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Textanalytische Übung zu Eduard Mörike "Auf eine Lampe"

Seminararbeit 2005 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Aufbau des Textes

3. Aussageinstanzen mit Inhaltsbezug

4. Vers- und Satzstruktur
4.1. Syntaktische Struktur
4.2. Syntaktische Figuren

5. Metrum, Reimschema und Kadenzen

6. Rhetorische Techniken
6.1. Klangfiguren
6.2. Substitutionsfiguren (Tropen)
6.3. Wiederholungsfiguren

7. Schlussbemerkung

8. Literaturverzeichnis

Anhang: Gedicht „Auf eine Lampe“

Rechtsverbindliche Erklärung

1. Einleitung

Der deutsche Dichter Eduard Mörike schrieb im Jahr 1846 das Gedicht „Auf eine Lampe“. Es entstand in der Epoche des Biedermeier und zählt zu den Dinggedichten, in dem ein Gegenstand weitgehend ohne subjektive Empfindung einer lyrischen Aussageinstanz beschrieben wird. Im vorherrschenden Gedichttypus soll die äußere Wirklichkeit eines wahrgenommenen Gegenstandes zur Geltung gebracht werden, indem das von allem Zufälligen losgelöste Wesentliche in Erscheinung tritt.

„Es gehört zum Wesen der Lyrik, dass sie alles Gemeinte auch anzusprechen vermag: Gegenstände (...).“[1] In Mörikes Gedicht ist eine Lampe das zentrale Motiv des Textes und gilt als Symbol des Kunstschönen. Die Symbolik äußert sich darin, dass der betreffende Gegenstand stets mit Schönheit erfüllt ist, welche in ihm selbst scheint - unabhängig davon, ob der Gegenstand von seinem Betrachter als „schön“ beurteilt oder gar missachtet wird.

„Wir können in dieser Hinsicht die heitere Ruhe und Seligkeit, dieses Sich­selbst­ge­nügen in der eigenen Beschlossenheit und Befriedigung als den Grundzug des Ideals (d. h. des Kunstwerks) an die Spitze stellen. Die ide­ale Kunstgestalt steht wie ein seliger Gott vor uns da.“[2]

Mörikes Gedicht selbst steht in enger Beziehung zum Leitmotiv, dem Kunstobjekt.

Die vorliegende Textanalyse möchte klären, wie diese Verbindung aufgrund des inneren und äußeren Gedichtaufbaus zustande kommt.

2. Aufbau des Textes

Das Gedicht ist durch eine auffällige Geschlossenheit im Maß gekennzeichnet.

Es besteht aus einer Strophe, welche sich aus nahezu gleich langen Versen zusammensetzt. Die Strophe ist weder durch Einschnitte, etwa durch eine Leerzeile, noch durch ein Spatium gekennzeichnet.

Außer dem klassifizierenden Titel, welcher das Motiv des Gedichtes beinhaltet, ist kein Untertitel oder eine Widmung vorzufinden.

3. Aussageinstanzen mit Inhaltsbezug

Der Inhalt des Gedichtes lässt eine lyrische Aussageinstanz erkennen, welche das Objekt Lampe auf appellativer, räsonierender Ebene betrachtet und sich mit ihm auseinandersetzt.

In den ersten beiden Sätzen (Vers 1 – 6) wird die Lampe vom lyrischen Ich direkt

angesprochen und in ihrer Form und ihrem Aussehen beschrieben. Der Leser des Textes

erfährt von einer weißen, marmornen Lampe, die mit einem goldbronzefarbenen (V. 5: „[...] goldengrünem Erz [...]“) Efeukranz und einem Kinderreigen (V.6: „Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelreih’n.“) verziert ist.

Weiterhin kommt zum Ausdruck, dass die Lampe ungeachtet in einem Schlafzimmer hängt, welches in vergangener Zeit noch genutzt wurde (V. 3: „[...] nun fast vergess’nen Lustgemachs.“).

Mit Hilfe eines spontanen exklamativen Sprechaktes (V. 7: „Wie reizend alles!“) artikuliert das lyrische Ich seine augenblickliche, dezidiert positive und ästhetische Empfindung gegenüber der Lampe.

In Vers neun wird durch die gedankliche Unterredung „Wer achtet sein?“ in Form einer rhetorischen, monologischen Fragestellung eine dialogische Ich-Aufspaltung geschaffen, worauf sich eine differenzierte Subjekt-Objekt-Beziehung und ein daraus resultierendes Spannungsverhältnis aufbaut. Das lyrische Ich bespricht die Lampe in ihrer Symbolik, welche sich in der einzigartigen Schönheit als Kunstgegenstand äußert. Zudem entfernt sich das lyrische Ich von dem Gegenstand „Lampe“ und entwickelt sich zu einem nachdenklichen Betrachter des Kunstwerks „Lampe“.

