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Zu: Johann Wolfgang von Goethe "Der Gott und die Bajadere"

Patchwork fremder Ideen oder eigenes Meisterwerk - Eine wissenschaftliche Annäherung

Hausarbeit 2006 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Voraussetzungen
1.1 Ausgabenproblem
1.2 Forschungsliteratur
1.3 Weitere Hilfsmittel

2. Einleitung

3. „Der Gott und die Bajadere“ - ein Meisterwerk?
3.1 Die Ballade
3.2 Der Strophenbau
3.3 Die Legende
3.3.1 Interpretation
3.3.2 Neues bei Goethe

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1 Voraussetzung

1.1 Ausgabenproblem

In der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek (ThULB) stehen verschiedene wissenschaftliche Ausgaben der Werke Goethes zur Verfügung. In der Ausgabenbetrachtung für diese Hausarbeit wird Bezug auf die Münchner (1988), Berliner (1976), Hamburger (1974), Jubiläums (1902) und Weimarer Ausgabe (1887) sowie die des Klassiker Verlages (1988) genommen. Da der gedruckte Text in jeder dieser sechs Ausgaben variiert, ist ein Vergleich der Ausgaben vor der näheren Beschäftigung mit einem Werk unerlässlich.

„Der Gott und die Bajadere“ ist in zwei verschiedenen Fassungen erschienen, einmal in Schillers „Musenalmanach“ des Jahres 1798[1] und in den „Werken“ 1815. Daher erscheint es wichtig, für die Interpretation beide Textvorlagen anzusehen und die Unterschiede herauszuarbeiten. Dies setzt voraus, dass die zu benutzende wissenschaftliche Werkausgabe beide Fassungen enthält. Lediglich die Ausgabe des Klassiker Verlages erfüllt dieses Kriterium. Die Hamburger Ausgabe erwähnt zwar die Existenz einer weiteren Fassung, abgedruckt ist allerdings nur die von 1797, mit der Begründung, dass in der Fassung von 1815, im Vergleich zu der von 1797, nur wenige Veränderungen vorgenommen wurden. Auch die Jubiläums, Münchner, Berliner und Weimarer Ausgabe beschränken sich auf die Fassung von 1797. Hierin wird jedoch nicht einmal das Vorhandensein einer weiteren Fassung erwähnt.

Zur Differenz der Texte lässt sich sagen, dass die Weimarer und Münchner Ausgabe nur sehr geringfügig von dem Text der Klassiker Ausgabe abweichen, lediglich die Zeichensetzung ist teilweise unterschiedlich. Die Hamburger, Berliner und Jubiläums Ausgabe weichen stark von der Zeichensetzung und Schreibweise[2] des Klassiker Verlages ab. Des Weiteren benutzen die Berliner und Hamburger Ausgabe Anführungszeichen für die wörtliche Rede in der Ballade, während die anderen vier Ausgaben auf diese Art der Zeichensetzung verzichten.

Aufgrund der Differenzen zwischen den einzelnen Ausgaben würde wohl nur Goethes Original­manuskript eine korrekte Textfassung bieten. Da dies allerdings nur schwer zugänglich ist, dient dieser Hausarbeit die Fassung von 1815 der Ausgabe des Klassiker Verlages als Textgrundlage, da diese Ausgabe als einzige diese spätere Fassung abdruckt.[3]

1.2 Forschungsliteratur

In seiner Interpretation dieser Ballade von 1984 schrieb Hartmut Laufhütte Folgendes zum Stand der Forschungsliteratur:

Da steht ihm [dem Leser] eine Enttäuschung bevor. Denn nicht nur ist diese Ballade ziemlich selten einläßlich behandelt worden; die vorhandenen Interpretationen bleiben zu den Ungeheuerlichkeiten des Inhaltes auch merkwürdig lakonisch, oft werden sie ganz ignoriert. Fast immer geht es darum, das Werk in übergreifende Zusammenhänge einzuordnen.[4]

Bei genauer Recherche scheint sich dies zu bewahrheiten. Im OPAC der ThULB finden sich zwar viele Einträge zu den Stichworten „Goethe“, „Lyrik“ und „Interpretationen“ sowie zu allen Kombinationen dieser Begriffe, doch bei der Recherche in den Büchern selbst ist „Der Gott und die Bajadere“ nicht auffindbar. Durchsucht man den OLC des GBV nach „Der Gott und die Bajadere“, so ergibt sich ein Treffer: ein Aufsatz von Norbert Mecklenburg in der Zeitschrift „Literatur in Wissenschaft und Unterricht“ von 2000.[5] Dieser befasst sich sehr ausführlich mit den kulturellen Einflüssen, die dieser Ballade zugrunde liegen, sowie mit der Wertung der Ballade im betreffenden Kulturbereich.[6]

