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Theodor Fontanes 'L'Adultera': Eine Analyse und Interpretation sowie ein Entwurf einer Stundensequenz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 46 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Analyse und Interpretation
1.1 Zur Editions- und Entstehungsgeschichte
1.2 Kurze Inhaltsangabe
1.3 Zum strukturellen Aufbau der Novelle
1.3.1 Zum Textaufbau
1.3.2 Figurenkonstellation
1.4 Zu den inhaltlichen Aspekten
1.4.1 Zeitroman oder psychologische Studie
1.4.2 Zum Aspekt der Kunst in Fontanes L’Adultera

II. Didaktische Umsetzung
2.5 Planung einer Unterrichtssequenz
2.5.1 Richtziele
2.5.2 Grobziele
2.5.3 Vorschlag einer Stundensequenz zur Novelle
L’Adultera von Theodor Fontane
1. Stunde
2. Stunde
3. Stunde
4. Stunde
5. Stunde
6. Stunde
7. Stunde
8. Stunde
9. Stunde
10. Stunde

3. Zusammenfassung

4. Bibliographie

1.1 Zur Editions- und Entstehungsgeschichte

Theodor Fontane begann mit seiner Arbeit an der Novelle L’Adultera im Dezember 1879. Bereits im April des folgenden Jahres schloss er die Korrekturen an seinem ersten Entwurf mit dem Titel „Melanie van der Straaten“ ab. Dieser relativ kurze Entstehungszeitraum wird heute darauf zurückgeführt, dass langwierige Vorstudien und die Auswertung historischer Quellen – im Gegensatz zu anderen Werken Fontanes – nicht notwendig gewesen seien[1]. Vorlage für die Novelle bildete der zeitgenössischer Ehebruchsskandal von 1874 in der Berliner Gesellschaft um die Industriellenfamilie Ravené. Therese Ravené verließ ihren Ehemann und die gemeinsamen drei Kinder und flüchtete mit ihrem Geliebten dem Bankier Gustav Simon. Fontane wurde auf den Skandal aufmerksam durch einen Artikel im Juni 1879 in der Vossischen Zeitung.

Umso schwieriger gestaltete sich die Suche nach einem geeigneten Verleger. Ein Vorabdruck erschien im Juni und Juli 1880 in der Monatzeitschrift „ Nord und Süd “, aber erst zwei Jahre später wurde die Novelle als Buch im Verlag Schottländer verlegt, zu groß waren die Entrüstung und die moralischen Bedenken. Ähnliche Schwierigkeiten bereitete die Wahl des Titels. Während Fontane ursprünglich den Namen der Hauptgestalt „Melanie van der Straaten“ als Titel vorgesehen hatte, drängte sein Verleger Schottländer auf eine Änderung in L’Adultera. Fontanes Bedenken gegenüber diesem Titel bezogen sich auf die noch lebende Person, deren Geschichte verschlüsselt erzählt sollte. Gleichzeitig wirkt der Titel typisierend und verallgemeinernd. Die endgültige Wahl fiel auf L’Adultera und spricht damit explizit das Kunstobjekt als ein Leitmotiv der Erzählung an – die Tintorettokopie, die die biblische Geschichte der Ehebrecherin und Christus darstellt und von der aus, sich das Geschehen weiterentwickelt.

1.2 Kurze Inhaltsangabe

Im Mittelpunkt der Novelle L’Adultera stehen die Eheleute Melanie van der Straaten und der zwanzig Jahre ältere Ezechiel. Sie führen eine mehr oder weniger glückliche Konvenienzehe aus der zwei Töchter hervorgegangen sind. Die familiäre Situation spitzt sich zu, als der junge Ebenezer Rubehn für einige Zeit in dem Haushalt aufgenommen wird. Melanie erkennt zunehmend ihre Unzufriedenheit in der Ehe mit Ezechiel und beginnt eine Affäre mit dem jungen Offizier Rubehn. Beide beschließen, nach Italien zu fliehen. So verlässt Melanie den Ehemann und die Töchter in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, auch Ezechiels Versuch zu einer Versöhnung mit einer Aussprache kann Melanie nicht mehr aufhalten. Nach der Scheidung von Ezechiel heiratet sie ihren Geliebten Rubehn und gründet mit ihm eine Familie. Trotz des neuen Glücks zieht es sie zurück in ihre Heimat – nach Berlin. Der Empfang fällt allerdings kühl aus, nur wenige, der alten Bekannten, treten in Kontakt mit dem jungen Paar. Selbst ein heimliches Treffen mit den Töchtern aus der ersten Ehe endet unglücklich. Darüber hinaus gerät das Paar in finanzielle Bedrängnis, so dass Melanie fortan Musik- und Unterrichtsstunden gibt, um zum Unterhalt der Familie beizutragen. Letztendlich ist Melanie aber in ihrer zweiten wenn auch finanziell bescheideneren Ehe glücklicher als im Leben im Wohlstand mit Ezechiel.

