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Das "Zeug" in Abgrenzung zum "Werk"

Im Hinblick auf das "Dass" ihres Hervorgebrachtseins in Martin Heideggers Abhandlung "Der Ursprung des Kunstwerkes"

Hausarbeit 2006 27 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hinführung zum Begriff „Zeug“
2.1. Hinführung zur Frage nach dem Wesen des wirklichen Werkes
2.1.1. Hinführung zur Frage nach dem Wesen der Kunst
2.1.2. Wandlung der Frage nach dem Wesen der Kunst in die Frage nach
dem Wesen des Kunstwerkes
2.1.3. Kreisgang im Fragen „vom Werk zur Kunst“ und gleichzeitig „von
der Kunst zum Werk“
2.2. Begegnung mit dem „Ding“ auf dem Weg der „Suche nach dem Wesen des
wirklichen Werkes“
2.3. Begegnung mit dem „Zeug“ auf dem Weg der „Suche nach dem
ursprünglichen Dingsein des Dings“
2.3.1. Suche nach dem Dinglichen im „Ding als Träger seiner
Eigenschaften“
2.3.2. Suche nach dem Dinglichen im „Ding als das in den Sinnen der
Sinnlichkeit durch Empfindungen Vernehmbare“
2.3.3. Suche nach dem Dinglichen im „Ding als Einheit von Stoff und
Form“
2.3.3.1. Ursprung des „Stoff-Form-Gefüges“ des Gebrauchsdings im
„Wozu seiner Dienlichkeit“
2.3.3.2. „Erzeugnis zu Etwas“ – das „Zeug“

3. Der Begriff „Zeug“
3.1. Persönliche Beschreibung aus dem Alltag in Anlehnung an Martin Heideggers
Interpretation des van Gogh Gemäldes „Ein Paar Schuhe“
3.2. „Zuhandenheit“ und „Dienlichkeit“
3.3. „Verlässlichkeit“
3.4. „Auffälligkeit, Aufdringlichkeit, Aufsässigkeit“
3.5. „Fertigsein“

4. Das „Zeug“ in Abgrenzung zum „Werk“ im Hinblick auf das „Dass“ ihres
Hervorgebrachtseins
4.1. Künstlerisches Geschaffensein und handwerkliches Angefertigtsein
4.2. Das „Dass“ des Geschaffenseins
4.3. Ergebnis

5. Anhang

1. Einleitung

Die lange Hinführung zum Thema ist notwendig, um zu veranschaulichen, wie tief der Begriff „Zeug“ in Martin Heideggers Abhandlung eingebettet im Verborgenen liegt. Auf diesem Weg wird deutlich, welche anderen Begriffe zunächst beiseite gestellt werden müssen, um das „Zeug“ zu lokalisieren und es zugänglich zu machen. Der Argumentationsweg führt über landläufige und abendländisch überlieferte Begriffe wie „Werk“, „Ding“, „Form und Stoff“, Dienlichkeit bis hin zum „Erzeugnis Um-zu“. Dort setzt der Begriff „Zeug“ an.

Martin Heideggers Kunstwerk-Abhandlung „Der Ursprung des Kunstwerkes“1 fragt zunächst nach der „Wesensherkunft“2 des Kunstwerkes, oder anders ausgedrückt, nach der „Herkunft des Wesens des Kunstwerkes“3. In der Auslegung von Friedrich Wilhelm von Herrmann beinhaltet der Begriff „Ursprung“ nach Martin Heidegger zum einen die Frage nach dem „Vonwoher und Wodurch“4 eine Sache ist, welche als die Frage nach der Herkunft der Sache bestimmt wird, und zum anderen beinhaltet der Begriff „Ursprung“ die Frage nach dem „Was- und Wiesein“5 der Sache, welche als die Frage nach dem Wesen der Sache bestimmt wird.

2. Hinführung zum Begriff „Zeug“

2.1. Hinführung zur Frage nach dem Wesen des wirklichen Werkes

2.1.1. Hinführung zur Frage nach dem Wesen der Kunst

Aufgrund einer zur Gewohnheit gewordenen „subjektivistischen Deutung des künstlerischen Schaffens“6, die den Ursprung des Kunstwerkes allein in der Tätigkeit des Künstlers, also im schöpferischen Tun sieht, stellt Martin Heidegger „dieselbe Frage nach dem Vonwoher und Wodurch auch in Bezug auf den Künstler“7, um die „Wesensherkunft des künstlerischen Schaffens“8 innerhalb der eingangs gestellten Frage nach der Wesensherkunft des Kunstwerkes zu berücksichtigen.

