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Deutsch in Lateinamerika - Hunsrückisch in Rio Grande do Sul

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Grundsätzliche Fragen
II. 1.) Was ist Sprache ?
II. 2.) Was versteht man unter Mundart/Dialekt ?

III. Immigrantensprachen in Brasilien
III. 1.) Definition des Hunsrückisch
III. 2.) Die geographische Lage des Hunsrück

IV. Deutsche Immigranten in Rio Grande do Sul
IV. 1.) Rio Grande do Sul
IV. 2.) Die Gründung der Kolonie
IV. 3.) Die Herkunft der Einwanderer
IV. 4.) Die Auswanderung und ihre Motive

V. Die deutsche Sprache in Rio Grande do Sul

VI. Die Dialektvarietäten des Deutschen in Rio Grande do Sul
VI. 1.) Hunsrückisch
VI. 2.) Hochdeutsch
VI. 3.) Sprachmischung
VI. 4.) Brasildeutsch
VI. 5.) Portugiesisch
VI. 6.) Dialekterhalt, - verfall und - renaissance

VII. Schluss

VIII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Die Sprache ist neben Gesten und Gebärden das älteste Kommunikationsmittel der Welt. Einzelne Menschen brachten durch Reisen oder Immigration ihre Sprache in andere Länder, zu anderen Menschen, in andere Kulturen.

So verbreitete sich auch die deutsche Sprache in der Welt.

Eines der besten Beispiele dafür ist die Verbreitung des Deutschen in Brasilien; doch wie kam die deutsche Sprache nach Brasilien ?

Anhand dieser Arbeit soll am Beispiel Rio Grande do Sul geklärt werden, wie der deutsche Dialekt Hunsrückisch entstanden ist und wie er sich in Südbrasilien verbreitet und bis heute verändert hat.

II. Grundsätzliche Fragen

II. 1.) Was ist Sprache ?

Der Mensch spricht, hört, schreibt und liest. Sprache vermittelt uns Bewusstsein, Identität und Selbstverständnis. Wir benutzen Sprache, um „die Welt zu benennen, ihre Details zu erfassen und in ihren Zusammenhängen zu begreifen.“[1]

Selbstverständlich dient Sprache vorrangig der Verständigung untereinander, aber sie vermittelt gleichzeitig auch Emotionen, die weit über den rein inhaltlichen Aspekt hinausweisen. Sprache gibt jedem Menschen die Möglichkeit, sich individuell zu repräsentieren und auszudrücken.

Heidegger definiert Sprache als das Haus des Seins. Sein und Menschsein stellen demnach ein hütendes Ordnungsprinzip dar, welches eine konstruktive Einheit des Ganzen verwaltet: „die ganze menschliche Existenz ist darin geordnet.“[2] Sprache ist jedoch nicht nur das Sein, Sprache ist auch ein Werkzeug des Werdens. „Sie ist die Welle der Vergänglichkeit; jeder Hauch jedes Handelns tut sich sekundenschnell in ihr kund, sie ist unbeständig und flüchtig, in dauerndem Wandel ohne Stillstand.“[3] Sprache ist also ein dynamischer Prozess, ein lebendiges Wesen, das den Menschen zu dem macht, was er ist – denn Sprache schafft Wirklichkeit und wird gleichzeitig zu dieser. Und immer ist sie im Wandel, sie existiert zwischen den Dingen und ist so vielschichtig wie die Kultur, in der sie gebraucht wird und die Geschichten, die sie erzählt. Sprache macht uns zu Individuen. „Sprache ist immer eine Grenze nach außen und eine Brücke nach innen.“[4]

II. 2.) Was versteht man unter Mundart/Dialekt ?

„Traditionell wird Sprache als eines der wichtigsten Kriterien der Einheit und der Besonderheit der Nation genannt“[5] ; dennoch gibt es kaum eine Sprache, die keine Berührungspunkte mit anderen Sprachen aufweist. Jede Landesgrenze kann als ein Raum des Austauschs bzw. Übergangs betrachtet werden, in dem sich die beiden Nachbarsprachen gegenseitig beeinflussen. So entstehen Sprachmischungen, Entlehnungen und Sprachübernahmen. „Je nach der Intensität, der kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und menschlichen Berührung, je nach der sprachlichen Verschiedenheit oder Verwandtschaft verlaufen solche Vorgänge unauffällig und fast bedeutungslos, oder sie rufen tiefe, zukunftsändernde Wirkungen hervor.“[6] Mit der Zeit können so sogar ganz neue Sprachen entstehen.

