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Handlungsorientierter Unterricht

Hausarbeit 2005 23 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärung
2.1 Definition einer Handlung
2.2 Definition des Handlungsorientierten Unterrichts

3. Geschichtliche Einordnung
3.1 Historische Entwicklung
3.2 Historische Begründer der Theorie
3.2.1 Lern- und Kognitionspsychologie
3.2.2 Die kulturhistorische Schule
3.2.3 Motivationspsychologie
3.2.4 Gehirnforschung und Wissenspsychologie

4. Merkmale des handlungsorientierten Unterrichts

5. Fragen an das Konzept
5.1 Vorteile
5.2 Probleme und Nachteile

6. Formen der Handlungsorientierung

7. Didaktische Strukturierung des Unterrichts

8. Ein Unterrichtsbeispiel

9. Ausblick

1. Einleitung:

„Noch immer müssen Schüler Dinge lernen, die sie sich

nicht selber ausgesucht haben, mit Methoden, über die

sie kaum nachdenken brauchen.“

(W. Kunstmann, 1981)

Seit gut zwanzig Jahren setzt man sich nun mit dem ‚Handlungsorientierten Unterricht‘ auseinander, in der Schule nutzt man seine Theorie als Impuls, um etwas Neues auszuprobieren, weniger jedoch als wirkliche Vorgabe.

In der folgenden Arbeit möchte ich mich mit der Theorie der Handlungs-orientierung im Unterricht auseinandersetzen. Dabei geht es mir darum, zu zeigen, dass Handlungsorientierung in der heutigen Welt der Schüler von großer Bedeutung ist, heute mehr als je zuvor.

Ich möchte im Folgenden nun zunächst eine Begriffsklärung vornehmen, indem ich erst die Handlung an sich und anschließend Handlungsorientierung definiere, um letzteren Begriff im Anschluss geschichtlich einzuordnen. Dazu werde ich die geschichtliche Entwicklung der Theorie sowie die historischen Begründer der Theorie der Handlungsorientierung erläutern.

Im Anschluss möchte ich mich den Merkmalen des Handlungsorientierten Unterrichts widmen und daraufhin klären, welche Probleme und Nachteile es neben den zahlreichen Vorteilen gibt.

Zum Schluss hin werde ich erklären, wie man den Unterricht nach dieser Theorie sinnvoll didaktisch strukturieren kann und sodann ein Unterrichtsbeispiel für die Primarstufe angeben. Zu guter Letzt folgt dann der Ausblick, in dem ich die wichtigsten Punkte noch einmal zusammenfassen werde.

2. Begriffsklärung:

2.1 Definition einer Handlung

Bevor ich in das Thema des Handlungsorientierten Unterrichts einführe und dieses Konzept definiere, möchte ich die Definition von Handlung nach dem Psychologen und Schüler Piagets Hans Aebli erläutern.

Nach Aebli besitzen Handeln und Denken die gleiche Funktion, nämlich die Beziehungsstiftung, die gleiche Zielsetzung in Form von Problemlösung und die selbe Struktur. Nach seiner These geht menschliches Denken aus elementaren Lebensvollzügen hervor“[1]. Das Handeln ist in seinen Augen „Streben nach Ordnung und Struktur, das sich im Denken in reinerer Form fortsetzt“[2] und Transparenz zum Ziel hat. Dieses Ziel wiederum „motiviert den Handelnden und den Denker“[3].

Das Handeln erfolgt nach Aebli „mit hohem Grad der Bewußtheit und der Zielgeleitetheit“[4] und besteht aus vielen „Teilhandlungen“[5].

In Aeblis Handlungsmodell existiert zuerst ein Problem, das gelöst werden muss, woraufhin das Individuum zunächst einen ungeklärten, globalen Handlungsentwurf entwickelt. Die Problemlösung führt anschließend „zur genaueren Planung einer Handlung“[6], die gedanklich immer wieder überarbeitet werden kann. Zum Schluss erfolgt eine Reflexion des Handlungsablaufs.

2.2 Definition des Handlungsorientierten Unterrichts

Nach der Enzyklopädie Erziehungswissenschaft versteht man unter dem Begriff „Handlungsorientierter Unterricht“ (HoU) ein Unterrichtskonzept, „das den Schülern einen handelnden Umgang mit den Lerngegenständen und – inhalten des Unterrichts ermöglichen soll“[7].

