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Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft - Die Online-PR der Parteien im Bundestagswahlkampf 2005

Diplomarbeit 2006 126 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

INHALT

TABELLENVERZEICHNIS

1 Einleitung
1.1 Fragestellung und Ziel
1.2 Aufbau der Arbeit

I THEORETISCHER TEIL

2 Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Einführung in
Thema und Debatte
2.1 Begriffsklärungen
2.1.1 Politische Kommunikation
2.1.2 Politikvermittlung
2.1.3 Wahlkampf
2.1.4 Wahlkampagnen
2.2 Mediengesellschaft – Rahmenbedingungen im Wandel
2.2.1 Gesellschaftlicher Wandel
2.2.2 Medialer Wandel
2.3 Wissenschaftlicher Forschungsstand
2.4 Amerikanisierung oder Modernisierung der politischen Wahlkom-
munikation?
2.4.1 Merkmale
2.4.1.1 Personalisierung
2.4.1.2 Mediatisierung
2.4.1.3 Professionalisierung
2.4.2 Die Kontroverse
2.4.3 Wissenschaftlicher Forschungsstand

3 Theoretische Grundlagen der Analyse politischer Kommunikation
3.1 System- und Handlungstheorie als Erklärungsmodelle politischer
Kommunikation
3.1.1 Systemtheoretische Analyse politischer Kommunikation
3.1.2 Handlungstheoretische Analyse politischer Kommunikation
3.2 Akteurstheoretische Analyse politischer Kommunikation
3.2.1 Constraints und binäre Codes
3.2.2 Struktur, Prozess und Funktion politischer Kommunikation
3.3 Die akteurstheoretische Analyse politischer (Online-) PR

4 Politische Öffentlichkeitsarbeit
4.1 Begriffsklärung
4.1.1 Definitionen von politischer PR
4.1.2 Abgrenzung zu politischer Werbung
4.1.3 Abgrenzung zu Propaganda
4.2 Die Entwicklung politischer Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland
4.3 Politische PR als Kommunikationsinstrument der politischen Akteure
4.3.1 Gesellschaftliche Funktionen
4.3.2 Aufgaben, Ziele und Instrumente
4.4 Wissenschaftlicher Forschungsstand

5 Das Internet als neues Medium politischer Public Relations
5.1 Begriffsklärungen
5.1.1 Internet
5.1.2 World Wide Web (WWW)
5.2 Potenziale der politischen Online-Kommunikation
5.2.1 Technisches Potenzial
5.2.2 Politisches Potenzial
5.3 Vorteile der politischen Online-Kommunikation
5.3.1 Vorteile für die politischen Akteure
5.3.2 Vorteile für die Wähler
5.4 Die Wähler im Internet: Wer ist online?
5.5 Politische Online-PR: Die Websites der Parteien
5.6 Wissenschaftlicher Forschungsstand

II EMPIRISCHER TEIL

6 Das Forschungsdesign
6.1 Konkretisierung der Fragestellung
6.2 Die Analyseeinheiten
6.3 Die Untersuchungsmethode
6.4 Kriterium und Kategorien der Analyse

7 Der Onlinewahlkampf
7.1 Die Ausgangslage: Korporative PR-Akteure, Wahlkampf-Budgets und
Re-Launches
7.1.1 Ausgangslage bei der SPD
7.1.2 Ausgangslage bei der CDU
7.1.3 Ausgangslage bei Bündnis 90/ Die Grünen
7.1.4 Ausgangslage bei der FDP
7.1.5 Ausgangslage bei der Linkspartei
7.2 Formate und Elemente des Online-Campaignings
7.2.1 Kandidatensites
7.2.2 Online-Mobilisierung
7.2.3 Online-Fundraising
7.2.4 Negative Campaigning
7.2.5 Intranets
7.2.6 Weblogs

8 Formale Analyse der Parteien-Homepages
8.1 Kategorie Interaktivität
8.2 Kategorie Usabilität
8.3 Kategorie Informativität
8.4 Kategorie Multimedialität/ Design
8.5 Zusammenfassung und Bewertung der Ergebnisse

