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Homo Faber. Die narrative Struktur der Literaturverfilmung von Volker Schlöndorff

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Inhalt des Films „Homo Faber“

2. Aufbau der narrativen Struktur

3. Der dramaturgische Aufbau

4. Die Erzählsituation und ihre visuelle Umsetzung

Schlussbetrachtung

Literatur

Einleitung

Mit der Verfilmung von Max Frischs „Homo faber“ hat sich Volker Schlöndorff an die Aufgabe heran gewagt, einen erzählten Bericht zu visualisieren. Die kinematographische Umsetzung der subjektiven Gedankenwelt des Protagonisten, des Rationalisten Walter Faber, erfordert die besondere Aufmerksamkeit des Regisseurs hinsichtlich der narrativen Struktur. Der Aufbau des Filmes „Homo Faber“ entfernt sich von der literarischen Vorlage; trotzdem wird versucht, sowohl die Subjektivität, als auch den Berichtcharakter derselben, durch die stilistischen filmischen Mittel beizubehalten. Wie die Erzählstruktur von Schlöndorffs Film im Einzelnen aussieht und in wie weit die Umsetzung von Frischs Bericht durch die kinematographischen Mittel gelungen, beziehungsweise möglich, ist, soll Gegenstand der vorliegenden Arbeit sein. Außerdem stellt sich die Frage, welche thematische Akzentuierung der Regisseur seinem Film durch die verwendete narrative Struktur verleiht.

Zunächst soll der Inhalt des Films kurz dargestellt werden, um einen ersten Einblick in den zu behandelnden Sachverhalt zu bekommen. Dann wird der Aufbau von Schlöndorffs „Homo Faber“ mittels einer schematischen Darstellung beschrieben und die Struktur der Erzählung analysiert, wobei auch eine inhaltliche, sowie zeitliche Einteilung der einzelnen Szenen vorgenommen wird. Aufgrund dieser Fakten folgt eine Untersuchung der Dramaturgie des Films, welche Aufschluss geben soll über den genauen narrativen Ablauf dieses Werkes, Länge und Gewichtung der einzelnen Szenen und der daraus resultierenden thematischen Akzentuierung des Regisseurs. Anschließend wird die Erzählsituation und ihre visuelle Umsetzung durch die filmische Gestaltung behandelt, wobei besonders die Frage zu berücksichtigen ist, ob eventuelle Abweichungen von der literarischen Vorlage, den Intentionen des Regisseurs entgegenkommen. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden in der Schlussbetrachtung nochmals zusammengefasst dargestellt.

1. Inhalt des Films „Homo Faber“

Volker Schlöndorffs „Homo Faber“ ist die Verfilmung des gleichnamigen (abgesehen vom orthographischen Unterschied) Werkes „Homo faber“ von Max Frisch aus dem Jahr 1957. Der Film von 1990 ist eine deutsch-französisch-griechische Koproduktion, die auch unter dem Titel „Voyager“ erschien. Der Ingenieur Walter Faber wird von Sam Sheppard, seine Tochter Sabeth von Julie Deply und ihre Mutter Hanna von Barbara Sukowa gespielt.

Thema des Films ist die inzestuöse Liebesbeziehung zwischen Faber und seiner Tochter und deren Tod, welche die rationale Weltsicht des Technokraten Fabers ins Wanken bringt.

