheidet nun drei historische Perioden, in denen immer eine bestimmte Form der Beziehung zu der übrigen Welt bestand. Wichtig ist ihm hierbei die „Schlüsselbedeutung der direkten Inves­titionen ausländischen Kapitals“[26] während der gesamten drei Epochen. Somit liegt die Betonung auch im geschichtlichen Verständnis auf den wirtschaftlichen Strukturen.

Die erste Epoche, die er als kennzeichnend für die lateinamerikanischen Gesellschaften defi­niert, ist die Periode der kolonialen Abhängigkeit von Spanien und Portugal. Das Ent­scheidende an dieser Phase[27] liegt in der Tatsache, daß die kolonisierenden europäischen Mächte in einer Phase des Umbruchs von Feudalismus zum Kapitalismus steckten, ihre Insti­tutionen des sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bereichs somit voller Widersprüche steckten, die ohne Zögern exportiert wurden und durch die Konfrontation mit Strukturen einer ande­ren Gesellschaft somit neue Widersprüche schuf. So entstanden beispielsweise im wirt­schaftlichen Bereich ein „Mosaik von Produktionsverhältnissen“[28] durch den Zusammenstoß iberi­scher und einheimischer Strukturen.

Eine weitere wichtige Epoche liegt in der direkten Einbeziehung der lateinamerikanischen Länder in das kapitalistische Weltsystem während seiner vormonopolistischen Phase[29]. In dieser Phase kam es zur Aufnahme direkter Beziehungen zum Weltmarkt, der eine Aus­weitung der Exporte folgte, ohne daß dazu größere technische Veränderungen nötig waren. Der wirtschaftliche Aufschwung, der daraufhin einsetzte, konzentrierte sich jedoch nur auf den Exportsektor. Das Ergebnis dieser Phase kann darin gesehen werden, daß sich der Export­sektor im Laufe der Zeit gezwungen sah, die wirtschaftliche und soziale Organisation zu ver­bessern, während der Rest der Wirtschaft im Elend blieb. So verfestigten sich diese beiden sozio­-ökonomischen Organisationsformen.

Die dritte und letzte Periode stellte die Periode der imperialistischen Einflußnahme und Beherrschung dar[30]. Hier ist entscheidend, daß es am wirtschaftlichen Höhepunkt des Export­sektors zu einer zunehmenden Konzentration der wirtschaftlichen und politischen Macht bei immer kleineren Konsortien kam. Diese kämpften um Kontrolle der Rohstoffquellen und die inter­nationalen Märkte. Vielfach entstand durch die Investitionen der Industrieländer ein aus­ländischer kapitalistischer Sektor, der keine Kapazität hatte, die Bevölkerungsmassen auf­zunehmen und die Gewinne entweder in den Sektor reinvestierte oder durch nationale oder inter­nationale Eliten abschöpfte. In dieser Phase fand auch die Importsubstitution statt, die eigentlich den wirtschaftlichen Aufschwung hätte bringen sollen. Der Autor Córdovas steht dieser Importsubstitution aber negativ gegenüber, weil durch die „Übernahme nicht nur ent­fremdeter Konsummuster, sondern auch entfremdeter Technologien“[31] vorangetrieben wurde, die in keinster Weise der lateinamerikanischen Wirtschaft adäquat waren. Seiner Meinung nach wurde die Importsubstitution vor allem von den Eliten genutzt, um Luxusgüter ein­zuführen, die Bedürfnisse der großen Massen jedoch wurden nicht berücksichtigt.