9 Fazit und Ausblick

10 Literatur

11 Internetquellen

III ANHANG

IV ERKLÄRUNG

TABELLENVERZEICHNIS

Tabelle 1 Kommunikationspotenziale des Internets

Tabelle 2 Elemente der Interaktivität auf den Websites der Parteien

Tabelle 3 Elemente der Usabilität auf den Websites der Parteien

Tabelle 4 Elemente der Informativität auf den Websites der Parteien

Tabelle 5 Elemente der Multimedialität/ des Designs auf den Websites der Parteien

1 Einleitung

„Kann eine Partei ohne Internet heute noch Wahlen in Deutschland gewinnen? Die Antwort ist eindeutig. Kein politischer Akteur, der sich in der Medienöffentlichkeit einer Informationsgesellschaft bewegt, kann auf eine moderne Kommunikationsstrategie im Internet verzichten. Nicht mehr das Ob, sondern das Wie beschäftigt heute die Strategen in den Parteien“ (Boelter/ Cecere 2003: 366).

Der Bundestagswahlkampf 2005 fand unter besonderen Bedingungen statt: Am 22. Mai 2005 überraschte die SPD nach ihrer Wahlniederlage bei der nordrhein-westfälischen Landtagswahl mit der Ankündigung von Neuwahlen. Diese wurden auf den 18. September 2005 angesetzt. Ein auf wenige Wochen verkürzter „Sprint-Wahlkampf“ folgte. Durch die erzwungene Beschleunigung der Kampagnenplanungen rückte das schnellste und flexibelste Massenmedium in den Blick: das Internet. Als Wahlkampfinstrument der politischen Öffentlichkeitsarbeit wurden an das Internet hohe Erwartungen gestellt: Es sollte trotz des kleinen Zeitfensters einen modernen, innovativen und informativen Wahlkampf ermöglichen. Mit dem Kampagnenmanagement wurden professionelle PR-Agenturen beauftragt. Ob und wie es den professionellen PR-Akteuren gelang, die Potenziale der Online-Kommunikation zur Überzeugung der Wähler für die jeweilige politische Partei zu nutzen, wird die vorliegende Arbeit thematisieren.

Hierbei will die Verfasserin nicht nur eine rein deskriptive, sondern bisweilen auch eine normative Position einnehmen: Neben einer empirischen Untersuchung der Online-Kommunikation im Wahlkampf, also der tatsächlichen Verhältnisse, soll ebenso aufgezeigt werden, wie die politische Internet-PR gestaltet sein sollte, um einen interaktiven Dialog, eine Online-Interaktion zwischen Parteien und Wählern zu ermöglichen.

1.1 Fragestellung und Ziel

Die im Zentrum der vorliegenden Arbeit stehende Forschungsfrage lautet:

Wie nutzten die politischen PR-Akteure im Auftrag der Parteien das Internet zur politischen Öffentlichkeitsarbeit im Bundestagswahlkampf 2005?

Das Ziel ist, mithilfe des Instrumentariums der Akteurstheorie, die Beschreibung und Analyse der Online-Kommunikation der politischen PR-Akteure im Bundestags-wahlkampf 2005. Dabei sollen nicht die Wähler bzw. die Wirkung des Online-Campaignings der PR-Akteure auf die Wähler im Mittelpunkt des Interesses stehen. Fokussiert werden die politischen Akteure, die Parteien, und die von den Parteien beauftragten Akteure der politischen Öffentlichkeitsarbeit.

Das Erkenntnisinteresse dieser Arbeit liegt darin, festzustellen, ob die beauftragten Öffentlichkeitsarbeiter die Potenziale des Internets zur Überzeugung der Wähler genutzt haben.

Eine ausführliche Konkretisierung und Eingrenzung der Fragestellung findet zu Beginn des empirischen Teils der Arbeit statt (s. Punkt 6.1).

1.2 Aufbau der Arbeit

Die Arbeit gliedert sich in einen theoretischen und einen empirischen Teil.

