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Zum Mutterbild Kafkas -Die Gestaltung der Mutter in Kafkas Erzählung 'Die Verwandlung' unter Berücksichtigung biographischer Hintergründe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 35 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Wichtige biographische Hintergründe für die Mutter- Konstellation bei Kafka
2.1. Die leibliche Mutter: Julie Kafka, geborene Löwy
2.2. Die innerfamiliäre Kindheit Franz Kafkas
2.3. Merkmale der Beziehung zwischen Mutter Julie und ihrem Sohn Franz
2.4. Die Beziehung aus der Sicht der Mutter

3. Eine erste Beschreibung und Deutung der Mutterfigur in der Erzählung Die Verwandlung
3.1. Erster Teil der Erzählung
3.2. Zweiter Teil der Erzählung
3.3. Dritter und letzt.er Teil der Erzählung

4. Die Gestaltung der Mutter in Die Verwandlung unter Berücksichtigung biographischer und psychologischer Problemaspekte
4.1. Der ödipale Konflikt und andere psychologische Argumente für das Mutterbild Kafkas und die Gestaltung der Mutterfigur
4.2. Mögliche Gründe für die Passivität der Mutter Samsa ihrem Sohn Gregor gegenüber
4.3. Die Bedeutung von Ersatzmüttern für Kafka und Gregor Samsa

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Was jedem der sich schon einmal mit Kafkas Werk auseinander gesetzt hat sofort auffällt, ist die komplizierte Vater-Sohn-Beziehung. Alle Texte von Kafka wurden hinsichtlich dieser Problematik mehrfach untersucht und gedeutet: Der tyrannische Vater, der das Leben seines Sohnes zerstörte oder aber der Vater der ihm durch sein autoritäres, erniedrigendes Verhalten das Schreiben erst ermöglichte. Viele Interpretationen, zu Kafkas Vaterkonflikt in seinen Texten und auch zu seiner Beziehung zum eigenen Vater wurden veröffentlicht und finden rege Aufmerksamkeit.

Aber warum litt Kafka als Sohn anscheinend so extrem unter seinem Vater und warum soll der Vater als Hintergrund seiner Texte und all seiner Probleme gelten? Oft sind Väter strenger als Mütter, oft sind sie selten zu Hause, häufig fehlt ihnen aufgrund beruflicher Auslastung die Zeit, um ihren Kindern die notwendige Aufmerksamkeit zu schenken, und es gibt (heute mehrfach als zu Kafkas Lebenszeit) auch alleinerziehende Mütter. Die meisten Kinder konnten und können mit diesen Problemen umgehen und begnügen sich, wenn sie von dem Vater nicht die gewünschte Anerkennung bekommen, mit der Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Mutter.

Die Betonung des Vaters in vielen Texten Kafkas zeigt, dass das Verhältnis Kafkas zu seiner Mutter scheinbar kein Ausgleich für den jungen Franz gewesen sein konnte. Anscheinend drehte sich alles nur um den Vater. Und die Mutter, die bei den meisten Kinder zumindest in den ersten Lebensmonaten die einzige Bezugsperson ist, wurde nicht als Bezugsperson von ihm ausgewählt und/oder akzeptiert.

Warum dieses Familienverhältnis so kompliziert war und vor allem welche Rolle die Mutter für das Leben Kafkas und seine Werke hatte, all diese Fragen möchte ich versuchen in dieser Arbeit aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten.

Als erstes werde ich die biographischen Hintergründe der Familie Kafkas beleuchten und meinen Schwerpunkt dabei, wie auch in allen weiteren Kapiteln, hauptsächlich auf die Mutter Julie Kafka und ihr Verhältnis zu ihrem Sohn Franz legen. Im nächsten Schritt möchte ich die Erzählung Die Verwandlung mit ihrer Mutterkonstellation vorstellen, um anschließend anhand der Erzählung und dem biographischem Hintergrund verschiedene Ansätze zur Deutung der Mutterfigur zu versuchen.

Ich möchte keine ausschließliche biographische Deutung der Texte durchführen, werde mich jedoch häufig auf persönliche Daten beziehen, da diese viele Anhaltspunkte für das Verständnis Kafkas von Mutter-Sohn-Beziehungen liefern.