Die Beobachterrolle der Aussageinstanz zeigt sich nunmehr subjektiv. Das lyrische Ich erkennt, dass in dem recht gewöhnlichen Gegenstand „Lampe“ eine tiefere Bedeutung steckt als seine Dinglichkeit. Es reagiert mit melancholischen Gefühlen, aufgrund dass niemand den wesentlichen Gehalt der Lampe entdeckt und sie deshalb verlassen als alltäglicher Gegenstand an einer Zimmerdecke hängt.

Die symbolische Bedeutung der Lampe nimmt zu, je näher sich das lyrische Ich mit der Lampe befasst. So erkennt der Leser, dass die Lampe (genauer gesagt: die Marmorschale der Lampe) aufgrund ihres kreisförmigen Aussehens eine Energie der Ausgeglichenheit und Ruhe ausstrahlt. Derartige Eigenschaften eines kreisförmigen Aufbaus resultieren aus der stetigen Form des Kreises, denn gleich wie man ihn dreht und wendet, immer behält der Kreis seine Gestalt bei und befindet sich im Zustand völliger Ausgewogenheit.

Schließlich hat die Kreisförmigkeit eines Gegenstandes den Effekt, als sei dieser in sich verschlungen, denn es gibt weder einen Anfang noch ein Ende des Kreises.

Diese Wirkungen sind demnach auf die Lampe übertragbar und geben ihr die Symbolik des Kunstschönen (V. 9: „Ein Kunstgebild’ der echten Art.“): Sie wird zum „Sinnbild des In-sich-Geschlossenen, des Selig-in-sich-Ruhens“[3].

4. Vers- und Satzstruktur

4.1. Syntaktische Struktur

Die vorhandene Strophe besteht aus zehn Versen. Die Zahl Zehn deutet auf eine Geschlossenheit, ein In-sich-abgerundet-Sein des Gedichtes hin, denn die Zehn ist eine wiederkehrende Grundzahl, welche mit sich selbst potenzierbar ist und kontinuierlich in Messeinheiten oder als Ergebnis in mathematischen Rechenoperationen erscheint. Schlussfolgernd ist die Zehn aus sich selbst immer wieder zurückführbar und dadurch in sich selbst ruhend.

Es entsteht eine Beziehung zwischen dem Kunstobjekt Lampe und dem Gedicht. Konnte im vorigen Abschnitt dieser Textanalyse die Bildlichkeit des „In-sich-Verschlungenen“[4] vom Kreis auf die Lampe geschlossen werden, so kann dies auch von der Lampe auf das, sich selbst zu einem Kunstobjekt entwickelnde Gedicht übertragen werden.

Die zehn Verse bestehen aus sechs Sätzen, wobei die ersten beiden Sätze hypotaktisch aufgebaut sind und jeweils drei Verse füllen.

Ein kurzer, parataktischer Ausrufungssatz ist in Vers sieben vorzufinden („Wie reizend alles!“), gefolgt von einem Satz elliptischer Konstruktion. Der aus der Ellipse hervorgehende brachyologische Stil führt zu einem Spannungsverhältnis, da der Redefluss gehemmt wird.

Vers neun weist einen parataktischen Fragesatz auf („Wer achtet sein?“).

Der letzte Satz, der als einziger einen ganzen Vers füllt, besitzt wieder eine hypotaktische Anordnung.


[...]

[1] Horst J. Frank: Wie interpretiere ich ein Gedicht?, Tübingen / Basel 2003.

[2] Georg Friedrich Wilhelm Hegel: Ästhetik. Werke, Band X (1835), S.202, zitiert von Peter Gerhard Klussmann: Wissenschaft und Kunst der Interpretation, in: Orbis Linguarum 21 (2002), S. 50.

[3] Moritz Enzinger: Mörikes Gedicht ‚Auf eine Lampe’. Ein Beitrag zu einem Mörike Kommentar, in: Sitzungsberichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 245 (1965), S. 44.

[4]4 Leo Spitzer: Wiederum Mörikes Gedicht ‚Auf eine Lampe’, in:http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/wolff/einfuehrung/spitzer.htm, 21.06.2005.

Details

Seiten
17
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638524216
ISBN (Buch)
9783640769087
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v58148
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Deutsche Sprache und Literatur II
Note
2,0
Schlagworte
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