In einer ersten formalen Antwort stellt Martin Heidegger nun fest, dass das Wesen des Kunstwerkes zum einen auf das Schaffen des Künstlers zurückgeht und dass gleichzeitig das Wesen des Künstlers zum anderen auf dem Kunstwerk beruht: „Der Künstler ist der Ursprung des Werkes. Das Werk ist der Ursprung des Künstlers. Keines ist ohne das andere.“9 Keines der beiden hat die eigene Wesensherkunft nur durch sich selbst zu verdanken. Der sich hier zeigende Wechselbezug des gleichzeitigen gegenseitigen „Entspringenlassens“10 zwischen Künstler und Kunstwerk gipfelt in der Behauptung, dass sich beide, Künstler und Kunstwerk, ebenfalls nicht durch sich selbst in ihrem Wechselbezug ermöglichen bzw. tragen, sondern „durch ein Drittes, welches das erste ist“11, nämlich durch die Kunst bewirkt werden. Künstler und Kunstwerk werden laut Martin Heidegger erst durch die Kunst ermöglicht, sie ist „der Sache nach das Erste“12, weil Künstler und Kunstwerk ihren Namen „durch die Kunst“13 haben, und erst durch die Kunst ist auch der „Wechselbezug von Künstler und Kunstwerk tragend ermöglicht“14.

Somit lassen sich drei verschiedene Ursprungsquellen, also drei Quellen, die als Ursprung gelten und aus denen etwas entspringt, zusammenfassend darlegen: die Kunst lässt den Künstler und das Kunstwerk entspringen, der Künstler lässt das Kunstwerk entspringen und das Kunstwerk lässt den Künstler entspringen.

Dabei lässt natürlich die Kunst indirekt auch den Wechselbezug von Kunstwerk und Künstler entspringen. Die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerkes, also die Frage nach der Herkunft des Wesens des Kunstwerkes, mündet in die Frage nach der Kunst15 (1.) als die Wesensherkunft des Künstlers, (2.) als die Wesensherkunft des Kunstwerkes und (3.) als die Wesensherkunft des beiderseitigen „Sichentspringenlassens“16 von Künstler und Kunstwerk.

2.1.2. Wandlung der Frage nach dem Wesen der Kunst in die Frage nach dem Wesen des Kunstwerkes

Die Kunst hat sich nun „als die zu befragende Wesensherkunft des Kunstwerkes herausgestellt“17. Sie ist der Sache nach das Erste und daher ursprünglicher als Kunstwerk und Künstler und so muss zuerst die Kunst in ihrem Wesen befragt werden, um darauf aufbauend weiter nach Kunstwerk und Künstler fragen zu können.

Aus der Frage, ob Kunst überhaupt Ursprung sein kann und „wo und wie“18 es Kunst eigentlich gibt, greift Heidegger einen vor-philosophischen Standpunkt auf, welcher der Kunst keineswegs die Möglichkeit eines Ursprungseins zubilligt: Dieser Standpunkt benennt Kunst lediglich als Wort „dem nichts Wirkliches mehr entspricht“19 und als landläufige Sammelvorstellung, innerhalb derer „wir das unterbringen, was allein von der Kunst wirklich ist: die Werke und die Künstler“20, „denn die Kunst als solche im Unterschied zu Kunstwerken und Künstlern scheint doch nicht selbst etwas Wirkliches zu sein“21. Scheinbar kann die Kunst in ihrem Nicht-Wirklichsein daher auch keine Wesensherkunft von Künstler und Kunstwerk darstellen. Ob nun der Begriff Kunst landläufig einer Sammelvorstellung entspricht, oder ob er, im Sinne einer ihm eigens zu teil werdenden Wirklichkeitsweise, doch mehr ist als diese bloße Sammelvorstellung, so gäbe es „das mit dem Wort Kunst Gemeinte“22 in beiden Fällen nur auf Grund der „unzweifelbaren Wirklichkeit“23 von Kunstwerken und Künstlern. „Oder...“, Heidegger wirft eine Gegenfrage ein, „...liegt die Sache umgekehrt?“24, gibt es die Wirklichkeit der Kunstwerke und Künstler nur weil die Kunst ihr Ursprung ist?25