Weiterhin möchte ich mögliche Parallelen zwischen der Gestaltung der Mutter in Die Verwandlung und zu dem Verhältnis Franz Kafka – Julie Kafka präsentieren. Genauso wichtig ist für mich allerdings auch zu zeigen, welche Unterschiede bestehen und warum es vielleicht gerade nicht sinnvoll ist, in diesem oder jenem Punkt eine biographische Interpretation zu vollziehen.

Da gerade die Familienproblematik mit der Mutter-Sohn-Beziehung den Schwerpunkt meiner Arbeit bildet, werde ich an einigen Stellen auch psychoanalytische Aspekte erwähnen, um Vorgänge aus Kafkas Kindheit zu deuten, die auch in seinem späteren Leben einen starken psychologischen Einfluss auf ihn hatten.

Ganz nach Hartmut Böhme, der sagte: »Literarische Texte sind für Kafka in fiktive Handlungen verkleidete Versuche zur Erklärung seiner psychosozialen Grundstruktur«.[1]

Wie die Mutter in den Texten gestaltet wird, ob sie durch Passivität gekennzeichnet ist, welchen Einfluss ein möglicher ödipaler Konflikt Kafkas auf die Muttergestaltung haben könnte oder was das Erscheinen von Ersatzmüttern bedeutet, soll dieser Deutungsteil meiner Arbeit erläutern und mit einem abschließendem Fazit das, möglicherweise aus Kafkas Biographie, entstandene Mutterbild erklären.

2. Wichtige biographische Hintergründe für die Mutter- Konstellation bei Kafka

Über Franz Kafka und seine Familie wurden sehr viele Biographien und Annäherungen verfasst. Ich möchte mich im Folgenden auf die Biographie Kafkas von seinem Freund Max Brod[2] stützen, sowie auch neuere Erkenntnisse von Alena Wagnerová[3] mit einbeziehen. Als weitere Grundlage dienen besonders Kafkas Selbstzeugnisse aus Tagebüchern und Briefen, sowie Zeitzeugenberichte von ausgewählten Personen.

Um das Verhältnis wischen Mutter Julie und Sohn Franz genau beschreiben zu können, sind die folgenden Angaben zur Mutter natürlich unersetzlich. Dieses Kapitel fällt deswegen so ausführlich aus, da ich für die verschiedenen Interpretationsansätze, die ich später versuchen werde, viele wichtige Hintergrundinformationen benötige.

Wie sich die Sicht Franz´ für Mutter-Sohn-Beziehungen entwickelte und warum und wie er die Mütter in den beiden Erzählungen gestaltet, kann erst durch diese ausführlichen biographischen Hintergründe deutlich werden.

2.1. Die leibliche Mutter: Julie Kafka, geborene Löwy

1856 kam Julie Löwy als Zweitälteste von drei Geschwistern in Bad Podebrad (circa sechzig Kilometer östlich von Prag) auf die Welt. Ihr Vater Jakob Löwy stammte aus einer frommen, traditionsreichen jüdischen Familie. Seine Frau Esther Porias schenkte ihm vier Kinder, die Söhne Alfred, Richard und Josef, sowie 1856 die einzige Tochter Julie. Kurz nach der Geburt ihres letzten Kindes Josef (1858) erkrankte Esther an Typhus und starb in einem Alter von erst 28 Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Julie gerade 3 Jahre alt.

Franz schrieb über diesen Abschnitt seiner Familienchronik in sein Tagebuch:

»Die Mutter meiner Mutter starb frühzeitig an Typhus. Von diesem Tode angefangen wurde die Großmutter trübsinnig, weigerte sich zu essen, sprach mit niemandem, einmal, ein Jahr nach dem Tode ihrer Tochter, ging sie spazieren und kehrte nicht mehr zurück, ihre Leiche zog man aus der Elbe«.[4]

Wie schwer solche traumatischen Verlusterlebnisse für Kinder sein können, kann man sich unschwer vorstellen.

Auch der fromme Großvater Adam Porias überlebte seine Frau nur um zwei Jahre, welches zu einem weiteren schicksalhaften Einschnitt in Julies Kindheit führte.

»Sie erinnert sich, wie sie die Zehen der Leiche festhalten und dabei Verzeihung möglicher dem Großvater gegenüber begangenerer Verfehlungen erbitten mußte«.[5]

Jakob Löwy heiratete bereits ein Jahr nach dem Tod seiner Frau Esther Porias eine Bekannte, namens Julie Heller, die zwei weitere Brüder Julies – Rudolf und Siegfried- zur Welt brachte.