Aber was genau ist nun eine Mundart ?

„Eine Mundart ist eine ganz besondere Art zu reden, wodurch sich die Einwohner einer Gegend von den Einwohnern anderer Gegenden unterscheiden, die Abweichung einzelner Gegenden in der gemeinschaftlichen Sprache; wohin also nicht nur die Abweichung in der Aussprache, sondern auch in der Bildung, der Bedeutung, und dem Gebrauchen der Wörter gehört (...)“.[7] Mundarten werden jedoch nur gesprochen und nicht geschrieben; zudem sind sie auch regional oder lokal gebunden. Eine Mundart ist der Sprache untergeordnet, sie ist nur halböffentlich und der Schriftsprache fern.

Um eine Mundart zu bestimmen müssen folgende vier Eigenschaften erfüllt sein:

1. Sie ist eine Langue.
2. Sie ist eine Varietät.
3. Sie ist kleinregional und oral.
4. Sie ist nicht standardisiert.

III. Immigrantensprachen in Brasilien

Nachdem ich nun die grundsätzlichen Fragen geklärt habe, möchte ich mich nun dem eigentlichen Thema nähern.

Bei einem Land mit einer so gewaltigen Ausdehnung, wie Brasilien sie zeigt, und einer derartigen Flut von Immigranten kann man keine völlige Einsprachigkeit erwarten.

Die Muttersprachen der einzelnen Immigranten – insbesondere aber das Deutsche – können wegen ihrer Existenz am Rande der allgemeinen Landessprache Portugiesisch und ihrer Überdachung durch diese, auch als marginale Sprachen bezeichnet werden.

Während dem Portugiesischen die repräsentativen Funktionen der Lehre, der Ämter, der Medien und des gesamten öffentlichen Lebens vorbehalten sind, bleibt den marginalen Sprachen meistens lediglich die Funktion der Familien- und Alltagssprache.

Die marginalen Sprachen Brasiliens gliedern sich in zwei Hauptgruppen. Die erste umfasst die Varietäten der Immigrantensprachen Deutsch, Holländisch, Italienisch, Japanisch, Jiddisch, Polnisch, Russisch, Spanisch, Türkisch, Ukrainisch, Zigeunerisch sowie auch einige afrikanische Dialekte. Die zweite Hauptgruppe bilden die Sprachen der Ureinwohner Brasiliens.

Besonders interessant, in Hinsicht auf die deutsche Sprache in Brasilien, ist ein auf westmitteldeutscher Basis neu komponierter Dialekt, der im Kontakt mit dem Portugiesischen seine Besonderheiten ausgebildet hat: dem sogenannten Hunsrückisch.

III. 1.) Definition des Hunsrückisch

Der Ausdruck Hunsrückisch bezeichnet im Deutschbrasilianischen in seiner wichtigsten Bedeutung zusammen mit Pommerisch, Westfälisch, Schwäbisch usw. eine der verschiedenen deutschbrasilianischen Dialektvarietäten. Hunsrückisch erscheint insofern als Selbstbezeichnung der Gemeinschaft für ihre intern dominante Varietät.

Das Hunsrückisch stellt eine Art Koine da, deren dialektalen Merkmale auf die rhein- und moselfränkische Basis der deutschen Urheimat (Geburtsort der Einwanderer) zurückgeht.

Desweiteren bezeichnet der Ausdruck Hunsrückisch die Zugehörigkeit zu der zahlenmäßig repräsentativsten Einwanderergruppe: der Hunsrücker in Rio Grande do Sul.

D.h. aber nicht, dass jeder der Hunsrückisch spricht, auch hunsrückischer Abstammung ist oder im Laufe der Generationen ein “reiner“ Hunsrücker geblieben ist. Die Hunsrücker sind im Selbstverständnis der Deutschbrasilianer eine Siedlergruppe wie z. Bsp. auch die Pommerer, die Westfalen, die Schwaben, die Deutschrussen usw.

Der Hunsrücker bezeichnet sich selbst als “Deutscher“, im Gegensatz zu dem “Deutschländer“ (Deutscher aus Deutschland).

Die Bedeutung des Adjektivs hunsrückisch hingegen wird als Merkmal der Einwanderergruppe immer mehr abgeschwächt und häufiger als Bezeichnung für die Dialektvarietät verwendet.

