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Ovid ex Ponto 2,9 - eine Interpretation

von Ines Bauermeister (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 23 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die Exilliteratur Ovids
1.2 Die Forschung zu den Verbannungsgedichten Ovids
1.3 Die Epistuale ex Ponto
1.4 Der Adressat des Briefes

2. Inhalt und Gliederung
2.1 Allgemeine Verpflichtungen von Königen gegenüber Bittstellern
2.1.1 Die Einleitung
2.1.2 Bitte um Asyl
2.1.3 Hilfeleistung als königliche Pflicht
2.1.4 Katalog I: Gottentsprossene Helfer
2.1.5 Katalog II: Gnädige Götter
2.2 Persönlicher Appell an Cotys
2.2.1 Katalog III: Grausame Tyrannen
2.2.2 Lobpreis auf die Dichtkunst des Cotys
2.2.3 Ovids Rechtfertigung
2.2.4 Der Schluss

3. Stil und Gattung

4. Der Versbau

5. Die Verwendung der Mythologie
5.1 Mythologischer Stoff in Ovids Exilpoesie
5.2 Die Rolle der Mythologie im Brief an Cotys

6. Der Einsatz von Katalogen
6.1 Kataloge in den Tristien und Epistulae ex Ponto
6.2 Die Kataloge in Brief 2,9

7. Ovids Einstellung zum Verbannungsurteil und sein Verhältnis zu Augustus

8. Fazit

9. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

1.1 Die Exilliteratur Ovids

Ovid wurde 8 n.Chr. von Kaiser Augustus durch ein kaiserliches Edikt nach Tomis am Schwarzen Meer verbannt. Es handelte sich dabei um die mildere Form des Exils, die relegatio, die es dem Verbannten erlaubte, das römische Bürgerrecht und sein Vermögen zu behalten. Ovid war es gestattet, weiterhin zu dichten, Kontakte schriftlicher Natur nach Rom zu unterhalten und seine Werke dort zu publizieren. So veröffentlichte er während seines neun jährigen Exils neun Bücher mit knapp 100 Elegien: 8 –12 n.Chr. die Tristien in fünf Büchern, 12- 17 n.Chr. die Epistulae ex Ponto in vier Büchern. Neben diesen Schriften verfasste er noch das Schmähgedicht Ibis und begann ein Lehrgedicht über den Fischfang, das Halieuticon. In seinen letzten Lebensjahren unternahm er außerdem den Versuch, die unvollendeten Fasti umzuschreiben. Nicht übersehen werden darf, dass Ovid die zum Zeitpunkt des Verbannungsurteils schon abgeschlossenen Metamorphosen seinem Freundeskreis zwar schon vorgestellt hatte, ihre Veröffentlichung aber erst aus der Verbannung organisierte.

Thema der Tristien und Epistulae ex Ponto sind die schlechten Lebensverhältnisse in Tomis, die Schilderung der durch das Exil bedingten physischen und psychischen Leiden, der Appell an die Solidarität Verwandter und Freunde in Rom und schließlich Bitten an Augustus um eine Rückkehr beziehungsweise Milderung der Strafe durch die Erlaubnis zu einem Wechsel des Verbannungsortes. Doch Ovid starb 17 n. Chr. in Tomis, ohne Rom wiedergesehen zu haben.

1.2 Die Forschung zu den Verbannungsgedichten Ovids

Die Forschung des 19. und frühen 20.Jahrhunderts bewertete die Exilpoesie Ovids überwiegend negativ, den Dichter selbst als unmännlich. So schreiben Schanz/Hosius in ihrer römischen Literaturgeschichte, dass Ovid durch diese Elegien seine Verzweiflung über das ihm zuteil gewordene Schicksal ausgedrückt habe, ohne Wert auf eine künstlerische Form gelegt und die Exilliteratur somit zu einem Dokument seiner Charakterschwäche gemacht zu haben[1].

Die Feier des bimillenariums 1957 und die Erfahrungen des Dritten Reiches, die den Altertumswissenschaftlern den Anstoß gaben, Ovids Verbannungsgedichte mit Rücksicht auf ihre Entstehungsvoraussetzungen zu werten und zu verstehen und somit Ovids Exilsituation zum Ausgangspunkt jeder Literaturkritik zu machen, markieren den Wendepunkt in der Auseinandersetzung mit der Exilliteratur des augusteischen Dichters. So sieht man Ovid mittlerweile als Archegeten des Gattungstyps Exilliteratur und interpretiert seine Werke mit den soziologischen und psychologischen Methoden, die auch auf die Literatur der Emigranten des 20.Jahrhunderts angewendet werden. Durch die neue Form des Zugangs ist man sich inzwischen weitestgehend darüber einig, dass nicht nur die vor der Verbannung entstandenen Werke über einen literarisch hochwertigen Charakter verfügen, sondern auch die Tristia und Epistulae ex Ponto.