3.1.3 Die Analysekategorien

Ohne das alle Analysekategorien explizit in den beiden Werken erwähnt wurden, erscheint es meines Erachtens möglich, vier Kategorien, die Córdova seiner Analyse zu Grunde legt, zu erkennen. Die erste Kategorie besteht im Konzept des Kapitalismus. Dieser zwingt den latein­amerikanischen Wirtschaften Produktionsweisen auf, die eine deformierte Entwicklung nach sich ziehen. Weiterhin ist zu berücksichtigen, daß der Kapitalismus als ökonomische Gesellschaftsform sich aus einer spezifischen Produktionsweise und einem politischen oder ju­ris­tischen Überbau bildet. Hier findet die „Herrschaft der Kapitalistenklasse über die gesamte Gesellschaft“[32] ihre Betonung. Das zweite Konzept ist dies der sozialen Totalität[33]. Dies bedeutet, daß bei der Analyse der Entwicklung eines sozialen Systems bei diesem als soziales Ganzes angesetzt werden muß, um dann zur Analyse der Subsysteme überzugehen. Deshalb müssen auch die historischen Ursprungsgesellschaften betrachtet werden.

Somit kann auch eine weitere Kategorie der Analyse Córdovas erfaßt werden: das Konzept der Geschichte[34]. Der Autor geht davon aus, daß die Kolonialgesellschaften zwar einerseits Pro­dukte des Kapitalismus/Feudalismus sind, aber eben auch jener Gesellschaften, die die Erobernden in Lateinamerika vorfanden. Dies bedeutet, daß an der heutigen Situation der Kapitalismus entscheidend mitgewirkt hat und die Abhängigkeitsstrukturen, welche durch die Kolo­nisierung entstanden, einen wesentlichen Einfluß haben und heute in anderen Erschei­nungsformen weiterwirken. Jedoch ist die heutige Gesellschaft auch durch die Ursprungs­gesellschaft und deren Einflüsse, zum Beispiel die Sklaverei geformt.

Die letzte zentrale Analysekategorie stellt im Prinzip eine Art von Strukturanalyse dar, wobei hierbei lediglich die Struktur der sozialen Klassen und vor allem die Wirtschaftsstrukturen berücksichtigt werden. Die sozialen Klassen müssen angelehnt an die marxistische Theorie deshalb betrachtet werden, da die wirtschaftlichen Phänomene nicht von den politischen, juristischen und kulturellen Institutionen zu trennen sind. In diesen spiegeln sich der Status der sozialen Klassen, ihre Rechte, Pflichten und Möglichkeiten wider. Gerade deshalb, weil die sozialen Klassen eine wichtige Rolle im Mechanismus der Dependenz und ihrer Aufrecht­haltung spielen, stehen sie mitunter im Blickfeld der Untersuchungen Córdovas. Die anderen Strukturen, die berücksichtigt werden müssen, sind die Wirtschaftsstrukturen, da die Kolonisierung aus ökonomischen Gründen heraus erfolgte. Der Schlüssel zum Verständnis der Abhängigkeitsbeziehungen liegt somit in der jeweiligen Wirtschaftsstruktur. Córdova stellt fest, daß sich mit dem Eindringen des Kapitalismus in Lateinamerika die sozio­öko­nomischen Strukturen derart veränderten, daß mehrere Produktionsweisen nebeneinander existieren. So gibt es heute, neben einem hoch technisierten kapitalistischen wirtschaftlichen Sektor einen rückständigen und kaum technologisierten vorkapitalistischen Sektor, z.B. in der landwirtschaftlichen Produktion. Aus diesen zwei Analysekategorien der Struktur folgt, daß die sozialen Verhältnisse der Produktion berücksichtigt werden müssen.