Das Kapitel 2 gibt eine Einleitung in das weit gefasste Themengebiet politische Kommunikation. Hier werden zentrale Begriffe der Arbeit eingegrenzt und geklärt (2.1). Es folgt eine Beschreibung medialer und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die das Phänomen Mediengesellschaft bedingen (2.2). Nach einem Überblick zum wissenschaftlichen Forschungsstand der „politischen Kommunikation“ (2.3) beschäftigt sich der letzte Abschnitt des 2. Kapitels mit einer aktuellen Debatte: Sind die Veränderungen im Wahlkampfmanagement und die Professionalisierung der beteiligten PR-Akteure Ergebnisse eines Trends, der als „Amerikanisierung“ bezeichnet werden kann, oder findet ein Modernisierungsprozess statt, der in allen westlichen Demokratien beobachtet wird (2.4)? In Kapitel 3 werden die theoretischen Grundlagen der Arbeit, v.a. in Bezug auf die folgende empirische Untersuchung, gelegt: Zur Analyse der politischen Online-Kommunikation bietet sich die Akteurstheorie, eine sinnvolle Verknüpfung von Handlungs- und Systemtheorie, an. Denn: Hierbei können sowohl die systemischen Strukturen das Handlungsfeldes politische Öffentlichkeitsarbeit als auch das strategische und zielorientierte Handeln der beteiligten Akteure in den Blick genommen werden. Daraufhin widmet sich Kapitel 4 der politischen Öffentlichkeitsarbeit: Nach einer Abgrenzung der politischen PR von verwandten Begriffen (4.1) wird die Entwicklung des Handlungs-, Forschungs- und Berufsfeldes politische Public Relations nachgezeichnet (4.2). Im folgenden werden sowohl die gesellschaftlichen Funktionen als auch wichtige Aufgaben, Ziele und Instrumente dieses Kommunikationsinstruments reflektiert. Abschließend widmet sich Abschnitt 4.4 dem wissenschaftlichen Forschungsstand. Mit dem 5. Kapitel schließt sich der theoretische Teil der vorliegenden Arbeit: Hier wird das Internet als neues Medium politischer Öffentlichkeitsarbeit thematisiert; die Potenziale sowie die Vorteile (für politische Akteure und Wähler) der politischen Internet-Kommunikation werden vorgestellt. Nach Beantwortung der Frage, welche Wählersegmente im Internet überhaupt von den politischen PR-Akteuren erreicht werden können, wird auf die politische Online-PR im Speziellen eingegangen.

Mit Kapitel 6 wird der empirische Teil der Arbeit eingeleitet. Das Forschungs-design wird ausführlich dargestellt und begründet. Kapitel 7 dient der Vorstellung des Internetwahlkampfes 2005: Nach einer Darstellung der Ausgangslage aller untersuchten Parteien (SPD, CDU, Bündnis 90/ Die Grünen, FDP, Linkspartei) werden die wichtigsten genutzten Web-Formate und -Elemente betrachtet. Nachfolgend findet die formale Analyse der fünf Parteien–Homepages statt (Kapitel 8): Alle vier operationalisierten Kategorien des Untersuchungskriteriums Überzeugung werden untersucht. Mit einer Zusammenfassung und Bewertung der Forschungsergebnisse wird dieser Abschnitt beendet. In Kapitel 9 folgt das Fazit der vorliegenden Arbeit. Mit einem Blick in die Zukunft der politischen Online-Kommunikation wird die Arbeit abgeschlossen.

I THEORETISCHER TEIL

2 Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft. Einführung in Thema und Debatte

„Mehr denn je steht Politik, stehen politische und gesellschaftliche Akteure im Zwang zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns. Mehr denn je werden von ihnen kommunikative Leistungen erwartet, wird ihnen `Legitimation durch Kommunikation´ abverlangt, wird Publizität zur gesellschaftlichen und politischen Eintritts- oder Trumpfkarte“ (Sarcinelli/ Wissel 1998: 410).

