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Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit am Beispiel der Schweiz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 21 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Sprachgeschichtlicher Hintergrund

2. Aktuelle Sprachlandschaft

3. Sprachenpolitik
3.1 Sprachenfreiheit
3.2 Territorialitätsprinzip
3.3 Förderung der Mehrsprachigkeit

4. Nationalsprache und Identität am Beispiel des Schweizerdeutschen

Schlusswort

Bibliografie

Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit ist im Rahmen des Hauptseminars „Mehrsprachigkeitsforschung“ entstanden und untersucht die gesellschaft-liche Mehrsprachigkeit in der vielsprachigen Schweiz.

Zu Beginn dieser Arbeit werden die geschichtlichen Hintergründe und die sprachlichen Entwicklungen des Landes kurz untersucht. Dabei bildet die schweizerische Sprachgeschichte ab dem 13. Jahrhundert den Schwerpunkt. Auf eine umfassendere Untersuchung wird verzichtet, da diese nicht wesentlich zum Verständnis des Themas beiträgt.

In einem zweiten Schritt behandelt diese Seminararbeit die Darstellung der aktuellen Sprachlandschaft der Schweiz. Die aus diesem Schritt gewonnenen Ergebnisse liefern die Grundlage für die Erklärung des auf schweizerischen Kontext bezogenen Begriffes der Mehrsprachig-keit. Dabei wird untersucht, inwieweit die Schweiz hinsichtlich der vier offiziellen Landessprachen als tatsächlich mehrsprachig bezeichnet wer-den kann. Der Einfluss neuer Sprachen in der Schweiz wird dabei eben-falls berücksichtigt.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die historische und zeitgenössische schweizerische Sprachenpolitik. Zunächst werden das Prinzip der „Spra-chenfreiheit“ und das „Territorialitätsprinzip“ erläutert. Anschließend wer-den einige Beispiele der Förderung von Mehrsprachigkeit auf nationaler und europäischer Ebene aufgezeigt.

Zuletzt wird der Versuch unternommen, das Problem der National-sprachenbildung und der Identitätsfrage zu erörtern, der sich aus pragma-tischen Gründen auf das Schweizerdeutsch beschränkt.

1. Sprachgeschichtlicher Hintergrund

Die vorliegende Arbeit setzt mit ihrem geschichtlichen Rückblick im Jahre 1291 ein. Auf dieses Jahr wird das geschichtliche Ereignis datiert, bei dem die Alte Eidgenossenschaft zwischen der Urschweiz und den Habsburgern entsteht und gleichzeitig das erste Nationalstaatsdenken aufkommt. Der sogenannte „Rütli-Schwur“ liefert das erste sprachliche Zeugnis der Schweiz. „Die Alte Eidgenossenschaft, (...), galt nicht als mehrsprachig, sondern als einsprachig, nämlich deutschsprachig.“ (Dür-müller, 1996, 11) Im Laufe der Jahre eignet sich die Eidgenossenschaft französisch, italienisch und – rätoromanischsprachige Gebiete an. An der sprachlichen Situation des Landes jedoch ändert sich nichts, denn die unterworfenen Gebiete und somit auch ihre Sprachen galten als nicht gleichberechtigt. „Wenn man von der Regierungsgewalt in den eidgenössi-schen Ständen ausgeht, dann blieb der Staatenbund bis 1789 rein deutschsprachig.“ (Arquint, 1982, 62)

Erst in er Phase der „Umwälzung“, die im Jahre 1789 einsetzt und den Beginn der Helvetischen Republik markiert, beginnt die erste sprachliche Gleichberechtigung des Französischen und Italienischen. „Erst in der Helvetischen Republik (1789-1815) also wurden die französi-sche und die italienische Sprache auf die gleiche Ebene wie das Deutsche gehoben.“ (Dürmüller, 1996, 12)

Der entscheidende Vorstoß in Richtung Mehrsprachigkeit erfolgt erst mit der Gründung des Schweizerischen Bundesstaates im Jahre 1848. In der im gleichen Jahr gestalteten Verfassung wurde das Problem der Mehrsprachigkeit festgehalten. Der Vorschlag «Les trois langues parlées en Suisse, l’allemand, le francais et l’italien, sont langues nationales»(Arquint, 1982, 70) galt als Vorlage zur Formulierung des damaligen Artikels 109 der Bundesverfassung über die Nationalsprachen.