3.2 Die wirtschaftliche Struktur der unterentwickelten Länder

3.2.1 Definition und Einteilung der wirtschaftlichen Struktur

Córdova definiert als wirtschaftliche Struktur die „Gesamtheit heterogener Produktions­verhältnisse (...), welche die wirtschaftliche Ebene eines konkret betrachteten sozialen Systems darstellen“[35][36]. Die Produktionsverhältnisse sind deshalb verschiedenartig, weil die zu ihr gehörenden Produktionsverhältnisse sich auf der Grundlage verschiedener Formen des Eigentums an Produktionsmittel etablieren. Eine wirtschaftliche Struktur, in der sich die gesamte Produktion konzentriert, wird nun nach allgemeinen ökonomischen Kriterien in einen primären, sekundären und tertiären Sektor eingeteilt[37]. Im primären richten sich Arbeitskraft und Produktionsmittel in den termini Córdovas auf natürliche Gegenstände, so beispielsweise Boden oder Minen. Im sekundären Sektor werden diese Rohstoffe nun industriell bearbeitet und in technische Fertigprodukte verwandelt. In einem dritten Gebiet, dem tertiären Sektor sind alle Tätigkeiten und Dienstleistungen zusammengefaßt, die über die Verbindung von Arbeit und Kapital das technische Fertigprodukt den KonsumentInnen zur Verfügung stellt. Córdova geht nun davon aus, daß es nicht ausreicht, einzelne Sektoren zu analysieren, um zu einem systematischen Begriff von Unterentwicklung zu kommen, sondern daß dieser Begriff nur über die Kenntnis der gesamten sozioökonomischen Struktur gefunden werden kann. Hier läßt sich auch seine Analysekategorie der sozialen Totalität wiederfinden.

Somit definiert Córdova ein rückständiges Land als ein Land, „daß in ausreichendem Maße weder quantitativ und qualitativ zulängliche Produktionsmittel noch Arbeitskraft besitzt, um seine wirtschaftlich aktive Bevölkerung auf einem Produktionsniveau zu nutzen, das mit dem jeweiligen Stand der Technik der geschichtlichen Epoche und den vorhandenen natürlichen Ressourcen in Einklang steht.“[38] Sein Kriterium, mit der er die Unterentwicklung festlegt, be­ruht nicht, wie beispielsweise innerhalb der UN üblich auf dem Pro-Kopf-Einkommen des jeweiligen Landes, da er dieses Kriterium mit erheblichen Mängel belastet sieht, die sich unter anderem in der Schwierigkeit der Ermittlung zeigen[39]. Auch Lebensstatistiken, Mangel an Aus­bildungseinrichtungen oder Kapitalmangel lehnt er als effektive Kriterien ab, so daß er letzt­endlich die Quantität und Qualität der Produktionsmittel, welche die Gesellschaft in Relation zu ihrer wirtschaftlich aktiven Bevölkerung besitzt, als hinreichendes Kriterium auswählt[40].

Als Methode der Analyse der Rückständigkeit[41] erachtet der Autor primär die Analyse der technischen Struktur, also die Verteilung der wirtschaftlich aktiven Bevölkerung auf die oben genannten großen technischen Sektoren als entscheidend. Aber auch die Analyse der wirt­schaftlichen Struktur, also die Form des Eigentums an Produktionsfaktoren, die Einkommens­verhältnisse in den sozialen Klassen und die Arbeitsverhältnisse spielen bei dieser Ana­ly­semethode eine wichtige Rolle. Darüber hinaus sind in einem dritten Schritt auch die sozialen Klassen zu betrachten. Der Schlüssel sind im Prinzip diejenigen Positionen, die die Einzelnen gegenüber dem Eigentum an Produktionsfaktoren und dem Einkommen einnehmen.

3.2.2 Ökonomische Systeme in der Wirtschaftsstruktur

In rückständigen Ländern setzt sich nach Ansicht des Autors Córdova die Wirtschaftsstruktur aus verschiedenen ökonomischen Systemen zusammen, die jeweils auf einem spezifischen Niveau der Entwicklung stehen[42]. Jedes dieser Systeme stammt aus einer anderen Epoche der Wirtschaftsgeschichte. Zum Einen lassen sich verschiedene Arten von vorkapitalistischen, also feudalen oder halbfeudalen Sektoren ausmachen, zum Anderen kann man in den unter­ent­wickelten Ländern aber gleichzeitig auch moderne kapitalistische, entweder nationale oder ausländische Sektoren bestimmen.