1.3 Zum strukturellen Aufbau der Novelle

1.3.1 Zum Textaufbau

Die Novelle L’Adultera gliedert sich in insgesamt 22 Kapitel. In den ersten vier Kapiteln werden die Familie van der Straaten, ihre Lebensumstände und die Freunde der Familie vorgestellt. Bereits im ersten Kapitel Kommerzienrat van der Straaten können Konflikte und Entwicklungen der Novelle vorausgedeutet bzw. erahnt werden. Fontane selbst hob die Bedeutung des ersten Kapitels hervor: „Die Qualität eines Romans entscheidet sich auf den ersten Seiten, ja mit den ersten Zeilen. Hier müssen Grundlagen für das kommende gelegt werden.“[2] Im Mittelpunkt dieses ersten Kapitels steht Ezechiel van der Straaten, der zwar auf geschäftlichen Gebiet anerkannt ist, aber in der Gesellschaft mit seiner „Vorliebe für drastische Sprüchwörter und heimische ‚geflügelte’ Worte“ (3)[3] negativ auffällt. Weiterhin wird er als jemand beschrieben, der Veränderungen hasst und lieber an Altbewährtem festhält. Ebenfalls vorgestellt wird seine fünfundzwanzig Jahre jüngere Frau Melanie van der Straaten. Bei Melanies Charakterisierung deutet der Erzähler bereits mögliche Probleme bzw. Konflikte an, die im weiteren Verlauf der Novelle eine Rolle spielen könnten. Beispielsweise wird Melanie zwar als eine Vereinigung aller Vorzüge französischer Wesen hervorgehoben, gleichzeitig fragt der Erzähler aber nach ihren möglichen Schwächen (vgl. S.5). Weiteres Konfliktpotential bietet der Altersunterschied zwischen den Eheleuten auf den der Leser explizit verwiesen wird (5). Besonders der letzte Satz des ersten Kapitels kann als eine Andeutung des späteren Geschehens verstanden werden. „Aber während die Augen der Mutter immer lachten, waren die der Tochter ernst und schwermütig, als sähen sie in die Zukunft“(5). Das die Novelle aber trotzdem kein tragisches Ende nehmen wird, lässt die Anspielung auf Gutzkows Trauerspiel Uriel Acosta vermuten. „[…] weil er seit längerer Zeit den Vorzug genieße, die Honneurs seines Hauses nicht durch eine Judith […]“(4), beinhaltet den Namen Judith, der sich auf die gleichnamige Frauenfigur in Gutzkows Drama bezieht. Allerdings endet Gutzkows Judith tragisch, sie nimmt sich das Leben, nachdem sie um den finanziellen Ruin ihrer Familie zu verhindern, einen wohlhabenden Mann heiratet und dafür auf ihre wirkliche Liebe mit Uriel Acosta verzichten muss[4]. Darüber hinaus heißt der Vater von Judith Manasse Vanderstraaten steht aber zumindest in charakterlicher Betrachtung im Gegensatz zu Fontanes Ezechiel van der Straaten.

Das zweite Kapitel trägt den Namen L’Adultera und beschreibt wie die Gemäldekopie in das Haus van der Straaten gelangt. Die darauf folgenden Kapitel präsentieren weitere Figuren der Novelle, allerdings weniger durch deskriptive Beschreibungen als vielmehr durch ihre eigene Charakteristik in der Sprechweise[5]. Der allwissende Erzähler nimmt sich weitgehend zurück und lässt die Figuren gewissermaßen für sich selbst sprechen. Nach diesen einführenden Kapiteln kommt es in dem fünften Kapitel zu einer ersten Schlüsselszene Bei Tisch (23). An dieser Stelle wird die Diskrepanz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft deutlich. Van der Straaten stößt mit seiner Sprache auf wenig Verständnis, er wird als ungehobelt und rücksichtslos empfunden, so dass Melanie sich sogar für seine Äußerungen schämt. Ihre Scham und ihre Unzufriedenheit in der Ehe treiben sie in die Arme des jungen Lieutenant Rubehn, der in Kapitel sieben in das van der Straatensche Haus und somit das Geschehen eintritt. Insbesondere die Tochter Lydia van der Straaten weckt mit ihrer Reaktion auf den neuen Hausgast erneut Vorahnungen.