Julie wuchs mit ihren fünf Geschwistern in einer wohlhabenden bürgerlichen Familie auf. Der frühe Tod der Mutter, der Selbstmord der Großmutter, der darauf folgende Tod des Großvaters und schließlich die baldige zweite Hochzeit des Vaters konnten nicht spurlos an Julie vorbeigehen.

»Zu heiraten und Kinder zu haben ist das einzige Lebensziel das sich eine Tochter [wie Julie] […] vorstellen kann«.[6] Mit schon 26 Jahren fand sie dafür den passenden Mann, Hermann Kafka.

Sie wurde durch ihre Tatkraft im Geschäft eine unentbehrliche Hilfe für ihren Mann und er wollte sie, durch ihr ausgleichendes Gemüt, immer um sich haben. Sie schaffte durch ihre liebenswürdige, ruhige Art den Ausgleich zu dem leicht aufbrausenden Familienoberhaupt. Viele Menschen die sie kannten, schätzten sie sehr. So sprach Max Brod von ihr als »eine[r] stille[n], gütige[n], außerordentlich kluge[n], ja weisheitsvolle[n] Frau«.[7] Auch Anna Pouzarová, die kurze Zeit als Erzieherin bei der Familie Kafka lebte, erzählte:

»Die Mutter von Franz, Frau Julie Kafka, habe ich vom ersten Tag meines Aufenthalts in der Familie sehr gern gehabt. Sie war an Wochentagen den ganzen Tag und an Sonntagen vormittags im Geschäft, trotzdem aber auch im Haushalt eifrig und zu jedem freundlich. Eines Sonntagnachmittags kam sie plötzlich in die Küche, ich saß gerade am Tisch und schrieb. Sie streichelte von hinten über mein Haar, ich drehte mich um und sagte „Mutter“. Ich stammelte etwas und schwieg, zu guter letzt habe ich mich auch entschuldigt. Ich hatte doch gerade einen Brief nach Hause geschrieben und an meine Mutter gedacht! Frau Kafka streichelte mir nochmals über die Wange und sagte mir, dass sie mir nicht im geringsten böse sei. „Ich bin doch Mutter von vier Kindern“, fügte sie hinzu«.[8]

In diesem Zitat sieht man wie viel Energie und Liebe Julie zu haben scheint. Für das Geschäft, den Haushalt und dabei immer noch ein freundliches Wort zu jedem übrig hatte. Die Einfühlsamkeit, mit der sie wahrscheinlich auch ihren jähzornigen, oft wütenden Mann bändigen konnte, kommt hier auch des Weiteren zum Ausdruck. Julies Argument »Ich bin doch Mutter von vier Kindern“ lässt einen vermuten, dass sie ihre Kinder sehr liebte und ihnen viel Verständnis entgegenbringen konnte.

Dieses Gespräch ist etwa aus dem Jahre 1902 als Anna als Erzieherin im Hause tätig war. Zu diesem Zeitpunkt waren Julies Kinder schon „aus dem Gröbsten raus“. Die jüngste Tochter Ottla, war elf Jahre alt und Franz mittlerweile schon Neunzehn.

Aber hatte Julie Kafka von Anfang an und durchgehend so viel Energie für das Geschäft und Liebe für ihre Kinder und Familie?

2.2. Die innerfamiliäre Kindheit Franz Kafkas

Schon 10 Monate nach der Eheschließung zwischen Hermann und Julie Kafka wurde am 3. Juli 1883 ihr erstes Kind Franz geboren. Das neu gegründete Geschäft brauchte zu dieser Zeit noch besonders viel Aufmerksamkeit.

Zusätzlich kamen 1885 zwei Umzüge, des Geschäfts und ihrer privaten Wohnung, zusammen. Zu diesem Zeitpunkt war Julie schon mit ihrem zweiten Kind schwanger. Wie viel Zeit bei diesen erschwerten Lebensanforderungen für den kleinen Franz blieb ist fraglich.

In diese Zeit fällt auch das bekannte Kindheitstrauma von Franz, als er nachts den Vater um Wasser anfleht.