Politik in modernen repräsentativen Demokratien ist zustimmungsabhängig und muss deshalb öffentlich dargestellt, begründet und gerechtfertigt werden, bedarf also der Legitimation durch Kommunikation (vgl. Sarcinelli 2000: 26). Durch Wahlen nimmt das Volk, der Souverän, direkt am politischen Partizipationsprozess teil. Für die hierfür nötige Meinungs- und Willensbildung braucht der Wähler Informationen zu den politischen Akteuren, also den Parteien, und ihren Programmen. Diese politischen Informationen müssen kommuniziert und vom Wähler als solche wahrgenommen und beachtet werden (vgl. Schmitt-Beck 2002: 21). Die Massenmedien werden mehr und mehr zur Voraussetzung für eine stabile Kommunikation zwischen den politischen Akteuren und den Wählern (vgl. Jarren/ Donges 2002a: 31). Aus diesem Grunde sind Demokratie und politische Kommunikation ohne einander nicht denkbar.[1]

Die politische Medien-Öffentlichkeit[2] einer modernen Massendemokratie hat mit der Öffentlichkeit der Antike, der griechischen Agora [3], nicht mehr viel gemein. Aber die Politik ist immer noch auf den „Marktplatz der Meinungen“ (Meckel 2004: 40) angewiesen, auf eine demokratische Streitkultur und Konsensfindung. Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft muss sich darum bemühen, die Aufmerksamkeit der Wählerinnen und Wähler zu gewinnen.

2.1 Begriffsklärungen

Gerade aufgrund der interdisziplinären Komplexität und unscharfen Begrifflichkeit des Untersuchungsgegenstandes ist eine Klärung und Bestimmung zentraler Begriffe der vorliegenden Arbeit vonnöten.

2.1.1 Politische Kommunikation

Eine allgemein gültige Definition und Systematik von politischer Kommunikation gibt es nicht. Dies liegt unter anderem an dem interdisziplinären Charakter und an der „`Grenzenlosigkeit und Hyperkomplexität´ des Untersuchungsgegenstandes politische Kommunikation als soziales `Totalphänomen´“ (Sarcinelli 2005: 16). Beide Begriffe für sich, Politik [4] und Kommunikation [5], stehen für komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge und werden von unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen mit verschiedenen Ansätzen und Erkenntnisinteressen erforscht (vgl. Jarren/ Donges 2002a: 20).

In der vorliegenden Diplomarbeit wird die (weite) Definition von Jarren und Donges (2002a: 22) übernommen: „Politische Kommunikation ist der zentrale Mechanismus bei der Formulierung, Aggregation, Herstellung und Durchsetzung kollektiv bindender Entscheidungen. Insofern ist politische Kommunikation nicht nur Mittel der Politik. Sie ist selbst auch Politik.“ Denn politische Kommunikation ist wesentlicher Bestandteil des Wettbewerbs um politische Macht- und Gestaltungsansprüche[6] und eine der zentralen Aufgaben von Politik: Die Parteien sind gemäß der Verfassung verpflichtet, die politische Willensbildung der Wähler zu ermöglichen.[7] Und schließlich will jede Partei ihre Stimmenanteile am Wahltag maximieren; dies ist nur möglich, wenn sie im Wahlkampf überzeugende Kommunikationsarbeit geleistet hat.

Bentele (1998: 130) erweitert den Kreis der beteiligten Akteure [8]: Für ihn ist politische Kommunikation „derjenige Teil menschlicher Kommunikation [...], der sich entweder thematisch oder aufgrund der Beteiligung von Akteuren des politischen Systems der Politik zurechnen lässt.“ Alle Kommunikationsformen der politischen Akteure sowie die Kommunikationshandlungen anderer Akteure, die sich thematisch auf Politik beziehen, lassen sich in diesem Sinne als politische Kommunikation beschreiben. Die Ziele „de[r, d.V.] komplexen Kommunikationsbeziehungen zwischen politischen Akteuren, Medien und Publikum“ (Kluge 2000: 97) liegen v.a. in der Information und Überzeugung der Wähler.

Die wichtigsten Aufgaben politischer Kommunikation sind:

- „Politische Kommunikation soll Politik sichtbar und erfahrbar machen [...].
- Politische Kommunikation soll Orientierungs-, Vorstellungs- und Deutungsmuster vermitteln.
- Politische Kommunikation soll erforderliche Werte- und Konsensformen anbieten.
- Politische Kommunikation soll Identifikation und einen emotionalen Zugang zum politischen System ermöglichen.
- Politische Kommunikation soll die Öffentlichkeit mit Herausforderungen, Themen und alternativen Gestaltungsmöglichkeiten konfrontieren“ (nach Schicha 2003: 3).