Und hier meine Tochter Lydia“, setzte Melanie hinzu, nach dem schönen Kinde hinzeigend, das, auf der Türschwelle, neben dem Musikfräulein stehengeblieben was und den Fremden ernst und beinah feindselig musterte. (47)

Diese erste Vorahnung eines möglichen Verhältnisses zwischen Melanie und Rubehn wird in den folgenden Kapiteln mehr und mehr bestätigt. Mit vielen Andeutungen erfährt der aufmerksame Leser über die wachsende Vertrautheit der beiden. Beispielsweise wirft Melanie in Auf der Stralauer Wiese einen großen Ball ihrem Mann zu – zielt aber nicht genau genug und trifft stattdessen Rubehn (vgl. 54). Das sich die Zeichen der Affäre mehren und selbst für Ezechiel nicht mehr übersehbar sind, macht die folgende Textstelle deutlich, „[…] aber enfin, ein Mann müsse nicht bloß gut sein, ein Mann müsse seine Frau verstehen. Darauf komm’ es an, sonst sei die Ehe niedrig, so niedrig, mehr als niedrig. Und dann seufzt er zum dritten Mal.“(60). Die ehebrecherische Gemeinschaft von Melanie und Rubehn verdeutlicht im zehnten Kapitel mit dem programmatischen Titel Wohin treiben wir? das Bild, das ‚beide in einem Boot sitzen’. Zwischen den Zeilen des Gesprächs werden immer wieder Hinweise gegeben, die zum einen die Affäre zum anderen aber auch die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft offenbaren.