Gudjons bezeichnet den HoU als einen Unterricht, „in dem die Schülerinnen und Schüler nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit den Händen und Füßen, mit dem Herzen und allen Sinnen lernen können.“[8] Bezüglich der Aktivierung möglichst aller Sinne wird vielfach vom ganzheitlichen Unterricht gesprochen. Zudem wird der HoU seiner Meinung nach dadurch charakterisiert, dass Schüler und Lehrer gemeinsam ein Handlungsziel festlegen, um am Schluss der Unterrichtsphase ein Handlungsprodukt zu präsentieren.[9] Hilbert Meyer fasst das Konzept in folgender Definition zusammen: es sei ein „ganzheitlicher und schüleraktiver Unterricht, in dem die zwischen dem Lehrer und den Schülern vereinbarten Handlungsprodukte die Organisation des Unterrichtsprozesses leiten, so daß Kopf- und Handarbeit der Schüler in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander gebracht werden“[10].

Es geht in dem Konzept darum, den Kindern mehr Mitgestaltung am Unterricht zu übertragen. Zudem wird die Schüler- Lehrer- Kluft durch das Mitspracherecht der Schüler am Handlungsprodukt verringert.[11]

Das Konzept des HoU geht auf reformpädagogische Ansätze sowie die Tradition der kulturhistorischen Schule zurück, worauf ich im Folgenden genauer eingehen werde.

3. Geschichtliche Einordnung

3.1 Historische Entwicklung

Das Konzept des HoU basiert „auf dem Hintergrund einer bis ins 17.Jahrhundert zurückreichenden Theoriekonzeption“[12].

Schon Johann Amos Comenius (1592- 1670), der in seiner Programmschrift „Didactica magna“ ein umfassendes Programm für die Gestaltung von Unterricht und allgemein für die Schule entwickelt hat, befürwortete das Lernen mit allen Sinnen, mit Kopf, Herz und Hand.[13] Dieser Meinung waren auch Pestalozzi (1746- 1827) und Karl Marx, der davon ausging, dass „die allseitige Entfaltung der Persönlichkeit“ nur dann gelingen könne, „wenn Kopf- und Handarbeit versöhnt werden“[14]. Schleiermacher forderte das Lernen aus dem Spiel heraus und Friedrich Fröbel (1782- 1852) entwickelte eine Didaktik des Spiels. Die Handlung, das Spiel, geht hier dem Denken voraus.

Auch die Arbeitsschulbewegung der Weimarer Republik mit Georg Kerschensteiner (1854-1932), Hugo Gandig (1860-1923) und Otto Scheibner, beeinflusste das Konzept vom Handlungsorientierten Unterricht.[15]

Neben diesen Ansätzen prägte die Reformpädagogik das Konzept des HoU jedoch besonders. Johannes Langermann (1848-1923) veröffentlichte 1911 sein Werk „Handelnder Unterricht“, welches die Basis für Adolf Reichweins ‚Schaffendes Schulvolk‘, geprägt vom Nationalsozialismus, bildete.[16]

Zu den bedeutendsten Reformpädagogen zählt unter anderem Maria Montessori (1870-1952), die den Standpunkt „Kinder sind anders“ vertrat und ein geschlossenes Konzept schüleraktiven Lernens entwickelte. Nach diesem Konzept erhalten die Schüler für ihre Entwicklung geeignetes und von ihr selbst entwickeltes Material zur Förderung der Selbsttätigkeit der Kinder.[17] Auch Peter Petersen gilt als Reformpädagoge mit neuem Unterrichtskonzept: Er entwickelte den ‚Jena- Plan einer freien allgemeinen Volksschule‘ mit folgenden Merkmalen: „Beteiligung der Schüler an der Unterrichtsplanung (...), gegenseitige Hilfestellungen (...), konsequente Verknüpfung von Klassen-, Gruppen-, und Einzelarbeit“ sowie „Förderung des Gemeinschaftslebens“[18].

Neben Montessori und Petersen gelten Célestin Freinet und John Dewey als bedeutende Reformpädagogen. Freinets Konzept beinhaltete „ein kooperatives und solidarisches Verhältnis von Lehrern und Schüler, die Einbeziehung der Umwelt (...), die Arbeit als Mittelpunkt (...) und die demokratische Entscheidungsfindung in der Klassenkooperative“[19].

John Dewey, der Begründer des Projektunterrichts, entwickelte die Theorie vom Erfahrungslernen, auf die der bekannte Kognitionspsychologe Piaget, auf den ich im Folgenden noch gesondert eingehen werde, und Aebli aufbauten.

Ebenfalls erheblichen Einfluss auf den HoU, basierend auf der Theorie Karl Marx‘, hatte die kulturhistorische Schule, auf die ich aber noch genauer eingehen werde.[20]

3.2 Historische Begründer der Theorie

Es gibt, wie gerade gesehen, viele Theorien, die für den Handlungsorientierten Unterricht sprechen. Vier große Argumentationsstränge möchte ich im Folgenden aufgreifen: Den der Lern- und Kognitionspsychologie, den der kulturhistorischen Schule, den der Motivationspsychologie sowie den der Gehirnforschung und Wissenspsychologie.