Bernhard Chwalek fasst die aktuelle Forschungssituation unter vier übergeordneten Tendenzen zusammen[2]. Eine Art des Zugriffs auf Ovids Elegien aus der Verbannung ist biographisch orientiert. So wird die Ansicht vertreten, dass Ovid in den Tristien und den Epistulae ex Ponto seinen Kampf um das dichterische Überleben zum Ausdruck bringt. Ernst Doblhofer übertrug die Interpretationskategorien des 20. Jahrhunderts, also Sprachnot, Isolation, Exilschizophrenie, Selbstbehauptung und Exilhass, auf die Exilpoesie Ovids und versucht so eine Bewertung auf interdisziplinärem Weg, indem er Ansätze aus der Literaturwissenschaft, der Soziologie und der Psychologie aufgreift[3].

Diesem Zugang folgend, erstellte Ursula Bernhardt eine Spezialstudie zur Funktion der Kataloge in Ovids Exilpoesie, in der sie zu dem Ergebnis kommt, dass die Kataloge ein exiltypisches Ausdrucksmittel seien, und dass sich in den Briefen die physische und psychische Verfassung des Verbannten widerspiegeln[4].

Als zweites Interpretationsmodell stellt Chwalek jenes vor, das die Verbannungsgedichte rein literarisch auswertet und nicht als Reaktion auf das Schicksal Ovids sieht. Die Vertreter dieser Forschungsrichtung, insbesondere Mary Helen Thomsen und Jo-Marie Claassen, fordern, dass man die Person Ovids nicht mit dem poetischen Ich gleichsetzen dürfe. Die Schaffung des elegischen Ichs legt Niklas Holzberg als Mittel der Selbstbehauptung des Dichters aus.

Eine andere Tendenz der Forschung versucht, aus der Exilpoesie Material für eine Geschichte des Schwarzmeerraumes zu gewinnen. Auf diesem Gebiet machte sich Podossinov verdient, der die Untersuchungen zu diesem Komplex in einer Monographie zusammengefasst hat. Unter Hinweis auf die wissenschaftlich unmöglichen Angaben Ovids zu Tomis interpretiert er die Beschreibung des Verbannungsortes als fiktiv und literarischen Schmuck.

Die vierte Tendenz in der aktuellen Forschung hebt den literarischen Charakter der Exilgedichte hervor und bestreitet die Authentizität der Relegation. So meinen Fitten Brown und Hofmann, Ovid sei gar nicht verbannt gewesen, sondern er erlaube sich einen literarischen Witz.

Die Frage ist also, ob Ovid mit der Abfassung der Tristien und Epistulae ex Ponto ein vorrangig literarisches Anliegen verfolgte oder ob er lediglich seine Verzweiflung niederschrieb.

Mit der vorliegenden Interpretation soll versucht werden, ein planvolles Vorgehen des Dichters bei der Komposition der Elegie nachzuweisen und ein über die Ausübung von Dichtkunst hinausgehendes Motiv für ihre Abfassung zu finden.

1.3 Die Epistulae ex Ponto

Die Epistulae ex Ponto sind das zweite Werk Ovids, das er aus der Verbannung publizierte. Gegenüber den Tristien fallen bei grundsätzlich ähnlichem Inhalt (rebus idem, titulo differt, EP 1,1,17) einige Änderungen auf. So verfasst Ovid anstelle eines einzelnen Buches nun drei in einer einheitlichen Sammlung. Von den noch recht anonymen Briefen der Tristien, mit denen er sein Leben im Exil beschreibt, geht er in den Epistulae dazu über, die Adressaten persönlich um Hilfe zu bitten, wobei er deren Namen offen nennt. Dieses ist die entscheidende Neuerung: Während er in den Tristien die Namen der Empfänger seiner Briefe mit Ausnahme der an seine Frau und Perilla gerichteten Elegien verschweigt, nennt er in den Epistulae die Adressaten mit Namen. Die Ausnahme in letzterem Werk ist die Epistel 3,6, in der Ovid auf ausdrücklichen Wunsch des Empfängers auf die Nennung des Namens verzichtet. Den Kurswechsel kündigt Ovid im Epilog an Brutus an:

r ebus idem, titulo differt, et epistula cui sit

non occultato nomine missa docet ( EP 1,1,17f)

Der Grund für das Verschweigen der Namen in den Tristien liegt darin, dass die Freunde Ovids dessen Vorhaben, ihre Namen in den Elegien zu nennen, die Zustimmung aus Furcht vor möglichen negativen Folgen für sich selbst versagt haben. So unterwirft Ovid sich anfangs dem Wunsch seiner Freunde. Doch da er sich dessen bewusst ist, dass er ihnen durch ihre Verherrlichung in seinen Gedichten unsterblichen Ruhm, ein Fortleben in der Dichtung, einbringen würde, setzt er sich über ihren Wunsch hinweg:

nec vos hoc vultis, sed nec prohibere potestis,

Musaque ad invitos officiosa venit. ( EP 1,1, 19f)

Zu diesem Verfahren bekommt Ovid positive Rückmeldungen, so dass er sich genötigt sieht, sich bei seinen Freunden für das Verschweigen ihrer Namen in den Tristien zu entschuldigen (EP 4,1; 4,2; 4,11)[5].