Der Schweizer UNESCO - Mitarbeiter Walter Faber hat als Techniker ein festgefügtes Weltbild: Die Natur und auch das Schicksal, so glaubt er, sind berechenbar und beherrschbar geworden. Durch eine Reihe von schicksalhaften Ereignissen und Zufällen wird jedoch dieses Weltverständnis in seinen Grundfesten erschüttert. In nur wenigen Wochen des Jahres 1957 trifft er Menschen aus seiner Vergangenheit wieder, die ihn zwingen sich mit der eigenen Person auseinander zu setzen. Die Ereignisse werden rückblickend erzählt, nachdem Faber sich im Juni 1957 am Athener Flughafen von seiner Jugendliebe Hanna verabschiedet hat. Allein in der Wartehalle erinnert er sich an die vergangenen Monate. Im April desselben Jahres unternimmt Faber eine Dienstreise von Caracas nach Mexiko – City. Das Flugzeug muss allerdings in der Wüste notlanden, an eine Weiterreise ist zunächst nicht zu denken. Faber freundet sich mit seinem Mitreisenden, dem Deutschen Herbert Hencke, an. Dieser ist auf dem Weg nach Guatemala zu seinem Bruder Joachim (gespielt von August Zirner), ausgerechnet ein Studienfreund Fabers, der später Hanna geheiratet hat. Von Herbert erfährt Faber, dass die Halbjüdin Hanna dem Holocaust entkommen ist, eine Tochter hat und mittlerweile von Joachim geschieden ist. Neugierig geworden durch diese Zufälle, entschließt sich Faber kurzerhand seine Pläne zu ändern und Herbert auf seiner Fahrt zu der Tabakplantage seines Bruders zu begleiten. Als sie dort eintreffen, finden sie ihn allerdings tot auf. Er hat sich in seiner Hütte erhängt. Faber erinnert sich an seine letzte Begegnung mit Hanna und Joachim. Er kehrt daraufhin nach New York zu seiner Ex - Geliebten Ivy zurück, von der er sich erfolglos zu trennen versucht, weshalb er überstürzt eine Schiffsreise nach Europa bucht. Auf dem Schiff lernt er die zwanzig Jahre alte Studentin Sabeth kennen, die ihn an seine Jugendliebe Hanna erinnert. Er verbringt während der Überfahrt viel Zeit mit ihr und dabei entwickelt sich eine große Sympathie zwischen ihnen. Am letzten Abend macht Faber ihr einen Heiratsantrag, den er jedoch nach einem Kuss wieder zurücknimmt. Nach dem Verlassen des Schiffes trennen sich ihre Wege zunächst. Erst in Paris, wo Faber an einer Konferenz teilnimmt, treffen sie sich zufällig wieder. Hier beschließen sie weiterhin gemeinsam die Heimreise nach Athen zu Sabeths Mutter zu bestreiten. Auf dem Weg dorthin besichtigen sie viele Sehenswürdigkeiten und erleben gemeinsam eine glückliche Zeit des Verliebtseins, die in einer Liebesnacht in einem Hotel in Avignon gipfelt. Faber distanziert sich jedoch von Sabeth, als er herausfindet, dass Sabeths Mutter seine Jugendliebe Hanna ist, immer mehr von der Gewissheit geplagt, dass es seine eigene Tochter ist, mit der er ein Verhältnis hat. Kurz vor dem Ziel ihrer Reise wird Sabeth am Strand von einer Schlange gebissen und stürzt. Faber bringt sie in ein Athener Krankenhaus, wo er auch Hanna wiedersieht. Er übernachtet bei ihr. Hanna erahnt die Liebesbeziehung zwischen ihm und Sabeth, doch erst am nächsten Tag im Krankenhaus, gibt sie zu, dass sie ihr gemeinsames Kind ist. Kurz darauf verstirbt Sabeth an den Folgen ihrer Verletzungen. Faber und Hanna bleiben allein zurück. Er verlässt bald darauf Athen, um nach New York und zu seiner Arbeit zurückzukehren. Im Juni 1957 nimmt er am Flughafen von Hanna Abschied, in Erinnerungen an Sabeth versunken.

Obwohl Schlöndorff sich inhaltlich im Wesentlichen an die literarische Vorlage hält, beschränkt sich der Film nur auf einen Teil des Frisch – Werkes, nämlich auf die sogenannte 1. Station. Dabei werden einigen Szenen besonders betont, beziehungsweise stark gekürzt oder ganz ausgelassen. Wie dies im Einzelnen aussieht und welche Gründe es dafür aus dramaturgischer Sicht und hinsichtlich der narrativen Struktur gibt, soll im Weiteren genauer betrachtet werden.

2. Aufbau der narrativen Struktur

Die narrative Struktur eines Films setzt das Erzählte in kausale Zusammenhänge, welche durch die aktive Mitarbeit des Betrachters an Bedeutung gewinnen und damit die Geschichte entstehen lassen. Durch diese Struktur wird ein in sich geschlossener „ ästhetischer Kosmos[1] geschaffen, der das Geschehen begrenzt und den einzelnen Elementen ihren Sinn verleiht. Die Narration eines Films besteht also aus einer Abfolge dieser einzelnen Elemente, die durch Anordnung und Dauer gestaltet werden. Anfang und Ende eines Films spielen dabei eine besondere Bedeutung, da vom Anfang ausgehend auf das Ende hin erzählt wird und das Ende wiederum auf den Anfang verweist. Anfang und Ende stehen also in Bezug zueinander.