Zunächst steht fest: „Die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerkes wird zur Frage nach dem Wesen der Kunst.“26 Es muss zudem auch, wie in der landläufigen Position gezeigt wurde27, unbeantwortet bleiben, „ob und wie Kunst überhaupt ist“28. Wenn trotzdem nach der Herkunft des Wesens der Kunst gefragt werden soll, müssen wir herausfinden, „ wo wir die Kunst antreffen“29 können. Die Kunst ist nicht ontische Herkunft, sondern ontologische Herkunft, weshalb sie keine Wirklichkeit besitzt, die mit der Wirklichkeit von Kunstwerken und Künstlern vergleichbar wäre, zu denen man sich für gewöhnlich unmittelbar in Bezug stellen kann. Wir können uns der Kunst als ontologische Herkunft nicht unmittelbar zuwenden. Obwohl die Kunst als Wesensherkunft des Kunstwerkes nicht auf die gleiche Weise wirklich ist wie das Kunstwerk und der Künstler, so „waltet sie doch als Wesensherkunft im Kunstwerk, sofern sie dieses zu einem Kunstwerk bestimmt“30. Und dort muss die Kunst auch gesucht werden: „Die Kunst west im Kunst-Werk [...].“31 Die Frage nach der Herkunft des Wesen der Kunst wandelt sich erneut zur Frage nach der Herkunft des Wesen des Kunstwerkes, wobei wir noch gar nicht wissen, was und wie ein wirkliches Kunstwerk überhaupt ist: „... Aber was und wie ist ein Werk der Kunst?“32

2.1.3. Kreisgang im Fragen „vom Werk zur Kunst“ und gleichzeitig „von der Kunst zum Werk“

Die Befragung kreist in einem Zirkel, denn „Was Kunst ist, soll sich aus dem Werk ergeben, umgekehrt aber soll das Wesen der Kunst erst ein Werk zu einem Werk machen.“33 Innerhalb des Beweisganges handelt es sich scheinbar, laut landläufiger Deutung, um einen circulus vitiosus, den es entsprechend der formalen Logik zu vermeiden gilt.

Bei der Bestimmung des Wesens des Kunstwerkes muss nach dem Wesen der Kunst gefragt werden. Das Wesen der Kunst kann aber nur am Kunstwerk angefragt werden. Fragen wir das Kunstwerk nach der Kunst, die in ihm sein soll, oder besser gesagt „wesen“ soll, müssen wir aber vorher schon wissen, dass wir gerade ein Kunstwerk befragen und nicht etwa ein „Werk des Handwerks“34. Wir müssten hierbei also auf ein Vorverständnis über Kunst zurückgreifen, damit wir nicht ein für die Frage nicht relevantes Werk fragen, denn dieses könnte auf die Frage gar nicht antworten oder nur falsch beziehungsweise unrelevant antworten.

Nach landläufiger Meinung kann die Frage, was Kunst sei, nur beantwortet werden, indem man sich diesem scheinbar logischen Zirkel (denn ein logischer Zirkel ist ein Verstoß gegen die Logik) entzieht und, sich dem Fehler entziehend, im traditionellen Sinn „am Bekannten der Phänomene“35 orientierte. Zunächst könnte dann eine „vergleichende Betrachtung der vorhandenen Kunstwerke“36 durchgeführt werden, um Merkmale der Kunst zu sammeln. Beim hier angedeuteten Zugrundelegen einer Sammlung von Merkmalen ist aber gar nicht klar, welche Merkmale denn Merkmale der Kunst sind und also welche Werke folglich überhaupt Werke der Kunst sind, weil nicht geklärt wurde, was Kunst ist. Der induktive Weg der begrifflichen Verallgemeinerung der beobachteten und erfahrenen Phänomene, also der Weg vom Besonderen zum Allgemeinen, funktioniert nicht. Des weiteren ist es ebenso nicht möglich auf deduktivem Weg, vom Allgemeinen zum Besonderen, also durch Ableitung höherer Begriffe, auf das Wesen der Kunst zu schließen. Denn das Bestimmen der höheren Begriffe müsste mit den vorhandenen Grundsätzen des Begriffes Kunst37 einhergehen, der aber erst abgeleitet werden soll.

Meint die gewöhnliche Vorstellungsweise, „durch Anempfehlung jener beiden anderen Wege dem Kreisgang entkommen zu können, dann erliegt sie einer Selbsttäuschung“38, da sie in beiden Fällen bereits ein Vor-Verständnis von Kunst voraussetzt und damit der „Situation des hermeneutischen Zirkels“39, also dem „Zirkel des Verstehens“?40 niemals entkommt, auch dort nicht, wo der logische Zirkel, der „circulus vitiosus“ mit Recht ausdrücklich umgangen wird. Heidegger begibt sich für den Fortgang seiner Abhandlung in den Denkkreis des Doppelschrittes „vom Werk zur Kunst“ als „Schritt von der Kunst zum Werk“41 hinein.