„Ist es immer nur das Wasser, dem sie die Hand reichen, Freundin?“(66) oder „Er nahm ihre Hand und fühlte, daß sie fieberte.“(68), zeigen explizit die Annäherung der beiden. Die Frage „Wohin treiben wir?“(68) wird ebenfalls im elften Kapitel aufgegriffen und kann auch als ‚abtreiben’ vom rechten Weg verstanden werden. Schließlich kommt es zur körperlichen Vereinigung der Geliebten und damit zum Höhepunkt der Affäre im Kapitel Unter Palmen (XII). Zwar wird der konkrete Ehebruch wieder nur angedeutet und nicht explizit berichtet, dennoch lassen Textstellen wie „[…] dabei war es. Als ob hundert Geheimnisse sprächen, und Melanie fühlte, wie dieser berauschende Duft ihre Nerven hinschwinden machte.“(82) oder „[…] aber diese weiche, schlaffe Luft machte sie selber weich und schlaff, und die Rüstung ihres Geistes lockerte sich und löste sich und fiel.“(83). „[…] und sie flüsterten Worte, so heiß und so süß, wie die Luft die sie atmeten“(83) lassen nur noch wenige Zweifel an dem Verhältnis zwischen Rubehn und Melanie. Ferner wird für die Gesellschaft die Liebschaft offensichtlicher wie der Ausspruch der Freundin Anastasia verdeutlicht „’Und du wunderst dich über Kopfweh! Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen.’ Melanie wurde rot bis an die Schläfe.“(83). Das die gemeinsame Liebesnacht Auswirkungen auf die weiteren Ereignisse und die Ehe der van der Straatens hat, zeigt der Schlusssatz des elften Kapitels, „ […] ‚von diesem Tag an datiert sich eine neue Ära des Hauses van der Straaten.’“(84). Auch wenn Ezechiel van der Straaten die Zeichen nicht richtig deutet, denn „In der Tat, unser kommerzienrätlicher Freund hätte bei mehr Aufmerksamkeit und wenige Eigenliebe stutzig werden […] müssen.“(87). „In seiner Scharfsicht oft übersichtig und Dinge sehend, die gar nicht waren, übersah er ebenso oft andere, die klar zutage lagen.“(87). Während van der Straaten das Verhältnis seiner Frau nicht sieht oder nicht sehen will, muss Melanie sich die Folgen ihres Ehebruchs eingestehen. Am Ende des Kapitels wird das Motiv der ‚gefallenen Frau’(89) aufgegriffen, um die Untreue Melanies zu verdeutlichen. Schließlich muss sie ihrem Mann ihre Affäre und deren Folge - eine Schwangerschaft - offenbaren. Entgegen den Vorschlägen ihres Ehemannes entschließt sich Melanie nicht die eheliche Gemeinschaft aufrecht zu erhalten, sondern flieht mit ihrem Geliebten, Rubehn, in Richtung Süden nach Rom. Die Kapitel Entschluß(XIV), Die Vernezobres(XV) und Abschied(XVI) thematisieren die Entscheidung Melanies für ihr persönliches Glück, das sie mit Rubehn gefunden zu haben scheint. Dafür verzichtet sie gleichzeitig auf den Reichtum und die finanzielle Sicherheit, die ihr Ezechiel während der Ehe gegeben hat. Auf diese ökonomischen Bedenken macht sie ebenso das Hausmädchen Christel mit ihrer Bemerkung „Jott, der Mensch jewöhnt sich an alles. Und wenn man reich ist und hat so viel, da kann man auch viel aushalten.“(96) aufmerksam. Melanie entscheidet sich aber bewusst gegen die Konvenienzehe und für ihre individuelle Erfüllung. „So verwöhnt, willst du sagen. Ja, Christel, das bin ich. Aber Verwöhnung ist kein Glück. Ihr habt ein Sprichwort: ‚Wenig mit Liebe.’ Und die Leute lachen darüber. Aber über das Wahrste wird immer gelacht.“(95). Diese Textstelle macht deutlich, dass sich Melanie durchaus darüber im Klaren ist, welche gesellschaftliche und finanzielle Stellung sie aufgibt. Andererseits kommt ihr Drang nach Glück, wahrer Liebe und Erfüllung zum Ausdruck. Genauso wie Christel versucht Ezechiel, seine Frau von ihrer Flucht abzuhalten. „Er schob ein Fauteuil an das Feuer, ließ sich nieder, so dass er jetzt Melanie gegenübersaß, und sagte leicht und geschäftsmäßig: ‚Du willst fort, Melanie?’“(99). Dieser sachliche Ausspruch offenbart explizit Ezechiels Haltung in der Ehe, die er lediglich als ein Geschäft betrachtet. Im weiteren Verlauf des Gesprächs wird ebenso seine Haltung gegenüber Frauen angesprochen:

Und ich sage die, es geht vorüber, Lanni. Glaube mir, ich kenne die Frauen. Ihr könnt das Einerlei nicht ertragen, auch nicht Einerlei des Glücks. Und am verhaßtesten ist euch das eigentliche, das höchste Glück, das Ruhe bedeutet. […] Ihr wollt gar nicht ruhen. Es soll euch immer was kribbeln und zwicken, und ihr habt den überspannt sinnlichen oder meinetwegen auch den heroischen Zug, dass ihr dem Schmerz die süße Seite abzugewinnen wisst.“(99)

Das Ezechiel mit seiner vermeintlichen Kenntnis von Frauen Unrecht hat, beweist die Reaktion Melanies, die trotz dieser Worte sich für eine Zukunft mit Rubehn entscheidet. „Es soll klar zwischen uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.“(101) sowie „Ich bin doch anders. Und wen ich’s nicht bin, so bild ich es mir wenigstens ein.“(97) machen deutlich, dass Melanie sich entgegen den gesellschaftlichen Konventionen und Bedenken für ihre Selbstverwirklichung und persönliches Glück entscheidet. Dementsprechend verlässt Melanie Ezechiel und die beiden Töchter, um mit Rubehn ein neues Leben zu beginnen. Zunächst flüchten die beiden in Richtung Süden nach Italien. Weit weg von der Berliner Gesellschaft und den Konventionen beginnt Melanie ein neues, zufriedeneres Leben.