Das Medium Film an sich suggeriert zunächst eine gewisse Gegenwärtigkeit des Geschehens; als audiovisuelles Medium ist es ihm aber auch möglich historische Zeiten und Orte zu vergegenwärtigen. Sollen Ereignisse gezeigt werden, die vor der erzählten Gegenwart liegen, kann dies durch einen Off-Erzähler oder – in visueller Form – durch eine Rückblende geschehen. Da Erzählzeit und erzählte Zeit nicht deckungsgleich sein müssen, kann das zu Erzählende durch Schnitte und Montagen auch in Ausschnitten oder mit Auslassungen gezeigt werden. Ausgelassen werden die Teile des Geschehens, die für unwichtig gehalten werden, wodurch eine Raffung der erzählten Zeit entsteht. Dies dient der Komprimierung und Konzentration des Dargestellten.

Diese grundlegenden Kriterien des Films kommen auch in der narrativen Struktur von „Homo Faber“ zum Einsatz. Schlöndorffs Film bedient sich einer geschlossenen Form, bei der sich Anfangs- und Endbilder wiederholen.

Die Handlung ist kreisförmig konzipiert. Die Anfangsszene zeigt Fabers Abschied von Hanna am Athener Flughafen. Während er gedankenverloren in der Wartehalle sitzt, hört man seine Stimme als voice over: „ Ich wünschte, ich wäre nie gewesen. Warum kann es nicht wieder April sein? Und alles andere eine Halluzination von mir.[2]. Dieselbe Szene wird am Ende des Films wiederholt. Die Anfangsszene unterscheidet sich jedoch in ihrer Farbgestaltung von ihrer Wiederholung am Ende: anfangs ist sie in einer gelblich-bräunlichen Farbe gehalten, ähnlich einer verblichenen Fotografie.

Diese beiden Szenen zeigen als eine Art Rahmenhandlung die Gegenwart (Erzählzeit). Dazwischen findet die Haupthandlung des Films in Form einer langen Rückblende statt, welche von insgesamt vier kürzeren Rückblenden nochmals unterbrochen wird. Die ‚ausgeblichene’ Farbe in der Anfangsszene und Fabers Kommentare in der off - Stimme bereiten den Zuschauer darauf vor, dass das Folgende ein Rückblick aus der Sicht des Protagonisten ist. Die Haupthandlung vollzieht sich, abgesehen von den kürzeren Rückblenden, chronologisch in der Vergangenheit. Die eingeschobenen Rückblenden sind ebenfalls in der gelblichen Farbe der Anfangsszene gehalten, um kenntlich zu machen, dass diese zeitlich noch weiter zurückliegen als die Haupthandlung. Diese kehrt schließlich in der Endszene wieder zur Erzählgegenwart zurück, daher ist das Ende farblich ebenso wie die Haupthandlung gestaltet, um den fließenden Übergang von erzählter Zeit zu Erzählzeit deutlich zu machen.

Das dramatische Geschehen der Filmhandlung, also das Auftreten der Figuren, ihre Interaktion, der Konflikt und dessen Lösung, wird durch die Einteilung in einzelne Szenen strukturiert. Diese Einteilung, die auch im Folgenden ausgeführt wird, ist bestimmt durch das Prinzip der Wahrnehmungslogik. Dabei bedeutet ein neuer Handlungsort auch eine neue Szene. Die Kette der einzelnen Ausschnitte gibt die wesentlichen Momente des Geschehens wieder, so dass dem Zuschauer alles gezeigt wird, was für den Konflikt und dessen Lösung wichtig ist.[3]

[...]


[1] Knut Hickethier. 1996, S. 108.

[2] Matthias Hurst. 1996, S. 220.

[3] Knut Hickethier. 1996, S. 117.

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638521451
ISBN (Buch)
9783638766135
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57813
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,2
Schlagworte
Homo Faber Struktur Literaturverfilmung Volker Schlöndorff Seminar Erzählsituation Literatur Film

Autor

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Titel: Homo Faber. Die narrative Struktur der Literaturverfilmung von Volker Schlöndorff