Im vorkapitalistischen Sektor ist ein hoher Prozentsatz der aktiven Bevölkerung tätig, und zwar vor allem in der Subsistenzlandwirtschaft. In diesem Sektor werden meist rückständige Pro­duk­tionsinstrumentarien benutzt, welche die Produktion kaum effizient gestalten können. Die Produktion an sich ist merkantil, fast vollständig für die Endnachfrage und zu einem geringen Teil auch für den Export bestimmt. Jedoch kann dieser vorkapitalistische Sektor wegen seiner merkantilen Produktion keine Investitionen im kapitalistischen Sektor tätigen, das heißt, dort also nichts zum Produktionsprozeß beitragen. Der kapitalistische Sektor hingegen wird nochmals unterteilt in einen externen und internen Sektor. Der externe oder auch ausländische Sektor produziert Lebensmittel oder Rohstoffe, die für den Markt außerhalb des Landes bestimmt sind oder verwertet diese industriell weiter. In diesem Sektor erfolgt eine mini­male Beschäftigung, da in diesem Bereich der Wirtschaft eine sehr kapital- aber wenig arbeits­kraftintensive Technologie benutzt wird. Hier konzentrieren sich vor allem, vom Stand­punkt der Menge und Qualität betrachtet, die Kapitalgüter. Jedoch tätigt auch dieser Teilsektor kaum Investitionen für den Produktionsprozeß im Binnenmarkt, da die Produktion auf den Außenmarkt gerichtet ist. Der interne kapitalistische Sektor, der auf den nationalen Markt gerichtet ist und dort neben dem vorkapitalistischen Sektor am Binnenmarkt teilnimmt, wird durch den Zyklus der aus den Exporttätigkeiten im externen Sektor gewonnenen Einkommen erweitert. Auch dieser Teilsektor gibt im Umkehrschluß kaum Inputs für die Außenmarkt­pro­duktion und so gut wie keine Investitionen für den vorkapitalistischen Sektor. Durch diese Betrach­tung der Investitionstätigkeit der einzelnen Sektoren untereinander wird deutlich, daß im Produktionsprozeß diese Bereiche eher voneinander getrennt als miteinander verknüpft sind[43]. Diese Tatsache läßt darauf schließen, daß diese ökonomischen Systeme in der Tat als Systeme unterschiedlicher Etappen der Wirtschaftsgeschichte nebeneinander existieren, ohne wesentlich zur Produktion in dem jeweils anderen Sektor beizutragen. Dies bedeutet aber auch, daß Einkommen oder Gewinne, die in dem modernen kapitalistischen Sektor erzielt werden, wo nur ein geringer Teil der Gesamtbevölkerung tätig ist, nicht von der Massen der Bevöl­kerung genutzt werden können. Diese Tatsache kann auch bereits zu einem Merkmal einer rückständigen Wirtschaft erhoben werden.

3.2.3 Merkmale einer unterentwickelten Wirtschaft

Córdova entnimmt seiner analytischen Betrachtung vier verschiedene Hauptmerkmale: Mono­produktion, Deformation der Wirtschaft, wirtschaftliche Abhängigkeit und strukturelle Heterogenität. Da die strukturelle Heterogenität einen Leitbegriff Córdovas einnimmt, soll sie als spezielles Merkmal in einem nächsten Unterpunkt gesondert dargestellt werden.[44]

3.2.3.1 Allgemeine Merkmale

Unter dem Merkmal der Monoproduktion wird im Allgemeinen die Konzentration der Pro­duktion auf ein oder zwei Hauptprodukte verstanden. Im vorkapitalistischen Sektor waren dies für viele lateinamerikanische Länder, und zum Teil ist es noch heute so, Kakao oder Kaf­fee. Dies hat nach Ansicht des Autors seinen Ursprung in den kolonialen Verhältnissen. Somit kommt er zu der nicht überraschenden Feststellung, daß die „Kontrolle (...) in den Händen von ausländischen Unternehmen“[45] liegt. Davon zu unterscheiden ist eine zweite Art der Mono­produktion: Im externen kapitalistischen Sektor konzentriert sich die Produktion mehr auf einige spezielle Güter mit fortgeschrittener Technik, wobei hier aber auch keine Palette von Produktangeboten wie in den Industrieländern festzustellen ist.