Sie war glücklich, unendlich glücklich. Alles, was ihr das Herz bedrückt hatte, war wie mit einem Schlage von ihr genommen, und sie lachte wieder, wie sie seit lange nicht mehr gelacht hatte, kindlich und harmlos. (108)

Nachdem die Ehe der van der Straatens geschieden ist, heiraten nun Melanie und Rubehn. Nach der Geburt der Tochter Aninette scheint das Glück perfekt, jedoch zieht es Melanie in ihre ‚Herzensheimat’(114) – nach Berlin. Trotz der gesellschaftlichen Ächtung, die das Paar zu erwarten hat, kehren sie zurück; „Und an einem milden Dezembertage waren Rubehn und Melanie wieder in der Hauptstadt eingetroffen […].“(114). Die Befürchtungen bewahrheiten sich, abgesehen von einigen wenigen alten Freunden, gelingt es Melanie und Rubehn zunächst nicht, in die Berliner Gesellschaft wieder aufgenommen zu werden. „Sie war tot für die Gesellschaft, […].“(122) verdeutlicht die Außenseiterposition Melanies.

Die Kapitel Inkognito(XIX) und Liddi(XX) schildern den tragisch endenden Versuch Melanies Kontakt mit ihren Töchtern aus der ersten Ehe aufzunehmen. Besonders Lydia, die schon im ersten Kapitel „ernst und schwermütig“(5) in die Zukunft sah, reagiert auf ihre Mutter mit Ablehnung. „Wir haben keine Mutter mehr.“ (129) ist die erschütternde Reaktion der Tochter, die sich damit völlig von ihrer Mutter distanziert. Neben dieser Enttäuschung zieht sich Rubehn immer mehr zurück, so dass Melanie an ihrer Ehe zweifelt. Als sich schließlich herausstellt, dass Rubehns Verhalten im Bankrott des Familienunternehmens gründet, ist Melanie erleichtert.

Oh, nur das! … Oh, nun wird alles wieder gut … Und was euerm Hause Unglück bedeutet, mir bedeutet es Glück, und nun weiß ich es, es kommt alles wieder in Schick und Richtung, weit über all mein Hoffen und Erwarten hinaus … .“(137).

Erst aus dieser Situation heraus gelingt Melanie schließlich ein weiterer Schritt der Emanzipation – sie beginnt selbst zu arbeiten. Sie gibt Musik- und Unterrichtsstunden, um etwas zum Einkommen der Familie beizutragen. Dadurch dass Melanie sich aus der finanziellen Abhängigkeit von ihrem Ehemann löst, wird sie zu einem ebenbürtigen Partner in der Beziehung wie der Handschlag der Eheleute (vgl. 139) illustriert. Somit endet die Novelle L’Adultera wie auch der Titel des letzten Kapitel offenbart ‚versöhnlich’ und nicht tragisch wie andere Beispiele der Ehebruchsproblematik.

1.3.2 Figurenkonstellation

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Abbildung beinhaltet zum einen die wesentlichen Charaktere der Novelle L’Adultera, zum anderen soll die Darstellungsweise auf das Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft verweisen. L’Adultera kann im Hinblick auf die Protagonisten als ein repräsentatives Beispiel für Fontanes „Charakterisierungskunst“[6], die differenzierte Strukturierung und Vielschichtigkeit der Figuren[7], verstanden werden. Dementsprechend legt der Erzähler nur wenig Gewicht auf die Äußerlichkeiten der Figuren. Lediglich beim ersten Auftritt der Charaktere werden kurze Erläuterungen bzw. Schilderungen durch andere Romanfiguren gegeben.

Die Hauptpersonen in der Novelle sind als Adlige, Majore, Legations- oder Polizeiräte allesamt in der höheren Mittelschicht bzw. dem gehobenen Bürgertum anzusiedeln. Die Personen anderen Standes sind entweder Dienstpersonal bzw. Nebenpersonen und tragen zum allgemeinen Aufbau der Erzählung und der Entwicklung der Ehebruchsproblematik nur wenig bei[8].