2. Aktuelle Sprachlandschaft

Folgende Schilderungen sollen dazu dienen, den Begriff der Mehr-sprachigkeit im schweizerischen Kontext genauer zu erklären. Hierbei gilt festzuhalten, dass nicht etwa individuelle, sondern die territoriale Mehr-sprachigkeit vorliegt. Das heißt, dass [...] „ sich mehr oder weniger fein säuberlich getrennte Sprachterritorien gegenüber(stehen), (...).“ (Bühl-mann, 2001) Im Wesentlichen ist die Schweiz aufgeteilt in ein deutsch-sprachiges Gebiet, die sogenannte Deutschschweiz, in die Romandie, den französischsprachigen Teil im Westen, der auch Welschschweiz genannt wird, in den italienischsprachigen Teil im Südosten, der sich fast aus-schließlich auf den Kanton Tessin beschränkt und in ein rätoromanisch-sprachiges Gebiet im Osten. (Vgl. Dürmüller, 1996, 9) Diese Sprachterrito-rien sind definitiv als einsprachig zu bezeichnen. „Da die Schweiz vier offizielle Landessprachen hat, nehmen viele an, alle Schweizer sprächen vier Sprachen. Dem ist aber bei weitem nicht so.“ (Die Sprachen in der Schweiz, 2005) Zu einem eventuellen Auftreten von Zwei oder gar – Mehrsprachigkeit kommt es in Folge dessen nur an den Grenzen benachbarter Sprachterritorien.

Aktuelle Angaben des Bundesamtes für Statistik über die prozen-tuale Verteilung der Sprachen auf die Bevölkerung zeigen, dass das Verhältnis der vier Landessprachen zueinander zwar als stabil zu bezeichnen ist, dass aber nur ein schwindend geringer Teil der Schweizer tatsächlich mehrsprachig ist. Deutsch ist mit einem Anteil von 63,6 Prozent eindeutig als dominanteste Sprache zu bezeichnen. „Das Deutsch ist (...) die am meisten gesprochene Sprache in der Schweiz.“ (Bundesamt für Statistik, 1997) Daneben ist das Französische mit 19,2 Prozent vertreten. Im Gegensatz zum Italienischen, das lediglich von 7,6 Prozent der schwei-zerischen Bevölkerung gesprochen wird und einen stetigen Rückgang ver-zeichnet, kann das Französisch ebenfalls als relativ dominant bezeichnet werden.

Trotz seines geringen Anteils von schätzungsweise 0,6 Prozent an der Gesamtverteilung ist das Rätoromanische nicht zu vernachlässigen, gilt es doch offiziell als eine der vier Landessprachen. (Vgl. Bundesamt für Statistik, 1997) Neuste Entwicklungen zeigen zudem, dass ein nicht zu verachtender Anteil von 9 Prozent der Bevölkerung weitere Sprachen spricht, die durch Einwanderung ins Land kommen. Darunter ist das Alba-nische sehr stark vertreten. „So sprechen zum Beispiel heute mehr Leute in der Schweiz Albanisch (...), zum Beispiel 200.000 Albanischsprachige gegenüber 40.000 Rätoromanischsprachigen.“ (Bühlmann, 2001) Aber auch die slawischen Sprachen wie Serbisch und Kroatisch finden mit circa 1 bis 2 Prozent immerhin noch mehr Sprecher als etwa das Rätoroma-nische.