Ein zweites allgemeines Merkmal, das neben Córdova auch die meisten anderen Dependenz­theoretiker in dieser Form vertreten, ist das Merkmal der wirtschaftlichen Abhängigkeit. Dieses beinhaltet, daß die rückständigen Länder innerhalb ihrer Wirtschaftsbeziehungen kaum oder gar keine Autonomie oder Freiheit in ihren Entscheidungen besitzen. Somit sind sie den Diktionen von außen unterlegen. Diese Unterordnung ist „institutionalisiert“[46] und es ist die Möglichkeit für die unterentwickelten Länder ausgeschlossen, eine ähnliche Beziehung der Abhäng­igkeit auch in umgekehrter Richtung zu entwickeln. Die Tatsache, daß die rückstän­digen Länder von den Entscheidungen der industrialisierten Länder auf dem Weltmarkt abhängig sind, gilt als das entscheidende Merkmal der wirtschaftlichen Struktur der Länder des Südens.

Eine Folge der Abhängigkeit liegt in der Deformation der Wirtschaft[47]. Dieser für die rück­ständigen Länder typische Prozeß hat dazu geführt, daß sich dort verzerrte oder deformierte Volks­wirtschaften herausbildeten. Die Deformation liegt zum Einen darin, daß die verschie­denen ökonomischen Systeme aus der vorkapitalistischen und der kapitalistischen Phase wie oben gezeigt, unzureichend im Prozeß der Produktion miteinander verknüpft sind. Zum Anderen läßt sich die Deformation daran festmachen, daß das Wachstum sich eigentlich nur im kapitalistisch geprägten Sektor vollzieht, es somit also zu gesamtgesellschaftlich unausgeglichenen Wachstumsschüben und somit zur Entfaltung von Disproportionalitäten kommt. Anomalien im Wachstum im Vergleich zu entwickelten Ländern entstehen. Die Dependenztheoretiker, die nun die Folgen der Deformation untersuchten, stellten wie Córdova fest, daß innerhalb einer deformierten Volkswirtschaft keine Verbesserung, sondern vielmehr eine zunehmende Verschlechterung der Situation zu verzeichnen ist. Denn die Deformation hat in sich einen Wachstumstyp angelegt, der die Ungleichheiten eher vertieft, als ausgleicht.

3.2.3.2 Die strukturelle Heterogenität

Córdovas Begriff der strukturellen Heterogenität, dessen Inhalt sich „deutlich von der sozio­öko­nomischen Ebene (Produktionsverhältnisse) her bestimmt“[48] manifestiert sich auf allen Ebenen der Gesellschaft. Der Autor versteht unter dieser Begrifflichkeit das Vorhandensein von Wirtschaftssektoren, in denen Produktionsverhältnisse herrschen, die auf unterschied­lichen Eigentumsverhältnissen an Produktionsfaktoren beruhen. Dies kennzeichnet die „unter­schiedlichen Grade historischer Entwicklung“[49]. Vereinfacht gesagt existieren Sektoren aus unter­schiedlichen geschichtlichen Etappen, wie vorkapitalistische Indiogemeinschaften und Lati­fundien, aber gleichzeitig eben auch kapitalistische Sektoren. Die Grenzen der Sektoren sind fließend, so daß auch Mischtypen wieder zu finden sind. Die strukturelle Heterogenität wen­det sich gegen die Auffassung, daß dies lediglich eine Form der Übergangswirtschaft darstellt. Diese Übergangswirtschaft war zum Beispiel in Europa vom Übergang des Feuda­lis­mus zum Kapitalismus zu finden. Sie entsteht, wenn historisch fortgeschritttenere Sektoren die rückständigen Sektoren in einem gesetzmäßigen Prozeß langsam umgestalten. Córdova wendet sich in dieser Definition auch gegen die „Dualismus-These“[50], die davon aus geht, daß zwei verschiedene Gesellschaftsformen nebeneinander herrschen. Der Unterschied liegt darin, daß diese heterogenen Strukturen die Basis eines Überbaus sind, der darauf abzielt, diese zu erhalten, um den eigenen Nutzen daraus zu ziehen[51].