In der Goethe-Bibliographie, herausgegeben von Hans Pyritz im Carl Winter Universitätsverlag, Heidelberg 1965, befinden sich ältere Beiträge zu Goethes Werken. Hierin ist im Eintrag 7563 ein Beitrag von Elsa Sprengel mit dem Namen „Goethes Gedicht ‚Der Gott und die Bajadere’“ zum Goethe-Jahrbuch Bd. 32 des Jahres 1911 zu finden. Dieser beschäftigt sich mit der Herkunft des Metrums in dieser Ballade. In derselben Bibliographie findet man unter Eintrag 7564 „Zu Goethes Ballade: ‚Der Gott und die Bajadere’“ von Ernst Braun. Abgedruckt wurde dies im Goethe-Jahrbuch Band 34 des Jahres 1913. Dieser kurze Interpretationsansatz ist deutlich von christlichen Werten beeinflusst und verallgemeinert Zusammenhänge vor dem Hintergrund der Geschichte der Maria Magdalena aus dem Lukasevangelium.

Auch in der „Goethe-Bibliographie 1950-1990“ der Stiftung Weimarer Klassik von Siegfried Seifert, Band 2, München 2000, finden sich einige Beiträge zu diesem Gedicht. Unter Eintrag 10996 findet man einen Verweis zu Max Kommerells Aufsatz „Johann Wolfgang Goethe. Der Gott und die Bajadere“ erschienen in „Wege zum Gedicht. II. Interpretationen von Balladen“ 1964. In dieser Interpretation wird zwar eine Abgrenzung zur „Maria-Magdalena-Interpretation“ geschaffen, doch ist diese Interpretation recht stark von einem christlichen „Versöhnungsgedanken“ zwischen Mensch und Gott geprägt. Unter Eintrag 11000 findet man Ilse Grahams umfangreichen Aufsatz „Die Theologie tanzt. Goethes Balladen Die Braut von Korinth und Der Gott und die Bajadere“ erschienen in „Goethe. Schauen und Glauben“ von 1988. Dieser behandelt beide Balladen sehr ausführlich und geht auf deren Beziehung zu den Briefen des Apostels Paulus ein. Hartmut Laufhüttes Aufsatz „Formulierungshilfe für einen Haustyrannen? Goethe: Der Gott und die Bajadere“ findet sich unter Eintrag 11002. Erschienen ist dieser Aufsatz in „Gedichte und Interpretationen. Band 3. Klassik und Romantik“, herausgegeben von Wulf Segebrecht. Hierin erhält der Leser eine umfangreiche Auswertung des Forschungsstandes sowie eine umfangreiche Interpretation des Werkes, welche allerdings Inhalt und Form recht streng voneinander trennt und kaum in Zusammenhang bringt.

Ein weiterer Aufsatz, welcher auch in vielen der angeführten Interpretationen erwähnt wird, ist „Goethe, Der Gott und die Bajadere“ von Börries von Münchhausen in „Meisterballaden. Ein Führer zur Freude“ von 1923.[7]

1.3 Weitere Hilfsmittel

Als weitere Hilfsmittel werden in dieser Hausarbeit alle Monographien und Sammelbände bezeichnet, die für zusätzliche Informationen zum Autor, Genre und Text zu Rate gezogen wurden.

Zusätzliche Informationen zum Autor erhält man hauptsächlich in Epochendarstellungen, aber auch in Biographien zum Autor. Als besonders nützlich erschienen hierbei: 1. Wulf Segebrecht „Klassik (Goethe und Schiller)“. 2. Die „Geschichte der Deutschen Lyrik. Von Luther bis zum Ausgang des Zweiten Weltkrieges“ von Johannes Klein. 3. Katharina Mommsen „Goethe und die Arabische Welt“. 4. Tagebücher und Briefe. Wobei hier hauptsächlich Goethes Tagebuch des Jahres 1797 und ein Brief Herders an Knebel vom 5.8.1797 zu nennen sind.

Spezialliteratur zum Genre in der ThULB, welche für diese Hausarbeit benutzt wurde: 1. Walter Hinck „Die Deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung“. Sowie 2. Gottfried Weißert „Ballade“.