»Direkt erinnere ich mich nur an einen Vorfall aus den ersten Jahren. Du erinnerst dich vielleicht auch daran. Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser, gewiß nicht aus Durst, sondern wahrscheinlich teils zum ärgern, teils um mich zu unterhalten. Nachdem einige starke Drohungen nicht geholfen hatten, nahmst Du mich aus dem Bett, trugt mich auf die Pawlatsche und ließest mich dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehen[…]. Noch nach Jahren litt ich unter quälenden Vorstellung, dass der riesige Mann, mein Vater, die letzte Instanz, fast ohne Grund kommen und mich in der Nacht aus dem Bett auf die Pawlatsche tragen konnte und dass ich also ein solches Nichts für Dich war«.[9]

Die Reaktion des Vaters auf das Verhalten von Franz, wirkt für das Kind als bedrohliche Übermacht, der er schutzlos ausgeliefert ist.

Vielleicht war das Jammern nach Wasser nur ein Schrei nach Aufmerksamkeit, da Franz Angst hatte in der Hektik unterzugehen. Gleichgültig welche Gründe das Schreien hatte, dieses Erlebnis aus seiner Kindheit vergaß Franz nie.

Im selben Jahr wird sein Brüderchen Georg geboren. Doch schon nach 15 Monaten stirbt dieser an Masern. 1887 kommt sein zweiter Bruder Heinrich auf die Welt, der aufgrund einer Mittelohrentzündung mit nur 6 Monaten stirbt.

Sowohl für Franz wie auch für seine Mutter müssen diese Ereignisse sehr schwerwiegend gewesen sein.

Margarete Mitscherlich-Nielsen[10] beschreibt einen möglichen Prozess, den dieses Erlebnis ausgelöst haben könnte und sich auf die früheren nicht verarbeiteten Verluste (Tod der Mutter, Großmutter und des Großvaters) bezieht[11].

»Untergründig bildet sich nach solchen Verlusten – so haben es Untersuchungen vom Martha Wolfenstein (1966) ergeben – oft die kindliche Vorstellung: wenn ich nur so lieb und brav bin, wie meine Eltern es von mir erwarten, werden sie wieder zu mir zurückkommen. Als zweitältestes Kind und einziges Mädchen neben fünf Brüdern hatte Kafkas Mutter frühzeitig Mutterpflichten übernehmen müssen. Der unbewusste psychische Zwang, lieb sein zu müssen, um die verstorbene Mutter zur Rückkehr zu bewegen, hat sich durch die Konstellation wahrscheinlich noch verstärkt. Man kann annehmen, daß dies einer der Gründe dafür gewesen ist, daß sie sich später der tyrannischen Liebesansprüche ihres Ehemanns kaum erwehren konnte. Da Hermann Kafka seine Frau total für sich beanspruchte, wird er ihr nach dem Verlust der beiden Söhne kaum eine angemessene Trauerarbeit, einen zeitweiligen Rückzug auf sich selbst und ihren Kummer, ermöglicht haben. Die Wirkung, die der frühe Tod seiner Brüder und die wahrscheinlich emotional abwehrende, untergründig aber depressive Reaktion der Mutter auf Franz gehabt haben muß, ist m.E. bisher nicht genügend berücksichtigt worden«.[12]

Ob aus diesen Erlebnissen Persönlichkeitsstörungen entstanden und wie diese aus psychoanalytischer Sicht beschrieben werden könnten, kann diese Arbeit, und möchte sie auch nicht, klären. Es soll jedoch deutlich werden, dass Kafka aufgrund dieser schlimmen Ereignisse seiner Kindheit schon frühzeitig geprägt wurde.

Er beschreibt seine Familiensituation rückblickend in einem Brief an Felice vom 19. zum 20. Dezember 1912.

»Ich bin der älteste von sechs Geschwistern, zwei Brüder, etwas jünger als ich, starben als kleine Kinder durch Schuld der Ärzte, dann war eine Zeitlang still, ich war das einzige Kind, bis dann nach 4,5 Jahren die drei Schwestern durch1, beziehungsweise durch 2 Jahre getrennt anmarschierten. So habe ich sehr lange allein gelebt und mich mit Ammen, alten Kindermädchen, bissigen Köchinnen, traurigen Gouvernanten herumgeschlagen, denn meine Eltern waren doch immerfort im Geschäft«.[13]

Mit diesem Hintergrund werden Kafkas Empfindungen in und über seine Kindheit verständlich, die Entstehung seines Mutterbildes, sowie die daraus ableitbare Gestaltung der Mutter in seinen Texten. So kann sein Schreiben als eine Art biographische Bewältigung gesehen werden.

Wichtig dafür sind jedoch nicht nur Erlebnisse von Mutter und Kind, sondern vor allem auch die Beziehung zwischen Mutter und Kind, wie sie von beiden Parteien aus wahrgenommen wird.