Politische Kommunikation findet nicht im luftleeren Raum, sondern entweder auf direktem, unmittelbarem Wege oder indirekt, also vermittelt über das Mediensystem, zwischen den politischen Akteuren oder zwischen politischen Akteuren und Bürgern statt. Die Medienakteure bestimmen anhand journalistischer Selektionskriterien [9] Rahmen und Bedingungen der öffentlichen Verkündung politischer Maßnahmen und der Darstellung politischer Diskussionen und Positionen. Dabei haben sie „die Aufgabe zu informieren, zu analysieren, zu kritisieren und zu kontrollieren“ (Woyke 2005: 114). Medienpräsenz und die Aufmerksamkeit der relevanten Teil-Öffentlichkeiten zu erzielen ist, besonders im Wahlkampf, eines der Handlungsziele politischer Akteure. Diese Aufgaben übernehmen zunehmend professionelle Politikvermittler, u.a. politische Öffentlichkeitsarbeiter, die mehrheitlich hinter den Kulissen der politischen Bühne agieren (s. Punkt 4).

2.1.2 Politikvermittlung

Politikvermittlung bezeichnet einen spezifischen Ausschnitt der politischen Kommunikation“ (Kluge 2000: 97; Hervorhebung durch d.V.). Hier geht es insbesondere um den Teil kommunikativer Handlungen, der von den politischen Akteuren ausgeht und an die politische Öffentlichkeit, direkt oder via Medien, gerichtet ist.

Nach Sarcinelli (2000: 20) wird Politik erst durch die Vermittlung, also die Kommunikation über die Massenmedien, für den Rezipienten zur Realität. Und da diese Informationsübermittlung in Wahlkampfzeiten über Legitimation bzw. Nicht-Legitimation von Politik entscheidet, stellt Politikvermittlung im Wahlkampf eine conditio sine qua non dar. Das wichtigste Politikvermittlungsinstrument stellt, neben der politischen Werbung, die politische Öffentlichkeitsarbeit (s. Punkt 4) dar.

2.1.3 Wahlkampf

Als Wahlkampf bezeichnet Woyke (2005: 110) „die politische Auseinandersetzung von Parteien […] um Zustimmung des Bürgers zu Personen und Programmen; letztlich um die politische Herrschaft.“ Streng genommen findet der Wahlkampf zwischen der Auflösung des alten und der Wahl des neuen Parlaments statt und kann zeitlich in Vorwahlkampf und heiße Phase (letzter Monat vor dem Wahltag) eingeteilt werden. „In dieser Zeit verschärft sich die politische Auseinandersetzung zwischen den Parteien, und die Bürger werden intensiver als sonst angesprochen“ (ebd.). Insofern ist Wahlkampf verdichtete politische Kommunikation.

Die drei wichtigsten Funktionen des Wahlkampfes sind die Information, Identifikation und Mobilisierung.[10]

Die Bundestagswahlkämpfe werden von den jeweiligen Parteizentralen und ihren Wahlkampfkommissionen organisiert. Hinzu kommen vermehrt externe Berater wie Werbe- und PR-Agenturen und Demoskopen, die die strategische Planung und Koordination aller Aktionen unterstützen.

2.1.4 Wahlkampagnen

Nach Jarren und Donges (2002b: 119) sind Kampagnen zeitlich befristete und thematisch eingegrenzte Kommunikationsstrategien „zur Erzeugung öffentlicher Aufmerksamkeit, die auf ein Set unterschiedlicher kommunikativer Instrumente und Techniken – werbliche und marketingspezifische Mittel und klassische PR-Maßnahmen zurückgreifen.“ Kampagnen sollen Aufmerksamkeit generieren, Vertrauen schaffen sowie Zustimmung und/ oder Anschlusshandeln erzeugen. Schmitt-Beck (2002: 22) geht auf Wahlkampagnen direkt ein und definiert diese als „organisierte und geplante Kommunikationsaktivitäten, die von Parteien durchgeführt werden, um unter den Wahlberechtigten möglichst viel Unterstützung einzuwerben.“

[...]