Welche Auswirkungen hat diese Sprachsituation nun auf die Mehr-sprachigkeit in der Schweiz? Wie eingehend schon bemerkt, kann allen-falls an den Sprachgrenzen von Mehrsprachigkeit gesprochen werden. So beherrscht zum Beispiel im italienischsprachigen Gebiet nicht einmal die Hälfte eine weitere Sprache. In der Romandie und der Deutschschweiz kann sich sogar nur jeder Vierte mehrsprachig nennen. „Im italienischen Sprachgebiet (...) ist nur knapp die Hälfte und im französischen und deutschen Sprachgebiet gar nur ein Viertel aller Personen mehrsprachig.“ (Bundesamt für Statistik, 1997) Eine deutliche Ausnahme aber stellt die rätoromanischsprachige Bevölkerung dar, in der rund 70 Prozent eine Zweitsprache beherrschen. „Fast alle Rätoromanischsprachigen sind in Wirklichkeit zweisprachig.“ (Bundesamt für Statistik, 1997)

An dieser Stelle empfiehlt es sich, eine erneute genauere Beschrei-bung des Begriffes der Mehrsprachigkeit vorzunehmen. Wird im Vorfeld ausgesagt, dass nur an den Sprachgrenzen und unter der rätoroma-nischen Sprachgemeinschaft Mehrsprachigkeit verzeichnet werden kann, so ist dem beizufügen, dass es sich hier um die sogenannte „ange-stammte“ Mehrsprachigkeit handelt (Vgl. Bühlmann, 2001), die sich aus der geschichtlichen Entwicklung des Landes ergibt.

Dem gegenüberzustellen sind die neuen Sprachen, die durch Einwande-rung und Globalisierung hinzukommen. Da diese Menschen naturgemäß ihre Muttersprache weiterhin pflegen und gleichzeitig mit der Sprachsitua-tion in der Schweiz konfrontiert werden, müssen auch sie als tatsächlich mehrsprachig angesehen werden.

„Auch diese neue Sprachen machen heute den Sprachenreichtum der Schweiz aus. Und die Menschen, die diese neuen Sprachen in dieses Land bringen, sind (...) oftmals wirklich mehrsprachig, was die Schweizerinnen und Schweizer oft gerade nicht sind.“ (Bühl-

mann, 2001)

Trotz alle dem ist ein Trend zur Mehrsprachigkeit zu beobachten.

Zwar ist die territoriale Mehrsprachigkeit immer noch sehr dominant, was sich unter Anderem darin äußert, dass über 95 Prozent der Menschen sich am Arbeitsplatz ausschließlich in der Umgangssprache ihres Sprach-gebietes verständigen (Vgl. Bundesamt für Statistik, 1997), doch nimmt beispielsweise das Englische eine immer bedeutendere Rolle auch unter der einsprachigen Bevölkerung zu. Abgesehen vom rätoromanischspra-chigen Kanton Graubünden, wo Mehrsprachigkeit die Voraussetzung für die Berufswelt darstellt, da die gesamte Wirtschaft sehr stark auf den Tou-rismus ausgerichtet ist, ist auch in der übrigen Schweiz die Bedeutung des Englischen gestiegen. „Im Beruf spielt das Englische als weltweite Ver-kehrssprache auch in der Schweiz eine zunehmend wichtige Rolle. Rund 15 Prozent aller Erwerbstätigen geben Englisch als Berufssprache an.“ (Bundesamt für Statistik, 1997) Dies mag auch einer der Gründe dafür sein, warum in vielen Primarschulen das Frühenglisch den Platz des Früh-französisch einnimmt. Zudem dient Englisch zunehmend auch als Mittel der Verständigung zwischen Schweizern selbst. „So kommt es immer häu-figer vor, dass Schweizer miteinander englisch sprechen, wenn Sie aus verschiedenen Sprachregionen stammen.“ (Die Sprachen in der Schweiz, 2005)

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638521376
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57804
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Fachbereich für Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Gesellschaftliche Mehrsprachigkeit Beispiel Schweiz Mehrsprachigkeitsforschung

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