2.3. Merkmale der Beziehung zwischen Mutter Julie und ihrem Sohn Franz

Julie hing an ihrem einzig übriggebliebenen Sohn nach dem frühen Tod der beiden nachfolgenden Jungen. Zum einen können Schuldgefühle zum anderen Ängste diesen Sohn auch noch zu verlieren dazu geführt haben, dass Franz plötzlich eine Gefühlsüberschüttung von Seiten seiner Mutter erlebt haben muss.[14] Rudolf Kreis[15] beschreibt dieses schlagartige Eintreffen der mütterlichen Liebe auf Franz folgendermaßen:

»Nach dem Tode der beiden Brüder muß sich die Kälte des Milieus ins andere Extrem gewandelt haben: in Gefühlsüberflutung. Nun endlich wird von dem Einzigen Besitz ergriffen; doch bleibt die Mutter dem Kind ein depressiver Spiegel, paradox gespalten zwischen Nichtverfügbarkeit und zärtlicher Umarmung. Denn für immer verpaßt ist die (angeborene) sensible Sehnsuchtsphase des Kindes nach Sättigung in den Armen der Mutter verbunden mit der Sehnsucht des Gesättigten, sich in deren Angesicht (den Pupillen) widergespiegelt und angenommen zu erleben«.[16]

Daraus entstand auch bei Kafka das Gefühl ein Verfolgter seiner Eltern zu sein, ohne aber vor seinen Eltern flüchten zu können, aus Gründen der bestehenden Sehnsucht, sowie Schuldgefühlen. Die Bedürfnisse des Kindes nach Spiegelung, Anerkennung und Eigenständigkeit können nicht befriedigt werden, so dass eine Loslösung von den Eltern erschwert wird.

Das Verhältnis zur Mutter war daher für Franz sehr ambivalent. Er liebte seine Mutter, musste aber mit ansehen, wie sie immer mehr auf die Seite des Vaters rückte und unselbstständiger wurde.

»Wollte ich vor Dir fliehn, mußte ich auch vor der Familie fliehn, selbst vor der Mutter. Man konnte bei ihr zwar immer Schutz finden, doch nur in Beziehung zu Dir. Zu sehr liebte sie Dich und war Dir zu treu ergeben, als daß sie in dem Kampf des Kindes eine selbstständige geistige Macht für die Dauer hätte sein können. Ein richtiger Instinkt des Kindes übrigens, denn die Mutter wurde Dir mit den Jahren immer noch enger verbunden; während sie immer, was sie selbst betraf, ihre Selbstständigkeit in kleinsten Grenzen schön und zart und ohne Dich jemals wesentlich zu kränken, bewahrte, nahm sie doch mit den Jahren immer vollständiger, mehr im Gefühl, als im Verstand, Deine Urteile und Verurteilungen hinsichtlich der Kinder blindlings über […]«.[17]

Auch wenn Kafka sagt, »Es ist wahr, daß die Mutter grenzenlos gut zu mir war[…]«[18], so kritisiert er sie jedoch auch dafür, dass sie nicht zu ihren Kindern, sondern zu ihrem Ehemann gehalten hat.

Kafka erläutert das Erziehungsproblem[19] und das Verhalten seiner Mutter und die Wirkung für ihn in seinem Brief an den Vater folgendermaßen:

»Die Mutter hatte unbewußt die Rolle eines Treibers in der Jagd. Wenn schon Deine Erziehung in irgendeinem unwahrscheinlichen Fall mich durch Erzeugung von Trotz, Abneigung oder gar Haß auf eigene Füße hätte stellen können, so glich das die Mutter durch Gutsein, durch vernünftige Rede (sie war im Wirrwarr der Kindheit das Urbild der Vernunft), durch Fürbitte wieder aus, und ich war wieder in Deinen Kreis zurückgetrieben, aus dem ich sonst vielleicht, Dir und mir zum Vorteil, ausgebrochen wäre«.[20]

Die Mutter, die versuchte einen Ausgleich zum tyrannischen Vater zu schaffen, hat es für ihren Sohn (aus seiner Sicht) anscheinend nur noch schlimmer gemacht. Josef Rattner[21] beschreibt diese von Kafka selbst als Problem dargestellte Situation als ein Fesseln durch Zärtlichkeit an die Mutter und eine Bindung durch Ohnmacht und Bewunderung an den Vater, wobei »die Mütterlichkeit […] kein vollwertiger Ersatz für die väterliche Anerkennung«[22] sei. Und weiter

»Das Schuldgefühl, den Forderungen des Vaters nicht zu entsprechen, wird durch Liebkosungen der Mutter nicht nur beschwichtigt, sondern geradezu verstärkt. Man hat sich die Wertung des Vaters bereits zu eigen gemacht, indes man noch die Zuflucht im mütterlichen Schoß sucht und sich dabei auch gründlich verachtet«.[23]

[...]