2.2. Begegnung mit dem „Ding“ auf dem Weg der „Suche nach dem Wesen des wirklichen Werkes“

[...]


1Heidegger, Martin – Der Ursprung des Kunstwerkes (2003), Nachdruck der Ausgabe von 1960; im Folgenden abgekürzt mit „Ursprung des Kunstwerkes“.

2Ebd. Seite 7

3Herrmann, F.-W. von – Heideggers Philosophie der Kunst (1994), 2. Auflage, Seite 41; im Folgenden abgekürzt mit „Heideggers Philosophie der Kunst“.

4Ebd.

5Ebd.

6Ebd.

7Ebd.

8Ebd.

9Ursprung des Kunstwerkes, Seite 7

10Ebd.

11Ursprung des Kunstwerkes, S. 7

12Heideggers Philosophie der Kunst, S. 43

13Ursprung des Kunstwerkes, Seite 7

14Heideggers Philosophie der Kunst, S. 43

15Die Frage nach dem Ursprung des Kunstwerkes, also die Frage nach der Herkunft des Wesens des Kunstwerkes, mündet in die Frage nach dem Dritten, was neben Künstler und Kunstwerk das erste ist, nämlich in die Frage nach der Kunst.

16Heideggers Philosophie der Kunst, S. 43

17Ebd. S. 44

18Ursprung des Kunstwerkes, S. 7

19Ebd.

20Ebd.

21Heideggers Philosophie der Kunst, S. 44

22Ursprung des Kunstwerkes, S. 7-8

23Heideggers Philosophie der Kunst, S. 44

24Ursprung des Kunstwerkes, S. 8

25Dieser die Argumentation irritierende Einwurf stellt an dieser Textstelle lediglich eine Behauptung dar, die Heidegger erst später nachprüft. So kann die landläufige Auffassung mit dieser Behauptung an dieser Stelle nicht entkräftet werden. Wobei F.-W. v. Herrmann von „entkräftet“ spricht. Vgl.: ,Heideggers Philosophie der Kunst, S. 45 oben

26Ursprung des Kunstwerkes, S. 8

27Denn „Philosophisches Fragen hat seine Ausgangssituation wesenhaft in der vor- und außerphilosophischen Situiertheit des Fragenden.“ (Vgl.: Heideggers Philosophie der Kunst, S. 44) Denn auf die Kunst selbst konnte ja nicht zugegangen werden – nur über den Umweg der Wirklichkeiten von Kunstwerk und Künstler.

28Ebd.

29Ebd.

30Heideggers Philosophie der Kunst, S. 45

31Ursprung des Kunstwerkes, S. 8

32Ebd.

33Großmann, Andreas – Hegel-Studien, Beiheft 36, Spur zum Heiligen : Kunst und Geschichte im Widerstreit zwischen Hegel und Heidegger (1996), S. 128; im Folgenden abgekürzt mit „Hegel Studien“.

34Heideggers Philosophie der Kunst, S. 44

35Ebd.

36Ursprung des Kunstwerkes, S. 8

37Gemeint ist ein Wissen um Kunst

38Heideggers Philosophie der Kunst, S. 48 oben

39Vgl.: Heideggers Philosophie der Kunst, S. 47. Hier wäre es notwendig, genau herauszustellen, worin der Unterschied zwischen logischem Zirkel und hermeneutischem Zirkel bei Martin Heideggers liegt. Denn daraus ergibt sich erst, warum wir den nun folgenden Kreisgang laut Heidegger sogar vollziehen „müssen“, und dies auch können, ohne einen logischen Fehler dabei zu begehen. (Vgl.: Ursprung des Kunstwerkes, S. 8 unten – 9 oben).

40Heideggers Philosophie der Kunst, S. 75

41Ursprung des Kunstwerkes, S. 9

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638522830
ISBN (Buch)
9783638665650
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57978
Institution / Hochschule
Hochschule für Bildende Künste Dresden – Philosophie/Ästhetik
Note
1,2
Schlagworte
Zeug Abgrenzung Werk Ursprung Kunstwerkes Martin Heideggers Konzeption Seins Wahrheit Kunst

Autor

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