[1] Bilgeri und Siedschlag (2004: 13) bezeichnen Kommunikation als „die wichtigste Legitimitätsquelle der Demokratie“.

[2] Das Paradigma Öffentlichkeit ist ein „umstrittener, vieldiskutierter dabei jedoch kaum bestimmbarer Forschungsgegenstand“ (Bieber 1999: 58). Pfetsch und Schmitt-Beck (1994a: 108) definieren Öffentlichkeit als „Raum [...], in dem aufgrund nicht-privater Kommunikationsvorgänge Auffassungen, Vorstellungen und Sichtweisen von Gegenständen der Politik entstehen (und vergehen), die als mehr oder weniger verbindlich und mehrheitsfähig gelten und nach allgemeinem Dafürhalten ´legitim` sind“.

[3] Die Agora, meist der zentrale Marktplatz der griechischen Polis, war das Zentrum des öffentlichen, also v.a. politischen Lebens. Für Kleinsteuber (2000: 42) stellt die Agora einen offenen „Raum aktiver politischer Kommunikation“ dar.

[4] In der Politikwissenschaft und der politischen Soziologie wird das Paradigma Politik untergliedert in die drei Begriffe Polity (formale Dimension: Politik als Institutionen– und Normengefüge), Politics (verfahrensmäßige Dimension: Politik als Prozess) und Policy (inhaltliche Dimension: Politik als Fokussierung gesellschaftlicher Probleme) (vgl. Jarren/ Donges 2002a: 24f.).

[5] „K. bezeichnet den Austausch von Informationen zwischen zwei oder mehreren Personen. Als elementare Notwendigkeit menschlicher Existenz und wichtigstes soziales Bindemittel kann K. über Sprache, Mimik, Gestik, durch schriftlichen Austausch, Medien etc. stattfinden. Zu unterscheiden sind a) interpersonale K. (unmittelbar und mittelbar zwischen Personen), b) Massen-K. (wenige Journalisten bereiten Informationen auf, die von vielen Lesern konsumiert werden) und c) Gruppen-K. (innerhalb bestimmter, organisierter sozialer Gruppen, Verbände, Parteien)“ (Internetseite bpb: Kommunikation).

[6] Dieser politische Wettbewerb findet sowohl öffentlich als auch nicht-öffentlich statt. Die spannungsgeladene Beziehung zwischen den beiden Seiten von Politik, der Herstellung (politischer Prozess) und der Darstellung (politische Kommunikation), wird in der Wissenschaft kontrovers diskutiert (vgl. z.B. Jarren/ Donges 2002a: 22, Sarcinelli 2005: Kap.7, Pfetsch/ Schmitt-Beck 1994a: 107f., Japp/ Kusche 2004). Wie Sarcinelli (2005: Vorwort), der konstatiert, Politik sei `pur´, also ohne Kommunikation, nicht zu haben, geht auch die Verfasserin der vorliegenden Arbeit davon aus, dass Herstellung und Darstellung von Politik nicht voneinander zu trennen sind.

[7] Artikel 21 Grundgesetz (GG): „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit“ (Internetseite bpb: Artikel 21 GG).

[8] In Punkt 3.1.2 wird der Begriff des Akteurs näher definiert.

[9] Die journalistischen Selektionskriterien sollen die Aufmerksamkeit der Adressaten steuern. Die Medienakteure entscheiden anhand von Nachrichtenfaktoren, welche Themen Aufmerksamkeit generieren und deshalb massenmedial kommuniziert werden und welche nicht. Die wichtigsten Nachrichtenwerte sind nach Blöbaum (2000: 178) „Nähe, Neuigkeit, Aktualität, Relevanz, Ereignishaftigkeit“. Gerhards (1994: 89f.) ergänzt die Liste um die Kriterien Konflikt und Negativismus.

[10] Woyke (2005: 111f.) widmet sich den Wahlkampf-Funktionen ausführlich.

Details

Seiten
126
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638520447
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57663
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Politische Kommunikation Mediengesellschaft Online-PR Parteien Bundestagswahlkampf

Autor

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Titel: Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft - Die Online-PR der Parteien im Bundestagswahlkampf 2005