[1] Böhme, Hartmut: „»Mutter-Milena«: Zum Narzißmus-Problem bei Kafka.“ In: Germanisch-romanische Monatsschrift 28 (1978) S. 53.

[2] Brod, Max: Über Franz Kafka. Franz Kafka. Eine Biographie. Franz Kafkas Glauben und Lehre. Verzweiflung und Erlösung im Werk Franz Kafkas. Frankfurt a.M. / Hamburg 1966.

[3] Wagnerová, Alena: „Im Hauptquartier des Lärms“. Die Familie Kafka aus Prag. Berlin 1997.

[4] Brod, Max (Hrsg.): Kafka, Franz: Tagebücher. Österreich 1967. S. 152. (25. Dez. 1911)

[5] Ebd., S. 152. (25. Dez. 1911)

[6] Wagnerová: Im Hauptquartier des Lärms, S. 68.

[7] Brod: Über Kafka, S. 13.

[8] Koch, Hans-Gerd: „Als Kafka mir entgegenkam…“ Erinnerungen an Franz Kafka. Berlin 1995. S. 60-61.

[9] Kafka, Franz: Brief an den Vater. (Hrsg. Müller, Michael) Stuttgart 1995. S. 11. Ich verwende den Brief an den Vater genau wie alle anderen Briefe und Tagebucheintragungen als Lebenszeugnis und nicht als einen literarischen Text. Bei den Zuschreibungen in diesen Texten darf man nicht vergessen, das sie aus einer subjektiven Wahrnehmung heraus geschrieben wurden.

[10] Mitscherlich-Nielsen, Margarete: „Psychoanalytische Bemerkungen zu Franz Kafka“ In: Psyche. Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen H 31 (1977) S. 60-83.

[11] Sie bezieht sich dabei auf die Psychologin Martha Wolfenstein, die viele Untersuchungen zu Depressionen bei Kindern machte und diese auf Störungen in Mutter-Kind-Beziehungen bezog. Vgl. Wolfenstein, M. (1966): „How is mourning possible?“ In: Psychoanal. Study Child 21, S. 93-129.

[12] Mitscherlich-Nielsen: Psychoanalytische Bemerkungen, S. 65.

[13] Kafka, Franz: Briefe an Felice. Hrsg. von Heller, Erich und Born, Jürgen. Frankfurt a.M. 1970. S. 193. Genau zu dieser Zeit verfasste Kafka gerade die Erzählung Die Verwandlung.

[14] Mitscherlich-Nielsen: Psychoanalytische Bemerkungen, S. 64.

[15] Rudolf Kreis ist Germanist und kritischer Publizist zahlreicher literaturdidaktischer und literaturwissenschaftlicher Arbeiten.

[16] Kreis, Rudolf: „Kindheit – ein Schlüssel zu Kafka“ In: Diskussion Deutsch H 72 (1983) S. 383.

[17] Kafka: Brief an den Vater, S. 29-30.

[18] Ebd., S. 24.

[19] Vgl. Kafka, Franz: Briefe 1902-1924. Frankfurt a.M. 1975. S. 339ff. Briefe, die Kafka an seine Schwester Elli Hermann, über Erziehungsmethoden schrieb und sich dabei der reformpädagogischen Meinung anschloss, die Erziehung außerhalb der Familie durch Erzieher durchzuführen.

[20] Kafka: Brief an den Vater, S. 24.

[21] Josef Rattner, ein sehr bekannter Tiefenpsychologe und Psychotherapeut, hat über Kafka und sein Vaterproblem einen psychologische Studie verfasst.

[22] Rattner, Josef: »Ich winselte einmal in der Nacht… « Kafka und das Vaterproblem. Königsförde 2000. S. 51.

[23] Ebd.

Details

Seiten
35
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638525527
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58322
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Mutterbild Kafkas Gestaltung Mutter Erzählung Verwandlung Berücksichtigung Hintergründe Macht Ohnmacht Väter

Autor

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