[...]


[1] So lautet der provokante Titel eines Buches, das Nachträge und Schlaglichter zur Dependenztheorie liefert: Alt, Gerhard/ Wrobèl-Leitpold, Andreas: Armut im Süden durch Wohlstand im Norden? Vilsbiburg 1988.

[2] Stammt ab vom spanisch-portugiesischem Wort „dependencia“, das „Abhängigkeit“ bedeutet. Vgl. hierzu: ebenda, S. 17. Obwohl es auch eine afrikanisch geprägte Dependenztheorie gibt, soll hier lediglich von der lateinamerikanischen Dependenztheorie die Rede sein.

[3] Auch die Modernisierungstheorien versuchten die Entwicklung bzw. Unterentwicklung der industrialisierten und rückständigen Länder zu erklären. Natürlich werden in diesen Theorien andere analytische und methodische Kategorien verwandt, die aber nichts desto trotz auch kritikwürdig sind. Vgl. hierzu: Resasade, Hadi: Modernisierungstheorien, Opladen 1984. Jedoch würde es den Umfang der Arbeit sprängen, die verschiedenen Konzeptionen von Modernisierungstheorien hier darzustellen.

[4] Córdova, Armando: Strukturelle Heterogenität und wirtschaftliches Wachstum, Frankfurt am Main 1973.

[5] Córdova, Armando/ Michelena, Héctor Silva: Die wirtschaftliche Struktur Lateinamerikas, Frankfurt 1969.

[6] Vgl. hierzu: Mansilla, Hugo C.F.: Entwicklung als Nachahmung, Meisenheim am Glan 1978, S. 49ff.

[7] Alt, Gerhard/ Wrobèl-Leitpold, Andreas, a.a.O., S. 20.

[8] Vgl. hierzu beispielsweise Franks Werke „Kapitalismus und Unterentwicklung in Lateinamerika“, Frankfurt am Main 1968 oder „Die Entwicklung der Unterentwicklung“ in ders.: Kritik des bürgerlichen Anti-Imperialismus, Berlin 1969.

[9] Eine ausführliche Darstellung der verschiedenen Schwerpunkte der Imperialismustheorien und die Gegenüberstellung von Imperialismus und Kapitalismus läßt sich wieder finden in: Riegel, Klaus Georg: Politische Soziologie unterindustrialisierter Gesellschaften: Entwicklungsländer, Wiesbaden 1976, S. 78ff. Weiterhin auch in Goetze, Dieter: Entwicklungssoziologie, München 1976, S. 89ff.

[10] Riegel, Klaus-Georg, a.a.O., S. 77.

[11] Eine ausführliche Darstellung zur Wirtschaftsproblematik findet sich in Mansilla, Hugo C.F., a.a.O., S. 51ff.

[12] Ebenda, S. 53.

[13] Ebenda.

[14] Vgl. hierzu Alt, Gerhard/ Wrobèl-Leitpold, Andreas, a.a.O., S.20f.

[15] Ebenda, S. 21.

[16] Senghaas, Dieter: Imperialismus und strukturelle Gewalt, Frankfurt am Main 1972, S. 19.

[17] Ebenda.

[18] Alt, Gerhard/ Wrobèl-Leitpold, Andreas, a.a.O., S. 23.

[19] Senghaas, Dieter, a.a.O., S. 11.

[20] Vgl. hierzu Alt, Gerhard/ Wrobèl-Leitpold, Andreas, a.a.O., S. 23.

[21] Ebenda, S. 23ff.

[22] Mansilla, Hugo C.F., a.a.O., S. 58f.

[23] Mansilla, Hugo C.F., a.a.O., S. 59.