Ovid ordnet seine Briefe in vier Büchern an, wobei die Bücher eins bis drei als geschlossene Sammlung komponiert wurden und das vierte Buch anschließend hinzugefügt und wahrscheinlich erst nach Ovids Tod durch Freunde publiziert wurde. Ersichtlich wird die Zusammengehörigkeit der Bücher eins bis drei daraus, dass nur das erste Buch über einen Prolog verfügt und nur das letzte einen Epilog enthält, die beide an den Verleger Brutus gerichtet sind. Daneben dienen auch zwei an Paullus Fabius Maximus gerichtete Briefe (EP 1,2 und 3,8) als Rahmen.

Das erste Buch besteht aus zehn, das zweite aus elf und das dritte Buch aus neun Elegien. Die Struktur des Gesamtwerkes ist durch die Anordnung der Adressaten der Briefe axialsymmetrisch[6] und steht symbolisch für die menschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen Ovids[7]. Innerhalb dieses Personenkreises ist Cotys eine Person von relativ geringer Bedeutung und wenig Einfluss, da er als Klientelkönig fern von Rom weilt und von der dortigen Regierung abhängig ist.

1.4 Der Adressat des Briefes

Der Adressat des Briefes ist also der König Cotys, der seit 12 v. Chr. auf dem Thron Thrakiens sitzt. Sein Regierungsantritt fällt mit der Veröffentlichung des an ihn gerichteten Briefes zusammen, so dass dieser vielleicht geschrieben wurde, um das Ereignis zu feiern[8]. Cotys ist der einzige nicht in Rom lebende Adressat Ovids. Möglicherweise wurde die Elegie einzeln gesendet und dann vor der Aufnahme in das Gesamtwerk nochmals überarbeitet. Cotys ist Sohn des Rhoimetalkes, des früheren Herrschers über Thrakien. Nach dem Tod des Vaters erhielt er durch die von Kaiser Augustus vorgenommene Teilung des Königreiches den fruchtbaren, Griechenland benachbarten Teil, in dem es eine Reihe von Städten gab, während sein Onkel Rhaskyporis das unbebaute, wilde und den Feinden benachbarte Gebiet bekam. Das Reich des Cotys reichte somit vom Schwarzen Meer vor Mösien bis zur Donau.

Tacitus beschreibt Cotys als einen jungen Herrscher mit mildem und anmutigem Charakter[9]. 19 n.Chr. wurde er von seinem Onkel, der auch über das Herrschaftsgebiet des Cotys verfügen wollte, durch einen Hinterhalt gefangen genommen und dann umgebracht[10].

[...]


[1] M. Schanz, Geschichte der römischen Literatur, München 4 1935(Handbuch der Altertumswissenschaft 8,2), 249

[2] s. zum folgenden den Forschungsbericht bei : B. Chwalek, Die Verwandlung des Exils in die elegische Welt : Studien zu den Tristia und Epistulae ex Ponto Ovids, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Wien 1996 ( Studien zur klassischen Philologie 96), 14- 28

[3] E. Doblhofer, Exil und Emigration : zum Erlebnis der Heimatferne in der römischen Literatur, Darmstadt 1987, VIIf

[4] U.Bernhardt, , Die Funktion der Kataloge in Ovids Exilpoesie, Hildesheim- Zürich – New York 1986 ( Altertumswissenschaftliche Studien und Texte 15), 396- 398

[5] J. Benedum, Studien zur Dichtkunst, 64 - 66

[6] s. Schema bei : H.B.Evans, Publica carmina, Ovids books from exile, Lincoln 1983, 111

[7] M.v.Albrecht, Geschichte der römischen Literatur von Andronicus bis Boethius, Band 1, München 2 1994, 633

[8] ebenda, 141

[9] Tac.Ann.2,64,2

[10] Tac.Ann. 2,65f; Vell.Pat.,2,129 : ... Rhascuporim, interemptorem fratris sui filli Cotyis consortisque eiusdem imperii, Romam evocavit.

Details

Seiten
23
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638524773
ISBN (Buch)
9783638665841
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58217
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Schlagworte
Ovid Ponto Interpretation

Autor

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    Ines Bauermeister (Autor)

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