Die Protagonisten, Melanie, Rubehn und Ezechiel, der ‚Ehebruchsnovelle’ L’Adultera stehen in einem typischen Dreiecksschema zueinander. Von besonderer Bedeutung ist die Veränderung Melanie van der Straatens von der passiven Ehefrau hin zu einer emanzipierten, selbstbewussten Partnerin. Erst der Ehebruch führt bei ihr zu der Erkenntnis, dass sie ihre Partnerschaft mit Ezechiel nicht erfüllt und sie nicht sie selbst sein kann, sondern wie eine idealisierte Kopie behandelt wird. Dieser Aspekt der Kopie verweist einerseits auf die mangelnde Individualität, die Ezechiel Melanie in ihrer Ehe zugesteht, und andererseits auf die Kopie des Tintoretto- Gemälde der Adultera und somit das zentrale Kunstobjekt der Novelle. Auch in ihrer zweiten Ehe mit Rubehn entwickelt sich aus der mangelnden Gleichberechtigung der Partner ein Konflikt als Rubehn Melanie verheimlicht, dass das Familienunternehmen – und damit die finanzielle Grundlage der Ehe – in Konkurs geht. Anders als in der ersten Ehe meistert das Paar die Krise gemeinsam dadurch, dass Melanie ebenfalls eigenes Geld verdient, indem sie Musik- und Nachhilfestunden gibt. Der Ausbruch aus der Ehe bedeutet zugleich einen Ausbruch aus der Gesellschaft und deren Konventionen. Erst durch diesen Versuch gesellschaftliche Vorstellungen nicht länger unkritisch anzunehmen, gelingt es Melanie, ihre neue Individualität zu finden und auszuleben.

Eine weitere Hauptfigur, Ezechiel van der Straaten, wird ausführlich im ersten Kapitel thematisiert. Während Ezechiel auf dem wirtschaftlichen Gebiet ein angesehener Geschäftsmann ist, gilt er „in der Gesellschaft bedingungsweise“(3). Die mangelnde gesellschaftliche Anerkennung wird darauf zurückgeführt, dass van der Straaten „zu wenig ‚draußen’ gewesen war“(3), d.h. nur wenig Erfahrung und Routine im Umgang mit fremden Kulturen und Einflüssen gesammelt hat. Die mangelnde Fähigkeit sich an neue Situationen anzupassen bzw. sich zu verändern, wird explizit als ein Charakteristikum van der Straatens an späterer Stelle aufgegriffen. „Er haßte zweierlei: sich zu genieren und sich zu ändern“(3). Seine Abneigung gegen Veränderung – und damit indirekt auch gegen Kontrollverlust – wird mehrfach aufgenommen, wie das folgende Zitat verdeutlichen soll: „Er zög’ es deshalb vor, alles bei alten zu belassen.“(3,4). Gerade diese Unfähigkeit mit neuen, unkonventionellen Situationen umzugehen, problematisiert die Ehe mit der wesentlich jüngeren Melanie. Kommunikationsprobleme innerhalb der Ehe werden bereits im zweiten Kapitel mit dem Titel L’Adultera in dem Gespräch über die Gemäldekopie angedeutet.

‚Ah, l’Adultera! … Jetzt erkenn ich’s. Aber das du gerade das wählen mußtest! Es ist eigentlich ein gefährliches Bild, fast so gefährlich wie der Spruch … Wie heißt er doch?’ ‚Wer unter euch ohne Sünde ist …’ […] Sieh nur! … Geweint hat sie … Gewiß … Aber warum? […] (10)

Die Auslassungspunkte im Dialog der Eheleute werden bei Villmar- Doebeling als ein Indiz für deren Sprachlosigkeit und somit Kommunikationsschwierigkeiten verstanden[9]. Demzufolge findet nur noch ein ‚rudimentarisierter’ Austausch von Gedanken, Gefühlen, Stimmungen und Ansichten statt, so dass die idealisierte Zweisamkeit der Ehe aufgehoben wird und schließlich jeder Ehepartner erneut für sich allein steht. Gleichzeitig wächst somit die Distanz zwischen Melanie und Ezechiel. Die Entfremdung von- und zueinander gipfelt in dem Ehebruch Melanies. Bei Rubehn sucht bzw. findet Melanie die Anerkennung und Selbstverwirklichung, die ihr in der Ehe mit Ezechiel versagt blieben. Im Gegensatz zu Melanie, die mit ihrer zweiten Ehe aus der Einsamkeit ausbricht, wird Ezechiel bereits am Anfang der Novelle als gesellschaftlicher Einzelgänger dargestellt.