Das Hunsrückisch wurde von Kolonisten anderer Abstammung mit “Hochdeutsch“ gleichgesetzt; tatsächlich übernimmt das Hunsrückisch wegen seiner Nähe zur Schriftsprache die Rolle der fehlenden eigensprachlichen Überdachungsvarietät und fungiert so zumindest auf mündlicher Ebene als eine Art Verkehrssprache und Koine zwischen den verschiedenen Dialekten.

III. 2.) Die geographische Lage des Hunsrück

Unter Hunsrück versteht man den südwestlichen Teil des Rheinischen Schiefergebirges zwischen Rhein, Mosel, Nahe und Saar. Über die genaue kulturgeographische Abgrenzung herrscht Unklarheit, vor allem über die Grenzen nach Süden und Westen.

Leider sind die Kenntnisse über die regionale Herkunft der Einwanderer nicht auseichend, um feststellen zu können, inwiefern sich die deutschen Einwanderer im 19. Jahrhundert als zum Hunsrück zugehörig fühlten, insbesondere wenn sie aus einem seiner Randgebiete stammten.

IV. Deutsche Immigranten in Rio Grande do Sul

IV. 1.) Rio Grande do Sul

Rio Grande do Sul ist der südlichste Bundesstaat Brasiliens und gehört gemeinsam mit Santa Catarina und Paraná zur sogenannten Region „Südbrasiliens“. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts blieb das gesamte Territorium von den Portugiesen weitgehend unbeachtet. Es war jedoch mehrfach Gegenstand verschiedener Konflikte zwischen Portugal und Spanien.

Im Jahre 1822 zählte die Gesamtbevölkerung nur rund 100.000 Einwohner; besorgniserregend war hierbei, die ungleiche Verteilung der Bevölkerung, denn ganze Landstriche blieben unbesiedelt.

Bereits im Jahre 1725 wurde versucht, Bewohner der Azoren dort anzusiedeln, doch diese ließen sich vorwiegend an den Küstengebieten und in der heutigen Hauptstadt Porto Alegre nieder.

1808 siedelte dann auch der portugiesische Hof über. Auf besondere Bemühungen der Prinzessin Leopoldine wurde in der Folge versucht, auch Deutsche in Brasilien anzusiedeln; vorerst in Espirito Santo, Bahia und Rio de Janeiro.

1824 begann die bedeutendste Einwanderungswelle aus Deutschland, aber auch aus anderen europäischen Ländern kamen unzählige Einwanderer. Dieser Strom von Immigranten riss durch das ganze 19. Jahrhundert nicht ab; diesem Einwanderungsprozess ist zu verdanken, dass der heutige Staat Rio Grande do Sul vorwiegend von Menschen europäischer Herkunft, also auch von Deutschstämmigen besiedelt ist.

IV. 2.) Die Gründung der Kolonie

Eine der wichtigsten Rollen in der Geschichte der deutschen Einwanderung spielte der Entschluss zum Hanfanbau in Rio Grande do Sul. Im Jahre 1783 wurde diese Kulturpflanze erstmalig im sogenannten Rincão de Cangussu, im heutigen Bezirk Pelotas, in der Real Feitoria do Linho Cânhamo (Königliche Faktorei für Hanfanbau) angebaut. Dieser erste Versuch scheiterte jedoch am Einsatz ungeeigneter Arbeitskräfte und an der mangelnden Kompetenz der Projektleitung.

[...]


[1] Pleines, Jochen: Sprache und mehr. Globale Kommunikation als Herausforderung. Wiesbaden 1998,

S. 92

[2] Fausel, Erich: Die deutschbrasilianische Sprachmischung. Probleme, Vorgang und Wortbestand. Berlin 1959, S. 3

[3] Ebd., S. 3

[4] Ebd., S. 4

[5] Coulmas, Florian: Sprache und Staat: Studien zur Sprachplanung und Sprachpolitik. Berlin 1985, S. 11

[6] Fausel, Erich: Die deutschbrasilianische Sprachmischung. Probleme, Vorgang und Wortbestand. Berlin 1959, S. 4

[7] Adelung, Johann Christoph: Grammatisch-kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart. Mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der oberdeutschen 2., vermehrte und verbesserte Aufl. Leipzig 1793-1801, Bd. 3, S. 311

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638522823
ISBN (Buch)
9783638665643
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57977
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Deutsch Lateinamerika Hunsrückisch Grande Deutsch Welt

Autor

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Titel: Deutsch in Lateinamerika - Hunsrückisch in Rio Grande do Sul