Zum besseren Verständnis des Textes wurde das „Deutsche Wörterbuch“ von Jacob und Wilhelm Grimm als Hilfsmittel verwendet.

Neben den genannten Hilfsmitteln sind in der ThULB noch viele weitere zugänglich, welche sich aber nach einer genauen Prüfung als weniger nützlich für diese Hausarbeit erwiesen haben. Besonders die beiden Bände zur Ballade erwiesen sich als sehr hilfreich, vor allem da im Buch von Walter Hinck ein kurzer Interpretationsansatz von „Der Gott und die Bajadere“ im Vergleich zu der „Braut von Korinth“ enthalten ist.

2 Einleitung

Goethes „Der Gott und die Bajadere“ ist zum ersten Mal in Schillers „Musenalmanach für das Jahr 1798“ erschienen. Dieser Almanach wurde auch der Balladen-Almanach genannt, da in ihm nur Balladen Goethes und Schillers veröffentlicht wurden.[8] Aufgrund von Tagebucheinträgen kann man die Entstehung von „Der Gott und die Bajadere“ auf den 6. bis 9. Juni des Jahres 1797 datieren.[9] Innerhalb weniger Monate entstanden damals einige der bekanntesten und wichtigsten Balladen Goethes.[10] Zu dieser Zeit befand sich Goethe in Jena, was eine enge Zusammenarbeit mit Schiller an diesen Balladen förderte.[11] Für die Werke von 1815 kam es zu einer Umarbeitung der Ballade, welche allerdings nur geringfügige Veränderungen mit sich trug.[12]

Doch nicht nur die Zusammenarbeit mit Schiller hat den Inhalt und die Form dieser Ballade nachhaltig beeinflusst. Goethe zog viele andere Quellen zur Ideenfindung heran. So zum Beispiel Pierre Sonnerats „Reise nach Ostindien und China in den Jahren 1774-1781“ (Zürich 1783), welches als Stoffvorlage diente. Doch auch die Bibel diente Goethe wohl als Ideenlieferant, so übernahm er in „Der Gott und die Bajadere“ das Fußpflegemotiv der Maria-Magdalena-Geschichte des Lukasevangeliums. Einigen Forschungsansätzen zufolge beruht die besondere Strophenform dieser Ballade nicht auf Goethes alleinigem Einfallsreichtum, sondern ist eine Anlehnung an ein altes Kirchenlied mit dem Titel „Eins ist not“. So zwingt sich doch dem Leser dieser Ballade die Frage auf, inwiefern die einzelnen Bestandteile auf Goethes eigenem Erfindungsreichtum beruhen. Ist die Ballade womöglich nur ein Patchwork, also eine Verwebung und Aneinandersetzung fremder Ideen und Einfälle, die Goethe geschickt zu einem Gesamtwerk verband? Was unterscheidet diese Ballade von ihren Quellen? Es geht also um die Frage, inwiefern man die Ballade als ein Meisterwerk Goethes, ein Fall von Genialität oder ein Patchwork geschickt getarnter Einfallslosigkeit bezeichnen kann.

Um diesem auf den Grund zu gehen, muss die „Indische Legende“ in all ihren Einzelaspekten genauestens betrachtet werden. Hierzu werden vor allem die Interpretationen Hartmut Laufhüttes, Ilse Grahams und Norbert Mecklenburgs prüfend herangezogen, da diese relativ aktuell sind und sich mit diesem Text tiefgründig beschäftigen. Aber auch Goethes Ballade „Die Braut von Korinth“, welche direkt vor „Der Gott und die Bajadere“ entstand und sich somit als ideales Vergleichsobjekt anbietet, wird zu einigen Punkten vergleichsweise herangezogen. Diese beiden Gedichte werden in der Forschungsliteratur ebenfalls sehr oft gemeinsam interpretiert.[13] Auch Bertolt Brechts kritisches Sonett „Über Goethes Gedicht ‚Der Gott und die Bajadere’“, welches 1938 entstand, soll nicht fehlen.

Im Verlauf dieses Interpretationsversuches wird zuerst die Zugehörigkeit des Textes zu der Gruppe der Balladen festzustellen sein. Anschließend wird näher auf die besondere Bauweise der Strophen eingegangen, gefolgt von einer Betrachtung des verarbeiteten Stoffes. Am Ende dieser Ausarbeitung sollte es also möglich sein, zu sagen, ob eine Einzigartigkeit Goethes in „Der Gott und die Bajadere“ zu finden ist oder ob diese fehlt. Dazu wird zuerst die jeweilige Quelle untersucht und dann Bezug auf die Goethische Ballade genommen. Bei der Interpretation der Ballade selbst wird jede Strophe einzeln untersucht und dann in den Zusammenhang des gesamten Textes eingeordnet.