[24] Eine kurze biographische und kontextgebundene Einordnung des Autors Armando Córdova läßt sich auf beiden Deckelinnenseite dieser Werke nachlesen.

[25] Vgl. hierzu auch Córdova, Armando, a.a.O., S. 55f.

[26] Ebenda, S. 56.

[27] Vgl. hierzu in: Ebenda, unter dem Unterpunkt „Historische Voraussetzungen“, S. 67ff.

[28] Ebenda, S. 67.

[29] Vgl. ebenda, S.69ff.

[30] Vgl. Córdova, Armando, a.a.O., S. 72ff.

[31] Ebenda, S. 47f.

[32] Ebenda, S. 165.

[33] Vgl. ebenda, S.162.

[34] Obwohl dieses Konzept sich innerhalb der Bücher immer wieder angedeutet finden läßt, wird es nur an einer Stelle explizit erklärt: siehe ebenda, S. 165.

[35] Zur Konkretisierung dieses Kapitels wurden vor allem die Unterkapitel „Elemente einer Definition der wirtschaftlichen Unterentwicklung“ und das von Córdova und Michelena zusammen verfaßte Unterkapitel „Die wirtschaftliche Struktur der unterentwickelten Länder“ in Córdova, Armando/ Michelena, Héctor Silva, a.a.O. als Grundlage benutzt.

[36] Ebenda, S. 70f.

[37] Ebenda, S. 77f.

[38] Ebenda, S. 38.

[39] Eine Auseinandersetzung mit dem Kriterium des Pro-Kopf-Einkommens erfolgt bei Cordova in Córdova, Armando/ Michelena, Héctor Silva, a.a.O., S. 8ff. Zu ähnlichen Ergebnis kommt nun auch: Calcagnotto, Gilberto/ Feix, Nereu: Lateinamerika, Königstein 1979, S. 14. Auch hier wird die relative Unbrauchbarkeit dieses Kriterium festgehalten.

[40] Vgl. hierzu Córdova, Armando/ Michelena, Héctor Silva, a.a.O., S. 37f.

[41] Auf Grund der Konzeption dieser Arbeit kann die Methode der Analyse nur in sehr verkürzter Form dargestellt werden. Eine ausführliche Darstellung findet sich in: Ebenda, S. 78ff.

[42] Die Merkmale der verschiedenen Systeme lassen sich entnehmen: Ebenda, S. 104ff.

[43] Córdova betrachtet innerhalb der Querverbindungen zwischen den Systemen sowohl die Querverbindungen im Produktionsprozeß als auch die Querverbindung der ökonomischen Systeme im Binnenmarkt getrennt voneinander, ebenda, S. 106ff.

[44] Sehr ausführlich beschrieben sind die Merkmale: Ebenda, S. 109ff.

[45] Ebenda, S. 109.

[46] Ebenda, S. 114.

[47] Vgl. hierzu auch in Mansilla, Hugo C.F., a.a.O., S. 68.

[48] Córdova, Armando, a.a.O., S. 26.

[49] Ebenda.

[50] Alt, Gerhard/ Wrobèl-Leitpold, Andreas, a.a.O., S. 25. Der Charakter des Dualismus wird vor allem in den Modernisierungstheorien stark betont. Hier gibt es auch lateinamerikanische Vertreter, die an dieser Konzeption festhalten. Sie entstammen aus der sogenannten Argentinischen Schule. Siehe dazu: Mansilla, Hugo C.F., a.a.O., S. 40ff.

[51] Vgl. hierzu Córdova, Armando, a.a.O., S. 27ff.

Details

Seiten
33
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638525701
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58344
Institution / Hochschule
Universität Trier – Soziologie
Note
Schlagworte
Modernisierung Dependenz Unterentwicklung Dependenztheorie Rahmen Modernisierungstheorien Analyse Kritik Schriften Armando Córdovas Thema Modernisierungstheorie

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Titel: Die Dependenztheorie im Rahmen der Modernisierungstheorien. Analyse und Kritik anhand von zwei Schriften Armando Córdovas