Und er wollt es auch nicht länger verbergen. War er doch ohnehin, aller Freundschaft unerachtet, ohne Freund und Vertrauten, und so trieb es ihn denn, angesichts des Bildes einmal aus sich herausgehen. (11)

Diese Tendenz setzt sich mit der Trennung und später der Scheidung von Melanie fort. Alle seine Versuche die Ehe zu retten, sind zum Scheitern verurteilt. Im Kapitel Abschied(XVI) wird nochmals offensichtlich das van der Straaten die Ehe mit Melanie als eine Art Geschäft versteht. Sein kaufmännisches Vokabular bzw. Ton, wie beispielsweise „meine Kurse“(100), kann er selbst in dieser Situation nicht ablegen. Darüber hinaus spricht er vor allem über das Ansehen und die finanzielle Sicherheit, die Melanie in der Ehe mit ihm erwarten kann, Liebe spielt bei seiner Argumentation eine ungeordnete Rolle. „Und weil die Firma van der Straaten einen guten Klang hatte. Also nichts von Liebe.“(100). Der Ehebruch Melanies und ihre Liebe zu Rubehn sind für Ezel kein akzeptabler Grund, ihre Ehe zu beenden, wie der folgende Dialog illustriert:

‚Du willst fort, Melanie?’‚Ja, Ezel.’‚Warum?’

‚Weil ich einen anderen liebe.’

‚Das ist kein Grund.’(99).

Bei seinen Ausführungen kommen ebenfalls van der Straatens Bild und Erwartung von einer Frau zum Ausdruck:

[…] daß es nicht zu den schlimmsten Dingen zählt, eine junge, bequem gebettete Frau zu sein und der Augapfel ihres Mannes, eine junge, verwöhnte Frau, die tun und lassen kann, was sie will, und als Gegenleistung nichts andres einzusetzen braucht als ein freundliches Gesicht, wenn es ihr grade paßt.(100)

Er hofft darauf, dass er Melanie mit seinen wirtschaftlichen Argumenten überzeugen kann, die Ehe mit ihm aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig ist er um die gesellschaftliche Reaktion auf die gescheiterte Ehe besorgt. „Es ist nicht gut, immer nur an das zu denken, was die Leute sagen, aber es ist noch weniger gut, gar nicht daran zu denken.“(101) Dennoch gelingt es ihm nicht, Melanie zu überzeugen, nicht zu gehen. Deutlich macht sie klar, dass sie die Ehe mit Ezechiel nach ihrem Ehebruch weder fortsetzen kann – noch will. „Es soll klar zwischen uns werden. Ich habe diese schnöde Lüge satt.“(101). Damit weist Melanie zugleich van der Straatens Einwände, dass es sich bei der Affäre nur um eine weibliche Laune handelt, zurück. „‚Du meinst es gut, Ezel’,sagte sie. ‚Aber es kann nicht sein. Es hat eben alles eine natürliche Konsequenz, und die, die hier spricht, die scheidet uns.’“(103). Melanie ist bereit, sich zu ihrer Schuld zu bekennen und die Folgen ihres Handels zu tragen. Damit emanzipiert sie sich von der passiven Rolle, die sie standesgemäß als Ehefrau van der Straatens gewohnt war.

[...]


[1] Plett, Bettina. L’Adultera. In: Interpretationen: Fontanes Novellen und Romane. Christian Grawe (Hrsg.).

[2] Friedrich, Gerhard. Unterm Birnbaum. Der Mord des Abel Hradscheck. In: Interpretationen Fontanes Novellen und Romane. Reclam.

[3] Alle Zitate aus der Novelle L’Adultera beziehen sich auf die Ausgabe: Fontane, Theodor. L’Adultera. Stuttgart: Philipp Reclam jun. GmbH & Co., 1983.

[4] S. Anmerkung 1. S. 73.

[5] S. Anmerkung 1. S. 68.

[6] s. Anmerkung 1. S.67.

[7] s. Anmerkung 1. S.67.

[8] Müller- Seidel, Walter. Theodor Fontane. Soziale Romankunst in Deutschland. Stuttgart, Weimar: Metzler, 1994. Vgl. S. 166.

[9] Villmar- Doebeling, Marion. Theodor Fontane im Gegenlicht. Würzburg. Königshausen & Neumann, 2000.

Details

Seiten
46
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638517706
Dateigröße
710 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v57269
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Schlagworte
Theodor Fontanes Adultera Eine Analyse Interpretation Entwurf Stundensequenz

Autor

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