3.2.1 Lern- und Kognitionspsychologie

Schon der Psychologe Jean Piaget (1896- 1980), der vor allem an der kognitiven Entwicklung von Kindern interessiert war, hat gezeigt, dass Kinder eigenständig handeln müssen, um sich mit der sie umgebenden Welt auseinanderzusetzen. Erst dann könne die kindliche Entwicklung in Gang kommen. Seiner Meinung nach entstehen geistige Operationen aus konkreten Handlungen und Erfahrungen des Menschen und entwickeln sich weiter zu verallgemeinerten Abstraktionen, sogenannten „formale(n) Operationen“[21].[22]

Das Handeln werde „schon in der konkreten Operation immer zugleich auch kognitiv erfasst“[23], so dass Denken und Handeln wechselseitig auseinander hervorgehen.

Nach dieser Theorie wird deutlich, dass das Wissen und die Lerninhalte „nicht einfach in fertiger Form“[24] weitervermittelt werden können, sondern in Handlungen übersetzt werden müssen. Dann erst können sich Denkstrukturen bei den Kindern aufbauen. Handeln, Denken und Lernen müssen sich wechselseitig ergänzen. Dewey hat an dieser Stelle den Begriff des „learning by doing“ eingeführt.[25] Handlungen müssen, so auch Jank und Meyer, „in den Unterrichtsprozess einbezogen und der Übergang zu formalen Operationen geübt werden“[26].

3.2.2 Die kulturhistorische Schule

Auch die „materialistische Aneignungstheorie, die sich auf bedeutende sowjetische Psychologen der sog. Kulturhistorischen Schule stützt“[27], bildet die Basis für den HoU. Nach dem Psychologen Galperin liegt dem handelnden Unterricht eine bestimmte Erkenntnistheorie zugrunde, die sog. „Wiederspiegelung“[28] zwischen dem Abzubildenden „und dessen Abbild im menschlichen Bewußtsein“[29] Durch die durch Tätigkeit entstehende Beziehung zwischen äußeren Gegenständen und inneren Handlungsstrukturen würden Mensch und Welt in Zusammenhang gebracht. Während die Psychologen Leontjew, Galperin und Rubinstein „die Rolle der Tätigkeit bei der Bildung psychischer Erscheinungen“[30] stärker betonen, so hat der Psychologe Wygotski den Menschen als Individuum dargestellt, das stärker als die von ihm wahrgenommene Außenwelt ist. Neben diesem erkenntnistheoretischen Ansatz entwickelten die Vertreter der kulturhistorischen Schule eine Lerntheorie, die davon ausgeht, dass die Wechselwirkung von Mensch und Umwelt „durch Aneignung der Welt im Handeln“[31] geschieht. Nach Leontjew existiert das Bewusstsein nur durch Tätigkeit des Individuums.[32]

[...]


[1] Aebli, Hans: Denken: Das Ordnen des Tuns, 1980, S.15

[2] ebd., S.16

[3] ebd., S.16

[4] ebd., S.20

[5] ebd., S.20

[6] ebd., S.23

[7] Gudjons, Herbert: Didaktik zum Anfassen, 1997, S.109

[8] Jank, Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle,1991, S.315

[9] vgl. ebd. S. 315

[10] Gudjons, Herbert: Didaktik zum Anfassen, 1997, S.109

[11] vgl.ebd.,S.110

[12] Jank, Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle, 1991, S.319

[13] vgl. ebd., S.11 u. 320

[14] Jank, Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle,1991,S.320

[15] vgl. ebd., S.320

[16] vgl.ebd.,S.320

[17] vgl. Jank, Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle, 1991, S.314

[18] ebd., S.314

[19] Jank, Werner/ Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle, 1991, S.313

[20] ebd., S.321

[21] Jank, Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle, 1991, S.321

[22] vgl. ebd., S.321

[23] Jank, Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle, 1991, S.322

[24] Gudjons, Herbert: Handlungsorientierter Unterricht, 1997, S.7

[25] vgl.Gudjons, Herbert: Handlungsorientierter Unterricht, 1997,S.7

[26] Jank,Werner/Meyer, Hilbert: Didaktische Modelle, 1991, S.322

[27] Gudjons, Herbert: Handlungsorientiert lehren und lernen, 1994, S. 43

[28] ebd., S.43

[29] ebd., S.43

[30] ebd., S.44

[31] ebd., S.44

[32] vgl. ebd.,S.44

Details

Seiten
23
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638520010
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57562
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
mit Erfolg
Schlagworte
Handlungsorientierter Unterricht Theorien Modelle Didaktik

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Titel: Handlungsorientierter Unterricht