[...]


[1] Die Ballade entstand im Juni 1797, daher wird sie im Folgenden als Fassung von 1797 bezeichnet.

[2] Mit Schreibweise sind sowohl die Orthographie (z.B. „Zimbeln“ in der Klassiker und „Cymbeln“ in der Jubiläums Ausgabe) als auch die Groß- und Klein- sowie Getrennt- und Zusammenschreibung (z.B. „sechstenmal“ in der Klassiker und „sechsten Mal“ in der Hamburger Ausgabe) gemeint.

[3] Im Vergleich zur Fassung von 1797 werden fünf Veränderungen ersichtlich. Es werden drei Kommas hinzugefügt sowie ein Apostroph. Diese können als geringfügige Veränderungen angesehen werden, da sie keine großen Veränderungen des Sinnes zur Folge haben. Die fünfte Veränderung befindet sich in der ersten Strophe. Hier wird in der späteren Fassung „alles“ groß geschrieben, was zu einer starken Betonung des Wortes führt und somit auch den Sinn der betreffenden Zeile stärker hervorhebt. Dies kann also durchaus als eine Veränderung des Sinnes betrachtet werden. Es wird daher auf die spätere Fassung Bezug genommen, da diese die endgültige, von Goethe legitimierte Fassung ist.

[4] Laufhütte, Hartmut: Formulierungshilfe für Haustyrannen? Goethe: Der Gott und die Bajadere. In: Gedichte und Interpretationen. Klassik und Romantik. Hrsg. von Wulf Segebrecht. 3. Bd. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1987. S. 121.

[5] Der Aufsatz trägt den Titel „ Poetisches Spiel mit kultureller Alterität: Goethes ‚indische Legende’ Der Gott und die Bajadere“.

[6] In der Bibliographie des Goethe-Jahrbuches von 2003 findet sich der Hinweis auf einen weiteren Aufsatz von Norbert Mecklenburg mit dem Titel „Die wahre Liebe und die Ware Liebe“. Dieser behandelt allerdings nicht das Goethische Original, sondern das darauf bezogene Sonett von Bertolt Brecht. Der Aufsatz ist des Weiteren nicht in der „Frankfurter Anthologie: Gedichte und Interpretationen“, sondern in dem Buch „Bertolt Brecht. Der Mond über Soho“ enthalten.

[7] Alle hier aufgeführten Texte sind im Literaturverzeichnis belegt, aus diesem Grund wird auf diesen Beleg verzichtet. Dies gilt auch für den Punkt 1.3.

[8] Neben „Der Gott und die Bajadere“ sind außerdem Goethes „Der Schatzgräber“, „Legende“, „Die Braut von Korinth“ , „Der Zauberlehrling“ und Schillers „Der Ring des Polykrates“, „Der Handschuh“, „Ritter Toggenburg“, „Der Taucher“, „Die Kraniche des Ibykus“ und „Der Gang nach dem Eisenhammer“ erschienen.

[9] Vgl. Johann Wolfgang von Goethe. Tagebücher. 1790-1800 Text. Hrsg. von Edith Zehm. Bd. 2.1. Stuttgart: Metzler 2000. S. 115f.

[10] 21. bis 22. Mai „Der Schatzgräber“, Ende Mai bis Anfang Juni „Legende“, 4. bis 6. Juni „Die Braut von Korinth“, 6. bis 9. Juni „Der Gott und die Bajadere“, Anfang Juli „Der Zauberlehrling“.

[11] Die Zusammenarbeit zwischen Goethe und Schiller, nicht nur im Balladenjahr, sondern auch an anderen wichtigen Werken, ist zu komplex, um sie im Rahmen dieser Arbeit zu diskutieren und müsste somit in einer gesonderten Ausarbeitung betrachtet werden.

[12] Siehe Anmerkung 3.

[13] Dies ist beispielsweise der Fall in dem Aufsatz von Ilse Graham.

Graham, Ilse: Goethe. Schauen und Glauben. Berlin: Walter de Gruyter 1988. S. 253- 284.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638520799
ISBN (Buch)
9783638665520
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57727
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Germanistische Literaturwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Johann Wolfgang Goethe Gott Bajadere Lyrik Jahrhunderts

Autor

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